1. Januar 1911

Predigt: Genesis 1,5b

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Genesis 1,5b
Und es wurde Abend; und es wurde Morgen: der erste Tag.
Liebe Freunde!

Das Wort, das ihr eben gehört habt, steht unter den ersten Zeilen in unsrer Bibel am Ende jenes merkwürdigen Berichtes, in dem erzählt wird, wie es kam, dass es Licht wurde auf der Welt [Gen. 1,2–5]. Am Anfang war Gott, das ist dabei die Hauptsache. Und Gott schuf Himmel und Erde. Aber die Erde war noch wüst und leer, und Finsternis lag auf dem Ozean. Eines aber ist schön und tröstlich und beruhigend auch an der Wüste und an der Finsternis: der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und weil es so ist, ist das Wüste und das Finstere in der Welt ein bloßer Schein, nicht die letzte Wahrheit. Gott ist doch gegenwärtig. Und er braucht jetzt bloß das erlösende Wort zu sprechen, so vergeht der Schein. Gott spricht das erlösende Wort: Es werde Licht! Und wenn Gott redet, so ist seine Rede Tat: es ward Licht. Jetzt ist Beides da, das Licht und die Finsternis, vom Licht aber heißt es, dass Gott Freude daran hatte, er sah, dass es gut war. Und darum trennt er beide. Das Ziel seines Wollens ist nicht das Wüste und Finstere und auch nicht ein unbestimmtes Gemisch von Wüstem und Schönem, von Finsterem und Lichtem, sein Ziel ist nur das Schöne und nur das Licht. Darum trennt er, aber er scheidet nicht, er vernichtet das Wüste und Finstere nicht, denn das Licht Gottes ist nicht selbstverständliches, totes Licht, sondern lebendiges, werdendes Licht. Es besteht eine bestimmte organische, notwendige Verbindung zwischen Finsternis und Licht; es kann ja nicht anders sein, weil Gott am Anfang von beidem steht. Und diese Verbindung ist nun die Grundordnung der Welt Gottes. Der gegenwärtigen Finsternis hat Gott das zukünftige Licht entgegengestellt. Der Weg des Lebens führt vom einen zum andern, und nur da ist Leben, wo dieser Weg wirklich gegangen wird, wo es Licht wird, denn auch das Leben ist nichts Totes und Selbstverständliches. Und Gott nannte das Licht Tag, die Finsternis aber nannte er Nacht. Er will den Tag und nur den Tag, aber |4 auch die Nacht ist in seiner Hand, weil er will, dass der Tag auf die Nacht folge. Sonst würden wir den Tag nicht verstehen. Wir möchten wohl, dass es nur Licht und Tag gäbe, wir denken wohl, wir hätten es anders gemacht, wenn wir die Welt geschaffen hätten. Gott hat es anders gedacht und anders gemacht, und wenn wir leben wollen, dann muss sein Gedanke und sein Wille unser Gedanke und unser Wille werden, nicht umgekehrt. Darum lautet Gottes Ordnung über seine Welt, über das Lichtwerden und Tagwerden, nach dem wir uns sehnen: Es wurde Abend und es wurde Morgen. Zuerst der Abend, dann der Morgen, nicht umgekehrt. So wurde der erste Tag.

So kommt das Licht in die Welt. Und so verläuft der Weg des Lebens. Das ist so, nicht weil es einmal so über uns verhängt ist, sondern weil der Tag und das Licht und das Leben wirklich und buchstäblich Tag und Licht und Leben sind, d. h. etwas Werdendes, Bewegtes, Wachsendes, Vordringendes, und nicht glatte Selbstverständlichkeiten; weil Gott nicht geschaffen hat, sondern schafft, weil er nach dem ersten: Es werde! nicht gestorben oder in den Ruhestand getreten ist, sondern lebt und wirkt in Ewigkeit. Es ward Abend und es ward Morgen: der erste Tag. Und wie es beim ersten Tag geschah, so beim zweiten und dritten, so bei allen Tagen bis herunter auf unsre Tage. Immer stand Gott am Anfang von Allem, und das war die Haupt­sache, immer ließ er es nach der Finsternis Licht werden, immer wurde es Abend und wurde Morgen, und so ist der Tag geworden.

*   *   *

Was soll dieses Wort über Gottes Schöpfung an unserm Neujahrsmorgen? Es soll zu uns reden von Gottes Gedanken über uns, die nicht unsre Gedanken sind [vgl. Jes. 55,8], und doch sind es die Gedanken des Friedens [vgl. Jer. 29,11] und der Freundlichkeit, die wir nötig haben.

Wir gehn dahin und wandern
Von einem Jahr zum andern.1

Das haben wir diese Nacht wieder getan, der eine in Einsamkeit, der andre im frohen Kreise seiner Freunde und Angehörigen, der eine in |5 Betrübnis, der andre in Fröhlichkeit. Wir haben einen Abend hinter uns, dessen Art uns mehr zu denken gibt als ein gewöhnlicher, und wir stehn jetzt an einem Morgen, dessen Bedeutung Keinem ganz gleichgiltig ist, auch wenn er sich die Willkürlichkeit und Zufälligkeit unsrer Kalenderrechnung klargemacht hat. Und so haben wir’s in einem Sinn auch erlebt, was unser Bibelwort sagt: es wurde Abend und es wurde Morgen, und dann war der erste Tag da, der erste Tag des neuen Jahres, das jetzt geheimnisvoll fragend vor uns liegt wie die weißen Blätter des Notizenheftes oder Geschäftsbuches, das wir uns für die neue Periode angeschafft haben. Vielleicht können auch wir Alles das, was uns in solchen Stunden innerlich bewegt, auseinanderlegen in Abendgedanken und Morgengedanken. Wir sehen zurück und wir sehen vorwärts. Wir sind jetzt hier zusammengekommen, um uns vor dem Auge Gottes und im Grund unsrer Herzen zu besinnen darüber, was das heißt und bedeutet, dass wir wandern von einem Jahr zum andern. Wir möchten einen guten Gedanken, einen Trost, eine Verheißung, eine Kraft mitnehmen auf den Weg, den wir zu gehen haben. Denn wir möchten, dass das Jahr, in das wir eingetreten sind, ein wahres und wirkliches Lebensjahr für uns werde. Es kann und es wird das werden, wenn wir die rechte Brücke finden vom Abend zum Morgen, wenn wir die Verbindung verstehen, die nach Gottes Ordnung besteht zwischen beiden, wenn wir sehen, was uns der Schöpfungsbericht der Bibel sagt, dass Gott am Anfang von Allem steht.

*   *   *

Zuerst: Es ward Abend. Wir sehen zurück auf das, was hinter uns liegt, und indem wir das tun, werden Wenige unter uns sein, die ganz frei sind von einer gewissen Wehmut. Das kann verschiedene Gründe haben. |

Zunächst ganz einfach das Bewusstsein, dass die Zeit vergeht. Der Zeiger der Uhr, der so unaufhaltsam fortschreitet, kommt uns zu Stunden wohl vor wie ein Zerstörer und Feind des Lebens, des innersten Lebens in uns. Denn er führt uns, und er hat das auch im vergangenen Jahr wieder getan, hinweg aus schönen, freundlichen Lebensperioden und Erfahrungen in die trüberen Gegenden der Sorge und Traurigkeit oder auch einfach in den unerfreulichen Alltag zurück. |6 Wir besinnen uns an gute Stunden und Tage, die wir erlebt haben, an große, herrliche Stimmungen und Gefühle, die wir empfanden. Wenn damals der Zeiger stillgestanden wäre, dann wäre Alles gut gewesen. Aber er ist nicht stillgestanden. Die Zeiten änderten sich, und wir änderten uns mit ihnen.2 Es ist Abend geworden. |

Und da sind Andere, die macht das Vergehen der Zeit, an das sie heute denken, traurig gerade aus dem entgegengesetzten Grunde. Ihnen bereitet nicht die Veränderung ihres Lebens Wehmut, sondern die Unbeweglichkeit und Unveränderlichkeit ihrer Zustände, daran sie müde sind. Sie sehen die Zeit verrinnen, sie vergleichen damit, wie wenig anders es mit ihren Sorgen, mit den Wünschen, mit ihren Fehlern geworden ist. Sie haben eine Last getragen manches Jahr, jetzt ist wieder ein Jahr gegangen und ein andres gekommen; aber die Last ist immer noch da. Und so sehen sie sehnsüchtig und wehmütig der verrinnenden Zeit nach, wie die Kinder den segelnden Wolken nachsehen, und möchten wohl auch sagen, wie es im Kinderbuch heißt: Wenn nur Etwas käme und mich mitnähme!3 |

Vielleicht ist sogar das Eine oder Andre4 unter uns, dem sein Leben überhaupt zur Last geworden ist, und wenn es jetzt wieder in ein neues Jahr hinübergeht, so denkt es dabei: ach, warum muss ich immer noch da sein? Es schleppt sein Leben mit sich, wie es das seit Jahren gewohnt ist, aber es kommt ihm vor, dies Leben sei eine hohle, vertrocknete Schale geworden; es geht ihm, wie es sogar einem Mann wie dem Apostel Paulus gegangen ist, es sehnt sich danach, dass dies Wanderzelt abgebrochen würde, es hat Lust abzuscheiden [vgl. Phil. 1,23]. Und darum sind seine Gedanken am Neujahrstage Abendgedanken und kaum etwas Anderes.

7Aber es liegt noch mehr in diesem «Es ward Abend» als der Gedanke an die verrinnende Zeit, der uns so oder so wehmütig macht. Wir möchten, dass das Leben uns etwas bringt, dass es uns freudig und gut mache, dass es einen Inhalt habe, dass wir sagen können: ich habe nicht umsonst gelebt, ich habe mir etwas gewonnen und erobert, das der Arbeit, des Nachdenkens und Sorgens wert ist. Und da kommt einem ernsthaften Menschen am Neujahrstag von selbst der Gedanke: Ist das vergangene Jahr im rechten Sinn ein Lebensjahr gewesen? Habe ich 365 Tage gelebt oder bin ich bloß 365 Tage dagewesen? Und dann hält er Musterung unter den Dingen, die ihm da passiert sind, die mit oder ohne seinem Wollen in sein Leben hineingetreten sind. Was haben sie uns gebracht? Was haben wir damit gemacht? Vielleicht haben sie uns eine ganze Menge Gelegenheiten gebracht, fröhlich und gut zu werden, ja, wenn wir’s genau nehmen, werden wir sagen müssen, sie haben uns ausnahmslos alle solche Gelegenheiten gebracht. Es ist uns etwas Schönes geschenkt worden, von dessen Besitz wir uns nichts träumen ließen, als wir das letzte Mal Neujahr feierten. Gottes Güte hat uns an einer innern oder äußern Gefahr vorbeigeleitet, vor der wir zu Tode erschrocken wären, wenn wir sie heute vor einem Jahr vorausgesehen hätten. Es ist ein Mensch in unser Leben hineingetreten, aus dessen Augen und Worten und Taten uns eine große Freundlichkeit, eine innere Befreiung, eine tapfere Aufforderung entgegentrat, so dass es uns war, als würden wir von einer starken Hand ergriffen und emporgerissen. Unser eigenes inneres Leben hat eine bedeutende Wendung genommen, wir haben uns einen Entschluss abgerungen, wir haben eine Fessel unseres moralischen Lebens abgeworfen und nach etwas Besserem die Hand ausgestreckt. Oder wir haben auf dem geheimnisvollen Gebiet unsrer Seele eine befreiende, vorwärtsbringende Entdeckung gemacht, wir haben uns Gott näher gefühlt als jemals zuvor. Alles Gelegenheiten, fröhlich und gut zu werden, und ich sage es noch einmal: das vergangene Jahr hat für dich und mich geradezu gewimmelt von solchen Gelegenheiten, Alles, einfach Alles, was uns passiert ist, hatte die Eigenschaft, in dieser oder jener Weise so auf uns zu wirken. Zahllose Samenkörner sind da in unsre Herzen gefallen in guten und noch viel mehr in schlimmen Tagen. Es fragt sich jetzt nur: was haben wir damit gemacht? Und wenn wir uns das aufrichtig fragen, dann verändert sich freilich das Bild. Es |8 wimmelt nun auch von Gelegenheiten, aber von verpassten Gelegenheiten. Wir haben das Gute, was uns geschenkt wurde, in die Tasche gesteckt, wie wenn es so sein müsste, aber wir sind dadurch nicht selber gut geworden. Wir haben uns vor allerlei Gefahren des Leibes und der Seele bewahren lassen, aber wir haben den Ruf zur Sammlung und Konzentration überhört, der in der Gefahr und in der Bewahrung an uns erging. Wir sind mit guten Menschen zusammengetroffen, mit mehr als Einem ganz sicher, aber wir haben es vorgezogen, an ihnen zu nörgeln und [zu] kritisieren, uns wie die Schnecke in ihr Haus zurückzuziehen, statt uns von ihnen geben zu lassen, was sie zu geben hatten. Wir haben in einem moralischen Zwiespalt den Sieg über uns selbst gewonnen, vielleicht nicht ohne Zaudern und nicht, ohne einige Schrammen davonzutragen, aber es war schließlich doch ein Sieg. Aber als wir der einen Versuchung glücklich entronnen waren, wurden wir siegesgewiss, sicher und schläfrig und wurden die Beute einer andern schwereren und kamen vom Regen in die Traufe5, so dass auch auf den moralischen Inhalt des ersten Sieges ein eigentümlich zweifelhaftes Licht fiel. Oder wir sind durch Erlebnisse und Nachdenken tiefer eingedrungen in die Geheimnisse Gottes und der Seele, aber unsre Entdeckung wurde uns zu einer frommen Spielerei, sie machte uns selbstgefällig und eigensinnig, das «Näher zu Gott»6 verkehrte sich in sein Gegenteil. Und wenn wir nun so den Ertrag im Ganzen mustern, wenn wir Plus und Minus gegeneinander verrechnen wie ein gewissenhafter Kaufmann, wenn wir fragen: war’s ein Lebensjahr, das Jahr 1910?, dann mag’s uns wohl wieder bedenklich und wehmütig zu Mute werden, dann mag’s auch vom Bild unsres innern Lebens heißen: es ward Abend, es wurde das Licht spärlich und die Schatten lang, und wir haben keinen Anlass, uns zu rühmen.

Und nun müssen wir gleich noch einen weitern Kreis ziehen. Wir haben bis jetzt so geredet, als wäre das die wichtigste und dringendste Angelegenheit, dass wir, d. h. du und ich, ein inhaltsvolles, fröhliches |9 und gutes Leben bekommen. Das ist auch wahr. Aber es ist doch nur die eine Seite der Wahrheit, und zwar die weniger wichtige oder besser gesagt: sie ist das Mittel zu einem höhern Zweck. Wir zwei sollen rechte Menschen werden, damit Gottes Ehre erfüllt werde, damit sein Reich komme. Das ist das Werden und Wachsen des ewigen Lichtes, von dem wir am Anfang geredet haben. Das ist das Wichtige und Dringende, dass Gottes Herrlichkeit sich offenbare, dass das Licht durchdringe, unser Leben mit seiner besondern Entwicklung ist dabei nur ein Glied in der Kette des Ganzen, im Reich des lebendigen Gottes, das in der Welt begründet ist und wird und wächst. Wir sind nichts ohne das Ganze, und auf das Ganze müssen wir unsern Blick wenden. Und wenn wir nun auf das Große, Ganze der Herrlichkeit Gottes, der Güte, Wahrheit und Schönheit sehen, wie sie sich entfaltet oder entfalten sollte in der Menschheit, in der Welt, im Dasein überhaupt, dann möchte wohl auch da die Jahreswende Anlass werden zu trüben Gedanken. Es sind zu allen Zeiten nicht die schlechtesten Christen gewesen, die gebetet haben: es vergehe die Welt und es komme dein Reich.7 Die Gläubigen zur Zeit des Paulus haben es gedacht, und es denken es heute wieder Viele, dass das Übermaß des Bösen jetzt voll, dass das Ende aller Dinge nahe sei. Es besteht kein Zweifel, dass die Zivilisation unsres Zeitalters an den wichtigsten Punkten Zeichen der Fäulnis aufweist. Ich denke an die Spannung der sozialen Gegensätze, die durch all unsre humanitären Bestrebungen doch mehr gemildert als in ihrer Wurzel aufgehoben wird. Ich denke an die Stellung der Frauen im öffentlichen und privaten Leben, die hier zu einer unwürdigen, kraft- und saftlosen Abhängigkeit und dort zu einer unangenehmen, marktschreierisch-aufdringlichen Selbständigkeit geworden ist. Ich denke an die Entartung des Vergnügens, in dem man seine Erholung von der Arbeit sucht, an die Literatur und an das Theater, in denen weite Kreise ihre Bildung und Zerstreuung finden. Ich denke an die unerträgliche Verflachung der Interessen, wie sie uns in jedem Zeitungsblatt entgegentritt, an die immer bewusster und allgemeiner werdende Indifferenz dem Leben gegenüber, keineswegs nur in den sogenannten untern Klassen, sondern gerade in den Kreisen, die sich |10 selbst zu den guten rechnen. Stehn wir nicht vor einer immer weiter um sich greifenden Herabminderung der geistigen Ansprüche, die wir an uns selbst und an die andern stellen? Müssen nicht auch wir, die wir vielleicht über dem allgemeinen Niedergang zu stehen meinen, uns einfach schämen, sobald wir unser Geistesleben mit dem früherer Zeiten, z. B. mit der gewaltigen Epoche, die Deutschland vor 100 Jahren erlebt, oder mit der wachen Regsamkeit der Reformationszeit vergleichen? Wie würden wir derartige energische Querstriche durch alle unsre angebliche Kultur wie das Erdbeben von Lissabon8 oder wie die napoleonischen Kriege9, wie würden wir dergleichen geistig ertragen und verarbeiten? Ich meine, man hat nicht mit Unrecht gesagt, es sei über unsrer Zeit eine Abendstimmung,10 eine Gewitterschwüle innern |11 Zerfalls, wie sie ähnlich nur in Rom in den Zeiten vor seinem Untergang dagewesen ist. Muss es vielleicht völlig Nacht werden über uns aus dem Abend, wie es dort gegangen ist, damit der Tag Gottes wieder anbreche?

Es ward Abend. Das ist die Gegenwart, die Gegenwart des Menschen, wenn wir dem Ablauf der Zeit nachsinnen, wenn wir in uns sehen nach dem Inhalt unsres Lebens und um uns nach der Entwicklung der Welt. Und nun haben wir keine andre Sicherheit für uns und unsre Welt als die, dass der Weg Gottes vom Abend zum Morgen führt. Es steht aber auch so, dass wir Gottes Ehre und Herrlichkeit noch gar nicht auf den Grund gekommen sind, solange wir das nicht verstanden haben, dass sein Licht aufgehen muss aus der Finsternis, dass es mit uns und der Welt vom gegenwärtigen Abend zum zukünftigen Morgen geht. Das ist das Geheimnis Gottes. Und wenn wir dies Geheimnis nicht nur verstanden, sondern an uns erlebt haben, dann haben wir Gott, dann fangen wir an zu leben.

*   *   *

Und es wurde Morgen. Das ist nun das Zweite. Es war auch so eine Zeit der Abendstimmung und Kulturmüdigkeit, wie wir sie heute wieder haben, als Jesus von Nazareth unter die Menschen trat. Und nun ist er merkwürdigerweise nicht zu ihnen gegangen, um ihnen zu sagen: Seht da die langen widrigen Schatten, die auf all eurem Leben und all eurer Zivilisation liegen, seht, wie die Sonne eurer guten Vorsätze und Wünsche, eurer Religion und Philosophie untergeht, seht, wie es Abend wird. Sondern er hat ihnen gesagt: Das Reich Gottes ist da, gerade jetzt. Habt jetzt Freude und fürchtet euch nicht! Tut nur die Augen auf! Denn die Klarheit des Herrn umleuchtet euch [vgl. Lk. 2,9], ohne dass ihr’s wisst. |

Ich will es an zwei Beispielen aus den Evangelien deutlich machen, wie das zuging, dass Jesus gerade jenem abendlichen, müden, innerlich leeren Geschlecht zum Morgenglanz der Ewigkeit11 geworden ist. Einmal lesen wir: «Da die Sonne untergegangen war, brachten alle, die Kranke hatten mit allerlei Übeln, dieselben zu ihm, er aber legte jedem |12 von ihnen einzeln die Hände auf und heilte sie» [Lk. 4,40]. Das Wesen Jesu könnte uns nicht deutlicher werden als in dem Bilde, das dieses Wort vor uns zeichnet. Über den Bergen Galiläas im Westen ist das Licht des Tages verschwunden, kaum liegt noch ein letzter Widerschein auf den Kuppeln und Türmen von Kapernaum; über den See Genezareth schleichen die weißen Nebelschleier, und da sind Menschen, zahllose Menschen, in denen es seit Jahren auch dunkel geworden ist, Dunkelheit von Krankheit und Armut und Sünde. Die kommen in endlosem Zug zu dem Mann, der helfen kann, und der sagt ihnen nicht: es ist Abend, ich will euch morgen helfen, er vertröstet sie nicht auf eine bessere Zukunft, sondern er lässt die Zukunft Gegenwart werden, er legt ihnen die Hände auf, es geht Kraft von ihm aus, sie werden geheilt. Was für ein Morgen muss dieser Abend für jene Menschen gewesen sein. In der Dämmerung ist ihnen das Licht aufgegangen, in der Tiefe des Leides ist ihnen Gott begegnet. Ohne Dämmerung hätten sie nicht verstanden, was Licht ist, und ohne das Leid hätten sie die Freude nicht verstanden. Zu den Kranken und Müden kommt Gott, mit dem Abend fängt der Tag an, ist das nicht wunderbar? Aber zu diesem Bilde müssen wir sofort ein Anderes hinzunehmen. Wieder ist’s die Geschichte von einer unbegreiflichen Hilfe, die Jesus den Menschen bringt. Ein Einziger ist es diesmal, ein armer Blinder. Die Jünger richten bei seinem Anblick die lieblose und oberflächliche Frage an Jesus: Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? [Joh. 9,2] Und da gibt Jesus die gewaltige Antwort: weder das eine noch das andre, sondern dieser Mann ist blind geboren, «dass die Werke Gottes offenbar würden an ihm. Ich muss wirken die Werke des, der mich gesandt hat, solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Dieweil ich bin in der Welt, bin ich das Licht der Welt» [Joh. 9,3–5]. Diese Antwort lässt uns in Jesu innerste Seele hineinsehen. Das Übel ist dazu da, damit die Hilfe komme, die Finsternis ist dazu da, damit es Licht werde. Der Weg Gottes führt vom Abend zum Morgen. Und nun kommt die Hilfe, nun wird es Licht, und die Hilfe und das Licht besteht im Wirken. Auch Jesus hat die Abendschatten gesehen, tiefer und gründlicher als irgend einer, aber er bleibt nicht bei der Melancholie stehen. Stehen bleiben, das wäre der Tod, dann würde der Abend zur Nacht, da niemand wirken kann, da Alles aufhört. Und |13 darum gibt Jesus die Losung aus: Wirken, solange es Tag ist! Licht sein, solange wir in der Welt sind! Und diese Losung hat Jesus nicht nur gepredigt, sondern gelebt und den Seinen unwiderstehlich eingeflößt als das Kostbarste, was er ihnen zu bringen hatte. So ist er unter die Abendmenschen getreten. Er hat sie nicht gescholten darüber, dass es bei ihnen Abend war, und er hat auch den Abend nicht ignoriert, aber er hat ihnen Morgenkraft gegeben am Abend, Kraft zum Sieg über das Dunkle, Traurige, Schwere und Kraft zum Schaffen für das Gute. Und wenn wir jetzt Beides zusammenfassen, können wir es verstehen, warum Jesus die größte Offenbarung der Herrlichkeit Gottes ist: er hat den Menschen geholfen, und er hat sie sogleich zu Helfern gemacht, er hat sie gesund gemacht, aber zu gesunden Schaffern, er hat ihnen Mut gemacht gegenüber der Welt, aber der wurde zugleich zum Mut für Gott, der wirkt, solang es Tag ist, nicht trotzdem, sondern weil es Abend ist. Solches Leben hat er ausgegeben an die Seinen, weil solches Leben in ihm selbst war. Etwas Größeres hat Gott uns nicht zu sagen. Carlyle hat die berühmte Forderung formuliert: Arbeiten und nicht verzweifeln.12 Es ist eine gute Forderung, aber Jesus hat tiefer gesehen. Er würde gesagt haben: Nicht verzweifeln, sondern arbeiten; denn er wusste, dass wir erst mit der Gegenwart, mit dem Bösen und Traurigen in uns und um uns ins Reine kommen müssen, wenn wir hindurch sollen zu einem guten, zukunftskräftigen Arbeiten, er verstand jenes Gottesgesetz von Abend und Morgen, das wir nicht umkehren dürfen.

Und nun wollen wir unsre Abendgedanken, die uns gekommen sind, als wir auf das vergangene Jahr zurücksahen, vor diesen Jesus bringen, damit Morgenglanz hineingehe, damit sie fröhliche und tapfere Zukunftsgedanken werden für das neue Jahr.

Da haben wir uns in der Entwicklung der Welt und der Menschheit umgesehen und kamen zu der bangen Frage: wo bleibt der Fortschritt im Ganzen des Reiches Gottes? Oder müssen wir einer großen Ka|14tastrophe entgegengehen, damit Gottes Ehre in der Welt an den Tag komme? Wenn wir mit solchen Gedanken beschäftigt sind, dann kommt Jesus zu uns, nicht um uns über die Zukunft aufzuklären, er hat einmal selbst gesagt, dass die ausschließlich in Gottes Hand sei [vgl. Mk. 13,32], aber um uns zu zeigen, was das heißen will, dass wir und unsre Welt in der Hand des allmächtigen Gottes sind. Er kommt, um es uns spüren zu lassen, dass diese Hand, ob sie uns wohltut oder straft, die Hand eines lieben Vaters ist. |

Wenn wir Jesus ansehen, dann wird es uns unmöglich, in der Menschheit nur ein Bild der Fäulnis und des Todes zu sehen, gerade wie es ihm selber unmöglich gewesen ist. Wir werden dann die unzähligen Gruben und vertünchten Gräber [vgl. Mt. 23,27] auf den Feldern unsres öffentlichen und privaten Lebens nicht übersehen, aber wir sehen dann auch die Hilfe, sehen das neue Leben, das allerorten aus den Ruinen blüht.13 Es hat nie eine Zeit gegeben, in der Jesus so viele nicht bloß gewohnheitsmäßige, sondern bewusste und überzeugte Freunde und Nachfolger gehabt hat wie die unsrige. Ist das Abend? Nein, das ist Morgen, und damit es Morgen werde, mussten und müssen wir durch den Abend von viel Kritik und Indifferenz hindurch. Es hat nie eine Zeit gegeben, in der so allgemein, wenn auch oft in wunderlichen Hüllen, das Sehnen nach Aufrichtigkeit und Wahrheit der verborgene Pulsschlag der Menschheit war, wie wir es heute sehen. Das ist Morgen am Abend. Aber weil es Morgen am Abend ist, müssen wir es sehen, dass noch viele Tempel der Unaufrichtigkeit und Scheinwahrheit, an denen vielleicht unser Herz hängt, zerschlagen werden, vorher kann der Tag nicht kommen. Es hat noch nie eine Zeit gegeben, wo das soziale Verpflichtungsbewusstsein so viele Köpfe und Hände in Bewegung gesetzt hat, oben und unten, wie in unsrer Zeit. Die sogenannten guten alten Zeiten, die Zeiten der angeblichen allgemeinen Frömmigkeit und Sittlichkeit wussten von diesen Rechten und Pflichten nichts, unsre Zeit weiß es und wird es wissen. Aber damit es dazu komme, mussten die formlosen patriarchalischen Verhältnisse der guten alten Zeit zerfallen, wir mussten das |15 19. und 20. Jahrhundert erleben mit all der sozialen Ausbeutung, mit all dem sozialen Kampf, den sie uns gebracht haben. Wäre es nicht Abend geworden, so könnte uns kein Morgen aufgehen. |

Er legte ihnen die Hände auf und heilte sie, nicht am Morgen, sondern am Abend, als die Sonne untergegangen war [vgl. Lk. 4,40]. Das ist das Werk der Hilfe, das Gott an uns treibt, und diese Hilfe dürfen wir sehen und erfahren, weil wir Jesus sehen und erfahren dürfen. Und eben darum wird unsre Freude an Gottes Hilfe nicht beschaulich, sondern tätig aussehen. Ich muss wirken die Werke des, der mich gesandt hat, solange es Tag ist [Joh. 9,4]. Gott tröstet und hilft uns, indem er uns zu tätigen Menschen macht. Wir sollen und wollen die Abendschatten nicht ignorieren, aber wir sollen und wollen denken: Dieweil ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt [Joh. 9,5]. Du und ich, die wir nun einmal Kinder dieser merkwürdigen Zeit sind, wir sind, weil uns geholfen ist, Träger der Ehre Gottes, und nun kommt Carlyles «Arbeiten» zu seinem14 Recht: Vorwärts an unsre Aufgabe! Wem geholfen ist, wer die heilende Hand Gottes an sich verspürt, der ist ein Strahl der Morgensonne auf dem Abendfeld, der leuchtet, und wenn Alles um ihn Finsternis würde. Und wenn 99 von den 100 Samenkörnern, die ein guter Mensch auswirft auf Hoffnung, ins Unfruchtbare fielen, es ist an dem einen genug und übergenug, das aufgeht und Frucht bringt [vgl. Mt. 13,1–9 parr.], denn wo einer wirkt für die Zukunft, da wirkt Gott, da wird und wächst sein Reich, und wenn die Welt in Trümmer fiele.

Und mit dieser Jesusbotschaft von der Gotteshilfe und von der Selbsthilfe müssen wir nun auch in die Nöte unsres persönlichen Lebens hineinleuchten. Du stehst vor unerfreulichen Resultaten, wenn du das Fazit des vergangenen Jahres ziehst? Du hast eine Menge Gelegenheiten, gut und fröhlich zu werden, verpasst? Du hast unerfreuliche Gedanken, Abendgedanken über dich selber? Das ist recht, wenn es so ist. Das ist das Zeichen, dass du für Gott reif bist, vorher weißt du es nämlich nicht. Solange wir nicht offenkundig Defizit gemacht haben, merken wir gar nicht, dass wir nicht stehen, wie wir sollten, und darum lässt es Gott oft zu unsrem eigenen Besten ge|16schehen, dass wir in ein grobes Defizit geraten. Es ist mit unserm innern Leben wie mit der Gotthardbahn: es muss auf große Strecken durch Tunnels gehen, wenn wir die Steigung, die nötig ist, überwinden wollen.15 Und nun ist’s wunderbar, wie wir nun in der Tat vorwärtskommen, nicht in den Momenten stolzer moralischer Höhe, sondern in den Momenten, wo wir uns unsrer Niederlage bewusst werden. Es ist da, wie wenn eine geheime Kraft in uns entbunden würde, die vorher geschlummert hat. Indem wir in der Tiefe zu sein meinten, dürfen wir plötzlich auf eine überwundene Steigung zurückblicken, wie ein unverdientes Geschenk kam der Fortschritt über uns und in uns. Das muss das Geheimnis Jesu gewesen sein, dass er es verstand, die Niederlagen der Menschen in Siege zu verwandeln, und darum war er und ist er der Heiland der Sünder und nicht der Gerechten. Es wurde Abend und es wurde Morgen, und dann war der Tag da. Aber eben: was uns in solchen Augenblicken geschenkt wird, das ist wieder nicht Beschaulichkeit, sondern Tatkraft. Weil es Abend ist, dürfen wir wirken, solange es Tag ist. Zur großen Sünderin hat Jesus gesagt: Ich verurteile dich nicht. Das war seine Hilfe, damit hat er ihr das Vertrauen zu sich selbst wiedergegeben, hat ihre Niederlage in Sieg verwandelt, aber nun stellt er sie sofort auf ihre eigenen Füße: Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr [Joh. 8,11]. Wirken dürfen, das ist unsre Zukunft, das ist der Morgen, der den Tag bringt. Ich las von einem Bauern in [der] Steiermark, dem war sein Haus abgebrannt und nun stand er vor dem rauchenden Aschenhaufen. Aber er stand nicht melancholisch und elegisch davor, sondern er suchte und fand unter der Asche seine Axt, machte einen neuen Stiel daran und fing auf der Stelle an, ein neues Haus zu bauen. So geht es zu, wenn’s am Abend Morgen wird.

Und der Fluss der Zeit, dem wir wehmütig nachsehen? Und unser Leben in dieser Zeit, dessen wir müde geworden sind? – Ja, können wir jetzt überhaupt noch so fragen? Seht, wir wollen das neue Jahr |17 antreten mit Dank gegen Gott, dass er die Zeit vergehen, dass er es Abend werden lässt. Würde der Zeiger stillstehn in unsern großen, guten Momenten, in den Stunden unsrer Freude, dann würden wir aufhören zu leben. Nun rückt aber der Zeiger vor und die Zeit vergeht, und es kommen andre, traurige Momente und Stunden. Daraus wollen wir nehmen, dass Gottes Güte uns zum Leben führt, in den Abend hinein, gewiss, aber um den Abend wird es Licht sein [Sach. 14,7], wie es in einem Prophetenwort heißt, am Abend erwartet uns der Morgen. Und wenn du deiner Last müde geworden bist und gerne fortgehen möchtest aus dieser Welt, dann sieh nicht den Wolken nach und der fliehenden Zeit, sondern dann sieh deine Last an, ob nicht eine freundliche Hilfe Gottes darin verborgen sei, an die du noch gar nicht dachtest, dann freue dich, dass dir ein langer Abend beschieden ist, an dem du viel erfahren kannst von Gottes Abendsegen und an dem du in deinem ganz kleinen Kreise viel wirken kannst, solange es Tag ist.

Es wurde Abend und es wurde Morgen, der erste Tag. Mit diesem Gottesgedanken wollen wir jetzt ins neue Jahr hinein. Es ist Alles darin, was wir nötig haben: das Vertrauen und der Gehorsam, das nicht Verzweifeln und das Arbeiten. Und damit dieser Gottesgedanke in uns Wahrheit werde, dazu bedarf es des Einen und nur des Einen, dass der, dessen Geburt wir an Weihnacht gefeiert haben, in uns wachse und zunehme. Gott walte es, dass über und in uns am Abend der Morgen aufgehe.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 67: «Nun lasst uns gehn und treten» von P. Gerhardt, Strophen 1–5.8.11f. (RG 548; EG 58, jeweils Strophen 1f.4f.7.11.14f.) 🎵
  • Nr. 66: «Hilf, Herr Jesu, lass gelingen» von J. Rist, Strophen 1.4.6 (EG 61,1.6 [Strophe 4 aus GERS durch eine andere Strophe ersetzt]) 🎵
Lesungstext:
  • Ps. 90

Sachfußnoten

1
Aus Strophe 2 des Eingangsliedes; s. unten, S. 17.↩
2
Dictum von Kaiser Lothar I. (817–855) : Tempora mutantur, et nos mutamur in illis ; vgl. Büchmann, S. 421 📖.↩
3
Im Gedicht «Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen» von Fr. Rückert (Erstdruck 1813; Werke., hrsg. von G. Ellinger, Bd. 1, Leipzig / Wien 1897, S. 275f.) 📖 heißt es fünf Mal: «Ich kann [bzw. mag] nicht mehr; / Wenn nur was käme / und mich mitnähme!» Obwohl dem Büblein sein Wunsch jedes Mal erfüllt wird, findet es immer wieder einen Grund, ihn erneut zu äußern.↩
4
Schweizerdeutsch für: der / die Eine oder Andere.↩
5
«Vom Regen in die Traufe kommen» steht redensartlich dafür, dass man ein Übel zu vermeiden sucht und dabei in ein noch schlimmeres gerät; vgl. Röhrich IV, S. 1235f. 📖↩
6
Vgl. den besonders in der englischsprachigen Welt weitverbreiteten Choral: «Nearer, my God, to Thee» / «Näher, mein Gott, zu dir» 🎵, der auf dem gleichnamigen Gedicht von S. Fl. Adams basiert (1841) 📖.↩
7
Vgl. Didache 10,6 📖 (zur Wiedergabe Barths s. O.Br. 1945–1968, S. 101, Anm. 24 📖).↩
8
Am 1. November 1755 wurde Lissabon durch ein Erdbeben, bei dem über 30 000 Menschen ums Leben kamen, weitgehend zerstört. Zu den in vielfacher Hinsicht gravierenden geistesgeschichtlichen Auswirkungen dieses Ereignisses vgl. Die Erschütterung der vollkommenen Welt. Die Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel europäischer Zeitgenossen, hrsg. von W. Breidert, Darmstadt 1994 📖.↩
9
Ab 1792 bis 1815 kam es im Gefolge der Französischen Revolution zu den sogenannten «Koalitionskriegen» zwischen Frankreich und seinen europäischen Machtrivalen, an denen Napoleon ab 1796 als Heerführer beteiligt war. Im engeren Sinn als «Napoleonische Kriege» bezeichnet werden die Feldzüge ab 1799.↩
10
Vgl. P. Natorp, Religion? Ein Zwiegespräch, in: Weltanschauung: Philosophie und Religion, hrsg. von M. Frischeisen-Köhler, Berlin 1911, S. 305–325, dort S. 309 📖: «Wir armen Erdparasiten – ist’s nicht uns schon Weltendämmerung, wenn über unsere Parasitenwelt das Abendrot hereinbricht, das unserm Tag die Nacht des ewigen Schweigens ankündet? […] Wehen nicht schon die kältenden Abendlüfte, steigen nicht die gespenstischen Nebel schon herauf, die uns und allen Menschen den Tod ansagen?» Es ist gut denkbar, dass Barth über seine guten Verbindungen nach Marburg schon Kenntnis von diesem Text des dort lehrenden Natorp hatte: Zwar wurde der Sammelband erst 1911 veröffentlicht, doch ist das Vorwort auf «Herbst MCMX» datiert (a.a.O., S. XVIII) und Natorp hatte seinen Beitrag gar schon ein Jahr zuvor fertiggestellt; er urteilte bereits in einem Brief vom 2. Februar 1910: «Ich schrieb im Herbst etwas nieder, was so schroff war, dass ich es nur unter einer Art Fiktion einem etwas exaltierten Menschen in den Mund zu legen wagte», und: «Aber wo ich nur hinblicke – in unserer Generation begegne ich überall dieser Stimmung, oft aber auch bei viel Jüngeren» (zit. nach: N. Bruhn, Vom Kulturkritiker zum ‚Kulturkrieger’. Paul Natorps Weg in den ‚Krieg der Geister’, Würzburg 2007, S. 50.52 📖).↩
11
Lied von Chr. Knorr von Rosenroth (RG 572; EG 450) 🎵.↩
12
Mit den Worten: «Work and despair not» beendete Thomas Carlyle seine Antrittsrede als Rektor an der Universität Edinburgh am 2. April 1866; in der deutschen Übersetzung wurden sie für den Titel einer Sammlung von Carlyles Werken verwendet, die bis 1910 bereits in über 100 000 Exemplare erschienen war: Th. Carlyle, Arbeiten und nicht verzweifeln. Auszüge aus seinen Werken, übers. von M. Kühn / A. Kretschmar, Düsseldorf 1902 📖.↩
13
Fr. Schiller, Wilhelm Tell, 4. Aufzug, 2. Szene 📖:
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
↩
14
Im Manuskript steht – am Schluss der einen Zeile und am Anfang der neuen – «seinem» irrtümlich doppelt.↩
15
Die 1882 komplett fertig gestellte, gut 200 km lange Strecke der Gotthardbahn verbindet Immensee und Chiasso und ist bis heute die kürzeste Bahnverbindung zwischen Nordwesteuropa und Italien. Um die Steigung zu bewältigen, wurden beiderseits des Haupttunnels unter anderem sogenannte Spiral- oder Kehrtunnel gebaut. Bei der Fertigstellung war der Gotthard-Scheiteltunnel mit 15 km Länge der längste Tunnel der Welt.↩