20. September 1914

Predigt: Jeremia 22,29 (Bettag Vormittag)

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Bettag Vormittag
Jeremia 22,29
Liebe Gemeinde!

Höre des Herrn Wort! O Land, o Schweizerland, o Schweizervolk! Höre des Herrn Wort! Das ist die Botschaft, die jetzt an uns ergeht, die uns jetzt wecken, ergreifen, überwältigen soll. Zur Bettagsfeier sind wir hier zusammengekommen und überall mit uns vereint unsere Volksgenossen aus allen Kantonen, aus allen Konfessionen und Parteien. Dankbar möchten wir an diesem Tag bekennen, was wir an unserem Gott haben. Demütig möchten wir uns fragen, wie es mit unserer Treue steht ihm gegenüber. Und kindlich möchten wir ihn bitten, unser auch ferner zu gedenken, an seiner starken Hand uns weiter zu führen. Ein merkwürdiger Bettag ist es diesmal, ganz anders als andere Jahre. Gott selber hat mit uns geredet. Er hat immer mit uns geredet, aber wir verstanden ihn oft so schwer, er war uns oft so fern und undeutlich. Und darum war uns auch der Bettag oft nicht, was er uns hätte sein sollen. Dies Jahr nun hat Gott seit bald zwei Monaten so deutlich mit uns gesprochen, daß es schwer sein sollte, scheint mir, ihn nicht zu verstehen. Wir haben in dieser kurzen Zeit mehr Erkenntnis und Erfahrung von ihm gewinnen können als sonst in zehn oder zwanzig Jahren. Gott selber hält uns dies Jahr die Bettagspredigt. O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort, möchten wir auch aus ganzem Herzen bitten; höre des Herrn Wort, das in den gewaltigen Ereignissen dieser Zeit uns so greifbar nahegetreten ist. Was für eine furchtbare Verantwortung |483 laden wir auf uns, wenn wir ihn jetzt nicht hören. Höre des Herrn Wort. Nicht Menschenworte, auch nicht Pfarrerworte. Wir sind an manchem Bettag in früheren Jahren zur Kirche gegangen, um des Pfarrers politische Ansichten zu hören. Wir waren damit einverstanden, oder wir schüttelten den Kopf darüber. Das war immer eine Verkehrtheit. Dies Jahr würde es eine Gottlosigkeit sein. Denkt jetzt nicht an den Mann da vorne, der kommt gar nicht in Betracht, es handelt sich um viel Größeres. Ich hätte an allen diesen Sonntagen und auch heute lieber schweigen als reden wollen. Wenn ich rede, so tue ich es nur, um euch als Wegweiser zu dienen zu dem, was unendlich viel größer ist als meine Meinungen und Worte. Es handelt sich jetzt überhaupt nicht um Meinungen und Worte. Des Herrn Wort an uns, das wir hören müssen, ist eine Kette von Tatsachen, die wir sehen, die wir erleben müssen. Sie müssen uns innerlich aufrühren, wir müssen mit ihnen kämpfen und ringen, sie müssen über uns Meister werden, sie müssen uns in tiefster Seele zum Besitz werden. Hoch wie die Schneeberge über unseren Hügeln stehen sie über allen Meinungen und Worten. Höre des Herrn Wort, du Schweizervolk, dringe ein in die Tiefe, bleibe nicht stehen beim Kritisieren und Politisieren, bei Äußerlichkeiten, bei Kleinlichkeiten und Nichtigkeiten. Laß die Ewigkeit reden aus den Ereignissen der Zeit zu deiner Seele. Sie wird dir nicht so bald wieder mit einer solchen Fülle von Segen nahetreten.

Zum Danken ladet uns dieser Tag ein. Ist wohl ein Einziges unter uns, das nicht weiß, wofür wir Gott heute und jeden Tag aufs neue zu danken haben? Es liegt ja uns allen auf den Lippen: wir danken ihm, daß er uns bis heute vor der ungeheuren Kriegswoge, die jetzt durch die Welt geht, gnädig bewahrt hat. Wir haben das nicht verdient. Wir sind nicht besser als die anderen Völker, die jetzt so Unsägliches leiden. Wir zeichnen uns vor manchen von ihnen nicht durch Tugenden, sondern durch Fehler aus. Wir können auch nicht sagen, daß es so kommen mußte, und daß es sich von selbst versteht, daß wir verschont bleiben. Muß ich euch an die ersten Tage des August erinnern und alles |484 das, was wir damals befürchteten? Es liegt nicht an uns, wenn es bis jetzt nicht eingetroffen ist. Auch nicht an unserer Armee, so herzliches Vertrauen wir in ihre Tätigkeit und Schlagfertigkeit setzen. Die Geschütze, die die Forts von Lüttich in Trümmerhaufen verwandelt haben,2 würden doch wohl, wenn es darauf angekommen wäre, auch mit unseren in Eile hergestellten Befestigungen fertig geworden sein. Und den Armeen unserer Nachbarländer gegenüber, die uns jetzt durch ihre Leistungen zur Bewunderung zwingen, wollen wir nicht prahlen, als ob die Furcht vor unseren Bajonetten sie unseren Grenzen ferngehalten habe. Nicht uns, Herr, nicht uns, deinem Namen allein sei Ehre [vgl. Ps. 115,1]! Es hätte Alles gar leicht auch ganz anders kommen können, und es könnte noch ganz anders kommen. Wenn es bis jetzt nicht geschehen ist, so wollen wir dafür dem Herrn der Welt und der Völker danken, der es nicht gewollt hat. Während es jetzt da draußen bald kein Dörflein mehr gibt, in dem kein Toter beklagt würde, dürfen wir mit getroster Hoffnung an ein einstiges Wiedersehen mit allen unseren Lieben an der Grenze glauben. Während da draußen die Ernte des furchtbaren Schnitters Tod immer größer wird, immer mehr und mehr Tränen von Verlassenen fließen, dürfen wir von Tag zu Tag zuversichtlicher werden in dem Gedanken, daß das Schlimmste von den Unsrigen abgewendet sei. Und während da draußen so mancher blühende, von fleißigen Menschen bewohnte Landstrich dem Erdboden gleichgemacht ist, durften wir, nachdem der erste furchtbare Stoß im Erwerbsleben vorüber war, ruhig und nicht minder reichlich als andere Jahre die Gaben des Sommers und des Herbstes hereinbringen, und auch der Verdienst aus der Industrie will sich ja nun wieder einstellen. Kein Klagewort sollte über unsere Lippen kommen, wenn wir uns auch nur einen Augenblick mit Anderen und dem, was ihnen widerfahren ist, vergleichen. Gott hat Großes an uns getan [vgl. Ps. 126,3], ohne daß wir auch nur den leisesten Grund dafür angeben könnten, warum er es nun gerade uns so gnädig gemacht hat.

485 Aber wir müssen tiefer gehen. Es wäre ein übler Dank, wenn wir jetzt nichts wüßten, als Gott dafür zu danken, daß zwar der Nachbarn Häuser verbrannt, das unsrige aber stehen geblieben ist. Da dürften wir eigentlich Gott gar nicht danken dafür, das wäre zu jämmerlich, zu selbstsüchtig, zu kleinlich. Die anderen Völker, die jetzt so viel Leid zu tragen haben, könnten uns sonst am Ende verachten und sagen: Wir machen jetzt eine Schule schwerer Not durch, und wir lernen etwas in dieser Schule, wir lernen Ernst und Hingabe und Opfer und Bruderliebe, wir lernen Gott kennen im Ungewitter des Unheils, das über uns gekommen ist, werdet ihr auch etwas lernen in dieser Zeit, ihr Schweizer, die ihr nicht wißt, was Leiden und Kämpfen heißt, die ihr nur behaglich von weitem zuseht? Was wollen wir darauf antworten? Könnten wir ein gutes Gewissen haben gerade den Anderen gegenüber mit dem selbstsüchtigen Gebet: O Gott, ich danke dir, daß unser Häuslein nicht verbrannt ist! Wir haben tiefere Gründe zu danken als diese. Schlimmer als Unrecht leiden ist Unrecht tun [vgl. 1.Kor. 6,7f.]. Danken wir Gott vor allen Dingen dafür, daß er unser Gebet: Führe uns nicht in Versuchung! [Mt. 6,13] erhört hat, daß wir bis jetzt nicht in die Lage gekommen sind, Unrecht zu tun. Es ist eine große Gnade Gottes, daß die schweizerischen Gewehre bis jetzt nicht haben losgehen müssen, daß unsere Hände bis jetzt von Blut rein sind, daß unsere Soldaten an dem großen scheußlichen Bruch der Bruderliebe bis jetzt nicht beteiligt sind. Wir würden sie ja ganz gewiß nicht minder liebhaben und achten, wenn es anders wäre, aber es ist doch etwas Großes, wenn wir bis jetzt von ihnen wissen dürfen: sie haben nicht getötet! Es kann ja unmöglich ein Segen liegen auf dem Kriegführen, auf dem Töten, weder für den Einzelnen noch für die Völker. Und es muß irgendwie ein Segen liegen auf der Haltung, die wir jetzt einnehmen dürfen, auf einem Volk, das die Waffen in der Hand sich beherrscht und die Waffen nicht braucht. Dafür wollen wir Gott danken, denn das ist ein Geschenk von ihm.

Und noch für etwas: Auch dafür, daß wir uns innerlich nicht müssen hineinreißen lassen in den Sturm oder Rausch, in dem sich |486 jetzt alle diese kriegführenden Völker befinden. Was lebt jetzt da für eine Masse von Haß und Verachtung in Millionen von Herzen! Wieviel böse Worte fliegen hin und her über die Grenzen, was für unheilbaren Selbsttäuschungen über die eigene Unschuld und Vortrefflichkeit geben sich jetzt draußen die Massen und selbst die gebildeten und christlichen Kreise hin! Das ist ein Jammer, fast ebenso groß wie der, daß die Soldaten an der Front aufeinander schießen. Auch das gehört zu dem scheußlichen Bruch der Bruderliebe. Und wir dürfen uns von dem allen freihalten. Wir dürfen die Nüchternen sein in dem allgemeinen Rausch. Wir dürfen, es ist wieder eine Gnade, nicht ein Verdienst. Wären wir Deutsche oder Franzosen, wir würden um kein Haar weniger leidenschaftlich empfinden, wir würden wie sie versinken in dieser schwarzen Nacht von Barbarei. Und nun müssen wir das nicht, dürfen unseren kühlen neutralen Blick behalten, dürfen das Gute anerkennen, wo es sich findet, und das Böse als Böses bezeichnen, auf welcher Seite es auch sei, dürfen inmitten dieses unsäglich gemeinen Ausbruchs der Völkerselbstsucht abseits stehen und die Zusammengehörigkeit und Solidarität der Menschen und Völker liebhaben und hochhalten. Dafür wollen wir doch dankbar sein, noch mehr als für die unschuldigen Hände: für das freie Herz, das wir bis jetzt uns haben bewahren dürfen, und wollen es uns bewahren um jeden Preis und es nicht durch läppisches Parteinehmen und Politisieren aufs Spiel setzen. Werdet nicht der Menschen Knechte [1.Kor 7,23]!

Darüber hinaus aber noch wollen wir dankbar sein dafür, daß wir als Schweizer und als Christen überhaupt eine solch große Zeit erleben dürfen. Denn es ist eine große Zeit, das muß man immer wieder sagen, trotz aller Teufelei, die sie zum Vorschein bringt, trotz aller Bedrängnis, in die sie uns versetzt. Vor Allem eine Zeit, die uns wieder einmal große Gedanken gebracht hat. Wir haben oft gebetet: Gib uns große Gedanken in den kleinen Sorgen des Tages. Das ist nun ganz ungesucht und ohne daß wir Verdienst daran hätten, so gekommen. Denkt, über wie viel Kleinlichkeiten und Torheiten nur wir hier in unserem Dorf uns oft |487 aufgeregt haben, was für jämmerliche graue Fäden von Klatsch und Haß wir gesponnen haben von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr hinüber. Wie hat jetzt auf einmal eine ganze Menge davon verstummen müssen, einfach weil wir merkten: das alles ist doch furchtbar gleichgültig gegenüber dem, was jetzt die Welt bewegt. Es gibt ja freilich noch Unverbesserliche genug, die auch jetzt ganz die Alten bleiben können, aber viele sind ihrer nicht. Fast Jedes ist in diesen Wochen von großen Gedanken und Fragen wenigstens kräftig berührt worden. Wir haben etwas erfahren von dem, was die Menschheit ist und wie sie zusammenhängt in Freud und Leid, in Sünde und Gerechtigkeit. Die ewigen Fragen von Recht und Unrecht sind uns brennend geworden durch die Vorgänge da draußen. Die Frage: was ist eigentlich unsere ganze moderne Civilisation wert? ist vor den Augen von Manchem aufgetaucht, der es vorher für selbstverständlich hielt, daß Civilisation und Bildung der Himmel auf Erden sei. Der Anblick so massenhaften Sterbens da draußen auf den Schlachtfeldern hat sicher nicht Wenige darauf geführt, wieder einmal nachzusinnen über die alten Rätsel von Leben, Tod und Ewigkeit. Und in wie Vielen, in wie Unzähligen ist jetzt die Haupt- und Lebensfrage nach Gott aufgestiegen! Wer ist er, er, der hinter dem Allen steht, heiße er, wie er wolle? Und was sind seine Wege? So fragt und sucht es nun in Millionen Seelen. Viel dumme Gleichgültigkeit ihm gegenüber hat sich in angestrengtes Nachdenken verwandelt, und viele oberflächliche Meinungen und Dogmen über ihn sind in dieser Zeit in aller Stille korrigiert worden. Sollten wir Gott nicht dankbar sein für diese Zeit großer Gedanken, die so vielem Krimskrams und Geschwätz ein Ende gesetzt hat?

Und es ist ja nicht bei den großen Gedanken geblieben. Große Aufgaben stellt diese Zeit an uns alle, auch an unser Schweizervolk, auch an jedes Einzelne von uns. Wieviel Energie und Opferbereitschaft mußte jetzt auf einmal da sein, als es hieß: das Vaterland ist in Gefahr! Wieviel Liebe und Treue leuchteten jetzt auf einmal hervor in vielen Familien, in denen sie vielleicht aus allerlei Gründen lange verschüttet waren! Wie sind jetzt auf |488 einmal eine ganze Anzahl von Grundsätzen der Bruderliebe und der Solidarität zwischen den verschiedenen Parteien und Ständen in unserem Volk notwendig und selbstverständlich geworden, die man in Friedenszeiten höchstens als schöne Kanzel- und Rednerphrasen gelten ließ! Sollten wir Gott nicht dankbar sein dafür, daß er uns jetzt einmal dazu gezwungen hat, Ernst zu machen mit unser aller Bundesschwur: wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern!3 Und was für große Aufgaben mögen unser in der Zukunft warten! Wir wollen uns nicht aufs Prophezeien einlassen. Aber das ist ganz sicher: wir gehen einer Zeit entgegen, in der es mehr als je nötig sein wird, daß wir alle gemeinsam nach oben blicken, daß wir versuchen, einander immer besser zu verstehen, daß wir freudig zusammenstehen zu gutem Tun. Zeichen genug sind da, die darauf hindeuten, daß Vieles, sehr Vieles vielleicht, sich ändern wird. Auch die borstigsten Gegner werden einander die Hand geben müssen, auch die Selbstsüchtigsten werden einsehen müssen, daß nicht Alles weitergehen kann wie bisher, auch den beschränktesten Gewohnheitsmenschen wird etwas aufleuchten, daß es höhere Lebensaufgaben und Ziele gibt als das, was sie bis dahin dafür angesehen haben. Wollen wir Gott nicht dankbar sein dafür, daß er uns einer Zeit großer Aufgaben entgegengehen läßt? O Land, Land, Land höre des Herrn Wort. O Schweizervolk, sieh es doch recht tief ein, wie groß die Güte Gottes gegen uns ist, wie sehr wir Anlaß haben zu bekennen: der Herr hat Großes an uns getan in dieser ernsten Zeit, der Herr tut Großes an uns, des sind wir fröhlich [Ps. 126,3].

Buße ist das Andere, auf das uns dieser Tag hinweist. Man ist es gewohnt, am Bettag von Buße predigen zu hören. Gar Mancher auch von denen, die überhaupt nur am Bettag in die Kirche kommen, ist ganz gefaßt darauf, an diesem Tag eine solide Bußpredigt, eine gründliche Aufzählung und Beleuchtung unserer Volksfehler und Volkssünden über sich ergehen zu lassen. Ich |489 möchte mich heute nicht zu lange dabei aufhalten. Es hieße Wasser in den Rhein tragen, wenn ich jetzt das bekannte Lied von der Verschwendungs- und Vergnügungssucht anstimmen wollte. Daß es da toll getrieben worden ist oben und unten, daß in weiten Kreisen alle Begriffe von Sparsamkeit und Maßhalten verschwunden waren, das gibt jeder verständige Mensch zu. Wohin das führen mußte, das erfährt Mancher, der jetzt durch eigene Schuld mit schwerem Bangen in die Zukunft sieht, und ich brauche es ihm nicht vorzuhalten. Es besteht auch kein Zweifel, daß die Ereignisse da ganz von selber nun für einige Zeit den Riegel schieben werden, und es ist recht so. Da kann sich nun Jeder und Jede, dies angeht, selber Buße predigen.

Ernster und schwerwiegender ist das, worauf wir geführt werden, wenn wir uns das Verhalten der Allermeisten von uns in den ersten Tagen der Kriegsnot noch einmal vor Augen halten. Das wird nun bleiben als eine Tatsache der Schweizergeschichte, die die Aare nicht wegwaschen wird, daß in diesen Tagen, in denen Gott eine große Prüfungs- und Segenszeit über uns kommen ließ, unsere kriegerische Mobilisation zwar tadellos vor sich gegangen ist, zugleich aber eine ganz miserable Angst und Selbstsucht krampfhaft über die Allermeisten von uns gekommen ist. Ich denke vor Allem an das sinnlose Anhäufen von Geld und Lebensmitteln in den Häusern, mit dem so Viele Verrat am Vaterland und an der Allgemeinheit begangen haben. Diese Tatsache ist nun einmal da, und wir dürfen und wollen sie nicht vergessen, auch dann nicht, wenn wir einmal die Freudenfeuer für den Frieden auf unseren Höhen werden anzünden dürfen. Wenn wir dann singen werden:

Heil dir Helvetia,
hast noch der Söhne ja,
wie sie St. Jakob sah,
freudvoll zum Streit!4
490 Dann wollen wir daran denken, daß zwar unser Militärwesen geklappt hat, besser als bei St. Jakob, daß aber die große Mehrzahl der schweizerischen Hausväter und Hausmütter sich sehr anders benommen hat in der Schicksalsstunde als die alten Eidgenossen. Wir wollen und müssen auch heute daran denken. Es ist in jenen Tagen der Aufregung zum Vorschein gekommen, daß wir ein habgieriges, selbstsüchtiges Volk sind, ein Volk, das gewohnt ist zuzugreifen, und das schnell bereit ist, über dem Zugreifen alle anderen Rücksichten hintanzusetzen. Die letzten Jahrzehnte haben uns in diesen fatalen Eigenschaften sehr bestärkt. Wir sind durch eine blühende Entwicklung von Gewerbe und Industrie ein wohlhabendes Volk geworden. Wir wissen gar nicht, wie gut wir es haben, wir denken nur gar nicht daran, unsere Lage mit der unserer Väter und Großväter zu vergleichen. Aber wer dürfte im Ernst behaupten, daß uns diese ganze Entwicklung nur zum Guten gereicht sei? Da ist nun jener Geist entstanden und groß geworden unter uns, dem um Geld Alles feil ist, Gesundheit und Würde und Charakter, der Geist, der da spricht: jeder ist sich selbst der Nächste!5 Der Geist des fieberhaften, rücksichtslosen Erwerbsdranges, auch da wieder oben und unten, aber er ist doch zuerst oben gewesen, bei der höheren Klasse, und von da aus dann zu den anderen gekommen. Dieser Geist ist nicht von Gott, er ist kein Geist der Wahrheit und der Gerechtigkeit und des Friedens. Er hat uns auch nicht glücklich gemacht im Grunde. Schon |491 in gewöhnlichen Zeiten fehlte es unserem ganzen, scheinbar so blühenden, Zustand nicht an dunklen Schattenseiten. Ich will nicht näher darauf eintreten. Dieser Geist war allmählich zum Fluch geworden, der auf uns lastete. Alles, was man sonst an uns tadeln kann: unsere Vergnügungssucht, unsere Eitelkeit, merkwürdigerweise auch unser Mangel an Sparsamkeit und Häuslichkeit, hing irgendwie damit zusammen. Und nun, in den ersten Tagen der Kriegsnot ist der Fluch, der Grundfluch, der auf uns lastet, auf einmal offenbar geworden für Alle, die sehen wollten, so offenbar, daß man ihn mit Händen greifen konnte.

Und nun kommen wir sofort tiefer hinein in das, was Buße tun nun für uns bedeutet. Was wir da angedeutet haben von der Verfehlung unseres Volkes, ist schließlich nur das äußere Anzeichen eines Übels, das tief innen sitzt. Wir stehen zu Gott nicht, wie wir sollten. Das ist etwas Verborgenes, das Verhältnis eines Volkes zu Gott. Jetzt ist es einmal aufgedeckt worden, und wir müssen uns sagen, daß es nicht ist, wie es sein sollte, nachdem wir uns vielleicht lange allerlei Täuschungen hingegeben hatten. Wir hatten Kirchen und Pfarrer und Orgeln und Glocken und jeden Sonntag eine Predigt, wir hatten christliche Vereine, wohltätige Anstalten und die Heidenmission — aber was hat denn das alles mit Gott zu tun und mit dem Gehorsam gegen ihn? Gott ist doch die Liebe — wie kommt es, daß wir die Rücksicht auf unsere Brüder und Schwestern so ungeniert haben bei Seite stellen können? Gott ist doch die Ordnung — wie mögen wir nur, als ob wir Räuber wären, so aufs Raffen bedacht sein? Gott ist doch die Güte und die Weisheit — wie kam es nur, daß wir so schnell, so überraschend schnell das Vertrauen zu ihm wegwarfen [vgl. Hebr. 10,35] und uns einer kindischen Angst und Nervosität überlassen konnten? Es ist da an den Tag gekommen, daß in unserem Verhältnis zu Gott viel Äußerlichkeit, viel Firnis war. Der Gehorsam gegen seinen Willen war zu einem großen Teil etwas Angewöhntes, Angeklebtes, nicht unser innerer Besitz. Darum ist er nun auch in der Stunde der Prüfung zu einem großen Teil einfach von uns abgefallen, und wir stehen da als das, was wir |492 eigentlich sind. Ganz besonders das Evangelium und die Person Jesu, meine ich, ist uns trotz des vielen Redens und Singens von ihm noch sehr fremd. Wir haben noch wenig gespürt von der erlösenden Kraft, die von diesem Mann und seiner Botschaft ausgeht, und darum denken und handeln wir dann auch in den entscheidenden Momenten, da, wo es darauf ankäme, sich als Christ zu bewähren, ganz anders, als Jesus es an unserer Stelle tun würde. Alles in Allem: Gott ist lange nicht wirklich, nicht lebendig gegenwärtig genug in unserem Leben. Wir stehen ihm nicht nahe genug, wir lassen uns nicht innig genug umfassen und erfüllen von ihm, so daß wir in jeder Lebenslage klar und sicher wüßten: wir denken, wir reden, wir handeln — nicht nach weltlicher Klugheit, sondern nach der Klugheit, die aus ihm kommt und die die Welt überwindet. Wenn Gott uns das wäre, was er uns sein will, dann wären wir ganz andere Menschen gewesen, als die Kriegsnot hereinbrach, nicht so ängstlich, nicht so weinerlich, nicht so aufgeregt, nicht so selbstsüchtig und rücksichtslos. Und nun soll es uns auch klar sein, was Bußetun bedeutet. Vor Allem einmal Ehrlichkeit und Demut den eigenen Fehlern gegenüber. Und dann? Solche Fehler wie die unseren legt man nicht von heute auf morgen ab. Das, was uns helfen kann ihnen gegenüber, kann nur die Umkehr zu Gott sein, aus dem alles Gute stammt, und vor Allem die Kraft, das Gute nicht nur einzusehen, sondern auch zu tun. Die gegenwärtigen Ereignisse zeigen uns auf erschütternde Weise, wie wahr das ist, was wir an so manchem Bettag hörten, ohne es vielleicht so recht zu glauben: daß die Sünde der Leute Verderben ist [Spr. 14,34]. Gott läßt seiner nicht spotten, was der Mensch säet, das muß er ernten [Gal. 6,7]. Wenn die Völker Europas anders zu Gott stehen würden, wenn sie Ernst gemacht hätten mit dem Evangelium Jesu, statt es äußerlich zu verherrlichen und tatsächlich mit Füßen zu treten, dann wäre es nicht zu diesem wahnsinnigen Krieg gekommen; er wäre im Keime erstickt worden. Nun ist das Gericht hereingebrochen. Es hat uns Schweizer noch nicht in seiner ganzen Schwere getroffen, obwohl wir wahrhaftig nicht besser sind als die Anderen. |493 Wollen wir denn darauf warten, gedankenlos und leblos, bis es auch an uns kommt? Wollen wir denn den Ruf Gottes nicht hören, der uns jetzt so machtvoll einladet, uns zu ihm zu wenden aus ganzem Herzen, solange es noch Zeit ist, das Eine zu ergreifen, was allein zu unserem Frieden dienen kann? O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! O Schweizervolk, geh jetzt einmal in die Tiefe und erkenne, wie sehr es dir am Besten und Wichtigsten noch fehlt und wo es zu finden ist! Mach jetzt einmal Ernst mit dem, was du schon lange weißt! Es ist Bußzeit. Bußzeit heißt Gnadenzeit. Bußetun heißt nicht grämlich und gedrückt sein. Buße ist ein freudiges, ein jubelndes Erfassen des Größten, was es gibt, ein kindlich dankbares Annehmen der Erlösung vom Bösen, die uns jetzt angeboten wird. Buße ist am Ende nichts Anderes als die rechte Dankbarkeit für Gottes große Güte gegen uns.

Und haben wir nun noch nötig, besonders auf das hinzuweisen, was uns dieser Tag als Bettag zu sagen hat? Um Schonung möchten wir bitten in den Schrecken der gegenwärtigen Ereignisse, nicht wahr? Um Gottes Schutz und Schirm für unser liebes Schweizerland! Um seine gnädige Führung und Bewahrung in den schweren und verworrenen Zeiten, denen wir entgegengehen. Ja darum dürfen und wollen wir beten, das mag auch heute wieder der Anfang unseres Betens sein. Wir bitten Gott, daß er uns unsere Freiheit und Unabhängigkeit im Sturm dieser Zeit fernerhin erhalte. Wir bitten ihn für unsere Soldaten, daß [er] über ihnen wache und sie uns an Leib und vor Allem auch an der Seele gesund wieder zurückgeben möge. Wir bitten ihn, daß er uns allzu bittere Not und allzu schwere Sorge im kommenden Winter erspare! Warum sollten wir ihn nicht darum bitten? Wir wissen ja, daß wir mit allen unseren Anliegen einen guten Vater bei ihm finden.

Aber sofort muß es nun auch da für uns heißen: tiefer hinein, tiefer hinein ins Gebet, in das, was das Gebet eigentlich ist, in die lebendige innere Berührung mit dem, der der Herr der Welt und unseres Lebens ist! Ich könnte mir vorstellen, daß ernste Christen jetzt noch ganz anders beten könnten als so: Nein, Herr |494 unser Gott, laß die Wellen deines Gerichtes nur mit aller Gewalt auch über uns ergehen, sodaß wir dich endlich, endlich hören und merken, wer du bist und was du von uns forderst! Laß jetzt nur unsere schweizerische Freiheit einmal in schwere Gefahr kommen, damit wir einsehen: sie ist kein selbstverständlicher Besitz, sondern ein Geschenk deiner Güte, zu dem wir Sorge tragen und dessen wir uns immer wieder würdig erweisen müssen. Laß die Zeit der Bedrängnis nur noch länger dauern und schwerer werden als bisher, wenn es nötig ist, damit wir nicht so schnell wieder aufatmen und in unseren alten Schlendrian zurücksinken können! Wir möchten nicht und wir können es nicht wünschen, daß du weniger deutlich und ernst mit uns redest als mit den anderen Völkern. Wir haben ja nicht das Recht, so zu beten, wir dürfen und wollen es Gott nicht vorschreiben, wie er es mit uns machen soll, weder im Guten noch im Schlimmen. Aber das ist sicher, wenn uns der heutige Tag zuruft: Betet, freie Schweizer, betet!, dann soll unser Leben etwas Tieferes und Besseres sein als ein Bitten und Betteln, daß er uns nichts tun möge, während alle Anderen leiden müssen. Sondern darum wollen wir vor allem Anderen beten, daß der Dank, den wir Gott schuldig sind, und die Buße, zu der er uns einladet, wahrhaftig und recht seien, daß es wieder kommen möge zu einer vollen Gemeinschaft unserer Seele, auch der Seele unseres Volkes mit ihm, dem Heiligen und Gerechten. Wir wollen zu ihm sagen: Herr, was unser Schweizerland jetzt nötig hat, das ist, daß du mit uns im Bunde seiest, nicht als ein Gott der Schlachten, sondern als der Gott, der die Regierenden und die Bürger alle erfüllt mit großen Gedanken, der die Parteien und Stände und Konfessionen verbindet, nicht in einer törichten und gedankenlosen Toleranz, sondern in der gemeinsamen Liebe, in einem gemeinsamen Eifer für das, was gut und notwendig ist, als der Gott, der Recht und Gerechtigkeit aufrichtet und hält und alles kleinliche selbstsüchtige Wesen zerschlägt und vernichtet. Herr unser Gott, wir bitten dich nicht um Sieg, nicht um Macht und Reichtum, aber wir möchten ein Volk sein, in dem auch der Schwache und der |495 Geringe sein Recht findet ungeschmälert und seines Daseins sich freuen kann. Befreie uns von aller Unordnung und Willkür, erlöse uns von dem Hochmut der Großen und Reichen und von der Gedankenlosigkeit der Kleinen und Armen. Laß deinen guten Geist des Ernstes und der Kraft unter uns hervorbrechen. Zeig uns aufs Neue und immer deutlicher, was wir haben in dem leuchtenden Bild unseres Herrn Jesus, durch den du zu uns redest. Öffne unsere Ohren und unsere Herzen und zieh ein bei uns, mach uns wahrhaftig zu deinen Kindern und erfülle uns mit deiner Herrlichkeit!

So wollen wir beten. Beten heißt ja, Gott suchen, dankbar, indem wir auf ihn sehen, und demütig, wenn wir auf uns sehen. O wenn jetzt überall so gebetet, so Gott selber und die Gemeinschaft mit ihm gesucht würde im Schweizerland, was für ein Segen würde dann von diesem Bettag, von dieser ganzen wunderbaren Betzeit ausgehen! O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! O Schweizervolk merke es und sieh es an, was du jetzt zu beten hast in deinen Kirchen, im stillen Kämmerlein, in der Einsamkeit der Natur: Gott, du Großer, du Lebendiger, ich will dein sein, und dann mach es mit mir, wie du willst!

Gott schenke es uns, liebe Freunde, das alles, was wir nötig haben — nicht nur für heute — für die ernsten Zeiten, denen wir entgegengehen, für unser ganzes Leben: den rechten Dank, die rechte Buße, auch das rechte Gebet zu ihm. Es muß ja Alles sein Werk sein, wenn es gut sein soll. Er will es uns schenken. Auch das heilige Abendmahl sagt es uns wieder deutlich, greifbar: ich will euch das Höchste schenken, was ihr braucht. Und er hat seine Wege zu jedem von uns. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an [Apk. 3,20]! Hörst du ihn? Willst du ihm auftun? O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!

Amen.

Sachfußnoten

1
Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf dem Mskr. notiert: Nr. 81: «Wir schwören heut’ aufs neue …» von A. E. Fröhlich (1796–1865), Strophen 1,2,4 🎵; Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich …» nach dem altkirchlichen Tedeum von I. Franz (1719–1790), Strophen 1,7,9. 🎵 ↩
2
4.-16. August 1914 unter General von Emmich.↩
3
Anfang des «Rütlischwurs»: Fr. von Schiller, «Wilhelm Tell» II, 2 (Vers 1448) 📖.↩
4
Aus der 1. Strophe der (damaligen) schweizerischen Nationalhymne «Rufst du, mein Vaterland» (1811) von J. Rud. Wyss (1782–1830) 🎵:
Rufst du, mein Vaterland,
Sieh uns mit Herz und Hand
All dir geweiht.
Heil dir, Helvetia,
Hast noch der Söhne ja,
Wie sie Sankt Jakob sah,
Freudvoll zum Streit.
In der Schlacht bei St. Jakob an der Birs (25. August 1444) wurden ca. 1500 Eidgenossen von der Übermacht der Burgunder und Franzosen völlig aufgerieben. Für das schweizerische Bewußtsein wurde daraus so etwas wie eine «Schlacht an den Thermopylen».↩
5
Dieses Sprichwort geht zurück auf Terenz (195[?]-159 v.Chr.), Andria IV, 1 📖: Proximus sum egomet mihi. ↩