Gespräch mit Johannes Witte
Gespräch mit Johannes L. Witte
Während der Beratungen an der vom 22. August bis 4. September 1948 in
Vom unverhofften Zustandekommen dieses Gesprächs wohl an einem der letzten Tage der Versammlung2
berichtete Witte selbst in einem seine Wiedergabe einleitenden Absatz: «Es war eine Vollsitzung des
60 Wie bedeutend seine Unterhaltung mit Barth gewesen sei, unterstrich
Das Gespräch löste nicht nur wegen seines Inhalts Fragen aus. Barth äußerte sich hier über Fragen der katholischen Theologie und zum ökumenischen Miteinander so ungeschützt, dass schon dem originalen Abdruck das folgende Kurz-«Interview» mit Witte vorangestellt wurde: «Wir fragten unseren ‹Fenster›-Redakteur, ob er bei dieser Interview-Gelegenheit Barth auch erzählt hatte, dass er katholischer Priester ist. – Natürlich, und obendrein hätte er mir das ansehen können. – Aber haben Sie ihm auch gesagt, dass Sie Jesuit sind? (Man kennt Barths apodiktische Vorurteile, gerade gegenüber den Jesuiten.) – Nein. – Denken Sie, dass er anders geredet hätte, wenn er es gewusst hätte? – Das glaube ich bestimmt. Ehrlich gesagt hätte Barth auch das sehen können, wenn er gut hingesehen hätte.»5
61 Dass
Barth selbst scheint weder dem Interview eine besondere Tragweite zugemessen noch dem Interviewer große Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Weder in den Eintragungen in seinem Taschenkalender, wo sich zahlreiche Termin-Notizen auch zu Interviews finden, noch in den ausführlicheren Berichten, die er fast täglich aus
62 Der Originalabdruck der Gesprächswiedergabe erschien am 10. September 1948.12 Längere Ausschnitte aus
Die folgende Edition bietet eine deutsche Übersetzung, die im Wesentlichen auf einem dreiseitigen Typoskript unbekannter Herkunft beruht, das sich im Karl Barth-Archiv befindet.16 Kleinere Verbesserungen und stilistische Glättungen gegenüber dieser Übersetzung sind stillschweigend vorgenommen, größere Eingriffe sind angemerkt. Ein Abdruck des niederländischen Originals findet sich im Anhang.17
Barth.
Gespräch mit dem Giganten18
[…]19
Unser Gespräch begann rein theologisch: über das Wesen der Sünde. Bei jemandem wie
Reformatorisch argumentierend sagt er, dass die Sünde so verwüstend ist, dass für Gott kein einziger Anknüpfungspunkt mehr im sündigen Menschen übrigbleibt. Und darum kann es keine innere Rechtfertigung im katholischen Sinn geben, und vor allem: darum kann es keine Mitwirkung des Menschen am Erlösungswerk geben.
– Das vor allem habe ich gegen die katholische Kirche, sagt
Es wurde uns sonnenklar, dass Barth von diesem Mitwirken an Christi Erlösungsaufgabe eine völlig falsche Vorstellung hatte. Wir versuchten ihm zu erklären, wie er diese Mitwirkung sehen müsse, wie auch für uns Christus und Christus allein der Erlöser aller Menschen ist, insofern alles allein durch seine göttliche Kraft ausgerichtet wird. Aber wie Christus doch zugleich in uns und durch uns wirkt, so dass es nicht ganz allein Gottes Tat ist, sondern ebenso sehr im vollen Sinn auch unsere Tat.
Wir wollen die Leser hier nicht mit einer ausführlichen Darstellung unserer theologischen Meinung ermüden und begnügen uns daher mit dieser summarischen Andeutung.
64Professor
– Ich begreife Ihre Erörterung vollkommen, sagte er schließlich. Es ist alles sehr richtig gesagt, aber Sie vergessen eines: «Quantum ponderis est peccatum»20 – Wie entsetzlich schwer die Sünde wiegt! Vergisst Barth im Gegenteil nicht: «quantum ponderis est misericordia», verkleinert er nicht Gottes Barmherzigkeit, die nicht im Stande sein sollte, die Sünde radikal zu überwinden und eine neue Geburt in den sündigen Menschen zu bewirken?
Hier standen wir uns diametral entgegen und kamen so genau auf den aktuellen Punkt von Barths Haltung im
– Aus Ihrer Auffassung heraus begreife ich nun wohl, dass Sie die Katholische Kirche als Ihre persönliche Feindin betrachten, aber es hat mich und viele Nicht-Katholiken doch schmerzlich getroffen, dass Sie in Ihrer Rede von «angeblichem Christentum» sprachen und davon, dass «ausgerechnet Rom und Moskau» jeden Kontakt mit dem Weltrat verweigern.21 Sie haben doch sicher geahnt, dass man Moskau unmittelbar mit «dem Kommunismus» assoziieren und nicht nur an die Russisch-Orthodoxe Kirche denken würde?
In der Tat, sagt Barth rundheraus, ich sehe dazwischen auch eine Verbindung. Ich habe immer Übereinstimmung gefühlt zwischen Katholizismus und Kommunismus. Beide sind totalitär: sie nehmen den ganzen Menschen in Beschlag. Beide reden aus einem vorher geschlossenen Zirkel heraus. Der Kommunismus gebraucht ungefähr dieselben organisatorischen Methoden (erlernt von den Jesuiten!). Beide legen übereinstimmend Nachdruck auf das Sichtbare. Aber das Gefährlichste für den Protestantismus ist der Katholizismus. Der Kommunismus geht vorbei, der Katholizismus bleibt.
Von der Einheit zwischen sichtbarem und unsichtbarem Element in der Katholischen Kirche, die in den Texten des Neuen Testaments |65 doch deutlich genug festgehalten ist, schien Barth wenig Begriff zu haben.
Nun drangen wir weiter auf ihn ein: – Wenn Sie so über die Katholische Kirche urteilen, meinen Sie dann, dass der
Für jeden, der weiß, welch einen dominierenden Platz Barth auf dem Kongress einnahm und welch unglaublichen Einfluss die Anhänger Barths im Weltrat zu erreichen wussten, sind diese Worte sehr bezeichnend. Wir wandten noch ein, dass die Anglikaner und Griechisch-Orthodoxen doch weit milder über die Katholische Kirche urteilten.
– Ach was, sagte
Wenn Barth uns gegenüber auch bekannte, noch allerhand über den Katholischen Glauben lernen zu können, meint er doch, das Wesen der Katholischen Kirche gründlich zu kennen (goed te doorgronden). Das ist vielleicht am meisten zu bedauern. Denn er hat von den Katholiken unzweifelhaft keineswegs die Einsicht, die die Anglikaner und Griechisch-Orthodoxen besitzen, auch wenn sie vielleicht weniger ‹logisch› argumentieren. Dies ist keine Verneinung von Barths Größe. Er ist zweifellos ein origineller und konsequenter Denker mit einer festen Glaubensüberzeugung, und dabei ein mitreißender Sprecher. Begreiflich, dass seine vielen Anhänger seine prophetischen Ga|66ben bewundern. Aber er ist eingesperrt in dem konsequent-reformatorischen Zirkel des eigenen Systems, der durch keine unfehlbare Garantie von Christus gedeckt wird.
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