1. November 1914

Predigt: Johannes 17,20-21 (Reformation)

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Reformation
Johannes 17,20–21
Ich bitte … daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest mich gesandt.
Liebe Freunde!

Am heutigen Sonntag gedenken wir nach alter Übung dessen, was uns die Reformation vor bald 400 Jahren gebracht hat. Aber unsere Gedanken können dabei diesmal nicht dieselben Wege gehen wie andere Jahre.

Unsere Gedanken sollen jetzt überhaupt nicht die alten gewohnten Wege gehen, weder heute noch sonst, weder hier in der Kirche noch in unserem übrigen Leben. Muß ich euch denn noch besonders daran erinnern, daß Gott uns jetzt Neues zu sagen hat, alte ewige Wahrheit in ganz neuer Weise, und daß auch wir uns innerlich neu einrichten müssen, um ihm gehorsam zu sein? Ja, liebe Freunde, ich muß euch daran erinnern. Es scheint, daß Viele von uns es jetzt schon wieder satt haben, über den Krieg nachzudenken. Sie möchten jetzt wieder etwas Anderes hören in der Predigt. Sie denken, «der Herr Pfarrer sollte doch jetzt wieder zur Bibel zurückkehren».2 Es tut mir leid für die, die so denken und reden können. Solche Gedanken sind ein Zeichen von großer Oberflächlichkeit. Man könnte auch sagen: von einer großen Verstocktheit. Was soll denn eigentlich Gott mit uns machen? Nun läßt er uns diese große, merkwürdige Zeit erleben. Eine Erntezeit, eine |545 Gerichtszeit, aber auch eine Gnadenzeit, wie sie vielleicht noch nie dagewesen ist. Die bisherige Welt, in der wir lebten, ist in ihren Grundvesten erschüttert. Der Mensch ist wieder ein Stück auf dem Pfad seines eigenen Wesens zu Ende gegangen und erkennt mit Schaudern, wohin er gekommen ist. Wir alle werden dringend vor die Frage gestellt, wo unsere Seele ihre Heimat habe, hier in dieser Welt oder in der Welt Gottes. Weit offen hat Gott die Bibel vor uns hingelegt. Mose und die Propheten beginnen wieder zu reden, als ob sie mitten unter uns wären. Das Bild Jesu Christi leuchtet in der dunklen Welt, wie wir es noch nie haben leuchten sehen, und seine Apostel stehen auf und weisen auf ihn hin: es ist in keinem anderen Heil [Apg. 4,12]! Wir aber, nach einer kurzen Zeit der Aufregung und Aufmerksamkeit, haben bereits genug, möchten jetzt gern wieder etwas Anderes hören als «vom Krieg», verlangen danach, «wieder zur Bibel zurückzukehren».

Was soll das heißen? Ich glaube, wir haben Angst vor der wirklichen Bibel, vor der Bibel Gottes, vor der Bibel, die lebendiges Wort ist, Offenbarung des göttlichen Gerichts und der göttlichen Gnade, vor der Bibel, die ein Schwert ist, das da scheidet unsere Gedanken [vgl. Hebr. 4,12], ein Hammer, der Felsen zerschlägt [Jer. 23,29], eine Quelle, aus der Wasser des Lebens fließt, für die, die wahrhaft dürsten [vgl. Apk. 22,17]. Oder merken wir etwa nichts davon, wie Gott uns durch die Ereignisse dieser Zeit hinführt zu der wirklichen Bibel? Meint ihr im Ernst, wir reden hier vom Krieg so zum Vergnügen, um zu «kriegen», wie ihr sagt? Sind uns denn all die gewaltigen und furchtbaren Dinge, die wir erleben, etwas so Oberflächliches, Gleichgültiges, daß wir so rasch begehren, die Seite umzuschlagen, wie ein Kind in seinem Bilderbuch? Meinen wir immer noch, das Wort Gottes sei so ein gutes altes Erbauungs- und Unterhaltungsbuch, und wir kommen hier zusammen zu einem frommen Zeitvertreib? Ich kann es niemandem ausreden, der trotz Allem jetzt noch so denkt und empfindet, ich kann nur noch einmal sagen: es tut mir leid um die, die das können, die auch jetzt nicht hinauszusehen vermögen über den engen Zaun ihrer bisherigen Gewohn|546heit. Wenn irgend einmal, so sollten wir jetzt den Mut fassen, Gott zu sehen und zu hören, wie er ist, und nicht so, wie wir ihn gern hätten. Wenn irgend einmal, so sollten wir es jetzt wagen, die neuen Wege zu gehen mit unseren Gedanken, die er selber uns jetzt weist, und wenn uns die alten noch so lieb wären. Was soll er denn mit uns machen, wenn wir uns jetzt eigenwillig und träge vor ihm zurückziehen und nicht erwachen wollen?

Die Ereignisse der Zeit zwingen uns, auch der Reformation heute in anderer Weise zu gedenken als andere Jahre. Die Reformation war ein Kampf der Geister, und eine Scheidung der Christenheit war ihre Folge. Und wenn wir uns freuten, ein evangelisches Volk, Erben der Reformation zu sein, so mußten wir unwillkürlich vor Allem an diesen Kampf, an diese Scheidung denken: an den Kampf für den freien Zugang zum reinen Evangelium, für den sicheren Trost des unruhigen Gewissens, für eine klare und einfache Religion. Wie eine Beute aus gewonnener Schlacht kamen uns diese in der Reformation errungenen Güter vor. Und an die Scheidung mußten wir denken, an die Scheidung zwischen katholischem und protestantischem Christentum und Wesen. Wir haben uns zwar jeweilen so gut wir konnten gehütet davor, etwas von der alten grimmigen Feindschaft wieder aufleben zu lassen, die einst war zwischen hüben und drüben. Wir suchten uns des Eigenen dankbar zu freuen, ohne das Fremde anzugreifen. Und doch war es ja nicht anders möglich, als daß wir uns gerade an diesem Tag im Gegensatz fühlten zu den katholischen Christen. Wir mußten das Besondere unseres Glaubens betonen und damit das, was uns von ihnen trennt. Wir mußten, wenn nicht Mauern aufrichten, so doch Grenzlinien ziehen. Das Wesentliche und Bezeichnende an diesem Erinnerungstag war doch immer die Erkenntnis und das Bekenntnis: Wir hier — ihr dort!

Es scheint mir, heute müssen unsere Gedanken in eine andere Richtung gehen. Wir denken auch heute in herzlicher Dankbarkeit an Alles, was uns durch die Reformation geschenkt ist, und wir möchten kein Jota davon preisgeben. Wir kennen auch heute |547 ganz genau die Grenzen, die uns von den Katholischen scheiden. Aber wir wissen heute noch etwas Anderes, und das ist uns größer und wichtiger als diese Grenzen. Wir hören die Stimme Jesu, der seine Getreuen sieht inmitten einer Welt voll Sünde und Schuld, so dunkel und feindselig, und sie so schwach und hilflos, und der nun für sie betet: Ich bitte, daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest mich gesandt. An dieses Gebet Jesu müssen wir heute denken, wenn wir an die Katholiken denken und an unser Verhältnis zu ihnen. Wir stehen heute in einer Welt, die nicht glaubt, daß Christus von Gott gesandt ist. Ja, sie scheint daran zu glauben. Sie errichtet ihm Kirchen. Sie betet sein Kreuz an. Sie nennt sich nach seinem Namen. Aber in Tat und Wahrheit hat sie ihn, den Fürsten des Friedens, verworfen. Sie hält es für eine Torheit, daß es eine wahre, alle Menschen umfassende Gemeinschaft der Liebe geben könne, sondern sie predigt den Haß, und so flammt in Leidenschaft ein Volk wider das andere. Sie will nicht groß sein im Geist und am größten im Dienen, sondern groß in der Macht, die auf die Gewalt gegründet ist, und ist stolz darauf, daß sie so nüchtern und frei von Schwärmerei ist. Sie sieht nicht in der Gerechtigkeit die Erhöhung eines Menschen und eines Volkes [vgl. Spr. 14,34], sondern in der Menge des Geldes, in der Zahl der Soldaten und in der Größe der Kanonen. Sie hält dafür, daß nicht das Kreuz, sondern der Säbel das letzte Wort habe, und predigt darum: Wer mir will nachfolgen, der behaupte sich selbst und wehre sich so gut er kann [vgl. Mt. 16,24]. So hat die Welt Christus verworfen. Und darum hat die Welt jetzt Krieg.

Und nun hören wir das Gebet Jesu: ich bitte, daß sie alle eins seien! Jesus ruft die auf, die an ihn glauben, d. h. die, denen seine Botschaft vom Frieden und von der Gerechtigkeit, sein Ruf zum Reiche Gottes zu Herzen gegangen ist, denen es damit ernst ist. Alles, was Wahrheit und Liebe und Recht ist in den Menschen, das muß jetzt auf den Plan. Wo etwas von seinem Geiste ist in den Menschen, das muß jetzt aufwachen. Es gilt jetzt eine Entscheidung. Da ist die Menschheit mit ihrem Krieg, mit ihrer |548 Selbstsucht, die den Krieg erzeugt hat, mit ihrem ganzen weltlichen Wesen, das durch und durch Selbstsucht ist. Die Menschheit, die sich selbst so unglücklich macht, die so furchtbar leiden muß unter den Folgen ihres Unglaubens, ihres Abfalls. Und da ist das Evangelium, da ist die Gotteskraft der Wahrheit, die in Christus in die Welt getreten ist. In ihr liegt der Sieg über die Welt. Die Erlösung der Welt. Die Welt muß glauben lernen, daß Christus von Gott gesandt ist, sie muß merken, daß das Leben Jesu das wirkliche Leben ist und nicht das Geld und die Gewalt. Und die Welt wird dem Evangelium glauben, sie wird seine Gotteskraft merken und spüren, sie wird besiegt und erlöst werden, das ist das Programm, das Jesus den Seinigen mitgegeben hat. Aber wenn das geschehen soll, dann müssen die Seinigen, die ihn erkannt haben, ihn liebhaben, ihr Licht leuchten lassen [vgl. Mt. 5,16], dann muß Alles, was von ihm stammt, in Tätigkeit kommen. Es ist soviel Leben aus Gott da, verborgen in den Menschen, das seine Tätigkeit noch nicht gefunden hat. Es ist soviel christliche Gesinnung da, die ihren Feind oder ihre Arbeit noch auf ganz falschen Gebieten sucht. Es gibt so viele Christen, die noch warten auf die rechte Stellung und Aufgabe, die dem tiefsten Sehnen ihrer Seele entspräche. In dieser großen Zeit ruft Jesus alle diese Kräfte auf. Er zeigt ihnen den Feind. Er zeigt ihnen die Arbeit. Die Welt ist voll Torheit und Leidenschaft und Gewalt. Sie muß für den Gott der Liebe gewonnen werden.

Aber dazu müssen die Kräfte des Guten, Göttlichen sich vor Allem sammeln. «Ich bitte, daß sie alle eins seien.» Wie Christus mit Gott eins war, er der Mensch mit dem ewigen Gott und Gott mit ihm, so die Menschen, die die Wahrheit erkannt haben untereinander. Eins sein heißt nicht gleich sein, aber es heißt einander verstehen, einander anerkennen, miteinander fühlen und denken und zusammen arbeiten. Man kann sehr verschieden sein und doch eins sein. Dann nämlich, wenn man in Gott eins ist. Gott ist der größte Freund der Mannigfaltigkeit, weil er ein reicher und nicht ein armer Gott ist. Gott hat es offenbar gewollt, daß die Christen auseinandergingen in die beiden großen Gemeinschaften, die |549 katholische und die protestantische, um auf getrennten Wegen ihm zu dienen und die Wahrheit zu erkennen. Er ist aber auch ein Gott der Einheit und bleibt es. Er will wohl, daß die Seinigen sich trennen, aber nicht, daß sie sich scheiden. «Der Israel zerstreut hat, der wird es auch wieder sammeln» [Jer. 31,10]. Heute ist eine Zeit, in der er Allen, denen es Ernst ist mit seinem Willen, Allen, die den Herrn Jesus lieb haben, zuruft, sich zu sammeln. Alles hat seine Zeit: Es gab Zeiten, da war es nötig, den Katholischen gegenüber zu betonen: Wir hier — ihr dort. Vielleicht kommen solche Zeiten wieder, das wissen wir nicht. Heute ist keine solche Zeit. Heute stehen wir nur vor dem klaffenden Gegensatz: Krieg oder Frieden? Selbstsucht oder Liebe? Die Welt oder Gott? und darüber müssen alle kleineren Unterschiede und Gegensätze, so wichtig sie sonst sein mögen, zurücktreten. Heute müssen wir uns verhalten nach dem Worte unseres Meisters: wer nicht wider uns ist, der ist mit uns [Mk. 9,40]! Heute soll uns darum auch der Reformationstag nicht an das erinnern, was uns von den Katholischen trennt, sondern an das, was uns mit ihnen verbindet.

Wir haben Vieles und Wichtiges gemeinsam mit den Katholischen, nicht nur mit einzelnen wohlmeinenden Leuten unter ihnen, sondern sogar, und Gott sei Dank, mit dem Papst in Rom. Vor Allem haben wir eine Schuld mit ihnen gemeinsam. Und das verbindet uns aufs stärkste mit ihnen in dieser Zeit. Denn es heißt: Gemeinsame Schuld, gemeinsame Erlösung. Die beiden Kirchen, die katholische wie die protestantische, haben die große Schuld auf sich geladen, daß sie nicht kräftig genug für die Wahrheit eingetreten sind, sodaß nun trotz ihnen dieses Unglück gekommen ist. Der gegenwärtige Krieg ist vor Allem eine Niederlage des Christentums, und keine Konfession kann da der anderen etwas vorwerfen. Sie haben es beide fehlen lassen am rechten Ernst gegenüber dem Geist der Welt. Sie haben es sich gefallen lassen, daß man das Kreuz in tausend Kirchen aufstellte und auf allen Straßen verleugnete. Sie haben das weltliche Wesen gesegnet mit frommen Worten und Bräuchen, statt dagegen Einspruch zu |550 erheben, wie es die Propheten Gottes getan haben. Sie haben oft genug schwarz in weiß verkehrt und böse gut genannt, oft genug sich dieser Welt gleichgestellt. Wie haben es die Priester und Pfarrer verstanden, den Großen dieser Welt das Christentum leicht zu machen, wie leicht haben sie selbst es sich vielfach gemacht! Wie weit haben sie sich entfernt von dem klaren Bekenntnis ihres Meisters: Mein Reich ist nicht von dieser Welt! [Joh. 18,36] und selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen [Mt. 5,8]! Das ist die gemeinsame Schuld der christlichen Kirchen, und die wollen wir heute auch gemeinsam auf uns nehmen und mit den Katholischen bekennen: Vater, wir haben gesündigt am Himmel und vor dir, wir sind nicht wert, wir sind Alle nicht wert, deine Kinder zu heißen [vgl. Lk. 15,21]! O wenn wir Christen alle in dieser Zeit eins würden in diesem Bekenntnis, was für eine Kraft müßte dann bald von uns ausgehen auf die arme Welt!

Das zweite Gemeinsame, das uns mit den Katholischen verbindet und gerade in dieser Zeit verbinden muß, ist die Macht des Gebetes. Hüben und drüben befinden wir uns in der gleichen Tiefe. Unser Christentum ist zu schwach gewesen. Die Welt hat über uns triumphiert. Aber hüben und drüben wissen wir auch, woher uns die Hilfe kommt [vgl. Ps. 121,1f.]. Aus der Tiefe rufen wir, Herr, zu dir [vgl. Ps. 130,1]! Ist das Christentum schwach gewesen und darum unterlegen gegenüber den Mächten der Selbstsucht und des Hochmuts, so muß es nun wieder stark werden, und es wird durch keine äußeren Mittel stark werden, sondern allein dadurch, daß wir hüben und drüben in die Tiefe gehen und in die Stille, daß wir lernen zu beten, so wie Gott gebeten sein will, nachdem er uns nun gezeigt hat, wohin wir es bringen ohne ihn. Was jetzt nötig ist, das sind Menschen, die wissen, was es heißt, vor Gott hintreten, vor seinem Willen sich beugen, von seinem Lichte sich durchstrahlen lassen. Von solchen Menschen geht unfehlbar eine Wirkung aus auf ihre Umgebung. Sobald es mehr solche Menschen geben wird, dann wird gleichsam eine neue Luft entstehen, eine neue Luft, in der die giftigen Dünste, aus denen Haß und Krieg hervorgehen, nicht entstehen können. Gott sei |551 Dank gibt es schon jetzt solche Menschen hüben und drüben. Sie sind die wahren Herolde und Erstlinge einer besseren Zukunft. Sorgen wir nur dafür von unserer Seite, daß ihre Schar immer größer werde! Ist es nicht merkwürdig übrigens, daß die großen Heiligen der katholischen Kirche, denen drüben der heutige Tag geweiht ist, und unsere Reformatoren bei aller Verschiedenheit das Gemeinsame haben, daß sie alle große Beter waren? Es war etwas in der Seele der Heiligen und der Reformatoren, das vor Gottes Auge eins war, die reine Flamme der Gottesliebe, von der ihre Gebete voll waren. Wenn wir eins würden, wir Christen hüben und drüben, in dieser reinen Flamme, dann würde die Welt bald ein anderes Gesicht bekommen.

Das dritte Gemeinsame zwischen uns und den Katholischen ist das Ziel unserer Hoffnung, das Gottesreich. Wir alle glauben daran, daß der stolze Geist der Welt nicht das letzte Wort behalten wird. Wir sehen die Torheit und die Bosheit der menschlichen Natur, aber wir geben uns nicht damit zufrieden, daß das so sein muß, sondern wir warten auf eine Vollendung. Und wir sind einig darin, daß dieses Gottesreich des Friedens und der Gerechtigkeit nicht durch einen natürlichen Fortschritt kommt, nicht auf dem Wege der Selbstsucht, den die Menschen bis jetzt auf alle raffinierten Weisen gegangen sind, sondern durch das Wunder Gottes, dadurch, daß eine neue Gesinnung hervorbricht in den Menschen, dadurch, daß sie durch die Bruderliebe ihm die Ehre geben. Diese Hoffnung lebt hüben und drüben, mögen die Formen noch so verschieden sein. Nur daran fehlts, daß wir hüben und drüben bisher zu wenig kräftig gehofft haben. Wollen wir uns nicht freuen und stärken an der Tatsache, daß wir alle diesem gleichen Ziel entgegensehen? Könnten wir Protestanten uns ein schwereres Losungswort denken als das des verstorbenen Papstes: Alles in Christus erneuern?,3 und könnte sich der eifrigste Katholik eine tiefere, umfassendere Aufgabe stellen als die, die Calvin sich stellte, die Gottesstadt auf Erden zu bauen? Folgen wir |552 unseren besten Führern auf beiden Seiten in der Hoffnung und im tatkräftigen Einstehen für das kommende Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, dann rückt der Sieg über die Welt und ihre Erlösung in greifbare Nähe. Nicht die verschiedenen Formen hüben und drüben sind das Hindernis, sondern das, daß wir auf beiden Seiten noch nicht Ernst genug gemacht haben.

Meine Freunde, wenn wir heute, in dieser entscheidenden Zeit des Gegensatzes zwischen Gott und Welt, auf den Ruf Jesu, daß wir alle eins sein sollen, hören, dann werden wir damit dem Geiste unserer Reformatoren nicht untreu. Sie würden heute, an unserer Stelle, nicht anders handeln, gerade wie die Besten der katholischen Kirche heute unsere Hand nicht von sich stoßen würden. Wenn wir am heutigen Tag mit Ernst darüber nachdenken, was es heißt, ein Christ sein in wahrer Herzensgemeinschaft mit Allen, die auch Christen sein möchten,4 wenn wir trachten nach der Einheit der Gläubigen, durch die sie stark werden für ihren großen Kampf und Streit in der dunklen Welt — dann dann zeigen wir unseren Reformatoren die rechte Treue. Denn sie haben nicht zu ihrer eigenen Ehre gelebt und geschafft, sondern zur Ehre dessen, den die Welt jetzt von sich stößt und der doch nach dem Szepter greift und zuletzt herrschen wird von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ihm innerlich immer gehorsamer werden, wie sie es taten, das ists, womit wir Gott unsere Dankbarkeit bezeugen wollen für das, was er uns in ihnen geschenkt hat.

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf dem Mskr. notiert: 163 (EKG 220): «Eine Herde und ein Hirt …» von Fr. A. Krummacher (1767–1845), Strophen 1,5,6 🎵; 170: «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ …» von S. Preiswerk (1799–1871) (V. 1/2) und F. Zaremba (1794–1874) (V. 3), Strophen 1–3 🎵.↩
2
Mskr.: Zwei große Ausrufezeichen am Rand zu dieser Stelle.↩
3
«Instaurare omnia in Christo» (Eph. 1,10): die Devise, unter die Pius X. (1903–1914) sein Pontifikat gestellt hatte.↩
4
An dieser Stelle ist ein Einschub von drei bis fünf Worten, beginnend mit «gegenüber», nicht zu entziffern.↩