1. September 1948

Interview mit der Zeitschrift «Réforme»

67
8

INTERVIEW MIT DER ZEITSCHRIFT „RÉFORME“

1948

Während seines Aufenthaltes in Amsterdam anlässlich der Weltkirchenkonferenz führte Barth ein Gespräch, von dem bald darauf Auszüge in der in Paris erscheinenden Wochenzeitschrift «Réforme» erschienen.

Das Gespräch fand am 1. September 1948 statt, als Barth sich mit Pierre Maury1, George Casalis2 und Albert Finet3, dem Gründer und Chefredakteur von «Réforme», zum Nachtessen traf:4 Barths letzte Antwort spielt auf seinen anschließend an dieses Nachtessen gehaltenen Vortrag Unsere reformierten Kirchen und der Weltrat der Kirchen5 an.

Auszüge aus dem Gespräch mit Barth erschienen gemeinsam mit weiteren Interviews in der Ausgabe vom 11. September 1948;6 dass es sich nur um Auszüge mit den für den Kontext der Tagung relevanten |68 Passagen handelt, geht aus Finets die Wiedergabe einleitenden Absätzen hervor, die zugleich veranschaulichen, wie er seinen Interviewpartner im Gespräch erlebte:

Ich […] hatte das Privileg, ein ungezwungenes Interview zu führen, bei dem die Wertschätzung der Vorzüge von heißem Kaffee und das Fehlen von Vorzügen von importiertem Bordeaux die unverblümten Worte zu ernsten oder leichtfertigen Fragen, die auf der Konferenz diskutiert wurden, überlagerten.

Aber ich fühle mich nicht in der Lage, es bloß zu berichten. Es braucht die Skizze zur selben Zeit wie die Legende.

Barth will eine Pointe lancieren; sein Gesicht ist ganz naiv, schlicht und ohne Geheimnis. Aber er kneift die Augen zusammen, der Finger hebt sich: Zeichen, die so klar sind wie der weiße Stab des Polizisten, der den Verkehr anhält… und der Pfeil zischt vibrierend los.

Sie stellen eine dumme Überlegung an, Barth erklärt sie für durchaus interessant und klopft, ein wenig nach hinten gelehnt, auf die Armlehne seines Sessels und demonstriert ihnen auf diese Weise das Ausmaß ihrer Dummheit.7

Finet sandte Barth später mehrere Exemplare des Abdrucks zu und bedankte sich im Namen der Zeitschrift bei ihm.8

Im Folgenden dient eine deutsche Übersetzung des Interviews als Editionstext, das französische Original findet sich im Anhang.9 In beiden Fällen wurde auf den Abdruck der das Interview einrahmenden |69 redaktionellen Bemerkungen und weiterer Kommentare im Haupttext verzichtet.10

Karl Barth

[…]11

[Barth:]

Ach!12 […], wie mag ich in den ökumenischen Treffen all dieses Reden über Menschen nicht, die dies und das getan haben; und die trübe Geschichte der Vergangenheit, die zu wiederholen man für nützlich hält. All das hat keinen Platz in der Kirche, macht mich unglücklich oder schroff, ist der Kirche, des Wortes… Gottes nicht würdig. Das ist schlechte Ökumene. Soli Deo gloria. […]13

Es gibt aber auch, denn Gott ist barmherzig, eine gute Ökumene: Wenn Menschen zusammenkommen und versuchen, einander zu verstehen, in ihren Uneinigkeiten eine grundlegende Übereinstimmung zu finden und dann in dieser grundlegenden Übereinstimmung die bleibende Uneinigkeit zu entdecken; und wenn sie dann dennoch damit fortfahren, auf diesem schwierigen Weg voranzuschreiten, auf dem Weg der Ökumene.

[Frage:]

Ist das nicht ein bisschen enttäuschend für einen Dogmatiker?

[Barth:]

Aber hier bin ich nicht Dogmatiker. Wenn ich meine Dogmatik betreibe, sage ich bestmöglich und ohne mich um etwas anderes zu kümmern, was ich glaube… (eine Pause), was ich vom Wort Gottes verstehe. Aber hier müssen wir kein Bekenntnis ablegen. Zum Glück. Wir müssen die anderen Bekenntnisse verstehen, die in einer anderen Sprache versuchen, recht von Jesus Christus zu sprechen, und wir müssen verständlich machen, wie wir recht von Jesus |70 Christus zu sprechen versuchen. Das ist auch sehr gut… für die Bescheidenheit.

[Frage:]

Trotzdem zögern Sie nicht, Ihren Standpunkt klar und deutlich darzulegen?

[Barth:]

Selbstverständlich, so kennt man mich, so kennt man sich gegenseitig. Und man muss im Chaos der Ökumene nach Klarheit suchen.

[Frage:]

Auch gegenüber Rom und Moskau?14

[Barth:]

Besonders gegenüber Rom und Moskau. Na, Sie sehen doch auch keinen Kardinal am Präsidententisch neben Pastor Boegner15 sitzen? Nein, das kann nicht sein. Man kann es auch fröhlich feststellen, statt darüber zu jammern.

Es waren Rom und Moskau, die sich selbst aus der Konferenz herausgenommen haben, zusammen, auf die gleiche Weise. Ich kann nichts daran ändern.

[Frage:]

Berühren wir hier die Politik des Ökumenischen Rates?

[Barth:]

Das Wort Politik gefällt mir nicht. Aber der Rat muss wissen, wohin er geht. Es ist heikel, denn auch in diesem Gebiet muss er gemäß der Autorität der Heiligen Schrift handeln und darf sich nicht nach der Welt richten.

Nehmen wir ein Beispiel. Sie haben mir gesagt, Sie seien nicht zufrieden mit der Weltpresse, wenn diese über die Arbeit der Konferenz spricht. Aber sind Sie mit «Ihrer» ökumenischen Presse, mit der Presse der Versammlung, so zufrieden? Meinerseits bin ich nicht sehr glücklich damit; sie denkt viel zu sehr an die Welt, an die Propaganda, sie «passt sich an». Nein, das passt mir nicht.

71 […]16

[Frage:]

Wie wäre es, wenn wir jetzt über Frauen sprechen würden? Sie haben doch das Komitee geleitet, das die Rolle der Frau in der Kirche untersucht hat?

[Barth:]

Nein, nein, es waren die Frauen, welche die Leitung hatten. Ich war bloß Berater aus theologischer Sicht.17 Frauen anleiten kann ich nicht. Oder vielmehr denken die Frauen vielleicht, dass ich es nicht kann, weil ich nichts anderes sagen kann, als was die Bibel sagt: die Genesis und Paulus.

Die Frauen wollten Entscheidungen, Prinzipien, Gesetze festlegen. So wird die Kirche nicht aufgebaut. Aber die Frauen mögen – sie können es mit Sicherheit – den Beweis des Geistes und der Kraft liefern [vgl. 1.Kor. 2,4], und sie werden in organischer Weise in der Kirche ihre Stellung finden.

[Frage:]

In den Kirchen?

[Barth:]

Wenn wir die Bibel ernst nehmen, können wir nie vorbehaltlos sagen: die Kirchen, oder zumindest setzen wir diese zwei Wörter immer in Anführungszeichen, auch in Bezug auf unsere «lieben reformierten Kirchen». Es geht um die Kirche, diejenige, die jeder in seiner eigenen Kirchgemeinde suchen und finden sollte. Dort lebt, dort existiert die Kirche Jesu Christi. In dieser Perspektive müssen die Frauen den Beweis des Geistes und der Kraft erbringen… und die Männer auch, wenn sie über die Prinzipien, Herrschaften und Grenzen hinausschauen, gemäß unserem reformierten Erbe, das uns verpflichtet, gute «Ökumeniker» zu sein.

[Frage:]

Könnten Sie mir also sagen, wie Sie die Arbeit, die jetzt von den Kirchgemeinden, von unseren Kirchgemeinden verlangt wird, in ökumenischer Perspektive sehen?

72 [Barth:]

Ich werde es nachher in der Koepelkerk sagen;18 kommen Sie und hören Sie mir zu…

[…]19

Sachfußnoten

1
Pierre Maury (1890–1956), 1943 Prof. für Dogmatik in Paris; Maury, mit Barth gut befreundet, war für wesentliche Impulse für die Rezeption von Barths Theologie im französischsprachigen Raum verantwortlich.↩
2
Georges Casalis (1917–1987), 1946 Dozent an der Kirchlichen Hochschule in Berlin, 1961 Prof. für Praktische Theologie in Paris, war ein Schwiegersohn von Barths engem Freund Eduard Thurneysen und auch mit Barth gut bekannt.↩
3
Albert Finet (1889–1993), französischer reformierter Theologe, 1945 Gründer und Herausgeber der Zeitung «Réforme».↩
4
Vgl. Taschenkalender Barth, Eintrag vom 1.9.1948.↩
5
K. Barth, Unsere reformierten Kirchen und der Weltrat der Kirchen. Ansprache […] bei einer Sonderversammlung der Reformierten in Amsterdam am 1. September 1948, in: ders. / J. Daniélou / R. Niebuhr, Amsterdamer Fragen und Antworten (ThExh.NF 15), München 1949, S. 11–15 📖.↩
6
Karl Barth, in: Réforme, Jg. 4, Nr. 182 vom 11.9.1948, S. 4 📖. – Die weiteren Interviewten waren Josef L. Hromádka (1889–1969; tschechischer Theologe, seit 1928 Prof. für Systematische Theologie an der Jan Hus-Fakultät in Prag), Marc Boegner (s. unten, Anm. 15), Georgi Florowski und Willem A. Visser ’t Hooft (1900–1985; niederländischer reformierter Theologe; führend in der Ökumene aktiv, 1948 Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen).↩
7
Im Original (ebd.): «[…] j’ai eu le privilège d’un entretien à bâtons rompus où l’appréciation des vertus du café chaud et de l’absence de vertu du bordeaux importé, interférait les mots à l’emporte-pièce sur les graves questions, ou les questions frivoles, débattues à la Conférence. Mais, pour le rapporter, je me sens désarmé. Il y faudrait le croquis en même temps que la légende. Barth va lancer une pointe; son visage est tout naïveté, uni et sans mystère. Mais les yeux se plissent, le doigt se lève: signes aussi clairs que le bâton blanc de l’agent qui arrête la circulation… et la flèche part, toute vibrante. Vous faites une réflexion idiote, Barth la déclare tout à fait intéressante et, renversé un peu en arrière, tapotant le bras de son fauteuil, il vous démontre, par la bande, l’immensité de votre sottise.»↩
8
Vgl. den Brief Finets an Barth vom 5.10.1948 (KBA 9248.898).↩
9
Siehe unten, S. 430–432.↩
10
Die Passagen sind jeweils angemerkt.↩
11
Im Original sind der Wiedergabe des Gesprächs vorgeschaltet ein Kastentext, in dem Barth – wie jeder der Interviewten – kurz vorgestellt wird, und dazu die oben zum größten Teil zitierten einleitenden Worte Finets.↩
12
Ausruf auch im Original deutsch.↩
13
Im Interview folgt ein Kommentar des Interviewers: «Und ich bin so glücklich mit meinem kleinen Porträt im Stil von La Bruyère…» (Original: «Et moi qui suis tellement content de mon petit portrait à la manière de La Bruyère…»).↩
14
Sowohl die Katholische als auch die Russisch-Orthodoxe Kirche waren der Amsterdamer Konferenz aus prinzipiellen Gründen ferngeblieben; das von Barth schon zuvor verwendete Begriffspaar «Rom und Moskau» und seine Haltung gegenüber diesem Fernbleiben hatte für Irritationen gesorgt; vgl. oben, S. 42, Anm. 14.↩
15
Marc Boegner (1881–1970), französischer reformierter Theologe, 1948 zu einem der Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt.↩
16
Hier folgt im Original ein eingeklammerter Kommentar des Interviewers: «Da mich dieser Punkt etwas zu spezifisch angeht, ziehe ich es vor, das Gespräch umzulenken» («Comme ce point me touche un peu trop particulièrement, je préfère détourner la conversation.»).↩
17
Barth nahm an der Unterabteilung des Komitees IV mit dem Thema «Leben und Arbeit der Frauen in der Kirche» teil; zu seiner Mitarbeit dort vgl. oben, S. 53f., mit Anm. 19 und 20.↩
18
Siehe oben, Anm. 5. – Die in der Stadhouderskade 21 gelegene Koepelkerk war eine 1884 eingeweihte Kirche der niederländischen Hervormde Kerk; sie wurde 1972 geschlossen und abgerissen.↩
19
Der Artikel schließt mit dieser Bemerkung des Interviewers: «Und Barth erhebt sich entschlossen, durchquert das Café, betritt den Bürgersteig und stürzt voller Furchtlosigkeit auf die Straße zu. Er streckt die Arme aus wie Mose, als er die Wasser des Roten Meeres zurückfließen ließ, aber die Autos scheinen trotz ihrer Scheinwerfer blind zu sein für die prophetische Geste» («Et Barth se lève avec résolution, traverse le café, aborde le trottoir et plein d’intrépidité se lance sur la chaussée. Il étend les bras, tel Moïse faisant refluer les eaux de la mer Rouge, mais les autos, en dépit de leurs phares, paraissent aveugles au geste prophétique.»).↩