Juli 2015

Vorwort

VII

VORWORT

1) Biographisches

Karl Barth hielt die hier gesammelten Predigten 1911, in dem Jahr, in dem er 25jährig wurde. Gerade in diesem Jahr stellten sich mancherlei Änderungen in seinem Lebenslauf ein. Er kam her von der Theologie seiner Lehrer. Es waren vor allem Wilhelm Herrmann, bei dem er über das Gebet nach Calvin hatte promovieren wollen, und Adolf von Harnack, der schon mit Karls Vater Fritz Barth befreundet war und der ihm Johann Wolfgang von Goethe ans Herz gelegt hatte. Doch in seinen Predigten von 1911 ist zu merken, wie er durch das Hören auf die Heilige Schrift und in der Wahrnehmung sowohl der Situation seiner Predigthörer wie der Zeitgeschehnisse weitergeführt wurde. Die Predigten sind recht ausführlich. Denn die Predigt ist nach der reformierten Tradition in der Schweiz der zentrale Akt im Gottesdienst. Man sagt zum Gottesdienstbesuch daher, «mr goht z’Predig».

Bis zum Juni 1911 wirkte Barth als pasteur suffragant in der deutschsprachigen reformierten Gemeinde in Genf. Seine Predigten hielt er neben der großen Kirche St. Pierre im Temple de l’Auditoire, der einst der Hörsaal für Calvins Vortrag seiner Bibelauslegungen war. Auf dessen Kanzel trug Barth seine Predigten vor. Er glaubte, sie in dessen Sinn zu halten, obwohl und indem sein geistiges Vorbild Friedrich Schleiermacher war. Sein Vorgesetzter war zunächst der ökumenisch aktive Pfarrer Adolf Keller, der indes im Oktober 1909 an die Zürcher Peterskirche berufen war. Bis in Genf sein Nachfolger Paul Walter eingesetzt war, war Barth allein für den Predigtdienst verantwortlich.

In seinen Predigten suchte er ein gehobenes Bildungs-Bürgertum unter den Gliedern seiner Gemeinde anzusprechen. Sie beziehen daher oftmals historische, philosophische und literarische Kontexte mit ein. Er wandte dabei seine eigene Bildung an. Wie seine Predigten so nahm Barth auch den Konfirmandenunterricht sehr ernst, den er wie Vorlesungen für Laien gestaltete. Er trug sie in 35 Lektionen vor, zu denen er jeweils einen Leitsatz diktierte. Einer lautete etwa so: «Der Weg zu Jesus und der Weg zum Lebensinhalt kann nicht wie eine Wissenschaft oder wie ein Beruf gelehrt und gelernt werden. Die |VIII christliche Gewissheit ist eine Erfahrung des innern Lebens[,] und Gott führt jeden seinen besondern Weg.»1 Zudem machte Barth viele Hausbesuche und erfuhr dabei Manches, was er dann in den Predigten besprach. Oder er griff es auf in Artikeln in dem «Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte Gemeinde Genf. 📖»

Es waren namentlich zwei Ereignisse, die ihm damals nachhaltig zu denken gaben. Im Februar beeindruckte ihn der amerikanische Studentenführer John Mott, als er in Genf sprach. «Er hat nur eine Melodie, wie der alte Dessauer, aber die ist gut: Evangelisation, die Menschheit für Jesus und Jesus für die Menschheit.»2 Barth kam auch in der Predigt vom 26. Februar 1911 darauf zu sprechen.3 In anderer Weise reagierte er auf einen Vorfall in Genf. Es handelte sich um einen förmlichen Volksaufstand am 28. April im Namen der Freiheit und des Fortschritts zugunsten von sittlicher Laxheit. Insbesondere trieb ihn der von ihm vernommene Satz des Genfer Staatsrats Henri Fazy zu einem grundsätzlichen Widerspruch: «Nous respectons la religion, mais qu’on nous laisse en repos!» Es ging dabei um Glückspiele, was für Barth eine konkrete Spitze von Alkoholismus, Mammonismus und Libertinismus war.4 In seiner Predigt am 7. Mai 1911 befasste er sich mit diesem Vorfall.5

Am 2. April hielt er seine Probepredigt im aargauischen Safenwil, das erst seit 40 Jahren eine selbständige Kirchgemeinde war. Der Predigttext Mt. 5,10–12 setzte dabei eine ernste Note: «Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden…». Kurz danach wurde er dort als Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde mit großer Zustimmung gewählt. Das Presbyterium, die sogenannte «Kirchenpflege», und die weiteren Glieder der Kirchgemeinde sahen dem neuen Pfarrer freudig-gespannt entgegen. Am 3. Juli 1911 zog Barth in dem Pfarrhaus in |IX Safenwil ein, am folgenden Sonntag, 9. Juli, wurde er nachmittags von seinem Vater mit einer Predigt über 2.Kor. 4,1f. in sein Amt eingeführt; der Sohn predigte im gleichen Gottesdienst über Joh. 14,24 und bezog das Wort über Jesus dabei kühn auf sich: «Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.» Er sagte dazu programmatisch, «dass ich Euch nicht von Gott rede, weil ich einmal Pfarrer bin, sondern dass ich Pfarrer bin, weil ich von Gott reden muss…».6

Bei seiner Antrittspredigt in Safenwil war auch eine Reihe von Verwandten und Freunden und namentlich auch seine geliebte 17jährige Braut anwesend, Nelly Hoffmann. Mit ihr hatte er sich wenig zuvor noch in Genf verlobt, nachdem er eine Woche zuvor um ihre Hand angehalten hatte. In Rorschach, wo ihr Vater Verwalter eines Guts und einer der Staatsschreiber war,7 war sie als jüngste von fünf Schwestern geboren. Von dort war ihre Mutter nach dem frühen Tod ihres Vaters 1905 nach Genf gezogen. Sie gehörte zum ersten Jahrgang von Karl Barths Unterweisungsschülern und war von ihm an Himmelfahrt 1910 konfirmiert worden. Nach ihrer Verlobung verzichtete sie auf ihr angestrebtes Musikstudium und bereitete sich unter Anleitung ihrer Mutter Anna Elisabeth Hoffmann in Genf auf ihre zukünftige Rolle als Ehe- und Pfarrfrau vor. Ihr Bräutigam vermisste sie in dieser Zeit sehnlich. Ihre Vermählung fand im März 1913 statt.

Schon gleich anderntags nach seiner Amtseinführung wanderte Karl Barth in das benachbarte Uerkheim, um mit dem dortigen Pfarrer Paul Schild den Plan für eine Zusammenarbeit zu besprechen. Auch knüpfte er bald Kontakt mit dem katholischen Kollegen Arnold Grolimund in einem Nachbarort. Er betätigte sich nach vielen Seiten.8 Im Winter hielt er Gemeindebibelstunden und wurde Mitglied im Blaukreuzverein. In der Kirchenpflege wirkte als deren «Aktuar». |X Er übernahm zeitweise den Unterricht in der Haushaltungsschule mit Kursen über Gesundheitslehre und Buchführung und war Mitglied der «Schulpflege», in der er sich auch für das Turnen von Mädchen einsetzte. Seinem Vater berichtete er: «Es fällt mir auf, wie ganz anders man hier als Pfarrer mitten im Volksleben drinsteht, nolens volens, als in Genf. Man kann hier als Pfarrer einfach Alles werden und machen, […]. Mir ist diese Situation ganz erwünscht, lieber als die an anderen Orten, wo man mit seinen ‹christlichen› Bestrebungen so nebenab steht und froh sein muss, wenn die Leute etwas von Einem wollen.»9

Barth sah doch auch hier seine entscheidende Aufgabe in der des Predigens. Er schrieb seine Predigten wörtlich aus, aber las dann sein Manuskript nicht vor, sondern sprach frei zu den Anwesenden. Die Predigten wurden nun merklich volksnäher, auch wenn sie Gottfried Keller, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller als bekannt voraussetzten. Er ging darin immer wieder auch auf politische Vorkommnisse und dörfliche Alltagsereignisse ein. Es ist ersichtlich, dass er bei der Vorbereitung neben der Bibel und dem Gesangbuch auch die Zeitung, vielmehr verschiedene Zeitungen aufgeschlagen vor sich hatte. Er tat dies in der Grundüberzeugung, dass die alten Bibeltexte aktuell zu den heutigen Menschen, ja, direkt zu den unter der Kanzel versammelten Leuten sprechen. Gerade darum tauchen in den Predigten Anzeichen auf, dass sich sein Denken zu wandeln begann. Das Bildungsideal, das in Goethe seinen Maßstab hat, begann hinter den Problemen der Arbeitswelt der Safenwiler Menschen zurückzutreten. In der Predigt am 3. Advent ist sogar davon die Rede, es gelte zu «wählen» – zwischen dem Lebensziel Goethes, das «abseits von den Nöten» liegt, oder dem Jesu, der sich gerade diesen Nöten zuwendet. Damit deutet sich an, was für Barth schon in seinem ersten Jahr in Safenwil wichtig wurde.

In diesem Dorf wohnten nämlich nebst einigen Bauern vor allem Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen, die zumeist in der Strickerei, ­Färberei, Weberei und Dampfsäge am Ort angestellt waren. Diese Industrien waren in der Hand von zwei Fabrikbesitzern. Vom Konfirmandenalter an mussten die Menschen beiderlei Geschlechts über |XI 12 Stun­den Tag für Tag in den Fabriken arbeiten. Und sie verdienten dabei kaum genug für den Lebensunterhalt. Der neue Pfarrer stand bald wie selbstverständlich auf Seiten der armen Leute. Vom Oktober an hielt er Vorträge im Arbeiterverein. Hohe Wellen schlug sein Vortrag in diesem Kreis am 17. Dezember 1911 über «Jesus Christus und die soziale Bewegung». Darin erklärte er, dass die Kirche Jahrhunderte lang gegenüber der sozialen Not versagt habe – im Gegensatz zu Jesus, für den es nur einen solidarischen, sozialen Gott gegeben habe. Nach ihm müsse man «ein Gemeinschaftsmensch, ein Genosse werden […], um überhaupt ein Mensch zu sein».10 Nachdem der Vortrag in der sozialistischen Tageszeitung «Freier Aargauer» veröffentlicht war, regte sich Widerspruch. Der Fabrikant Walter Hüssy reagierte mit einem scharfen publizistischen Angriff auf ihn. Der Präsident der Safenwiler Kirchenpflege reichte seinen Rücktritt ein. Über die freundliche Stimmung der ersten Zeit zog eine Gewitterwolke auf. Barth aber ließ es sich nicht verdrießen, für die gerechte Sache einzustehen. In seinen Predigten ging er kaum darauf ein. Er meinte, man könne hier nicht ständig «politisch» reden, sondern nur gezielt in konkreten Fällen. Aber in seinen Predigten war der Grund gelegt für sein Eintreten für bedrohte Mitmenschen.

2) Dank der Herausgeber

Für ihre Hilfe bei der Erstellung und Kontrolle der Register und weiteren Recherche- und Korrekturarbeiten ist den Mitarbeitern im Karl Barth-Archiv, Michael Braunschweig und Dominic Schneider zu danken. Dem Leiter des Archivs, Dr. Peter Zocher, danken wir recht herzlich für die sorgfältige Durchsicht und seine Verbesserungen an dem von uns ausgearbeiteten Editionstext. Überdies ist den Mitarbeitern des Theologischen Verlags Zürich für die gute verlegerische Betreuung und der pagina GmbH, Tübingen, für ihre akkurate Arbeit bei der Satzerstellung zu danken.

Beate Busch-Blum und Eberhard Busch
XII
3) Zu dieser Edition

Dieser Band enthält die 39 Predigten des Jahres 1911, von denen Barth das erste Drittel im ersten Halbjahr in Genf, die übrigen 26 Predigten im zweiten Halbjahr in Safenwil gehalten hat. Sie sind mit den Nummern 56–94 versehen; Kasualansprachen aus diesem Jahr sind nicht erhalten. Die im Karl Barth-Archiv aufbewahrten Manuskripte sind auf unlinierte Bögen geschrieben, die eine Höhe von 22,5 cm und eine Breite von 36 cm haben und einmal quergefaltet sind. Alle Predigten des Jahres 1911 sind in sauberer, deutscher Handschrift komplett ausgeschrieben. Für die Genfer Predigten benötigte Barth in der Regel vier solcher Bögen, beschrieb alle 16 Seiten – und manchmal noch eine weitere eines fünften Bogens; in Safenwil genügten ihm für die dort gehaltenen 26 Predigten überwiegend drei Bögen, deren zwölf Seiten er jeweils füllte. Dreimal beschrieb er dort lediglich elf Seiten, neunmal brauchte er für eine oder zwei weitere Seiten einen vierten Bogen.

Den Predigttext hat Barth jeweils der Predigt vorangestellt und durch Unterstreichungen zumeist des ganzen Textes, mitunter auch nur der in ihm enthaltenen wörtlichen Rede oder von Teilen davon, hervorgehoben. Barth folgte jeweils der Fassung der von ihm benutzten revidierten Ausgabe der Luther-Übersetzung von 1892 (9. Abdruck, Halle/S. 1899); er hatte ein Exemplar davon zu Weihnachten 1900 von seinem Patenonkel Karl Sartorius geschenkt bekommen.

Überwiegend – in Genf immer – notierte Barth links oder rechts oben auf der ersten Seite des Manuskripts die Liednummern für den Gottesdienst, die sich nach dem 1890/91 eingeführten Gesangbuch für die evangelisch-reformierte Kirche der deutschen Schweiz (GERS) richteten; sie werden in dieser Ausgabe unterhalb der jeweiligen Predigt mitgeteilt, die Liednummern im Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz (RG) von 1998 bzw. im (deutschen) Evangelischen Gesangbuch (EG) von 1992 sind hinzugefügt, soweit die Lieder dort enthalten sind. Nur während seiner Zeit in Genf hat Barth außerdem ebenfalls oben auf der ersten Seite des Manuskripts die Bibelstelle(n) für die Lesung(en) im Gottesdienst aufgeschrieben.11 Auch diese Angaben finden sich in dieser Ausgabe unterhalb der jeweiligen Predigt.

XIII Die Transkription der Manuskripte war Sache der Herausgeber und wurde im Karl Barth-Archiv überprüft. Die sehr wenigen unsicheren Worte sind mit einem [?] oder mit einer Anmerkung versehen. Orthographie und Interpunktion wurden nach den für die Gesamtausgabe gültigen Regeln modernisiert. Abkürzungen sind in der Regel ausgeschrieben, lange Passagen ohne Gliederung häufiger durch Herausgeber-Absätze untergliedert. Diese orientieren sich in vielen Fällen an Gedankenstrichen, die Barth eingefügt hatte, und sind erkennbar an einem senkrechten Strich hinter dem letzten Satzzeichen des Absatzes. Unterstreichungen mit Tinte werden durch Kursivsatz wiedergegeben, andere Unterstreichungen Barths sind in den Manuskripten dieses Bandes nicht enthalten. Eckige Klammern im Predigttext– in der Regel handelt es sich um Bibelstellennachweise – markieren stets Zusätze der Herausgeber.

Peter Zocher

Sachfußnoten

1
K. Barth, Konfirmandenunterricht 1909–1921, hrsg. von J. Fangmeier (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1987, S. 57–106, dort S. 61 (i. Orig. hervorgehoben) 📖.↩
2
K. Barth, Vorträge von John Mott (1911), in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 285–287, dort S. 286 📖.↩
3
Siehe unten, S. 78.↩
4
Vgl. K. Barth, Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche (1911), in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 320–328, Zitat: S. 321 📖. Vgl. auch a.a.O., S. 310–319.↩
5
Siehe unten, S. 143–157.↩
6
Siehe unten, S. 199.↩
7
Den «von»- Zusatz zu ihrem Namen hatte die Familie schon zuvor im 19. Jahrhundert abgelegt (Information des Rorschacher Historikers Dr. Louis Specker).↩
8
Zu Barths ersten Safenwiler Monaten vgl. P. Zocher, «Hier hat man das erfreuliche Gefühl, nötig zu sein.» Der neue Pfarrer Karl Barth und die Gemeinde Safenwil im Jahre 1911, in: ZDT 31 (2015), Nr. 2 (erscheint voraussichtlich im Oktober 2015) 📖.↩
9
Brief an Fr. Barth vom 21.9.1911 (KBA 9211.90).↩
10
K. Barth, Jesus Christus und die soziale Bewegung (1911), in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 380–409, dort S. 407 📖.↩
11
Dass er dies gerade in Genf – und dann nicht mehr – tat, mag auf den dortigen Einfluss Adolf Kellers zurückzuführen sein, der mit der Einführung einer zusätzlichen Lesung im Gottesdienst dessen ansonsten eher sparsame liturgische Gestaltung aufwerten wollte; vgl. M. Jehle-Wildberger, Adolf Keller (1872–1963). Pionier der ökumenischen Bewegung, Zürich 2008, S. 60 📖. Zur Gottesdienstgestalt in Safenwil vgl. Predigten 1915, S. VIII–XI 📖.↩