VII
VORWORT
1) Biographisches
Karl Barth hielt die hier gesammelten Predigten 1911, in dem Jahr, in dem er
25jährig wurde. Gerade in diesem Jahr stellten sich mancherlei Änderungen in
seinem Lebenslauf ein. Er kam her von der Theologie seiner Lehrer. Es waren
vor allem Wilhelm Herrmann, bei dem er über das Gebet nach Calvin hatte
promovieren wollen, und Adolf von Harnack, der schon mit Karls Vater Fritz
Barth befreundet war und der ihm Johann Wolfgang von Goethe ans Herz gelegt
hatte. Doch in seinen Predigten von 1911 ist zu merken, wie er durch das
Hören auf die Heilige Schrift und in der Wahrnehmung sowohl der Situation
seiner Predigthörer wie der Zeitgeschehnisse weitergeführt wurde. Die
Predigten sind recht ausführlich. Denn die Predigt ist nach der reformierten
Tradition in der Schweiz der zentrale Akt im Gottesdienst. Man sagt zum
Gottesdienstbesuch daher, «mr goht z’Predig».
Bis zum Juni 1911 wirkte Barth als pasteur suffragant in der
deutschsprachigen reformierten Gemeinde in Genf. Seine Predigten hielt er
neben der großen Kirche St. Pierre im Temple de l’Auditoire, der
einst der Hörsaal für Calvins Vortrag seiner Bibelauslegungen war. Auf
dessen Kanzel trug Barth seine Predigten vor. Er glaubte, sie in dessen Sinn
zu halten, obwohl und indem sein geistiges Vorbild Friedrich Schleiermacher
war. Sein Vorgesetzter war zunächst der ökumenisch aktive Pfarrer Adolf
Keller, der indes im Oktober 1909 an die Zürcher Peterskirche berufen war.
Bis in Genf sein Nachfolger Paul Walter eingesetzt war, war Barth allein für
den Predigtdienst verantwortlich.
In seinen Predigten suchte er ein gehobenes Bildungs-Bürgertum unter den
Gliedern seiner Gemeinde anzusprechen. Sie beziehen daher oftmals
historische, philosophische und literarische Kontexte mit ein. Er wandte
dabei seine eigene Bildung an. Wie seine Predigten so nahm Barth auch den
Konfirmandenunterricht sehr ernst, den er wie Vorlesungen für Laien
gestaltete. Er trug sie in 35 Lektionen vor, zu denen er jeweils einen
Leitsatz diktierte. Einer lautete etwa so: «Der Weg zu Jesus und der Weg zum
Lebensinhalt kann nicht wie eine Wissenschaft oder wie ein Beruf gelehrt und
gelernt werden. Die |VIII christliche Gewissheit ist eine
Erfahrung des innern Lebens[,] und Gott führt jeden seinen besondern
Weg.»1 Zudem machte Barth viele Hausbesuche und erfuhr
dabei Manches, was er dann in den Predigten besprach. Oder er griff es auf
in Artikeln in dem «Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte Gemeinde
Genf.
📖»
Es waren namentlich zwei Ereignisse, die ihm damals nachhaltig zu denken
gaben. Im Februar beeindruckte ihn der amerikanische Studentenführer John
Mott, als er in Genf sprach. «Er hat nur eine Melodie, wie der alte
Dessauer, aber die ist gut: Evangelisation, die Menschheit
für Jesus und Jesus für die Menschheit.»2 Barth kam auch
in der Predigt vom 26. Februar 1911 darauf zu sprechen.3 In anderer Weise reagierte er auf einen
Vorfall in Genf. Es handelte sich um einen förmlichen Volksaufstand am 28.
April im Namen der Freiheit und des Fortschritts zugunsten von sittlicher
Laxheit. Insbesondere trieb ihn der von ihm vernommene Satz des Genfer
Staatsrats Henri Fazy zu einem grundsätzlichen Widerspruch: «Nous respectons
la religion, mais qu’on nous laisse en repos!» Es ging dabei um
Glückspiele, was für Barth eine konkrete Spitze von Alkoholismus,
Mammonismus und Libertinismus war.4 In seiner Predigt am
7. Mai 1911 befasste er sich mit diesem Vorfall.5
Am 2. April hielt er seine Probepredigt im aargauischen Safenwil, das erst
seit 40 Jahren eine selbständige Kirchgemeinde war. Der Predigttext Mt.
5,10–12 setzte dabei eine ernste Note: «Selig sind, die um
Gerechtigkeit willen verfolgt werden…». Kurz danach wurde er dort als
Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde mit großer Zustimmung gewählt. Das
Presbyterium, die sogenannte «Kirchenpflege», und die weiteren Glieder der
Kirchgemeinde sahen dem neuen Pfarrer freudig-gespannt entgegen. Am 3. Juli
1911 zog Barth in dem Pfarrhaus in |IX Safenwil ein, am
folgenden Sonntag, 9. Juli, wurde er nachmittags von seinem Vater mit einer
Predigt über 2.Kor. 4,1f. in sein Amt eingeführt; der Sohn predigte im
gleichen Gottesdienst über Joh. 14,24 und bezog das Wort über Jesus dabei
kühn auf sich: «Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters,
der mich gesandt hat.» Er sagte dazu programmatisch, «dass ich Euch nicht
von Gott rede, weil ich einmal Pfarrer bin, sondern dass ich Pfarrer bin,
weil ich von Gott reden muss…».6
Bei seiner Antrittspredigt in Safenwil war auch eine Reihe von Verwandten und
Freunden und namentlich auch seine geliebte 17jährige Braut anwesend, Nelly
Hoffmann. Mit ihr hatte er sich wenig zuvor noch in Genf verlobt, nachdem er
eine Woche zuvor um ihre Hand angehalten hatte. In Rorschach, wo ihr Vater
Verwalter eines Guts und einer der Staatsschreiber war,7 war sie als jüngste von fünf Schwestern geboren.
Von dort war ihre Mutter nach dem frühen Tod ihres Vaters 1905 nach Genf
gezogen. Sie gehörte zum ersten Jahrgang von Karl Barths
Unterweisungsschülern und war von ihm an Himmelfahrt 1910 konfirmiert
worden. Nach ihrer Verlobung verzichtete sie auf ihr angestrebtes
Musikstudium und bereitete sich unter Anleitung ihrer Mutter Anna Elisabeth
Hoffmann in Genf auf ihre zukünftige Rolle als Ehe- und Pfarrfrau vor. Ihr
Bräutigam vermisste sie in dieser Zeit sehnlich. Ihre Vermählung fand im
März 1913 statt.
Schon gleich anderntags nach seiner Amtseinführung wanderte Karl Barth in das
benachbarte Uerkheim, um mit dem dortigen Pfarrer Paul Schild den Plan für
eine Zusammenarbeit zu besprechen. Auch knüpfte er bald Kontakt mit dem
katholischen Kollegen Arnold Grolimund in einem Nachbarort. Er betätigte
sich nach vielen Seiten.8 Im
Winter hielt er Gemeindebibelstunden und wurde Mitglied im Blaukreuzverein.
In der Kirchenpflege wirkte als deren «Aktuar». |X Er
übernahm zeitweise den Unterricht in der Haushaltungsschule mit Kursen über
Gesundheitslehre und Buchführung und war Mitglied der «Schulpflege», in der
er sich auch für das Turnen von Mädchen einsetzte. Seinem Vater berichtete
er: «Es fällt mir auf, wie ganz anders man hier als Pfarrer mitten im
Volksleben drinsteht, nolens volens, als in Genf. Man kann hier als Pfarrer
einfach Alles werden und machen, […]. Mir ist diese Situation ganz
erwünscht, lieber als die an anderen Orten, wo man mit seinen ‹christlichen›
Bestrebungen so nebenab steht und froh sein muss, wenn die Leute etwas von
Einem wollen.»9
Barth sah doch auch hier seine entscheidende Aufgabe in der des Predigens. Er
schrieb seine Predigten wörtlich aus, aber las dann sein Manuskript nicht
vor, sondern sprach frei zu den Anwesenden. Die Predigten wurden nun
merklich volksnäher, auch wenn sie Gottfried Keller, Johann Wolfgang von
Goethe und Friedrich von Schiller als bekannt voraussetzten. Er ging darin
immer wieder auch auf politische Vorkommnisse und dörfliche
Alltagsereignisse ein. Es ist ersichtlich, dass er bei der Vorbereitung
neben der Bibel und dem Gesangbuch auch die Zeitung, vielmehr verschiedene
Zeitungen aufgeschlagen vor sich hatte. Er tat dies in der Grundüberzeugung,
dass die alten Bibeltexte aktuell zu den heutigen Menschen, ja, direkt zu
den unter der Kanzel versammelten Leuten sprechen. Gerade darum tauchen in
den Predigten Anzeichen auf, dass sich sein Denken zu wandeln begann. Das
Bildungsideal, das in Goethe seinen Maßstab hat, begann hinter den Problemen
der Arbeitswelt der Safenwiler Menschen zurückzutreten. In der Predigt am 3.
Advent ist sogar davon die Rede, es gelte zu «wählen»
– zwischen dem Lebensziel Goethes, das «abseits von den Nöten» liegt,
oder dem Jesu, der sich gerade diesen Nöten zuwendet. Damit deutet sich an,
was für Barth schon in seinem ersten Jahr in Safenwil wichtig wurde.
In diesem Dorf wohnten nämlich nebst einigen Bauern vor allem Fabrikarbeiter
und -arbeiterinnen, die zumeist in der Strickerei, Färberei, Weberei und
Dampfsäge am Ort angestellt waren. Diese Industrien waren in der Hand von
zwei Fabrikbesitzern. Vom Konfirmandenalter an mussten die Menschen
beiderlei Geschlechts über |XI 12 Stunden Tag für Tag in
den Fabriken arbeiten. Und sie verdienten dabei kaum genug für den
Lebensunterhalt. Der neue Pfarrer stand bald wie selbstverständlich auf
Seiten der armen Leute. Vom Oktober an hielt er Vorträge im Arbeiterverein.
Hohe Wellen schlug sein Vortrag in diesem Kreis am 17. Dezember 1911 über
«Jesus Christus und die soziale Bewegung». Darin erklärte er, dass die
Kirche Jahrhunderte lang gegenüber der sozialen Not versagt habe – im
Gegensatz zu Jesus, für den es nur einen solidarischen, sozialen Gott
gegeben habe. Nach ihm müsse man «ein Gemeinschaftsmensch, ein Genosse
werden […], um überhaupt ein Mensch zu sein».10
Nachdem der Vortrag in der sozialistischen Tageszeitung «Freier Aargauer»
veröffentlicht war, regte sich Widerspruch. Der Fabrikant Walter Hüssy
reagierte mit einem scharfen publizistischen Angriff auf ihn. Der Präsident
der Safenwiler Kirchenpflege reichte seinen Rücktritt ein. Über die
freundliche Stimmung der ersten Zeit zog eine Gewitterwolke auf. Barth aber
ließ es sich nicht verdrießen, für die gerechte Sache einzustehen. In seinen
Predigten ging er kaum darauf ein. Er meinte, man könne hier nicht ständig
«politisch» reden, sondern nur gezielt in konkreten Fällen. Aber in seinen
Predigten war der Grund gelegt für sein Eintreten für bedrohte
Mitmenschen.
2) Dank der Herausgeber
Für ihre Hilfe bei der Erstellung und Kontrolle der Register und weiteren
Recherche- und Korrekturarbeiten ist den Mitarbeitern im Karl Barth-Archiv,
Michael Braunschweig und Dominic Schneider zu danken. Dem Leiter des
Archivs, Dr. Peter Zocher, danken wir recht herzlich für die sorgfältige
Durchsicht und seine Verbesserungen an dem von uns ausgearbeiteten
Editionstext. Überdies ist den Mitarbeitern des Theologischen Verlags Zürich
für die gute verlegerische Betreuung und der pagina GmbH, Tübingen, für ihre
akkurate Arbeit bei der Satzerstellung zu danken.
Friedland, im Sommer 2015Beate Busch-Blum und Eberhard
Busch
XII
3) Zu dieser Edition
Dieser Band enthält die 39 Predigten des Jahres 1911, von denen Barth das
erste Drittel im ersten Halbjahr in Genf, die übrigen 26 Predigten im
zweiten Halbjahr in Safenwil gehalten hat. Sie sind mit den Nummern
56–94 versehen; Kasualansprachen aus diesem Jahr sind nicht erhalten.
Die im Karl Barth-Archiv aufbewahrten Manuskripte sind auf unlinierte Bögen
geschrieben, die eine Höhe von 22,5 cm und eine Breite von 36 cm haben und
einmal quergefaltet sind. Alle Predigten des Jahres 1911 sind in sauberer,
deutscher Handschrift komplett ausgeschrieben. Für die Genfer Predigten
benötigte Barth in der Regel vier solcher Bögen, beschrieb alle 16 Seiten
– und manchmal noch eine weitere eines fünften Bogens; in Safenwil
genügten ihm für die dort gehaltenen 26 Predigten überwiegend drei Bögen,
deren zwölf Seiten er jeweils füllte. Dreimal beschrieb er dort lediglich
elf Seiten, neunmal brauchte er für eine oder zwei weitere Seiten einen
vierten Bogen.
Den Predigttext hat Barth jeweils der Predigt vorangestellt und durch
Unterstreichungen zumeist des ganzen Textes, mitunter auch nur der in ihm
enthaltenen wörtlichen Rede oder von Teilen davon, hervorgehoben. Barth
folgte jeweils der Fassung der von ihm benutzten revidierten Ausgabe der
Luther-Übersetzung von 1892 (9. Abdruck, Halle/S. 1899); er hatte ein
Exemplar davon zu Weihnachten 1900 von seinem Patenonkel Karl Sartorius
geschenkt bekommen.
Überwiegend – in Genf immer – notierte Barth links oder rechts
oben auf der ersten Seite des Manuskripts die Liednummern für den
Gottesdienst, die sich nach dem 1890/91 eingeführten Gesangbuch für die
evangelisch-reformierte Kirche der deutschen Schweiz (GERS) richteten; sie
werden in dieser Ausgabe unterhalb der jeweiligen Predigt mitgeteilt, die
Liednummern im Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der
deutschsprachigen Schweiz (RG) von 1998 bzw. im (deutschen) Evangelischen
Gesangbuch (EG) von 1992 sind hinzugefügt, soweit die Lieder dort enthalten
sind. Nur während seiner Zeit in Genf hat Barth außerdem ebenfalls oben auf
der ersten Seite des Manuskripts die Bibelstelle(n) für die Lesung(en) im
Gottesdienst aufgeschrieben.11 Auch diese
Angaben finden sich in dieser Ausgabe unterhalb der jeweiligen Predigt.
XIII Die Transkription der Manuskripte war Sache der Herausgeber und wurde im Karl
Barth-Archiv überprüft. Die sehr wenigen unsicheren Worte sind mit einem [?]
oder mit einer Anmerkung versehen. Orthographie und Interpunktion wurden
nach den für die Gesamtausgabe gültigen Regeln modernisiert. Abkürzungen
sind in der Regel ausgeschrieben, lange Passagen ohne Gliederung häufiger
durch Herausgeber-Absätze untergliedert. Diese orientieren sich in vielen
Fällen an Gedankenstrichen, die Barth eingefügt hatte, und sind erkennbar an
einem senkrechten Strich hinter dem letzten Satzzeichen des Absatzes.
Unterstreichungen mit Tinte werden durch Kursivsatz wiedergegeben, andere
Unterstreichungen Barths sind in den Manuskripten dieses Bandes nicht
enthalten. Eckige Klammern im Predigttext– in der Regel handelt es
sich um Bibelstellennachweise – markieren stets Zusätze der
Herausgeber.
Basel, im Juli 2015Peter Zocher