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KIRCHE ODER GRUPPE?
1936
Mit dem vorliegenden Aufsatz bezog Barth erstmals in einem eigenständigen Beitrag öffentlich Stellung in der Debatte um die Gruppenbewegung, die in den 1930er Jahren auch in der Schweiz viele Anhänger fand und unter anderem von Barths langjährigem Weggefährten Emil Brunner unterstützt wurde.
Die Gruppenbewegung, auch Oxford-Gruppenbewegung genannt, war 1921 vom Amerikaner Frank N. D. Buchman1 gegründet worden. Sie setzte als innerkirchliche Erweckungs- und Erneuerungsbewegung ihren Schwerpunkt auf die Seelsorge in verbindlicher Gemeinschaft2 und übte in der Schweiz insbesondere auf Angehörige der gehobenen Mittelschicht und jüngere Leute eine größere Faszination aus.3
Ein prominenter Fürsprecher der Gruppenbewegung in der Schweiz war Emil Brunner. Er hatte im August 1932 auf einer Tagung der Bewegung in Ermatingen am Bodensee Buchman persönlich kennengelernt4 und berichtete Eduard Thurneysen und Barth nicht nur |449 von seinen positiven Erlebnissen in diesem Kreis, sondern unternahm es auch, insbesondere Barth mit Mitgliedern der Bewegung in von ihm arrangierten Begegnungen in Kontakt zu bringen.5 Barth reagierte durchweg mit teils scharfer Kritik an der Gruppenbewegung;6 besonders irritierten ihn die Kontakte Buchmans zu den «Deutschen Christen», von denen er im Oktober 1933 erfahren hatte.7 Ein im Sommer |450 1933 von Buchman unternommener Versuch, auch Barth persönlich zu treffen, war erfolglos geblieben.8
Infolge der Aktivitäten der Gruppenbewegung und des regen Interesses, das sie in der Schweizer Öffentlichkeit hervorriefen, entstand in der Redaktion der Zeitung «Die Nation» im Herbst 1935 der Plan, sie in einer der wöchentlich erscheinenden Nummern ausführlicher in den Blick zu nehmen. Gedacht war an zwei Stellungnahmen, und für die positive war bereits Emil Brunner gewonnen worden, als man sich an Barth wandte, um ihn – zusätzlich zu dem Kirchenkampfartikel, nach dem man ihn schon gefragt hatte9 – nun auch um eine kritische Äußerung zur Gruppenbewegung zu bitten.10 Auch Barth sagte zu; die Texte sollten vor der Veröffentlichung, an die für die erste oder zweite Januarausgabe der Zeitung gedacht war, dem jeweils anderen zugänglich gemacht werden.
Vermutlich in der ersten Dezemberhälfte 1935 erarbeitete Brunner seinen Text, den er am 16. Dezember Barth schickte.11 Als direkte Ant|451wort auf Brunner schrieb Barth am 20. Dezember 1935 seine Stellungnahme,12 die er mit Datum vom 22. Dezember wiederum Brunner zukommen ließ.13 Auf eine im Schlussteil überarbeitete zweite Version des Brunner-Textes, die er einen Tag später von der Redaktion der «Nation» zugeschickt bekam,14 mochte Barth nicht mehr reagieren und sandte sie an die Zeitung zurück,15 von wo aus sie wieder in Brunners Unterlagen gelangte.
Als Brunner die harsche Kritik Barths an der Gruppenbewegung und ihm selbst zur Kenntnis genommen hatte, zog er seine Zustimmung zur Veröffentlichung seines eigenen Beitrags zurück und begründete dies Barth gegenüber so: «Meine Sache aber ist es, dich nicht noch einmal zu einem Anathema, das fast noch schlimmer ist als dein erstes, zu reizen, bzw. dazu den Anlass zu bieten. Das erste Mal ging es gegen mich, das war zu ertragen, diesmal geht es gegen das Werk Jesu Christi und des heiligen Geistes, und daran möchte ich nicht schuld sein. Ich mag auch den Lesern der ‹Nation› nicht ein Schauspiel bieten, das ganz gewiss unter das Gericht von Römer 2,24 fallen würde.»16 Den ihn daraufhin erreichenden neuen Vorschlag der Redaktion der |452 «Nation», nun seinen Artikel allein zu veröffentlichen,17 lehnte Barth ab, weil er ohne die für eine allgemeine Öffentlichkeit vorgesehene Gegenüberstellung der Positionen seinen Text lieber «in einem kirchlichen Rahmen», nämlich «in veränderter Form» in der Schriftenreihe ThExh veröffentlichen wollte.18
Auch diese gegenüber Freunden und Schülern bereits angekündigte Veröffentlichung19 sollte jedoch nicht zustande kommen. Grund war der Versuch einer Gruppe von Pfarrern, die der Oxfordbewegung nahestanden und die kirchenpolitische Brisanz der Auseinandersetzung erkannt hatten, zwischen Barth und Brunner doch noch zu vermitteln. Zu diesem Zweck luden sie Barth, Thurneysen und Brunner für den 26. und 27. Januar zu einer «Aussprache über die Gruppenbewegung» nach Auenstein AG ein. Grundlage der Aussprache, zu der alle drei anreisten, sollten die beiden für «Die Nation» geschriebenen Texte sein.20 Das von Barth mit der Bemerkung «Schlimm!» gekennzeich|453nete Gespräch21 ging jedoch bald über in eine grundsätzliche und ohne Einigung bleibende Diskussion über die Frage, ob es theologisch legitim sei, auch in der Gegenwart nach Zeichen des Glaubens zu schauen (so Brunner), oder ob allein der Blick auf Christus und sein Werk der Kirche angemessen sei (so Barth). Die Vermittlung und damit die für diesen Fall angedachte Veröffentlichung der Stellungnahmen Brunners und Barths scheiterten erneut. Auch eine von Barth eingeforderte und ihm zunächst zugesagte kritische Selbstreflexion der mit der Oxfordbewegung sympathisierenden Teilnehmer des Gesprächs, die Barth abwarten wollte, weil sie die von ihm vorgetragenen theologischen
Bedenken aufgreifen sollte, wurde schließlich abgelehnt.22
Von den nun verstärkt im Freundeskreis kursierenden Abschriften des Barth-Textes gelangte eine auch an Ernst Wolf, der sich für eine Veröffentlichung in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Evangelische Theologie» starkmachte.23 Barth stimmte zu, und so erschien |454 eine wohl im Mai oder spätestens Anfang Juni 1936 nochmals überarbeitete Version seines Textes, in der alle direkten Bezüge auf Emil Brunner getilgt waren, imJuni-Heft der Zeitschrift: K. Barth, Kirche oder Gruppe?, in: EvTh 3 (1936), S. 205–213.
📖
Das rege Interesse, das Barths Aufsatz fand, wird dadurch illustriert, dass nur wenig später eine englische Übersetzung erschien: K. Barth, Church or Group Movement?, in: The London Quarterly and Holborn Review, Vol. 162, No. 1, January 1937, p. 1–10
📖. Neben mehreren zustimmenden brieflichen Kommentaren finden sich auch kritische Stimmen wie die der Theologin Margreth Caprez-Roffler, die Barth schrieb: «Ich war einmal eifrige Schülerin der dialektischen Theologie und habe 3½ Jahre lang in Graubünden ‹dialektische Theologie› gepredigt. Aber ich möchte mir gar nicht anmassen, Ihnen etwa auf diesem Boden begegnen und antworten zu wollen. Ich möchte […] Ihnen ganz schlicht bezeugen, dass mir die Gruppe gerade das geworden ist, was Sie ihr in Ihrem Wort absprechen […], dass Sie gerade den einen Vorwurf […] nicht erheben dürfen, weil wir zu Hunderten zählen, denen gerade durch die Gruppe die Gnade erst lebendig wurde.»24
Als Vorarbeiten zum Text liegen zwei weitgehend identische, siebenseitige Typoskripte vor, von denen eines aus dem Nachlass Emil Brunners stammt.25 Die Edition folgt dem Abdruck in EvTh
📖, die Unter|455schiede zu den Typoskripten sind im textkritischen Apparat ausgewiesen.
Kirche oder Gruppe?*
Die Schriftleitung hat mich aufgefordert, den Lesern dieser Zeitschrift meine Gedanken über die Gruppenbewegung mitzuteilen.a Ich kann |456 nach immer neuer Überlegung, wenn man mich danach fragt (ich habe bis jetzt kein öffentliches Wort im Zusammenhang dazu geschrieben26), zur Gruppenbewegung nicht nur nicht Ja sagen, sondern ich sehe zwischen ihr und der Kirche ein Entweder-Oder befestigt und ich muss mich entschlossen zur Kirche, ich kann mich in keinem Sinn zur Gruppe bekennen.
1.
Es hat ein Jeder von uns an seinem bestimmten Ort und Posten in der Kirche und im Staat, in der Wissenschaft und in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und in der Familie, seine ganz bestimmte Verantwortung vor Gott und vor den Menschen. Zu dieser Verantwortung müssen wir uns bekennen. Wir können uns ihr nicht entziehen. Wir müssen sie immer besser 206 verstehen und immer neu auf uns nehmen. Letzten Grundes genügen wir ihr alle miteinander nicht, haben wir ihr nie genügt, werden wir ihr nie genügen. Und eben so dürfen und sollen wir sie im letzten Grunde fröhlich tragen. In dieseb Verantwortung und ihre ganze Dialektik ruft uns – wir haben es wahrlich nötig! – die Botschaft der christlichen Kirche. Im Unterschied dazu gibt es Verantwortungen, von denen wir gerade als Christen wissen sollten, dass sie uns nicht zugemutet sind und dass wir sie ohne Überhebung nicht auf uns nehmen wollen können. Wir können nicht die Verantwortung übernehmenc für die Wahrheit (die «Binsenwahrheit») der Behaup|457tung, dass ausgerechnet unsere Zeit nicht mehr und nicht weniger als die Zeit einer «Fundamentalkrise» sei27 – nicht die Verantwortung für das Angebot einer «Lösung aller politischen und wirtschaftlichen Fragen» (ob diese Lösung nun eine «Kleinigkeit» sei oder nicht)28 – nicht die Verantwortung für die Meldung, dass der Prozess einer allgemeinen «Lebensverwandlung in großem, ja in kolossalem Maßstab», getragen von bestimmten «Lebensumwandlern», möglich und schon im Gange sei29 – nicht die Verantwortung für die Aufforderung, uns einem solchen «Heer des Auferstandenen» anzuschließen, und für die Verheißung, dass die Welt mittelstd der Taten dieses Heeres «bald» die erstaunlichsten Dinge erleben werde.30 Es ist wahr, dass wir |458 um das Geschehen des Willens Gottes auf Erden zu beten [vgl. Mt. 6,10], es ist aber einfach nicht wahr, dass wir «darum zu kämpfen» haben.31 Wir sind vor Gott und vor den Menschen, wir sind aber e-genau genommen-e weder für Gott noch auch für die Menschen verantwortlich. Für sich selbst und für uns alle steht ganz allein Gott selber gut. Das bedeutet eine Grenze unserer Verantwortlichkeit, die wir nicht überschreiten sollten. Der ehrt Gott nicht, der mit Gottes Sache wie mit seiner eigenen meint umgehen zu können. Die Gruppenbewegungf überschreitet diese Grenze bewusst und grundsätzlich (nicht sie allein, aber auch sie!), und darum wird man zwischen ihr und der christlichen Kirche wählen müssen.
2.
Zu den unaufgebbaren Verantwortlichkeiten gehört auch die für den Dienst der christlichen Kirche: dass er um der Ehre Gottes und um der Freiheit und Reinheit des Glaubens willen 207 lauter und ordentlich geübt werde. Ich wüsste nicht, welche andere Sorge neben dieser ich als Glied der Kirche haben müsste. Nach dem Erfolg dieses Dienstes kann ich nicht fragen, und unter dem Gesichtspunkt, dass dieser Erfolg in «erstaunlichen und sichtbaren Wirkungen» bestehen müsse,32 schon gar nicht. Entweder ich traue es dem Worte Gottes zu, dass es sein jetzt sichtbares, jetzt unsichtbares Werk – aber unter allen Umständen sein Werk ausrichte, oder ich traue ihm das nicht zu. Traue ich es ihm zu, dann stelle ich mich, so gut ich es kann und verstehe, in seinen Dienst und frage nichts nach Himmel und Erde [vgl. Ps. 73,25]. Traue ich es ihm nicht zu, dann mag es mich beschäftigen, dass von tausend Europäern neunhundert nicht mehr in die Kirche gehen, dass Politiker und Presseleute sich für die kirchliche Botschaft nicht «interessieren», dass «man» an ihr vorbeigeht usw.,33 dann mag ich die |459 Predigt als eine «Kunstform der Verkündigung», als ein «Erbe der antiken Kultur» preisgeben und diskreditieren,34 dann mag ich den befremdlichen Satz aussprecheng: «Eine Botschaft, die sich nicht durch erstaunlicheh sichtbare Wirkungen als göttliches Wort beglaubigt, hat heute keine Chance (!), gehört zu werden.»35 Eben i-dieser befremdliche Satz soll der «Einsatzpunkt der Gruppenbewegung» sein-i.36 Ich nenne das Fahnenflucht, die damit nicht besser wird, dass es bei dem Anlass zu einer
«Bewegung» kommt, die gegen die «Weltnot» und für das Geschehen des Willens Gottes kämpft,37 die die eine gebotene Sorge um die Kirche aber offenkundig nicht zu übernehmen gedenkt. j-Sollte die Sicht von der Wirklichkeit und Wirksamkeit bzw. |460 Unwirksamkeit der Kirche, die dabei vorausgesetzt wird, nicht doch schon etwas überholt sein? Sollte ein gewissenhafter Historiker verkennen, dass die Kirche heute immerhin merklich anders auf dem Plan ist als noch vor zwanzig Jahren? Nun, ich kenne die hier in Betracht kommenden Phänomene gut genug, um sie nicht zu überschätzen. Ich erwähne sie, um darauf hinzuweisen, dass die Dinge auch in dieser Hinsicht nicht so einfach liegen. Ich würde aber wirklich auch ohne diese Phänomene auf dem Satz bestehen-j: Die Kirche verlangt von uns den Enthusiasmus, dass wir mit ganzer Treue und ganzer Hoffnung, weder links noch rechts sehend, an ihrem Dienst beteiligt seien. Der Enthusiasmus der Gruppe aber fängt dort an, wo diese Treue und Hoffnung ersetzt ist durch die Haltung von Zuschauern, 208 die die Kirche nach Dingen fragen, nach denen k-sie sich nicht fragen lassen kann-k. Darum sind die Wege der Kirche und die Wege der Gruppe geschiedene Wege.
3.
Es gibt Dinge, denen es wesentlich ist, dass sie nur da sein und wahr sein und gelten, nie und nimmer aber zur Sache einer «Bewegung», zum Gegenstand eines propagandistischen und organisierenden Apparates, einer so oder so gestalteten Disziplin, Taktik und Strategie werden können.38 Zu diesen Dingen gehört die Botschaft der christ|461lichen Kirche von dem für uns gekreuzigten und auferstandenen Christus und der Glaube an diese Botschaft. Die Predigt, die Lehre, der Unterricht, die Seelsorge, die Gemeindebildung der christlichen Kirche haben mit einer «Bewegung» wesentlich nichts zu tun. Die ganze Idee, die Welt durch ein gut geleitetes und stürmisch vorgetragenes christliches Unternehmen für Christus zu erobern, ist wohl dem Jesuitenorden, aber gerade nicht der christlichen Kirche eigentümlich.39 Die Kirche befand sich noch jedes Mal im Irrtum und im Zerfall, wenn sie sich zur Trägerin dieser Idee machte. Der Gruppe aber ist esl gerade wesentlich, Trägerin dieser Idee zu sein. Ihr Blick ist von Haus
ausm auf die Menschen gerichtet, auf die Frage: Was ihnen glaubwürdig oder unglaubwürdig erscheinen, was ihnen gegenüber wirksam oder unwirksam sein könnte? Sie hat von Haus aus die «Welt» zum «Bankkassier» eingesetzt, der den Goldklang ihrer |462 Münze, d. h. die Echtheit der christlichen Verkündigung zu prüfen hat.40 Für sie hat ein Titel wie «Staatssekretär der Vereinigten Staaten», wenn der Mann nur eine noch so unverbindliche Äußerung zu ihren Gunsten getan hat, einen – ich weiß nicht, welchen – autoritativen Zauber.41 Für sie hat die immer wieder angeführten, die Mannigfaltigkeit ihrer Bekenner hervorhebende Reihe: Fabrikdirektoren, Arbeiter … Studenten, Sportsleute, Ärzte, Ingenieure, Bauernführer usw.42 schon als solche Zeugniswert. Ihr ist die Nachricht von 25 000 und noch mehr Menschen, die sich auf ihren Ruf in irgend einem «Forum» in Kopenhagen eingefunden haben sollen,43 schon als solche eine Sie|463gesnachricht aus dem Reiche Gottes. Ich weiß nicht, ob die Welt es sich lange gefallen lassen wird, so weltlich für Christus erobert zu werden. Das aber 209 weiß ich, dass die Errichtung dieses Zauberberges von lauter weltlichen Wichtigkeiten und Richtigkeiten44 mit dem Glauben, mit dem Gebet, mit der Hoffnung, mit der Botschaft der christlichen Kirche nichts zu tun hat, dass die Kirche durch die Gruppe gerade in dieser Hinsicht nur kompromittiert werden kann.
4.
Es gibt Behauptungen und Versprechungen sehr hoher und umfassender Natur, die auszusprechen man o-darum getrost wagen darf-o, weil man sie nicht in seinem eigenen Namen und nicht unter Hinweis auf ihre Verwirklichung in seinem eigenen Leben ausspricht, sondern ganz allein im Hinblick auf eine von der Person und vom Leben des Sprechenden völlig unterschiedene Instanz, im Vertrauen auf die Wahrheit dessen, was von dieser Instanz her gesagt ist, und im Vertrauen auf die Verwirklichungen, die von dieser Instanz – aber eben ganz allein von dieser Instanz – her mit aller Bestimmtheit zu erwar|464ten sind. Ich rede wieder von der Botschaft der christlichen Kirche. Was sie sagt und verheißt, wenn sie von Gottes Gnade und Gebot, von der Sündenvergebung und vom ewigen Leben redet, das bezieht sich in seiner Gesamtheit auf Jesus Christus, das braucht der Hörer im Geringsten nicht diesem und jenem Menschen zu glauben. Glaubt er es, so glaubt er es dem in der Heiligen Schrift bezeugten Herrnp, glaubt er es nicht, so glaubt er es ihm nicht. Die Menschen, die die Botschaft der Kirche ausrichten, können die anderen nur vor das Zeugnis der Heiligen Schrift und damit vor Jesus Christus stellen; sie können keinen Augenblick und in keiner Hinsicht und Absicht auf sich selbst aufmerksam machen. Christus in der Schrift allein beweist, dass sie die Wahrheit reden. Wogegen es der Tätigkeit der Gruppenleute gerade wesentlich eigentümlich ist, dass sie uns – unter dem Titel, uns damit zu Christus zu führen – zunächst und vor allem mit sich selbstq beschäftigen: mit der ihnen widerfahrenen «Lebensverwandlung» und mit ihrer von daher stammenden Befähigung, als «Lebensumwandler» tätig zu sein.45 Wer wollte leugnen, dass es solche Erfahrung und Befähigung gibt? Und wenn ein Oxfordmann mir behauptet, sie zu haben, wie sollte ich dazu kommen, ihm das abzustreiten? Ich wundere mich freilich, dass er auch nur zwei Minuten lang darüber reden mag, 210 statt sie mir einfach durch seine Existenz zu beweisen. Zu viel verlangt erscheint es mir aber, wenn er mir zumutet, dass ich in einer Sache, in der es umr Leben und Tod geht, nun |465 gerade seine Existenz, geschweige denn sein Behaupten und Erzählen davon, zum Anlass des Glaubens nehmen soll. Ich kann ihm allen Respekt, alle aufrichtige Teilnahme entgegenbringen, aber dass ich in ihm nun geradezu ein «Wunder» erblicken und daraufhin kraft seiner Mittlerschaft nicht nur an einen «Ausweg aus der Not», sondern an Gott glauben soll,46 das sollte er mir eben nicht zumuten. Er tut es aber. Die ganze Gruppenbewegung besteht geradezu in der Zumutung, dass wir irgendwelche, vielleicht sehr sympathische Damen und Herren auf ihre Erzählungen hin für Verwandelte halten und daraufhin (daraufhin!) zur Bibel greifen und an Christus glauben sollen. Kann man es zur Abwechslung nun auch einmal so machen? Soll man die Wundererzählungen der Gruppe für eine angemessene und annehmbare Ergänzung der christlichen Botschaft halten? Aber laut dieser Botschaft ist Jesus Christus das Ziel und der Weg zum Ziel [vgl. Joh. 14,6]. Der Weg der Gruppe aber ist nicht Jesus Christus, sondern der angeblich verwandelte Mensch und was dieser von sich selbsts zu erzählen weiß. Kann dann Christus das Ziel sein? Ich sehe hier keine Ergänzung; ich sehe hier Widerspruch.
5.
Wer an Gott glaubt, der glaubt t-eben damit-t an eine in sein und aller Menschen Leben hineingetretene und immer neu hineintretende göttliche Hilfe. Er glaubt an ein Gebot und an eine Führung Gottes. Er glaubt an reale Wendungen und Veränderungen der menschlichen Lage durch den Willen Gottes. Wie würde er sonst Gott für den |466 Herrn halten? Aber eben weil er Gott für den Herrn hält, überlässt er es ihm, wie er ihm helfen, was er ihm gebieten, wohin er ihn führen willu. Er hat keinen Plan und kein Programm hinsichtlich dessen, was nun etwa die Herrschaft Gottes in seinem und anderer Leben bedeuten wird. Er wird auch die Bibel als das Programm der göttlichen, d. h. der von Gott für gut gehaltenen und beschlossenen «Lebensverwandlung» lesen. Auch das «hat die Kirche schon lange gepredigt».47 Und das wird sie mit hoffentlich immer besseren Zungen auch fernerhin predigen. Sie wird also nicht die 211 Neuerung einführen, die Hilfe Gottes mit irgendwelchen von uns heutigen Menschen für gut und nötig gehaltenen Veränderungen unserer Lage gleichzusetzen. Wie sollten wir nicht alle uns hinaussehnen aus der scheinbar permanent gewordenen politischen und wirtschaftlichen Krisis, aus der nachgerade zu einer wahren Weltangst sich entwickelnden Erschütterung des Lebensbewusstseins des europäischen Menschen, aus all den individuellen Konflikten und Miseren, in denen sich im Zusammenhang oder auch ohne Zusammenhang mit den allgemeinen Gebrechlichkeiten des Säkulums, so weit das Auge reicht, ein wenig jeder Zeitgenosse zu befinden scheint?48 Und wie sollte es nicht teilweise Erfüllungen dieser Sehnsucht, wie sollte es nicht Menschen, die solche teilweisen Erfüllungen erlebt haben, geben? Offenbar auch – ich habe solche Menschen gesehen49 – in der Gruppe und unter dem nützlichen Einfluss der in der Gruppe geübten besonderen Seelsorge. Wohl ihnen! Und sie haben wohl recht, wenn sie im Blick auf solche Erfüllung |467 menschlicher Sehnsüchte der Hilfe, dem Gebot und der Führung Gottes dankbar sind. Es ist aber nicht einzusehen, wie man Gott dankbar sein kann, ohne sofort zuzugeben, dass seine Hilfe auch ganz, ganz
anders verlaufen könnte als in Form solcher Sehnsuchtserfüllung. Es ist nicht einzusehen, wie man Gott danken und ihn gleichzeitig darauf festlegen wollen kann, dass die von ihm zu erwartende «Lebensverwandlung» durchaus in der teilweisen – und nun gar noch gleich in einer totalen – Beseitigung unserer Konflikte und Miseren bestehen müsse. Es ist nicht einzusehen, wie man im Dank gegen Gott hingehen und sein Wort in ein noch so schönes Humanisierungs- und Moralisierungsprogramm umdeuten kann. Dankbar gegen Gott müssten wir wissen, dass die von ihm zu erwartende «Lebensverwandlung» ebenso real darin bestehen könnte, dass von allen Veränderungen, nach denen wir uns mit Recht sehnen, keine einzige wirklich wird, dass es bei der Misere bleibt, und dass sie vielleicht noch viel größer wird, dass wir ihr ganz einfach standzuhalten, sie ganz schlicht zu tragen haben. Es könnte der fröhliche Optimismus, mit dem wir diese und jene Sehnsuchtserfüllung schon erlebt zu haben glauben, auch auf grober Täuschung beruhen und dem Gott, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind [vgl. Jes. 55,8], auch ein wahrer Gräuel sein. Es könnte unser Reden davon, dass dies und das durchaus anders 212 werden könne und müsse und anders zu werden schon im Begriffe stehe, auch unsere Flucht vor Gottes wirklicher Hilfe bedeuten. Ich weiß nicht, ob die Gruppe das weiß. Es gibt sicher Menschen in der Gruppe, die es wissen. Die Gruppe als solchev verrät jedenfalls nichts davon, dass sie es weiß. Sie preist Gottes Hilfe, als ob sie in Gottes Rat gesessen hätte und wüsste, was Gottes Hilfe unter allen Umständen sein muss [vgl. Jer. 23,18]. Sie preist Gottes Hilfe, als ob es keinen Jeremia und Hiob in der Bibel gäbe und kein Kreuz auf Golgatha. Sie preist Gottes Hilfe allzu begehrlich, als dass es glaubwürdig wäre: hier wird wirklich Gottes Hilfe gepriesen. Solange das nicht anders wird, kann man gewissenhafterweise nicht zugeben, dass die Kirche und die Gruppe in verschiedener Form dasselbe meinen und auf verschiedenen Wegen dasselbe wollen. Aber wie sollte das anders werden? Die Gruppe müsste dann aufhören, die Gruppe zu sein.
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6.
Die Kirche richtet ihre Botschaft nicht aus, ohne zugleich deren Geheimnis zu hüten. Darum stellt sie die Menschen in eine ernste menschliche, aber nicht in eine göttliche Verantwortung. Darum dient sie, ohne nach Erfolgen zu fragen. Darum will sie nur glauben und zum Glauben aufrufen, nicht aber sich mit Werken, w-Zahlen und Namen-w imponieren. Darum weist sie vomx begnadeten Menschen weg auf den gnädigen Gott hin. Darum dankt sie Gott «allezeit» [vgl. Eph. 5,20] und nicht erst unter der Voraussetzung, dass wohlgemeinte menschliche Wünsche in Erfüllung gegangen sind und gehen werden. Wir könnten fortfahren: Darum empfiehlt sie ihre Botschaft nicht mit Gründen, die anderswoher als aus dieser Botschaft selber genommen sind. Darum macht sie keine Versuche, die Bibel von diesen und jenen humanitären Postulaten oder moralischen Erlebnisseny her verständlich und einleuchtend zu machen. Darum respektiert sie auch die Einsamkeit und Einzigartigkeit der biblischen Zeichen und Wunder und lässt sich nicht dazu hinreißen, sich selber und das, was in ihrem Raume geschieht, als deren Wiederholung oderz Fortsetzung auszugeben.50 Darum redet sie von Gott und von Jesus Christus nie bloß in unterstreichenden und bekräftigenden (um nicht zu sagen: dekorativen) Nachsätzen, nie bloß dazu, um dem Kind einen Namen zu geben, um nachträglich zu beteuern, 213 dass irgend eine menschliche Absicht oder Erfahrung «selbstverständlich» auf den Befehl und auf die Gnade Gottes zurückzuführen sei.51 Eben damit ist das Entschei|469dende gesagt, was gegen die Oxfordbewegung gesagt werden muss. Es wäre kein Wort gegen sie zu sagen, wenn sie sich schlicht und sachlich als einenaa von den (seit den Tagen der antiken Stoa immer wieder unternommenen) Versuchen darstellen würde, die Schuld und das Los der Menschheit durch moralische Zurede und seelsorgerliche Bearbeitung etwas erträglicher zu machen. Warum sollten solche Versuche nicht unternommen werden? Warum sollten sie in dem ihnen gewiesenen Rahmen nicht weithin gelingen können? Es wäre dann, wenn die Oxfordbewegung nicht mehr als das sein wollte, vielleicht manches für sie zu sagen. Es spricht aber entscheidend gegen sie, dass sie eine Erneuerung des Christentums sein will, die nun doch nur darin besteht, dass dessen Geheimnis: die Freiheit der Gnade und die Heiligkeit des Namens Gottes, nicht respektiert, sondern unter allen möglichen Vorwänden und Titeln auf der ganzen Linie in Humanität und Moral umgedeutet wird. Es sind wenige Jahre her, da war ab-man landauf landab-ab aufs Lebhafteste mit dem Problem des sogenannten
Säkularismus, d. h. der, wie man meinte und sagte, zunehmenden Entkirchlichung und Verweltlichung des modernen Menschen aller Stände und Zonen beschäftigt. Ich konnte schon damals nicht mittun52 |470 und bei diesem Anlass kann ich ja sagen, warum nicht. Darum nicht, weil es nur eine wirklich gefährliche Form des Säkularismus gibt, und das ist die
Säkularisierung des
Christentums
und derac
Kirche
selber. Wäre man darum besorgt, das Geheimnis der christlichen Botschaft zu hüten, dann brauchte man wegen des angeblichen Säkularismus des modernen Menschen nicht besorgt zu sein. Es ist aber nicht zu verwundern, dass die Sorge am falschen Ort die Sorglosigkeit am rechten Ort nach sich ziehen muss, wie es nun geschehen ist. Eine Bewegung ad-wie die Gruppenbewegung kann-ad als derzeit jüngster Versuch, das Christentum säkular, d. h. geheimnislos, ungeistlich zu machen, nicht geeignet sein, die Kirche zu erneuern. Sie würde sie vielmehr, wenn die Kirche ihr nicht widerstehen sollte, inae der Wurzel ruinieren. Die Kirche hat sich von der Gruppe nichts sagen zu lassen als dies, dass sie nun erst recht Kirche sein und – werden soll.