Brief Nr. 8 · 25. Oktober 1922

Rudolf Bultmann an Karl Barth

13

8

Lieber Herr Barth!

Gern benutze ich diese Gelegenheit1, Ihnen einen Gruß zu senden. Die Bitte der Theologenschaft, in diesem Semester zu uns zu kommen, unterstütze ich aufs wärmste. Ich hatte es Ihnen eigentlich schon in Elgersburg2 sagen wollen, versäumte es aber dort leider. Ich nehme an, daß Sie, wenn Sie nach Marburg kommen, am liebsten bei Rades zu Gaste sind; falls es dort nicht paßt, so sind Sie bei uns als Gast willkommen. Ich freue mich darauf, das in Elgersburg begonnene Gespräch fortzusetzen. Hoffentlich kommen Sie; für unsere Theologenschaft, der Sie durch Ihre Schriften allerlei Schwierigkeiten (erfreuliche) bereitet haben, wäre die persönliche Aussprache mit Ihnen sicher ein Gewinn. Es handelt sich also nicht um einen «anregenden» Vortrag, sondern den Leuten, die Sie um Ihr Kommen bitten, ist es sehr ernst.

Mit dem Wunsch für ein gutes Semester und herzlichem Gruß
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Bultmann schrieb seine Zeilen auf die Rückseite eines Briefes von stud. theol. Heinrich Schlier (Marburg) vom 24.10.1922, in dem Schlier im Namen der Marburger Theologenschaft bei Barth anfragt, ob er «im bevorstehenden Wintersemester einen Vortrag innerhalb der Theologenschaft» halten wolle. «Zur Unterstützung unserer Bitte», schreibt Schlier, «kann ich vielleicht auf die Anfragen in den beiden vorigen Semestern hinweisen, die erfolglos blieben; was keine Zudringlichkeit, sondern nur ein Zeichen des Interesses sein soll und so aufgefaßt werden möge. Auch kann ich noch eine Anregung Herrn Prof. Bultmanns beifügen: sollte Ihnen ein Vortrag nicht passen, so wäre uns eine bloße Aussprache über Ihren Elgersburger Vortrag oder Sonstiges ebenso willkommen.» (Brief im Karl Barth-Archiv) Schlier (31.03.1900–26.12.1978) promovierte 1925 bei Bultmann, 1928 Privatdozent für Neues Testament in Jena, 1930 in Marburg. Als Mitglied der Bekennenden Kirche erhielt er keine Professur, wurde erst 1945 Ordinarius in Bonn, wurde 1952 emeritiert, trat 1953 zur katholischen Kirche über.↩
2
Siehe Nr. 7, Anm. 1. ↩