Vorwort
VORWORT
Die Herausgeber möchten einen besonderen Dank an den im Jahre 2005 verstorbenen Hermann Schmidt diesem Band voranstellen. Unter den insgesamt neun von Hermann Schmidt als Herausgeber betreuten Bänden der Gesamtausgabe sind sieben Predigtbände (Predigten 1915–1921, erschienen von 1996 bis 2007), denen sich mit dem hier vorliegenden Band in gewisser Weise ein achter hinzugesellt: Mit großem Dank konnten die Herausgeber dieses Bandes auf eine vorliegende, noch von Hermann Schmidt erarbeitete erste Transkription zurückgreifen, die der weiteren Arbeit als fester und verlässlicher Grund eine überaus wichtige Hilfe war.
Dieser Band präsentiert die ersten 55 Predigten Karl
Im August 1907 trat Barth ein Vikariat in der Gemeinde Meiringen im
Berner Oberland an; er war hier für vier Wochen selbständig und ohne
einen Mentor direkt am Ort tätig. Während er Wochen zuvor gegenüber
einem Studienkollegen noch scherzend vom «Ende seiner Jugendfröhlichkeit»
und einem «Spektakel» schrieb, das dieser Monat
als «Pfarrer, d. h. Vikar in Meiringen» bedeuten werde,1 ist unmittelbar
nach seiner Ankunft doch mehr Respekt vor der Aufgabe zu spüren,
wenn er seinen Eltern schreibt: «[…] die Metamorphose hat be|Xgonnen,
und ich will über den Anfang gleich berichten, obwohl ich
sehr eifrige Fortsetzung nicht garantieren kann, da ich [...] ziemlich
beschäftigt sein werde».2 Und mehr als die verschiedenen Besuche –
und auch gleich Diskussionen über theologische und andere Fragen –,
von denen er berichtet, beschäftigte ihn dabei seine sich in der hier
vorliegenden Edition spiegelnde Aufgabe, das Predigen: «Meine
Seminarspredigt mag ich vorläufig nicht wiederkäuen. Ich behalte sie
in Reserve und habe eine neue entworfen über
Fast genau ein Jahr später und wenige Wochen vor seinem Examen war Barth in seinem zweiten, diesmal nur dreiwöchigen Vikariat in Pruntrut / Porrentruy vor ganz andere Herausforderungen gestellt; im Mittelpunkt stand ihm aber auch dort das Predigen, und mit der ersten dort zu haltenden Predigt war er noch zwei Tage vor dem Gottesdienst unzufrieden: «Gegenwärtig lerne ich meine Predigt für Sonntag (Miécourt) und finde sie ungenügend. […] Im Studierzimmer habe ich ein Harmonium mit 8 Registern, nun orgele ich beständig, dass die Wände zittern. Mit den Buben mache ich Reiterspiele und lese dazwischen das Kollegheft von Kaftan und dergleichen. So geht’s mir hier erträglich, besonders da man hier fast fortwährend ausführlich isst».4
Zwiespältig sollte
XI Mitte September 1909 schließlich trat Barth in Genf die Stelle des Hilfspredigers (pasteur suffragant) an der dortigen, zur «L’Église nationale protestante de Genève» gehörenden Deutschen reformierten Gemeinde an. Der Gemeinde gehörten auf dem Papier viele tausend Deutschschweizer im ganzen Kanton Genf an; die in dieser Bevölkerungsgruppe hohe Fluktuation und der Umstand, dass die länger Bleibenden sich in der Regel über kurz oder lang einer einheimischen französischsprachigen Gemeinde anschlossen, ließ die Zahl der wirklich aktiven Gemeindemitglieder aber sehr überschaubar bleiben.5
Auf
Barth wohnte in Genf zunächst am Quai des Bergues 21 im vierten Stock, ab Mai 1909 dann an der Avenue des Petits Délices 9; sein besonderes Aufgabenfeld war die Betreuung des innerstädtischen, an den Hauptbahnhof angrenzenden Quartiers Pâquis.8 Am 26. September 1909 wurde er in sein Amt eingeführt und hielt die erste seiner Genfer Predigten. Adolf Keller, zu dessen Entlastung in seinem Amt als erster Pfarrer der Gemeinde die Hilfspredigerstelle neu eingerichtet worden war, sollte die Gemeinde nur wenige Wochen später verlassen und im Oktober 1909 ein Pfarramt in Zürich antreten. So währte diese erste Zusammenarbeit Barths und Kellers nur wenige Wochen, hatte aber eine lebenslange nicht immer kritikfreie, aber doch freundschaftliche Verbundenheit zur Folge.9
Die unmittelbare Folge von Kellers schnellem Weggang jedoch war, dass Barth das Pfarramt gleich für mehrere Monate allein zu versehen |XII und neben seinen sonstigen Verpflichtungen ab Ende Oktober 1909 bis Mitte Februar durchgehend wöchentlich zu predigen hatte. Erst Ende Februar 1910 wurde die erste Pfarrstelle wieder mit Paul Walter besetzt.
In seinen Genfer Predigten ließ Barth sich stark auf das gehobene
städtische Bildungs-Bürgertum ein, das den Großteil der Gottesdienstbesucher
stellte. Sie setzen einen nicht unerheblichen Grundbestand
an historischem, philosophischem und auch religiösem Wissen
voraus, und nahezu jede Predigt weist mehrere Zitate aus Klassikern
deutscher und schweizerischer Literatur auf. Das immer tiefere
Einleben
Besonders ins Auge fallen die 18 in Form einer Reihenpredigt gehaltenen
Predigten zum Jakobusbrief. Vom 9. Januar 1910 an – unterbrochen
nur durch die Predigten an Karfreitag und zur Konfirmation –
versucht Barth bis in den späteren Sommer hinein, seiner Gemeinde
diese ‹stroherne Epistel› (Luther) ans Herz zu legen und aufzuweisen,
dass Luthers Verdikt nicht zutreffend sei. Man mag sich
fragen, ob er damit Erfolg hatte: Einmal predigt er für größere Teile
seiner Zuhörer so unverständlich, dass er die Predigt zum selben
Thema noch einmal halten zu müssen meint,11 mehrfach taucht in
Jakobuspredigten der Name des Paulus fast so häufig oder sogar häufiger
auf als der des Jakobus und schließlich, nachdem er zur einschlägigen
Stelle
XIII Bemerkenswert sind sicher auch die Predigt über das Abendmahl (4. Dezember 1910), mit der Barth der in der Gemeinde verbreiteten Abendmahlsabstinenz abhelfen will, und die beiden Reformationspredigten von 1909 zu Luther und 1910 zu Melanchthons «Loci communes» – nicht etwa zu Calvin oder Zwingli, und besonders die Letztere über weite Strecken einem kleinen Kolleg gleichend.
In seinen regelmäßig nach Hause geschickten Briefberichten, aber mehr oder weniger versteckt auch in den Predigten spiegeln sich einerseits die positiven Erfahrungen des jungen Pfarrers, seine herzliche Aufnahme in der Gemeinde und sein ihn erfüllendes Wirken dort; andererseits jedoch auch eine mit der Zeit größer werdende Enttäuschung über die mangelnde Intensität des Gemeindelebens, das in Vielem überschaubare Engagement innerhalb der Gemeinde und vor allem über den eher spärlichen Gottesdienstbesuch. Nicht umsonst wird Barth es 1911, nach seinem Amtsantritt in Safenwil, als einen besonders erfreulichen Umstand hervorheben, dass er dort und nun das Gefühl habe, wirklich «nötig zu sein».12
Nicht zuletzt der Konfirmandenunterricht, den er 1909/10 erstmals durchgängig für einen Jahrgang erteilt, gehört in Genf zu den Aufgaben, die Barth besonders am Herzen liegen.13 Und dieser Unterricht ist es auch, der ihm ganz besonders im Gedächtnis geblieben sein dürfte, war doch unter den Konfirmandinnen dieses Jahrgangs die damals 16jährige Nelly Hoffmann, die Barth drei Jahre später heiraten wird. Beide werden am 27. März 1913 in der Nydeggkirche in Bern getraut – von Adolf Keller.
Der Band enthält die von Nr. 1 bis 55 durchnummerierten ersten Predigten Barths, die er von 1907 bis 1910 gehalten hat, 40 davon allein in Genf seit dem 26. September 1909; aus diesen Jahren sind |XIV keine Kasualansprachen erhalten. Die im Karl Barth-Archiv aufbewahrten Manuskripte sind überwiegend auf unlinierten Bögen geschrieben, die eine Höhe von 22,5 cm und eine Breite von 36 cm haben und einmal quergefaltet sind. Alle Predigten sind in sauberer, deutscher Handschrift komplett ausgeschrieben. Das so entstandene Manuskript bildete die Basis für das von Barth so genannte «Lernen»14 oder auch Memorieren der Predigt, die er dann in der Regel fast ganz frei vortrug. Für die Genfer Predigten benötigte Barth in der Regel vier solcher Bögen und beschrieb alle 16 Seiten. Mit Predigt 44 ging er dazu über, die Bögen zu teilen, und beschrieb die so erhaltenen Blätter jeweils einseitig; überwiegend blieb es bei 16 Seiten, lediglich für die Predigten 53 und 54 benötigte er 17 Seiten. Bei den vor Genf gehaltenen Predigten sind es in der Regel ein bis zwei Manuskriptseiten weniger, die Barth beschrieb.
Den Predigttext hat Barth jeweils der Predigt vorangestellt und durch Unterstreichungen zumeist des ganzen Textes, mitunter auch nur der in ihm enthaltenen wörtlichen Rede oder von Teilen davon, hervorgehoben. Ganz überwiegend hat Barth in diesen Jahren den Predigttext selbst übersetzt; mitunter jedoch hat er ganz oder teilweise den Luthertext15 bzw. die Übersetzung des Neuen Testaments durch Carl Weizsäcker16 übernommen.
Die für den Gottesdienst vorgesehenen Lieder, deren Nummern
sich nach dem 1890/91 eingeführten Gesangbuch für die evangelisch-reformierte
Kirche der deutschen Schweiz (GERS)
Die ursprünglich durch Hermann Schmidt erfolgte Transkription der Manuskripte wurde von den Herausgebern überprüft. Die sehr wenigen unsicheren und einige im Manuskript aus äußeren Gründen kaum oder gar nicht lesbare Worte sind mit einer entsprechenden Anmerkung versehen. Orthographie und Interpunktion sind nach den für die Gesamtausgabe gültigen Regeln modernisiert. Abkürzungen sind in der Regel ausgeschrieben, lange Passagen ohne Gliederung häufiger durch Herausgeber-Absätze untergliedert. Diese orientieren sich in vielen Fällen an Gedankenstrichen, die Barth eingefügt hatte, und sind erkennbar an einem senkrechten Strich hinter dem letzten Satzzeichen des Absatzes. Eckige Klammern im Predigttext – ganz überwiegend handelt es sich um Bibelstellennachweise – markieren, wenn nicht anders vermerkt, Zusätze der Herausgeber.
Der Editionstext selbst erscheint in der letzten Form des Manuskripts, also inklusive aller vorgenommenen Korrekturen. Sofern es sich um Korrekturen mit Tinte handelt, bei denen in der Regel nicht zu entscheiden ist, ob sie schon direkt während des Schreibvorgangs oder nachträglich vorgenommen wurden, sind sie direkt in den Editionstext übernommen; auf später vorgenommene Bleistiftkorrekturen wird durch textkritische Fußnoten hingewiesen. Ähnliches gilt für die im Manuskript vorgenommenen Unterstreichungen: Solche mit Tinte oder mit Blaustift, die sicher auf Barth selbst zurückgehen und der Hervorhebung dienen, sind übernommen und durch Kursivsatz wiedergegeben. Solche mit Bleistift, von denen nur einige der Hervorhebung dienen, andere aber eindeutig der Infragestellung von Aussagen oder Formulierungen, sind nur im ersten Fall übernommen; sie sind aber so oder so durch textkritische Fußnoten ausgewiesen, so dass die Entscheidung der Herausgeber in jedem Fall überprüfbar bleibt.
Für ihre Hilfe bei Recherchen und Auskünfte in Einzelfragen danken die Herausgeber Prof. Dr. Christophe Chalamet (Genf), Peter Heidtmann-Unglaube (Landeskirchliches Archiv, Kassel), Prof. Dr. Martin Meiser (Saarbrücken), Dr. Christian Neddens (Saarbrücken) und Michael Pfenninger (Basel / Zürich); Letzterem zudem für die Hilfe bei der Durchsicht der Register. Ebenfalls für ihre Hilfe bei der Durchsicht der Register ist Mareike Zocher (Hannover) zu danken, die darüber hinaus hilfreiche und in der Endphase der Arbeit an den Dateien überaus notwendige technische Unterstützung leistete.
Zuletzt sei den Mitarbeitern des Theologischen Verlags Zürich für die verlässlich gute verlegerische Betreuung und denen der pagina GmbH, Tübingen, für ihre akkurate Arbeit bei der Satzerstellung gedankt. Dass dies bei jedem Band wie selbstverständlich wieder der Fall ist, macht es noch keineswegs zu einer Selbstverständlichkeit!