Ansprache [gehalten in der Akademischen Festsitzung an der Vierhundertjahrfeier der Genfer Reformation]
ANSPRACHE
[GEHALTEN … AN DER VIERHUNDERTJAHRFEIER
DER GENFER REFORMATION]
Diese Ansprache hielt
Das Jubiläum wurde in zwei Teilen feierlich begangen: An die eigentlichen Feierlichkeiten vom 12. bis zum 14. Juni 19361 schloss sich vom 15. bis zum 18. Juni 1936 ein fachwissenschaftlicher «
Aufgrund der engen historischen Verbindung
Nach Genf begleitet wurde
Die Genfer Feierlichkeiten10 wurden am Freitagabend, den 12. Juni, mit einem Abendmahlsgottesdienst in der
Wie immer, wenn er in
474 Wenige Tage später erhielt
Vorarbeiten zum Text sind nicht erhalten. Der einzige Abdruck erfolgte in: K. Barth, Calvinfeier 1936 (ThExh 43), München 1936, S. 3–5
Ansprache
Vierhundertjahrfeier der Genfer Reformation in der
in Genf am 13. Juni 1936
Liebe Herren und Brüder!
Wenn ich hier als Erster unter den Vertretern der akademischen Lehrer unserer reformierten Kirchen im Namen der
Lassen Sie mich in drei Sätzen aussprechen, warum die Theologie Anlass hat, des Reformators Johannes Calvin als eines Meisters, wie sie deren nur wenige gehabt hat, dankbar zu gedenken.
Calvin war es, der der Theologie in einer für jeden, der einmal sein Schüler geworden ist, unvergesslichen Weise gesagt hat, dass sie einen
Gegenstand hat. Er hat uns Theologen gelehrt, nicht nur vom Menschen überhaupt, sondern zuerst von uns selbst, auch von der Kraft unseres Denkens und von den Erfolgen unserer Forschung nicht nur bescheiden, sondern demütig zu denken. Aber er tat dies ohne jede Spur von Skeptizismus: er tat dies, indem er uns mit der majestätischen Freiheit des Herrn konfrontierte, der sich des Menschen, des zu seiner 4 Erkenntnis wie zum Gehorsam gegen ihn Unfähigen, in einer unbegreiflichen Wahl seines Erbarmens angenommen, der ihm sein Wort gesagt und der ihn eben damit unweigerlich an das Gesetz seines Heiligen Geistes gebunden hat. Diesen Herrn hat Calvin Gott genannt. Damit hat er uns Theologen unser Thema gezeigt.21 Er hat |476 uns unzählige vermeintliche Gewissheiten genommen, um uns auf die eine wirkliche Gewissheit aufmerksam zu machen. Damit hat er uns Mut gemacht. Es lohnt sich, es ist der Mühe wert, es ist eine Freude, theologischer Forscher und Lehrer zu sein, wenn man sich von
Calvin war es, der uns Theologen an die notwendige
Ordnung unserer Arbeit erinnert hat. Er hat uns kein theologisches System hinterlassen. Auch der Inhalt seiner Institutio ist etwas sehr Anderes als das, was vor ihm und nach ihm die theologischen Systeme gewesen sind. Es gibt keinen Calvinismus.22 Die gewaltige Strenge, mit der Calvin selber als Theologe seine Erkenntnisse durchgedacht und verteidigt hat, ist doch nur der Widerschein der Strenge, mit der er sich selber einer Ordnung unterworfen sah, innerhalb derer es nur eine Freiheit gibt, nämlich die Freiheit zum Gehorchen, aber auch nur einen Gehorsam, nämlich den Gehorsam der Freien. Wer ein Schüler Calvins wird, der wird ein Schüler der
heiligen Schrift. Wir danken es ihm, dass er die heilige Schrift nicht nur gerühmt, sondern dass er uns eine theologische Existenz vorgelebt hat, die wie selten eine die eines Lesers und Erklärers der heiligen Schrift gewesen ist, der in ihr nicht seine eigenen, sondern Gottes Gedanken gesucht und gefunden hat.23 |477 Wie sollten wir an das Wort seiner Auslegung gebunden sein? Wir sind aber durch seine Auslegung gefragt, ob wir in gleicher Weise wie er an die heilige Schrift gebunden sind. Und alle eines Theologen würdige Kritik an
Und Calvin war es, der uns Theologen gesagt hat, welches der
Raum unserer Arbeit ist. Er tat dies, indem er uns gewöhnte an den Gedanken, dass wir schlechterdings mit allen unseren 5 Bemühungen, wie abstrakt und speziell sie manchmal sein mögen, für nichts Anderes da sind als dazu, der Kirche und d. h. der Verkündigung des Wortes Gottes zu dienen. Und er tat dies, indem er auch die Kirche, die Gemeinden und ihre Diener an den Gedanken gewöhnte, dass es keine Verkündigung des Wortes Gottes gibt ohne das Rückgrat und das Korrektiv der Lehre, über deren Reinheit zu wachen und die von Geschlecht zu Geschlecht weiterzugeben die Aufgabe eben der Theologie ist.24 Die Theologie kann bei allem ihr auferlegten wissenschaftlichen Ernst keine überflüssige, keine unpraktische, keine langweilige |478 Sache werden, wenn sie bei
Haben wir das Alles schon gelernt in dieser Schule? Ich bin überzeugt: wir Alle, die heute an diesem Erinnerungstag des Reformators im Namen der theologischen Körperschaften zu reden haben, sind mit mir darin einig, dass wir erst am Anfang dieses Lernens stehen. Wir sind aber auch einig in der Dankbarkeit, dass wir in dieser Schule lernen dürfen.
Und nun grüße ich die Kirche und die Stadt, die Universität und die Fakultät Calvins im Namen der