11. Oktober 1914

Predigt: Markus 10,17-23

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Markus 10,17–23
Liebe Freunde!

Das muß eine wunderbare Stunde gewesen sein im Leben dieses Menschen, als die Frage emporstieg in seiner Seele: Was soll ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Was mag vorher in ihm vorgegangen sein? Wahrscheinlich hat er jahrelang überhaupt nicht gewußt, daß man so fragen kann. Er hatte andere Fragen: Wie soll ich mir Geld und Ehre erwerben? Wie kann ich mir mein Leben angenehm machen? Wie kann ichs dazu bringen, daß die anderen Menschen mich fürchten und meinen Willen tun müssen? Er hatte sich das eine oder andere Mal darüber besonnen, aber nie lang, dann rasch es wieder beiseite geschoben und an etwas Anderes gedacht. Vielleicht war er auch so sicher, das ewige Leben zu ererben, daß er gar nicht daran dachte, danach zu fragen. Er war wahrscheinlich einer von den Frommen, die sich Mühe geben, Gott zu Gefallen zu leben, und so konnte er zuversichtlich denken, es werde mit dem ewigen Leben schon in Ordnung sein, ohne daß er sich besonders damit beschäftigen müsse. Da kam es auf einmal anders. Seine schöne Ruhe und Sicherheit wurde zerstört. Es kamen ihm Bedenken, wo er sich früher keinen Augenblick aufgehalten hatte, und Zweifel da, wo ihm vorher Alles zuverlässig war. Er wurde aus einem sicheren Mann zu einem Frager. Das ist wunderbar, wenn das einem Menschen geschieht.

Ich glaube, es ist in unserer Zeit zahlreichen Menschen Ähnliches geschehen. Sie hatten sich auch nicht groß um das ewige Leben gekümmert. Sie hatten Anderes. Sie hatten ihre großen und kleinen Sorgen und Freuden. Sie liebten und haßten. Sie lebten und ließen leben. Das ewige Leben war weit weg, etwas Luftiges, Schwebendes, Unsicheres. Und obwohl sie unsicher waren, benahmen sie sich doch, als ob sie sicher seien. Sie dachten, es habe gute Weile. Sie verließen sich auf die Kirche, auf die Versammlung, die sie besuchten. Sie verließen sich auf ihr Christentum, das ihnen ja wohl das ewige Leben garantieren müsse, und hörten |506 ganz gern gelegentlich davon reden. Oder sie vertrauten auf die Bildung und Kultur, die die Menschheit heutzutage erreicht hat. Und so gingen sie als sichere Leute ihren Weg, ohne daß das ewige Leben ihnen Kummer machte. Und nun kam auf einmal dieser Weltkrieg. Und da geschah ihnen etwas Ähnliches wie dort dem reichen Mann. Sie wurden aus ihrer Ruhe herausgeworfen, und das ewige Leben wurde ihnen wichtig, und die Frage trat nahe an sie heran: wie stehts mit mir?, und sie merkten, daß sie keinen Anlaß hatten, so sicher zu sein. Ich weiß, es gibt Viele, die sind jetzt mit dem Weltkrieg schon fertig. Die Franzosen sind nicht gekommen, und es ist wieder Verdienst da, was braucht es denn mehr? Sie denken kaum mehr an das, was da draußen vorgeht. Wir reden jetzt nicht von ihnen. Sie sind nicht zu beneiden. Aber Andere sind da, in denen hat etwas begonnen zu arbeiten und zu schaffen, seit dieser Krieg da ist in der Welt. Es ist ihnen Vieles kleiner geworden, seit so Großes sich ereignet. Sie sind wie aufgescheucht in ihrem alten Wesen. Sie spüren, wie der Boden unter uns schwankt. Sie merken, was für ein zerbrechliches, hinfälliges, geringfügiges Ding das Leben ist, das ihnen so lieb war. Sie merken, daß der Teufel und die Hölle verborgen sind in der Menschennatur, wenn sie ungehindert ihren eigenen Lauf nehmen darf. Sie merken, daß das bißchen Christentum und Kultur, das wir haben, ein dünner Firnis ist über unserem Wesen, auf den man sich nicht verlassen kann. Sie haben auf einmal das Vertrauen verloren, von dem sie vorher erfüllt waren. Die Welt hat ein anderes Gesicht bekommen. Nebel sind zerrissen, die wir für den Himmel hielten. Götzen sind gefallen, die wir anbeteten. Die Frage: woher kommen wir? und wohin gehen wir? ist uns auf einmal lebendig und brennend geworden. Die Frage: ist das Alles? Ist das nun das Leben, das Menschenleben, das, was sich da von Woche zu Woche furchtbarer vor uns ausbreitet: der Machthunger der Russen und die Selbstgerechtigkeit der Deutschen und die Rachsucht der Franzosen und der kalte Handelsgeist der Engländer und die viehische Grausamkeit der Belgier … und der kleinliche Krämergeist von uns Schweizern. Ist das Alles? Ist das |507 das Leben? Sind das die Menschen? Sind das — wir? Wir stellen die Frage und wissen doch ganz gut: Nein, das ist nicht Alles. Es gibt etwas Anderes. Es muß etwas Anderes geben, etwas, was der volle Gegensatz ist zu dem, was wir jetzt sehen. Etwas, was nicht Krieg ist und nicht Völkerhaß, nicht Massenmord und nicht sinnlose Zerstörung. Aber auch nicht das enge, beschränkte, lieblose und im Grunde unglückliche Wesen, in dem wir zur Friedenszeit drin waren. Der Krieg hat ja nur aufgedeckt, was wir überhaupt sind. Er sagt uns deutlicher als jede Predigt: das nicht, euer Menschenwesen nicht. Das ist nicht das wahrhaftige Leben, ihr seht ja selber, wie es ausartet in Wahnsinn und Scheußlichkeit. Es gibt etwas Anderes, von eurem ganzen Wesen das Gegenteil. Es gibt ewiges Leben, Leben frei von Haß und Leid und Tod, Leben in Glück und Wahrheit und Liebe, Leben in Gott.

Und nun erwacht in vielen Menschen die Sehnsucht, das Verlangen nach diesem Anderen. Herausgerissen sind sie aus der Ruhe, in der sie sich vorher bewegten. Sie meinen nicht mehr, sie besäßen es schon, auch wenn sie fromm und gebildet sind. Sie wollen sich nicht mehr begnügen mit dem Tröstlein eines trägen, oberflächlichen Christentums. Ganz ausgehungert und armselig kommen sie sich vor. Ganz von vorne anfangen möchten sie in der großen Schule Gottes. Und jetzt sucht ihre Seele und tastet hin und her: Was soll ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Was soll ich tun, um das zu ergreifen und zu besitzen, was größer und stärker ist als alles Leid und Unrecht der Welt? Den festen Grund, wo alles [Andere] zweifelhaft und unsicher wird? Die Heimat in der Fremde dieser Welt? Das Licht in dem undurchdringlichen Dunkel solcher Ereignisse?

Wir wissen nicht, was es gewesen ist, was jenen Mann mit diesen Fragen zu Jesus geführt, was ihn vor ihm auf die Knie fallen geheißen hat. Ein starkes Erlebnis muß es auf alle Fälle gewesen sein, klein, ganz klein wurde ihm sein bisheriges Wesen, unsicher wurde er in tiefster Seele, das Innerste, Verborgenste in ihm drängte zum Licht, suchte, fragte, verlangte nach der neuen Ordnung, nach einer besseren Welt, nach einem anderen Leben. |508 Ein starkes Erlebnis dürfen jetzt auch wir machen. Wer jetzt nicht ernsthaft werden will, wie soll dem zu helfen sein? Es liegt an uns, daß wir in diesen Monaten nun auch etwas erfahren von dem Wunderbaren, daß uns unser oberflächliches Wesen verleidet, daß uns unser Scheinchristentum ekelhaft wird, daß die Frage, die große Frage uns überfällt und anpackt wie ein gewappneter Mann: Was soll ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?

Aber es ist mit diesem Erwachen und Fragen und Suchen nicht getan. Wo suchen wir es, das ewige Leben, das uns fehlt? Der Mann dort kniete vor Jesus hin und sagte zu ihm: Guter Meister, du mußt es mir sagen, wie ich es machen soll? Es kann uns wohl wundern, daß das nicht das Richtige gewesen sein soll. Es hat schon mancher Bibelleser daran Anstoß genommen, daß Jesus ihm darauf antwortete: Was heißest du mich gut, niemand ist gut denn allein Gott. Du weißt ja die Gebote wohl: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten usw. Warum redet Jesus so? Wir denken an das bekannte Wort des Petrus: Herr wohin sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens! [Joh. 6,68], und nun weigert sich Jesus eigentlich, ihm solch ein Wort zu schenken, und erinnert ihn stattdessen an die altbekannten zehn Gebote. Wir denken an das Wort Jesu: Philippus, wer mich siehet, der siehet den Vater! [Joh. 14,9], und nun will Jesus nicht einmal das schlichte Wörtlein «gut» auf sich angewendet wissen: niemand ist gut denn allein Gott! Warum diese Abweisung? O, wir müssen sie recht verstehen. Da ist nichts zum Anstoßnehmen, im Gegenteil, da lernen wir die Größe Jesu von einer Seite kennen, die uns vielleicht noch ganz neu ist. Die Propheten und die Philosophen insgesamt würden freilich anders geantwortet haben an seiner Stelle. Die hätten sich gefreut über das Zutrauen, das der Mann ihnen schenkte, und dann hätten sie ihm irgend einen guten kleinen Rat gegeben: du mußt dieses glauben und jenes tun. Das hatte der Mann auch erwartet. Er hatte erwartet, eine neue Religion zu finden bei Jesus, er war willig, neue Lehren von Gott zu glauben, neue Pflichten über sich zu nehmen, wenn nur das Sehnen seiner Seele gestillt würde. Er war zu allem Menschenmöglichen |509 bereit. Wie leicht hätte ihn Jesus nun beschwichtigen können. Er tat es nicht. Dieser Mensch sollte jetzt eben nicht dies oder das «machen». O wie wohl wäre es ihm geworden, wenn er etwas hätte «machen» können, um sich zu beruhigen! Aber das ewige Leben hätte er gerade so nicht gefunden. Nach einiger Zeit hätte sich notwendig wieder das Ungenügen und die Unsicherheit bei ihm eingestellt. Denn Alles, was wir Menschen «machen» können, ist notwendig ungenügend, es wird auch notwendig immer die menschliche Eitelkeit und Kleinlichkeit mitspielen. Das Beste, was wir «machen», hat immer eine schlechte Seite. Das ewige Leben können wir darin nicht finden, denn da werden sich uns, wenn wir ehrlich genug sind, es zu sehen, immer wieder Abgründe auftun zu unseren Füßen, immer wieder werden wir selber unser Tun Stückwerk und Pfuscharbeit nennen müssen. Unseren besten Gedanken, unseren edelsten Taten geht es so. Diese Enttäuschung wollte Jesus dem Mann ersparen. Darum hat er es abgelehnt, ihm einen guten Rat zu geben. Darum wollte er auch nicht «guter Meister» heißen. Es war etwas Verkehrtes, etwas Unaufrichtiges in der Art, wie der Mensch Jesus so nannte, so ernst es ihm war, so aufrichtig er ihn um Hilfe zu bitten schien. Jesus sollte es ihm abnehmen, nach dem ewigen Leben fragen und suchen zu müssen. Er sollte ihm ein guter Meister sein und ihn irgendwie beruhigen in seinen Bedenken und Zweifeln. Das Zutrauen, das er Jesus schenkte, war im Grunde ein Ausweichen vor etwas viel Größerem, das er ahnte und vor dem er sich fürchtete. Und darum hat er auch dieses Zutrauen abgelehnt. Er wollte nicht, daß dieser Mann ihn persönlich verehre und darüber das Wichtigste auf der Seite lasse. Ja, Jesus war ein guter Meister, der beste, der je dagewesen ist, aber wer ihn so nennen will, der muß sich von ihm zu Gott hinweisen lassen. Das ist gerade das unvergleichlich Gute an Jesus, daß er bei Gott allein das Gute gesucht und gefunden hat. Wer etwas von ihm will, der muß ihm darin folgen. Sonst ist alle Verehrung, die wir ihm darbringen, Heuchelei.

Wir müssen an diese Abweisung denken, wenn wir auf der |510 Suche nach dem ewigen Leben sind. Es ist etwas Großes und Wunderbares, wenn wir einmal Angst bekommen und merken: unser menschliches Wesen genügt nicht, wir brauchen etwas Anderes. Aber nun braucht es große Vorsicht und Klugheit, daß wir nun nicht, bei allem Verlangen nach etwas Besserem, doch wieder stecken bleiben in etwas Menschlichem, das uns schließlich ebensowenig befriedigen kann wie das, worüber wir eben hinausmöchten. Wir dürfen nicht zu schnell nach irgend einer Antwort greifen und meinen: das ists nun, da habe ich es nun, das ewige Leben! Zu Vielem von dem, wonach so Manche in ihrer Herzensangst gegriffen haben in dieser Zeit der Not, müßte Jesus sagen: das ists nicht, so gut es vielleicht gemeint ist. Habt ihrs nicht beachtet, wie es nach dem ersten Schrecken sofort von allen Seiten hieß: jetzt muß etwas gemacht werden: eine Sammlung für das Rote Kreuz, Strümpfe für die Soldaten, Hilfscomités für die Notleidenden. Sogar unser aargauischer Kirchenrat hat an uns Pfarrer ein Schreiben in diesem Ton gerichtet. Alles recht schön und gut, ich sage natürlich kein Wort dagegen. Ich möchte nur auf die große Gefahr hinweisen, die wir laufen, wenn wir meinen, das sei in unserer gegenwärtigen Lage die Hauptsache, daß dies und das gemacht werde. Die Gefahr besteht darin, daß wir dann bei allem guten Willen stecken bleiben in dem, woraus wir doch gerade erlöst sein möchten. Wir bleiben dann dieselben, die wir vorher waren, nur daß wir jetzt noch ein wenig all das zu tun uns bemühen, was man uns da als gut und nötig hingestellt hat: wir sparen ein bißchen mehr, wir nehmen an diesem oder jenem guten Werk teil, wir gehen etwas mehr in die Kirche! Was aber, wenn wir nun eines Tages merken, daß wir bei dem allen ganz die Gleichen geblieben sind, daß unser Menschenwesen, das uns so verleidet war, durch das alles nicht im geringsten erschüttert oder verändert ist? Was ist das dann für eine Enttäuschung! Wir wollen uns hüten vor dieser Gefahr. In Vielen ist jetzt die Sehnsucht nach dem ewigen Leben erwacht. Tun wir alle, was unsere Pflicht ist, und mehr als das, es ist recht so, aber nicht darauf kommt es nun an, daß wir allerlei machen. Es könnte uns sonst |511 geschehen, daß über all unseren guten Vorsätzen und Unternehmungen die große Stunde, in der Gott so deutlich mit uns redet, vorübergeht, ohne daß wir ihn gehört haben. Ich möchte ausdrücklich betonen, es ist auch damit nicht getan, daß wir uns vornehmen, mehr zu beten, mehr in der Bibel zu lesen, mehr in die Kirche zu gehen oder in die Versammlung. Auch das ist alles schön und gut und nicht gering zu schätzen, aber auch das ists nicht, was es jetzt braucht. Auch das gehört ja zu den Sachen, die man «machen» kann. Und was wir machen, bleibt immer etwas Menschliches, und wir entdecken es eines Tages, daß es menschlich und unvollkommen ist, und die gleiche ungestillte Sehnsucht ist wieder da. Das alles läßt uns das ewige Leben nicht ererben. Wir wollen an den Mann denken, der sogar zu Jesus selbst gekommen ist und etwas meinte «machen» zu können, indem er ihn «guter Meister» nannte. Wir wollen uns wohl überlegen, ob wir nicht auch wie er mit all unseren guten Vorsätzen und Gedanken, die uns jetzt bewegen mögen, daran sind, dem Notwendigsten, dem, was jetzt eigentlich geschehen sollte, auszuweichen.

Was antwortet Jesus jenem Menschen? Er sagt zu ihm: du weißt ja die Gebote! Er erinnert ihn an das, was er längst weiß, was ihm ganz selbstverständlich ist. Denkt euch sein Erstaunen! Er meinte, eine neue Religion zu finden bei Jesus, einen neuen Glauben und neue Lebensregeln. Etwa so wie Mohammed den Arabern eine neue Religion brachte. Oder wie es geht, wenn etwa eine neue Gemeinschaft in einer Gegend auftritt. — Und nun kommen die Leute und bemühen sich, das Neue zu verstehen, was da gelehrt wird, das Neue zu tun, was man da von ihnen verlangt. Nichts davon bei Jesus. Der Weg zum ewigen Leben ist keine Neuigkeit. «Du weißt ja die Gebote!» Die schlichten zehn Gebote, die jedes Kind kennt. Und aus den zehn Geboten erwähnt Jesus jetzt gerade noch die allerselbstverständlichsten: du sollst nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis reden, Vater und Mutter ehren — wie um ihm zu sagen: gerade das Einfachste meine ich wirklich, gerade das, was du meinst längst an den Schuhen abgelaufen zu haben.

512 Denkt euch, da ist eins von euch, das jetzt vielleicht durch den Krieg so ein wenig zum Erwachen, zu anderen Gedanken gekommen ist, zum Hunger und Durst nach dem ewigen Leben, das über diesem nichtigen und erbärmlichen Menschenleben steht. Vielleicht auch auf andere Weise, es kommt nicht darauf an. Es fragt und sucht und tastet: wo finde ich Halt und Kraft und Licht für mein Leben? Und nun kommt da die Antwort: Sei ehrlich in dem, was dir anvertraut ist! Achte deines Nächsten Leben und Seele! Nimms genau mit der Wahrheit! Und mit der Dankbarkeit und der Ehrfurcht denen gegenüber, denen du sie schuldig bist. Lauter Dinge, wie man sie etwa in der Sonntagsschule den Kindern sagt. Und das soll nun die Antwort sein auf die Frage: was soll ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe!! Nicht wahr, da lehnt sich etwas in uns auf. Fast werden wir böse: Was, darauf soll es nun ankommen? Aber das braucht man doch mir nicht zu sagen! Das weiß ich doch! Warum regt uns wohl das so auf, wenn man uns auf das Allereinfachste hinweist als auf den Weg zum Leben?

Der Mann dort fuhr auch ziemlich unwirsch empor. Das wollte er nicht haben, daß ihm nun das etwas zu sagen habe, die zehn Gebote!! Er meinte, dazu hätte er nicht zu Jesus zu kommen brauchen. Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf! Natürlich! er war ja doch aus einer guten Familie, er war ja doch anerkannt und geehrt bei den Leuten, er war ja doch einer von denen, denen man nichts vorhalten konnte. Im Gegenteil: er konnte auch so manches extra gute Werk, das nicht in den zehn Geboten stand, auf die Rechnung bringen. Die zehn Gebote: nicht stehlen, ehebrechen, töten — — das konnte er doch auf die Seite schieben, das ging doch ihn nichts an. Wieso wohl? Ists wirklich nur mit Recht beleidigter Stolz, wenn er, wenn wir mit ihm, über diese einfachsten Gebote Gottes vornehm hinweggehen: ja ja natürlich, das muß man halten, das halte ich auch, aber der Weg zum Leben muß doch ein anderer sein? Ists nur wirklicher berechtigter Stolz, wenn wir nach einem vornehmeren Weg zum Leben verlangen? Oder ists nicht eine geheime Angst, die uns erfaßt, wenn diese schlichten Worte ertönen: Wahrheit, Reinheit, |513 Liebe, des Nächsten Eigentum, Leben und Ehre, die Angst, daß da etwas lauert, mit dem wir noch nicht fertig sind, noch lange nicht fertig, und mit dem wir nicht anbinden möchten? Wehe, wenn der Löwe erwacht, dieser Löwe, der in den zehn Geboten lauert, die uns längst nichts mehr zu tun geben, wenn wir auf einmal merken: da, da fehlts, und solange es da nicht anders wird, sind alle die Wege, die ich zum ewigen Leben einzuschlagen meine, nur Umwege und Abwege. Aber es da anders werden zu lassen, das ist so ungeheuer schwer. Wieviel leichter ist es, irgend etwas zu «machen»! Wieviel leichter ist es z. B. in unserer jetzigen Lage, fünf Fr[anken] oder noch mehr auf den Tisch zu legen für das Rote Kreuz, als endlich einmal dafür zu sorgen, daß Friede ist im Haus! Wieviel leichter ist es, alle Sonntage in die Kirche zu gehen, als einmal einen anderen Ton anzuschlagen gegen seinen Mann oder seine Kinder! Wieviel leichter ist es, viele viele Strümpfe zu stricken für die Soldaten, als einmal daran zu denken, nicht mehr so geizig zu sein! Wieviel leichter ist es, ein schauriges Büchlein zu lesen über das nahe Weltende, als einmal das böse verleumderische Schwatzen bleiben zu lassen, mit dem so viel Unheil angerichtet wird! Wir wissen ganz gut, daß Gott immer gerade das Letztere von uns verlangt, immer gerade das, was wir längst wissen und was wir gerade darum so ungern tun. Wir wissen ganz gut: es gibt keinen anderen Weg zum ewigen Leben als den, daß man mit diesen schlichten Dingen wieder Ernst macht. In diesen schlichten Dingen ist Gottes Wille, ist Gott selbst. Wenn die Menschen in diesen schlichten Dingen, in den zehn Geboten, gehorchen würden, so hätten wir jetzt keinen Krieg. Der Gehorsam gegen die zehn Gebote, das wäre die Erlösung aus allem Übel. Wir wissen es ganz genau, aber es scheint uns zu gewaltig, was da von uns gefordert wird, wir ziehen das Leichtere vor, wir wollen lieber etwas machen als gehorchen, gerade wie es die Kinder manchmal tun, und dann sagen wir noch mit wichtigem Gesicht: ich habe Anderes zu tun, und ich möchte etwas Anderes, eine andere Erlösung, — immer gerade das Andere als das, was Gott will! Was soll man auch dazu sagen? Ist unsere |514 Torheit größer oder unsere Heuchelei? Seht, darum hat Jesus jenen Mann abgewiesen. Er hat wohl gemerkt, daß er erwacht war aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit und Sicherheit. Aber er hat auch gemerkt, daß es ihm auch nicht ganz ernst war mit dem ewigen Leben, daß er heimlich noch Angst hatte vor dem, was nun in ihm hätte geschehen müssen. Diese Angst deckt er ihm auf — nicht um ihn zu plagen, sondern um ihm zu helfen. Er hält ihm die zehn Gebote vor, weil er weiß: da fehlts ihm! und er fragt nur: was soll ich tun?, weil er das nicht wissen will, was er im Grunde ganz gut weiß.

Aber der Mann verstand Jesus nicht, oder er wollte ihn nicht verstehen. Er wollte den klaren, geraden Weg nicht sehen, den Jesus ihm eröffnete. Er antwortete: das habe ich alles gehalten von meiner Jugend an! Damit meinte er natürlich: du mußt mir etwas Besseres, etwas Höheres sagen. Gerade wie wirs auch machen. Was sollte nun Jesus sagen? Er hätte ihn vielleicht fragen können: Wirklich? ists wahr? hast du das alles gehalten, hast du Ernst gemacht mit dem majestätischen Willen Gottes, der hinter jedem von diesen kleinen Geboten steht? Er fragte ihn nicht so. Es hätte dann vielleicht ein großes Hin- und Herreden gegeben, der Mann hätte versucht, sich reinzuwaschen, zu beweisen, daß er in Allem und Jedem die zehn Gebote gehalten habe. Und über alledem hätte er vergessen, daß er gekommen war, nach dem ewigen Leben zu fragen. Wir wollen uns das merken: wir sind nie weiter vom Reiche Gottes entfernt, als wenn wir uns bemühen, uns herauszureden und zu entschuldigen, gleichviel ob wir nun recht haben oder nicht. Jesus wollte ihm keine Gelegenheit geben zum Disputieren. Er wollte ihn nicht fahren lassen. Es heißt: «Er sah ihn an und liebte ihn.» Er sah ihm an, daß es ihm darum zu tun sei, zu etwas Besserem zu gelangen, wenn er auch noch nicht ganz aufrichtig geworden war. Er sah ihm an, daß er im Grunde kein schlechter Mensch war. Und darum wollte er ihn weiterbringen. Und darum sagte er ihm nun das merkwürdige Wort: Eins fehlt dir, verkaufe Alles, was du hast, und gibs den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir |515 nach und nimm das Kreuz auf dich! Was ist nun das, diese ungeheuerliche Forderung, die das ganze Leben dieses Mannes auf den Kopf stellte? Wir sagten ja vorhin: Jesus brachte keine Neuigkeiten wie andere Religionsstifter oder Sektenhäupter. Das Neue an ihm war gerade das, daß er sagte: das Alte muß gelten, das längst Bekannte, schlicht Selbstverständliche, die einfachen Gottesgebote der Liebe und des Rechtes. Aber es muß wirklich gelten, rücksichtslos und unbedingt. Es soll da kein Zweifel sein, daß man Ernst macht mit Gottes Willen. Ist das nun nicht doch etwas Neues, was er da bringt: verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, folge mir nach und nimm dein Kreuz auf dich? Gehört das auch zu den schlichten Dingen, die man von selbst weiß und wo nur die Frage sich erhebt, ob man auch Ernst macht damit? Ja, das ist wirklich die Meinung Jesu. Er wollte nicht ein elftes Gebot hinzufügen zu den zehn bekannten, er wollte ihm einfach sagen: sieh, so siehts aus, wenn du die zehn Gebote wirklich halten willst. Dann heißts — ja dann heißts, Alles drangeben um Gottes willen, von Allem, woran dein Herz hängt an sichtbaren Gütern, dich ganz frei machen, Alles, was du hast, in den Dienst deiner Brüder stellen. Den Weg der Armut und der Liebe mit mir gehen und das Kreuz auf dich nehmen, d. h. bereit sein zu leiden. Wer das tut, wer Alles drangibt, der hat das ewige Leben, wer das nicht tut, wer nicht Alles drangeben kann, der hat das ewige Leben nicht. Jetzt wurde der Mann aber stutzig. Jetzt merkte er, was er vorher nicht hatte merken und sich eingestehen wollen, daß er Angst hatte vor den zehn Geboten, daß er weit entfernt war davon, sie wirklich erfüllt zu haben von seiner Jugend an. Wird er sich überwinden? Wird er herauskommen aus seiner Angst vor dem Willen Gottes zu einem freudigen Entschluß? Er kam nicht dazu. Er war noch nicht reif dafür. Traurig ging er davon, denn er hatte viele Güter. Er war noch zu sehr gebunden. Er war noch zu sehr daheim in der Welt. Er sehnte sich nach Erlösung, aber er hatte nicht die Kraft, sie anzunehmen, als sie da war.

Ja, meine Freunde, was sind denn die zehn Gebote, die dieser |516 Mann nicht erfüllen konnte, vor denen er entsetzt zurückwich, als Jesus ihm sagte, was sie für ihn zu bedeuten hätten? Die zehn Gebote, der schlichte Gotteswille, den wir alle kennen, ist nichts Anderes als das Gesetz, Gottes und unseres Nächsten Knecht oder Magd zu sein. Das ists, was Gott will. Wer diesem Gesetz gehorcht, der kann nicht mehr sagen: das bin ich, das ist mein Recht, meine Ehre, mein Eigentum, der kann auch, gleichviel ob er arm ist oder reich, nicht mehr sagen: das ist mein Geld und Gut. Das Ich und das Mein gibts da nicht mehr. Das Ich und das Mein ists, das alles Unrecht und alles Leid anrichtet auf der Welt. Wegen dem Ich und dem Mein plagen die Menschen einander. Wegen dem Ich und dem Mein führen sie Krieg widereinander. Das Ich und das Mein ist das Wahrzeichen dieser Welt, ihrer Herrlichkeit und ihres unsäglichen Jammers. Wer sich nach Erlösung sehnt, wer sich sehnt nach dem ewigen Leben, der muß das Ich und das Mein drangeben können. So stehts in den zehn Geboten: du sollst nicht töten! heißt: ich soll mein Leben hingeben für den Bruder! Du sollst nicht stehlen! heißt: was mein ist, soll auch sein sein — du sollst nicht falsches Zeugnis reden! heißt: ich darf nichts Anderes denken und sagen und wollen, als was recht ist, was vor Gott bestehen kann.

Wo dieses Gesetz herrscht, da ist das Reich Gottes. Im Reiche Gottes gibt es Arm und Reich nicht mehr, ohne Revolution, sondern weil es dem Reichen unmöglich ist, den Armen arm zu lassen, weil da all das Unrecht, auf das sich jetzt der Reichtum gründet, unmöglich ist. Und darum ist im Reiche Gottes kein Streit mehr und kein Krieg, nicht durch Schiedsgerichte und Staatsverträge, die man doch wieder zerreißt, wenns nötig ist, sondern weil die Selbstsucht und der Haß, aus denen die Kriege hervorgehen, unmöglich sind. Zweifeln wir etwa, daß da, wo dieses Gesetz herrscht, das Gesetz der zehn Gebote, daß jedermann Gottes und des nächsten Knecht und Magd ist, daß da das ewige Leben ist? Wahrlich, wir sollten es nur einmal versuchen, dieses Gesetz anzuwenden, und wir werden es unmittelbar zu spüren bekommen, daß wir mitten im ewigen Leben drin waren. Denkt euch, was |517 geschehen würde, wenn in diesem Augenblick die Völker alle sich das eine sagen würden: nicht Ich und Mein, sondern Gott und der Nächste, diese große alte Neuigkeit, die Jesus uns gebracht hat. Die Gewehre würden sich senken, die jetzt zu tausenden von Brüdern auf Brüder gerichtet sind. Die Geschütze würden zurückgezogen und in Stücke geschlagen, die jetzt Mord und Verderben spucken dürfen. Die Menschen würden innehalten, die jetzt in der Luft wie grimmige Raubvögel und in den Minengängen unter der Erde wie bösartige Füchse und Maulwürfe aufeinander eindringen. All dieses sinnlose Treiben, dem sich weit über die Hälfte der Menschheit heute hingibt, dieses wahnsinnige Denken, Reden und Handeln würde mit einem Schlag stillestehn und einem grenzenlosen Nein über soviel Verblendung Platz machen. Und wir alle, die wir uns selbst und den Anderen das Leben oft so schwer machen, wir würden auf einmal merken, daß das Leben etwas Einfaches, etwas wunderbar Schönes ist, wenn das Ich und das Mein einmal nicht mehr gelten, wenn Gott einmal ernst genommen würde von uns. Ewiges Leben würde sich auf uns heruntersenken schon hier. Leben in der Seligkeit. Leben in der Liebe. Leben in ihm, der vollkommen ist und der will, daß auch wir vollkommen seien [vgl. Mt. 5,48]. Warum geschieht es nicht? Warum bleibt uns das ewige Leben so fern, so fremd? Warum müssen wir davon reden, fast wie von einem schönen aber unmöglichen Traum? «Er ward traurig und ging davon, denn er hatte viele Güter.» Noch ist das Ich und das Mein zu stark. Noch ist die Angst zu groß, wir könnten es nicht vertragen, Gottes Gebote zu halten. Noch meinen wir: es geht nicht anders. Noch sind wir zu sehr zu Hause in dieser Welt.

Und nun wissen wir den Weg, der zum ewigen Leben führt: er heißt freier werden von dem, was mit Ich und Mein zusammenhängt, heiße es nun Geld oder Ehrgeiz oder Empfindlichkeit oder Nerven oder sonstwie. Solange du daran noch hängst, kannst du nicht erlöst werden, du magst «machen», was du willst. Sieh, da ist Gott, der allein gut ist. Er will nur das Wenige von dir, das doch so ungeheuer viel, das Alles ist. Er will, daß du ihn siehst, wie er |518 ist. Du weißt, wie er ist. Du kennst die Gebote. Tue die, so wirst du leben!

Amen.