Predigt: Genesis 1,5b
Das Wort, das ihr eben gehört habt, steht unter den ersten Zeilen in unsrer Bibel am Ende jenes merkwürdigen Berichtes, in dem erzählt wird, wie es kam, dass es Licht wurde auf der Welt [
So kommt das Licht in die Welt. Und so verläuft der Weg des Lebens. Das ist so, nicht weil es einmal so über uns verhängt ist, sondern weil der Tag und das Licht und das Leben wirklich und buchstäblich Tag und Licht und Leben sind, d. h. etwas Werdendes, Bewegtes, Wachsendes, Vordringendes, und nicht glatte Selbstverständlichkeiten; weil Gott nicht geschaffen hat, sondern schafft, weil er nach dem ersten: Es werde! nicht gestorben oder in den Ruhestand getreten ist, sondern lebt und wirkt in Ewigkeit. Es ward Abend und es ward Morgen: der erste Tag. Und wie es beim ersten Tag geschah, so beim zweiten und dritten, so bei allen Tagen bis herunter auf unsre Tage. Immer stand Gott am Anfang von Allem, und das war die Hauptsache, immer ließ er es nach der Finsternis Licht werden, immer wurde es Abend und wurde Morgen, und so ist der Tag geworden.
Was soll dieses Wort über Gottes Schöpfung an unserm Neujahrsmorgen? Es soll zu uns reden von Gottes Gedanken über uns, die nicht unsre Gedanken sind [vgl.
Das haben wir diese Nacht wieder getan, der eine in Einsamkeit, der andre im frohen Kreise seiner Freunde und Angehörigen, der eine in |5 Betrübnis, der andre in Fröhlichkeit. Wir haben einen Abend hinter uns, dessen Art uns mehr zu denken gibt als ein gewöhnlicher, und wir stehn jetzt an einem Morgen, dessen Bedeutung Keinem ganz gleichgiltig ist, auch wenn er sich die Willkürlichkeit und Zufälligkeit unsrer Kalenderrechnung klargemacht hat. Und so haben wir’s in einem Sinn auch erlebt, was unser Bibelwort sagt: es wurde Abend und es wurde Morgen, und dann war der erste Tag da, der erste Tag des neuen Jahres, das jetzt geheimnisvoll fragend vor uns liegt wie die weißen Blätter des Notizenheftes oder Geschäftsbuches, das wir uns für die neue Periode angeschafft haben. Vielleicht können auch wir Alles das, was uns in solchen Stunden innerlich bewegt, auseinanderlegen in Abendgedanken und Morgengedanken. Wir sehen zurück und wir sehen vorwärts. Wir sind jetzt hier zusammengekommen, um uns vor dem Auge Gottes und im Grund unsrer Herzen zu besinnen darüber, was das heißt und bedeutet, dass wir wandern von einem Jahr zum andern. Wir möchten einen guten Gedanken, einen Trost, eine Verheißung, eine Kraft mitnehmen auf den Weg, den wir zu gehen haben. Denn wir möchten, dass das Jahr, in das wir eingetreten sind, ein wahres und wirkliches Lebensjahr für uns werde. Es kann und es wird das werden, wenn wir die rechte Brücke finden vom Abend zum Morgen, wenn wir die Verbindung verstehen, die nach Gottes Ordnung besteht zwischen beiden, wenn wir sehen, was uns der Schöpfungsbericht der Bibel sagt, dass Gott am Anfang von Allem steht.
Zuerst: Es ward Abend. Wir sehen zurück auf das, was hinter uns liegt, und indem wir das tun, werden Wenige unter uns sein, die ganz frei sind von einer gewissen Wehmut. Das kann verschiedene Gründe haben. |
Zunächst ganz einfach das Bewusstsein, dass die Zeit vergeht. Der Zeiger der Uhr, der so unaufhaltsam fortschreitet, kommt uns zu Stunden wohl vor wie ein Zerstörer und Feind des Lebens, des innersten Lebens in uns. Denn er führt uns, und er hat das auch im vergangenen Jahr wieder getan, hinweg aus schönen, freundlichen Lebensperioden und Erfahrungen in die trüberen Gegenden der Sorge und Traurigkeit oder auch einfach in den unerfreulichen Alltag zurück. |6 Wir besinnen uns an gute Stunden und Tage, die wir erlebt haben, an große, herrliche Stimmungen und Gefühle, die wir empfanden. Wenn damals der Zeiger stillgestanden wäre, dann wäre Alles gut gewesen. Aber er ist nicht stillgestanden. Die Zeiten änderten sich, und wir änderten uns mit ihnen.2 Es ist Abend geworden. |
Und da sind Andere, die macht das Vergehen der Zeit, an das sie heute denken, traurig gerade aus dem entgegengesetzten Grunde. Ihnen bereitet nicht die Veränderung ihres Lebens Wehmut, sondern die Unbeweglichkeit und Unveränderlichkeit ihrer Zustände, daran sie müde sind. Sie sehen die Zeit verrinnen, sie vergleichen damit, wie wenig anders es mit ihren Sorgen, mit den Wünschen, mit ihren Fehlern geworden ist. Sie haben eine Last getragen manches Jahr, jetzt ist wieder ein Jahr gegangen und ein andres gekommen; aber die Last ist immer noch da. Und so sehen sie sehnsüchtig und wehmütig der verrinnenden Zeit nach, wie die Kinder den segelnden Wolken nachsehen, und möchten wohl auch sagen, wie es im Kinderbuch heißt: Wenn nur Etwas käme und mich mitnähme!3 |
Vielleicht ist sogar das Eine oder Andre4 unter uns, dem sein Leben überhaupt zur Last geworden ist, und wenn es jetzt wieder in ein neues Jahr hinübergeht, so denkt es dabei: ach, warum muss ich immer noch da sein? Es schleppt sein Leben mit sich, wie es das seit Jahren gewohnt ist, aber es kommt ihm vor, dies Leben sei eine hohle, vertrocknete Schale geworden; es geht ihm, wie es sogar einem Mann wie dem Apostel
7Aber es liegt noch mehr in diesem «Es ward Abend» als der Gedanke an die verrinnende Zeit, der uns so oder so wehmütig macht. Wir möchten, dass das Leben uns etwas bringt, dass es uns freudig und gut mache, dass es einen Inhalt habe, dass wir sagen können: ich habe nicht umsonst gelebt, ich habe mir etwas gewonnen und erobert, das der Arbeit, des Nachdenkens und Sorgens wert ist. Und da kommt einem ernsthaften Menschen am Neujahrstag von selbst der Gedanke: Ist das vergangene Jahr im rechten Sinn ein Lebensjahr gewesen? Habe ich 365 Tage gelebt oder bin ich bloß 365 Tage dagewesen? Und dann hält er Musterung unter den Dingen, die ihm da passiert sind, die mit oder ohne seinem Wollen in sein Leben hineingetreten sind. Was haben sie uns gebracht? Was haben wir damit gemacht? Vielleicht haben sie uns eine ganze Menge Gelegenheiten gebracht, fröhlich und gut zu werden, ja, wenn wir’s genau nehmen, werden wir sagen müssen, sie haben uns ausnahmslos alle solche Gelegenheiten gebracht. Es ist uns etwas Schönes geschenkt worden, von dessen Besitz wir uns nichts träumen ließen, als wir das letzte Mal Neujahr feierten. Gottes Güte hat uns an einer innern oder äußern Gefahr vorbeigeleitet, vor der wir zu Tode erschrocken wären, wenn wir sie heute vor einem Jahr vorausgesehen hätten. Es ist ein Mensch in unser Leben hineingetreten, aus dessen Augen und Worten und Taten uns eine große Freundlichkeit, eine innere Befreiung, eine tapfere Aufforderung entgegentrat, so dass es uns war, als würden wir von einer starken Hand ergriffen und emporgerissen. Unser eigenes inneres Leben hat eine bedeutende Wendung genommen, wir haben uns einen Entschluss abgerungen, wir haben eine Fessel unseres moralischen Lebens abgeworfen und nach etwas Besserem die Hand ausgestreckt. Oder wir haben auf dem geheimnisvollen Gebiet unsrer Seele eine befreiende, vorwärtsbringende Entdeckung gemacht, wir haben uns Gott näher gefühlt als jemals zuvor. Alles Gelegenheiten, fröhlich und gut zu werden, und ich sage es noch einmal: das vergangene Jahr hat für dich und mich geradezu gewimmelt von solchen Gelegenheiten, Alles, einfach Alles, was uns passiert ist, hatte die Eigenschaft, in dieser oder jener Weise so auf uns zu wirken. Zahllose Samenkörner sind da in unsre Herzen gefallen in guten und noch viel mehr in schlimmen Tagen. Es fragt sich jetzt nur: was haben wir damit gemacht? Und wenn wir uns das aufrichtig fragen, dann verändert sich freilich das Bild. Es |8 wimmelt nun auch von Gelegenheiten, aber von verpassten Gelegenheiten. Wir haben das Gute, was uns geschenkt wurde, in die Tasche gesteckt, wie wenn es so sein müsste, aber wir sind dadurch nicht selber gut geworden. Wir haben uns vor allerlei Gefahren des Leibes und der Seele bewahren lassen, aber wir haben den Ruf zur Sammlung und Konzentration überhört, der in der Gefahr und in der Bewahrung an uns erging. Wir sind mit guten Menschen zusammengetroffen, mit mehr als Einem ganz sicher, aber wir haben es vorgezogen, an ihnen zu nörgeln und [zu] kritisieren, uns wie die Schnecke in ihr Haus zurückzuziehen, statt uns von ihnen geben zu lassen, was sie zu geben hatten. Wir haben in einem moralischen Zwiespalt den Sieg über uns selbst gewonnen, vielleicht nicht ohne Zaudern und nicht, ohne einige Schrammen davonzutragen, aber es war schließlich doch ein Sieg. Aber als wir der einen Versuchung glücklich entronnen waren, wurden wir siegesgewiss, sicher und schläfrig und wurden die Beute einer andern schwereren und kamen vom Regen in die Traufe5, so dass auch auf den moralischen Inhalt des ersten Sieges ein eigentümlich zweifelhaftes Licht fiel. Oder wir sind durch Erlebnisse und Nachdenken tiefer eingedrungen in die Geheimnisse Gottes und der Seele, aber unsre Entdeckung wurde uns zu einer frommen Spielerei, sie machte uns selbstgefällig und eigensinnig, das «Näher zu Gott»6 verkehrte sich in sein Gegenteil. Und wenn wir nun so den Ertrag im Ganzen mustern, wenn wir Plus und Minus gegeneinander verrechnen wie ein gewissenhafter Kaufmann, wenn wir fragen: war’s ein Lebensjahr, das Jahr 1910?, dann mag’s uns wohl wieder bedenklich und wehmütig zu Mute werden, dann mag’s auch vom Bild unsres innern Lebens heißen: es ward Abend, es wurde das Licht spärlich und die Schatten lang, und wir haben keinen Anlass, uns zu rühmen.
Und nun müssen wir gleich noch einen weitern Kreis ziehen. Wir haben bis jetzt so geredet, als wäre das die wichtigste und dringendste Angelegenheit, dass wir, d. h. du und ich, ein inhaltsvolles, fröhliches |9 und gutes Leben bekommen. Das ist auch wahr. Aber es ist doch nur die eine Seite der Wahrheit, und zwar die weniger wichtige oder besser gesagt: sie ist das Mittel zu einem höhern Zweck. Wir zwei sollen rechte Menschen werden, damit Gottes Ehre erfüllt werde, damit sein Reich komme. Das ist das Werden und Wachsen des ewigen Lichtes, von dem wir am Anfang geredet haben. Das ist das Wichtige und Dringende, dass Gottes Herrlichkeit sich offenbare, dass das Licht durchdringe, unser Leben mit seiner besondern Entwicklung ist dabei nur ein Glied in der Kette des Ganzen, im Reich des lebendigen Gottes, das in der Welt begründet ist und wird und wächst. Wir sind nichts ohne das Ganze, und auf das Ganze müssen wir unsern Blick wenden. Und wenn wir nun auf das Große, Ganze der Herrlichkeit Gottes, der Güte, Wahrheit und Schönheit sehen, wie sie sich entfaltet oder entfalten sollte in der Menschheit, in der Welt, im Dasein überhaupt, dann möchte wohl auch da die Jahreswende Anlass werden zu trüben Gedanken. Es sind zu allen Zeiten nicht die schlechtesten Christen gewesen, die gebetet haben: es vergehe die Welt und es komme dein Reich.7 Die Gläubigen zur Zeit des
Es ward Abend. Das ist die Gegenwart, die Gegenwart des Menschen, wenn wir dem Ablauf der Zeit nachsinnen, wenn wir in uns sehen nach dem Inhalt unsres Lebens und um uns nach der Entwicklung der Welt. Und nun haben wir keine andre Sicherheit für uns und unsre Welt als die, dass der Weg Gottes vom Abend zum Morgen führt. Es steht aber auch so, dass wir Gottes Ehre und Herrlichkeit noch gar nicht auf den Grund gekommen sind, solange wir das nicht verstanden haben, dass sein Licht aufgehen muss aus der Finsternis, dass es mit uns und der Welt vom gegenwärtigen Abend zum zukünftigen Morgen geht. Das ist das Geheimnis Gottes. Und wenn wir dies Geheimnis nicht nur verstanden, sondern an uns erlebt haben, dann haben wir Gott, dann fangen wir an zu leben.
Und es wurde Morgen. Das ist nun das Zweite. Es war auch so eine Zeit der Abendstimmung und Kulturmüdigkeit, wie wir sie heute wieder haben, als Jesus von
Ich will es an zwei Beispielen aus den Evangelien deutlich machen, wie das zuging, dass Jesus gerade jenem abendlichen, müden, innerlich leeren Geschlecht zum Morgenglanz der Ewigkeit11 geworden ist. Einmal lesen wir: «Da die Sonne untergegangen war, brachten alle, die Kranke hatten mit allerlei Übeln, dieselben zu ihm, er aber legte jedem |12 von ihnen einzeln die Hände auf und heilte sie» [
Und nun wollen wir unsre Abendgedanken, die uns gekommen sind, als wir auf das vergangene Jahr zurücksahen, vor diesen Jesus bringen, damit Morgenglanz hineingehe, damit sie fröhliche und tapfere Zukunftsgedanken werden für das neue Jahr.
Da haben wir uns in der Entwicklung der Welt und der Menschheit umgesehen und kamen zu der bangen Frage: wo bleibt der Fortschritt im Ganzen des Reiches Gottes? Oder müssen wir einer großen Ka|14tastrophe entgegengehen, damit Gottes Ehre in der Welt an den Tag komme? Wenn wir mit solchen Gedanken beschäftigt sind, dann kommt Jesus zu uns, nicht um uns über die Zukunft aufzuklären, er hat einmal selbst gesagt, dass die ausschließlich in Gottes Hand sei [vgl.
Wenn wir Jesus ansehen, dann wird es uns unmöglich, in der Menschheit nur ein Bild der Fäulnis und des Todes zu sehen, gerade wie es ihm selber unmöglich gewesen ist. Wir werden dann die unzähligen Gruben und vertünchten Gräber [vgl.
Er legte ihnen die Hände auf und heilte sie, nicht am Morgen, sondern am Abend, als die Sonne untergegangen war [vgl.
Und mit dieser Jesusbotschaft von der Gotteshilfe und von der Selbsthilfe müssen wir nun auch in die Nöte unsres persönlichen Lebens hineinleuchten. Du stehst vor unerfreulichen Resultaten, wenn du das Fazit des vergangenen Jahres ziehst? Du hast eine Menge Gelegenheiten, gut und fröhlich zu werden, verpasst? Du hast unerfreuliche Gedanken, Abendgedanken über dich selber? Das ist recht, wenn es so ist. Das ist das Zeichen, dass du für Gott reif bist, vorher weißt du es nämlich nicht. Solange wir nicht offenkundig Defizit gemacht haben, merken wir gar nicht, dass wir nicht stehen, wie wir sollten, und darum lässt es Gott oft zu unsrem eigenen Besten ge|16schehen, dass wir in ein grobes Defizit geraten. Es ist mit unserm innern Leben wie mit der
Und der Fluss der Zeit, dem wir wehmütig nachsehen? Und unser Leben in dieser Zeit, dessen wir müde geworden sind? – Ja, können wir jetzt überhaupt noch so fragen? Seht, wir wollen das neue Jahr |17 antreten mit Dank gegen Gott, dass er die Zeit vergehen, dass er es Abend werden lässt. Würde der Zeiger stillstehn in unsern großen, guten Momenten, in den Stunden unsrer Freude, dann würden wir aufhören zu leben. Nun rückt aber der Zeiger vor und die Zeit vergeht, und es kommen andre, traurige Momente und Stunden. Daraus wollen wir nehmen, dass Gottes Güte uns zum Leben führt, in den Abend hinein, gewiss, aber um den Abend wird es Licht sein [
Es wurde Abend und es wurde Morgen, der erste Tag. Mit diesem Gottesgedanken wollen wir jetzt ins neue Jahr hinein. Es ist Alles darin, was wir nötig haben: das Vertrauen und der Gehorsam, das nicht Verzweifeln und das Arbeiten. Und damit dieser Gottesgedanke in uns Wahrheit werde, dazu bedarf es des Einen und nur des Einen, dass der, dessen Geburt wir an Weihnacht gefeiert haben, in uns wachse und zunehme. Gott walte es, dass über und in uns am Abend der Morgen aufgehe.
- Nr. 67: «Nun lasst uns gehn und treten» von
P. Gerhardt , Strophen 1–5.8.11f. (RG 548; EG 58, jeweils Strophen 1f.4f.7.11.14f.) - Nr. 66: «Hilf, Herr Jesu, lass gelingen» von
J. Rist , Strophen 1.4.6 (EG 61,1.6 [Strophe 4 aus GERS durch eine andere Strophe ersetzt])
Ps. 90