Brief Nr. 27 · 26. Januar 1925

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Ich weiß nicht, ob mein Empfinden richtig war, als ich Ihnen — in der Eile durch den Knaben Bielfeld — den bewußten Vorschlag machen ließ. Er kommt Ihnen offenbar, und auf Grund der Marburger Verhältnisse sicher mit Recht, etwas sonderbar vor. Aber Sie können sich die Situation, in die Sie hier kommen, nicht verzwickt genug vorstellen. Die Fakultät wird Ihnen und mir gegenüber stehen wie eine Mauer; Hirsch, der bei derartigen Anlässen immer auf dem Plan ist, wird Alles tun, um uns gegeneinander zu hetzen; die Studenten endlich werden Ihnen mit gespitzten Ohren zuhören und nachher — so geschah es neulich, als Tillich1 hier war — (nicht2 meine Hörer übrigens, sondern die Plebs, die hier sehr zahlreich ist) unter Trampeln und Scharren verlangen, daß ich irgendetwas zur Sache sage. Sie müssen hier mit unverhältnismäßig viel mehr selbstverständlicher voreingenommener Ablehnung einerseits, stumpfer Sensationslust andrerseits rechnen als in Marburg und wohl auch Gießen. Etwas von der Stimmung eines Gladiatorenkampfs oder einer schweren Säbelmensur pflegt hier bei diesen Anlässen in der Luft zu liegen. Ich drücke mich, so oft ich kann. Aber wenn Sie kommen und mit diesem Thema3, kann ich mich nicht drücken, und nicht einmal das geht, daß wir uns erst am folgenden Tag im kleinen Kreis aussprechen (das kann und soll auch geschehen, aber erst das andre). Und nun wollte ich eigentlich nur von Ihnen, daß wir uns verständigen, den Widerwärtigen gegenüber eine Front bilden, den Studenten nur so viel von unsern Differenzen zu sehen geben, als wir für gut halten, überhaupt uns den Ball «zuspielen», wie die Fußballeute sagen, und nicht umgekehrt. Das war es, was ich mit dem viel zu feierlich tönenden Vorschlag eines «Korreferates» von mir meinte. Ich bin kein «schlagfertiger De|42batter», jedenfalls nicht in einer solchen Arena, wo man auf mehr als einer Seite schlechten Willen voraussetzen muß; möchte von Ihnen nicht überrumpelt werden mit Gedankengängen, die ich beim ersten Anhören, wie es mir oft geht, gar nicht recht verstünde, auf die ich dann, eventuell zu einer Antwort genötigt, vor den Ohren von Hirsch etc. in Behauptung meiner Linie etwas Ihnen Widriges antworten würde. Das darf nicht sein. Es kann ja sehr wohl sein, daß die Situation mir schließlich doch erlaubt zu schweigen, aber weil es nicht sicher ist, möchte ich mir die Sache vorher überlegen können. Eine ausführliche Disposition Ihres Vortrags — natürlich je früher desto besser! — genügt dazu vollkommen. Liegt die Sache dann so, daß mein Votum überflüssig ist bzw. auf die Aussprache im engern Kreis verschoben werden kann, dann umso besser. (Ich habe keinerlei Drang zu reden und genug mit mir selbst zu tun!) Nur, wenn schon — denn schon! Und daß den Göttingern kein Schauspiel geboten wird!

Sie werden sich am 6. nach vollbrachter Tat nicht ohne Humor in dasselbe Bett legen, in dem in der Nacht vom 5. zum 6. … Graf Hermann Keyserling4 schlafen wird. Auch eine «unmögliche Möglichkeit», daß der (er redet hier am 5. abends in der literarischen Gesellschaft), auf eine letzten Sommer höflichkeitshalber beiläufig gemachte Einladung einschnappend, nun ausgerechnet von meiner Hütte aus Göttingen missionieren wird! 8 Tage darauf wird sich Günther Dehn5 an derselben Stätte dehnen. Auch er redet bei den Theologen, und zwar über «religiösen Sozialismus»6 usf., auch das für mich eine brenzliche Sache. |43 Schade, daß ich Heidegger nicht auch zu uns einladen kann. Aber ich habe z. Z. nur dies eine Bett für berühmte Männer. Ich sehe Ihnen Allen eigentlich mit richtiger Angst entgegen. Sie sind alle soviel klüger als ich. Nichtsdestoweniger herzlich willkommen (nur daß Sie mir feierlich versprechen müssen, auch im Namen von Heidegger, den Frieden meiner Vorlesung am Sonnabend früh auf keinen Fall zu stören; es ist unglücklicherweise gerade die über [den] Kolosserbrief, bei der ich Sie unter keinen Umständen dabei haben will!)

Werden Sie Windisch antworten?7 Ging die Stelle in dem Säkularartikel der Theol. L. Zeit. von Harnack8 gegen Sie oder gegen mich?

Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Paul Tillich (20.8.1886–22.10.1965), 1924 a.o. Prof. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Marburg, 1925 Ordinarius für ev. Theologie in Dresden, 1929 für Philosophie in Frankfurt, 1933 aus politischen Gründen entlassen, lehrte dann an verschiedenen amerikanischen Universitäten. ↩
2
Mskr.: «weniger» durchgestrichen, «nicht» darübergeschrieben.↩
3
Siehe Nr. 26, Anm. 2.↩
4
Hermann Graf Keyserling (20.7.1880–26.4.1946), Philosoph, gründete 1920 eine «Schule der Weisheit», die auf das damalige geistige Leben in Deutschland beachtlichen Einfluß hatte. — Über Keyserlings Göttinger Vortrag schrieb Barth am 15.2.1925 an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 305 📖: «Er hielt einen eher mißlichen Vortrag über ‹Östliche und westliche Weisheit› […].»↩
5
Günther Dehn (18.4.1882–17.3.1970), 1911–1930 Pfarrer in Berlin, 1919/20 Gründer des «Bundes religiöser Sozialisten Deutschlands», 1931 Ordinarius für Praktische Theologie in Halle, 1932 beurlaubt, 1933 suspendiert, 1935 Dozent an der Kirchlichen Hochschule der Bekennenden Kirche in Berlin, wegen verbotener Lehrtätigkeit in Haft, 1942 Pfarrverweser in Ravensburg, 1946 Ordinarius für Praktische Theologie in Bonn. ↩
6
Dehns Vortragsthema: «Von Stoecker zu Kutter — ein Beitrag zur Frage des Öffentlichkeitswillens der evangelischen Kirche.» Barth schrieb dazu am 15.2.1925 an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 307 📖: «Der Vortrag war sehr solid gemacht, nach allen Kanten gesichert, und machte den Studenten sichtlich Eindruck. Störend war nur das Auftreten eines (physisch und psychisch) schwerhörigen christlich-sozialen Pfarrers, der ins Blaue hinein seinen Stöcker verteidigte und den Namen Kutter überhaupt nicht kannte (‹Wo wohnt denn der Kerl?›).»↩
7
H. Windisch, Das Problem des paulinischen Imperativs, in: ZNW, Jg. 23 (1924), S. 265–281 📖, eine Auseinandersetzung mit R. Bultmanns Das Problem der Ethik bei Paulus (s. Nr. 18, Anm. 3). 📖 Bultmann antwortete Windisch zwar nicht ausführlich, erwähnte aber seine Kritik in Urchristliche Religion (1915–1925), in: ARW, Jg. 24 (1926), S. 83–164, hier: S. 146 📖; Zur Geschichte der Paulus-Forschung, in: ThR NF, Jg. 1 (1929), S. 26–59, hier: S. 58 📖 (Nachdruck in: Das Paulusbild [s. Nr. 18, Anm. 3], S. 304–337, hier: S. 335) 📖; Art. «Paulus», in: RGG2 IV, Sp. 1019–1045, hier: Sp. 1045. 📖 In seiner Theologie des Neuen Testaments, Tübingen 1953 (19849, durchges. u. erg. von O. Merk), § 38 📖, korrigiert Bultmann, z. T. aufgrund der Kritik Windischs, seine Auffassung von 1924 und zeigt klarer als damals, wie Indikativ und Imperativ zusammengehören.↩
8
A. von Harnack, Ein Wort der Erinnerung, in: ThLZ, Jg. 50 (1925), Sp. 1–4. 📖 Harnack schrieb Sp. 3f., die freie wissenschaftliche Theologie, der sich die «Theologische Literaturzeitung» seit ihrem Beginn vor fünfzig Jahren verbunden fühlte, «hat es immer abgelehnt, sich als ‹liberale› bezeichnen zu lassen, da diese Bezeichnung so unpassend ist wie die einer ‹liberalen Botanik›; allein vielleicht ist es angezeigt, heute diesen Namen als Ehrennamen aufzunehmen, da evangelische Theologen vom ‹Bankerott› der ‹liberalen› Theologie sprechen. Man braucht die Sache nicht tragisch zu nehmen; denn sie wissen nicht, was sie tun, und werden selbst bald Wasser in ihren Wein gießen oder aus der wissenschaftlichen Theologie ausscheiden. Was sie uns lehren konnten und gelehrt haben, konnte minder anspruchsvoll, bescheidener und in den gewohnten Formen wissenschaftlicher Aussprache geschehen.» Noch schärfer als Barth und Bultmann hatte Fr. Gogarten, Zwischen den Zeiten, in: CW, Jg. 34 (1920), Sp. 375 📖 (= Anfänge II, S. 96 📖), der liberalen Theologie bescheinigt: «Diese Wissenschaft ist […] innerlich längst am Ende.»↩