Predigt: Johannes 17,20-21 (Reformation)
Am heutigen Sonntag gedenken wir nach alter Übung dessen, was uns die Reformation vor bald 400 Jahren gebracht hat. Aber unsere Gedanken können dabei diesmal nicht dieselben Wege gehen wie andere Jahre.
Unsere Gedanken sollen jetzt überhaupt nicht die alten gewohnten Wege gehen, weder
heute noch sonst, weder hier in der Kirche noch in unserem übrigen Leben. Muß ich
euch denn noch besonders daran erinnern, daß Gott uns jetzt Neues zu sagen hat, alte
ewige Wahrheit in ganz neuer Weise, und daß auch wir uns innerlich neu einrichten
müssen, um ihm gehorsam zu sein? Ja, liebe Freunde, ich muß euch daran erinnern. Es
scheint, daß Viele von uns es jetzt schon wieder satt haben, über den Krieg
nachzudenken. Sie möchten jetzt wieder etwas Anderes hören in der Predigt. Sie
denken, «der Herr Pfarrer sollte doch jetzt wieder zur Bibel zurückkehren».2 Es
tut mir leid für die, die so denken und reden können. Solche Gedanken sind ein
Zeichen von großer Oberflächlichkeit. Man könnte auch sagen: von einer großen
Verstocktheit. Was soll denn eigentlich Gott mit uns machen? Nun läßt er uns diese
große, merkwürdige Zeit erleben. Eine Erntezeit, eine
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Gerichtszeit, aber auch eine Gnadenzeit, wie sie vielleicht noch nie dagewesen ist.
Die bisherige Welt, in der wir lebten, ist in ihren Grundvesten erschüttert. Der
Mensch ist wieder ein Stück auf dem Pfad seines eigenen Wesens zu Ende gegangen und
erkennt mit Schaudern, wohin er gekommen ist. Wir alle werden dringend vor die Frage
gestellt, wo unsere Seele ihre Heimat habe, hier in dieser Welt oder in der Welt
Gottes. Weit offen hat Gott die Bibel vor uns hingelegt.
Was soll das heißen? Ich glaube, wir haben Angst vor der wirklichen Bibel, vor der
Bibel Gottes, vor der Bibel, die lebendiges Wort ist, Offenbarung des göttlichen
Gerichts und der göttlichen Gnade, vor der Bibel, die ein Schwert ist, das da
scheidet unsere Gedanken [vgl.
Die Ereignisse der Zeit zwingen uns, auch der Reformation heute in anderer Weise zu gedenken als andere Jahre. Die Reformation war ein Kampf der Geister, und eine Scheidung der Christenheit war ihre Folge. Und wenn wir uns freuten, ein evangelisches Volk, Erben der Reformation zu sein, so mußten wir unwillkürlich vor Allem an diesen Kampf, an diese Scheidung denken: an den Kampf für den freien Zugang zum reinen Evangelium, für den sicheren Trost des unruhigen Gewissens, für eine klare und einfache Religion. Wie eine Beute aus gewonnener Schlacht kamen uns diese in der Reformation errungenen Güter vor. Und an die Scheidung mußten wir denken, an die Scheidung zwischen katholischem und protestantischem Christentum und Wesen. Wir haben uns zwar jeweilen so gut wir konnten gehütet davor, etwas von der alten grimmigen Feindschaft wieder aufleben zu lassen, die einst war zwischen hüben und drüben. Wir suchten uns des Eigenen dankbar zu freuen, ohne das Fremde anzugreifen. Und doch war es ja nicht anders möglich, als daß wir uns gerade an diesem Tag im Gegensatz fühlten zu den katholischen Christen. Wir mußten das Besondere unseres Glaubens betonen und damit das, was uns von ihnen trennt. Wir mußten, wenn nicht Mauern aufrichten, so doch Grenzlinien ziehen. Das Wesentliche und Bezeichnende an diesem Erinnerungstag war doch immer die Erkenntnis und das Bekenntnis: Wir hier — ihr dort!
Es scheint mir, heute müssen unsere Gedanken in eine andere Richtung gehen. Wir
denken auch heute in herzlicher Dankbarkeit an Alles, was uns durch die Reformation
geschenkt ist, und wir möchten kein Jota davon preisgeben. Wir kennen auch heute
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ganz genau die Grenzen, die uns von den Katholischen scheiden. Aber wir wissen heute
noch etwas Anderes, und das ist uns größer und wichtiger als diese Grenzen. Wir hören
die Stimme Jesu, der seine Getreuen sieht inmitten einer Welt voll Sünde und Schuld,
so dunkel und feindselig, und sie so schwach und hilflos, und der nun für sie betet:
Ich bitte, daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich
in dir, daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest mich
gesandt. An dieses Gebet Jesu müssen wir heute denken, wenn wir an die
Katholiken denken und an unser Verhältnis zu ihnen. Wir stehen heute in einer Welt, die nicht glaubt, daß Christus von Gott gesandt ist. Ja, sie
scheint daran zu glauben. Sie errichtet ihm Kirchen. Sie betet sein Kreuz an. Sie
nennt sich nach seinem Namen. Aber in Tat und Wahrheit hat sie ihn, den Fürsten des
Friedens, verworfen. Sie hält es für eine Torheit, daß es eine wahre, alle Menschen
umfassende Gemeinschaft der Liebe geben könne, sondern sie predigt den Haß, und so
flammt in Leidenschaft ein Volk wider das andere. Sie will nicht groß sein im Geist
und am größten im Dienen, sondern groß in der Macht, die auf die Gewalt gegründet
ist, und ist stolz darauf, daß sie so nüchtern und frei von Schwärmerei ist. Sie
sieht nicht in der Gerechtigkeit die Erhöhung eines Menschen und eines Volkes [vgl.
Und nun hören wir das Gebet Jesu: ich bitte, daß sie alle
eins seien! Jesus ruft die auf, die an ihn glauben, d. h. die, denen
seine Botschaft vom Frieden und von der Gerechtigkeit, sein Ruf zum Reiche Gottes zu
Herzen gegangen ist, denen es damit ernst ist. Alles, was Wahrheit und Liebe und
Recht ist in den Menschen, das muß jetzt auf den Plan. Wo etwas von seinem Geiste ist
in den Menschen, das muß jetzt aufwachen. Es gilt jetzt eine Entscheidung. Da ist die
Menschheit mit ihrem Krieg, mit ihrer
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Selbstsucht, die den Krieg erzeugt hat, mit ihrem ganzen weltlichen Wesen, das durch
und durch Selbstsucht ist. Die Menschheit, die sich selbst so unglücklich macht, die
so furchtbar leiden muß unter den Folgen ihres Unglaubens, ihres Abfalls. Und da ist
das Evangelium, da ist die Gotteskraft der Wahrheit, die in Christus in die Welt
getreten ist. In ihr liegt der Sieg über die Welt. Die Erlösung der Welt. Die Welt
muß glauben lernen, daß Christus von Gott gesandt ist, sie muß merken, daß das Leben
Jesu das wirkliche Leben ist und nicht das Geld und die Gewalt.
Und die Welt wird dem Evangelium glauben, sie wird seine Gotteskraft merken und
spüren, sie wird besiegt und erlöst werden, das ist das Programm, das Jesus den
Seinigen mitgegeben hat. Aber wenn das geschehen soll, dann müssen die Seinigen, die
ihn erkannt haben, ihn liebhaben, ihr Licht leuchten lassen [vgl.
Aber dazu müssen die Kräfte des Guten, Göttlichen sich vor Allem sammeln. «Ich bitte, daß sie alle eins seien.» Wie Christus mit Gott eins
war, er der Mensch mit dem ewigen Gott und Gott mit ihm, so die Menschen, die die
Wahrheit erkannt haben untereinander. Eins sein heißt nicht gleich sein, aber es
heißt einander verstehen, einander anerkennen, miteinander fühlen und denken und
zusammen arbeiten. Man kann sehr verschieden sein und doch eins sein. Dann nämlich,
wenn man in Gott eins ist. Gott ist der größte Freund der Mannigfaltigkeit, weil er
ein reicher und nicht ein armer Gott ist. Gott hat es offenbar gewollt, daß die
Christen auseinandergingen in die beiden großen Gemeinschaften, die
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katholische und die protestantische, um auf getrennten Wegen ihm zu dienen und die
Wahrheit zu erkennen. Er ist aber auch ein Gott der Einheit und bleibt es. Er will
wohl, daß die Seinigen sich trennen, aber nicht, daß sie sich scheiden. «Der Israel
zerstreut hat, der wird es auch wieder sammeln» [
Wir haben Vieles und Wichtiges gemeinsam mit den Katholischen,
nicht nur mit einzelnen wohlmeinenden Leuten unter ihnen, sondern sogar, und Gott sei
Dank, mit dem Papst in
Das zweite Gemeinsame, das uns mit den Katholischen verbindet und gerade in dieser
Zeit verbinden muß, ist die Macht des Gebetes. Hüben und drüben
befinden wir uns in der gleichen Tiefe. Unser Christentum ist zu schwach gewesen. Die
Welt hat über uns triumphiert. Aber hüben und drüben wissen wir auch, woher uns die
Hilfe kommt [vgl.
Das dritte Gemeinsame zwischen uns und den Katholischen ist das Ziel unserer
Hoffnung, das Gottesreich. Wir alle glauben daran, daß der stolze
Geist der Welt nicht das letzte Wort behalten wird. Wir sehen die Torheit und die
Bosheit der menschlichen Natur, aber wir geben uns nicht damit zufrieden, daß das so
sein muß, sondern wir warten auf eine Vollendung. Und wir sind einig darin, daß
dieses Gottesreich des Friedens und der Gerechtigkeit nicht durch einen natürlichen
Fortschritt kommt, nicht auf dem Wege der Selbstsucht, den die Menschen bis jetzt auf
alle raffinierten Weisen gegangen sind, sondern durch das Wunder Gottes, dadurch, daß
eine neue Gesinnung hervorbricht in den Menschen, dadurch, daß sie durch die
Bruderliebe ihm die Ehre geben. Diese Hoffnung lebt hüben und drüben, mögen die
Formen noch so verschieden sein. Nur daran fehlts, daß wir hüben und drüben bisher zu
wenig kräftig gehofft haben. Wollen wir uns nicht freuen und stärken an der Tatsache,
daß wir alle diesem gleichen Ziel entgegensehen? Könnten wir Protestanten uns ein
schwereres Losungswort denken als das des verstorbenen Papstes: Alles in Christus
erneuern?,3 und könnte sich
der eifrigste Katholik eine tiefere, umfassendere Aufgabe stellen als die, die
Meine Freunde, wenn wir heute, in dieser entscheidenden Zeit des Gegensatzes zwischen Gott und Welt, auf den Ruf Jesu, daß wir alle eins sein sollen, hören, dann werden wir damit dem Geiste unserer Reformatoren nicht untreu. Sie würden heute, an unserer Stelle, nicht anders handeln, gerade wie die Besten der katholischen Kirche heute unsere Hand nicht von sich stoßen würden. Wenn wir am heutigen Tag mit Ernst darüber nachdenken, was es heißt, ein Christ sein in wahrer Herzensgemeinschaft mit Allen, die auch Christen sein möchten,4 wenn wir trachten nach der Einheit der Gläubigen, durch die sie stark werden für ihren großen Kampf und Streit in der dunklen Welt — dann dann zeigen wir unseren Reformatoren die rechte Treue. Denn sie haben nicht zu ihrer eigenen Ehre gelebt und geschafft, sondern zur Ehre dessen, den die Welt jetzt von sich stößt und der doch nach dem Szepter greift und zuletzt herrschen wird von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ihm innerlich immer gehorsamer werden, wie sie es taten, das ists, womit wir Gott unsere Dankbarkeit bezeugen wollen für das, was er uns in ihnen geschenkt hat.