1936

Kirche oder Gruppe?

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KIRCHE ODER GRUPPE?

1936

Mit dem vorliegenden Aufsatz bezog Barth erstmals in einem eigenständigen Beitrag öffentlich Stellung in der Debatte um die Gruppenbewegung, die in den 1930er Jahren auch in der Schweiz viele Anhänger fand und unter anderem von Barths langjährigem Weggefährten Emil Brunner unterstützt wurde.

Die Gruppenbewegung, auch Oxford-Gruppenbewegung genannt, war 1921 vom Amerikaner Frank N. D. Buchman1 gegründet worden. Sie setzte als innerkirchliche Erweckungs- und Erneuerungsbewegung ihren Schwerpunkt auf die Seelsorge in verbindlicher Gemeinschaft2 und übte in der Schweiz insbesondere auf Angehörige der gehobenen Mittelschicht und jüngere Leute eine größere Faszination aus.3

Ein prominenter Fürsprecher der Gruppenbewegung in der Schweiz war Emil Brunner. Er hatte im August 1932 auf einer Tagung der Bewegung in Ermatingen am Bodensee Buchman persönlich kennengelernt4 und berichtete Eduard Thurneysen und Barth nicht nur |449 von seinen positiven Erlebnissen in diesem Kreis, sondern unternahm es auch, insbesondere Barth mit Mitgliedern der Bewegung in von ihm arrangierten Begegnungen in Kontakt zu bringen.5 Barth reagierte durchweg mit teils scharfer Kritik an der Gruppenbewegung;6 besonders irritierten ihn die Kontakte Buchmans zu den «Deutschen Christen», von denen er im Oktober 1933 erfahren hatte.7 Ein im Sommer |450 1933 von Buchman unternommener Versuch, auch Barth persönlich zu treffen, war erfolglos geblieben.8

Infolge der Aktivitäten der Gruppenbewegung und des regen Interesses, das sie in der Schweizer Öffentlichkeit hervorriefen, entstand in der Redaktion der Zeitung «Die Nation» im Herbst 1935 der Plan, sie in einer der wöchentlich erscheinenden Nummern ausführlicher in den Blick zu nehmen. Gedacht war an zwei Stellungnahmen, und für die positive war bereits Emil Brunner gewonnen worden, als man sich an Barth wandte, um ihn – zusätzlich zu dem Kirchenkampfartikel, nach dem man ihn schon gefragt hatte9 – nun auch um eine kritische Äußerung zur Gruppenbewegung zu bitten.10 Auch Barth sagte zu; die Texte sollten vor der Veröffentlichung, an die für die erste oder zweite Januarausgabe der Zeitung gedacht war, dem jeweils anderen zugänglich gemacht werden.

Vermutlich in der ersten Dezemberhälfte 1935 erarbeitete Brunner seinen Text, den er am 16. Dezember Barth schickte.11 Als direkte Ant|451wort auf Brunner schrieb Barth am 20. Dezember 1935 seine Stellungnahme,12 die er mit Datum vom 22. Dezember wiederum Brunner zukommen ließ.13 Auf eine im Schlussteil überarbeitete zweite Version des Brunner-Textes, die er einen Tag später von der Redaktion der «Nation» zugeschickt bekam,14 mochte Barth nicht mehr reagieren und sandte sie an die Zeitung zurück,15 von wo aus sie wieder in Brunners Unterlagen gelangte.

Als Brunner die harsche Kritik Barths an der Gruppenbewegung und ihm selbst zur Kenntnis genommen hatte, zog er seine Zustimmung zur Veröffentlichung seines eigenen Beitrags zurück und begründete dies Barth gegenüber so: «Meine Sache aber ist es, dich nicht noch einmal zu einem Anathema, das fast noch schlimmer ist als dein erstes, zu reizen, bzw. dazu den Anlass zu bieten. Das erste Mal ging es gegen mich, das war zu ertragen, diesmal geht es gegen das Werk Jesu Christi und des heiligen Geistes, und daran möchte ich nicht schuld sein. Ich mag auch den Lesern der ‹Nation› nicht ein Schauspiel bieten, das ganz gewiss unter das Gericht von Römer 2,24 fallen würde.»16 Den ihn daraufhin erreichenden neuen Vorschlag der Redaktion der |452 «Nation», nun seinen Artikel allein zu veröffentlichen,17 lehnte Barth ab, weil er ohne die für eine allgemeine Öffentlichkeit vorgesehene Gegenüberstellung der Positionen seinen Text lieber «in einem kirchlichen Rahmen», nämlich «in veränderter Form» in der Schriftenreihe ThExh veröffentlichen wollte.18

Auch diese gegenüber Freunden und Schülern bereits angekündigte Veröffentlichung19 sollte jedoch nicht zustande kommen. Grund war der Versuch einer Gruppe von Pfarrern, die der Oxfordbewegung nahestanden und die kirchenpolitische Brisanz der Auseinandersetzung erkannt hatten, zwischen Barth und Brunner doch noch zu vermitteln. Zu diesem Zweck luden sie Barth, Thurneysen und Brunner für den 26. und 27. Januar zu einer «Aussprache über die Gruppenbewegung» nach Auenstein AG ein. Grundlage der Aussprache, zu der alle drei anreisten, sollten die beiden für «Die Nation» geschriebenen Texte sein.20 Das von Barth mit der Bemerkung «Schlimm!» gekennzeich|453nete Gespräch21 ging jedoch bald über in eine grundsätzliche und ohne Einigung bleibende Diskussion über die Frage, ob es theologisch legitim sei, auch in der Gegenwart nach Zeichen des Glaubens zu schauen (so Brunner), oder ob allein der Blick auf Christus und sein Werk der Kirche angemessen sei (so Barth). Die Vermittlung und damit die für diesen Fall angedachte Veröffentlichung der Stellungnahmen Brunners und Barths scheiterten erneut. Auch eine von Barth eingeforderte und ihm zunächst zugesagte kritische Selbstreflexion der mit der Oxfordbewegung sympathisierenden Teilnehmer des Gesprächs, die Barth abwarten wollte, weil sie die von ihm vorgetragenen theologischen Bedenken aufgreifen sollte, wurde schließlich abgelehnt.22

Von den nun verstärkt im Freundeskreis kursierenden Abschriften des Barth-Textes gelangte eine auch an Ernst Wolf, der sich für eine Veröffentlichung in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Evangelische Theologie» starkmachte.23 Barth stimmte zu, und so erschien |454 eine wohl im Mai oder spätestens Anfang Juni 1936 nochmals überarbeitete Version seines Textes, in der alle direkten Bezüge auf Emil Brunner getilgt waren, imJuni-Heft der Zeitschrift: K. Barth, Kirche oder Gruppe?, in: EvTh 3 (1936), S. 205–213. 📖

Das rege Interesse, das Barths Aufsatz fand, wird dadurch illustriert, dass nur wenig später eine englische Übersetzung erschien: K. Barth, Church or Group Movement?, in: The London Quarterly and Holborn Review, Vol. 162, No. 1, January 1937, p. 1–10 📖. Neben mehreren zustimmenden brieflichen Kommentaren finden sich auch kritische Stimmen wie die der Theologin Margreth Caprez-Roffler, die Barth schrieb: «Ich war einmal eifrige Schülerin der dialektischen Theologie und habe 3½ Jahre lang in Graubünden ‹dialektische Theologie› gepredigt. Aber ich möchte mir gar nicht anmassen, Ihnen etwa auf diesem Boden begegnen und antworten zu wollen. Ich möchte […] Ihnen ganz schlicht bezeugen, dass mir die Gruppe gerade das geworden ist, was Sie ihr in Ihrem Wort absprechen […], dass Sie gerade den einen Vorwurf […] nicht erheben dürfen, weil wir zu Hunderten zählen, denen gerade durch die Gruppe die Gnade erst lebendig wurde.»24

Als Vorarbeiten zum Text liegen zwei weitgehend identische, siebenseitige Typoskripte vor, von denen eines aus dem Nachlass Emil Brunners stammt.25 Die Edition folgt dem Abdruck in EvTh 📖, die Unter|455schiede zu den Typoskripten sind im textkritischen Apparat ­ausge­wiesen.

Kirche oder Gruppe?*

Die Schriftleitung hat mich aufgefordert, den Lesern dieser Zeitschrift meine Gedanken über die Gruppenbewegung mitzuteilen.a Ich kann |456 nach immer neuer Überlegung, wenn man mich danach fragt (ich habe bis jetzt kein öffentliches Wort im Zusammenhang dazu geschrieben26), zur Gruppenbewegung nicht nur nicht Ja sagen, sondern ich sehe zwischen ihr und der Kirche ein Entweder-Oder befestigt und ich muss mich entschlossen zur Kirche, ich kann mich in keinem Sinn zur Gruppe bekennen.

1.

Es hat ein Jeder von uns an seinem bestimmten Ort und Posten in der Kirche und im Staat, in der Wissenschaft und in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und in der Familie, seine ganz bestimmte Verantwortung vor Gott und vor den Menschen. Zu dieser Verantwortung müssen wir uns bekennen. Wir können uns ihr nicht entziehen. Wir müssen sie immer besser 206 verstehen und immer neu auf uns nehmen. Letzten Grundes genügen wir ihr alle miteinander nicht, haben wir ihr nie genügt, werden wir ihr nie genügen. Und eben so dürfen und sollen wir sie im letzten Grunde fröhlich tragen. In dieseb Verantwortung und ihre ganze Dialektik ruft uns – wir haben es wahrlich nötig! – die Botschaft der christlichen Kirche. Im Unterschied dazu gibt es Verantwortungen, von denen wir gerade als Christen wissen sollten, dass sie uns nicht zugemutet sind und dass wir sie ohne Überhebung nicht auf uns nehmen wollen können. Wir können nicht die Verantwortung übernehmenc für die Wahrheit (die «Binsenwahrheit») der Behaup|457tung, dass ausgerechnet unsere Zeit nicht mehr und nicht weniger als die Zeit einer «Fundamentalkrise» sei27 – nicht die Verantwortung für das Angebot einer «Lösung aller politischen und wirtschaftlichen Fragen» (ob diese Lösung nun eine «Kleinigkeit» sei oder nicht)28 – nicht die Verantwortung für die Meldung, dass der Prozess einer allgemeinen «Lebensverwandlung in großem, ja in kolossalem Maßstab», getragen von bestimmten «Lebensumwandlern», möglich und schon im Gange sei29 – nicht die Verantwortung für die Aufforderung, uns einem solchen «Heer des Auferstandenen» anzuschließen, und für die Verheißung, dass die Welt mittelstd der Taten dieses Heeres «bald» die erstaunlichsten Dinge erleben werde.30 Es ist wahr, dass wir |458 um das Geschehen des Willens Gottes auf Erden zu beten [vgl. Mt. 6,10], es ist aber einfach nicht wahr, dass wir «darum zu kämpfen» haben.31 Wir sind vor Gott und vor den Menschen, wir sind aber e-genau genommen-e weder für Gott noch auch für die Menschen verantwortlich. Für sich selbst und für uns alle steht ganz allein Gott selber gut. Das bedeutet eine Grenze unserer Verantwortlichkeit, die wir nicht überschreiten sollten. Der ehrt Gott nicht, der mit Gottes Sache wie mit seiner eigenen meint umgehen zu können. Die Gruppenbewegungf überschreitet diese Grenze bewusst und grundsätzlich (nicht sie allein, aber auch sie!), und darum wird man zwischen ihr und der christlichen Kirche wählen müssen.

2.

Zu den unaufgebbaren Verantwortlichkeiten gehört auch die für den Dienst der christlichen Kirche: dass er um der Ehre Gottes und um der Freiheit und Reinheit des Glaubens willen 207 lauter und ordentlich geübt werde. Ich wüsste nicht, welche andere Sorge neben dieser ich als Glied der Kirche haben müsste. Nach dem Erfolg dieses Dienstes kann ich nicht fragen, und unter dem Gesichtspunkt, dass dieser Erfolg in «erstaunlichen und sichtbaren Wirkungen» bestehen müsse,32 schon gar nicht. Entweder ich traue es dem Worte Gottes zu, dass es sein jetzt sichtbares, jetzt unsichtbares Werk – aber unter allen Umständen sein Werk ausrichte, oder ich traue ihm das nicht zu. Traue ich es ihm zu, dann stelle ich mich, so gut ich es kann und verstehe, in seinen Dienst und frage nichts nach Himmel und Erde [vgl. Ps. 73,25]. Traue ich es ihm nicht zu, dann mag es mich beschäftigen, dass von tausend Europäern neunhundert nicht mehr in die Kirche gehen, dass Politiker und Presseleute sich für die kirchliche Botschaft nicht «interessieren», dass «man» an ihr vorbeigeht usw.,33 dann mag ich die |459 Predigt als eine «Kunstform der Verkündigung», als ein «Erbe der antiken Kultur» preisgeben und diskreditieren,34 dann mag ich den befremdlichen Satz aussprecheng: «Eine Botschaft, die sich nicht durch erstaunlicheh sichtbare Wirkungen als göttliches Wort beglaubigt, hat heute keine Chance (!), gehört zu werden.»35 Eben i-dieser befremdliche Satz soll der «Einsatzpunkt der Gruppenbewegung» sein-i.36 Ich nenne das Fahnenflucht, die damit nicht besser wird, dass es bei dem Anlass zu einer «Bewegung» kommt, die gegen die «Weltnot» und für das Geschehen des Willens Gottes kämpft,37 die die eine gebotene Sorge um die Kirche aber offenkundig nicht zu übernehmen gedenkt. j-Sollte die Sicht von der Wirklichkeit und Wirksamkeit bzw. |460 Unwirksamkeit der Kirche, die dabei vorausgesetzt wird, nicht doch schon etwas überholt sein? Sollte ein gewissenhafter Historiker verkennen, dass die Kirche heute immerhin merklich anders auf dem Plan ist als noch vor zwanzig Jahren? Nun, ich kenne die hier in Betracht kommenden Phänomene gut genug, um sie nicht zu überschätzen. Ich erwähne sie, um darauf hinzuweisen, dass die Dinge auch in dieser Hinsicht nicht so einfach liegen. Ich würde aber wirklich auch ohne diese Phänomene auf dem Satz bestehen-j: Die Kirche verlangt von uns den Enthusiasmus, dass wir mit ganzer Treue und ganzer Hoffnung, weder links noch rechts sehend, an ihrem Dienst beteiligt seien. Der Enthusiasmus der Gruppe aber fängt dort an, wo diese Treue und Hoffnung ersetzt ist durch die Haltung von Zuschauern, 208 die die Kirche nach Dingen fragen, nach denen k-sie sich nicht fragen lassen kann-k. Darum sind die Wege der Kirche und die Wege der Gruppe geschiedene Wege.

3.

Es gibt Dinge, denen es wesentlich ist, dass sie nur da sein und wahr sein und gelten, nie und nimmer aber zur Sache einer «Bewegung», zum Gegenstand eines propagandistischen und organisierenden Apparates, einer so oder so gestalteten Disziplin, Taktik und Strategie werden können.38 Zu diesen Dingen gehört die Botschaft der christ|461lichen Kirche von dem für uns gekreuzigten und auferstandenen Christus und der Glaube an diese Botschaft. Die Predigt, die Lehre, der Unterricht, die Seelsorge, die Gemeindebildung der christlichen Kirche haben mit einer «Bewegung» wesentlich nichts zu tun. Die ganze Idee, die Welt durch ein gut geleitetes und stürmisch vorgetragenes christliches Unternehmen für Christus zu erobern, ist wohl dem Jesuitenorden, aber gerade nicht der christlichen Kirche eigentümlich.39 Die Kirche befand sich noch jedes Mal im Irrtum und im Zerfall, wenn sie sich zur Trägerin dieser Idee machte. Der Gruppe aber ist esl gerade wesentlich, Trägerin dieser Idee zu sein. Ihr Blick ist von Haus ausm auf die Menschen gerichtet, auf die Frage: Was ihnen glaubwürdig oder unglaubwürdig erscheinen, was ihnen gegenüber wirksam oder unwirksam sein könnte? Sie hat von Haus aus die «Welt» zum «Bankkassier» eingesetzt, der den Goldklang ihrer |462 Münze, d. h. die Echtheit der christlichen Verkündigung zu prüfen hat.40 Für sie hat ein Titel wie «Staatssekretär der Vereinigten Staaten», wenn der Mann nur eine noch so unverbindliche Äußerung zu ihren Gunsten getan hat, einen – ich weiß nicht, welchen – autoritativen Zauber.41 Für sie hat die immer wieder angeführten, die Mannigfaltigkeit ihrer Bekenner hervorhebende Reihe: Fabrikdirektoren, Arbeiter … Studenten, Sportsleute, Ärzte, Ingenieure, Bauernführer usw.42 schon als solche Zeugniswert. Ihr ist die Nachricht von 25 000 und noch mehr Menschen, die sich auf ihren Ruf in irgend einem «Forum» in Kopenhagen eingefunden haben sollen,43 schon als solche eine Sie|463gesnachricht aus dem Reiche Gottes. Ich weiß nicht, ob die Welt es sich lange gefallen lassen wird, so weltlich für Christus erobert zu werden. Das aber 209 weiß ich, dass die Errichtung dieses Zauberberges von lauter weltlichen Wichtigkeiten und Richtigkeiten44 mit dem Glauben, mit dem Gebet, mit der Hoffnung, mit der Botschaft der christlichen Kirche nichts zu tun hat, dass die Kirche durch die Gruppe gerade in dieser Hinsicht nur kompromittiert werden kann.

4.

Es gibt Behauptungen und Versprechungen sehr hoher und umfassender Natur, die auszusprechen man o-darum getrost wagen darf-o, weil man sie nicht in seinem eigenen Namen und nicht unter Hinweis auf ihre Verwirklichung in seinem eigenen Leben ausspricht, sondern ganz allein im Hinblick auf eine von der Person und vom Leben des Sprechenden völlig unterschiedene Instanz, im Vertrauen auf die Wahrheit dessen, was von dieser Instanz her gesagt ist, und im Vertrauen auf die Verwirklichungen, die von dieser Instanz – aber eben ganz allein von dieser Instanz – her mit aller Bestimmtheit zu erwar|464ten sind. Ich rede wieder von der Botschaft der christlichen Kirche. Was sie sagt und verheißt, wenn sie von Gottes Gnade und Gebot, von der Sündenvergebung und vom ewigen Leben redet, das bezieht sich in seiner Gesamtheit auf Jesus Christus, das braucht der Hörer im Geringsten nicht diesem und jenem Menschen zu glauben. Glaubt er es, so glaubt er es dem in der Heiligen Schrift bezeugten Herrnp, glaubt er es nicht, so glaubt er es ihm nicht. Die Menschen, die die Botschaft der Kirche ausrichten, können die anderen nur vor das Zeugnis der Heiligen Schrift und damit vor Jesus Christus stellen; sie können keinen Augenblick und in keiner Hinsicht und Absicht auf sich selbst aufmerksam machen. Christus in der Schrift allein beweist, dass sie die Wahrheit reden. Wogegen es der Tätigkeit der Gruppenleute gerade wesentlich eigentümlich ist, dass sie uns – unter dem Titel, uns damit zu Christus zu führen – zunächst und vor allem mit sich selbstq beschäftigen: mit der ihnen widerfahrenen «Lebensverwandlung» und mit ihrer von daher stammenden Befähigung, als «Lebensumwandler» tätig zu sein.45 Wer wollte leugnen, dass es solche ­Er­fahrung und Befähigung gibt? Und wenn ein Oxfordmann mir behauptet, sie zu haben, wie sollte ich dazu kommen, ihm das abzustreiten? Ich wundere mich freilich, dass er auch nur zwei Minuten lang darüber reden mag, 210 statt sie mir einfach durch seine Existenz zu beweisen. Zu viel verlangt erscheint es mir aber, wenn er mir zumutet, dass ich in einer Sache, in der es umr Leben und Tod geht, nun |465 gerade seine Existenz, geschweige denn sein Behaupten und Erzählen davon, zum Anlass des Glaubens nehmen soll. Ich kann ihm allen Respekt, alle aufrichtige Teilnahme entgegenbringen, aber dass ich in ihm nun geradezu ein «Wunder» erblicken und daraufhin kraft seiner Mittlerschaft nicht nur an einen «Ausweg aus der Not», sondern an Gott glauben soll,46 das sollte er mir eben nicht zumuten. Er tut es aber. Die ganze Gruppenbewegung besteht geradezu in der Zumutung, dass wir irgendwelche, vielleicht sehr sympathische Damen und Herren auf ihre Erzählungen hin für Verwandelte halten und daraufhin (daraufhin!) zur Bibel greifen und an Christus glauben sollen. Kann man es zur Abwechslung nun auch einmal so machen? Soll man die Wundererzählungen der Gruppe für eine angemessene und annehmbare Ergänzung der christlichen Botschaft halten? Aber laut dieser Botschaft ist Jesus Christus das Ziel und der Weg zum Ziel [vgl. Joh. 14,6]. Der Weg der Gruppe aber ist nicht Jesus Christus, sondern der angeblich verwandelte Mensch und was dieser von sich selbsts zu erzählen weiß. Kann dann Christus das Ziel sein? Ich sehe hier keine Ergänzung; ich sehe hier Widerspruch.

5.

Wer an Gott glaubt, der glaubt t-eben damit-t an eine in sein und aller Menschen Leben hineingetretene und immer neu hineintretende göttliche Hilfe. Er glaubt an ein Gebot und an eine Führung Gottes. Er glaubt an reale Wendungen und Veränderungen der menschlichen Lage durch den Willen Gottes. Wie würde er sonst Gott für den |466 Herrn halten? Aber eben weil er Gott für den Herrn hält, überlässt er es ihm, wie er ihm helfen, was er ihm gebieten, wohin er ihn führen willu. Er hat keinen Plan und kein Programm hinsichtlich dessen, was nun etwa die Herrschaft Gottes in seinem und anderer Leben bedeuten wird. Er wird auch die Bibel als das Programm der göttlichen, d. h. der von Gott für gut gehaltenen und beschlossenen «Lebensverwandlung» lesen. Auch das «hat die Kirche schon lange gepredigt».47 Und das wird sie mit hoffentlich immer besseren Zungen auch fernerhin predigen. Sie wird also nicht die 211 Neuerung einführen, die Hilfe Gottes mit irgendwelchen von uns heutigen Menschen für gut und nötig gehaltenen Veränderungen unserer Lage gleichzusetzen. Wie sollten wir nicht alle uns hinaussehnen aus der scheinbar permanent gewordenen politischen und wirtschaftlichen Krisis, aus der nachgerade zu einer wahren Weltangst sich entwickelnden Erschütterung des Lebensbewusstseins des europäischen Menschen, aus all den individuellen Konflikten und Miseren, in denen sich im Zusammenhang oder auch ohne Zusammenhang mit den allgemeinen Gebrechlichkeiten des Säkulums, so weit das Auge reicht, ein wenig jeder Zeitgenosse zu befinden scheint?48 Und wie sollte es nicht teilweise Erfüllungen dieser Sehnsucht, wie sollte es nicht Menschen, die solche teilweisen Erfüllungen erlebt haben, geben? Offenbar auch – ich habe solche Menschen gesehen49 – in der Gruppe und unter dem nützlichen Einfluss der in der Gruppe geübten besonderen Seelsorge. Wohl ihnen! Und sie haben wohl recht, wenn sie im Blick auf solche Erfüllung |467 menschlicher Sehnsüchte der Hilfe, dem Gebot und der Führung Gottes dankbar sind. Es ist aber nicht einzusehen, wie man Gott dankbar sein kann, ohne sofort zuzugeben, dass seine Hilfe auch ganz, ganz anders verlaufen könnte als in Form solcher Sehnsuchtserfüllung. Es ist nicht einzusehen, wie man Gott danken und ihn gleichzeitig darauf festlegen wollen kann, dass die von ihm zu erwartende «Lebensverwandlung» durchaus in der teilweisen – und nun gar noch gleich in einer totalen – Beseitigung unserer Konflikte und Miseren bestehen müsse. Es ist nicht einzusehen, wie man im Dank gegen Gott hingehen und sein Wort in ein noch so schönes Humanisierungs- und Moralisierungsprogramm umdeuten kann. Dankbar gegen Gott müssten wir wissen, dass die von ihm zu erwartende «Lebensverwandlung» ebenso real darin bestehen könnte, dass von allen Veränderungen, nach denen wir uns mit Recht sehnen, keine einzige wirklich wird, dass es bei der Misere bleibt, und dass sie vielleicht noch viel größer wird, dass wir ihr ganz einfach standzuhalten, sie ganz schlicht zu tragen haben. Es könnte der fröhliche Optimismus, mit dem wir diese und jene Sehnsuchtserfüllung schon erlebt zu haben glauben, auch auf grober Täuschung beruhen und dem Gott, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind [vgl. Jes. 55,8], auch ein wahrer Gräuel sein. Es könnte unser Reden davon, dass dies und das durchaus anders 212 werden könne und müsse und anders zu werden schon im Begriffe stehe, auch unsere Flucht vor Gottes wirklicher Hilfe bedeuten. Ich weiß nicht, ob die Gruppe das weiß. Es gibt sicher Menschen in der Gruppe, die es wissen. Die Gruppe als solchev verrät jedenfalls nichts davon, dass sie es weiß. Sie preist Gottes Hilfe, als ob sie in Gottes Rat gesessen hätte und wüsste, was Gottes Hilfe unter allen Umständen sein muss [vgl. Jer. 23,18]. Sie preist Gottes Hilfe, als ob es keinen Jeremia und Hiob in der Bibel gäbe und kein Kreuz auf Golgatha. Sie preist Gottes Hilfe allzu begehrlich, als dass es glaubwürdig wäre: hier wird wirklich Gottes Hilfe gepriesen. Solange das nicht anders wird, kann man gewissenhafterweise nicht zugeben, dass die Kirche und die Gruppe in verschiedener Form dasselbe meinen und auf verschiedenen Wegen dasselbe wollen. Aber wie sollte das anders werden? Die Gruppe müsste dann aufhören, die Gruppe zu sein.

468

6.

Die Kirche richtet ihre Botschaft nicht aus, ohne zugleich deren Geheimnis zu hüten. Darum stellt sie die Menschen in eine ernste menschliche, aber nicht in eine göttliche Verantwortung. Darum dient sie, ohne nach Erfolgen zu fragen. Darum will sie nur glauben und zum Glauben aufrufen, nicht aber sich mit Werken, w-Zahlen und Namen-w imponieren. Darum weist sie vomx begnadeten Menschen weg auf den gnädigen Gott hin. Darum dankt sie Gott «allezeit» [vgl. Eph. 5,20] und nicht erst unter der Voraussetzung, dass wohlgemeinte menschliche Wünsche in Erfüllung gegangen sind und gehen werden. Wir könnten fortfahren: Darum empfiehlt sie ihre Botschaft nicht mit Gründen, die anderswoher als aus dieser Botschaft selber genommen sind. Darum macht sie keine Versuche, die Bibel von diesen und jenen humanitären Postulaten oder moralischen Erlebnisseny her verständlich und einleuchtend zu machen. Darum respektiert sie auch die Einsamkeit und Einzigartigkeit der biblischen Zeichen und Wunder und lässt sich nicht dazu hinreißen, sich selber und das, was in ihrem Raume geschieht, als deren Wiederholung oderz Fortsetzung auszugeben.50 Darum redet sie von Gott und von Jesus Christus nie bloß in unterstreichenden und bekräftigenden (um nicht zu sagen: dekorativen) Nachsätzen, nie bloß dazu, um dem Kind einen Namen zu geben, um nachträglich zu beteuern, 213 dass irgend eine menschliche Absicht oder Erfahrung «selbstverständlich» auf den Befehl und auf die Gnade Gottes zurückzuführen sei.51 Eben damit ist das Entschei|469dende gesagt, was gegen die Oxfordbewegung gesagt werden muss. Es wäre kein Wort gegen sie zu sagen, wenn sie sich schlicht und sachlich als einenaa von den (seit den Tagen der antiken Stoa immer wieder unternommenen) Versuchen darstellen würde, die Schuld und das Los der Menschheit durch moralische Zurede und seelsorgerliche Bearbeitung etwas erträglicher zu machen. Warum sollten solche Versuche nicht unternommen werden? Warum sollten sie in dem ihnen gewiesenen Rahmen nicht weithin gelingen können? Es wäre dann, wenn die Oxfordbewegung nicht mehr als das sein wollte, vielleicht manches für sie zu sagen. Es spricht aber entscheidend gegen sie, dass sie eine Erneuerung des Christentums sein will, die nun doch nur darin besteht, dass dessen Geheimnis: die Freiheit der Gnade und die Heiligkeit des Namens Gottes, nicht respektiert, sondern unter allen möglichen Vorwänden und Titeln auf der ganzen Linie in Humanität und Moral umgedeutet wird. Es sind wenige Jahre her, da war ab-man landauf landab-ab aufs Lebhafteste mit dem Problem des sogenannten Säkularismus, d. h. der, wie man meinte und sagte, zunehmenden Entkirchlichung und Verweltlichung des modernen Menschen aller Stände und Zonen beschäftigt. Ich konnte schon damals nicht mittun52 |470 und bei diesem Anlass kann ich ja sagen, warum nicht. Darum nicht, weil es nur eine wirklich gefährliche Form des Säkularismus gibt, und das ist die Säkularisierung des Christentums und derac Kirche selber. Wäre man darum besorgt, das Geheimnis der christlichen Botschaft zu hüten, dann brauchte man wegen des angeblichen Säkularismus des modernen Menschen nicht besorgt zu sein. Es ist aber nicht zu verwundern, dass die Sorge am falschen Ort die Sorglosigkeit am rechten Ort nach sich ziehen muss, wie es nun geschehen ist. Eine Bewegung ad-wie die Gruppenbewegung kann-ad als derzeit jüngster Versuch, das Christentum säkular, d. h. geheimnislos, ungeistlich zu machen, nicht geeignet sein, die Kirche zu erneuern. Sie würde sie vielmehr, wenn die Kirche ihr nicht widerstehen sollte, inae der Wurzel ruinieren. Die Kirche hat sich von der Gruppe nichts sagen zu lassen als dies, dass sie nun erst recht Kirche sein und – werden soll.

Originalfußnoten

*
Die Vorgeschichte dieses kleinen Aufsatzes ist diese: Eine politische schweizerische Wochenschrift hatte an einen bekannten Vertreter der Gruppenbewegung und an mich die Aufforderung gerichtet, ihre Leser in Kürze über das pro und contra hinsichtlich dieser die schweizerische Öffentlichkeit im letzten Herbst stark beschäftigenden Sache zu unterrichten. Der Abdruck kam dann nicht zu Stande, weil der Vertreter der Gruppenbewegung, nachdem er das Manuskript meiner Gegenrede gelesen hatte, auf das Gespräch verzichtete und seinen Beitrag zurückzog. Ich habe dann den meinigen ebenfalls nicht an die Öffentlichkeit gebracht; immerhin ist er in Form von privaten Abschriften mit der Zeit doch etwas verbreitet worden. Da mir nun durch den Herrn Herausgeber der «Evangelischen Theologie» aufs Bestimmteste erklärt wird, dass er infolge von Entwicklungen, die ich selber draußen nicht mehr miterlebt habe, den reichsdeutschen Lesern von Wichtigkeit sein könne, bin ich gerne bereit, ihn hier vorzulegen, obwohl es – ich weiß nicht, aus welchem Grunde – in dem Bereich, den ich übersehe und für den er ursprünglich geschrieben ist, um die «Gruppe» wieder merklich stiller geworden ist, so dass ein unmittelbarer Anlass, etwas dazu zu sagen, für mich nicht bestehen würde. – Die Anführungszeichen im Text beziehen sich sämtlich auf den Aufsatz jenes im Übrigen hier unsichtbar gemachten Vorredners. K[arl] B[arth] ↩

Textkritische Fußnoten

a
InTskr. A und B fehlt die Fußnote, in der Barth die Umstände der Entstehung des Textes erläutert. In beiden Typoskripten steht an ihrer und anstelle des ersten Satzes: «Die Redaktion hat auch mich aufgefordert, den Lesern dieser Zeitung meine Gedanken über die Gruppenbewegung mitzuteilen, und nun wollte ich wohl, dass ich in der Lage wäre, dem Aufsatz meines Kollegen und Freundes Brunner gegenüber so oder so meine Übereinstimmung auszusprechen. Es wäre ja gewiss um der Sache und um vieler beteiligter Menschen willen gut und nötig, wenn wir in dieser Frage und sonst nebeneinander stehen könnten. Und es gibt gewiss mehr als einen Leser, der mich von seinem eigenen Lebens- und Aufgabenbereich her gut versteht, wenn ich sage, dass ich mich ganz persönlich, je länger ich lebe und arbeite, desto mehr nach Übereinstimmungen sehne.» In Tskr. A folgt noch ein in Tskr. B ausgelassener Satz: «Aber etwas Anderes ist ein solcher Wunsch, etwas Anderes seine Erfüllung.»↩
b
Tskr. A und B: «dieser».↩
c
Tskr. B: «auf uns nehmen».↩
d
Tskr. B: «mittels».↩
e-e
Fehlt inTskr. A und B.↩
f
Tskr. A und B: «Gruppenbewegung, wie Prof. Brunner sie dargestellt hat,».↩
g
Tskr. A und B: «zu Papier bringen».↩
h
Tskr. A und B: «erstaunlich».↩
i-i
Tskr. A und B: «diesen befremdlichen Satz nennt Prof. Brunner den ‹Einsatzpunkt der Gruppenbewegung›».↩
j-j
Tskr. A und B: «Man kann auch zu Prof. Brunners geschichtlicher Sicht der Kirche Fragezeichen machen. Kein gewissenhafter Historiker könnte verkennen, dass die Kirche heute immerhin merklich anders auf dem Plan ist als noch vor 20 Jahren. Als im Dritten Reich die Parteien, die Presse, die Universitäten, die Justiz, die Kunst umfielen wie Kegel, da war es allein die so verachtete evangelische Kirche, die ohne Gruppenbewegung dem Unhold immerhin bis auf diesen Tag nicht mit Unehren die Spitze geboten hat. Nun, ich kenne dieses Phänomen gut genug, um es nicht zu überschätzen. Ich erwähne es, um darauf hinzuweisen, dass die Dinge auch in dieser Hinsicht nicht so einfach liegen. Ich würde aber wirklich auch ohne dieses Phänomen auf dem Satz bestehen». – In Tskr. B steht «diese verachtete» statt «die so verachtete», die Worte «dem Unhold» sind dort durch «…» ersetzt, die Worte «wirklich auch» sind vertauscht.↩
k-k
Tskr. A und B: «sie nicht fragen kann».↩
l
Tskr. A und B: «es nach Brunners Darstellung».↩
m
Fehlt in Tskr. A.↩
n
Tskr. A und B: «angeführte und auch in Prof. Brunners Aufsatz nicht fehlende».↩
o-o
Tskr. B: «getrost darum wagen kann».↩
p
InTskr. A und B nicht hervorgehoben.↩
q
Tskr. B: «selber».↩
r
Tskr. B: «auf».↩
s
Tskr. B: «selber».↩
t-t
Tskr. B: «damit eben».↩
u
Tskr. A und B: «soll».↩
v
Tskr. A und B: «solche (auch in der Darstellung von Prof. Brunner)».↩
w-w
Tskr. B: «Namen und Zahlen».↩
x
Tskr. A: «von».↩
y
Tskr. B: «Ergebnissen».↩
z
Tskr. B: «und».↩
aa
Tskr. A und B: «einer».↩
ab-ab
Tskr. A und B: «mein Freund Brunner mit vielen Anderen».↩
ac
Tskr. B: «der christlichen».↩
ad-ad
Tskr. A und B: «kann wie die von Prof. Brunner so vorbehaltlos gutgeheissene Gruppenbewegung».↩
ae
Tskr. B: «an».↩

Sachfußnoten

1
Frank N. D. Buchman (1878–1961), nordamerikanischer lutherischer Theologe schweizerischer Abstammung, gründete 1921 als Reaktion auf den Sieg des Kommunismus in Russland und den von ihm diagnostizierten moralischen Niedergang im Westen die «Gruppenbewegung».↩
2
Zur Gruppenbewegung, ihren Zielen und ihrer Praxis, die sich in den von Buchman propagierten vier «absoluten» Maßstäben Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe zusammenfassend beschreiben lassen, vgl. St. Mews, Art. «Moralische Aufrüstung», in: TRE 23, S. 291–294 📖; M. Schmidt, Charismatische Spiritualität und Seelsorge. Der Volksmissionskreis Sachsen bis 1990, Göttingen 2017, S. 43–46 📖.↩
3
Der als Zürcher Gymnasiast in der Gruppenbewegung aktive spätere Thurneysen-Schüler Rudolf Bohren beschrieb diese Wirkung im Rückblick so: «Als armer Gymnasiast war man plötzlich eingeladen zu Meetings in den vornehmsten Villen. Aristokraten und Spitzensportler traten auf und erzählten ihre religiösen Erlebnisse. Soziologisch gesehen war vorwiegend die obere Mittelklasse Trägerin dieser Bewegung.» (R. Bohren, Prophetie und Seelsorge. Eduard Thurneysen, Neukirchen-Vluyn 1982, S. 156 📖). Vgl. auch Schmidt, a.a.O., S. 45 📖.↩
4
Vgl. E. Brunner, Meine Begegnung mit der Oxforder Gruppenbewegung, in: KBRS 88 (1932), S. 338–343.354–358 📖; auch in: ders., Ein offenes Wort. Vorträge und Aufsätze 1917–1962, Bd. 1: 1917–1934, eingeführt und ausgewählt von R. Wehrli, Zürich 1981, S. 268–288 📖. – Weitere, teils spätere, Schriften Brunners zur Gruppenbewegung: E. Brunner, Das Ärgernis der Oxford-Gruppenbewegung, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 156, Nr. 1951, 9.11.1935 📖; ders., Die Kirche, die Gruppenbewegung und die Kirche Jesu Christi, Berlin 1936 📖; dazu die folgenden unveröffentlichten Typoskripte Brunners: Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? (zwei Versionen, Staatsarchiv Zürich, Nachlass Emil Brunner, W I 55/82 📖; Kirche, Theologie und Gruppenbewegung (a.a.O.); Das ökumenische Problem und die Gruppenbewegung (a.a.O.); Unsere Stellung zur Oxford-Bewegung (a.a.O.). ↩
5
Schon am 29. August 1932 schilderte Brunner seine Eindrücke von der Tagung in Ermatingen in einem Brief an Thurneysen; dieser berichtete wenig später Barth davon (vgl. Brief Thurneysens an Barth vom 31.8.1932 [KBA 9370.679; vgl. Bw.Th. III, S. 253 📖]). Am 11. September 1933 kam es dann zu einem von Brunner organisierten Treffen, auf dem Barth sich mit einem Kreis von Brunners Freunden aus der Oxfordbewegung über diese austauschen sollte. Das Treffen endete im Blick darauf, dass es von Brunner versöhnlich gemeint war und dem gegenseitigen Verständnis dienen sollte, in einem Desaster: Nach Brunners Eindruck kam Barth die «Gruppensache […] menschlich als ‹grusig› [= abscheulich], kirchlich als verwirrend und illegitim und theologisch als Rückfall in vorkutterische und vordialektische Frömmigkeitspflege vor», während Brunner selbst meinte, ihm sei das «häretische Element» in Barths Theologie, das «als solches kirchenzerstörend wirkt», noch nie «so erschreckend deutlich geworden wie an diesem Abend» (Brief Brunners an Thurneysen vom 15.9.1933 [Nachlass Thurneysen, zit. nach Bw.Brunner, S. 234f., Anm. 2 📖]; vgl. a.a.O., S. 234–240). ↩
6
Vgl. etwa Bw.Brunner, S. 214f.229f.237f.256.281 📖; K. Barth, Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 413–421, dort S. 420 📖; ders., Bekenntnis der freien Kirchensynode, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 3–64, dort S. 32–35 📖.↩
7
Vgl. aus dem Brief Barths an Brunner vom 22.10.1933 (KBA 9233.292; Bw.Brunner, S. 239f. 📖): «Und was musste nun mein unschuldiges blaues Kinderauge neulich in der Zeitung wahrnehmen? Eine schöne Photographie darstellend die Gruppe: Hossenfelder, Buchman, Fezer! Und dazu einen Bericht des Inhalts, dass sie wirklich neulich in London beisammen gewesen sind zu Beratungen über das Thema ‹Volksmission›. Was folgt daraus? Für mich folgt daraus, […] dass Buchman offenbar […] in diesen Deutschen Christen […] Fleisch von seinem Fleisch und Geist von seinem Geist erkannte. […] Natürlich ist dergleichen nur Symptom, aber eben doch Symptom für faktisch bestehende sachliche Zusammenhänge. Und indirekt Symptom für meine gänzliche Ungeeignetheit für die Oxfordbewegung: in eine ‹Gruppe›, an deren Rande plötzlich auch Fezer und Hossenfelder auftauchen können, gehöre ich gewisslich nicht.» – Zum von Barth hier angesprochenen Treffen vgl. a.a.O., S. 240, Anm. 8; zu weiteren Aktivitäten Buchmans im Umfeld der deutschchristlichen Bewegung noch nach dem «Sportpalastskandal» im November 1933 vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 608, Anm. 34 📖.↩
8
Buchman hatte Barth in einem Schreiben vom 26.7.1933 (KBA 9333.549) gefragt, ob er ihn früh im August oder im September in Bonn besuchen kommen dürfe. Erst von der Schweiz aus antwortete Barth ihm am 7. August 1933; er bedauerte, dass die Anfrage «in den mannigfachen Ereignissen des Semesterschlusses in Bonn nicht mehr zur Beantwortung gekommen» sei und dass infolge seiner Abreise aus Bonn diesmal «keine Möglichkeit» bestanden habe, Buchman «in Bonn begrüßen zu dürfen» (KBA 9233.188).↩
9
Siehe oben, S. 386f.↩
10
Vgl. den Brief H. Grafs, Redaktion «Die Nation», an Barth vom 4.12.1935 (KBA 9335.1188). ↩
11
Vgl. den Brief Brunners an Barth vom 16.12.1935 (KBA 9125.178; Bw.Brunner, S. 288–291 📖); Brunner schickte Barth mit diesem Brief die erste, mit handschriftlichen Bemerkungen und Korrekturen versehene Version seines fünfseitigen Textes Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? 📖 (Anm. 4). Die häufigen Bezugnahmen auf diese erste, Barth beim Schreiben seines Textes vorliegende Version von Brunners Text, sind in der Edition in den Anmerkungen ausgewiesen. – Eine zweite, überarbeitete Version, auf der Brunner nachträglich vermerkte: «für die ‹Nation› (nicht veröffentlicht), Febr[uar] 1936», weist auf S. 4 die Streichung eines Absatzes und eine neu geschriebene fünfte Seite auf. Wohl diese zweite Version schickte Brunner an «Die Nation», von wo aus auch sie zu Barth gelangte.↩
12
Siehe Taschenkalender Charlotte von Kirschbaum, Eintrag vom 20.12.1935: «Karl schreibt s[eine] Antwort an Brunner über d[ie] Oxfordbewegung für d[ie] ‹Nation›».↩
13
Vgl. den Brief Barths an Brunner vom 22.12.1935 (KBA 9235.384; Bw.Brunner, S. 291–293 📖).↩
14
Vgl. den Brief H. Grafs, Redaktion «Die Nation», an Barth vom 21.12.1935 (KBA 9335.1258) sowie den Brief Barths an Brunner vom 23.12.1935 (KBA 9235.390; Bw.Brunner, S. 293 📖).↩
15
Vgl. die Briefe Barths vom 23.12.1935 an Brunner (Anm. 14) und an die Redaktion «Die Nation» (KBA 9235.388).↩
16
Brief Brunners an Barth vom 24.12.1935 (KBA 9125.179; Bw.Brunner, S. 294 📖). Mit dem von Brunner erwähnten ersten «Anathema» ist gemeint: K. Barth, Nein! Antwort an Emil Brunner, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 429–527 📖.↩
17
Vgl. den Brief H. Grafs, Redaktion «Die Nation», an Barth vom 8.1.1936 (KBA 9336.20).↩
18
Brief Barths an die Redaktion «Die Nation» vom 10.1.1936 (KBA 9236.16).↩
19
Vgl. etwa den Brief Ch. von Kirschbaums an K. G. Steck vom 7.1.1936 (KBA 9236.11): «Schön, dass der Gruppenaufsatz Sie so befriedigt. Er wird mit einer kleinen Änderung […] in der Th[eologischen] E[xistenz] erscheinen.»↩
20
Federführend beteiligt waren Gottlob Spörri (1899–1990; Pfarrer in Seengen AG, Religionslehrer an kantonalen Mittelschulen) und Walter Lüthi (1901–1982; Pfarrer an der Oekolampad-Kirche in Basel). Die Initiative rührte schon vom Dezember her, denn bereits in Brunners Brief an Barth vom 16.12.1935 (Anm. 11) hieß es: «Im Jänner werden wir ja dann das große Experiment machen, miteinander auf Gottes Wort zu hören und es einander, so wie wir es hören, zu sagen, damit er selbst uns beide weiterlehre» (Bw.Brunner, S. 290 📖; vgl. zum Treffen auch dort, Anm. 5 , und – mit fälschlicher Datierung auf Juli 1936 – Bohren [Anm. 3], S. 162–167 📖). Vom Gespräch liegt ein ausführliches Protokoll vor, an dem sich die folgende Darstellung orientiert: Protokoll der Aussprache über die Gruppenbewegung in Auenstein am 26./27. Januar zwischen Karl Barth, Emil Brunner, Eduard Thurneysen etc., (Tskr., 20 Seiten, Staatsarchiv Zürich, Nachlass Emil Brunner, W I 55/82) 📖. – Barth, der nach dem Scheitern der gemeinsamen Veröffentlichung in «Die Nation» auch seine Teilnahme an diesem Gespräch hatte absagen wollen, ließ sich offenkundig von einem Brief G. Spörris vom 14.1.1936 (KBA 9336.42), der ihm vorwarf, sein «Nichtkommen» sei ein vorschnelles «deutliches Lösen einer Gemeinschaft», wieder umstimmen.↩
21
Taschenkalender Karl Barth, Eintrag vom 27.1.1936: «Fortsetzung der Konferenz: Schlimm!» Charlotte von Kirschbaum notierte in ihrem Kalender am selben Tag über Barths Rückkehr: «Karl ist sehr erschöpft von Auenstein u[nd] mutlos über Schweizer Situation!»↩
22
Im Namen des «aargauischen theologischen Colloquiums» schrieb Gottlob Spörri am 22. Februar 1936 an Barth und teilte ihm mit, man habe seinen Wunsch «reichlich erwogen», sei sich aber «darüber klar geworden, dass wir eine solche Veröffentlichung zur Zeit nicht verantworten können». Damit sei ihm nun wieder «alle Freiheit gegeben selber zur Sache zu schreiben»; Spörri bat jedoch darum, Barth möchte «um der Sache willen» alle «persönlichen Spitzen vermeiden». Er monierte, Barth habe in der Auseinandersetzung «gewisse dogmen- und geistesgeschichtliche Kategorien – Pietismus, vernünftige Orthodoxie etc. – zu rasch beigezogen und damit allzu sorglos in Beziehung gebracht […] zu den ganz anderen Kategorien Kirche und Welt» und appellierte abschließend an den «sorgsameren Barth […], den wir auch zu kennen vermeinen» (KBA 9336.128).↩
23
Schon in einem Brief Ch. von Kirschbaums an K. G. Steck vom 31.1.1936 (KBA 9236.47) hieß es über Barths Text: «Dass sein Wort zur Oxford-Sache nun vorerst nicht im Druck erscheinen soll, hat Emmy [Lentrodt] Ihnen wohl gesagt. Wenn Sie es unter sich verbreiten, so kann das nichts schaden!» – Ernst Wolf (1902–1971; seit 1931 Professor für Kirchengeschichte in Bonn, ab 1935 in Halle/Saale, Herausgeber der Zeitschrift «Evangelische Theologie») schrieb bereits am 16. Februar 1936 an Ch. von Kirschbaum (KBA 98828.14): «Das Wort zu Oxford tut uns bitter not». Im Briefwechsel mit ihm spielte dieser Text von da an immer wieder eine Rolle, bis Wolf ihr am 10. Juni 1936 schreiben konnte, dass er «das Juni-Heft – Oxford! – […] besonders gut finde» (KBA 98828.22). – Vgl. zum Ganzen auch unten, S. 455, Anm. *.↩
24
Brief Gr. Caprez-Rofflers an Barth vom 19.9.1936 (KBA 9336.740). Margreth (Greti) Caprez-Roffler (1906–1994) war die erste Theologin, die 1931–1934 in Furna im Prättigau (Kt. Graubünden) entgegen dem geltenden Recht eine Pfarrstelle eigenständig betreute; in der hohe Wellen schlagenden Berichterstattung auch in Deutschland hatte sich Barth in einem Offenen Brief auf ihre bzw. die Seite der Gemeinde gestellt: K. Barth, An Pastor D. Wilhelm Kolfhaus, Vlotho/Weser, in: O.Br. 1909–1935, S. 235–242 📖. Vgl. auch Chr. Caprez, Die illegale Pfarrerin. Das Leben von Greti Caprez-Roffler 1906–1994, Zürich 2019, S. 208–212 📖 (zu Barths Offenem Brief) und S. 245–253 (zu Gr. Caprez-Rofflers Engagement in der Gruppenbewegung).↩
25
KBA 10097 (= Tskr. A; 7 Seiten, engzeilig beschrieben, Fotokopie aus dem Nachlass Emil Brunner, Staatsarchiv Zürich, W I 55/139 📖; auf der ersten Seite mit dem Vermerk: «als Gegenartikel zu Brunner für die Nation gedacht und nicht gedruckt»); KBA 10098 (= Tskr. B; 7 Seiten, engzeilig beschrieben, in Schriftbild und Seitenlänge von KBA 10097 abweichend).↩
26
Beispielsweise hatten schon im Herbst 1934 «zwei angehende Theologen», Ernst G. Rüsch (1917–1997; Theologiestudium in Basel seit 1935, später Vikariat in Pratteln BL, Gemeindepfarrer, Reformationshistoriker in Zürich) und Werner Pfendsack (1917–1993; Theologiestudium in Basel und Zürich, Ordination 1940, danach Pfarrer in Grabs SG, später in Riehen BS und am Basler Münster), die beide «nicht immer ohne Bedenken» bei der Gruppenbewegung mitarbeiteten, Barth um eine solche Stellungnahme angefragt (Brief Rüschs und Pfendsacks an Barth vom 12.11.1934 [KBA 9334.1084]). Als zu verschickende Antwort hatte Barth auf diesem Brief notiert, dass man in seinen Schriften «bei aufmerksamem Nachdenken sicher viel indirektes Material zur Beurteilung der Oxfordsache finden werde», und hinzugefügt: «Eine direkte Stellungnahme dazu möchte ich mir für den Augenblick vorbehalten, wo ich durch eine bestimmte Erscheinung im kirchl[ich]-theol[ogischen] Geschehen der Zeit deutlich dazu aufgefordert sein werde.»↩
27
Vgl. Brunner, Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? (Anm. 4), Version 1, S. 1 📖: «Es ist heute bereits eine Binsenwahrheit, dass die gegenwärtige Krise nicht bloss eine der vielen Krisen ist, die von Zeit zu Zeit das moderne Europa heimgesucht haben, sondern eine Fundamentalkrise.»↩
28
Vgl. ebd. 📖: «Gesetzt der Fall, die Menschheit würde erfasst von dem Geist, den das Neue Testament bezeugt, von jenem ‹Glauben, der in der Liebe sich wirksam erweist› – so wäre die Lösung aller politischen und wirtschaftlichen Fragen eine Kleinigkeit.»↩
29
Vgl. a.a.O., S. 3 📖: «Und nun wird aus dem Zeugen ein ‹Lebensumwandler›. Es ist keiner in der Gruppe, der nicht weiss: Gott allein kann Leben umwandeln. Aber er hat es ja selbst erfahren, wie Gott dazu die Hilfe von Menschen gebraucht. […] Aber dieses neue Leben darf nicht geweckt werden ohne die Bereitschaft, das Geweckte zu pflegen, bis der andere im neuen Leben selbständig und selbst wieder ein Lebensumwandler geworden ist. Diese Lebensumwandlung – im grossen, ja im – kolossalen – Masstab: Das ist die Sicht, die man in der Gruppe von der Möglichkeit einer Wandlung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse hat. Wenn jeder ein Lebensumwandler ist, der selbst Lebensumwandler schafft, […] so muss von diesem stillen Prozess eine Weltwirkung ausgehen. Dieser Prozess ist im Gang; […].»↩
30
Vgl. a.a.O., S. 4f. 📖: «Eine neue Sekte also? Keineswegs. Die Gruppe stellt sich nicht neben, sondern in die vorhandene kirchliche Organisation. Sie will nichts, als dass das, was Kirche heisst, auch wirklich Kirche sei: das kämpfende, marschierende und des Sieges gewisse Heer des Auferstandenen. […] Wir glauben allerdings, dass nicht bloss einzelne, sondern dass auch ganze Städte und Länder durch den Geist Gottes umgestaltet werden können, dass auch die Beziehungen der Völker durch ihre verantwortlichen Leiter unter den Gehorsam gegen Gott gestellt werden können. Wir glauben sogar, dass das bald geschehen kann.»↩
31
Vgl. a.a.O., S. 4 📖: «Es geht nicht darum, Gottes Botschaft einfach in die Welt hinauszurufen – höre sie, wer da mag; sondern darum, zu kämpfen, dass sein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.»↩
32
Siehe unten, bei Anm. 35.↩
33
Vgl. Brunner, Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? (Anm. 4), Version 1, S. 1 📖: «Aber es gehört mit zur grossen Not, dass diese Antwort der Bibel, der Kirche nicht gehört wird. Von tausend Europäern gehen ja 900 nicht in die Kirche. Weder die Arbeiterschaft, noch die Staatsmänner und Politiker, noch die Pressemänner, noch die Jugend interessieren sich für diese kirchliche Botschaft. Man geht an ihr vorbei, weil man nichts von einer für das politische oder wirtschaftliche Leben bedeutsamen Wirkung dieser Botschaft bemerkt.»↩
34
Vgl. a.a.O., S. 3 📖: «[…] Menschen aller Klassen, Parteien, jeden Alters und jeden Bildungsnivos [sic!], alle miteinander ein grosses Heer von Zeugen. Sie können nicht predigen – Predigen ist eine Kunstform der Verkündigung, ein Erbe der antiken Kultur –, aber sie können erzählen, was ihnen geschehen ist und schlicht berichten, wer er ist und was er will.»↩
35
A.a.O., S. 1 📖 (die Klammer im Zitat wurde von Barth eingefügt).↩
36
Ebd. 📖 heißt es, unmittelbar nach dem zitierten Satz: «Hier ist der Einsatzpunkt der Gruppenbewegung. Die Gruppe wagt wieder, was die Kirche seit dem ersten Jahrhundert ihres Bestehens nur selten mehr gewagt hat: Sie wagt zu erzählen von dem, was Gottes lebenschaffender Geist heute tut.»↩
37
Vgl. a.a.O., S. 2 📖: «Was hat das mit der Weltnot zu tun? Warum reden die ‹Oxfordmenschen› immer nur von ihren individuellen Nöten und Befreiungen und nicht von den grossen Nöten der Menschheit? […] Man hat in der Gruppe – aber nicht nur in ihr – die Erfahrung gemacht, dass das Reden von den grossen Nöten nicht eben viel daran ändert. […] Aber was helfen ein paar veränderte Menschenleben angesichts der Weltnot? […] Der wahrhaft erneuerte Mensch wird ein Zeuge, ein Bote des Christus.» Und weiter, S. 4: «Utopie? Ja, wenn es eine Utopie ist, dass Gottes Wille auch auf Erden gelten und getan sein will.» ↩
38
Barth hatte schon im Sommer 1933 in einem Brief an Brunner dessen «Übergang zur Oxfordbewegung» so beurteilt: «Und was das Letztere betrifft … aber du hast ja meine Meinung über ‹Bewegungen› im Allgemeinen und Besonderen gelesen» (Brief vom 17.7.1933 [KBA 9233.175.176; Bw.Brunner, S. 229f. 📖]). Vgl. K. Barth, Theologische Existenz heute!, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort S. 357 📖: «Wo das Bekenntnis ist, da ist die eine heilige Kirche im Kampf mit dem Irrtum, in welchem sie nicht unterliegen wird. Wo dagegen ‹Bewegungen› sind, auch in bester Meinung und Absicht, da ist selber schon Irrtum und Sekte mindestens in größter Nähe. Der heilige Geist braucht keine ‹Bewegungen›. Und die allermeisten ‹Bewegungen› hat wahrscheinlich der Teufel erfunden.»↩
39
Der Jesuitenorden wurde im 16. Jahrhundert als unmittelbar dem Papst unterstellter Orden gegründet, der sich «den verschiedensten seelsorgerlich-apostolischen Werken widmet»; von größter Bedeutung für die Ordensmitglieder ist die «Erfahrung des persönlichen Gerufenseins zum Einsatz für die größere Ehre Gottes als tiefere Nachfolge des armen und gekreuzigten Christus». Die «Sendung» ist die «zentrale Leitidee des Ordenslebens», und um der dafür notwendigen «Beweglichkeit» willen wird auf «bisher für das Ordensleben charakteristische gemeinschaftsprägende Formen» verzichtet. Die Organisation ist geprägt von einem «Zueinander von straff-zentralistischer Leitung einerseits, individuell-persönlicher Führung andererseits» (Kl. Schatz, Art. «Jesuiten, Societas Jesu [SJ], in: RGG4 IV, Sp. 458–462, dort Sp. 458 📖). – In der Schweiz war der Orden von 1848 bis 1973 verboten, weil man sich vor einer organisierten schleichenden Unterwanderung der Gesellschaft im jesuitisch-katholischen Sinn fürchtete.↩
40
Vgl. Brunner, Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? (Anm. 4), Version 1, S. 1 📖: «Wunder der Lebensumwandlung sind die ‹Zeichen› (Mk. 16,17), die der Herr der Kirche seinen Boten verheisst, als er ihnen den Befehl gibt, in die Welt hinauszuziehen, um das Evangelium zu verkünden. Wie der Bankkassier den Goldklang der Münze prüft, so prüft die Welt an solchen Zeichen die Echtheit christlicher Verkündigung.»↩
41
Vgl. ebd. 📖: «Darum sind es jetzt nicht mehr die Pfarrer allein, sondern bereits die Politiker und Wirtschaftsführer, die, wie neulich der Staatssekretär der Vereinigten Staaten, es aussprechen: das einzige, was uns retten kann, ist eine religiöse Erweckung.» – Gemeint ist Cordell Hull (1871–1955), der von 1933 bis 1944 Außenminister der USA (United States Secretary of State) war. Vgl. den Brief Brunners an Barth vom 24.12.1935 (KBA 9125.179; Bw.Brunner, S. 294–297 📖), in dem Brunner auch Barths Darstellung in diesem Punkt berichtigte: «Z. B. war nicht davon die Rede, daß der Staatssekretär Hull die Gruppe gelobt hat, sondern daß er die Ansicht äußerte, es könne uns nur eine Erweckung retten, was selbstverständlich als Ansicht eines Staatsmannes ein anderes Bild von unserer Situation gibt als das Wort eines Theologen» (Bw.Brunner, S. 295). ↩
42
Vgl. Brunner, Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? (Anm. 4), Version 1, S. 3 📖: «Fabrikdirektoren und Arbeiter, Professoren und Hausfrauen, Studenten, Sportsleute, Ärzte, Ingenieure, Kaufleute, Gastwirte, Bauernführer und Arbeitersekretäre, […], alle miteinander ein grosses Heer von Zeugen.»↩
43
Vgl. a.a.O., S. 5 📖: «Vor einem halben Jahr hat die Arbeit der Oxford-Gruppe in Dänemark begonnen. Als vor wenigen Wochen die Parlamentswahlen stattfanden, hat keine der politischen Parteien das grosse Forum, das 25000 Menschen fasst, zu mieten gewagt. Die Oxford-Gruppe aber hat es getan. Es wurde nicht nur voll, sondern es mussten gleichzeitig noch Nebenversammlungen stattfinden.» – Gemeint ist die 1926 errichtete «Forum-Halle», der damals größte Hallenbau in Dänemark; sie wurde im August 1943 von einer dänischen Widerstandsgruppe gesprengt. – Zur Arbeit und dem Erfolg der Gruppenbewegung in Dänemark in der ersten Hälfte der 1930er Jahre vgl. den Bericht Hans Fuglsang-Damgaards (1890–1979; 1934–1960 Bischof von Kopenhagen) in der Sitzung der Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Konferenz vom 10.12.1935, in: Verantwortung für die Kirche. Stenographische Aufzeichnungen und Mitschriften von Landesbischof Hans Meiser, Bd. 2: Herbst 1935 bis Frühjahr 1937, bearb. von H. Braun / C. Nicolaisen ( AKIZ.A 4), Göttingen 1993, S. 128–131 📖.↩
44
In der Verwendung des Begriffs «Zauberberg» wird, ähnlich wie im gleichnamigen Titel des 1924 erschienenen Romans von Thomas Manns 📖, eine Anspielung auf die mit einem solchen Ort verbundene Abgeschlossenheit und Verführungskraft zu sehen sein; vgl. schon die in Joseph von Eichendorffs Erzählung «Das Marmorbild» 📖 enthaltene Anspielung auf den Berg, in den der Rattenfänger von Hameln dem Märchen gemäß die Kinder geführt haben soll (ders., Werke, hrsg. von A. Hillach, Bd. 2, München 1970, S. 526–564, dort S. 527): «Der Fremde war über die letzten Worte in tiefe Gedanken versunken. ‹Habt Ihr wohl jemals›, sagte er zerstreut aber sehr ernsthaft, ‹von dem wunderbaren Spielmann gehört, der durch seine Töne die Jugend in einen Zauberberg hinein verlockt, aus dem keiner wieder zurückgekehrt ist? Hütet Euch!›»↩
45
Vgl. Brunner, Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? (Anm. 4), Version 1, S. 1 📖: «Die Gruppe […] wagt einzuladen: kommt und seht – nicht, was wir für wunderbare Menschen sind, sondern: wie Christus machtvoll in unser gottloses Leben eingegriffen hat. […] Wo aber die Wunder der Lebensumwandlung […] wirklich geschehen, da laufen die Menschen zu Tausenden, um die Botschaft zu hören», und S. 3: «Sie können […] erzählen, was an ihnen geschehen ist, und schlicht berichten, wer er ist und was er will. […] sie tun es aber vor allem zwischen zweien und vieren, wo sie ihr Herr mit einem Menschen zusammenführt, von dem sie glauben können, dass ihn so die Botschaft erreichen können, von der [er] sonst jahraus, jahrein nichts hört und für die er, auch wenn er sie hört, kein Verständnis hat. In dieser Form, in der Weise des Berichtes, erreicht sie ihn. […] Und nun wird aus dem Zeugen ein ‹Lebensumwandler›.» ↩
46
Vgl. a.a.O., S. 1 📖: «Wunder der Lebensumwandlung sind die ‹Zeichen› (Mk. 16,17), die der Herr der Kirche seinen Boten verheisst, […]. Wo die Verkündigung der Kirche nicht von solchem Bericht von wunderbaren Geschehnissen umgeben ist, wird sie unglaubwürdig, da verlieren die Menschen das Vertrauen zur Botschaft selbst», S. 3: «In diesem stillen und ganz verborgenen Geschehen ereignet sich immer wieder jenes Letzte: die Wende vom Nichtglauben zum Glauben», und S. 4: «Es wird nicht umsonst sein, dass bedeutende Staatsmänner und andere Männer, die einen Ausweg aus der Not suchen, von der Gruppe gesagt haben, sie sehen in ihr mehr Hoffnungslicht als sonst in irgend etwas, was heute geschieht.» ↩
47
Vgl. ebd 📖.: «Das hat die Kirche schon lange gepredigt, es ist die Antwort der Bibel: Dass Gerechtigkeit ein Volk erhöhet, aber die Sünde ist der Leute Verderben.»↩
48
Zum weitverbreiteten Krisenbewusstsein im Europa der 1920er und 1930er Jahre vgl. oben, S. 296f., Anm. 31.↩
49
Bei dem Treffen mit Vertretern der Gruppenbewegung, zu dem Brunner Barth für den 11. September 1933 eingeladen hatte (s. oben, Anm. 5), kam es nach Brunners eigenem Bericht «zu einem Zeugnis von Th. Spörri, das auch mir überraschend kam und das ich in dieser allzu persönlichen Form lieber nicht gehört hätte. Die anderen blieben durchaus in den Grenzen dessen, was in einer Besprechung eines so eminent persönlichen Themas (nova vita) geboten oder nicht ungewohnt ist» (Brief Brunners an Thurneysen vom 15.9.1933, zit. nach Bw.Brunner, S. 235, Anm. 2 📖).↩
50
Vgl. E. Thurneysen, Führung. Zur Frage der Geistesleitung, in: Die Furche 10 (1934), S. 83–102, dort S. 89 📖: «Diese Distanz zwischen dem Geschehen um die Propheten und Apostel herum und dem sonstigen Geschehen in der menschlichen Geschichte […] darf unter keinen Umständen verwischt oder relativiert werden. Daß diese Distanz immer wieder, auch in der christlichen Kirche nicht mehr recht gesehen und innegehalten wird, daß man […] die Geschichte aus der Oxford-Bewegung gelegentlich neben die Geschichten der Bibel gestellt hat, daß man es gewagt hat, Russells Buch ‹For Sinners only› eine ‹Fortsetzung der Apostelgeschichte› zu nennen: das ist schlechthin verkehrt.» Gemeint ist: A. J. Russell, For Sinners only, London 1932 📖.↩
51
Vgl. Brunner, Was ist und was will die sogenannte Oxford-Gruppenbewegung? (Anm. 4), Version 1, S. 1f. 📖: «Wo aber die Wunder der Lebensumwandlung, die das Neue Testament als selbstverständliche Wirkungen des Gottesgeistes und des wahrhaften Glaubens beschreibt, verheisst und fordert, wirklich geschehen, da laufen die Menschen zu Tausenden, um die Botschaft zu hören. […] Die Lebensumwandlung, um die es in der Gruppe wie im Neuen Testament geht, besteht darin, dass Menschen den Platz am Steuerrad ihres Lebens dem abtreten, dem er gehört, dem, den der Glaube ‹den Herrn› nennt. […] Wo der Mensch im konkreten Geschehen seines Lebens sich als den Rebellen entdeckt und ebendort Christus als den rechtmässigen Herrn wieder anerkennt, da wird es, selbstverständlich, anders zwischen Mann und Frau, zwischen Jung und Alt, zwischen Arbeitgeber und -nehmer, zwischen Kollegen und Freunden, aber auch zwischen alten Feinden.»↩
52
Der besonders in der englischsprachigen Theologie schon zuvor verwendete Ausdruck wurde «durch die Missionskonferenz von Jerusalem 1928 Zusammenfassung der von Gott gelösten Seinshaltung, der wir jetzt in der ganzen Welt begegnen» (M. Schlunk, Art. «Säkularismus», RGG2 V, Sp. 37–39, dort Sp. 37 📖; ähnlich ders., Die Überwindung des Säkularismus. Die Entchristlichung der modernen Menschheit und die Aufgaben der Weltmission des Christentums, Berlin 1929, S. 6 📖; vgl. U. Barth, Art. «Säkularisierung I. Systematisch-theologisch», in: TRE, Bd. 29, S. 603–634, dort S. 606 📖). – Vgl. schon K. Barth, Fragen an das Christentum, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 141–155, dort S. 148 📖: «die Rede vom ‹Säkularismus› der modernen Welt dürfte auf einem verhängnisvollen Missverständnis beruhen!»; ders., Offenbarung, Kirche, Theologie, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 169–217, dort S. 183 📖: «Die Kirche beschäftigt sich heute auf der ganzen Welt mit dem Problem der Säkularisierung des modernen Menschen. Sie würde vielleicht besser tun, sich mindestens zuerst mit dem Problem ihrer eigenen Säkularisierung zu beschäftigen. Säkularismus herrscht zweifellos da, wo man nur noch um den Menschen, nicht mehr um Gottes Offenbarung weiß.»↩