2. April 1911

Predigt: Matthäus 5,10–12

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Matthäus 5,10–12
Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.
Meine Freunde!

Das Evangelium der Passionszeit, in die wir eintreten, führt uns wieder vor das Bild des gekreuzigten Christus. Es ist derselbe Christus, den wir auch das Jahr über verkündigen, aber in keinem Zuge seines Lebens ist sein Wesen so deutlich und machtvoll ausgeprägt, nirgends ist das Große, Neue, das er uns gebracht hat, so klar und ergreifend wie auf dieser letzten Strecke seines Weges, von da an, wo er einbiegt in das Dunkel des Gartens Gethsemane bis zu der Stunde, wo er mündet in der Ewigkeit, wo der müde Wanderer seinen Geist in des Vaters Hände befiehlt [vgl. Lk. 23,46]. Dass da etwas Großes und Bedeutungsvolles zu uns rede in diesem Tod des Gerechten unter den Händen der Ungerechten, das hat noch niemand ernstlich bezweifelt. Man kann die Gebote der Bergpredigt Jesu unpraktisch und schwärmerisch nennen; man kann an sein kindliches Vertrauen zu Gott, dem allmächtigen Vater, nüchtern prüfend und grübelnd herantreten und sagen: ich sehe die Sache anders an; man kann über seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein, verständnislos die Achseln zucken. Das Alles kann man, wenn man will. Aber man kann nicht an Jesu Kreuzestod denken ohne das Gefühl, dass der Mann, der da gelitten hat und gestorben ist, uns überlegen sei und dass aus seinen gebrochenen Augen und aus seinen Wunden etwas zu unserm innersten Herzen redet, eine |103 Verheißung, eine Forderung, die wir vielleicht lieber überhören möchten und die wir doch nicht zum Schweigen bringen können. Denn wenn es auch nur die Hochachtung wäre vor dem Mute der Überzeugung, der auch vor dem Tode nicht zurückschreckt, was uns vor dem Bilde des Gekreuzigten ergreift, so ist darin doch schon enthalten, dass wir dies Bild heimlich mit uns selbst vergleichen, dass wir uns fragen, ob wir solchen Mut gegebenen Falles auch hätten, und noch weiter: ob wir überhaupt Überzeugungen haben, die es wert wären, gegebenen Falls bis in den Tod vertreten zu werden. |

Ich wiederhole: diese stille Predigt des Kreuzes Christi hört jeder, der seiner ansichtig geworden ist. Er kann sie dann überhören wollen, aber er kann ihr nicht ganz ausweichen. Sie sagt uns: da war Einer, der war etwas, der hatte etwas in sich. Sie fragt uns: was bist du? Was hast du in dir? Und sie ladet uns ein: Komm! Du darfst auch etwas sein! Du darfst auch etwas in dir haben! Das Letzte ist das Wichtigste. Im Kreuze Christi ist uns nicht nur ein erhabenes Heldenbild vor die Seele gestellt und nicht nur eine bohrende Frage: Was bist du wert, Mensch, neben diesem Helden? Sondern es ist eine Lebensbotschaft darin verborgen, die lautet: du darfst auch ein Held werden, die Hochachtung, die dir der gekreuzigte Jesus vielleicht wider Willen abnötigt, dürftest du vor dir selbst haben, die Kraft und das Leben, die du ihm anspürst, dürften deine Kraft und dein Leben werden. Es steht mit dem Kreuze Christi nicht so, wie ein moderner französischer Maler es dargestellt hat: er hat den Gekreuzigten gezeichnet in seiner Qual und in seiner Größe, ihm gegenüber aber eine schöne Frauengestalt, die die Menschheit darstellt, die mit ihrer Arbeit und ihrem Vergnügen beschäftigt ist.2 Darunter aber steht das Wort: dir der Himmel, mir die Erde. So machen wir’s, wenn wir die Predigt des Kreuzes Christi überhören wollen. Wir bewundern dann zwar irgendwie seine Größe, aber wir sagen: bleib mir vom Leibe! du gehörst in den Himmel, ich aber gehöre auf die Erde. Merken wir nicht, was für ein vernichtendes Urteil wir damit über uns selbst aussprechen? Sondern so steht es mit dem Kreuze Christi, dass darin der Himmel auf die Erde gekommen ist, zu den Menschen, in ihre Arbeit und in ihr Vergnügen hinein als die Macht der Freiheit und der Erlösung. Wo das Kreuz Christi auf|104gerichtet ist, da soll es nicht mehr Himmel und Erde geben als zwei getrennte Welten, sondern nur noch das eine Reich Gottes, die eine Welt des Lebens. So steht es mit dem Kreuz Christi, wie es Johann Sebastian Bach in der Matthäuspassion [die wir in der kommenden Woche in unsrer Stadt zu Gehör bekommen werden]3 in ergreifenden Tönen geschildert hat:

Ich will dir mein Herze schenken,
Senke dich, mein Heil, hinein!4

Das Kreuz Christi ist eine Lebensbotschaft, weil sie uns nicht nur einen Vorgang schildert, der vor vielen Jahrhunderten und in weiter Ferne von uns sich zugetragen, sondern der sich in all seiner Größe und Schönheit an uns und in uns ereignet, wenn wir es nur zulassen, dass er sich ereignet. Diese Lebensbotschaft des Kreuzes Christi verkündigt uns nun auch unser Textwort. Es sagt uns: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden! Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen! Freuet euch und jubelt! Jesus hat uns in allen Beziehungen seines Lebens zu seiner Nachfolge eingeladen: Er heißt uns, auf Gott vertrauen, wie er auf ihn vertraut hat [vgl. Mt. 6,25–34; Joh. 14,1], er heißt uns, sanftmütig sein, wie er sanftmütig gewesen ist [vgl. Mt. 5,5; 11,29], er heißt uns, die Brüder lieben, wie er uns geliebt hat [vgl. Joh. 15,12]. Aber auch auf der höchsten Stufe seines Lebens, da, wo er sich anschickt, unter den Händen der Sünder zu leiden um der Gerechtigkeit willen, lässt er uns nicht hinter sich zurück, sondern sagt uns: ihr dürft auch leiden um der Gerechtigkeit willen, ihr dürft auch geschmäht und verfolgt werden. Selig seid ihr, wenn ihr das an euch erfahrt! Freuet euch und jubelt! Die Kraft und Größe und Überlegenheit, die uns im Bilde des Gekreuzigten begegnet, auch wenn wir vielleicht recht oberflächlich hinsehen, sie sind also nicht etwas Fernes und Vergangenes, sondern sie sollen in uns wahr und gegenwärtig, sie sollen unsre Kraft, unsre |105 Größe, unser Leben und unsre Überlegenheit werden. Und sie werden es, wenn wir leiden um der Gerechtigkeit willen, wie er um der Gerechtigkeit willen gelitten hat. Von der Kraft und Seligkeit dieses Leidens wollen wir heute reden.

*   *   *

Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden! Dies Wort mag wohl die, die es zuerst aus Jesu Mund gehört haben, die Jünger und das Volk auf dem Berg von Galiläa, fremdartig und unbegreiflich berührt haben, gerade wie sie zunächst sicher vor lauter Rätseln gestanden sind, wenn Jesus ihnen sagte: Selig sind die geistlich Armen [Mt. 5,3]! Selig sind, die da Leid tragen [Mt. 5,4]! Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit [Mt. 5,6]! Von dem Allem würden sie, und wir wahrscheinlich mit ihnen, von sich aus immer gerade das Gegenteil gesagt haben: Selig sind die geistlich Reichen! Selig sind die Glücklichen! Selig sind, die schon gerecht sind! Und so würden sie, und wir mit ihnen, die letzte Seligpreisung vermutlich anders abfassen, als Jesus es getan hat; wir würden sagen: Selig sind, die um ihrer Gerechtigkeit willen und mit ihrer Gerechtigkeit in der Welt obenaus schwingen, die sich durchsetzen und Anerkennung finden bei Groß und Klein, bei Guten und Bösen. Aber wir brauchen das bloß so auszusprechen, um ohne Weiteres jedenfalls einmal das einzusehen, dass Jesus guten Grund hatte, so nicht zu sprechen. Denn wo sind die, die um ihrer Gerechtigkeit willen sich in der Welt durchgesetzt und um ihrer Gerechtigkeit willen bei der Welt Anerkennung gefunden? Die guten und gerechten Menschen aller Zeiten würden dann nicht zu denen gehören, die Jesus selig gepriesen hat, denn sie haben seit den Tagen der Propheten Israels nicht Anerkennung, sondern Geringschätzung, Schmähung und Verfolgung unter den Menschen gefunden. Es ist eine erstaunliche Tatsache, dass Jeder, der die wirkliche Wahrheit und das wirkliche Gute vertreten hat, bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen nicht Ruhm und Ehre, sondern das Gegenteil damit geerntet hat. |

Davon reden die Lebensgeschichten aller großen Denker und Entdecker. Das kann man aber sozusagen alle Tage beobachten. Wo einer einen Anlauf nimmt, ein rechter Mensch zu sein, z. B. indem er eine |106 schlechte Gewohnheit ablegt oder eine gute sich aneignet, wo einer mit einer Idee oder mit einem Unternehmen hervortritt, die mit der Oberflächlichkeit und dem Eigennutz der großen Menge zur Abwechslung einmal nichts zu tun hat, da kann man sicher sein, bald eine Anzahl Anderer um ihn versammelt zu sehen, die bemüht sind, ihm zu zeigen, wie sie mit den Achseln zucken, wie sie das, was ihn bewegt, für eine Schrulle halten. Und wenn er nun weitergeht, wenn sie durch sein Tun in dem Geleise ihrer Gewohnheiten gestört werden, wie das überall der Fall ist, wo die wirkliche Wahrheit und das wirkliche Gute im Spiel sind, da wird aus dem Achselzucken rasch genug erst das Auslachen und dann das Steinewerfen. Ich weiß wohl: manchem guten und gerechten Menschen ist es anders gegangen. Er hat sich durch Fleiß und Beharrlichkeit behauptet und durchgesetzt, er hat Anerkennung bei den Menschen gefunden, er hat schließlich wohl gar eine große Rolle gespielt in der Welt, die ihn zuerst verachtete und mit Steinen bewarf. Ich will nicht davon reden, dass dabei leider Manchem das Beste und Höchste, das in ihm war, verloren ging, dass die Anerkennung, die er fand, erkauft war dadurch, dass er mit den Wölfen zu heulen, sich den Menschen anzupassen wusste. Es gibt gottlob auch Fälle, wo der Gerechte zu seinem Recht kommt ohne das. Aber das ist sicher, dass daneben unzählige Fälle stehen, wo der Gerechte überhaupt nicht zu seinem Recht kommt, wo er sein ganzes Leben darauf wartet, Anerkennung von den Andern zu finden, aber sie bleibt aus, und der Gerechte stirbt. Nachher geht es dann vielleicht den Menschen auf, was er gewesen und geleistet, nachher zeigt sich das, was er gedacht und getan, als gut und heilsam, nachher schmückt man sein Grab als das Grab eines Propheten [vgl. Mt. 23,29]. Aber was hat er nun davon? |

Wenn das die Seligkeit ist, dass man Anerkennung findet bei den Menschen, dass man unter ihnen steht als ein Geachteter und Gefeierter, dann ist er nicht selig gewesen. Wenn das die Seligkeit ist, dass die Leute vor einem den Hut abnehmen und zueinander sagen: Seht da, den großen, bedeutenden Mann!, dann ist Jesus selbst der unseligste aller Menschen gewesen, denn die Anerkennung, die er bei der Welt fand, bestand darin, dass die ihn nicht nur warten ließ auf ihren Beifall, sondern ihn ans Kreuz schlug, um vor ihm sicher zu sein. Er hatte also wohl Recht, wenn er nicht sagte, was uns auf den ersten |107 Blick besser gefallen würde: Selig sind, die’s mit ihrer Gerechtigkeit in der Welt gewinnen. Er hat es darum nicht gesagt, weil man es mit der Gerechtigkeit in der Regel in der Welt nicht gewinnt. Die Gerechtigkeit ist eine undankbare Sache, wenn man es damit ernst nimmt, und wenn das die Seligkeit ist, dass man den Leuten wohl gefällt, dann verdient man sich mit der Gerechtigkeit nicht die Seligkeit, sondern das Gegenteil. – |

Aber wenn das so ist, dann ist es doch nur umso unbegreiflicher, dass Jesus nun sagt: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Denn wenn wir von den Menschen mit unsrer Gerechtigkeit geringgeschätzt, geschmäht und verfolgt werden, dann werden wir zunächst kaum geneigt sein zu sagen, dass uns dabei sehr selig zu Mute ist, angenehm ist es auf alle Fälle nicht. Da kommt nun Alles darauf an, was das heißt: Seligkeit. Auch das Geistlich-Arm-Sein, das Leidtragen, das Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit sind kaum sehr angenehme Zustände und doch preist Jesus sie selig. Warum diese Merkwürdigkeit, die uns in allen diesen Sprüchen begegnet? Offenbar wollte Jesus sagen: In diesen für uns so unangenehmen Zuständen, gerade in denen ist Gottes Macht und Gottes Güte wirksam. Wenn ein Mensch einsieht, dass er geistlich arm ist, wenn er Leid trägt, wenn er der Gerechtigkeit Gottes von ferne gegenübersteht und danach hungert und dürstet wie der Zöllner im Tempel, dann hat Gott ihn in der Arbeit, dann ist’s das Zeichen, dass sein Leben beginnt, etwas nutz und wert zu werden. Und so steht’s auch, wenn wir um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Gewiss, das ist kein Los, das uns erfreulich und wünschbar scheint, aber gerade in diesem fatalen Schicksal ist die Kraft der Liebe Gottes wirksam. Wir wollen versuchen, uns klar zu machen, was das sagen will. Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Selig sind sie! Warum? Weil sie Gott auf ihrer Seite haben und weil sie selbst auf der Seite Gottes stehen. Wo ein Mensch das von sich sagen kann, der ist selig, und wenn die ganze Welt gegen ihn stünde. Denn wo ein Mensch ringt und kämpft danach, ein rechter Mensch zu sein, wo die Wahrheit und das Recht ihre Stimme erheben in der Welt, wo Altes vergeht und etwas Neues, Besseres wird, wo Quellen hervorbrechen aus dem trockenen Gestein, da ist Gott selbst im Spiel, das dürfen wir vor Allem wissen. Gott sieht dem, was da geschieht, nicht von ferne zu, sondern er wirkt selber in dem, was |108 gute Menschen wirken. In der ganzen Welt und in jedem Augenblick vollzieht sich diese stille Arbeit Gottes. Sie schreitet vor[an], und niemand kann sie hindern, aber es ist keine leichte Arbeit. Denn das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen [Joh. 1,5]. Die Welt kann zwar das Licht nicht hindern, immer wieder wird sie überwunden und damit selbst auf eine höhere Stufe geführt, aber was sie nicht kann, das versucht sie doch immer wieder. Wo etwas Gutes sich regt unter den Menschen, da stehen die Weltmächte der Beschränktheit, des Eigennutzes, der Oberflächlichkeit auf, um es zu erdrücken und zu ersticken. So muss die Güte und die Wahrheit leiden unter den ohnmächtigen Versuchen der Menschen. So leidet Gott selbst in der Welt, die seine Gaben verkennt und zurückweist. Aber nun stoßen wir auf ein Geheimnis: Gott ist am Größten und Mächtigsten, seine Liebe ist am Wirksamsten gerade da, wo er leidet. Denn indem er leidet unter den törichten Anstrengungen der Welt, überwindet er sie. Er vernichtet sie nicht zur Strafe für ihren Widerstand, er vergilt das Böse mit Gutem [vgl. Röm. 12,21], er gewinnt sie, er heilt sie, er führt sie zum Lichte gerade durch sein Leiden. Er leidet für sie. |

Jesus hat das in einem wundervollen Bild erklärt, indem er gesagt hat: Ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit; denn ihre Stunde ist gekommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, denket sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt geboren ist [Joh. 16,21]. Die Liebe Gottes zu uns gleicht der Mutterliebe. Sie leidet an ihrem Kinde, aber sie leidet für das Kind, und ihre Traurigkeit wird in Freude verwandelt, denn durch ihr Leiden wird ein Mensch zur Welt geboren. Und wenn nun ein Mensch zu leiden hat um der Gerechtigkeit willen, um der Wahrheit und des Rechtes willen, dann heißt das, dass er Anteil bekommt an diesem heilsamen Leiden Gottes. Wo Gott wirkt, da leidet er auch, und weil Gott in einem gerechten Menschen wirkt, darum darf er mit ihm leiden. Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind. Um seiner Gerechtigkeit willen muss der Gerechte hinein in die Traurigkeit Gottes; denn der Jünger ist nicht über seinem Meister [vgl. Mt. 10,24]; aber darum darf er dann auch hinein in die Freude Gottes, und Gottes Freude besteht darin, dass der Welt geholfen wird. Der Gerechte muss leiden unter der Verfolgung der Men|109schen; aber was er leidet, leidet er für die Menschen, die ihn verfolgen. Das ist die Kraft und die Seligkeit des Leidens um der Gerechtigkeit willen, dass wir dadurch Träger und Botschafter werden der leidenden Liebe Gottes, wie es die Propheten gewesen sind. Das haben die christlichen Märtyrer der ersten Jahrhunderte an sich erfahren. Ihr Blut wurde vergossen, aber es wurde eine Aussaat. Der Anblick ihrer Qualen gewann immer mehr Menschen für Christus. Was ihr Leben und ihre Lehre nicht vermochte, das vermochte ihr Leiden und Sterben. Nach jeder Verfolgung und Hinrichtung drängten sich neue Massen zum Reiche Gottes, und die eben Henker und Beifall klatschende Zuschauer gewesen, standen jetzt in vorderster Reihe der Bekenner.5 Die Märtyrer hatten gelitten, aber nicht umsonst, sie hatten für die Andern gelitten. Sie waren Träger und Botschafter der leidenden Liebe Gottes. Ist solches Leiden um der Gerechtigkeit willen nicht der Freude und des Jubels würdig? – |

Das haben Alle die erfahren, die etwas Gutes, das den Menschen noch neu war, unter den Menschen vertreten haben. Damit das Gute sich durchsetze und behaupte, dazu mussten zuerst alle Widerstände und Hindernisse, die sich dagegen erheben konnten, zu Worte kommen und sich entfalten. Unter diesen Widerständen und Hindernissen hatten dann die Bahnbrecher und Pioniere zu leiden, schwer zu leiden oft. Aber es war immer ein Leiden, das nicht umsonst geschah. Denn indem die Welt ihren Widerwillen austobte in der Verfolgung, verlor ihr Widerwille seine Kraft, wie die Biene im Stich ihren Stachel verliert, und nun war die Bahn frei für das, was die Pioniere und Bahnbrecher zu bringen hatten. Sie hatten gelitten, aber sie hatten gelitten für die Welt, die sie zuerst verfolgte. Sie waren Träger und Botschafter der leidenden Liebe Gottes. Ich denke daran, wie vor 20 Jahren die |110 Heilsarmee gerade in unserem Land mit Spott und Hohn und Verfolgung begrüßt worden ist.6 Das ist heute anders geworden. Jedermann, bis auf die ganz Bornierten, erkennt heute, dass es sich dabei im Kern der Sache um etwas Gutes handelt, und viele Hunderte genießen heute die Früchte der damals leidenden Liebe. – |

Das ist aber auch eine Erfahrung, die wir Alle machen können. Wenn du zu einem Menschen gehst und bringst ihm etwas Rechtes und Gutes, dann darfst du nicht erwarten, dass er einfach mit beiden Händen zugreift und Dankeschön sagt. Sondern wenn man Eisen hämmert, dann gibt’s Funken, und wenn man einen Menschen mit der Wahrheit und mit dem Recht beunruhigt, dann gibt’s Widerspruch. Und die Funken und der Widerspruch treffen den, der hämmert und der die Wahrheit redet. Denn in dem Andern erwachen in diesem Augenblick alle die Mächte seines Innern, seine Selbstsucht, seine Oberflächlichkeit, seine Trägheit, sein Eigendünkel, die das Licht der Wahrheit und des Rechtes zu scheuen haben. Indem du ihm zu nahe trittst, explodiert das Alles gleichsam, und du darfst dich nicht wundern, dass du von den Trümmern getroffen wirst, dass du unter seinem Widerstand zu leiden hast. Sei vielmehr froh darüber, du leidest in diesem Augenblick für ihn. Denn damit die Wahrheit und das Recht in ihm Platz greifen können, müssen erst seine schlechten Neigungen in die Luft fliegen. Das ist im Augenblick schmerzlich für dich. Aber es ist oft genug so: je heftiger der Widerspruch ausbricht, umso sicherer hat in seinem tiefsten Innern das Gute Wurzel gefasst. Von diesem Widerstand des natürlichen Menschen weiß jeder Vater, jede Mutter, jeder Lehrer schon bei den Kindern zu erzählen. Sie wollen nicht, sie machen ihnen Mühe, sie behandeln sie, als ob sie ihre Feinde wären, aber indem der Erzieher dies Unangenehme auf sich nimmt, hilft er dem Kind, er leidet unter ihm, aber leidet für das Kind. Er wird ein Träger und Botschafter der leidenden Liebe Gottes. Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Gerade daran, dass sie verfolgt werden, dürfen sie erkennen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie auf |111 Gottes Seite. Denn auch Gott muss in der Welt leiden, aber gerade in seinem Leiden entfaltet sich die höchste Wirksamkeit seiner Liebe zu den Menschen. Und wenn wir leiden, so haben wir Teil an seiner Wirksamkeit. Wir leiden mit ihm und helfen dadurch den Menschen. Das ist die Seligkeit.

*   *   *

Aber nun ist da ein Umstand, der ist wohl geeignet, uns einen Augenblick inne halten zu lassen, uns zur tieferen Erfassung der Freudenbotschaft, die uns dies Wort Jesu bringt, anzuleiten. Jesus hat nicht einfach gesagt: Selig sind, die verfolgt werden! Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen! Selig seid ihr, wenn sie allerlei Übels wider euch reden! Sondern es heißt: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen. Um Gerechtigkeit willen, um meinetwillen, so sie daran lügen! Wenn alle diese Voraussetzungen da sind, dann heißt es von denen, die verfolgt sind: Selig sind sie! Dann dürfen sie sich dessen freuen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie auf Gottes Seite. Dann trifft das zu, dass sie durch ihr Leiden unter den Menschen Mitarbeiter Gottes sind an den Menschen. Wie steht es bei uns mit jenen Voraussetzungen?

Wir wollen einmal von der andern Seite an die Sache herantreten. Wenn das wahr ist: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden! – und wir haben gesehen, in welch umfassendem Sinne das wahr ist –, dann muss auch das Andre wahr sein: die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, die missachtet und unterdrückt werden auf Grund der Lüge oder des Irrtums der Menschheit, die erkennt man daran, dass sie selig sind, dass sie sich freuen und jubeln, wie Jesus ausdrücklich sagt. – |

Es gibt unzählige Menschen, die sich verachtet und geringgeschätzt fühlen von den Andern. Denen kann und soll das Wort Jesu von der Seligkeit derer, die verfolgt werden, wohltun. Aber zugleich richtet nun Jesus mit diesem Wort eine sehr ernstliche Frage gerade an sie: Woher mag es kommen, fragt er sie, dass ihr nicht selig seid, trotzdem ihr euch verfolgt fühlt, dass ihr euch nicht freut und nicht jubelt, |112 trotzdem man euch verachtet, dass ihr vielmehr jammert und klagt gegen jedermann, der euch anhören will, oder dass ihr euch missmutig und in dem verdrossenen Gefühl, ein verkanntes Genie zu sein, in die Ecke stellt und der ganzen Welt ein böses Gesicht macht? Von den Märtyrern der alten Christenheit, die ich vorhin erwähnte, hören wir, dass sie mit lauten Freudenliedern ihrem schrecklichen Tod entgegengingen. Woher mag es kommen, dass es bei uns, wenn wir uns von den Menschen verfolgt oder verkannt fühlen, in der Regel anders steht? Klipp und klar lautet jetzt die Anfrage Jesu an uns: Werdet ihr wirklich um Gerechtigkeit willen verfolgt? Lügen die Menschen wirklich, wenn sie allerlei Übles wider euch reden? Ich meine, wenn wir diese Fragen ehrlich7 auf uns wirken lassen, dann werden auch die, die sich ganz arg verachtet und verfolgt fühlen, dann werden auch die ganz großen verkannten Genies unter uns die Entdeckung machen, dass es seinen guten Grund hat, wenn sie zur Seligkeit, zum sich Freuen und Jubeln nicht aufgelegt sind. Es mag wohl so sein, und wir wollen es gerne annehmen, dass es wirklich etwas Rechtes und Gutes ist, was sie vertreten – manchmal täuschen wir uns zwar auch darin –, aber sie sollen sich einmal fragen, ob es wirklich ihre Gerechtigkeit, ob es die Wahrheit und das Recht, das sie vertreten, ist, was bei den Andern Anstoß erregt, was sie über uns die Achseln zucken und zu uns sagen lässt: Ich mag dich nicht! Meine Freunde, es ist hier eine fast unendliche Reihe von Selbsttäuschungen verborgen, die wir gut tun, uns bis auf den Grund einzugestehen. Es hat schon mancher, der einen Prozess verloren hat, gemeint, er sei jetzt ein Märtyrer des Rechts, und er war doch nur ein Märtyrer seiner Selbstsucht; denn er hat im Grund nicht um das Recht gekämpft, sondern eben um sein Recht, während ihn ein ähnliches Unglück seines Nachbars ganz kühl gelassen hätte. Da ist’s wohl begreiflich, dass er jetzt zu Freude und Jubel nicht die Stimmung findet. Es hat schon mancher, der mit seinen Ideen und Überzeugungen ausgelacht wurde, gemeint, er sei ein Märtyrer der Wahrheit und womöglich ein zweiter Christus, und er war doch nur ein Märtyrer der beschränkten oder unliebenswürdigen Art, wie er die Wahrheit vertreten hat, der Kurzsichtigkeit oder des Eigendün|113kels, mit der er die Wahrheit den Menschen aufdrängen wollte. Leider Gottes gibt es z. B. gerade so viele beschränkte und unliebenswürdige Christen oder Abstinente oder Sozialisten z. B., die ihre guten und großen Sachen in einer Weise vertreten und an den Mann bringen, dass die Menschen dadurch für das Gute und Große nicht gewonnen, sondern davon abgestoßen werden, weil sie sich sagen: So einer wie der will ich auf alle Fälle nicht werden. Was Wunder, wenn solche angebliche Märtyrer der Wahrheit dann nichts spüren von der Freude, die Jesus denen, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, nicht nur verheißen, sondern zur Pflicht gemacht hat. Ich habe vorhin als Beispiel die Eltern und Lehrer genannt, die bei ihrem Erziehungswerk unter dem Widerstand der Kinder zu leiden haben. Ja, aber in wie unzähligen Fällen sind die Fehler und Schwächen der Kinder, unter denen Eltern und Lehrer zu leiden haben, nur das Echo und der Abklatsch ihrer eigenen Fehler. Die Kinder haben unter den schlechten Seiten ihrer Erzieher gelitten, und nun geben sie das Leiden, ohne es bewusst zu wollen, mit Zins und Zinseszins ihren Erziehern zurück. Und was vom Verkehr mit den Kindern gilt, das gilt erst recht vom Verkehr mit den Erwachsenen. – |

Ja, wenn das so steht, meine Freunde, dann haben wir allen Anlass, uns selbst gegenüber aufmerksam zu sein, gerade wenn wir von den Menschen Anfechtung zu erleiden haben. Wir werden dann nicht gleich denken, die Majestät der göttlichen Gerechtigkeit werde verfolgt, wenn wir verfolgt und verachtet werden. Es hat dann im Grunde kein Einziger Anlass, sich durch das, was die Menschen ihm antun, verletzt zu fühlen, wohl aber allen Anlass, bei sich selbst einzukehren und sich zu fragen, ob die Verletzung der Ehre Gottes, die er beklagt, nicht in ihm selbst ihren Grund und Anfang habe. Denn er wird sich sagen müssen, dass er solange, als er sich noch verletzt fühlt, solange er sich ärgert und ein böses Gesicht macht, offenbar noch gar nicht um der Gerechtigkeit willen, sondern um seiner eigenen Sünde willen, um es deutlich zu sagen, angefochten und verachtet wird. Wer wirklich um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird, der freut sich und jubelt, weil er ein gutes Gewissen hat, weil er weiß, dass er leidet um des Gehorsams gegen Gott willen, und weil er weiß, dass gerade durch sein Leiden der gute Wille Gottes an den Menschen vollzogen wird. Wer wirklich um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird, der kann |114 dann gar nicht mehr eigensüchtig, beschränkt und unliebenswürdig sein, sein Leiden, das ihm die Andern zufügen, bekommt dann jene bezwingende Kraft, die das Gift der Welt in sich aufnimmt, damit die Welt vom Gifte frei werde.

In diesem Falle sind wir in der überwiegenden Mehrzahl nicht. Aber in diesem Fall war Jesus Christus. Wir leiden nicht schuldlos, aber er hat schuldlos gelitten. Wir leiden nicht nur um der Gerechtigkeit willen, er tat es. Und darum sehen wir zu ihm hinauf als zu dem, der für uns gelitten, der unsre Sünde getragen hat. Denn von seinem unschuldigen Tod unter den Händen der Ungerechten ist die Kraft ausgegangen, durch die es uns möglich wird, nach unsern schwachen Kräften teilzuhaben an der leidenden Liebe Gottes, Mitarbeiter Gottes zu sein in der Aufgabe, um Gerechtigkeit willen verfolgt zu werden, und Mitgenossen seiner ewigen Seligkeit. Von ihm her, in der Nachfolge seines Leidens und Sterbens haben wir das, was wir aus uns selbst nicht hätten. Und darum fassen wir Alles das, was sein Wort uns heute gesagt hat und was sein Tod uns nicht nur gesagt, sondern geschaffen hat, zusammen in die eine große Forderung und Verheißung: Leide dich8, aber leide dich als ein guter Streiter Jesu Christi.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 107: «Wenn dir, dein Zion, Palmen streuet» von K. Menzel, Strophen 1–3. 🎵
  • Nr. 117: «O Lamm Gottes, unschuldig» nach N. Decius von S. Franck (RG 437 [Textabweichungen]; EG 190.1 [nur Strophe 1]). 🎵
  • Nr. 170: «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ» von S. Preiswerk, Strophen 1–2 (RG 801). 🎵
Lesungstext:
  • Joh. 16

Sachfußnoten

1
Es handelt sich um die Probepredigt Barths in seiner zukünftigen Gemeinde; vgl. oben, S. VIII.↩
2
Nicht ermittelt.↩
3
Dieser Satzteil ist von Barth selbst eingeklammert und ist nur in der Genfer Predigt vorgetragen worden.↩
4
Arie für Sopran aus J. S. Bachs Matthäuspassion (BWV 244) 📖. Barth wirkte, wie schon im Juni 1910 in Bern (vgl. Busch, S. 68 📖), an der Aufführung mit; ausweislich seines Kalenders nahm er an den freitäglichen Proben recht regelmäßig teil. Die öffentlichen Aufführungen fanden statt am 11. und 12. April 1911.↩
5
Vgl. Tertullian, Apol. 50,13–15, CChr.SL I, S. 171 📖: «Nec quicquam tamen proficit exquisitior quaeque crudelitas vestra; inlecebra est magis sectae. Plures efficimur quotiens metimur a vobis; semen est sanguis Christianorum. Multi apud vos ad tolerantiam doloris et mortis hortantur ut Cicero in Tusculanis, ut Seneca in Fortuitis, ut Diogenes, ut Pyrrhon, ut Callinicus. Nec tamen tantos inveniunt verba discipulos quantos Christiani factis docendo. Illa ipsa obstinatio, quam exprobratis, magistra est. Quis enim non contemplatione eius concutitur ad requirendum quid intus in re sit? quis non, ubi requisivit, accedit? ubi accessit, pati exoptat, ut totam dei gratiam redimat, ut omnem veniam ab eo compensatione sanguinis sui expediat?»↩
6
Zu dem heftigen und teils gewalttätigen Widerstand in der Schweiz und besonders auch in Genf gegen die 1882 begonnene Arbeit der Heilsarmee unter Führung ihrer Marschallin, Catherine Booth, vgl. Th. Kolde, Art. «Heilsarmee», in: RE3 7, S. 578–593, dort S. 582, Z. 22–60 📖; R. Pfister, Kirchengeschichte der Schweiz, Bd. 3: Von 1720 bis 1950, Zürich 1985, S. 277f. 📖↩
7
Mskr.: «auf ehrlich»; das überzählige «auf» wurde von den Hrsg. gestrichen.↩
8
Die erste und letzte Zeile der zweiten Strophe des Liedes «Fahre fort» von J. E. Schmidt (GERS 159) 🎵, das Barth am 26. Februar 1911 hatte singen lassen (vgl. oben, S. 86) lauten: «Leide dich, leide dich!»↩