Predigt: Matthäus 8,23-26
Wir stehen vor dem eidgenössischen Bettag. In frommem Sinn haben ihn unsere Vorfahren
eingeführt, daß an diesem Tage das
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ganze Volk dankbar und reuig und betend sich erinnern solle: Ein Höherer waltet über
dem
Das wird nun dies Jahr für die übergroße Mehrzahl unseres Volkes anders sein. Es wird
dies Jahr kaum jemand fragen, offen oder in der Stille: wozu der Bettag? wir
verstehen es alle ohne Weiteres, oder wir ahnen es doch. Wir haben nun seit sechs
Wochen ununterbrochen Bettag gehabt, ununterbrochen an alles das denken müssen, was
uns sonst dieser eine Sonntag nahelegen wollte: an das Wirken Gottes im Völkerleben,
an die Heiligkeit seiner Gebote, die für die Staaten gelten so gut wie für die
Einzelnen, an den Ernst und die Schwere der Gerichte, die wir uns zuziehen, wenn wir
uns von ihm loslassen, an die unerschütterliche Tatsache, daß auch unser liebes
Schweizervolk und
Ein Sturm ist über uns gekommen, wie dort über das Schifflein mit
den Jüngern Jesu. Heulend und pfeifend ist er auf einmal losgebrochen auf die stillen
Wasser, in denen sich die Sonne spiegelte. Gott weiß, aus welcher Wetterecke er
gekommen ist, wir sahen ihn nicht heraufziehen, er war auf einmal da. Finster ist der
Himmel und unsichtbar das Land. In unabsehbarer Folge, Schlag auf Schlag kommen die
Wogen daher, jede verderbendrohend, jede irgendwie verderbenbringend. Und wir sind
unterwegs, mitten drin, es ist kein Traum, es ist bittere Wahrheit. O wenn wir uns
retten könnten, wenn wir am sicheren Ufer wären! Aber da gibt es nun nichts Anderes,
die Wellen fragen uns nicht, ob sie uns gefallen, und ans Ufer gibt es keinen anderen
Weg als den mitten durch die Wellen hindurch. Wie wird es uns ergehen? So ist der Krieg über uns gekommen. Jäh und unerwartet sind die Völker aus
ihrer Ruhe aufgeschreckt worden. Zuerst zum Aufmerken gezwungen auf die Anzeichen des
heranziehenden, immer unvermeidlicheren Unheils. Dann der plötzliche Stillstand alles
bisherigen Lebens, die unerhörte Unterbrechung der Arbeit und der Freude, der
Kulturwerke und der Sünden der Friedenszeit, die jähe Angst: was wird nun werden? was
sollen wir essen, was sollen wir trinken [vgl.
Der Krieg war immer etwas Fürchterliches. Von manchem blutigen Schlachtfeld, von
unzähligen Verheerungen erzählt uns die Geschichte. Aber was war der Krieg für ein
gemütliches Treiben in alten Zeiten, dann und wann freilich unterbrochen von einem
Gemetzel, einer Greueltat. Heute ist er ein zusammenhängendes,
massenhaftes Morden geworden. Was will es besagen, wenn die Kriegsgebräuche
menschlicher geworden sind, der Krieg selber ist nur umso unmenschlicher, weil
gründlicher geworden. Die Kampfmittel sind größer und vollkommener geworden, und im
Verhältnis dazu ist die Leidenschaft auf beiden Seiten und das Leiden gewachsen. Und
was den Krieg heutzutage besonders unerträglich macht, das ist der Gegensatz, in dem
dieses gründlich überlegte Vernichten und Töten steht zu der Stufe von Civilisation,
die die europäischen Völker wenigstens äußerlich heute erreicht haben. Wenn rohe
Wilde mit Speer und Steinaxt über|472einander herfallen, so wundert uns das nicht allzusehr, aber was sollen wir sagen,
wenn wir unmittelbar hintereinander etwa das Bild unserer
Mit tiefem Schmerz sehen wir, wie jetzt auch gebildete christliche Leute auf beiden Seiten völlig die Besinnung und den Halt verlieren, sich hineinziehen lassen in den Wirbel des Kriegsrausches und nichts Höheres mehr zu kennen scheinen als die barbarische Losung: Haß, Kampf und Sieg. Da fliegen nun die Vorwürfe und Beschuldigungen hin und her, da wird nur der Wert des eigenen Volkes herausgestrichen und Gott als Gehilfe seiner Sache herbeigerufen, und so wunderselten lassen sie etwas verlauten von dem Tieferen, das allen Völkern gleicherweise fehlt und Allen gleicherweise Heil bringen würde. Das sind auch Opfer des Kriegs, wenngleich unblutige Opfer.
Und mit besonderer Teilnahme denken wir an all die Frauen und Kinder und Eltern, die
nun die Ihrigen haben hinausziehen sehen. Ach, wenn die Völker noch so verschieden
sind, noch so feindselig sich gegenüberstehen, dieses Bild ist jetzt doch überall das
gleiche, in
Was sollen wir an diesem Bettag bei Gott suchen? Das Nächstliegendste wird ja sein,
daß wir seufzen und schreien wie die Jünger im Schifflein auf dem
Und so mag dann auch am Bettag der Ruf: Herr, hilf uns, wir verderben! laut werden, hier jämmerlich und dort trotzig. Gott kennt seine mancherlei Kinder und weiß besser, wie es gemeint ist. Als der Anfang eines rechten Dankes an Gott und eines rechten Betens zu ihm mag dieser Ruf laut werden. Aber freilich nur als ein Anfang. Das darf nicht das Letzte sein. Wir dürfen nicht dabei bleiben wollen, Gott zu bitten, er möge unserer Not und der |476 Not der armen Welt ein Ende bereiten, oder uns darüber aufzuhalten, daß er es nicht schon lange getan hat. Wenn wir nichts haben als diesen Gedanken, dann müßten wir uns am Bettag wie die Jünger auf dem Meer von Jesus sagen lassen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Es ist auch eine Art Glaube, diese Art Gedanken, bei jenen damals und bei uns heute. Aber eben ein kleiner, ein heidnischer Glaube, ein Glaube, der eines Christen nicht würdig ist. Er hat keinen Halt und keine Tiefe. Er hat keinen Ernst und gibt keinen Trost und keine Kraft. Wir können das an uns selbst sehen. Es ist an jenem ersten Sonntag im August, der uns sicher allen in Erinnerung bleiben wird, Manches in die Kirche gekommen, um zu beten: Herr, hilf uns!, das in der Woche vorher ebenso schlotternd auf die Sparkasse und in den Spezereiladen gesprungen war, um für sein liebes Ich zu sorgen, obwohl es wußte, wie es damit der Allgemeinheit schadet. Paßt das zusammen, jenes Gebet und dieses selbstsüchtige Tun? Das war kleiner Glaube, Glaube ohne Ernst. Und wie würde es denen gehen, die nichts wüßten, als Gott anzujammern: Herr, hilf uns! oder ihn anzuklagen, daß er es so weit habe kommen lassen, wie wird es ihnen gehen, wenn nun eine wirkliche, ernsthafte Prüfung über sie hereinbrechen sollte? Wir sind durchaus noch nicht sicher davor. O, wie kraftlos würden die dann dastehen, die nur zu jammern oder zu reklamieren wüßten, kraftlos mit ihrem kleinen Glauben! Und wie werden es die Gleichen machen, wenn die Gefahr und das Unheil einmal vorbei sind, sodaß man wieder ruhig aufatmen und an etwas Anderes als an den Krieg ernsthaft denken kann? O mir ists, ich sehe und höre sie schon, und ich habe oft förmlich Angst vor dieser Zeit der Ruhe nach dem Sturm, wo sie dann wieder so sicher und zufrieden und selbstgefällig einhergehen und Alles ansehen und anstellen werden, genau wie sie es vorher getan. Ein kleiner Glaube, ein Furchtglaube, der keine Früchte trägt, ein Glaube, der sich nur ein klein wenig herauswagt aus den Niederungen, wenn das Unglück allzusehr auf die Finger brennt, um dann sofort, wenn er Ruhe hat, wieder zurückzuhupfen dahin, woher er gekommen ist. O wenn es doch |477 Wenige, Keine wären unter uns, die diesen Vorwurf: ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? verdienten! Wenn wirs doch alle merken würden in dieser Bettagszeit: das ist zu wenig, das genügt nicht, ich brauche mehr und Besseres, mit diesem kleinen Glauben komme ich nicht durch in Zeit und Ewigkeit. Wir dürfen damit anfangen. Wir dürfen dieses Gebet: Herr, hilf uns! beten gleichsam als ersten Schritt zu dem Gott hin, den wir vergessen hatten und der uns jetzt durch den Donner der Geschütze, durch das Seufzen von Tausenden von Sterbenden, durch die Tränen all der Verlassenen, durch all das millionenfache Unrecht und Unglück, das jetzt losgebrochen ist, in so schrecklicher Weise geweckt hat. Aber wir dürfen dabei nicht bleiben. Wir müssen um jeden Preis weiter, höher hinauf. Wir haben Gott noch nicht gefunden, wir haben das, was wir brauchen, noch nicht gefunden, wenn wir hier bleiben wollten.
Weiter? Wohin? Nun, was hätten denn die Jünger Jesu tun
sollen, statt bloß so aufgeregt zu jammern und aufzubegehren? Sie hätten daran denken
sollen, daß Jesus bei ihnen war. Wer glaubt, der fürchtet sich nicht. Wer Gottes
gewiß ist, der hat allem Unglück und aller Gefahr gegenüber eine ganz bestimmte
Haltung. Er kennt den, der der Herr ist über Alles, was geschieht, und er weiß aufs
klarste, was er von diesem Herrn zu erwarten hat. Er kennt ihn als den, der heilig
ist und gerecht, als den, der die Weisheit und die Liebe ist, und er weiß, daß dieser
Gott über Alles Meister werden muß und werden wird. Warum sollte er Angst haben vor
Wind und Wellen? Er hat viel Besseres zu tun. Er kann nur das eine Anliegen haben,
Gottes ganz gewiß zu bleiben, ihn ja nicht aus den Augen zu verlieren. Solange er ihn
kennt, solange er aus tiefstem Herzen zu ihm sagen kann: mein Vater!, solange ist ja
Alles gut; solange hat das schwerste Unglück und die größte Gefahr einfach keine
Macht über ihn. Er sieht sie wohl auch, er sieht sie mit klaren Augen, aber er sieht
sie gleichsam vom Standpunkte Gottes aus. Da unten, tief unten, Wind und Wellen auf
dem
Dieses Alles mußte so kommen — ja, es mußte. Und der Grund
dieses Müssens liegt viel tiefer als die Oberflächlichkeit meint. Die Ereignisse sind
viel zu ernst und zu groß, als daß man darüber
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politisieren sollte: der und der, die und die haben sie auf dem Gewissen. Sie haben
ihren tiefsten Grund in einer falschen Stellung zum Leben, die die europäischen
Völker seit Jahrhunderten eingenommen haben. Diese Völker — und wir alle, jeder
Einzelne von uns, gehören auch dazu — haben wohl vor Jahrtausenden das Evangelium
Jesu gehört, aber nur mit halbem Ohr. Sie haben für Jesus Kirchen gebaut und Pfarrer
angestellt und Anstalten gegründet und Missionare ausgesandt zu den armen Heiden,
aber das alles waren mehr Worte und äußerer Firnis, in Wirklichkeit waren sie selber
noch arme Heiden. Das Evangelium sagt: wirf Alles weg, um Gott ganz zu haben! Wir
europäischen Menschen sagten: wir wollen es gut haben. Das Evangelium sagt: Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst [
Und das Andere, was wir zu sehen bekommen, wenn wir jetzt mit Jesus vom Standpunkt Gottes in die Welt hinaussehen, das ist, daß das alles nicht so bleiben muß. Es muß so bleiben, wenn wir auf unseren eigenen Wegen bleiben wollen. Ihr Ende haben wir jetzt kennengelernt. Es wird anders werden, wenn wir wollen werden, was Gott will. Was Gott will, ist uns im Evangelium deutlich genug gesagt, im Evangelium Jesu nämlich, im reinen lauteren Evangelium des Neuen Testaments, nicht in dem verwässerten, getrübten, weltlichen Ding, das die verschiedenen Kirchen daraus gemacht haben. Da gilt nur die Liebe zu ihm, dem Vater, und darum kann es da keinen Götzendienst des Geldes und der Macht mehr geben. Da gilt nur die Selbstverleugnung, die auf der Wahrhaftigkeit beruht, und darum gibt es da keinen Rassenhochmut mehr und keinen Militarismus. Da gilt nur die Gesinnung, die mit den Brüdern Gemeinschaft sucht und Gemeinschaft pflegt in allen Dingen, und darum ist da das Ende der Konkurrenz und der Völkerkonflikte. Das will Gott. Das hat er uns deutlich genug gesagt. Das ist sein erlösendes Wort an die arme Menschheit, offenbar seit 2000 Jahren, lebendig unter uns in |481 Jesus Christus, dem Heiligen und Gerechten. Wenn wir wollen, was Gott will, dann gibt es keinen Krieg mehr. Dann hört das alles, was uns jetzt schreckt und ängstigt, sofort auf. Das ist die große Frage an uns in dieser Zeit, die Schicksalsfrage, die Gewissensfrage: ob wir nun zu diesem innerlichen Willen Gottes eine neue Stellung einnehmen, ob wir Ja sagen werden zu dem erlösenden Wort, das er uns so lange schon anbietet.
Wenn wir es tun, dann wird auch in uns in Erfüllung gehen, was die Jünger Jesu erlebten mit Sturm und Wellen: und es ward ganz stille. Es wird das alles in Ordnung kommen, was uns jetzt weh und angst macht. Wir wissen nicht, wann das geschehen wird. Es wird auch von uns abhängen. Gott wartet auf uns, ob wir ihn endlich verstehen wollen, dann gehen seine freundlichen Absichten mit uns in Erfüllung. Und so wollen wir ihm denn entgegengehen. Wollen, statt uns zu ängstigen, hören, was er uns zu sagen hat, annehmen das Geschenk seiner erlösenden Botschaft, die wir so lange überhört haben. Das soll der Sinn unserer diesjährigen Bettagsfeier sein. Auch der Abendmahlsfeier, zu der wir uns heute und nächsten Sonntag hier vereinigen. Wozu gehen wir denn zum Abendmahl? Doch zu nichts Anderem, als um uns Jesu Bild vor Augen zu halten, zu unserem Herzen es reden zu lassen. O wenn uns in Wahrheit eine solche Begegnung mit ihm geschenkt würde! Und Jesus stand auf …, lesen wir in unserer Geschichte. Wenn er einmal aufstehen wird in unseren Herzen, lebendige Gestalt annehmen wird in unserer Seele, dann wird der Sturm vorbei sein. Noch einmal: Gott wartet auf uns.