18. Oktober 1914

Predigt: Römer 8,38-39

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Römer 8,38–39
Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.
Liebe Freunde!

Wir haben hier noch wenig oder gar nicht geredet von den großen und schönen Eigenschaften und Fähigkeiten, die der Krieg bei den Menschen zu Tage gefördert hat. Aus gutem Grunde. In den Zeitungsnachrichten, besonders in denen, die aus dem Ausland kommen, war ja genug zu lesen von der Vaterlandsliebe, der Tapferkeit, dem Opfersinn der Soldaten der Völker, die an diesem Krieg beteiligt sind. Ich hätte beim besten Willen nicht in diesen Ton einstimmen können und kann es auch jetzt nicht. Wir haben Wichtigeres zu tun als Schweizer und als Christen, als die Kriegsbegeisterung und die Kriegstaten der gegenwärtigen Menschheit rund um uns her zu bewundern, so groß und bewundernswert sie immer sein mögen. Für uns kommt es darauf an, uns immer tiefer davon durchdringen zu lassen, daß der Krieg und Alles, was damit zusammenhängt, ein namenloses Unrecht und ein jammervolles Unglück ist in jeder Beziehung, daß das wilde Tier im Menschen |519 jetzt losgelassen ist und zum Entsetzen und zur Schmach des Menschen die fürchterlichsten Zerstörungen anrichten darf. Diese klare Erkenntnis, die uns durch unser Gewissen und durch das Evangelium Jesu zur Pflicht gemacht wird, muß der feste Boden sein, auf dem wir unerschütterlich stehen in dieser bewegten Zeit, wenn wir nämlich vernehmen wollen, was Gott uns zu sagen hat in dieser Zeit und was er von uns fordert. Aber ich glaube, diese Erkenntnis: Krieg ist Sünde und Schuld und Strafe — und der Wille, der zu dieser Erkenntnis gehört, dem Kriege und Allem, was zum Kriege gehört, den Krieg zu erklären in tiefster Seele im Gehorsam gegen den Gott des Friedens und der Liebe — diese Erkenntnis und dieser Wille kann nur noch klarer und fester werden, wenn wir es einmal ruhig zugestehen: ja, der Krieg hat tatsächlich auch seine Ehre, er ist tatsächlich durchaus nicht nur eine Nacht von Gemeinheit und Elend. An Millionen unserer Mitmenschen, in gewissem Sinn bei ganzen Völkern, sehen wir jetzt edle, reine, starke Charakterzüge, wo vorher gar nichts zu sehen war.

Der Krieg ist ein großer Zauberer. Sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien [Mt. 24,38], und nun sind sie auf einmal Menschen geworden mit ganz bestimmten guten Eigenschaften, die wir ganz zweifellos als solche anerkennen müssen, wenn wir nicht sehr beschränkt und hochmütig urteilen wollen. Wertvolle Edelsteine, die lange verborgen waren unter dem Staub und Schmutz des Alltags, haben auf einmal zu leuchten begonnen. Menschen, die träumerisch und gleichgültig und stumpf ihres Weges gingen, sind erwacht, und das Beste, was in ihnen war, ist an den Tag gekommen. Ein Heldenzeitalter ist angebrochen, eine Zeit großer Dinge nach langen Jahrzehnten dumpfer Kleinlichkeit. Und darum sehen wir dann auch die Völker alle, trotz all der Tränen, die vergossen werden, in einer sonntäglichen gehobenen Stimmung; kein Mensch dürfte darum z. B. in Deutschland sagen: diese Zeit sei eine dunkle Zeit, ihre Ereignisse ein Gottesgericht. Nein doch, sie freuen sich über diese Ereignisse, sie reden von heiligen Erlebnissen, sie fühlen sich durchaus nicht im Zwiespalt, |520 sondern im höchsten Einklang mit dem Willen Gottes, sie beten nicht: vergib uns unsere Schulden! [Mt. 6,12], sondern sie sagen: der alte Gott lebt noch!2 und danken ihm dafür, daß sie jetzt leben dürfen. Und ähnlich empfinden die Franzosen, die Engländer, die Österreicher. Eine Begeisterung ist in all diesen Völkern entstanden, die keine Heuchelei, sondern etwas durchaus Echtes ist, das wir anerkennen müssen. Die äußerlichen, materiellen, privaten Interessen haben weithin großen allgemeinen Gedanken und Idealen Platz gemacht, das ist für mich das Größte an diesem Völkererwachen. Wie ein Mann zieht ganz Frankreich in den Kampf mit der heiligen Überzeugung, nun gelte es das Werk der großen völkerbefreienden Revolution zu vollenden durch den Sturz der deutschen Militärherrschaft, unter der Europa bis jetzt seufzte. An seine Seite tritt England mit derselben Absicht: die Menschheit soll los werden von der Furcht vor der deutschen Gefahr, die kleinen Völker geschützt vor der Willkür großer Nachbarn. Wir sehen den Belgier mit dem Mut der Verzweiflung verteidigen, was ihm von seinem Vaterland noch geblieben ist. Von Deutschland hören wir am meisten, und am deutlichsten spüren wir dort jene Begeisterung, der dieser Krieg eine heilige Sache ist. Wir verteidigen die heiligsten Güter der Menschheit gegen den räuberischen Überfall roher Barbaren. Man haßt uns, weil man uns beneidet, und man beneidet uns, weil wir stark sind. Gott will aber, daß wir stark seien, und wird darum mit uns sein. Und Rußland? Es kann keine Rede davon sein, daß dieses große geheimnisvolle Volk ein einziger Haufe von Mördern und Barbaren sei. Wir kennen es wenig, es fällt uns schwer, es zu verstehen, umso mehr sollten wir uns hüten, in Urteile des Hasses ohne Weiteres einzustimmen. Auch Rußland hat Ideale, hat die Überzeugung des Rechts in diesem Krieg. Es wahrt durch den Schutz der Serben seine Ansprüche, wie Deutschland die seinen |521 wahrt durch das Bündnis mit Österreich. Ich könnte sogar in die allgemeine Verdammung der Serben nicht einfach einstimmen, obwohl sie den äußeren Anlaß zum Krieg gegeben haben. Ein starker einheitlicher Wille lebt in diesem Volk, den gerade wir Schweizer verstehen müssen. In schweren Kämpfen sind sie unabhängiger Staat geworden und wollen sich als solcher behaupten. Aus Vaterlandsliebe hat der unselige Mörder Princip3 seine verhängnisvolle Tat begangen. Wir können und sollen sie verurteilen, aber wer will seine Vaterlandsliebe verurteilen? So fehlt es sicher nirgends in dem uns umbrandenden Völkermeer an hohen und edlen Gefühlen und Überzeugungen, hier sind sie mehr, hier weniger deutlich ausgeprägt, aber überall sind sie vorhanden.

Und nicht nur Begeisterung, nicht nur hohe Gedanken sind da, sondern auch Taten, daheim und im Felde, vor denen wir wahrhaftig nur die größte Achtung haben können. Kein Tag vergeht ja jetzt beinahe, ohne daß uns die Zeitungen neue ergreifende Proben von Unerschrockenheit und Hingabe von Männern und Frauen aller kämpfenden Parteien bringen. Was will nur schon dieser gewaltige Zustrom von Freiwilligen sagen, die sich jetzt in Deutschland, in Frankreich, in England zu Hunderttausenden unter die Fahnen stellen, ohne Zwang, von sich aus und obwohl sie dabei für sich nichts zu erwarten haben als Anstrengungen und Entbehrungen und gewaltige Todesgefahr. Wir erleben jetzt etwas, wie es gewesen sein muß in den bewegtesten Zeiten der Weltgeschichte: das Volk steht auf, der Sturm bricht los!4 Wer hätte es den Menschen der Gegenwart, die einem oft so greisenhaft, so schwach vorkommen, zugetraut, daß doch so viel Selbstlosigkeit und Furchtlosigkeit und Treue in ihnen lebe? Was haben jetzt all die Millionen von Frauen geleistet und was leisten sie noch, die ihre Gatten und Söhne haben ziehen lassen mit dem |522 festen Vorsatz, ihnen das Scheiden und das Fernsein nicht schwer zu machen! Steht nicht hinter jeder der beteiligten Armeen unsichtbar eine zweite, von Frauen und Kindern und Alten, von Dichtern und Gelehrten, die den Kämpfenden da vorn durch ihre Teilnahme, ihr Zutrauen, ihre Liebe Freude und Mut machen?! Was für einen Aufschwung hat es gebracht in allen Völkern, daß nun auch diese zweite unsichtbare Armee überall da ist und mitwirkt bei der ungeheuren Arbeit, die zu tun ist! Ich will nicht reden von dem, was auf den Schlachtfeldern selbst geleistet wird. Wir alle können uns ja das überhaupt nicht vorstellen, was dazu nötig ist, als Soldat vor dem Feind seine Pflicht zu tun, ohne zu zögern, unter allen Umständen. Millionen tun jetzt diese Pflicht, ohne zu wanken, bis in den bitteren Tod hinein. Was für eine ungeheure Energie kommt da zur Entfaltung, was hat es gebraucht, um diese Energie in langjähriger Friedensarbeit in all diese Menschen hineinzubringen! Wir dürfen auch daran denken, wieviel Liebe und Hilfsbereitschaft durch diesen Krieg schon zum Leben erweckt worden ist. Mancher verschlossene Geldbeutel hat sich jetzt auf einmal aufgetan, viele lässige Hände sind jetzt auf einmal tätig geworden für die Anderen. Die Menschen spüren jetzt: wir sind einander verpflichtet, Eines muß des Anderen Last tragen [vgl. Gal. 6,2], so gut er kann, Eines muß des Anderen Bruder und Schwester sein. Und ist nicht diese Einigkeit in den Völkern und Staaten, die jetzt eingetreten ist, etwas ganz Wunderbares? Wie war Deutschland, wie war Frankreich vorher zerrissen von vielfach so kleinlichen Gegensätzen der Parteien, der Stände, der Konfessionen, was war das für ein ewiger unglückseliger Kampf zwischen den verschiedenen Völkerschaften, die in unserem Nachbarland Österreich vereinigt sind! England stand unmittelbar vor dem Bürgerkrieg, in wenigen Wochen wären in Irland die Gewehre und Geschütze losgegangen, Engländer gegen Engländer. Und nun kam der Krieg. Und er kam, wunderbarerweise, überall zunächst als ein Friedebringer. Die Streitigkeiten werden eingestellt; der deutsche Kaiser erklärt: ich kenne keine Parteien mehr, und die Sozialisten reichen ihm die Hand zum |523 Gelöbnis der Treue. Die Freunde der Römischen Kirche und die Freidenker in Frankreich reichen sich die Hand: das Vaterland über Alles. Die Ulsterleute5 in England stellen ihre Waffen, die zum Aufruhr bestimmt waren, der Regierung zur Verfügung. Deutsche, slawische, ungarische Österreicher ziehen vereint miteinander an die Grenze; sogar Rußland, das Land der größten Gegensätze, wird gegen alles Erwarten einig durch den Krieg. Überall dasselbe Schauspiel: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr!6

Ist das alles nicht merkwürdig? Müssen wir es nicht verstehen, wenn diese Völker alle sich in einer sonntäglichen Freudenstimmung befinden, wie ich sagte?, daß sie den Krieg in allem Ernst als eine Offenbarung Gottes ansehen, und zwar nicht als eine Offenbarung seines Gerichts, sondern seines Wohlgefallens an den Menschen? Müssen wir nicht selber sagen, daß der Krieg erstaunlich viel Gutes, Göttliches hervorgezaubert hat bei den Menschen? Ja, das tun wir auch, und wir sind auch ganz überzeugt, daß all die Treue und Liebe, all die Selbstlosigkeit und Unerschrockenheit, aller Heldenmut und Brudersinn, die sich jetzt hüben und drüben so leuchtend entfalten, sicher nicht umsonst sind. Aus Gott stammt doch Alles, was gut ist, und so braucht er auch gewiß dieses ganze Erwachen für das Kommen seines Reiches, wenn auch ganz anders, als die Menschen es sich vorstellen. Wehe uns, wenn wir jetzt gleichgültig abseits stehen, selbstsüchtig unserer eigenen Sache nachgehen würden! O, wir wollen uns nicht verschließen vor dem neuen guten Geist, der jetzt durch alle Länder und Völker geht. Wir wollen teilnehmen an dem großen Erwachen, das über sie gekommen ist. Wir wollen uns freuen mit den Fröhlichen [vgl. Röm. 12,15], wo es wirklich etwas zu freuen gibt.

524 Aber — —! Meine Freunde, das muß uns allen jetzt ganz klar sein — und ist uns hoffentlich in der langen Zeit, in der wir über den Krieg nachdenken konnten, allen ganz klar geworden, daß wir als Schweizer und als Christen zu dem allen ein großes Aber! zu setzen haben. Schon darin müssen wir ja die Dinge ganz ganz anders ansehen als die kämpfenden Völker, daß wir diese guten göttlichen Charakterzüge an der Menschheit, die jetzt hervortreten, bei Allen wahrnehmen, nicht nur bei einem Volk. Nehmen wir gegenwärtig eine Zeitung aus Deutschland in die Hand, dann sehen wir, wie da die guten Eigenschaften der deutschen Soldaten, des deutschen Volkes zwar kräftig herausgestrichen und verteidigt werden gegen jeden Vorwurf, von den Feinden Deutschlands aber hören wir, das seien eben die «Welt voll Teufel», von der Luther in seinem Lied «Ein feste Burg» gesungen hat. Das hat ein Marburger Professor geschrieben,7 einer der gebildetsten Menschen in ganz Deutschland! Nichts als Hinterlist, Feigheit und Gemeinheit ringsum!, so sehen sie jetzt dort die Anderen an. Und ganz genauso, oft fast bis auf den Ausdruck gleich, urteilt man in Frankreich über die Deutschen. Und so in der ganzen kriegführenden Welt, hin und her. Da können wir nicht mit, und da wollen wir nicht mit. Wir freuen uns über alles Große und Erhebende, was dieser Krieg zu Tage fördert, aber sofort müssen wir uns wehren gegen die Verblendung, die darin liegt, daß nun jedes Volk und jede Partei zu meinen scheint: nur wir haben die wahre Vaterlandsliebe und Pflichtbegeisterung, nur bei uns gibt es Heldenmut und Treue, während am Gegner Alles, was man bei sich selbst rühmt, in den Kot gezogen wird. O, wie wäre das so einfach, wenn auf der einen Seite lauter Helden des Lichts und der Wahrheit, auf der anderen lauter Teufel und Schurken ständen! Dann wäre unsere Stellungnahme so leicht. Aber das ists ja gerade, daß wir hüben und drüben viel Gutes, viel Geist und Kraft sehen müssen. Wir können nicht anders, wir |525 müssen beide Seiten, alle Seiten sehen. Und das ists ja gerade, was unser Herz ergreift, daß wir nicht Engel gegen Teufel, sondern vortreffliche, pflichtbewußte, hochbegabte Menschen gegeneinander streiten sehen. Menschen, die das Gute wollen und vielfach tun: nicht miteinander sondern gegeneinander: das ist das furchtbare Rätsel des Krieges, das hindert uns, uns einfach mitzubegeistern und mitzuhassen auf der einen Seite, das zwingt uns, uns zurückzuhalten, auch mit unserer Bewunderung vor dem Guten und Göttlichen, das jetzt im Menschenantlitz zweifellos zu Tage tritt. Nicht miteinander — gegeneinander geht all das Gute in den Menschen! Der Haß ists, der sie erweckt hat aus dem Schlafe der Gleichgültigkeit und der Selbstsucht! Der Krieg hat sie hervorgelockt, all die verborgenen Kräfte und Geister in den Völkern, die jetzt so hell leuchten! Und nichts Anderem als dem gegenseitigen Mord, der fürchterlichsten Zerstörungsarbeit müssen sie alle miteinander dienen, diese guten Gedanken und Taten allenthalben, an denen wir uns so gerne freuen würden.

Was müssen das für fürchterliche, für höllische Mächte sein, die das vermocht haben, mit einem Schlag all die Kräfte des Guten hervorzulocken und sie mit ein und demselben Schlag in den Dienst des Bösen zu stellen! Fürchterliche ungeheure Mächte, denn sie haben vermocht, was alle guten Einflüsse in Friedenszeiten, alle Predigt des Evangeliums und alle Bildungsbestrebungen nicht vermocht haben: einem unvergleichlichen Leben und Eifern und Schaffen haben sie gerufen. Aber höllische Mächte sind es: denn sie haben ihnen nicht gerufen zum Segnen, sondern zum Fluchen. Wie einst Balak, der König der Moabiter, den Propheten Bileam in seinen Dienst nahm, um dem Volk Israel zu fluchen [vgl. Num. 22–24]! So muß jetzt alles Gute, Edle und Hohe im Menschen völlig im Dienste des Bösen stehen. Das ist gerade das Furchtbare am Krieg. All die Vaterlandsliebe, die jetzt so unmittelbar und herrlich hervorgebrochen ist, hat ihr Ziel und ihren Gipfel darin, anderer Menschen Vaterland mit allen Mitteln zu bekämpfen. All die Begeisterung und Treue und all das Pflichtbewußtsein, von denen jetzt zahllose Menschen erfüllt sind, muß nur |526 dazu dienen, andere Menschen, die von gleichen Gefühlen beseelt sind, wenngleich mit anderen Namen und in anderer Sprache, zu töten.

Das sind die Männer der Bildung, der Wissenschaft. Sie gehören eigentlich allen Völkern, gemeinsam arbeiteten und forschten sie bis dahin zum Wohle der ganzen Menschheit. Das hat aufgehört. Sie haben ihre Gelehrsamkeit und ihre Feder, ihr Herz und ihren Kopf in den Dienst des Kampfes gestellt, und nun geht es hin und her über die Grenzen, über das Meer mit gegenseitigen Anklagen und Anschuldigungen. Man kennt sie nicht mehr, so zittern ihre Stimmen vor Leidenschaft und Einseitigkeit. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern [Jes. 14,12]!

Da sind die Männer der Sozialdemokratie. Jahrzehntelang haben sie gegen den Krieg und für den Völkerfrieden geredet, und es war ihnen heiliger Ernst damit. Da kam der Krieg, und er war stärker als sie und riß sie mit. Ihr erinnert euch vielleicht noch, wie es einmal am Anfang hieß, einer von ihnen, Dr. Liebknecht8 in Berlin, habe den Militärdienst verweigert und sei erschossen worden, ein Märtyrer seiner Überzeugung. Es stellte sich bald als eine Täuschung heraus. Er und alle Anderen dachten gar nicht daran, gegen den Strom zu schwimmen. Bald darauf fiel als einer der ersten Dr. L. Frank,9 einer ihrer ersten, besten Parteiführer. Er starb nicht für den Frieden, nicht für den Sozialismus, nicht für seine Überzeugung, sondern für den Krieg, den er zeitlebens bekämpft hatte. Und Tausende seiner Gesinnungsgenossen mit ihm. Es gibt für den Augenblick keine Sozialisten mehr in |527 Deutschland, die den Krieg hassen, sondern nur noch Deutsche, die die Franzosen und Russen hassen. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!

Und da sind die Männer der christlichen Kirchen, der katholischen und der protestantischen. Sie haben alle Sonntage von Jesus geredet, von dem Mann, der auch in dem Augenblick, als es die gerechteste Sache galt, zu seinen Jüngern gesagt hat: Stecke dein Schwert in die Scheide [Joh. 18,11]! Sie haben von dem Gott geredet, der seine Sonne scheinen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte [Mt. 5,45]. Und es war wahrhaftig auch ihnen ernst damit. Und nun? Nun steht der Kardinal Erzbischof Amette vor der Kathedrale Notre Dame in Paris, hält eine feurige Ansprache an das Volk, in der er zum Kampf gegen die Deutschen auffordert, und schließt mit den Worten: Es lebe Gott, es lebe die Kirche, es lebe Frankreich!10 Nun ziehen Tausende von französischen katholischen Pfarrern als Soldaten und Offiziere an die Front und tun es allen Anderen zuvor an Kampflust. Nun erklärt ein hervorragender deutscher Christ allen Ernstes, vorläufig müsse für die Deutschen das Evangelium des Hasses an die Stelle des Evangeliums der Liebe treten. Nun triefen fast alle deutschen kirchlichen Blätter von Kriegsgeschrei und Selbstbewußtsein. In Berlin fand eine große Versammlung von Freunden der Heidenmission statt, die sich einen ganzen Abend lang damit unterhielt, die Engländer vor den Richterstuhl Gottes zu schleppen.11 An den Oberhofprediger des Kaisers richtete ein bedeutender französischer Geistlicher die Bitte, sie möchten, gemeinsam unterzeichnet, eine Aufforderung zu menschlicher Kriegführung an die kämpfenden Heere richten. Der Hofprediger weigerte sich, seine Unterschrift zu geben, mit der Begründung, er wolle auch nicht im Entferntesten den Anschein erwecken, als ob die deutschen Soldaten eine solche Auf|528forderung nötig hätten, vom höchsten General bis zum niedersten Soldaten sei von ihnen kein anderes als das denkbar beste Benehmen im Kriege zu erwarten. Wohl aber solle man den Franzosen, den Belgiern, den Russen gehörig zusprechen.12 Eine Anzahl der bekanntesten Kirchenmänner Deutschlands, darunter zwei meiner liebsten Lehrer, haben einen Aufruf erlassen «An die evangelischen Christen des Auslands».13 Er ist voll von Anklagen, voll von Entschuldigungen der eignen Sache. Ein einziges Mal ist darin die Rede von der Buße, die auch das deutsche Volk nötig habe. Aber dann wird sofort angedeutet, daß es bereits Buße getan habe, und alle Schuld wird feierlich den Feinden, den Feinden allein zugeschoben. So sind auch aus den Christen, aus den ernsten und frommen Christen Soldaten geworden. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!

Was sind das für Mächte, die das fertiggebracht haben, das Gute so völlig zu verkehren und in den Dienst des Bösen zu stellen? Meine Freunde, seht, das sind die «Engel, Fürstentümer und Gewalten», von denen Paulus geredet hat. Er hat sie ein anderes Mal die «Geister, die in der Luft herrschen» [vgl. Eph. 2,2] genannt. Wir verstehen, nicht wahr? Es gibt böse Kräfte in der Welt, zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen. Es sind Kräfte der Torheit, der Finsternis, der Zerstörung. Sie üben eine gewaltige Wirkung aus auf die Menschen, wir erfahren es täglich in unseren Herzen, in unserem Leben. Sie dürfen diese Wirkung ausüben, Gott hat ihnen die Freiheit dazu gegeben. In hartem Kampf gegen sie soll sein Reich aufgerichtet werden. Wir wissen nichts Anderes von ihnen, als daß wir mit ihnen ringen, sie besiegen müssen. Denn sie hindern den Men|529schen auf seinem Wege zu Gott. Sie sind die Feinde der Liebe und der Wahrheit. Sie wollen nicht das Reich Gottes, sondern das Reich der Dummheit und der Bosheit. Sie säen Lüge und Unrecht und Gewalt. Ihre größte Kraft ist es, ihr Werk unter der Maske des Guten zu treiben. Selten treten sie auf als das, was sie sind, fast immer verkleidet als Boten Gottes. Sie flüstern ihm ins Ohr, er müsse Böses tun, damit Gutes daraus werde. Sie begeistern ihn, Gutes zu tun, und verwenden ihn dabei für ihre bösen Zwecke. Und wenn sie über ihn triumphieren, dann muß er tief hinein in die Nacht der Sünde und des Irrtums, tief hinein in eine Hölle, die er sich selber schafft.

Das sind die bösen Kräfte, die jetzt am Werke sind. Nicht erst jetzt, schon lange, immer — aber jetzt ist ihre Tätigkeit wieder einmal an den Tag gekommen. Eines der besten Gefühle der Menschen: seine Liebe zu Heimat, Volk und Vaterland, und das beste Werk des Menschen, das Instrument der Ordnung auf Erden, den Staat, haben sie ergriffen und Beides in eine Teufelei verwandelt. Sie haben ihm eingeblasen, er müsse sich Platz schaffen, herrschen, unterdrücken durch List und Gewalt, damit er leben könne; es sei sein Recht, ja sogar seine Pflicht, sich auszudehnen auf Kosten Anderer. Und der Mensch hat ihnen Gehör gegeben, statt auf die untrügliche Stimme seines Gewissens und des Evangeliums Gottes zu hören. Und nun herrschen sie über ihn, über die Welt. O, wie sie jetzt lachen und jubeln, diese Geister in der Luft, über den blutgetränkten Schlachtfeldern, über den zerstörten Städten und Dörfern, über den zahllosen Gräbern, über den Schreibtischen der Gelehrten, wo unermüdlich Anklagen und Ausreden ausgesonnen werden, über den Kirchen, in denen vom «guten Gewissen» und vom Evangelium des Hasses gepredigt wird! Und sie dürfen triumphieren, denn keiner von den Kämpfenden erkennt sie als das, was sie sind. Sie wissen alle nicht, was sie tun [vgl. Lk. 23,34]. Sie sind so gefangengenommen, daß sie wirklich ein gutes Gewissen haben bei ihrem Tun. Sie rufen: Gott will es! und: Gott mit uns!, und es ist ihnen ernst dabei. Sie vollbringen tatsächlich Taten reinsten Opfermutes und rennen |530 gerade damit immer tiefer hinein in die Nacht einer fürchterlichen Verwirrung, aus der nur immer neue Sünde, neues Unglück hervorgehen kann.

Könnten nicht auch wir irrewerden bei diesem jammervollen Schauspiel, irre an Gott, irre an aller Wahrheit und Gerechtigkeit, irre daran, ob wirklich die Liebe das Größte und Stärkste ist in der Welt? Sind nicht die bösen «Engel, Fürstentümer und Gewalten» viel, viel größer und stärker? Ist nicht alles Göttliche und Gute bloß ein heuchlerischer Vorwand, den diese bösen Kräfte brauchen, um die Menschen um so sicherer und um so gewaltiger in den Unfrieden, in den Tod, in die Hölle hineinzutreiben? Eine Waffe, die ihnen der Teufel in die Hand drückt und die sie nun eben gebrauchen, wie sie ihre Geschütze und Gewehre und ihre spitzen Worte gebrauchen? Wird uns nicht Alles verdunkelt, werden wir nicht von Allem abgeschnitten, was über diesen bösen Kräften steht, wenn wir jetzt einsehen, wie stark [sie] sind, so stark, daß sie sogar das Gute, Göttliche restlos und widerstandslos in ihren Dienst zu stellen vermögen?

Meine Freunde, nun dürfen und müssen wir es aussprechen mit dem Apostel Paulus: Ich bin gewiß, daß nichts uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die da ist in Christus Jesus, unserem Herrn. Nichts, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur. Jetzt ist uns Jesus der sichere leuchtende Punkt mitten in der dunklen Welt. Auf ihn vertrauen wir. Auf ihn hin blicken wir. Von ihm her strömen uns Kräfte zu, die stärker sind als die Kräfte des Bösen. Auch er hat mit ihnen gekämpft. Auch vor ihm haben sie sich verkleidet in das heuchlerische Gewand der Wahrheit und Gerechtigkeit. Auch er war einst mitten drin in der tiefsten Nacht. Die «Engel, Fürstentümer und Gewalten» hatten alle Menschen um ihn her gefangen genommen, auch die besten, auch die liebsten Freunde. Aber ihn selber nicht. Er hat nicht aufgehört zu leuchten. Auf den Karfreitag folgte Ostern. Ein Weltkarfreitag ist jetzt angebrochen. Aber den Geist Jesu vermag er nicht zu töten. Er lebt weiter in |531 denen, die sich nicht gefangen nehmen lassen von den Geistern, die in der Luft herrschen, in denen, die die Lüge und das Unrecht als solche erkennen und sich auch durch die schönste Verkleidung nicht täuschen lassen. Sie dürfen in lebendiger Verbindung bleiben mit der Liebe Gottes. Sie dürfen rein bleiben in dieser erstickenden Luft von Lüge und Unrecht, die uns umgibt. Sie wissen, daß die Gesetze Gottes gelten unverbrüchlich und daß dieser Gott nicht ein Gott der Unordnung ist, sondern des Friedens [1.Kor. 14,33]. Sie wissen aber auch, daß diese Gottesgesetze durch Alles hindurch sich durchsetzen werden. Es soll dem Bösen nichts helfen, daß er das Gute für seinen frevlerischen Zweck geweckt und gebraucht hat.

Wir sagten es uns schon: das Gute, das wirklich Gute, das jetzt bei den Menschen zum Vorschein gekommen ist durch den Krieg, das kann nicht verloren sein. Das Gute wird einmal durch seine eigene Kraft, durch die Gotteskraft, die in ihm ist, das Böse überwinden. All die Treue und Liebe, all die großen Gedanken und heiligen Entschlüsse, die durch den Krieg ins Leben getreten sind, die werden sich einmal empören gegen die unwürdigen Fesseln, in denen sie jetzt noch liegen. Es wird sich wieder regen in den christlichen Kirchen, unter den Sozialisten, unter den Gebildeten und tiefen Geistern in allen Ländern, und bitter werden sie es bereuen, daß sie wie Petrus ihren Herrn verleugnet haben [vgl. Mt. 26,69–75]. Die Menschen der Völker werden erwachen aus dem unglücklichen Traum, in dem sie sich jetzt befinden. Warum das alles gegeneinander statt miteinander? werden sie sich fragen. Warum im Dienste finsterer Kriegsgewalten statt im Dienste Gottes, der doch der Vater alles Großen und Guten ist, und darum im Dienste der Brüder, aller Brüder? O, dieses Erwachen kommt einmal, da dürfen wir ganz sicher sein. Wie ging es denn dem Propheten Bileam, als er auf Befehl des fremden Herrschers Israel fluchen sollte? Er wollte wohl, aber er konnte nicht. Er mußte schließlich segnen und immer wieder segnen, statt zu fluchen. Dürfen wir das nicht als eine Verheißung nehmen? Daß da Menschen einmal durch die Kraft Gottes, die in |532 ihnen wirkt, dahin kommen werden, daß sie gar nicht mehr können unter der Herrschaft der Engel, Fürstentümer und Gewalten stehen, daß sie gar nicht mehr können, was sie bis dahin immer wieder wollten, Böses tun. Daß es sich wie ein Zwang über sie legt: zum Segnen, nicht zum Fluchen, zum Lieben, nicht zum Hassen sind wir da. Wenn wir nur immer bei den Menschen sind, die die stille, tiefe Wirkung Jesu, seine Wirkung auf Herz und Gewissen, spüren und spüren wollen. Bei den Menschen, die sich von ihm die lebendige Hoffnung schenken lassen, daß Gott einmal Meister wird, ja das Vertrauen, daß er schon heimlich Meister ist über die Kräfte des Bösen, obgleich unsere Augen es nicht zu sehen vermögen.

Gehören wir zu diesen Menschen? Gott hat es uns so leicht gemacht, dazu zu gehören, indem er uns hat geboren werden lassen als Angehörige eines Landes, das bis jetzt nicht hineingerissen ist in den Kampf der Geister und Gewalten. Der freie Aufblick zu dem Gott der Liebe soll für uns nicht gehindert sein. Aber ich weiß doch nicht, ob wir tatsächlich zu den Menschen gehören, die jetzt sagen können: Ich bin gewiß, daß nichts uns zu scheiden vermag von ihm! Es ist ein Großes, in solcher Zeit sagen zu können: ich bin gewiß! Wir wollen uns nicht rühmen, etwas zu sein, was wir vielleicht nicht sind. Aber wir wollen alle Gott darum bitten, daß wir es werden, frohe Bürger seiner zukünftigen Welt.

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf dem Mskr. notiert: Nr. 225: «Ist Gott für mich, so trete …» von P. Gerhardt (1607–1676), Strophen 1,8,9 (EKG 250, Strophen 1,12,13) 🎵; Nr. 31 (EKG 209): «Ach bleib mit deiner Gnade …» von J. Stegmann (1588–1632), Strophen 1,2,3,6. 🎵 ↩
2
Vgl. E. M. Arndt (1769–1860), «Trostlied» (1813) 🎵; darin:
Der alte Gott, der lebet noch!
Was willst du, Herz, verzagen?
↩
3
Am 28. Juni 1914 ermordete der großserbische Nationalist Gavrilo Princip in Sarajewo den habsburgischen Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und dessen Gemahlin. Dieses Attentat wurde zum Anlaß des Ersten Weltkrieges.↩
4
Aus dem Gedicht Männer und Buben von Th. Körner (1791–1813) 📖.↩
5
1912–1914 nahm das englische Unterhaus dreimal nacheinander das Gesetz über Homerule in Irland an, gegen Sonderbestrebungen des protestantischen Ulster.↩
6
Anfang des «Rütlischwurs»: Fr. von Schiller, «Wilhelm Tell II», 2 (Vers 1448f.) 📖.↩
7
Paul Natorp (1854–1924), vgl. Anm. 4 zu Predigt 238 vom 13. September 1914. Eine ähnliche Anwendung desselben Luther-Zitats auch bei [M.] R[ade], «Von gerechtem Selbstbewußtsein», in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 887 📖.↩
8
Dr. Karl Liebknecht (1871–1919), seit 1912 Reichstagsabgeordneter der SPD, stimmte im Dezember 1914 und August 1915 gegen die Kriegskredite, trat 1916 aus Protest gegen die kriegsfreundliche Haltung der SPD aus der Partei aus. Zusammen mit Rosa Luxemburg wurde er 1919 im Laufe der Spartakus-Unruhen ermordet. ↩
9
Dr. Ludwig Frank (1874–1914, gefallen bei Lunéville), war seit 1907 führender SPD-Abgeordneter im Reichstag. Nachruf von [M.] R[ade] in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 862f. 📖 und von Theodor Heuss in: Die Hilfe, Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst, Hg. Fr. Naumann, Nr. 38 vom 17. Sept. 1914, S. 618f. 📖 ↩
10
Ansprache von Kardinal Amette (1850–1920) während einer «journée de prière pour la France et ses armées» am 13. September 1914.↩
11
Kundgebung deutsch-evangelischer Missionskreise am 21. September 1914 in Berlin; vgl. dazu «Kleine Mitteilungen», in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 902 📖.↩
12
Der Oberhofprediger war Ernst von Dryander (1843–1922), sein französischer Partner Pastor Barbut in Nimes. Die Antwort im Protestantenblatt 1914, Sp. 895f. 📖 Vgl. auch E. v. Dryander, «Erinnerungen aus meinem Leben». Bielefeld/Leipzig19222, S. 279f 📖 ↩
13
Veröffentlicht in: Kirchliches Jahrbuch 42 (1915), S. 209–213 📖. Die beiden Lehrer Barths sind Adolf von Harnack (1851–1930), Berlin, und Wilhelm Herrmann (1846–1922), Marburg. Vgl. auch CW, Jg. 28 (1914), Sp. 846 📖.↩