Gespräch mit Journalisten und Lesern der Zeitung «In de Waagschaal»
GESPRÄCH MIT JOURNALISTEN UND LESERN
DER ZEITUNG «IN DE WAAGSCHAAL»
Während seiner Teilnahme an der
In der Ausgabe vom 17. September 1948 veröffentlichte die Zeitung einen thematisch geordneten Auszug aus Mitschriften dieses Gesprächs,4 der Grundlage der hier folgenden Übersetzung ist. Der niederländische Original-Text ist im Anhang des Bandes wiedergegeben.5
Auf der Versammlung. Blitzlichter aus einem Interview mit Karl Barth
Kirche und Kirchen
Sehen Sie eine Chance für den
Das Wichtige an dieser Versammlung ist, dass die Teilnehmer nun als Vertreter der Kirchen anwesend sind.7 Sie, die hier in
Obwohl die Orthodoxen, die Anglikaner, die Anglo-Katholiken und auch eine Reihe von Lutheranern starken Nachdruck auf die historische Kontinuität im Kirchenbegriff legen, halten sie doch am vertikalen Prinzip der Souveränität des Wortes fest. Andererseits geben diejenigen, die den Schwerpunkt ganz auf das freie und spontane Werk des Heiligen Geistes legen (Methodisten, Quäker usw.), die Kontinuität nicht auf. Und so gibt es in der Übereinstimmung Unterschiede und in den Unterschieden Übereinstimmung (an agreement in the disagreements and a disagreement in the agreements)8.
Wir alle haben die Absicht, über die Trennung der Kirchen hinwegzusehen und uns der Sicht auf die eine Kirche zuzuwenden. Wir sind auf dem Weg! Nicht mehr in der Trennung und noch nicht in der Einheit.
Es ist übrigens auffallend deutlich, dass die Reformierten und Lutheraner, die beide versuchen, sowohl die Kontinuität als auch das |48 ständige Eingreifen des Heiligen Geistes gelten zu lassen, das Zentrum der gesamten Front bilden. Und zwar gemeinsam! Im Licht von
Sollte unsere Haltung gegenüber der östlich-orthodoxen Kirche nicht im Wesentlichen gleich sein wie unsere Haltung gegenüber der römisch-katholischen Kirche? Auch die Östlich-Orthodoxen erklären in ihren offiziellen Bekanntmachungen ihre Kirche als letzte Größe,11 und die Mariologie ist bei ihnen doch nicht weniger entscheidend als in Rom?
Es ist in der Tat am äußersten rechten Flügel der Kirchen, die im Weltrat zusammenarbeiten (bei den Östlich-Orthodoxen und vielen Anglikanern) aus unserer Sicht ein beunruhigender Nebel zu erkennen, in dem wir die Konturen der einen Kirche nicht mehr entdecken. Wir dürfen dabei allerdings nicht vergessen, dass dieser Nebel |49 auch am linken Flügel besteht, wo er nicht weniger beunruhigend ist. Es mag jedenfalls die Frage aufkommen, ob die
Inwiefern kann man von Kirchen (im Plural) sprechen? Ist dieser Plural nicht ein Missbrauch der Bedeutung von «Kirche»? Gibt es neben der Kirche von Jesus Christus im allgemeinen Sinn, an die wir glauben, und der Ortsgemeinde, in der man sich zu der allgemeinen Kirche bekennt, noch eine dritte Möglichkeit, von Kirche zu sprechen, so wie es bei der Unterscheidung der verschiedenen Konfessionen geschieht?
Das Neue Testament kennt nur die Ortskirche und die eine universale Kirche. In ersterer glauben wir letztere und begegnen wir ihr, dem Leib Christi.
Eigentlich ist der Gebrauch des Plurals «Kirchen» also eine Ketzerei, wenn es um Konfessionen geht. In den lokalen Kirchen (vgl. im Neuen Testament:
Prozessionsverbot?
Was halten Sie von der Aufrechterhaltung oder Aufhebung des Prozessionsverbots?15 Man kann nämlich den christologischen |51 Zusammenhang des Staates erkennen und dann noch zwei Möglichkeiten sehen: Erstens, dass nach demokratischer Auffassung die Straße völlig frei sein muss und dass daher die Regierung unter keinen Umständen Prozessionen von der öffentlichen Straße verweisen darf, oder zweitens, dass auch die Regierung dem Gesetz Gottes unterworfen ist und daher unter keinen Umständen diese öffentliche Übertretung des zweiten Gebotes16 zulassen darf.
In den meisten Fällen wird man es mit einer sakramentalen Prozession zu tun haben, in der die Hostie mitgetragen wird. Ziel und Bedeutung einer solchen Prozession ist es, den Sieg der Kirche über die Ketzerei, insbesondere über den Protestantismus, zu demonstrieren und zu feiern. Hier liegt ein deutlicher Grund für ein Verbot durch den Staat in dem Motiv vor, dass der religiöse Friede im Land dadurch gestört wird. Das kann auch jedem klar gemacht werden. Für eine Marienbildprozession gilt indirekt genau dasselbe. Auf jeden Fall wird die Störung des religiösen Friedens der einzige Grund für ein solches staatliches Verbot sein dürfen. Ein konfessionell gemischter Staat wird aufgrund des zweiten Gebots kein Prozessionsverbot verhängen können, und die tatsächlichen nationalen und lokalen Verhältnisse werden dabei eine Rolle spielen müssen.
Kirche und Welt
Steht, ökumenisch gesprochen, die Frage nach dem Evangelium nicht über der Frage nach der Kirche? Und ist die Situation in
Zweifellos ist die Frage nach dem Evangelium die erste; sie macht die gesamte Existenz der Kirche aus. Aber das Ablegen einer Glaubenserklärung wie die von Barmen ist nur dann mehr als ein Stück Papier, wenn in einer bestimmten Situation von weltlichen oder geistlichen Autoritäten sehr bestimmte Dinge gesagt oder getan werden, denen die befreiende Wahrheit des Evangeliums in aller Schärfe gegenübergestellt werden muss. Aber wo müsste man im geistlichen Chaos des heutigen Europas beginnen und wo enden? Dieses Deutlichmachen des Evangeliums in seiner Anwendung auf eine bestimmte Situation ist vielmehr die Aufgabe jedes Predigers in seiner Gemeinde. Was diese gute
Die neue Kirchenordnung
Was halten sie vom Entwurf der Kirchenordnung der
Obwohl ich die Elemente und Besonderheiten nicht mehr so klar vor Augen habe, kann ich als meinen allgemeinen Eindruck sagen, dass mir dieser Entwurf zu klerikal ist. Es beginnt schon sofort mit dem «Amt» und baut von da aus die Kirchenordnung auf.
Die Gemeinde kommt dann natürlich schon auch irgendwo vor. Aber warum hat man nicht versucht, konsequent von der Gemeinde auszugehen? Dann könnte alles andere folgen. Auch die «Ämter» könnten von da aus entwickelt werden. Ich glaube jedoch, dass es aufgrund des Neuen Testaments keinen Anlass gibt, von «Ämtern» zu sprechen, sondern vielmehr von «Diensten».
53Die Stellung der Frau
Was denken Sie über die Stellung der Frau in der Kirche?
Wenn ich diese Frage beantworte, sollte man bedenken, dass ich in letzter Zeit in der vom
Praktisch spitzte sich das Ganze in der Kommission auf die Frage nach der Ordination (der Zulassung zum kirchlichen Amt) der Frau zu. Es wurde gelehrt, dass Mann und Frau gerade in dieser Hinsicht beide gleich seien. Und es war meine undankbare Pflicht, diesen Ansturm von Frauen hin zur Gleichstellung etwas aufzuhalten. Zweifellos ist der Dienst in der Kirche auch der Frau aufgetragen. Das ist prinzipiell nur mit einer gesetzlichen Auslegung von
Sicherlich sind Mann und Frau vor Gott gleich. Aber jeder hat als solcher seinen eigenen Ort. Diesen Ort der Frau zu finden, ist die Aufgabe.
Ich wäre geneigt, die Grenzen in dieser Hinsicht weit zu stecken. Das Wort des Paulus, dass die Frau in der Gemeinde schweigen soll [vgl.
Israel als Zeichen
Wir glauben, dass das jüdische Volk in seiner Existenz ein Zeichen von Gottes Gericht und Gnade ist. Wie sollten wir in diesem Zusammenhang über die jüngsten Entwicklungen in der jüdischen Geschichte denken, besonders über das Streben nach einem eigenen Staat?21 Hat das eine positive oder negative Bedeutung oder vielleicht gar keine Bedeutung als Zeichen?
Diese Bedeutung ist meines Erachtens rein negativ. Dieses ganze Streben des jüdischen Volkes nach einem eigenen Staat mit der dazugehörigen Staatsmacht ist entschieden abzulehnen. Es ist ein verzweifelter Versuch, dem Gericht und der Gnade Gottes zu entkommen. Es hat eine Analogie im Auftreten der falschen Propheten im Alten Testament. Die Juden waren ein Zeichen in der Verfolgung und in der Verstreuung. Und sie hätten ein Zeichen sein können, wenn sie sich zum Beispiel irgendwo in
Hat das Volk als Volk denn keine «endgeschichtliche»23 Bedeutung? Und dazu gehört doch die ganze Leiblichkeit, einschließlich des «Landes»? Gerade nach der Erfüllung Christi kehrt ja das ganze Alte Testament wieder zurück (vgl. die Offenbarung des Johannes)?
Die alttestamentlichen Prophezeiungen wurden in Christus erfüllt. Und es ist keine Erfüllung mehr zu erwarten, die an Christus vorbeigehen würde. Alles, was im Alten Testament über die Endzeit gesagt wurde, ist in Christus schon da gewesen. Seit Kreuz und Auferstehung Christi sind wir in der Endzeit. Aus eschatologischer Sicht können wir nicht mit besonderen Ereignissen rechnen, die noch bevorstehen. Das Einzige, worauf wir noch warten, ist das volle Licht auf das, was uns in Christus an Erfüllung geschenkt wurde; die Enthüllung dessen, was vollbracht ist, die Offenbarung des Werks Jesu Christi in voller Herrlichkeit. Aber wir müssen sicher nicht darauf warten, dass das gesamte Alte Testament noch einmal aufgerollt wird. Das hat seine Zeit gehabt. Das würde ja bedeuten, dass wir neben dem «Land» viele weitere Elemente der alttestamentlichen Geschichte erwarten könnten, wie Tempel, König und Opfer. Und was wird dann alles noch geschehen…
Aber dennoch besteht das Problem der Juden weiterhin! Und ist es denn nicht befremdlich, dass die Frage des Antisemitismus an der Versammlung nicht zur Sprache kommt?
Dass sich die Versammlung nicht mit dem Antisemitismus beschäftigt, liegt an der Tatsache, dass die Amerikaner die jüdische Frage nur als Sonderfall der Rassenfrage betrachten; dass es bei den Juden theologisch gesehen um mehr geht, kann man ihnen nicht klarmachen.
57 Die Existenz des Volks der Juden ist übrigens in der Tat von theologischer Bedeutung. Dass der Jude noch unter uns ist, ist das einzige wirkliche Stück natürlicher Theologie.24 Aber dass dieses Volk Gottes auserwähltes Volk ist und bleibt, das können wir nur glauben. Wir warten darauf, dass es offenbar wird. Wir sehen dies noch nicht. Wir sehen dieses Volk nur als Aufgabe, als Ärgernis, als Zeichen des Gerichts in Bezug auf uns selbst. Aber dass das Volk der Juden, wie es bis heute gelebt hat, trotzdem Gottes Volk bleibt und dass ganz Israel gerettet wird, das sehen wir noch nicht. Es gibt keinen Grund, dies zu erwarten, weder in der Form einer Staatsgründung noch in der Form eines großen Erfolgs der Judenmission. Wir glauben, dass es so sein wird; aber gerade deshalb wird es sich auf eine Weise verwirklichen, die nicht vom jüdischen Streben oder von unserem Eifer abhängt.
Der Krieg
Was halten Sie von der Bemerkung, in der heutigen Zeit der Massenvernichtungsmittel sei ein Krieg in keiner Weise zu rechtfertigen? Kann die Kirche nichts sagen über den Krieg, der schon da ist, und über die Vorbereitung auf den nächsten Krieg?
Ich bin nie dabei, wenn etwas Absolutes gesagt wird in solchen ethischen Fragen. Es gibt keinen Krieg im Allgemeinen. Es gibt nur bestimmte Kriege. Wie der Krieg gegen
Übrigens müssen wir in diesen und ähnlichen Dingen «kindlich» sein; vor allem in dem Sinne, dass wir wissen müssen, dass wir Kinder Gottes sind, die in der Freiheit der Kindschaft leben dürfen, gebunden allein an Gott; und auch im gewöhnlichen Sinn, dass wir versuchen müssen, die Probleme mit kindlicher Unbefangenheit anzugehen, nicht mit allgemeinen Theorien bewaffnet, sondern begabt mit einem ursprünglichen Sinn für das, was von uns in einem neuen Stand der Dinge verlangt wird.