Am. 6. September 1948 führte der in Belgien lebende amerikanische Theologe Miner B. Stearns1 in Basel ein Gespräch mit Barth. Stearns berichtete davon in einem Artikel, der in «Bibliotheca Sacra» erschien, der Zeitschrift des Dallas Theological Seminary.2
In der Einleitung des Artikels schrieb Stearns, er sei schon seit seiner Studentenzeit an Barths Theologie interessiert und habe lange nach einer Gelegenheit gesucht, ihn persönlich zu treffen. Ein Pfarrer, der mit beiden bekannt war, habe das Gespräch nun ermöglicht,3 und obwohl es sich um einen ungünstigen Zeitpunkt handelte, da Barth – eben aus Amsterdam zurückgekehrt – Basel schon am nächsten Tag wieder verlassen wollte,4 habe das Gespräch statt der vereinbarten halben Stunde 45 Minuten gedauert.5 Einige Wochen später bedankte Stearns sich bei Barth nochmals für die Begegnung und sandte ihm ein Typoskript seines Berichtes zu.6
74 Der folgende Editionstext bietet eine Übersetzung derjenigen Abschnitte aus dem Abdruck des Artikels von Stearns, in denen er das Gespräch mit Barth wiedergibt. Auf die Wiedergabe der längeren das Gespräch einrahmenden Ausführungen7 wird hier und auch im Abdruck des englischen Originaltextes im Anhang des Bandes8 verzichtet; im Original-Text enthaltene kommentierende Bemerkungen oder Literaturhinweise sind in der Edition angemerkt.
Ein Konservativer interviewt Barth
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Ich sagte ihm, ich sei sehr an seiner Theologie interessiert, wolle aber ein paar Fragen stellen, um einige Punkte zu klären. Er stimmte bereitwillig zu. Ich begann also mit einer Frage zu seiner Verwendung und seiner Interpretation des Wortes historisch und zitierte seinen Kommentar zu Röm. 6, wo er die Auferstehung Christi als «das nicht-historische (non-historical) Ereignis kat’ exochēn»9 bezeichnet.10 Professor Barth versicherte mir zunächst, dass seine von mir bisher gelesenen Werke zum größten Teil zwanzig Jahre alt und nicht repräsentativ für sein gegenwärtiges Denken sind. Er wies darauf hin, dass die beste Zusammenfassung seiner gegenwärtigen Gedanken in seiner Dogmatik im Grundriß (1947)11 zu finden ist, die seine Vorle|75sungen an der Universität Bonn im Sommer 1946 enthält. Danach gab er mir eine Erklärung seines Gebrauchs des Wortes historisch, die sehr aufschlussreich war und die in der Tat einen Großteil meiner Kritik an diesem Punkt vollständig zunichtemacht. Deshalb glaube ich, dass ich es dem Professor schulde, unverzüglich eine Korrektur zu veröffentlichen. Im Deutschen gibt es zwei verschiedene Wörter, die beide mit «historical» ins Englische übersetzt werden, aber sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Dieses Phänomen hat sowohl im Englischen als auch im Französischen zu einem Missverständnis hinsichtlich Barths Theologie geführt. Das Wort geschichtlich12 bedeutet «historical» im gemeinhin akzeptierten Sinn eines tatsächlich stattgefundenen Ereignisses. Und Barth glaubt zu Recht, dass die Auferstehung Christi geschichtlich13 war. Hingegen meint das Wort historisch14 das, was durch Historiker wissenschaftlich verifizierbar und daher «historical» in einem technischen und wissenschaftlichen Sinn ist. Zugegebenermaßen ist die Auferstehung Christi kein Ereignis, das sich bis heute wissenschaftlich zur Zufriedenheit aller Historiker nachweisen ließe. Wenn es möglich wäre, müssten sie es alle glauben.
Nach einer freundlichen Diskussion über den Weltrat15 und andere Dinge stellte ich Professor Barth geradeheraus eine Frage, die mir sehr wichtig erscheint und zu der ich seine offene Meinung hören wollte, um ihn nicht falsch zu beurteilen. Ich fragte: «Glauben Sie an die Verbalinspiration der Bibel?» Seine Antwort war: «Ja und nein.» Er erklärte weiter, er meine folgendes: Die Bibel ist, wie Christus, eine Vereinigung des Göttlichen und des Menschlichen. Was die menschliche Seite betrifft, so kann die Bibel Fehler enthalten und tut dies auch. Wir haben aber keineswegs das Recht, deshalb etwas davon abzulehnen oder zu verwerfen. Wir müssen alles akzeptieren. Ich antwortete ihm, dass ich die Bibel in den Originaldokumenten für un|76fehlbar halte, obwohl ich natürlich ebenso wenig wie er eine mechanische oder eine Diktat-Theorie der Inspiration akzeptiere. Ich erwähnte einige der archäologischen Bestätigungen der Bibel und die jüngste Entdeckung des sehr alten Jesaja-Manuskripts.16 Er aber warnte mich eindringlich davor, meinen Glauben an die Verbalinspiration der Schriften von solchen äußeren Beweisen abhängig zu machen, und ich versicherte ihm, das sei nicht der Fall, aber dass ich mich natürlich schon um Anderer willen über jede historische Bestätigung freue. Andererseits stimmte ich zwar mit dem Professor in der Frage der Ähnlichkeit von Christus und der Bibel überein, bestand aber darauf, dass Christi Menschheit nicht sündig oder unvollständig ist, sondern bloß den normalen menschlichen Grenzen unterworfen. Zu meiner Überraschung zitierte er als Antwort 2.Kor. 5,21: «Er hat ihn für uns zur Sünde gemacht.» Ich antwortete, das bedeute nicht, dass Christus die Sünde wurde, und noch viel weniger, dass er Sünder wurde. Er griff sofort zu seinem griechischen [Neuen] Testament, um meine Aussage zu überprüfen, dass die griechischen Wörter im ersten und zweiten Teil des Verses ganz unterschiedlich sind, nämlich: Christus wurde für uns zur Sünde gemacht, aber wir werden die Gerechtigkeit Gottes in ihm.17 Vor allem bestand ich aber darauf, dass Christus erst am Kreuz für uns zur Sünde gemacht wurde, und nicht vorher, worin Barth nicht mit mir übereinstimmte. Als weiteren Beweis seiner Position zitierte er Joh. 1,14: «Das Wort ward Fleisch» und behauptete, das Wort Fleisch habe in der Bibel immer eine negative ethische |77 Bedeutung. Ich antwortete natürlich, ich sei sicher, dass damit oft einfach der menschliche Leib als solcher gemeint sei.
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