13. September 1914

Predigt: Matthäus 8,23-26

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Matthäus 8,23–26
Liebe Freunde!

Wir stehen vor dem eidgenössischen Bettag. In frommem Sinn haben ihn unsere Vorfahren eingeführt, daß an diesem Tage das |469 ganze Volk dankbar und reuig und betend sich erinnern solle: Ein Höherer waltet über dem Schweizerland, und seiner Hände Werk sind wir. Er ist wohl manches Jahr ohne allzuviel Ernst und Tiefe gefeiert worden, der Bettag. Man nahm ihn eben so hin als alten Brauch, den 3. Sonntag im September, man hörte eine Predigt über das Vaterland, über Gottes Vorsehung und unsere menschliche Torheit, man besuchte auch wohl das heilige Abendmahl, aber das alles war oft mehr äußerlich als innerlich. Wir hätten kaum ganz im Ernst sagen können, daß uns das ein Bedürfnis und eine Notwendigkeit war. Wir spürten es nicht so recht, daß das wirklich zusammengehört: Gott und das Vaterland, Jesus und unser Volk, das Evangelium und der rechte Schweizersinn. Wir dachten immer noch in einem Winkelchen unseres Herzens, daß eins vielleicht auch ohne das andere sein könnte, auch wenn wir pflichtschuldigst oder von einem gewissen Drang getrieben an diesem Tag zur Kirche gingen.

Das wird nun dies Jahr für die übergroße Mehrzahl unseres Volkes anders sein. Es wird dies Jahr kaum jemand fragen, offen oder in der Stille: wozu der Bettag? wir verstehen es alle ohne Weiteres, oder wir ahnen es doch. Wir haben nun seit sechs Wochen ununterbrochen Bettag gehabt, ununterbrochen an alles das denken müssen, was uns sonst dieser eine Sonntag nahelegen wollte: an das Wirken Gottes im Völkerleben, an die Heiligkeit seiner Gebote, die für die Staaten gelten so gut wie für die Einzelnen, an den Ernst und die Schwere der Gerichte, die wir uns zuziehen, wenn wir uns von ihm loslassen, an die unerschütterliche Tatsache, daß auch unser liebes Schweizervolk und Schweizerland nur durch Gerechtigkeit erhöht werden kann, die Sünde aber unser Verderben sein muß [vgl. Spr. 14,34]. Wie sollten wir es nicht sofort fühlen, was das bedeutet, wenn dies Jahr die Bettagsglocken uns zurufen werden: ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, ob auch der menschliche wanke … Der Donner der Kanonen an unseren Grenzen hat uns längst dasselbe gesagt, viel eindringlicher und deutlicher als alle Kirchenglocken. Aber wie wir in dieser ganzen ernsten Zeit nicht stehen bleiben wollen bei den |470 ersten oberflächlichen Gedanken und Gefühlserregungen, so wollen wir auch am Bettag vordringen zum Höchsten und zum Tiefsten, was er uns dies Jahr zu sagen hat. Hüten wir uns vor den bloß äußerlichen Gemütserschütterungen! Hüten wir uns vor allen bloßen Redensarten! Wir haben es mit dem lebendigen, heiligen und liebevollen Gott zu tun! Laßt uns darüber nachdenken, was wir am Bettag bei ihm suchen wollen und was bei ihm zu finden ist.

Ein Sturm ist über uns gekommen, wie dort über das Schifflein mit den Jüngern Jesu. Heulend und pfeifend ist er auf einmal losgebrochen auf die stillen Wasser, in denen sich die Sonne spiegelte. Gott weiß, aus welcher Wetterecke er gekommen ist, wir sahen ihn nicht heraufziehen, er war auf einmal da. Finster ist der Himmel und unsichtbar das Land. In unabsehbarer Folge, Schlag auf Schlag kommen die Wogen daher, jede verderbendrohend, jede irgendwie verderbenbringend. Und wir sind unterwegs, mitten drin, es ist kein Traum, es ist bittere Wahrheit. O wenn wir uns retten könnten, wenn wir am sicheren Ufer wären! Aber da gibt es nun nichts Anderes, die Wellen fragen uns nicht, ob sie uns gefallen, und ans Ufer gibt es keinen anderen Weg als den mitten durch die Wellen hindurch. Wie wird es uns ergehen? So ist der Krieg über uns gekommen. Jäh und unerwartet sind die Völker aus ihrer Ruhe aufgeschreckt worden. Zuerst zum Aufmerken gezwungen auf die Anzeichen des heranziehenden, immer unvermeidlicheren Unheils. Dann der plötzliche Stillstand alles bisherigen Lebens, die unerhörte Unterbrechung der Arbeit und der Freude, der Kulturwerke und der Sünden der Friedenszeit, die jähe Angst: was wird nun werden? was sollen wir essen, was sollen wir trinken [vgl. Mt. 6,25]? Und dann der Auszug all der Millionen, diese ungeheuren Menschenbewegungen, die nun alle endigen müssen mit Zusammenstößen und immer neuen Zusammenstößen, nach denen jedesmal Tausende und Abertausende von Leichen die Felder bedecken. Und hinter den Kämpfenden immer neue Armeen, die der Schlacht entgegengeführt werden. Und hinter den Armeen andere Millionen, die |471 den Ereignissen da vorne mit einer Spannung folgen, die jedes andere Interesse ausschließt. So wogt nun Welle um Welle dahin. Wer wollte ausmachen, wer den Sturm entfesselt hat? Alle Anklagen gegen einzelne Persönlichkeiten und Völker sind albernes Geschwätz vor Gott. Solche Katastrophen werden nicht von heute auf morgen gemacht, und die Schuld daran liegt tiefer, als daß man sie diesem oder jenem eilfertig zuschieben könnte. Wer von all den Millionen, die jetzt in den Krieg geführt werden oder ihn von Weitem mit ihren Gedanken begleiten, wer könnte auch nur sagen, wofür eigentlich gekämpft wird? «Für das Vaterland» würden sie antworten in allen Sprachen, aber warum das Vaterland anderer Leute Vaterland bekämpfen müsse, das wüßten wieder die Allermeisten nicht zu sagen, und niemand könnte einen eigentlich befriedigenden Grund angeben. Was wissen die Wassertropfen, die vom Winde zur Welle geformt werden? Was weiß die Luft, die unter dem Druck der Atmosphäre zum Wind, zum Sturm wird? Was wissen die Wolken, die Blitz und Donner erzeugen, die sich zu Regen und Hagel verdichten müssen? Sie alle müssen. Und so mußte jetzt Krieg sein. Wir wissen nur, daß er da ist. Und daß er schrecklich, scheußlich ist.

Der Krieg war immer etwas Fürchterliches. Von manchem blutigen Schlachtfeld, von unzähligen Verheerungen erzählt uns die Geschichte. Aber was war der Krieg für ein gemütliches Treiben in alten Zeiten, dann und wann freilich unterbrochen von einem Gemetzel, einer Greueltat. Heute ist er ein zusammenhängendes, massenhaftes Morden geworden. Was will es besagen, wenn die Kriegsgebräuche menschlicher geworden sind, der Krieg selber ist nur umso unmenschlicher, weil gründlicher geworden. Die Kampfmittel sind größer und vollkommener geworden, und im Verhältnis dazu ist die Leidenschaft auf beiden Seiten und das Leiden gewachsen. Und was den Krieg heutzutage besonders unerträglich macht, das ist der Gegensatz, in dem dieses gründlich überlegte Vernichten und Töten steht zu der Stufe von Civilisation, die die europäischen Völker wenigstens äußerlich heute erreicht haben. Wenn rohe Wilde mit Speer und Steinaxt über|472einander herfallen, so wundert uns das nicht allzusehr, aber was sollen wir sagen, wenn wir unmittelbar hintereinander etwa das Bild unserer Landesausstellung2 und die nächtlichen Blutbäder von Mülhausen3 und Löwen4 uns in Gedanken vor Augen stellen? Das soll Beides die europäische Menschheit sein? Und es soll wahr sein: sie will das Beides sein: die Blüte des geistigen und materiellen Fortschritts und eine Bande von Raubtieren, die sich um einer Wahnidee von Rasse und Macht willen gegenseitig anfällt und umbringt? Muß dieser fürchterliche Widerspruch Einen nicht irremachen an Allem, was die Menschen seit Jahrhunderten geglaubt und geleistet haben? Ich habe in diesen Wochen mehr als Einen sagen hören, er möchte am liebsten keine Zeitung mehr anrühren, so niederdrückend sei das alles, wovon ihre Spalten jetzt voll sind. Und wenn wir, die wir vorläufig noch nebenaus stehen, von diesen Vorgängen bis ins Innerste erschüttert sind, uns in eine andere Welt, eine Welt des Schreckens versetzt fühlen, wie muß es erst denen zu Mute sein, die direkt an diesen Vorgängen teilnehmen oder davon betroffen sind! Was geht jetzt vor in all den Seelen der Soldaten, die mitten aus ihrer friedlichen Beschäftigung herausgerissen worden sind, um zu kämpfen, zu töten, zu zerstören? Was spielen sich jetzt für Leidensszenen ab auf den endlosen Schlachtfeldern, in den Lazaretten? Was für Ausbrüche von Wut und Gemeinheit! Ich denke an das, was in Belgien vorgegangen ist und vorgeht, diese verzweifelte hinterlistige Gegenwehr der Einwohner gegen die Eindringlinge, die ihr neutrales Land überfallen haben, diese |473 erbitterte Rache, die die Deutschen dann wieder nehmen. Wer hat da Recht und wer Unrecht? Es ist töricht, darüber zu studieren, man kann nur sagen: Entsetzlich, daß Menschen dahin kommen können, so aneinander zu handeln, aber das ist der Krieg. Wieviele Menschenleben werden jetzt plötzlich willkürlich zerstört mitten in ihrer Entwicklung! Was mag alles geschlummert haben von ungebrauchten Kräften, ungelösten Aufgaben, ungesühnter Schuld und unerlösten Gewissen in all den Seelen, die nun auf einmal in die Ewigkeit gerufen werden! Nichts mehr von Allem, was da nach Entfaltung drängte, was da seine Erfüllung finden sollte in einem tätigen Leben, vielleicht in einem besseren Leben, als der Anfang gewesen war. Nichts mehr davon. Das Ende ist ein Massengrab in fremdem Land. Gott ist gnädig, aber warum dürfen die Menschen einander das antun?

Mit tiefem Schmerz sehen wir, wie jetzt auch gebildete christliche Leute auf beiden Seiten völlig die Besinnung und den Halt verlieren, sich hineinziehen lassen in den Wirbel des Kriegsrausches und nichts Höheres mehr zu kennen scheinen als die barbarische Losung: Haß, Kampf und Sieg. Da fliegen nun die Vorwürfe und Beschuldigungen hin und her, da wird nur der Wert des eigenen Volkes herausgestrichen und Gott als Gehilfe seiner Sache herbeigerufen, und so wunderselten lassen sie etwas verlauten von dem Tieferen, das allen Völkern gleicherweise fehlt und Allen gleicherweise Heil bringen würde. Das sind auch Opfer des Kriegs, wenngleich unblutige Opfer.

Und mit besonderer Teilnahme denken wir an all die Frauen und Kinder und Eltern, die nun die Ihrigen haben hinausziehen sehen. Ach, wenn die Völker noch so verschieden sind, noch so feindselig sich gegenüberstehen, dieses Bild ist jetzt doch überall das gleiche, in Deutschland, in Frankreich, in Österreich, in Rußland — das Bild der Zurückgebliebenen, die nun so furchtbar bange Zeiten durchmachen müssen, gierig nach jedem Lebenszeichen von ihren Lieben da draußen vor dem Feind, und bei jeder Post gewärtig, eine Todesnachricht zu empfangen. Was für ein Meer von Jammer schon jetzt in allen diesen Ländern, in |474 den Städten und auf den Dörfern, auf den Bergen und am Meer! Sollte nicht schon dieses Eine, dieses unnennbare Leid der Witwen und Waisen die Völker innehalten lassen in ihrem Tun? Wird es dadurch leichter gemacht, daß man nicht sagt: «tot» sondern: «gefallen für König und Vaterland»? Wann werden die Menschen aufwachen und Menschen werden? Noch denken sie nicht daran, noch geht das alles blindlings weiter, das Töten, das Sterben, die Verzweiflung, die Not, der Haß, das frühzeitig gebrochene Leben, die tolle Kriegsbegeisterung, die gotteslästerlichen Gebete, die Flut von Tränen derer, denen ihre Liebsten geraubt werden. Noch geht das alles weiter, Unrecht türmt sich auf Unrecht, Leid auf Leid, und menschlich gesprochen müssen wir sagen, daß das alles nur ein Anfang ist. Wie wird es weitergehen? Was wird das Ende sein? Ist überhaupt ein Ende möglich bei den ungeheuren Kräften, die hüben und drüben im Spiele sind? Unsere Gedanken kommen ins Irren, wenn sie in die Zukunft schweifen wollen. Weniger als je wissen wir, was der morgende Tag uns bringen wird. — Das ist der Sturm, der über uns gekommen ist, und mitten in diesem Sturm sollen wir diesmal Bettag feiern.

Was sollen wir an diesem Bettag bei Gott suchen? Das Nächstliegendste wird ja sein, daß wir seufzen und schreien wie die Jünger im Schifflein auf dem See Genezareth: Herr hilf uns, wir verderben! Unwillkürlich wandern in einer solchen Zeit der Angst und des Schreckens unsere Gedanken zu Gott hin mit der Bitte: Hilf uns! Unzählige, die sich sonst wenig um ihn gekümmert oder die ihn wohl mit den Lippen und mit den Sonntagskleidern und mit ein paar weichen Gefühlen, aber nicht mit dem Herzen und mit der Tat gekannt haben, Unzählige haben sich auf einmal seiner wieder erinnert. Trotzig sind die Einen vor ihn getreten mit der Frage: bist du ein Gott der Liebe, warum lässest du das alles zu? Und in ihrer Seelenangst sind die Anderen in die Kirchen gelaufen mit der Bitte: du wirst doch das Schrecklichste nicht auch über uns kommen lassen! Es werden auch am Bettag viele solche Gedanken und Gebete zum Himmel emporsteigen. Was sollen wir dazu sagen? Es haben ja noch alle ernsten aufrichtigen |475 Christen so gedacht und gebetet, denken und beten noch so. Dieser Ruf: Herr, hilf uns, wir verderben! ist die erste natürliche Regung des Menschenherzens in solcher Lage. Wir alle, auch die Ernsteren und Aufrichtigeren, nicht nur die, die erst jetzt, bei dieser Gelegenheit, ihr Christentum wieder hervorholten wie ein altes brauchbares Werkzeug für den Fall, daß es ganz schlimm kommen sollte, wir alle waren doch oft mit unseren Gedanken und unserem ganzen Wesen sehr weit weg von Gott. Wir ehrten und respektierten ihn, aber wir machten es alle im Grunde ein wenig ohne ihn, ohne es zu merken. Wir fühlten uns so sicher. Wir waren so zufrieden mit uns selbst und unserer Lage. Jetzt wurden wir auf einmal aufgerüttelt, jetzt spürten wir auf einmal: wie schwach und abhängig sind wir doch! wie nichtig, wie verbrecherisch unser menschliches Wesen!, jetzt sahen wir uns auf einmal am Rande eines Abgrunds. Und nun rufen wir auf einmal wieder: O Herr Gott, hilf! Recht wie die Kinder: Nachdem wir lange geschlafen haben und unsanft geweckt worden sind, meinen wir den lieben Gott wecken zu müssen, daß er Alles wieder in Ordnung bringe. Es ist gut, daß Gott größer ist als wir, daß er uns nicht Alles übelnimmt, was er uns übelnehmen könnte. Jesus hat es ja seinen Jüngern auch nicht übelgenommen, als sie ihn so ängstlich weckten. Gott hört auch solche ängstlichen und verworrenen Gebete, so jämmerlich und selbstsüchtig sie oft sind. Vor ihm ist nichts verloren, was aus einem Menschenherzen hilflos den Weg zu ihm sucht. Gott hört auch die, die jetzt zornig reklamieren: Wo bleibt nun Gott, wenn solches geschehen darf? Das kann ja auch eine Art Gebet sein, wenngleich ein ziemlich trotziges. Gott nimmt auch das nicht übel.

Und so mag dann auch am Bettag der Ruf: Herr, hilf uns, wir verderben! laut werden, hier jämmerlich und dort trotzig. Gott kennt seine mancherlei Kinder und weiß besser, wie es gemeint ist. Als der Anfang eines rechten Dankes an Gott und eines rechten Betens zu ihm mag dieser Ruf laut werden. Aber freilich nur als ein Anfang. Das darf nicht das Letzte sein. Wir dürfen nicht dabei bleiben wollen, Gott zu bitten, er möge unserer Not und der |476 Not der armen Welt ein Ende bereiten, oder uns darüber aufzuhalten, daß er es nicht schon lange getan hat. Wenn wir nichts haben als diesen Gedanken, dann müßten wir uns am Bettag wie die Jünger auf dem Meer von Jesus sagen lassen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Es ist auch eine Art Glaube, diese Art Gedanken, bei jenen damals und bei uns heute. Aber eben ein kleiner, ein heidnischer Glaube, ein Glaube, der eines Christen nicht würdig ist. Er hat keinen Halt und keine Tiefe. Er hat keinen Ernst und gibt keinen Trost und keine Kraft. Wir können das an uns selbst sehen. Es ist an jenem ersten Sonntag im August, der uns sicher allen in Erinnerung bleiben wird, Manches in die Kirche gekommen, um zu beten: Herr, hilf uns!, das in der Woche vorher ebenso schlotternd auf die Sparkasse und in den Spezereiladen gesprungen war, um für sein liebes Ich zu sorgen, obwohl es wußte, wie es damit der Allgemeinheit schadet. Paßt das zusammen, jenes Gebet und dieses selbstsüchtige Tun? Das war kleiner Glaube, Glaube ohne Ernst. Und wie würde es denen gehen, die nichts wüßten, als Gott anzujammern: Herr, hilf uns! oder ihn anzuklagen, daß er es so weit habe kommen lassen, wie wird es ihnen gehen, wenn nun eine wirkliche, ernsthafte Prüfung über sie hereinbrechen sollte? Wir sind durchaus noch nicht sicher davor. O, wie kraftlos würden die dann dastehen, die nur zu jammern oder zu reklamieren wüßten, kraftlos mit ihrem kleinen Glauben! Und wie werden es die Gleichen machen, wenn die Gefahr und das Unheil einmal vorbei sind, sodaß man wieder ruhig aufatmen und an etwas Anderes als an den Krieg ernsthaft denken kann? O mir ists, ich sehe und höre sie schon, und ich habe oft förmlich Angst vor dieser Zeit der Ruhe nach dem Sturm, wo sie dann wieder so sicher und zufrieden und selbstgefällig einhergehen und Alles ansehen und anstellen werden, genau wie sie es vorher getan. Ein kleiner Glaube, ein Furchtglaube, der keine Früchte trägt, ein Glaube, der sich nur ein klein wenig herauswagt aus den Niederungen, wenn das Unglück allzusehr auf die Finger brennt, um dann sofort, wenn er Ruhe hat, wieder zurückzuhupfen dahin, woher er gekommen ist. O wenn es doch |477 Wenige, Keine wären unter uns, die diesen Vorwurf: ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? verdienten! Wenn wirs doch alle merken würden in dieser Bettagszeit: das ist zu wenig, das genügt nicht, ich brauche mehr und Besseres, mit diesem kleinen Glauben komme ich nicht durch in Zeit und Ewigkeit. Wir dürfen damit anfangen. Wir dürfen dieses Gebet: Herr, hilf uns! beten gleichsam als ersten Schritt zu dem Gott hin, den wir vergessen hatten und der uns jetzt durch den Donner der Geschütze, durch das Seufzen von Tausenden von Sterbenden, durch die Tränen all der Verlassenen, durch all das millionenfache Unrecht und Unglück, das jetzt losgebrochen ist, in so schrecklicher Weise geweckt hat. Aber wir dürfen dabei nicht bleiben. Wir müssen um jeden Preis weiter, höher hinauf. Wir haben Gott noch nicht gefunden, wir haben das, was wir brauchen, noch nicht gefunden, wenn wir hier bleiben wollten.

Weiter? Wohin? Nun, was hätten denn die Jünger Jesu tun sollen, statt bloß so aufgeregt zu jammern und aufzubegehren? Sie hätten daran denken sollen, daß Jesus bei ihnen war. Wer glaubt, der fürchtet sich nicht. Wer Gottes gewiß ist, der hat allem Unglück und aller Gefahr gegenüber eine ganz bestimmte Haltung. Er kennt den, der der Herr ist über Alles, was geschieht, und er weiß aufs klarste, was er von diesem Herrn zu erwarten hat. Er kennt ihn als den, der heilig ist und gerecht, als den, der die Weisheit und die Liebe ist, und er weiß, daß dieser Gott über Alles Meister werden muß und werden wird. Warum sollte er Angst haben vor Wind und Wellen? Er hat viel Besseres zu tun. Er kann nur das eine Anliegen haben, Gottes ganz gewiß zu bleiben, ihn ja nicht aus den Augen zu verlieren. Solange er ihn kennt, solange er aus tiefstem Herzen zu ihm sagen kann: mein Vater!, solange ist ja Alles gut; solange hat das schwerste Unglück und die größte Gefahr einfach keine Macht über ihn. Er sieht sie wohl auch, er sieht sie mit klaren Augen, aber er sieht sie gleichsam vom Standpunkte Gottes aus. Da unten, tief unten, Wind und Wellen auf dem See Genezareth. Was haben sie zu bedeuten vor Gott? Wie wenig braucht es, um sie zur Ruhe zu bringen, wenn |478 es sein Wille ist. Und es ist ja sein Wille. Es ist doch ganz unmöglich, daß Jesus mitten in seinem Werk im See Genezareth endigt, und seine Getreuen auch nicht. Das kann nicht das Ende sein. Da heißt es: hindurch! Gerudert und auf Gott gewartet! Aber nicht gejammert und geklagt. So hätte Jesus seine Freunde haben wollen. So hätten sie sein sollen. So hätten sie sein müssen, wenn sie an ihn gedacht hätten. Und um ihnen zu zeigen, wie sie hätten sein müssen, tat er das Erstaunliche: er stand auf und bedräute den Wind und das Meer, da ward es ganz stille. Das ist für uns erstaunlich, auch für die Jünger war es erstaunlich, für Jesus war es das Selbstverständliche, das Natürliche. Jesus war mit dem Willen Gottes ganz einig geworden, er nannte ihn seinen Vater im tiefsten, wahrhaftigsten Sinn, er dachte über Alles, auch über die Gefahr und das Unheil so, wie Gott darüber denkt, darum konnte er jetzt auch handeln dagegen, wie Gott handelt, er konnte darüber Meister werden. Meine Freunde, seht, dahin müssen wir «weiter» von unseren kleingläubigen kümmerlichen Gebetsanfängen aus — dahin, wo Jesus steht, zu Jesus selber. Das müssen wir suchen bei Gott, daß wir seiner gewiß werden, daß wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht — das müssen wir suchen in dieser ernsten Bettagszeit, dann wird es auch für uns ganz natürlich und selbstverständlich, daß wir in diesem gegenwärtigen Sturm nicht umkommen, sondern sicher durch die Wellen fahren unserem bestimmten Ziel entgegen. O meine Freunde, daß uns doch das jetzt geschehen würde, daß Jesus aufstände vor unseren Augen und groß würde in unseren Herzen und in unserem Leben! Dann könnten wir jetzt auch so klar und zuversichtlich vom Standpunkte Gottes aus auf das kriegsdurchwühlte, von Blut und Tränen benetzte Europa und auf unsere kleine Schweiz mittendrin herniederblicken. Wir wüßten dann: durch dieses alles führt ein Weg hindurch, und diesen Weg würden wir gehen, weil Gott mit uns geht.

Dieses Alles mußte so kommen — ja, es mußte. Und der Grund dieses Müssens liegt viel tiefer als die Oberflächlichkeit meint. Die Ereignisse sind viel zu ernst und zu groß, als daß man darüber |479 politisieren sollte: der und der, die und die haben sie auf dem Gewissen. Sie haben ihren tiefsten Grund in einer falschen Stellung zum Leben, die die europäischen Völker seit Jahrhunderten eingenommen haben. Diese Völker — und wir alle, jeder Einzelne von uns, gehören auch dazu — haben wohl vor Jahrtausenden das Evangelium Jesu gehört, aber nur mit halbem Ohr. Sie haben für Jesus Kirchen gebaut und Pfarrer angestellt und Anstalten gegründet und Missionare ausgesandt zu den armen Heiden, aber das alles waren mehr Worte und äußerer Firnis, in Wirklichkeit waren sie selber noch arme Heiden. Das Evangelium sagt: wirf Alles weg, um Gott ganz zu haben! Wir europäischen Menschen sagten: wir wollen es gut haben. Das Evangelium sagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst [Mt. 22,39]! Wir setzten das Geld an die Stelle des Nächsten. Das Evangelium sagt: wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst [Mt. 16,24], wir sagten: in dieser Welt gilt das Evangelium der Macht und der schrankenlosen Konkurrenz. Das Evangelium sagt: Ihr seid alle Brüder! Wir sagten: Jeder ist sich selbst der Nächste. Das Evangelium sagt: das Reich Gottes kommt, wartet darauf und bereitet euch vor, hineinzugehen. Wir antworteten, indem wir Weltreiche aufrichteten, die eins wie das andere auf List und Gewalt, auf Kanonen und Bajonetten gegründet waren. Wenig Widerspruch ist dagegen laut geworden. Wer ihn zu erheben wagte, mußte sich als Schwärmer und Aufrührer verlachen lassen. Die wirklichen Jünger Jesu standen wie Toren und Narren da vor dieser Welt, die so ganz anders war als das, was sie glaubten und hofften. Auch die Pfarrer, die Christen, die Kirchenleute wußten nichts Anderes, wollten vielfach nichts Anderes hören, waren manchmal genug die Allerängstlichsten: nur nicht mit dem Finger gerührt an alles das, was nun einmal so ist; es war ihnen ganz selbstverständlich, daß man von Allem, was das Evangelium sagt, so ziemlich genau das Gegenteil tue. Nun ist diese Katastrophe gekommen! Können wir uns verwundern darüber, daß sie kommen mußte? Ist es nicht töricht, nun zu jammern: Herr, hilf uns, wir verderben!? Ist es nicht noch viel törichter zu klagen: wo bleibt Gott bei dem Allen, der ein |480 Gott der Liebe sein will? Ja, er ist der Gott der Liebe, wohl uns, wenn wir es wenigstens noch wissen! Aber wo blieben wir, mit unserem Glauben an diesen Gott der Liebe, mit dem Gehorsam, den wir ihm schuldig waren? Das ist das Ende unserer Wege, was jetzt da draußen geschieht, das Ende unserer Wege, die am Evangelium vorbei auf krummen Wegen darum herum führten. Das Heidentum, dem wir heimlich anhingen, während wir Christen hießen, ist jetzt auch äußerlich hervorgebrochen, so furchtbar wie vielleicht noch nie, und es konnte nicht anders sein, es mußte in Wahnsinn und Leid, in Mord und Tod hervorbrechen. Was hat uns das zu sagen? Daß kein Gott ist? Nein, daß ein Gott lebt, der heilig und gerecht ist, der seiner nicht spotten läßt [vgl. Gal. 6,7]. «Gottes Zorn wird offenbar vom Himmel her, wird offenbar über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten» [Röm. 1,18]. Das alles mußte so kommen!

Und das Andere, was wir zu sehen bekommen, wenn wir jetzt mit Jesus vom Standpunkt Gottes in die Welt hinaussehen, das ist, daß das alles nicht so bleiben muß. Es muß so bleiben, wenn wir auf unseren eigenen Wegen bleiben wollen. Ihr Ende haben wir jetzt kennengelernt. Es wird anders werden, wenn wir wollen werden, was Gott will. Was Gott will, ist uns im Evangelium deutlich genug gesagt, im Evangelium Jesu nämlich, im reinen lauteren Evangelium des Neuen Testaments, nicht in dem verwässerten, getrübten, weltlichen Ding, das die verschiedenen Kirchen daraus gemacht haben. Da gilt nur die Liebe zu ihm, dem Vater, und darum kann es da keinen Götzendienst des Geldes und der Macht mehr geben. Da gilt nur die Selbstverleugnung, die auf der Wahrhaftigkeit beruht, und darum gibt es da keinen Rassenhochmut mehr und keinen Militarismus. Da gilt nur die Gesinnung, die mit den Brüdern Gemeinschaft sucht und Gemeinschaft pflegt in allen Dingen, und darum ist da das Ende der Konkurrenz und der Völkerkonflikte. Das will Gott. Das hat er uns deutlich genug gesagt. Das ist sein erlösendes Wort an die arme Menschheit, offenbar seit 2000 Jahren, lebendig unter uns in |481 Jesus Christus, dem Heiligen und Gerechten. Wenn wir wollen, was Gott will, dann gibt es keinen Krieg mehr. Dann hört das alles, was uns jetzt schreckt und ängstigt, sofort auf. Das ist die große Frage an uns in dieser Zeit, die Schicksalsfrage, die Gewissensfrage: ob wir nun zu diesem innerlichen Willen Gottes eine neue Stellung einnehmen, ob wir Ja sagen werden zu dem erlösenden Wort, das er uns so lange schon anbietet.

Wenn wir es tun, dann wird auch in uns in Erfüllung gehen, was die Jünger Jesu erlebten mit Sturm und Wellen: und es ward ganz stille. Es wird das alles in Ordnung kommen, was uns jetzt weh und angst macht. Wir wissen nicht, wann das geschehen wird. Es wird auch von uns abhängen. Gott wartet auf uns, ob wir ihn endlich verstehen wollen, dann gehen seine freundlichen Absichten mit uns in Erfüllung. Und so wollen wir ihm denn entgegengehen. Wollen, statt uns zu ängstigen, hören, was er uns zu sagen hat, annehmen das Geschenk seiner erlösenden Botschaft, die wir so lange überhört haben. Das soll der Sinn unserer diesjährigen Bettagsfeier sein. Auch der Abendmahlsfeier, zu der wir uns heute und nächsten Sonntag hier vereinigen. Wozu gehen wir denn zum Abendmahl? Doch zu nichts Anderem, als um uns Jesu Bild vor Augen zu halten, zu unserem Herzen es reden zu lassen. O wenn uns in Wahrheit eine solche Begegnung mit ihm geschenkt würde! Und Jesus stand auf …, lesen wir in unserer Geschichte. Wenn er einmal aufstehen wird in unseren Herzen, lebendige Gestalt annehmen wird in unserer Seele, dann wird der Sturm vorbei sein. Noch einmal: Gott wartet auf uns.

Amen.

Sachfußnoten

1
Mit Bleistift von Barth hinzugefügt: Kölliken 16. Sept. ↩
2
Vgl. Predigt 224 vom 7. Juni 1914, S. 287ff. ↩
3
Schlacht bei Mülhausen/Elsaß am 19. August 1914. Zunächst war den Franzosen unter dem Beifall der Bevölkerung die Einnahme der Stadt im Handstreich gelungen. Bei der Rückgewinnung der Stadt nahmen die Deutschen empfindliche Rache.↩
4
Löwen wurde fälschlich der Teilnahme an Franktireur-Überfällen beschuldigt, beschossen und teilweise eingeäschert (14. August 1914). Vgl. dazu P. Natorp, «Löwen. Brief an einen holländischen Theologen», in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 861f. 📖, und Barths kritische Äußerung über diese Stellungnahme Natorps in der Predigt 242 vom 18. Oktober 1914 bei Anm. 7. ↩