25. Oktober 1914

Predigt: Psalm 119,142

532
243
Psalm 119,142
Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit.
Liebe Freunde!

Am Anfang des gegenwärtigen Krieges ist ein merkwürdiges Wort ausgesprochen worden. Es war am 4. August, in der Sitzung |533 des Deutschen Reichstages, der Reichskanzler,1 der oberste Beamte des Kaisers, setzte den Volksvertretern auseinander, wie Alles gekommen war. Dabei kam er auf Belgien zu reden. Die deutschen Truppen waren bereits in dieses neutrale, durch einen Vertrag aller großen Länder geschützte Königreich eingebrochen, um den nächsten Weg nach Frankreich zu nehmen. Not kennt kein Gebot!, sagte der deutsche Reichskanzler, als er darauf zu reden kam. Wir verletzen jetzt das Völkerrecht, Belgien hat recht, wenn es gegen diese Tat protestiert, aber wir können nicht anders, und wir werden uns bemühen, unser Unrecht gutzumachen, sobald der Zweck, den wir damit im Sinn haben, erreicht ist.

Not kennt kein Gebot! Das Wort hat gewirkt wie ein Feuerzeichen. Es hat wirklich schon unsere ereignisschwere Zeit gebraucht, diese Zeit, in der der Mensch sich wieder einmal offenbart als das, was er eigentlich ist, um dieses Bekenntnis oder Geständnis hervorzulocken. Unzählige haben aufgehorcht, als dieses Wort kam. Es war ein schwerer unverdaulicher Bissen. Ein klotziger Felsblock, von einem Bergsturz auf eine schöne grüne Wiese geworfen. Not kennt kein Gebot! Ist es wirklich so? Man müßte darüber nachdenken, und man würde nicht so schnell damit fertig. Immer wieder muß man dazu zurückkehren. Wenn man dem Wort doch ein angenehmes Gesicht geben könnte! Manche haben es sich einfach gemacht: Recht hat er!, haben sie gesagt, es kommt nur auf den Erfolg an, ob durch Recht oder Unrecht, das ist gleichgültig. Alle solchen Rücksichten müssen schweigen, wenn eine Sache nützt. Aber so wagten doch nur ganz Wenige zu reden, nur Menschen mit einem ganz ledernen Gewissen. Das Wort «Unrecht» hat Viele beunruhigt. «Wir haben Unrecht getan» — das wollen sie nicht sitzen lassen, das kann ja nicht sein, darf nicht sein. Ein berühmter Gelehrter hat die Sache so gedreht: Es gibt Lagen im Leben, wo es Pflicht ist zu tun, was einem hilft. Hat nicht David, als er auf der Flucht war vor Saul, |534 die Schaubrote vom Tisch des Herrn genommen und sich damit gestärkt gegen den Wortlaut des Gesetzes [vgl. 1.Sam. 21,2–7]? In solchen Lagen ist Unrecht nicht mehr Unrecht sondern Recht, und der Reichskanzler hätte das böse Wort nicht aussprechen sollen. Aber auch das genügt nicht Allen. Begreiflich, man hat bei dieser Auskunft das Gefühl, der Boden schwanke einem unter den Füßen. Was ist dann Recht? Was Unrecht? Wenn es dann doch in gewissen Notfällen Recht sein soll, Unrecht zu tun? Und darum flüchten sich wieder Andere zu dem Standpunkt, daß sie sagen: wenn wir nicht in das friedliche neutrale Land eingefallen wären, so hätten es die Anderen getan, wir mußten Unrecht tun, um die Anderen am Unrechttun zu verhindern, und somit haben wir doch Recht getan. Man kann ja nur gespannt sein darauf, wie lange sich das Gewissen damit zufrieden geben wird. Ich rede von dem allen nicht, um mich auf einen Streit darüber einzulassen. Alle Erklärungen und Begründungen, die man in der Angelegenheit gehört hat, sagen im Grunde immer das Eine: die Verhältnisse waren so, daß wir über den von Deutschland unterschriebenen Vertrag hinweggehen mußten als über einen Fetzen Papier. In der Lage, in der wir waren, konnten wir kein Gesetz, auch nicht unser eigenes gegebenes Wort anerkennen. Not kennt kein Gebot! Wie man es auch begreifen und entschuldigen möge, das Deutsche Reich hat Belgien gegenüber nach dieser Regel gehandelt. Der Kanzler ist ein ehrlicher aufrechter Mann, dem man es zum hohen Verdienst anrechnen muß, daß er diese Regel auch offen ausgesprochen, daß er sich besonders vor dem Wort Unrecht nicht gefürchtet hat. Er hat damit eigentlich nichts Anderes ausgesprochen als das Wesen und die Regel des Krieges überhaupt, ja nicht nur des Krieges, sondern der Menschennatur, der unerlösten Welt. Und darum verdient sein Ausspruch unsere tiefere Aufmerksamkeit.

Zu all den anderen Ereignissen da draußen, die uns nun seit drei Monaten aufregen und erschüttern, haben wir ebensowenig wie zu dem Einbruch der Deutschen in Belgien eine andere Erklärung als die: Not kennt kein Gebot! Das ist die große, die einzige |535 Erklärung alles dessen, was im Kriege geschieht. Die Belgier greifen in ihrer Wut über den Eindringling zu allen möglichen Waffen und führen einen Verteidigungskampf, der in die scheußlichsten Schlächtereien ausartet. Was will man? Not kennt kein Gebot! Die Deutschen machen es zum Kriegsgesetz: wer von der Landesbevölkerung mit den Waffen in der Hand ergriffen wird, wird erschossen. Natürlich, sie müssen sich wehren gegen ihre wütenden Gegner. Das Gesetz ist hart, aber nötig, Not kennt eben kein Gebot. Auf dem Turm der Kathedrale von Reims ist ein feindlicher Beobachtungsposten, es tut uns leid um die wundervolle Kirche, aber wir müssen sie beschießen, Not kennt kein Gebot. Und mit demselben Notrecht rufen wie die Engländer die Franzosen ihre schwarzen und braunen Hilfstruppen nach Europa, wilde, grausame Menschen, von denen es nur heißen kann: wehe, wenn sie losgelassen!2 Helfe, was helfen mag, die Verhältnisse zwingen uns, nichts zu unterlassen, was nützlich sein kann. Not kennt kein Gebot. Und so weiter durch Alles hindurch auf allen Seiten. Überall heißt es als letzte Entschuldigung oder Begründung: wir müssen! wir müssen: hart, grausam, rücksichtslos, hinterlistig sein. Das ist eben der Krieg. Da kommt man mit den gewöhnlichen Begriffen von gut und böse nicht aus, da muß man Manches tun, was einem sonst unmöglich wäre, da fragt sichs nur noch, was den Sieg herbeiführen kann und wer dann der Stärkere ist. Und der Stärkere hat dann allemal recht.

Was soll man eigentlich dagegen sagen? Ich finde, man kann gar nichts dagegen sagen. Es ist wirklich so: weil nun einmal Krieg ist, so müssen die Menschen in den allermeisten Fällen so handeln, wie wir sie jetzt handeln sehen. Es hat gar keinen Sinn, die Völker und die einzelnen Menschen deswegen anzuklagen, daß sie nun so auf alle Weise gegeneinander wüten. Und noch weniger Sinn hat es, nun etwa ein Volk oder eine Partei besonders zu verurteilen wegen ihrer Kriegsführung. Dabei kann man sich zwar sehr in Leidenschaft hineinreden gegen die eine oder die |536 andere Seite, aber man übersieht dann auch gründlich das, worauf es eigentlich ankommt. Es ist nun einmal Krieg, und nun machen eben Alle, was zu machen ist, um ihren Erfolg zu haben, die Einen etwas mehr, die Anderen etwas weniger gesittet, die Einen gröber, die Andern feiner. Aber Alle ohne Ausnahme stehen unter dem Zwang, Unrecht tun zu müssen, Alle ohne Ausnahme befinden sich in der Not, die kein Gebot kennt. Der Reichskanzler hat ganz recht: was gilt ein Stück Papier, und wenn der schönste Vertrag mit der eigenen Unterschrift darauf stünde, wenn man sich wehren, wenn man siegen muß! Und die Anderen alle haben auch recht: was gelten alle Rücksichten und Bedenken, wenn nun einmal der Krieg da ist? Noch einmal: man muß diesem Mann dankbar sein dafür, daß er es so offen ausgesprochen hat: wenn die Not da ist, wenn ein Volk, ein Heer in dieser Lage ist, dann wird eben Unrecht Recht, dann muß das, was eigentlich Recht wäre, zurückgestellt werden auf spätere Zeiten.

Und nun ist das das Merkwürdige, daß diese Regel durchaus nicht nur für die Fürsten und Staatsmänner, für die Völker und Armeen im Kriege gilt, sondern für das Menschenleben überhaupt. Der Angriff der Deutschen auf das neutrale Belgien, das ganze rücksichtslose Unrecht des Krieges überhaupt ist durchaus nicht etwa etwas Neues, Einzigartiges, Besonderes. Es ist nur eine Offenbarung, die uns die Augen auftun soll über die Art des Menschen überhaupt, über die Welt, über uns selbst. Wir leben ja auch unter Geboten, Geboten des Anstandes, der Pflicht, des Gewissens, unter Geboten Gottes. Wir kennen sie. Wir halten sie für gewöhnlich. Aber wir wissen auch alle, ohne Ausnahme, ganz genau, daß wir sie nur bis zu einer gewissen Grenze halten. Wenn die Verhältnisse danach sind, wenn die «Not» da ist, kennen wir sie nicht mehr.

Wir wollen etwas ganz Schlichtes nehmen: die Wahrheit reden. Selbstverständlich! Von klein auf wissen wir, daß sich das gehört. Niemand von uns wollte ein Lügner sein! Aber nun tritt ein Fall ein, ein ganz besonderer Fall, da kann ich doch nicht die Wahrheit reden. «Der braucht doch das nicht zu wissen, was |537 er mich jetzt fragt!» — «Wie würde er mich ansehen, wenn ich ihm jetzt sagte, wie es in Wirklichkeit ist!» — «Was würde daraus entstehen, wenn ich jetzt ganz offen und klar sagen würde, was ich weiß!» Also schnell eine Ausrede, etwas ein klein wenig verdreht, etwas weggelassen oder etwas hinzugetan, ein Ja umgekehrt … du hast gelogen! O wie häßlich, das so zu nennen! Ich konnte doch nicht anders, ich mußte doch ein wenig ausweichen, ja ganz recht wars ja nicht, aber man kann es doch nicht immer so genau nehmen. Not kennt kein Gebot, und ich war eben in Not. Seht da, Kriegsrecht, oder eben Kriegsunrecht, mitten im Frieden, mitten in unserem Leben drin, alle Tage kommt ja das vor, nicht wahr?

Ein Gebot der Pflicht: Rücksicht zu nehmen aufeinander, nicht seinen Vorteil zu suchen auf Kosten der Anderen. Selbstverständlich, natürlich! Haben wir nicht Alle den Stolz: ich sehe für mich und tue niemandem etwas zuleide? O, wie schön wäre das! Aber wenn nun Not eintritt? Wenn sich z. B. die Gelegenheit zeigt, ein schönes Geschäft zu machen — freilich kommt ein Anderer oder viele Andere dabei zu kurz, aber nicht wahr, Geschäft ist Geschäft: man kann da nicht so bedenklich sein, wo käme man hin, wenn man so peinlich Rücksicht nehmen wollte, es gibt eben auch Ausnahmen, und jetzt ist eine Ausnahme, rasch zugegriffen: Not kennt kein Gebot!

Ein Gebot des Rechtes: Bezahle, was du schuldig bist! Natürlich tue ich das — der soll mir kommen, der mir etwas Anderes beweist! Wirklich? Wie hast dus denn mit dem, was du dem Staat, der Gemeinde schuldig bist, mit deinen Steuern? Ja so, das ist etwas Anderes, nicht wahr? Da ist auch wieder eine «Not». «Ich habe sonst genug zu zahlen, die Steuern sind viel zu hoch, und man hat mich ungerecht eingeschätzt das letzte Mal, und es sind so viele Andere da, die es auch lange nicht genau genug nehmen und — und — und —.» Gründe genug, nicht wahr, um zu beweisen: da muß ich eine Ausnahme machen, da muß für einmal Unrecht Recht sein. Wie sagt man doch dann, Betrug, Diebstahl der Öffentlichkeit gegenüber? Schrecklich, solche Worte will ich |538 nicht hören, ich bin ja sonst brav und recht, aber Alles hat seine Grenze, und Not kennt kein Gebot.

Meine Freunde, was ich da genannt habe, das sind ja noch lauter schlichte, grobe Pflichten, Dinge, die sich ohne Weiteres von selbst verstehen. Wenn wirs mit ihnen so machen, wenn wir hier so schnell bereit sind, das Recht durch ein Notrecht oder Kriegsrecht, das eben Unrecht ist, zu ersetzen, wie wird es dann erst sein bei den feineren geistigen Geboten, bei den Geboten, die uns durch das Evangelium bekannt und lieb sein sollten, etwa bei der Pflicht der Arbeitstreue oder des Friedehaltens oder des Verzeihens oder der helfenden Liebe oder des Opfern- und Verzichtenkönnens? Kennen wir nicht alle eine ganze Reihe von Geboten, denen gegenüber wir sozusagen immer in Not sind, von Geboten, die wir zwar von Weitem kennen, an die wir uns von Zeit zu Zeit wieder erinnern, bei denen wir auch vielleicht einmal ein Anläuflein genommen haben, die wir aber im Übrigen immer wieder zurückstellen: das ist jetzt nichts für mich, das kann ich jetzt nicht brauchen. Liebe? Friede? mich opfern und drangeben? ja, das ist schön und gut, aber für den Augenblick muß ich das Gegenteil davon tun. Später vielleicht, ein andermal will ich dann gern wieder davon hören. Jetzt ist Not, Not kennt kein Gebot! Da ist doch Keiner unter uns, der nicht gestehen müßte: So habe ichs auch schon gemacht, oft und oft, so mache ichs immer wieder, so richte ich beständig Kriegsrecht, Notrecht, Unrecht auf anstelle des Rechts.

Und wie das Leben von uns Einzelnen, so sind unsere ganzen Verhältnisse und Zustände vollständig und fortwährend unter der Regel: Not kennt kein Gebot. Ist nicht auch unser Zusammenleben in Friedenszeit ein versteckter Krieg, mühsam in gewissen Schranken gehalten durch Gesetz und Polizei? Heißt es nicht auch da: wer die Macht hat und wer es gewinnt, der hat Recht, wenns drauf ankommt? Woher kommts, daß so Viele ihr Leben lang zu kurz kommen müssen? Woher kommts, daß, wer da zahlt, auch befehlen kann in Staat und Gemeinde? Woher kommts, daß man so vielen offenkundigen Schäden in unserem Volks|539leben mit Bedauern und Achselzucken den Lauf läßt, ohne etwas Kräftiges zu ihrer Beseitigung zu unternehmen? Ja woher? Der Grund ist immer derselbe: das geht eben nicht anders, das muß so sein, da können wir nichts dagegen machen! Immer dasselbe: die Verhältnisse lassen es nicht anders zu, vorläufig kann Recht nicht Recht sein, Not kennt kein Gebot!

Was soll man eigentlich dagegen sagen? Wieder muß ich antworten: man kann nichts dagegen sagen, es ist eben einfach so. Das ist der Welt Lauf, das ist des Menschen Art, und es ist gut, daß es uns jetzt durch den Krieg einmal so recht im Großen an die Wand gemalt wird, daß es so ist. Auch die blödesten Augen müßten es merken und begreifen. Was merken und begreifen? Daß es gar nicht anders sein kann, daß wir lügen und stehlen und töten, hart und grausam und feige und treulos sein, daß wir unrecht tun müssen, wenn dann einmal die Not da ist. Unwiderstehlich treibt sie uns ins Unrecht hinein, wir können nichts dagegen machen, wir können es nur unter Achselzucken geschehen lassen. Wir bedauern, aber wir können nicht anders!, so müssen wir reden wie die Deutschen, als ihre Kanonen schon vor Lüttich donnerten.3

Wir müssen. Ja, aber was ist denn eigentlich die Not, die uns zwingt, sodaß wir müssen? Die Verhältnisse, sagen wir, die Lage, der besondere Fall, sie sind es, die uns nötigen, Böses zu tun gegen unsere bessere Einsicht und Absicht. Ganz richtig, das tun sie, wenn sie einmal da sind. Aber woher kommen sie? Fallen sie vom Himmel wie ein Meteorstein? Ist die Not, die das Böse erzeugt, auf einmal da, ohne daß wir etwas dafür könnten? Stand das z. B. in den Sternen geschrieben, daß Deutschland im Jahr 1914 alle Welt zum Feind haben und sich darum heraushauen müsse, koste es, was es wolle? Beruht all die andere Not, die jetzt Tag für Tag neues Kriegsunrecht erzeugt, etwa auf einem Naturgesetz? Hat etwa Gott das gewollt, daß die Völker jetzt einander fürchten und hassen und darum gegeneinander wüten müssen? Und all die Not, die Lebensnot, die beständig, tagtäglich, im |540 Großen und im Kleinen das Unrecht und die Sünde und das Unglück hervorruft, mit notwendiger Gewalt hervorruft, ist diese Not etwa notwendig? Muß das Mißtrauen sein, mit dem wir einander gegenüberstehen und aus dem dann flugs und unvermeidlich die Lüge folgt? Muß die Selbstsucht sein, die uns diktiert: du bist dir selbst der Nächste, sieh für dich, mag darüber aus den Anderen werden, was da will? Muß die Verehrung des Mammons sein, die uns, wenn sie einmal da ist, freilich mit Gewalt zwingt, unserem Gewissen einen Streich über den anderen zu spielen um des lieben Sparkassenheftes willen? Muß das alles sein, was uns vor den klaren Forderungen des Evangeliums zurückscheuen läßt: das nicht! das kann ich jetzt nicht brauchen! das will ich dann später einmal probieren? Muß unser ganzes Leben und Zusammensein ein solcher Wettlauf, ein solcher Kampf von Allen gegen Alle sein, wie es tatsächlich der Fall ist, und der, wenn er einmal da ist, freilich notwendig tausendfaches Unrecht erzeugen muß? Ja, wo die Not ist, da muß es freilich zum Unrecht und zum Unglück kommen, da müssen wir schlecht denken, schlecht reden, schlecht handeln, feiner oder gröber, im Großen und im Kleinen. Aber ist denn die Not notwendig?, frage ich.

Was ist denn diese Not, die das Unrecht erzeugt? Meine Freunde, diese Not ist nicht etwas, was von außen an den Menschen herankommt. Diese Not kommt nicht von der äußeren Natur des Menschen. Diese Not rührt nicht etwa davon her, daß er essen und trinken und leben muß, daß er ein unvollkommenes, beschränktes Wesen ist und nun einmal kein Engel. Diese Not hat ihren Grund nicht in den Umständen, wie man etwa so schön sagt, um den Menschen zu entschuldigen. (Und weiß doch nicht, wie tief man ihn mit dieser Ausrede erniedrigt!) Diese Ausrede wird uns widerlegt durch unser Gewissen und durch Jesus.

Unser Gewissen sagt uns unweigerlich und unerbittlich: Auch in der größten Schwierigkeit, auch unter den hinderlichsten Umständen und Verhältnissen bleibt Recht Recht und Unrecht Unrecht und kann nicht vermischt und verwechselt werden. Das |541 ist das Wunderbare, ich möchte fast sagen, das Göttliche an jener Rede des deutschen Reichskanzlers, daß er im gleichen Augenblick, wo er das von Deutschland begangene Unrecht entschuldigte mit der Not, mit der Lage, in der es sich befand, doch gestehen mußte: es ist aber ein Unrecht! Da haben die Engel im Himmel sich gefreut! Da hat es sich gezeigt, daß Gott doch stärker ist als der Teufel, daß er die Menschen an der Hand behält, und wenn sie sich noch so sehr gegen ihn sperren! Und diese Gewissensstimme, durch die uns Gott festhält, redet in uns allen. Wir mögen tausende von Gründen und Entschuldigungen vorbringen, wir mögen lange sagen: ich muß, diese und jene äußeren Umstände nötigen mich, Unrecht zu tun — das Gewissen gibt uns einfach nicht recht, es sagt uns, uns selber zum Trotz, immer wieder: du mußt nicht, die äußeren Umstände könnten dich nicht zwingen, wenn du nicht wolltest, die Not, die dich zwingt, ist eine andere, du weißt recht gut, welche!

Und kräftiger noch als unser Gewissen widerlegt uns Jesus. Jesus zeigt uns, daß unser Gewissen uns nicht einen schönen aber unmöglichen Traum vorspiegelt. Jesus war ein Mensch von Fleisch und Bein wie wir. Er mußte auch essen und trinken und leben wie wir. Er lebte mitten drin in den Umständen, in den Verhältnissen dieser unvollkommenen, beschränkten Welt. Er wußte auch, was die Schwierigkeiten und Hindernisse des Lebens sind, er wußte sogar viel mehr davon als wir alle. Aber für ihn war die Not nicht da, die Not, die dann kein Gebot kennen will, die Not, die das Unrecht und das Unglück erzeugt, die Not, die uns zwingt, schlecht zu sein. Wenn wir ihn ansehen, wird uns aufs machtvollste bestätigt, was uns schon unser Gewissen sagt, daß die Not nicht außer uns, nicht in den Umständen liegen kann.

Die Not, die das Unrecht erzeugt, ist inwendig in uns. Sie ist nicht im äußeren, sondern im geistigen Zustand des Menschen. Sie ist darum keine notwendige Not, sondern wir sind schuld daran. Wären wir innerlich andere Menschen, dann wäre auch die Not nicht. Dann könnte die Not kein Unrecht erzeugen. Dann gäbe es weder Krieg noch Lüge noch Diebstahl noch Feigheit.

542 Die Not, die das Unrecht erzeugt, ist unsere Gerechtigkeit, die nicht Gottesgerechtigkeit, die keine ewige Gerechtigkeit ist. Unsere Gerechtigkeit ist der gute Wille in uns. Er ist wohl da in uns. Er ist da in jedem Menschen. Kein Mensch will eigentlich das Unrecht, den Krieg, die Lüge. Jeder Mensch will eigentlich im tiefsten Grunde das Gute, den Frieden, die Wahrheit. Aber dieser gute Wille gilt nicht. Er beherrscht uns nicht. Er wagt wohl von Zeit zu Zeit, uns zu beeinflussen, da ein bißchen, dort ein bißchen, aber er bestimmt uns nicht, unser persönliches Leben nicht, darum auch nicht unser Zusammenleben, darum auch nicht das Völkerleben. Neben dem guten Willen in uns, der gerne möchte, wenn er könnte, sind andere Kräfte in uns, in der Menschheit: die Selbstsucht, das Mißtrauen, der Mammon, die Eitelkeit, die Herrschsucht, die Dummheit, die Bosheit. Und zu dem sagt nun der gute Wille in uns: eigentlich solltet ihr nicht sein, eigentlich sollte ich euch überwinden, aber ihr seid mir zu stark, ihr habt auch ein Recht, da zu sein, und darum: Friede sei mit euch, ich will euch neben mir gelten lassen. Und so ist Beides in uns: ein wenig guter Wille und viel, viel von den Kräften des Bösen. Und so kommts, daß wir fort und fort, zwar unter Bedauern und Seufzen, Unrecht über Unrecht begehen, einander anlügen und ausbeuten, einander hassen und gegeneinander Krieg führen müssen. Der gute Wille in uns hat zum Bösen gesagt, du hast auch dein gewisses Recht, und darum hat denn auch das Böse an gewissen unzähligen Punkten in unserem Leben freien Lauf. Wir haben nicht das Gefühl dabei, besonders schlecht zu sein, wir trösten uns damit, daß ja doch immer noch viel Gutes in uns sei und geleistet werde, und merken nicht, wie wir gegen unseren Willen und doch mit unserem Willen immer neues Unrecht, neues Unglück erzeugen. Das ist unsere Gerechtigkeit. Sie ist guter Wille, der aber nicht ernst macht. Diese unsere Gerechtigkeit, die eine Scheingerechtigkeit ist, ist unsere Not.

Gottes Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit. Auch in Gott ist guter Wille. Aber nur guter Wille. Sein guter Wille herrscht und bestimmt, nichts Anderes darf daneben gelten. Ihm sind die |543 Kräfte des Bösen nicht zu stark, er gibt ihnen kein Recht, er überwindet sie. Wo Gott ist, darf das Böse nicht ausbrechen. Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm [1.Joh. 1,5]. Gott kennt die Not nicht, Gott weiß nichts von Unentschiedenheit, Trägheit und Halbheit, und darum gelten seine Gebote. Gott will und Gott kann, weil er ernsthaft will.

Meine Freunde, unsere Not ist nicht notwendig. Es muß nicht so sein, daß immer und immer wieder Unrecht und Leid hervorgeht aus dem falschen Zustand unseres Inwendigen. Es muß nicht so sein, daß unsere Welt eine Welt der Lüge und des Krieges ist. Unserer unsicheren, heuchlerischen und darum schwachen Gerechtigkeit steht gegenüber die Gerechtigkeit Gottes, die ewige Gerechtigkeit. Unser Gewissen und Jesus, sie strafen uns nicht nur, sie decken uns nicht nur unseren Zustand auf, sie weisen uns auch auf den Weg dahinüber zur Gerechtigkeit Gottes. Selig sind, die hungert und dürstet nach dieser Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6]! Selig sind die, die erwacht sind, denen die halbe Menschengerechtigkeit und Weltgerechtigkeit verleidet ist. Selig sind die, die einen Blick haben tun dürfen hinüber in die Welt Gottes! In ihnen lebt nun etwas von dieser Welt Gottes, von seiner Gerechtigkeit. Sie sehen hinaus über die Not, unter der wir alle leiden. Sie wissen, daß der Zwang zum Bösen nicht unzerbrechlich ist. Sie werden von Tag zu Tag freier davon. Sie glauben daran, daß es eine völlige Freiheit gibt für uns und für die arme Welt. Die Freiheit wird da sein, wenn der gute Wille in uns ernsthaft sein wird, wie er in Gott ernsthaft ist. In Gott und durch Gott wird unsere Freiheit und unsere wahre Gerechtigkeit sein.

Amen.

Sachfußnoten

1
Theobald von Bethmann Hollweg (1856–1921), 1909–1917 deutscher Reichskanzler.↩
2
Aus Fr. von Schillers «Lied von der Glocke» 📖.↩
3
Vgl. Anm. 2 zur Predigt 239 vom 20. September 1914, S. 484. ↩