Wir machen gern und fast gewohnheitsmäßig den Unterschied zwischen Menschen, die «gläubig», und Andern, die «ungläubig» seien. Man redet von «gläubigen» und «ungläubigen» Pfarrern und Lehrern; in Deutschland gibt es einen «Verband gläubiger Bäcker»1, und auf der andern Seite hört man etwa von der ungläubigen Wissenschaft. Wenn man die Leute so reden hört und in manchen religiösen Blättern auch davon lesen muss, denkt man sich unwillkürlich, es sei etwas ganz Selbstverständliches und Leichtes, diese beiden Arten von Menschen, Gläubige und Ungläubige», voneinander zu unterscheiden, etwa so wie man eine Buche von einer Tanne unterscheiden kann. Wenn solche unter uns sind, die vielleicht auch meinen: ja, diese Unterscheidung sei wirklich etwas Leichtes, dann möchte ich sie jetzt fragen, ob sie Johannes den Täufer zu den Gläubigen oder zu den Ungläubigen rechnen würden? Ich meine, da könnte man für Beides |426 ungefähr gleich viel anführen. Man könnte sagen: Er war gläubig, sonst wäre er nicht Johannes der Täufer gewesen, der dem Herrn den Weg bereitete, indem er Gottes Gericht ankündigte und das Volk zur Buße rief. Er wartete auf den, der kommen sollte, den Größern und Stärkern, wie es in den alten Schriften verheißen war [vgl. Mt. 3,3.11]. Er hat seinen Glauben bestätigt und besiegelt, indem er unerschrocken dem König Herodes die Wahrheit sagte und dafür nun als ein Märtyrer im Gefängnis schmachtete. Aber wird das alles nicht wieder umgestürzt, müssen wir nicht sagen: Nein, er war ungläubig, wenn wir hören, was ich vorgelesen habe, dass er, als nun Jesus in Galiläa auftrat und seine Taten weit und breit bekannt wurden, ratlos und verworren fragen ließ: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Ist das nicht der Zweifel, wie er im Buche steht? Warum sagt er nicht freudig: Ja und Hallelujah, da der Größere und Stärkere, von dem er geträumt und von dem er geredet, nun wirklich da war?! Und welches von unsern beiden Urteilen soll nun gelten? |
Ich glaube, wir wollen ganz bescheiden vorläufig einmal annehmen, Johannes der Täufer habe eine Ausnahme gemacht, bei ihm sei jenes «Entweder-Oder» nicht am Platze, sondern wir müssten von ihm sagen: Er war gläubig und ungläubig zugleich. Jawohl, er war ein Gottesmann, wie keiner vor ihm. Jesus hat ihm das Zeugnis gegeben, er sei mehr als ein Prophet [vgl. Mt. 11,9]. Wenn es wahr ist, was in der Bibel an anderem Ort steht, dass der Glaube eine feste Zuversicht ist dessen, was man nicht sieht [vgl. Hebr. 11,1], dann hatte er einen gewaltigen Glauben, denn mitten in einer traurigen, gedrückten Zeit hat er zuerst die Fahne aufgepflanzt, die dann Jesus aufgenommen hat: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen [Mt. 3,2 u. ö.]!, und mitten in der Wüste wollte er ein neues Israel sammeln, um es dem Herrn entgegenzuführen. Das war der Glaube, was ihn dazu trieb. Aber nun saß er im Gefängnis, auf der Bergfestung Machärus, jenseits des Jordans, und die Zeit wurde ihm lang und die Gedanken trüb. Er sah den Tod vor sich und von dem nahen Himmelreich noch keine Spur.
Wollst uns einen Tröster senden,
Herr, in dieser dunklen Zeit!
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427Da bekam er Besuch von seinen Freunden, die erzählten ihm, dass jetzt Einer da sei, der das Wort vom Himmelreich weitertrage, nicht in der Wüste sei er, sondern in den Städten am See bei den Fischern und niedern Leuten, der habe eine Kraft in sich, die Kranken gesund zu machen, wie es kein Arzt könne, der bringe die Verwirrten zurecht mit einem freundlichen Wort, der vollbringe Taten der Hilfe, wie sie kein Mensch gesehen. Vielleicht noch ein Jahr zuvor, als seine Augen noch schärfer waren, wäre Johannes freudig aufgesprungen: das muss der Verheißene, Erwartete sein, er hätte die Seinen fortgeschickt: geht ihm entgegen, bleibt bei ihm, wenn euch euer Leben lieb ist, jetzt ist das Himmelreich
da! Aber so redete er nicht. Er blieb gedrückt und still, nachdem er einen Augenblick aufgehorcht – nein, das war der Ersehnte nicht. Johannes hatte Größeres erwartet. Er war enttäuscht. Kranke gesund machen? Armen Leuten von Gott reden? Das konnte der Messias Israels nicht sein. Würde der nicht auf den Wolken des Himmels erscheinen an der Spitze von zwölf Legionen Engeln zum Gericht über seine Feinde [vgl. Mt. 26,53]? Ein Prediger und Wundermann? Er kann’s nicht fassen. Und doch ist er unruhig, er zweifelt auch an seinem Zweifel, er sieht in den Augen seiner Freunde einen so merkwürdigen Widerglanz von dem, was sie erlebt haben. Ob ihn die Erinnerung überkommt an Einen, der einst unter vielen hundert Andern an den Jordan gekommen war, um seine Taufe zu empfangen, und der dort einen unverlöschlichen Eindruck bei ihm hinterlassen hatte [vgl. Mt. 3,13–17]? Ob ihn der Gedanke erfasst, ein anderes Bild des Messias könnte das wahre sein, als das, das er sich gemacht? Wir wissen nicht, was in ihm vorging, aber er kann es trotz seiner Enttäuschung nicht lassen, den Freunden beim Abschied den Auftrag und die Frage an den Mann von Galiläa mitzugeben: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Eine merkwürdige Frage das! Was sollte Jesus sich dabei denken? Was darauf antworten? Kann man einen Menschen fragen: bist du’s, der meine Sehnsucht erfüllt, bist du von Gott gesandt? Was soll er da sagen? Johannes kümmerte sich nicht darum. Er war eben ein gläubiger Ungläubiger
|428 oder ein ungläubiger Gläubiger. Eine große Hoffnung lebte in ihm, daneben eine stille Betrübnis, dass der Jesus, von dem er hörte, nicht der Messias war, wie er sich ihn dachte, und schließlich ein stiller Zug zu eben diesem Jesus so, wie er war, den er sich nicht erklären konnte. Diese drei stritten in ihm.
Ist er wirklich eine Ausnahme? Kann man bei den andern Menschen deutlicher entscheiden, ob sie zu den «Gläubigen» oder zu den «Ungläubigen» » gehören, oder steht’s nicht so, dass wir Alle etwas von der wunderlichen Mischung sind, die wir bei dem großen Gottesmann gefunden? Man hat jene Frage des Johannes: bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten? schon oft verglichen mit der Stellung unsrer Zeit Jesus gegenüber. Und es ist etwas daran. Es kann keine Rede davon sein, dass wir in einer ungläubigen Zeit leben. Die so etwas behaupten, trauernd oder frohlockend, die übersehen, dass der Glaube heutzutage nur vielfach ein ganz anderes Gewand angenommen hat, in dem sie ihn bei den Andern nicht mehr zu erkennen vermögen. Und doch ist er da, ja, ich getraue mich zu sagen, er ist größer und tiefer geworden, als er früher war. Wer es versteht, zu lauschen auf das, was unser Geschlecht bewegt, ohne gleich mit seiner eigenen Stimme darein zu fahren und sich so das Hören unmöglich zu machen, der wird neben vielen wirren und wüsten Tönen etwas hören von einem tiefen Drang nach Aufrichtigkeit und Wahrheit. Uns Menschen der neuen Zeit sind alle Formen und alle Formeln verleidet nicht wegen ihrem Inhalt, sondern weil sie Formen und Formeln sind. Wir fürchten nichts so sehr wie das Angenommene. Was gelten soll, muss eigen sein, und es muss lebendig sein. Kommt man uns mit alten Worten, selbst wenn es heilige Worte sind, so ergeht es uns wirklich, wie neulich jemand geschrieben hat: «Wir können sie kaum mehr hören vor Ungeduld.»3 Ich glaube, dass das ein gesunder Zug unsrer Zeit ist. |
429Unser Geschlecht hat weiter bessere Augen bekommen für das, was Schönheit ist. Das hängt mit dem ersten zusammen: was für uns schön sein soll, das muss aufrichtig, das muss natürlich sein. Die Schönheit, die unsre Maler sahen, ist nicht eine gemachte Schönheit, sondern die Schönheit des wirklichen Lebens. Wenn ihr unsre Kirche und unser Schulhaus miteinander vergleicht, so habt ihr ein Bild der veränderten Empfindungsweise.4 Ich hoffe, ihr habt auch das Gefühl, dass die Veränderung ein Fortschritt war. |
Damit hängt aber wieder zusammen, dass unsre Zeit einen verfeinerten Sinn für Recht
und Billigkeit hat. Jawohl, auch das Unrecht und die Lüge sind gewachsen, aber in schnellerem Schritt sind ihnen das Verpflichtungsgefühl und die Hilfsbereitschaft vorangegangen. Es haben sich ja schon einzelne Stimmen vernehmen lassen, die Gesellschaft mache es dem Einzelnen zu leicht mit ihren Fürsorgemaßregeln und mit ihrer Milde in der Anwendung der Rechtsgrundsätze. Ich glaube nicht, dass man das schon sagen kann, aber es zeigt uns, in welche Richtung wir gehen. |
Und in dem Allem spüren wir eine große Sehnsucht. Wer am geistigen Leben auch nur ein wenig teilnimmt, der weiß, dass wir unsre Zelte abgebrochen haben und auf der Wanderschaft sind. Wir sind «Suchende», um ein vielgehörtes Schlagwort zu gebrauchen, nicht Sitzende und nicht Besitzende. Wir suchen nach neuem Leben, nach neuen Zuständen, wir haben unser Bestes in unsre Zukunft verlegt. Es ist Glaube da in unsren Tagen, auch bei denen, nein, gerade bei denen, die mancher «Ungläubige» nennen würde. – |
Und bei alledem ist unsre Zeit doch eine ungläubige Zeit. Auch wir stehen Jesus merkwürdig abwartend und zweifelnd gegenüber, gerade wie dort der Täufer. Es ist nicht, dass wir ihn nicht kennten. Wir kennen ihn recht gut sogar. Es hat kaum eine Zeit gegeben, in der in allen Kreisen so viel von Jesus die Rede war wie heute. Wir haben neue Wege gefunden und betreten, um ihn zu verstehen. Aber es wäre eine |430 große Selbsttäuschung, wenn wir behaupten wollten: wir treten freudig und bewusst in seine Fußstapfen. Im Gegenteil: wir stehen da mit unserer ganzen Sehnsucht und mit jenem stillen Zug, den wir zu ihm hin verspüren, aber wir halten zurück. Wir lassen uns sagen, wer Jesus war, was er wollte, wir betasten ihn hier und dort, er interessiert uns, wir erwärmen uns für dieses oder jenes Bild aus seinem Leben. Aber dann kommt es uns doch wieder vor, unsre Sehnsucht gehe in eine andre Richtung, wir fühlen uns enttäuscht und kreuzen die Arme.5 Es geht uns wie dem Täufer: weil unser Glaube enttäuscht ist, bleiben wir ungläubig. Und dann reut es uns doch wieder halb und halb, wir strecken vorsichtig noch einmal die Fühler vor und fragen: bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Bist du’s, der unsre Sehnsucht erfüllt, oder müssen [wir] uns nach einem andern Meister umsehen? Wäre es nicht noch herrlicher, vielleicht ein Jünger Goethes zu sein oder ein Anhänger des Dichterphilosophen Friedrich Nietzsche? Ist nicht vielleicht die Musik das wahre Reich Gottes oder die Literatur oder die Wissenschaft? So haben viele unsrer Zeitgenossen nicht nur gefragt, sondern auch geantwortet. Was Jesus zu bieten hat, kommt ihnen spärlich vor. Ihre Wünsche und Gedanken gehen höher.
Was ich da von unsrer Zeit sage, gilt aber von allen Zeiten. Immer finden wir etwas, was uns freuen muss, etwas Gutes, das wir als Glaube bezeichnen dürfen. Und immer finden wir daneben jenes vorsichtige und etwas kühle Ausweichen gerade Jesus gegenüber. Oft genug hat es sich in pomphafte, göttliche Verehrung seiner Person gekleidet und war doch im Grunde das Ausweichen, der Unglaube, der vorsichtig fragt: bist du’s auch? bist du’s wirklich, dem wir mit Freuden dienen und folgen können? Und zuletzt kann man das wiederum nicht nur von allen Zeiten sagen, sondern auch von allen Menschen. Es ist immer Beides in ihnen beieinander, Glaube und Unglaube. Das merken wir, wenn wir an unser Verhältnis zu Jesus denken. Auch wenn wir ganz fromm sind, machen wir immer wieder die Entdeckung, dass Jesus anders ist als unsre Wünsche. Und dann erwacht in uns die Johannesfrage, laut oder leise.
431Aber nun kommt die Antwort Jesu. Ich sagte schon, sie habe ihm schwer fallen müssen, weil es sich da um etwas so Innerliches, Persönliches handelte. Und so kann es uns wohl begreiflich sein, dass er nicht mit einem runden, vollen Ja antwortet – Ja, ich bin der, der da kommen soll!, sondern das Interesse von seiner Person ablenkt auf seine Sache, auf das, was durch ihn geschieht. Sehet und höret! sagt er den Jüngern des Johannes, und dann zählt er auf, fast wie wenn es ihn nichts anginge: Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das Evngelium verkündigt! Es war wirklich kein Ja auf die Frage des Johannes, sondern eine Aufforderung: Besinne dich, entscheide dich selber! Aber ich glaube nicht, dass wir diese Antwort nur aus dem mehr äußerlichen Grund erklären können, dass es unfein gewesen wäre, wenn Jesus die unfeine Frage des Johannes einfach mit Ja beantwortet hätte. Wir tun hier vielmehr einen tiefen Blick in die Seele des Meisters. Auf die Frage: wer bist du? antwortet er: das mache ich! Ja, nicht einmal: das mache ich, sondern: das geschieht! Er will nicht, dass das Interesse an seine Person geheftet werde, ja, man kann auch seine Person nicht anders verstehen, als indem man sieht, was durch sie gewirkt wird. Das hat man später oft vergessen, indem man an erste Stelle die Frage stellte: wer war Jesus?, statt vor Allem zu sehen, zu suchen: was wird geschaffen, wo er ist. Um Jesus zu erkennen, muss man seine Wirkungen, seine Wohltaten erkennen, ohne das kann man gar nicht über ihn reden.
Aber wir müssen uns weiter besinnen über diese Antwort. Versetzen wir uns noch einmal an die Stelle des gefangenen Johannes! Was haben ihm seine heimkehrenden Jünger nun auszurichten gehabt, als sie zu ihm zurückkamen? Eigentlich nur etwas, was er bereits wusste. Jesu Antwort war für ihn eigentlich nur eine Unterstreichung dessen, was ihm schon vorher zugetragen worden: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige waren rein! Das musste auch Jesus wissen. Was wollte er damit? Er wollte dem Feuergeist Johannes sagen: sieh, gerade da ist der Messias, wo all dem elenden, armen, benachteiligten Volk geholfen wird, wo Taten der Liebe geschehen. Du fragst, ob ich bin, der da kommen soll. Ja, da fragt es sich, wer der ist, den du erwartest! Wenn du einen waffenklirrenden König vom Himmel erwartest, dann bin ich’s nicht – aber sieh dir jetzt noch einmal an, was du schon gesehen |432 hast: hier werden unglückliche Menschenkinder in Glückliche verwandelt, hier geschieht ein großes Werk des Mitleids und der Bruderliebe in der Kraft Gottes. Ist das nicht besser und größer, als was du dir zusammengedacht hast? Solltest du nicht etwas Anderes erwarten, um dann auch etwas Anderes zu finden? – Wir wissen nicht, wie diese Antwort auf den Täufer gewirkt hat.
Wir wenden uns zu uns zurück. Die Antwort Jesu ist geeignet, auch in das Gewoge von Glaube und Unglaube in unserm Leben Ordnung zu bringen. Sie wirkt sichtend und läuternd auf uns. Ich sagte: wir haben eine starke Sehnsucht nach Wahrheit, Schönheit und Recht. Diese Sehnsucht ist unser Glaube. Wir stehen aber zögernd da und wissen nicht recht, ob wir Jesus folgen wollen, wir fürchten Enttäuschungen. Bist du, der da kommen soll? Da heißt es nun auch für uns kurzerdings: was erwartest du? Du kannst Manches erwarten, was du anderswo findest als bei Jesus. Aber hast du dir das Besondere, das Jesus zu bringen hat, schon angesehen?
Ja, was suchen und erwarten wir eigentlich? Wenn mir das das Höchste wäre, ein harmonisches, heiteres inneres Leben zu führen, möglichst reich an Anschauungen der verschiedensten Art, möglichst mannigfaltig, tief und umfassend, dann gestehe ich offen, dass ich mich nicht an Jesus, sondern an Goethe wenden würde, der als Lebenskünstler vielleicht das Höchste geleistet auf Erden. Wenn mir das das Höchste wäre, zu schwelgen im Bewusstsein meiner Persönlichkeit und ihres Rechts, mich zu sonnen in der Überlegenheit und Einsamkeit, die jede Seele allem übrigen gegenüber einnehmen kann, dann würde ich Nietzsche folgen, er hat uns gelehrt, wie man es macht. Ich könnte einen Menschen verstehen, der mir sagte: eigentlich brauche ich zur Erfüllung meiner Sehnsucht nichts als eine Geige und Ruhe. Mit diesen zweien will ich mir eine Welt aufbauen, die schöner ist als Alles, was man sonst nennen könnte. Und ich würde einen Andern verstehen, der zwischen zwei Reihen Büchern die gleichen oder ähnliche Gefühle erlebt. Wenn wir diese Erwartungen, wenn wir eine Sehnsucht dieser Art für das Leben haben, dann ist’s begreiflich, dass Jesus uns etwas lau lässt, dass Andre uns mehr sein können als er.
Aber wir könnten auch eine Erwartung andrer Art haben. Unsre Sehnsucht könnte sein, nicht umsonst, d. h. nicht nur für uns zu leben, sondern etwas Schlechtes in der Welt gut, etwas Dunkles hell, etwas |433 Trauriges froh zu machen. Unsre Sehnsucht könnte sein, eine Lücke auszufüllen, eine Not zu lindern, ein Bedürfnis zu stillen, zuzugreifen und zu helfen. Was ich vorhin genannt, sind Alles ganz schöne Sachen, aber sie sind keine Hilfe, sie sind immer nur etwas für uns selbst. Wenn man das Leben von Goethe liest, hat man bei all seiner Geistesgröße den Eindruck, er habe auch gar abseits von den Nöten der Menschheit gelebt in seinem stillen Gartenhaus in Weimar. Ist das wirklich so vorbildlich? Was ich gegen Nietzsche habe, sind nicht die paar gotteslästerlichen Worte, die sich bei ihm finden – die muss man bei ihm nicht so schwer nehmen –, als dass sein Leben und seine Gedanken fast ein fortgesetztes Selbstgespräch gewesen sind, das gegen Ende immer verworrener wurde. In dieser Einsamkeit liegt eine Beschränktheit. Und so wäre ein Leben in der Musik sicher etwas Schönes, aber nichts Hilfreiches,… so Alles Andre, was man nennen könnte.
Es heißt in all diesen Fällen wählen, danach entscheidet sich unsre Stellung zu Jesus. Es gibt zwei Arten von Lebenszielen: bei der einen kommt es uns auf uns selbst an, bei der andern auf die andern Menschen. Bei der einen gleicht unser Leben einem zierlichen Springbrunnen, der sein Wasser in die Höhe steigen lässt, und seine Tropfen funkeln gar schön an der Sonne. Bei der andern gleicht es einem nüchternen Brunnen, an dem nichts weiter Interessantes ist, als dass die Menschen daraus trinken können. Was wollen wir sein? Darauf kommt es an, wenn wir Antwort wollen auf die Frage: bist du, der da kommen soll? Wenn uns das Helfen das Höchste ist, dann merken wir, dass wir den Heiland nötig haben. Dann stellen wir uns in seinen Dienst. Wenn uns die Liebe zu den Niedrigen – einfach zu allen denen, die Liebe nötig haben – das Größte ist, dann bekommen wir Empfänglichkeit für die Liebe Gottes, die in Jesus zu uns redet. Das ist dann die Zerstörung des gläubigen Unglaubens und des ungläubigen Glaubens.
Jesus hat zuletzt noch etwas hinzugefügt: Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. Das heißt: Selig ist, wer nicht von mir enttäuscht ist. Und wir können es jetzt auch deutlicher erklären: Selig ist, wer erwartet hat, was er bei mir findet!