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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 119,142</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 119,142, 25. Oktober 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5048 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 532–543.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 119,142</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 532-543</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 243</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 119,142, 25. Oktober 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1683">KBA 1221</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-10-25">25. Oktober 1914</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-10-25">25. Oktober 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.119.142">Psalm 119,142</ref>
              <quote>Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Am Anfang des gegenwärtigen Krieges ist ein merkwürdiges Wort ausgesprochen worden.
               Es war am 4. August, in der Sitzung
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                des <orgName ref="kbga-actors-8623">Deutschen Reichstages</orgName>, der <rs type="person" ref="kbga-actors-902">Reichskanzler</rs>,<note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-902">Theobald von
                  Bethmann Hollweg</persName> (1856–1921), 1909–1917 deutscher
                  Reichskanzler.</note> der oberste Beamte des Kaisers, setzte den Volksvertretern
               auseinander, wie Alles gekommen war. Dabei kam er auf <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName> zu reden. Die deutschen
               Truppen waren bereits in dieses neutrale, durch einen Vertrag aller großen Länder
               geschützte Königreich eingebrochen, um den nächsten Weg nach <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName> zu nehmen.
                  <hi rend="italic">Not kennt kein Gebot!</hi>, sagte der <rs type="person" ref="kbga-actors-902">deutsche Reichskanzler</rs>, als er
               darauf zu reden kam. Wir verletzen jetzt das Völkerrecht, <orgName ref="kbga-actors-8730">Belgien</orgName> hat recht, wenn es
               gegen diese Tat protestiert, aber wir können nicht anders, und wir werden uns
               bemühen, unser Unrecht gutzumachen, sobald der Zweck, den wir damit im Sinn haben,
               erreicht ist.</p>
        <p>Not kennt kein Gebot! Das Wort hat gewirkt wie ein Feuerzeichen. Es hat wirklich
               schon unsere ereignisschwere Zeit gebraucht, diese Zeit, in der der Mensch sich
               wieder einmal offenbart als das, was er eigentlich ist, um dieses Bekenntnis oder
               Geständnis hervorzulocken. Unzählige haben aufgehorcht, als dieses Wort kam. Es war
               ein schwerer unverdaulicher Bissen. Ein klotziger Felsblock, von einem Bergsturz auf
               eine schöne grüne Wiese geworfen. Not kennt kein Gebot! Ist es wirklich so? Man müßte
               darüber nachdenken, und man würde nicht so schnell damit fertig. Immer wieder muß man
               dazu zurückkehren. Wenn man dem Wort doch ein angenehmes Gesicht geben könnte! Manche
               haben es sich einfach gemacht: Recht hat er!, haben sie gesagt, es kommt nur auf den
               Erfolg an, ob durch Recht oder Unrecht, das ist gleichgültig. Alle solchen
               Rücksichten müssen schweigen, wenn eine Sache nützt. Aber so wagten doch nur ganz
               Wenige zu reden, nur Menschen mit einem ganz ledernen Gewissen. Das Wort «Unrecht»
               hat Viele beunruhigt. «Wir haben Unrecht getan» — das wollen sie nicht sitzen lassen,
               das kann ja nicht sein, darf nicht sein. Ein berühmter Gelehrter hat die Sache so
               gedreht: Es gibt Lagen im Leben, wo es Pflicht ist zu tun, was einem hilft. Hat nicht
               <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName>, als er auf der Flucht war vor <persName ref="kbga-actors-3722">Saul</persName>,
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                die Schaubrote vom Tisch des Herrn genommen und sich damit gestärkt gegen den
               Wortlaut des Gesetzes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.21.2 1.Sam.21.7">1.Sam. 21,2–7</ref>]? In solchen Lagen ist Unrecht
               nicht mehr Unrecht sondern Recht, und der <rs type="person" ref="kbga-actors-902">Reichskanzler</rs> hätte das böse Wort nicht
               aussprechen sollen. Aber auch das genügt nicht Allen. Begreiflich, man hat bei dieser
               Auskunft das Gefühl, der Boden schwanke einem unter den Füßen. Was ist dann Recht?
               Was Unrecht? Wenn es dann doch in gewissen Notfällen Recht sein soll, Unrecht zu tun?
               Und darum flüchten sich wieder Andere zu dem Standpunkt, daß sie sagen: wenn <hi rend="italic">wir</hi> nicht in das friedliche neutrale Land eingefallen wären, so
               hätten es die Anderen getan, wir mußten Unrecht tun, um die Anderen am Unrechttun zu
               verhindern, und somit haben wir doch Recht getan. Man kann ja nur gespannt sein
               darauf, wie lange sich das Gewissen damit zufrieden geben wird. Ich rede von dem
               allen nicht, um mich auf einen Streit darüber einzulassen. Alle Erklärungen und
               Begründungen, die man in der Angelegenheit gehört hat, sagen im Grunde immer das
               Eine: die Verhältnisse waren so, daß wir über den von <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> unterschriebenen
               Vertrag hinweggehen mußten als über einen Fetzen Papier. In der Lage, in der wir
               waren, konnten wir kein Gesetz, auch nicht unser eigenes gegebenes Wort anerkennen.
               Not kennt kein Gebot! Wie man es auch begreifen und entschuldigen möge, das <orgName ref="kbga-actors-8359">Deutsche
               Reich</orgName> hat <orgName ref="kbga-actors-8730">Belgien</orgName> gegenüber nach dieser Regel gehandelt. Der Kanzler ist ein
               ehrlicher aufrechter Mann, dem man es zum hohen Verdienst anrechnen muß, daß er diese
               Regel auch offen ausgesprochen, daß er sich besonders vor dem Wort Unrecht nicht
               gefürchtet hat. Er hat damit eigentlich nichts Anderes ausgesprochen als das Wesen
               und die Regel des Krieges überhaupt, ja nicht nur des Krieges, sondern der
               Menschennatur, der unerlösten Welt. Und darum verdient sein Ausspruch unsere tiefere
               Aufmerksamkeit.</p>
        <p>Zu all den anderen <hi rend="italic">Ereignissen da draußen</hi>, die uns nun seit
               drei Monaten aufregen und erschüttern, haben wir ebensowenig wie zu dem Einbruch der
               Deutschen in <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName> eine andere Erklärung als die: Not kennt kein Gebot! Das ist die
               große, die einzige
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                Erklärung alles dessen, was im Kriege geschieht. Die Belgier greifen in ihrer Wut
               über den Eindringling zu allen möglichen Waffen und führen einen Verteidigungskampf,
               der in die scheußlichsten Schlächtereien ausartet. Was will man? Not kennt kein
               Gebot! Die Deutschen machen es zum Kriegsgesetz: wer von der Landesbevölkerung mit
               den Waffen in der Hand ergriffen wird, wird erschossen. Natürlich, sie müssen sich
               wehren gegen ihre wütenden Gegner. Das Gesetz ist hart, aber nötig, Not kennt eben
               kein Gebot. Auf dem Turm der Kathedrale von <placeName ref="kbga-places-982">Reims</placeName> ist ein feindlicher
               Beobachtungsposten, es tut uns leid um die wundervolle Kirche, aber wir müssen sie
               beschießen, Not kennt kein Gebot. Und mit demselben Notrecht rufen wie die Engländer
               die Franzosen ihre schwarzen und braunen Hilfstruppen nach <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>, wilde, grausame
               Menschen, von denen es nur heißen kann: wehe, wenn sie losgelassen!<note xml:id="n02">Aus <bibl corresp="kbga-bibls-1267">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schillers</persName> «<hi rend="italic">Lied von der Glocke</hi>»</bibl>.</note> Helfe, was helfen mag, die Verhältnisse zwingen uns, nichts zu
               unterlassen, was nützlich sein kann. Not kennt kein Gebot. Und so weiter durch Alles
               hindurch auf allen Seiten. Überall heißt es als letzte Entschuldigung oder
               Begründung: wir müssen! wir müssen: hart, grausam, rücksichtslos, hinterlistig sein.
               Das ist eben der Krieg. Da kommt man mit den gewöhnlichen Begriffen von gut und böse
               nicht aus, da muß man Manches tun, was einem sonst unmöglich wäre, da fragt sichs nur
               noch, was den Sieg herbeiführen kann und wer dann der Stärkere ist. Und der Stärkere
               hat dann allemal recht.</p>
        <p>Was soll man eigentlich dagegen sagen? Ich finde, man kann gar nichts dagegen sagen.
               Es ist wirklich so: weil nun einmal Krieg ist, so müssen die Menschen in den
               allermeisten Fällen so handeln, wie wir sie jetzt handeln sehen. Es hat gar keinen
               Sinn, die Völker und die einzelnen Menschen deswegen anzuklagen, daß sie nun so auf
               alle Weise gegeneinander wüten. Und noch weniger Sinn hat es, nun etwa ein Volk oder
               eine Partei besonders zu verurteilen wegen ihrer Kriegsführung. Dabei kann man sich
               zwar sehr in Leidenschaft hineinreden gegen die eine oder die
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                andere Seite, aber man übersieht dann auch gründlich das, worauf es eigentlich
               ankommt. Es ist nun einmal Krieg, und nun machen eben Alle, was zu machen ist, um
               ihren Erfolg zu haben, die Einen etwas mehr, die Anderen etwas weniger gesittet, die
               Einen gröber, die Andern feiner. Aber Alle ohne Ausnahme stehen unter dem Zwang,
               Unrecht tun zu müssen, Alle ohne Ausnahme befinden sich in der Not, die kein Gebot
               kennt. Der <rs type="person" ref="kbga-actors-902">Reichskanzler</rs> hat ganz recht: was gilt ein Stück Papier, und wenn der
               schönste Vertrag mit der eigenen Unterschrift darauf stünde, wenn man sich wehren,
               wenn man siegen muß! Und die Anderen alle haben auch recht: was gelten alle
               Rücksichten und Bedenken, wenn nun einmal der Krieg da ist? Noch einmal: man muß
               diesem Mann dankbar sein dafür, daß er es so offen ausgesprochen hat: wenn die Not da
               ist, wenn ein Volk, ein Heer in dieser Lage ist, dann wird eben Unrecht Recht, dann
               muß das, was eigentlich Recht wäre, zurückgestellt werden auf spätere Zeiten.</p>
        <p>Und nun ist das das Merkwürdige, daß diese Regel durchaus nicht nur für die Fürsten
               und Staatsmänner, für die Völker und Armeen im Kriege gilt, sondern für das <hi rend="italic">Menschenleben überhaupt</hi>. Der Angriff der Deutschen auf das
               neutrale <orgName ref="kbga-actors-8730">Belgien</orgName>, das ganze rücksichtslose Unrecht des Krieges überhaupt ist durchaus
               nicht etwa etwas Neues, Einzigartiges, Besonderes. Es ist nur eine Offenbarung, die
               uns die Augen auftun soll über die Art des Menschen überhaupt, über die Welt, über
               uns selbst. Wir leben ja auch unter Geboten, Geboten des Anstandes, der Pflicht, des
               Gewissens, unter Geboten Gottes. Wir kennen sie. Wir halten sie für gewöhnlich. Aber
               wir wissen auch alle, ohne Ausnahme, ganz genau, daß wir sie nur bis zu einer
               gewissen Grenze halten. Wenn die Verhältnisse danach sind, wenn die «Not» da ist,
               kennen wir sie nicht mehr.</p>
        <p>Wir wollen etwas ganz Schlichtes nehmen: die Wahrheit reden. Selbstverständlich! Von
               klein auf wissen wir, daß sich das gehört. Niemand von uns wollte ein Lügner sein!
               Aber nun tritt ein Fall ein, ein ganz besonderer Fall, da kann ich doch nicht die
               Wahrheit reden. «Der braucht doch das nicht zu wissen, was
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                er mich jetzt fragt!» — «Wie würde er mich ansehen, wenn ich ihm jetzt sagte, wie es
               in Wirklichkeit ist!» — «Was würde daraus entstehen, wenn ich jetzt ganz offen und
               klar sagen würde, was ich weiß!» Also schnell eine Ausrede, etwas ein klein wenig
               verdreht, etwas weggelassen oder etwas hinzugetan, ein Ja umgekehrt … du
               hast gelogen! O wie häßlich, das so zu nennen! Ich konnte doch nicht anders, ich
               mußte doch ein wenig ausweichen, ja ganz recht wars ja nicht, aber man kann es doch
               nicht immer so genau nehmen. Not kennt kein Gebot, und ich war eben in Not. Seht da,
               Kriegsrecht, oder eben Kriegsunrecht, mitten im Frieden, mitten in unserem Leben
               drin, alle Tage kommt ja das vor, nicht wahr?</p>
        <p>Ein Gebot der Pflicht: Rücksicht zu nehmen aufeinander, nicht seinen Vorteil zu
               suchen auf Kosten der Anderen. Selbstverständlich, natürlich! Haben wir nicht Alle
               den Stolz: ich sehe für mich und tue niemandem etwas zuleide? O, wie schön wäre 
               das! Aber wenn nun Not eintritt? Wenn sich z. B. die Gelegenheit zeigt, ein schönes
               Geschäft zu machen — freilich kommt ein Anderer oder viele Andere dabei zu kurz, aber
               nicht wahr, Geschäft ist Geschäft: man kann da nicht so bedenklich sein, wo käme man
               hin, wenn man so peinlich Rücksicht nehmen wollte, es gibt eben auch Ausnahmen, und
               jetzt <hi rend="italic">ist</hi> eine Ausnahme, rasch zugegriffen: Not kennt kein
               Gebot!</p>
        <p>Ein Gebot des Rechtes: Bezahle, was du schuldig bist! Natürlich tue ich das — der
               soll mir kommen, der mir etwas Anderes beweist! Wirklich? Wie hast dus denn mit dem,
               was du dem Staat, der Gemeinde schuldig bist, mit deinen Steuern? Ja so, das ist
               etwas Anderes, nicht wahr? Da ist auch wieder eine «Not». «Ich habe sonst genug zu
               zahlen, die Steuern sind viel zu hoch, und man hat mich ungerecht eingeschätzt das
               letzte Mal, und es sind so viele Andere da, die es auch lange nicht genau genug
               nehmen und — und — und —.» Gründe genug, nicht wahr, um zu beweisen: da muß ich eine
               Ausnahme machen, da muß für einmal Unrecht Recht sein. Wie sagt man doch dann,
               Betrug, Diebstahl der Öffentlichkeit gegenüber? Schrecklich, solche Worte will ich
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                nicht hören, ich bin ja sonst brav und recht, aber Alles hat seine Grenze, und Not
               kennt kein Gebot.</p>
        <p>Meine Freunde, was ich da genannt habe, das sind ja noch lauter schlichte, grobe
               Pflichten, Dinge, die sich ohne Weiteres von selbst verstehen. Wenn wirs mit ihnen
                  <hi rend="italic">so</hi> machen, wenn wir <hi rend="italic">hier</hi> so schnell bereit
               sind, das Recht durch ein Notrecht oder Kriegsrecht, das eben Unrecht ist, zu
               ersetzen, wie wird es dann erst sein bei den feineren geistigen Geboten, bei den
               Geboten, die uns durch das Evangelium bekannt und lieb sein sollten, etwa bei der
               Pflicht der Arbeitstreue oder des Friedehaltens oder des Verzeihens oder der
               helfenden Liebe oder des Opfern- und Verzichtenkönnens? Kennen wir nicht alle eine
               ganze Reihe von Geboten, denen gegenüber wir sozusagen immer in Not sind, von
               Geboten, die wir zwar von Weitem kennen, an die wir uns von Zeit zu Zeit wieder
               erinnern, bei denen wir auch vielleicht einmal ein Anläuflein genommen haben, die wir
               aber im Übrigen immer wieder zurückstellen: das ist jetzt nichts für mich, das kann
               ich jetzt nicht brauchen. Liebe? Friede? mich opfern und drangeben? ja, das ist schön
               und gut, aber für den Augenblick <hi rend="italic">muß</hi> ich das Gegenteil davon tun.
               Später vielleicht, ein andermal will ich dann gern wieder davon hören. Jetzt ist Not,
               Not kennt kein Gebot! Da ist doch Keiner unter uns, der nicht gestehen müßte: So habe
               ichs auch schon gemacht, oft und oft, so mache ichs immer wieder, so richte ich
               beständig Kriegsrecht, Notrecht, Unrecht auf anstelle des Rechts.</p>
        <p>Und wie das Leben von uns Einzelnen, so sind unsere ganzen Verhältnisse und Zustände
               vollständig und fortwährend unter der Regel: Not kennt kein Gebot. Ist nicht auch
               unser Zusammenleben in Friedenszeit ein versteckter Krieg, mühsam in gewissen
               Schranken gehalten durch Gesetz und Polizei? Heißt es nicht auch da: wer die Macht
               hat und wer es gewinnt, der hat Recht, wenns drauf ankommt? Woher kommts, daß so
               Viele ihr Leben lang zu kurz kommen müssen? Woher kommts, daß, wer da zahlt, auch
               befehlen kann in Staat und Gemeinde? Woher kommts, daß man so vielen offenkundigen
               Schäden in unserem Volks<pb xml:id="p539" ed="pga" break="no"/>leben mit Bedauern und Achselzucken den Lauf läßt, ohne etwas Kräftiges zu ihrer
               Beseitigung zu unternehmen? Ja woher? Der Grund ist immer derselbe: das geht eben
               nicht anders, das muß so sein, da können wir nichts dagegen machen! Immer dasselbe:
               die Verhältnisse lassen es nicht anders zu, vorläufig kann Recht nicht Recht sein,
               Not kennt kein Gebot!</p>
        <p>Was soll man eigentlich dagegen sagen? Wieder muß ich antworten: man kann nichts
               dagegen sagen, es ist eben einfach so. Das ist der Welt Lauf, das ist des Menschen
               Art, und es ist gut, daß es uns jetzt durch den Krieg einmal so recht im Großen an
               die Wand gemalt wird, daß es so ist. Auch die blödesten Augen müßten es merken und
               begreifen. Was merken und begreifen? Daß es gar nicht anders <hi rend="italic">sein</hi>
               kann, daß wir lügen und stehlen und töten, hart und grausam und feige und treulos
               sein, daß wir unrecht tun <hi rend="italic">müssen,</hi> wenn dann einmal die Not da ist.
               Unwiderstehlich treibt sie uns ins Unrecht hinein, wir können nichts dagegen machen,
               wir können es nur unter Achselzucken geschehen lassen. Wir bedauern, aber wir können
               nicht anders!, so müssen wir reden wie die Deutschen, als ihre Kanonen schon vor
               <placeName ref="kbga-places-976">Lüttich</placeName> donnerten.<note xml:id="n03">Vgl. Anm. 2 zur Predigt 239 vom <date when="1914-09-20">20. September 1914</date>, <ref target="5044#fn_n02" type="pub">S. 484</ref>.
               </note>
            </p>
        <p>Wir müssen. Ja, aber was ist denn eigentlich die <hi rend="italic">Not</hi>, die uns
               zwingt, sodaß wir müssen? Die Verhältnisse, sagen wir, die Lage, der besondere Fall,
               sie sind es, die uns nötigen, Böses zu tun gegen unsere bessere Einsicht und Absicht.
               Ganz richtig, das tun sie, wenn sie einmal da sind. Aber woher kommen sie? Fallen sie
               vom Himmel wie ein Meteorstein? Ist die Not, die das Böse erzeugt, auf einmal da,
               ohne daß wir etwas dafür könnten? Stand das z. B. in den Sternen geschrieben, daß
               <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> im Jahr 1914 alle Welt zum Feind haben und sich darum heraushauen müsse,
               koste es, was es wolle? Beruht all die andere Not, die jetzt Tag für Tag neues
               Kriegsunrecht erzeugt, etwa auf einem Naturgesetz? Hat etwa Gott das gewollt, daß die
               Völker jetzt einander fürchten und hassen und darum gegeneinander wüten müssen? Und
               all die Not, die Lebensnot, die beständig, tagtäglich, im
               <pb xml:id="p540" ed="pga"/>
                Großen und im Kleinen das Unrecht und die Sünde und das Unglück hervorruft, mit
               notwendiger Gewalt hervorruft, ist diese Not etwa notwendig? Muß das Mißtrauen sein,
               mit dem wir einander gegenüberstehen und aus dem dann flugs und unvermeidlich die
               Lüge folgt? Muß die Selbstsucht sein, die uns diktiert: du bist dir selbst der
               Nächste, sieh für dich, mag darüber aus den Anderen werden, was da will? Muß die
               Verehrung des Mammons sein, die uns, wenn sie einmal da ist, freilich mit Gewalt
               zwingt, unserem Gewissen einen Streich über den anderen zu spielen um des lieben
               Sparkassenheftes willen? Muß das alles sein, was uns vor den klaren Forderungen des
               Evangeliums zurückscheuen läßt: das nicht! das kann ich jetzt nicht brauchen! das
               will ich dann später einmal probieren? Muß unser ganzes Leben und Zusammensein ein
               solcher Wettlauf, ein solcher Kampf von Allen gegen Alle sein, wie es tatsächlich der
               Fall ist, und der, wenn er einmal da ist, freilich notwendig tausendfaches Unrecht
               erzeugen muß? Ja, wo die Not ist, da muß es freilich zum Unrecht und zum Unglück
               kommen, da müssen wir schlecht denken, schlecht reden, schlecht handeln, feiner oder
               gröber, im Großen und im Kleinen. Aber ist denn die Not notwendig?, frage ich.</p>
        <p>Was ist denn diese Not, die das Unrecht erzeugt? Meine Freunde, diese Not ist <hi rend="italic">nicht etwas, was von außen</hi> an den Menschen <hi rend="italic">herankommt</hi>. Diese Not kommt nicht von der äußeren Natur des Menschen. Diese
               Not rührt nicht etwa davon her, daß er essen und trinken und leben muß, daß er ein
               unvollkommenes, beschränktes Wesen ist und nun einmal kein Engel. Diese Not hat ihren
               Grund nicht in den Umständen, wie man etwa so schön sagt, um den Menschen zu
               entschuldigen. (Und weiß doch nicht, wie tief man ihn mit dieser Ausrede erniedrigt!)
               Diese Ausrede wird uns widerlegt durch unser Gewissen und durch Jesus.</p>
        <p>Unser <hi rend="italic">Gewissen</hi> sagt uns unweigerlich und unerbittlich: Auch in der
               größten Schwierigkeit, auch unter den hinderlichsten Umständen und Verhältnissen
               bleibt Recht Recht und Unrecht Unrecht und kann nicht vermischt und verwechselt
               werden. Das
               <pb xml:id="p541" ed="pga"/>
                ist das Wunderbare, ich möchte fast sagen, das Göttliche an jener Rede des <rs type="person" ref="kbga-actors-902">deutschen
               Reichskanzlers</rs>, daß er im gleichen Augenblick, wo er das von <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> begangene
               Unrecht entschuldigte mit der Not, mit der Lage, in der es sich befand, doch gestehen
               mußte: es <hi rend="italic">ist</hi> aber ein Unrecht! <hi rend="italic">Da</hi> haben die
               Engel im Himmel sich gefreut! Da hat es sich gezeigt, daß Gott doch stärker ist als
               der Teufel, daß er die Menschen an der Hand behält, und wenn sie sich noch so sehr
               gegen ihn sperren! Und diese Gewissensstimme, durch die uns Gott festhält, redet in
               uns allen. Wir mögen tausende von Gründen und Entschuldigungen vorbringen, wir mögen
               lange sagen: ich muß, diese und jene äußeren Umstände nötigen mich, Unrecht zu tun —
               das Gewissen gibt uns einfach nicht recht, es sagt uns, uns selber zum Trotz, immer
               wieder: du mußt nicht, die äußeren Umstände könnten dich nicht zwingen, wenn du nicht
               wolltest, die Not, die dich zwingt, ist eine andere, du weißt recht gut, welche!</p>
        <p>Und kräftiger noch als unser Gewissen widerlegt uns <hi rend="italic">Jesus</hi>. Jesus
               zeigt uns, daß unser Gewissen uns nicht einen schönen aber unmöglichen Traum
               vorspiegelt. Jesus war ein Mensch von Fleisch und Bein wie wir. Er mußte auch essen
               und trinken und leben wie wir. Er lebte mitten drin in den Umständen, in den
               Verhältnissen dieser unvollkommenen, beschränkten Welt. Er wußte auch, was die
               Schwierigkeiten und Hindernisse des Lebens sind, er wußte sogar viel mehr davon als
               wir alle. Aber für ihn war die Not nicht da, die Not, die dann kein Gebot kennen
               will, die Not, die das Unrecht und das Unglück erzeugt, die Not, die uns zwingt,
               schlecht zu sein. Wenn wir ihn ansehen, wird uns aufs machtvollste bestätigt, was uns
               schon unser Gewissen sagt, daß die Not nicht außer uns, nicht in den Umständen liegen
               kann.</p>
        <p>Die Not, die das Unrecht erzeugt, ist inwendig in uns. Sie ist nicht im äußeren,
               sondern im geistigen Zustand des Menschen. Sie ist darum keine notwendige Not,
               sondern wir sind schuld daran. Wären wir innerlich andere Menschen, dann wäre auch
               die Not nicht. Dann könnte die Not kein Unrecht erzeugen. Dann gäbe es weder Krieg
               noch Lüge noch Diebstahl noch Feigheit. </p>
       
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p542" ed="pga"/> Die Not, die das Unrecht erzeugt, ist unsere Gerechtigkeit, die nicht
               Gottesgerechtigkeit, die keine ewige Gerechtigkeit ist. Unsere Gerechtigkeit ist der
               gute Wille in uns. Er ist wohl da in uns. Er ist da in jedem Menschen. Kein Mensch
               will eigentlich das Unrecht, den Krieg, die Lüge. Jeder Mensch will eigentlich im
               tiefsten Grunde das Gute, den Frieden, die Wahrheit. Aber dieser gute Wille gilt
               nicht. Er beherrscht uns nicht. Er wagt wohl von Zeit zu Zeit, uns zu beeinflussen,
               da ein bißchen, dort ein bißchen, aber er bestimmt uns nicht, unser persönliches
               Leben nicht, darum auch nicht unser Zusammenleben, darum auch nicht das Völkerleben.
               Neben dem guten Willen in uns, der gerne möchte, wenn er könnte, sind andere Kräfte
               in uns, in der Menschheit: die Selbstsucht, das Mißtrauen, der Mammon, die Eitelkeit,
               die Herrschsucht, die Dummheit, die Bosheit. Und zu dem sagt nun der gute Wille in
               uns: eigentlich solltet ihr nicht sein, eigentlich sollte ich euch überwinden, aber
               ihr seid mir zu stark, ihr habt auch ein Recht, da zu sein, und darum: Friede sei mit
               euch, ich will euch neben mir gelten lassen. Und so ist Beides in uns: ein wenig
               guter Wille und viel, viel von den Kräften des Bösen. Und so kommts, daß wir fort und
               fort, zwar unter Bedauern und Seufzen, Unrecht über Unrecht begehen, einander anlügen
               und ausbeuten, einander hassen und gegeneinander Krieg führen müssen. Der gute Wille
               in uns hat zum Bösen gesagt, du hast auch dein gewisses Recht, und darum hat denn
               auch das Böse an gewissen unzähligen Punkten in unserem Leben freien Lauf. Wir haben
               nicht das Gefühl dabei, besonders schlecht zu sein, wir trösten uns damit, daß ja
               doch immer noch viel Gutes in uns sei und geleistet werde, und merken nicht, wie wir
               gegen unseren Willen und doch mit unserem Willen immer neues Unrecht, neues Unglück
               erzeugen. Das ist unsere Gerechtigkeit. Sie ist guter Wille, der aber nicht ernst
               macht. Diese unsere Gerechtigkeit, die eine Scheingerechtigkeit ist, ist unsere
               Not.</p>
        <p>Gottes Gerechtigkeit ist <hi rend="italic">eine ewige Gerechtigkeit</hi>. Auch in Gott ist
               guter Wille. Aber nur guter Wille. Sein guter Wille herrscht und bestimmt, nichts
               Anderes darf daneben gelten. Ihm sind die
               <pb xml:id="p543" ed="pga"/>
                Kräfte des Bösen nicht zu stark, er gibt ihnen kein Recht, er überwindet sie. Wo
               Gott ist, darf das Böse nicht ausbrechen. Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in
               ihm [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.5">1.Joh. 1,5</ref>]. Gott kennt
               die Not nicht, Gott weiß nichts von Unentschiedenheit, Trägheit und Halbheit, und
               darum gelten seine Gebote. Gott will und Gott kann, weil er ernsthaft will.</p>
        <p>Meine Freunde, unsere Not ist <hi rend="italic">nicht notwendig</hi>. Es muß nicht so
               sein, daß immer und immer wieder Unrecht und Leid hervorgeht aus dem falschen Zustand
               unseres Inwendigen. Es muß nicht so sein, daß unsere Welt eine Welt der Lüge und des
               Krieges ist. Unserer unsicheren, heuchlerischen und darum schwachen Gerechtigkeit
               steht gegenüber die Gerechtigkeit Gottes, die ewige Gerechtigkeit. Unser Gewissen und
               Jesus, sie strafen uns nicht nur, sie decken uns nicht nur unseren Zustand auf, sie
               weisen uns auch auf den Weg dahinüber zur Gerechtigkeit Gottes. Selig sind, die
               hungert und dürstet nach dieser Gerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]! Selig sind die, die erwacht sind, denen die halbe
               Menschengerechtigkeit und Weltgerechtigkeit verleidet ist. Selig sind die, die einen
               Blick haben tun dürfen hinüber in die Welt Gottes! In ihnen lebt nun etwas von dieser
               Welt Gottes, von seiner Gerechtigkeit. Sie sehen hinaus über die Not, unter der wir
               alle leiden. Sie wissen, daß der Zwang zum Bösen nicht unzerbrechlich ist. Sie werden
               von Tag zu Tag freier davon. Sie glauben daran, daß es eine völlige Freiheit gibt für
               uns und für die arme Welt. Die Freiheit wird da sein, wenn der gute Wille in uns
               ernsthaft sein wird, wie er in Gott ernsthaft ist. In Gott und durch Gott wird unsere
               Freiheit und unsere wahre Gerechtigkeit sein.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
