Predigt: Jeremia 22,29 (Bettag Vormittag)
Höre des Herrn Wort! O Land, o
Zum Danken ladet uns dieser Tag ein. Ist wohl ein Einziges unter
uns, das nicht weiß, wofür wir Gott heute und jeden Tag aufs neue zu danken haben? Es
liegt ja uns allen auf den Lippen: wir danken ihm, daß er uns bis heute vor der
ungeheuren Kriegswoge, die jetzt durch die Welt geht, gnädig bewahrt hat. Wir haben
das nicht verdient. Wir sind nicht besser als die anderen Völker, die jetzt so
Unsägliches leiden. Wir zeichnen uns vor manchen von ihnen nicht durch Tugenden,
sondern durch Fehler aus. Wir können auch nicht sagen, daß es so kommen mußte, und
daß es sich von selbst versteht, daß wir verschont bleiben. Muß ich euch an die
ersten Tage des August erinnern und alles
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das, was wir damals befürchteten? Es liegt nicht an uns, wenn es bis jetzt nicht
eingetroffen ist. Auch nicht an unserer
485 Aber wir müssen tiefer gehen. Es wäre ein übler Dank, wenn wir jetzt nichts wüßten,
als Gott dafür zu danken, daß zwar der Nachbarn Häuser verbrannt, das unsrige aber
stehen geblieben ist. Da dürften wir eigentlich Gott gar nicht danken dafür, das wäre
zu jämmerlich, zu selbstsüchtig, zu kleinlich. Die anderen Völker, die jetzt so viel
Leid zu tragen haben, könnten uns sonst am Ende verachten und sagen: Wir machen jetzt
eine Schule schwerer Not durch, und wir lernen etwas in dieser Schule, wir lernen
Ernst und Hingabe und Opfer und Bruderliebe, wir lernen Gott kennen im Ungewitter des
Unheils, das über uns gekommen ist, werdet ihr auch etwas lernen in dieser Zeit, ihr
Schweizer, die ihr nicht wißt, was Leiden und Kämpfen heißt, die ihr nur behaglich
von weitem zuseht? Was wollen wir darauf antworten? Könnten wir ein gutes Gewissen
haben gerade den Anderen gegenüber mit dem selbstsüchtigen Gebet: O Gott, ich danke
dir, daß unser Häuslein nicht verbrannt ist! Wir haben tiefere Gründe zu danken als
diese. Schlimmer als Unrecht leiden ist Unrecht tun [vgl.
Und noch für etwas: Auch dafür, daß wir uns innerlich nicht müssen hineinreißen lassen in den Sturm oder Rausch, in dem sich
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jetzt alle diese kriegführenden Völker befinden. Was lebt jetzt da für eine Masse
von Haß und Verachtung in Millionen von Herzen! Wieviel böse Worte fliegen hin und
her über die Grenzen, was für unheilbaren Selbsttäuschungen über die eigene Unschuld
und Vortrefflichkeit geben sich jetzt draußen die Massen und selbst die gebildeten
und christlichen Kreise hin! Das ist ein Jammer, fast ebenso groß wie der, daß die
Soldaten an der Front aufeinander schießen. Auch das gehört zu dem scheußlichen Bruch
der Bruderliebe. Und wir dürfen uns von dem allen freihalten. Wir dürfen die
Nüchternen sein in dem allgemeinen Rausch. Wir dürfen, es ist wieder eine Gnade,
nicht ein Verdienst. Wären wir Deutsche oder Franzosen, wir würden um kein Haar
weniger leidenschaftlich empfinden, wir würden wie sie versinken in dieser schwarzen
Nacht von Barbarei. Und nun müssen wir das nicht, dürfen unseren kühlen neutralen
Blick behalten, dürfen das Gute anerkennen, wo es sich findet, und das Böse als Böses
bezeichnen, auf welcher Seite es auch sei, dürfen inmitten dieses unsäglich gemeinen
Ausbruchs der Völkerselbstsucht abseits stehen und die Zusammengehörigkeit und
Solidarität der Menschen und Völker liebhaben und hochhalten. Dafür wollen wir doch
dankbar sein, noch mehr als für die unschuldigen Hände: für das freie Herz, das wir
bis jetzt uns haben bewahren dürfen, und wollen es uns bewahren um jeden Preis und es
nicht durch läppisches Parteinehmen und Politisieren aufs Spiel setzen. Werdet nicht
der Menschen Knechte [
Darüber hinaus aber noch wollen wir dankbar sein dafür, daß wir als Schweizer und als Christen überhaupt eine solch große Zeit erleben dürfen. Denn es ist eine große Zeit, das muß man immer wieder sagen, trotz aller Teufelei, die sie zum Vorschein bringt, trotz aller Bedrängnis, in die sie uns versetzt. Vor Allem eine Zeit, die uns wieder einmal große Gedanken gebracht hat. Wir haben oft gebetet: Gib uns große Gedanken in den kleinen Sorgen des Tages. Das ist nun ganz ungesucht und ohne daß wir Verdienst daran hätten, so gekommen. Denkt, über wie viel Kleinlichkeiten und Torheiten nur wir hier in unserem Dorf uns oft |487 aufgeregt haben, was für jämmerliche graue Fäden von Klatsch und Haß wir gesponnen haben von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr hinüber. Wie hat jetzt auf einmal eine ganze Menge davon verstummen müssen, einfach weil wir merkten: das alles ist doch furchtbar gleichgültig gegenüber dem, was jetzt die Welt bewegt. Es gibt ja freilich noch Unverbesserliche genug, die auch jetzt ganz die Alten bleiben können, aber viele sind ihrer nicht. Fast Jedes ist in diesen Wochen von großen Gedanken und Fragen wenigstens kräftig berührt worden. Wir haben etwas erfahren von dem, was die Menschheit ist und wie sie zusammenhängt in Freud und Leid, in Sünde und Gerechtigkeit. Die ewigen Fragen von Recht und Unrecht sind uns brennend geworden durch die Vorgänge da draußen. Die Frage: was ist eigentlich unsere ganze moderne Civilisation wert? ist vor den Augen von Manchem aufgetaucht, der es vorher für selbstverständlich hielt, daß Civilisation und Bildung der Himmel auf Erden sei. Der Anblick so massenhaften Sterbens da draußen auf den Schlachtfeldern hat sicher nicht Wenige darauf geführt, wieder einmal nachzusinnen über die alten Rätsel von Leben, Tod und Ewigkeit. Und in wie Vielen, in wie Unzähligen ist jetzt die Haupt- und Lebensfrage nach Gott aufgestiegen! Wer ist er, er, der hinter dem Allen steht, heiße er, wie er wolle? Und was sind seine Wege? So fragt und sucht es nun in Millionen Seelen. Viel dumme Gleichgültigkeit ihm gegenüber hat sich in angestrengtes Nachdenken verwandelt, und viele oberflächliche Meinungen und Dogmen über ihn sind in dieser Zeit in aller Stille korrigiert worden. Sollten wir Gott nicht dankbar sein für diese Zeit großer Gedanken, die so vielem Krimskrams und Geschwätz ein Ende gesetzt hat?
Und es ist ja nicht bei den großen Gedanken geblieben. Große Aufgaben stellt diese Zeit an uns alle, auch an unser Schweizervolk, auch an
jedes Einzelne von uns. Wieviel Energie und Opferbereitschaft mußte jetzt auf einmal
da sein, als es hieß: das Vaterland ist in Gefahr! Wieviel Liebe und Treue leuchteten
jetzt auf einmal hervor in vielen Familien, in denen sie vielleicht aus allerlei
Gründen lange verschüttet waren! Wie sind jetzt auf
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einmal eine ganze Anzahl von Grundsätzen der Bruderliebe und der Solidarität
zwischen den verschiedenen Parteien und Ständen in unserem Volk notwendig und
selbstverständlich geworden, die man in Friedenszeiten höchstens als schöne Kanzel-
und Rednerphrasen gelten ließ! Sollten wir Gott nicht dankbar sein dafür, daß er uns
jetzt einmal dazu gezwungen hat, Ernst zu machen mit unser aller Bundesschwur: wir
wollen sein ein einig Volk von Brüdern!3 Und was für große Aufgaben mögen unser in der
Zukunft warten! Wir wollen uns nicht aufs Prophezeien einlassen. Aber das ist ganz
sicher: wir gehen einer Zeit entgegen, in der es mehr als je nötig sein wird, daß wir
alle gemeinsam nach oben blicken, daß wir versuchen, einander immer besser zu
verstehen, daß wir freudig zusammenstehen zu gutem Tun. Zeichen genug sind da, die
darauf hindeuten, daß Vieles, sehr Vieles vielleicht, sich ändern wird. Auch die
borstigsten Gegner werden einander die Hand geben müssen, auch die Selbstsüchtigsten
werden einsehen müssen, daß nicht Alles weitergehen kann wie bisher, auch den
beschränktesten Gewohnheitsmenschen wird etwas aufleuchten, daß es höhere
Lebensaufgaben und Ziele gibt als das, was sie bis dahin dafür angesehen haben.
Wollen wir Gott nicht dankbar sein dafür, daß er uns einer Zeit großer Aufgaben
entgegengehen läßt? O Land, Land, Land höre des Herrn Wort. O Schweizervolk, sieh es
doch recht tief ein, wie groß die Güte Gottes gegen uns ist, wie sehr wir Anlaß haben
zu bekennen: der Herr hat Großes an uns getan in dieser ernsten Zeit, der Herr tut
Großes an uns, des sind wir fröhlich [
Buße ist das Andere, auf das uns dieser Tag hinweist. Man ist es gewohnt, am Bettag von Buße predigen zu hören. Gar Mancher auch von denen, die überhaupt nur am Bettag in die Kirche kommen, ist ganz gefaßt darauf, an diesem Tag eine solide Bußpredigt, eine gründliche Aufzählung und Beleuchtung unserer Volksfehler und Volkssünden über sich ergehen zu lassen. Ich |489 möchte mich heute nicht zu lange dabei aufhalten. Es hieße Wasser in den Rhein tragen, wenn ich jetzt das bekannte Lied von der Verschwendungs- und Vergnügungssucht anstimmen wollte. Daß es da toll getrieben worden ist oben und unten, daß in weiten Kreisen alle Begriffe von Sparsamkeit und Maßhalten verschwunden waren, das gibt jeder verständige Mensch zu. Wohin das führen mußte, das erfährt Mancher, der jetzt durch eigene Schuld mit schwerem Bangen in die Zukunft sieht, und ich brauche es ihm nicht vorzuhalten. Es besteht auch kein Zweifel, daß die Ereignisse da ganz von selber nun für einige Zeit den Riegel schieben werden, und es ist recht so. Da kann sich nun Jeder und Jede, dies angeht, selber Buße predigen.
Ernster und schwerwiegender ist das, worauf wir geführt werden, wenn wir uns das
Verhalten der Allermeisten von uns in den ersten Tagen der Kriegsnot noch einmal vor
Augen halten. Das wird nun bleiben als eine Tatsache der Schweizergeschichte, die die
Und nun kommen wir sofort tiefer hinein in das, was Buße tun nun für uns bedeutet.
Was wir da angedeutet haben von der Verfehlung unseres Volkes, ist schließlich nur
das äußere Anzeichen eines Übels, das tief innen sitzt. Wir stehen zu
Gott nicht, wie wir sollten. Das ist etwas Verborgenes, das Verhältnis eines
Volkes zu Gott. Jetzt ist es einmal aufgedeckt worden, und wir müssen uns sagen, daß
es nicht ist, wie es sein sollte, nachdem wir uns vielleicht lange allerlei
Täuschungen hingegeben hatten. Wir hatten Kirchen und Pfarrer und Orgeln und Glocken
und jeden Sonntag eine Predigt, wir hatten christliche Vereine, wohltätige Anstalten
und die Heidenmission — aber was hat denn das alles mit Gott zu tun und mit dem
Gehorsam gegen ihn? Gott ist doch die Liebe — wie kommt es, daß wir die Rücksicht auf
unsere Brüder und Schwestern so ungeniert haben bei Seite stellen können? Gott ist
doch die Ordnung — wie mögen wir nur, als ob wir Räuber wären, so aufs Raffen bedacht
sein? Gott ist doch die Güte und die Weisheit — wie kam es nur, daß wir so schnell,
so überraschend schnell das Vertrauen zu ihm wegwarfen [vgl.
Und haben wir nun noch nötig, besonders auf das hinzuweisen, was uns dieser Tag als
Bettag zu sagen hat? Um Schonung möchten wir bitten in den
Schrecken der gegenwärtigen Ereignisse, nicht wahr? Um Gottes Schutz und Schirm für
unser liebes
Aber sofort muß es nun auch da für uns heißen: tiefer hinein, tiefer hinein ins
Gebet, in das, was das Gebet eigentlich ist, in die lebendige innere Berührung mit
dem, der der Herr der Welt und unseres Lebens ist! Ich könnte mir vorstellen, daß
ernste Christen jetzt noch ganz anders beten könnten als so: Nein, Herr
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unser Gott, laß die Wellen deines Gerichtes nur mit aller Gewalt auch über uns
ergehen, sodaß wir dich endlich, endlich hören und merken, wer du bist und was du von
uns forderst! Laß jetzt nur unsere schweizerische Freiheit einmal in schwere Gefahr
kommen, damit wir einsehen: sie ist kein selbstverständlicher Besitz, sondern ein
Geschenk deiner Güte, zu dem wir Sorge tragen und dessen wir uns immer wieder würdig
erweisen müssen. Laß die Zeit der Bedrängnis nur noch länger dauern und schwerer
werden als bisher, wenn es nötig ist, damit wir nicht so schnell wieder aufatmen und
in unseren alten Schlendrian zurücksinken können! Wir möchten nicht und wir können es
nicht wünschen, daß du weniger deutlich und ernst mit uns redest als mit den anderen
Völkern. Wir haben ja nicht das Recht, so zu beten, wir dürfen und wollen es Gott
nicht vorschreiben, wie er es mit uns machen soll, weder im Guten noch im Schlimmen.
Aber das ist sicher, wenn uns der heutige Tag zuruft: Betet, freie Schweizer, betet!,
dann soll unser Leben etwas Tieferes und Besseres sein als ein Bitten und Betteln,
daß er uns nichts tun möge, während alle Anderen leiden müssen. Sondern darum wollen
wir vor allem Anderen beten, daß der Dank, den wir Gott schuldig sind, und die Buße,
zu der er uns einladet, wahrhaftig und recht seien, daß es wieder kommen möge zu
einer vollen Gemeinschaft unserer Seele, auch der Seele unseres Volkes mit ihm, dem
Heiligen und Gerechten. Wir wollen zu ihm sagen: Herr, was unser
So wollen wir beten. Beten heißt ja, Gott suchen, dankbar, indem wir auf ihn sehen,
und demütig, wenn wir auf uns sehen. O wenn jetzt überall so gebetet, so Gott selber
und die Gemeinschaft mit ihm gesucht würde im
Gott schenke es uns, liebe Freunde, das alles, was wir nötig haben — nicht nur für
heute — für die ernsten Zeiten, denen wir entgegengehen, für unser ganzes Leben: den
rechten Dank, die rechte Buße, auch das rechte Gebet zu ihm. Es muß ja Alles sein Werk sein, wenn es gut sein soll. Er will es
uns schenken. Auch das heilige Abendmahl sagt es uns wieder deutlich, greifbar: ich
will euch das Höchste schenken, was ihr braucht. Und er hat seine Wege zu jedem von
uns. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an [