Dieser Artikel ist der zweite von insgesamt fünf Beiträgen, in denen Barth der Leserschaft des jährlich erscheinenden «Zwingli-Kalenders» Einblick in die kirchenpolitische Situation in Deutschland gab.1
Die Vorbereitungen für den Druck des im November 1936 erscheinenden Zwingli-Kalenders 1937 begannen wie gewöhnlich im Frühjahr des Vorgängerjahres. So fragte der Redaktor des Kalenders, Adolf Maurer2, Barth schon im April 1936 nach einem Beitrag für den neuen Kalender. Er machte inhaltliche Vorschläge, überließ die Wahl des Themas aber letztlich Barth: «Wollen Sie über die Kirchenfrage sich äussern, im Blick auch auf unsere schweizerische Situation? Nicht ungern hätte ich, Sie würden uns etwas sagen über: Christ und Jude. Was jetzt in der Welt darüber gesagt sein muss. Doch möchte ich Sie nicht einschränken. Vielleicht denken Sie an eine ganz andere Frage.»3 Barth entschied sich dafür, seinen im Vorjahr begonnenen Bericht aus dem deutschen Kirchenkampf fortzusetzen. Den ihm genannten Abgabetermin «gegen Ende Mai 1936»4 konnte er nicht einhalten; erst am 15. Juni 1936 schrieb er den gewünschten Beitrag.5
480 Inhaltlich stehen die Ausführungen Barths denen aus dem in Schaffhausen und Basel gehaltenen Vortrag Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland6 und seinem im März veröffentlichten Artikel Der deutsche Kirchenstreit als Frage an den schweizerischen Protestantismus7 sehr nahe, weichen mitunter – etwa in der deutlich und uneingeschränkt geäußerten Kritik an der inzwischen zurückgetretenen ersten Vorläufigen Kirchenleitung um Bischof Marahrens8 – aber auch markant von den bisherigen Schilderungen ab.
Die Vorarbeiten Barths sind nicht erhalten. Unter den Original-Druck: K. Barth, Die deutsche Bekenntniskirche 1935/36, in: Zwingli-Kalender 1937, hrsg. von einem Kreis zürcherischer Pfarrer, Zürich 1936, S. 67–69
📖, platzierte die Kalender-Redaktion die Übersetzung eines Augustin zugeschriebenen Zitats: «In der Kirche gilt nicht: das sage ich, das sagst du, das sagt jener, sondern: das sagt der Herr!»9 Ein Wiederabdruck erschien in: Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExh.NF 49), München 1956, S. 35–39
📖. Grundlage der nachfolgenden Edition ist der Original-Druck im Zwingli-Kalender 1937.
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Die deutsche Bekenntniskirche 1935/36
Nachdem ich im Zwingli–Kalender 1936 einmal angefangen habe, den Lesern von der a-bekennenden Kirche-a im nationalsozialistischen Deutschland zu erzählen, ist es mir willkommen, meinen Bericht fortsetzen zu dürfen. Ich tue es sogar mit mehr Freude als b-das letzte Jahr-b, weil bei aller Sorge, mit der man immer noch und immer wieder und in bestimmter Hinsicht noch mehr als früher an die Ereignisse draußen denken muss, im entscheidenden Punkt Besseres zu melden ist.
Es wird in der Schweiz manchem aufgefallen sein, dass die Nachrichten unserer politischen Zeitungen über die kirchlichen Vorgänge in Deutschland im vergangenen Jahr mit Ausnahme weniger besonderer Anlässe viel spärlicher waren als früher und manchmal auf lange Zeiten fast ganz aussetzten. Nichts wäre verkehrter, als wenn man daraus den Schluss ziehen wollte, dass der Kampf eben zu Ende sei oder doch seinem Ende entgegen gehe. Ein Grund jener Erscheinung ist zunächstc einfach der, dass die polizeiliche Einschränkung bzw. Unterdrückung der d-Presse, aber-d auch die Behinderung des halböffentlichen Nachrichtenapparates der bekennenden Kirche10 in diesem Jahr noch erheblich schärfer geworden iste und dass auch die Mitteilungen, die den Auslandskorrespondenten unserer Zeitungen auf |482 andernf Wegen zugehen mögen, nur ziemlich allgemein und farblos sein können. Es ist schon ein bisschen wahr geworden, was man vor zwei bis drei Jahren mehr im Scherz als im Ernst voraussagte: Die bekennende Kirche existiert jetzt tatsächlich gerade in ihren wichtigsten Organen und Betätigungen in den «Katakomben»,11 d. h. abseits der jedermann bekannten und zugänglichen öffentlichen Räume. Der andere und wichtigere Grund ist der, dass die Fragen, die die bekennende Kirche gerade im letzten Jahr beschäftigt haben, in erhöhtem Maße sachlich, d. h. ernsthaft kirchliche Fragen waren, zu deren Einschätzung und Beurteilung es wohl den meisten Korrespondenten und Redakteuren unserer Tageszeitungen und nicht zuletzt: der Mehrheit unserer Zeitungsleser schlicht gesagt an Sachkenntnis und darum danng auch an Interesse fehlte. Ich halte das für das Zeichen eines Fortschrittes; an dem
«Interesse», das unsere Öffentlichkeit lange Zeit an dem «deutschen Kirchenstreit» genommen hat, konnte man, wenn man wusste, was auf dem Spiel stand und noch steht, doch nur sehr teilweise Freude haben.12 Es ist nur in der Ordnung, dass die Sache denen, die Kirchliches unkirchlich, Glaubensfragen glaubenslos verstehen und bereden zu können meinten, mit der Zeit langweilig wurde. Der «Kirchenstreit» ist verborgener geworden, gerade weil er wesentlicher geworden ist.
483 Als ich vor einem Jahr darüber schrieb, habe ich nicht verhehlt, wieviel grundsätzliche Unklarheit bei aller guten Absicht die bekennende Kirche selbst dauernd belaste,13 und ich kann jetzt wohl gestehen, dass meine Gedanken darüber noch sehr viel schmerzlicher waren als das, was ich öffentlich sagen mochte. Man wusste so gar nicht bestimmt, ob man sich nun eigentlich zu seinem eigenen guten Bekenntnis zum Evangelium bekennen und alles Weitere dem Evangelium selbst überlassen oder ob man die Kirche nicht doch lieber auf dem Wege vermeintlich kluger Anpassungen und Nachgiebigkeiten retten solleh. In dieser Unklarheit hatte sich die bekennende Kirche an einem unseligen Novembertag des Jahres 1934 eine Leitung, an ihrer Spitze der hannoversche Landesbischof Marahrens, gegeben.14 Ihre etwas mehr als ein Jahr dauernde Tätigkeit glich der einer Liquidationskommission wirklich mehr als der eines Exekutivausschusses. Mehr als eine ihrer Kundgebungen sah denen der Deutschen Christen zum Verwechseln ähnlich.15
In dieser Unklarheit manövrierten (und |484 manövrieren trotz aller Treueversicherungen gegen den alten Heidelberger Katechismus bis auf diesen Tag!) leider auch die zwei reformierten Landeskirchen von Ostfriesland und von Lippe.16 Im Zeichen dieser Unklarheit stand noch die im Juni 1935 abgehaltene Reichssynode von Augsburg.17
i-An dem ist es nun nicht-i, dass diese Unklarheit seither einfach verschwunden wäre. Es ist aber an dem, dass j-Klarheit und Unklarheit sich-j seither ganz anders, als es noch vor einem Jahr der Fall war, gegeneinander abgegrenzt haben. k-Die Unklarheit hat-k als solche, so merkwürdig das klingen mag, einel bestimmte, fest umrissene Gestalt angenommen, und nun gibt es auch ihr gegenüber eine bestimmte Linie, einen energischen Widerspruch. Viel (vielleicht noch 68 nicht alle) Spreu ist vom Korn geschieden [vgl. Mt. 3,12]. Die Reihen der Bekenntniskirche sind überall enger, aber auch überall geschlossener geworden. Man weiß jetzt in diesen Reihen, was man mit dem Zeugnis von Jesus Christus im nationalsozialistischen Deutschland will und nicht will. Das ist das entscheidend Bessere, das heute zu berichten ist. Es ist so gekommen:
Die Hitler-Regierung hielt es im Herbst 1935 auf einmal für richtig, in ihrem Verhalten zur evangelischen Kirche einen neuen Kurs |485 einzuschlagen. Ein besonderes Kirchenministerium unter der Leitung des ehemaligen Justizbeamten Kerrl wurde eingerichtet mit dem Auftrag, zwischen den beiden «Gruppen» (!), den bisher schlechterdings bevorzugten Deutschen Christen und der Bekenntniskirche, eine Vermittlung und so den Frieden in der Kirche herzustellen.18 Mit fast hörbarem Knall wurde der einst so gewaltig eingesetzte Reichsbischof Müller – zwar nicht abgesetzt, wohl aber (er war längst eine unmögliche Figur geworden) in einen Zustand unschädlicher Ruhe versetzt, und ähnlich erging es seinen Unterbischöfen in den verschiedenen Ländern: einer von ihnen erklärte seinen Rücktritt mit der Begründung, dass er sich hinfort ganz der – Käferforschungm zuzuwenden gedenke.19 An ihre Stelle traten überall sogenannte «Kirchenausschüsse», von dem neuen Ministern aus Vertretern der beiden «Gruppen» sowie aus allerhand bisher Neutralen mehr oder weniger paritätisch zusammengesetzt. An die Spitze des Reichskirchenausschusses wurde berufen und ließ sich berufen der seit sechs Jahren im Ruhestand befindliche 76jährige Generalsuperintendent Zoellner, vor drei Jahrzehnten ein gewaltiger Kämpfer für das, was man damals «positive» Theologie nannte.20 – Das Ereignis war an sich zweifellos |486 ein erster deutlicher Erfolg des bekenntniskirchlichen Widerstandes. Der Staat – dieser Staat! – wich zurück. Es war, in aller Schwachheit und Unsicherheit, nicht umsonst gekämpft und gelitten worden. Dann nämlich, wenn man entschlossen war, sich mit diesem Erfolg nicht zufrieden zu geben, sondern nun erst recht zu kämpfen und zu leiden. Oder konnte, durfte – musste man nun, des langen Haders müde, die Winterquartiere beziehen?21 An dieser Frage kam es zu jener Scheidung zwischen Unklarheit und Klarheit.
Da waren alle die, die das Programm der Deutschen Christen: «Christus undo Hitler», im Grunde immer gutgeheißen, nur eben an den robusten Methoden und Personen der Deutschen Christen, insbesondere an der des «Reibi», sich gestoßen hatten.22 Die die Bekenntniserklärungen von Barmen und Dahlem: über die alleinige Geltung der Heiligen Schrift und über die Freiheit der Kirche, sich selber zu |487 regieren,23 nur als kräftige Worte einer schönen, aber bei Gelegenheit auch wieder zu den Akten zu legenden Resolution,24 die die ganze Bekenntniskirche selbst p-immer nur-p als eine «Gruppe» aufgefasst hatten, neben der es andere «Gruppen» ohne Bekenntnis oder q-anderen Bekenntnisses-q sehr wohl geben könne.25 Die auf das angeblich
«positive Christentum» des nationalsozialistischen Staates26 trotz seines theoretisch und praktisch längst bewiesenen Heidentums immer noch Hoffnungen setzten oder vor der Drohung, die natürlich auch hinter Kerrls Programm stand,27 immer noch Angst hattenr. Die als angeb|488liche Lutheraner schon längst ängstlich auf den Augenblick gewartet hatten, der ihnen das Einverständnis mit der ihnen von Gott nun einmal verordneten Obrigkeit wieder bringen würde. Oder endlich die, die ihren Gemeinden und wohl auch sich selbst die Kraft zum weiteren Durchhalten nicht zutrauten. Sie alle schwenkten jetzt, zögernd die einen, beschwingten Schrittes die anderen – allen voran der Landesbischof Marahrens28 – ein, wurden Mitglieder der Kirchenausschüsse oder nahmen die Zusammenarbeit mit ihnen auf.
Man kann nicht dankbar genug sein für die Aufrichtung dieses die Geister scheidenden Zeichens: im Blick s-auf das nämlich-s, was auf der anderen Seite geschah. Die Bekenntniskirche als Ganzest hat sich den Ausschüssen so wenig unterworfen wie vorheru dem Reichsbischof, und zwar mit der Begründung: dass es ihr durch das Bekenntnis ver|489wehrt sei, sich vom Staat (und wäre es durch die Hand noch so «positiver» Theologen!) regieren und sich statt als die rechtmäßige evangelische Kirche als eine «Gruppe» in einer teils evangelischen, teils deutsch-christlichen Kirche behandeln zu lassen. Es ging gewiss keinem einzigen der verantwortlichen Männer um die Freude am Streit («Pastorengezänk»!29); es ging aber in aller Nüchternheit darum, zu dem Zeugnis zu stehen, das man im Jahre 1934 vor aller Welt abgelegt hatte. Die Bekenntniskirche hat auf der im Februar 1936 abgehaltenen Reichssynode zu Oeynhausen erklärt, dass sie etwas anderes zu tun auch gegenüber dem neuen System nicht in der Lage sei.30 Die Kirchenregierung Marahrens trat zurück, an ihre Stelle kamen Männer, 69 die ernst und entschlossen den geraden Weg gehen werden und schon angetreten haben.31
Es kann gerade v-dem Schweizer-v nicht leichtfallen, diese Ereignisse zu verstehen. Sind doch die Gesinnung und das System der Unklarheit, von denen sich die deutsche Bekenntniskirche noch einmal abgewandt hat, ziemlich genau die Gesinnung und das System unserer w-schweizerischen Landeskirchen-w. Was wissen wir anderes, als dass die Kirche nun einmal aus «Gruppen» besteht und also kein Bekenntnis wagen und haben kann?32 Was wissen wir anderes, als dass man |490 auch in der Kirche ebensowohl Christus allein wie Christus und anderen Herren die Ehre geben darf? Nur mit dem Unterschied, dass wir keinen Kerrl haben, der uns die Sache aufdrängt, sondern dass wir sie bisher selber so haben wollten. Da mag es wohl manchem bei uns naheliegen, das Verhalten der deutschen Bekenntniskirche, die ihm vielleicht bisher nicht unsympathisch war, nun doch etwas ungebärdig und schroff zu finden. Er versäume es doch nicht, bei dem Anlass darüber nachzudenken, was eigentlich Kirche ist, ob eine Kirche anders bestehen und handeln kann, als es die deutsche Bekenntniskirche in diesem Jahr getan hat.
Ich möchte wohl wissen, wie die Fortsetzung dieser Kirchengeschichte aussehen wird, über die ich vielleicht nächstes Jahr berichten darf. Man kann sie tatsächlich heute nicht voraussehen. Die inneren und äußeren Schwierigkeiten, in denen sich die Bekenntniskirche nach wie vor und x-in gewissem-x Sinne jetzt erst recht befindet, kann man sich nicht leicht groß genug vorstellen. Es kann sein, dass noch viele, auch von denen, die der groben Gewalt gegenüber in diesen Jahren tapfer waren, der feinen Versuchung dieses Ausschuss-Programms gegenüber weich werden und in sich zusammensinken. Es kann sein, dass der nationalsozialistische Staat nur auf die Beendigung der Olympiade, d. h. auf die Abreise der vielen jetzt in Deutschland weilenden Ausländer33 wartet, um dann gegen die Bekenntniskirche |491 loszuschlageny, wie er es gegen andere Ungefüge getan hat. Es kann sein, dass der jahrhundertealte Gegensatz von Lutheranern und Reformierten auch der Bekenntniskirche noch viel unnötige Hemmungen z-bereiten wird-z. Es kann sein, dass das Ganze doch noch mit einem faulen Kompromiss endigt. Vor einem Jahr habe ich das Letztere unter dem Druck gewisser Beobachtungen im Zwingli-Kalender noch als «sehr wahrscheinlich» bezeichnet.34 Heute könnte ich es doch nur noch als möglich bezeichnen. Es hat sich gerade in der Sichtung dieses Jahres35 gezeigt, dass es an aa-einer dünnen, aber festen Front-aa von Pfarrern und Gemeinden, die zu neuer Treue und neuem Einsatz bereit sind, nicht fehlt,
auch nicht an einem verheißungsvollen theologischen Nachwuchs, auch nicht an klugen und energischen Führern. Es hat sich gezeigt, dass die Entscheidungen des Jahres 1934 (Barmen und Dahlem) inneres Gewicht und bindende Kraft haben. Es hat sich ein immer mehr erwachendes Bewusstsein davon gezeigt, dass die Kirche nicht zwei Herren dienen kann [vgl. Mt. 6,24] und dass sie dann am sichersten geht, wenn sie aus dieser Sachlage gegenüber einem Staat, der es durchaus anders haben will, alle gebotenen Konsequenzen zieht. Es hat sich gezeigt, dass gerade die echten Lutheraner und die echten Reformierten (zu denen die, die sich am eifrigsten so nennen, meist nicht gehören) sich helfen können, statt sich Steine in den Weg zu legen. Es hat sich aber vor allem auch in diesem Jahr gezeigt, dass das Wort Gottes die wunderbar trägt, die sich von ihm |492 tragen zu lassen bereit sind. Wenn man sich das alles vor Augen hält, mag man wohl, weil auf dieser Erde nichts Sicheres ganz sicher ist, mit der Möglichkeit eines, menschlich geredet, unguten Ausganges der Sache rechnen. Man wird aber doch auch im Gedanken an diese Möglichkeit ganz ruhig sein: hier wurde und hier wird eine Saat ausgeworfen, die einmal Früchte tragen wird. Wann und wie? Dominus providebit [vgl. Gen. 22,8]. Möchten die schweizerischen Zeitgenossen dann nur nicht dastehen als solche, die wohl Calvin und die Kämpfe des fernen 16. Jahrhunderts trefflichab zu feiern,36 an der Not und Hoffnung einer Kirche in der Gegenwart aber nur vorbeizusehen verstanden haben.