<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-5047">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 8,38-39</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 8,38-39, 18. Oktober 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5047 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 518–532.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5047</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 8,38-39</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 518-532</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">47</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 242</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 8,38-39, 18. Oktober 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1682">KBA 1220</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1914-10-18">18. Oktober 1914</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:36+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:36+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p518" ed="pga"/>
        <div type="opener">
        <head>
                        <idno>242</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-10-18">18. Oktober 1914</date><note xml:id="n01">Als Lieder, die in dem Gottesdienst gesungen wurden, sind auf
                     dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> notiert: 
                     <bibl corresp="kbga-songs-104" type="song">
                                Nr. 225: «Ist Gott für mich, so trete …» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>
                        (1607–1676), Strophen 1,8,9 (EKG 250, Strophen 1,12,13)</bibl>; 
                        <bibl corresp="kbga-songs-22" type="song">
                                Nr. 31 (EKG 209): «Ach bleib mit deiner Gnade …» von
                     <persName ref="kbga-actors-1409">J. Stegmann</persName> (1588–1632), Strophen 1,2,3,6.</bibl>
                        </note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.38 Röm.8.39">Römer 8,38–39</ref>
              <quote>Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch
                        Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch
                        keine andere Kreatur uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in
                        Christo Jesu ist, unserem Herrn.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wir haben hier noch wenig oder gar nicht geredet von den <hi rend="italic">großen und
                  schönen Eigenschaften</hi> und Fähigkeiten, die der Krieg bei den Menschen zu Tage
               gefördert hat. Aus gutem Grunde. In den Zeitungsnachrichten, besonders in denen, die
               aus dem Ausland kommen, war ja genug zu lesen von der Vaterlandsliebe, der
               Tapferkeit, dem Opfersinn der Soldaten der Völker, die an diesem Krieg beteiligt
               sind. Ich hätte beim besten Willen nicht in diesen Ton einstimmen können und kann es
               auch jetzt nicht. Wir haben Wichtigeres zu tun als Schweizer und als Christen, als
               die Kriegsbegeisterung und die Kriegstaten der gegenwärtigen Menschheit rund um uns
               her zu bewundern, so groß und bewundernswert sie immer sein mögen. Für uns kommt es
               darauf an, uns immer tiefer davon durchdringen zu lassen, daß der Krieg und Alles,
               was damit zusammenhängt, ein namenloses Unrecht und ein jammervolles Unglück ist in
               jeder Beziehung, daß das wilde Tier im Menschen
               <pb xml:id="p519" ed="pga"/>
                jetzt losgelassen ist und zum Entsetzen und zur Schmach des Menschen die
               fürchterlichsten Zerstörungen anrichten darf. Diese klare Erkenntnis, die uns durch
               unser Gewissen und durch das Evangelium Jesu zur Pflicht gemacht wird, muß der feste
               Boden sein, auf dem wir unerschütterlich stehen in dieser bewegten Zeit, wenn wir
               nämlich vernehmen wollen, was Gott uns zu sagen hat in dieser Zeit und was er von uns
               fordert. Aber ich glaube, diese Erkenntnis: Krieg ist Sünde und Schuld und Strafe —
               und der Wille, der zu dieser Erkenntnis gehört, dem Kriege und Allem, was zum Kriege
               gehört, den Krieg zu erklären in tiefster Seele im Gehorsam gegen den Gott des
               Friedens und der Liebe — diese Erkenntnis und dieser Wille kann nur noch klarer und
               fester werden, wenn wir es einmal ruhig zugestehen: ja, der Krieg hat tatsächlich
               auch seine Ehre, er ist tatsächlich durchaus nicht nur eine Nacht von Gemeinheit und
               Elend. An Millionen unserer Mitmenschen, in gewissem Sinn bei ganzen Völkern, sehen
               wir jetzt edle, reine, starke Charakterzüge, wo vorher gar nichts zu sehen war.</p>
        <p>Der Krieg ist ein großer <hi rend="italic">Zauberer</hi>. Sie aßen, sie tranken, sie
               freiten und ließen sich freien [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.24.38">Mt. 24,38</ref>], und nun sind sie auf einmal Menschen geworden mit ganz bestimmten
               guten Eigenschaften, die wir ganz zweifellos als solche anerkennen müssen, wenn wir
               nicht sehr beschränkt und hochmütig urteilen wollen. Wertvolle Edelsteine, die lange
               verborgen waren unter dem Staub und Schmutz des Alltags, haben auf einmal zu leuchten
               begonnen. Menschen, die träumerisch und gleichgültig und stumpf ihres Weges gingen,
               sind erwacht, und das Beste, was in ihnen war, ist an den Tag gekommen. Ein
               Heldenzeitalter ist angebrochen, eine Zeit großer Dinge nach langen Jahrzehnten
               dumpfer Kleinlichkeit. Und darum sehen wir dann auch die Völker alle, trotz all der
               Tränen, die vergossen werden, in einer sonntäglichen gehobenen <hi rend="italic">Stimmung;</hi> kein Mensch dürfte darum z. B. in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> sagen: diese Zeit sei
               eine dunkle Zeit, ihre Ereignisse ein Gottesgericht. Nein doch, sie freuen sich über
               diese Ereignisse, sie reden von heiligen Erlebnissen, sie fühlen sich durchaus nicht
               im Zwiespalt,
               <pb xml:id="p520" ed="pga"/>
                sondern im höchsten Einklang mit dem Willen Gottes, sie beten nicht: vergib uns
               unsere Schulden! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.12">Mt. 6,12</ref>],
               sondern sie sagen: der alte Gott lebt noch!<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-songs-199" type="song">
                                <persName ref="kbga-actors-871">E. M. Arndt</persName> (1769–1860), «Trostlied» (1813)</bibl>; darin: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Der alte Gott, der lebet noch!</l>
                                    <l xml:space="preserve">Was willst du, Herz, verzagen?</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> und danken ihm dafür, daß sie jetzt leben dürfen. Und ähnlich empfinden die
               Franzosen, die Engländer, die Österreicher. Eine <hi rend="italic">Begeisterung</hi> ist
               in all diesen Völkern entstanden, die keine Heuchelei, sondern etwas durchaus Echtes
               ist, das wir anerkennen müssen. Die äußerlichen, materiellen, privaten Interessen
               haben weithin großen allgemeinen Gedanken und Idealen Platz gemacht, das ist für mich
               das Größte an diesem Völkererwachen. Wie ein Mann zieht ganz <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> in den Kampf
               mit der heiligen Überzeugung, nun gelte es das Werk der großen völkerbefreienden
               Revolution zu vollenden durch den Sturz der deutschen Militärherrschaft, unter der
               <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> bis jetzt seufzte. An seine Seite tritt <orgName ref="kbga-actors-8605">England</orgName> mit derselben Absicht: die
               Menschheit soll los werden von der Furcht vor der deutschen Gefahr, die kleinen
               Völker geschützt vor der Willkür großer Nachbarn. Wir sehen den Belgier mit dem Mut
               der Verzweiflung verteidigen, was ihm von seinem Vaterland noch geblieben ist. Von
               <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> hören wir am meisten, und am deutlichsten spüren wir dort jene
               Begeisterung, der dieser Krieg eine heilige Sache ist. Wir verteidigen die heiligsten
               Güter der Menschheit gegen den räuberischen Überfall roher Barbaren. Man haßt uns,
               weil man uns beneidet, und man beneidet uns, weil wir stark sind. Gott will aber, daß
               wir stark seien, und wird darum mit uns sein. Und <orgName ref="kbga-actors-8732">Rußland</orgName>? Es kann keine Rede davon
               sein, daß dieses große geheimnisvolle Volk ein einziger Haufe von Mördern und
               Barbaren sei. Wir kennen es wenig, es fällt uns schwer, es zu verstehen, umso mehr
               sollten wir uns hüten, in Urteile des Hasses ohne Weiteres einzustimmen. Auch <orgName ref="kbga-actors-8732">Rußland</orgName>
               hat Ideale, hat die Überzeugung des Rechts in diesem Krieg. Es wahrt durch den Schutz
               der Serben seine Ansprüche, wie <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> die seinen
               <pb xml:id="p521" ed="pga"/>
                wahrt durch das Bündnis mit <orgName ref="kbga-actors-8248">Österreich</orgName>. Ich könnte sogar in die allgemeine
               Verdammung der Serben nicht einfach einstimmen, obwohl sie den äußeren Anlaß zum
               Krieg gegeben haben. Ein starker einheitlicher Wille lebt in diesem Volk, den gerade
               wir Schweizer verstehen müssen. In schweren Kämpfen sind sie unabhängiger Staat
               geworden und wollen sich als solcher behaupten. Aus Vaterlandsliebe hat der unselige
               Mörder <persName ref="kbga-actors-1392">Princip</persName><note xml:id="n03">Am <date when="1914-06-28">28. Juni 1914</date> ermordete der
                  großserbische Nationalist <persName ref="kbga-actors-1392">Gavrilo Princip</persName> in <placeName ref="kbga-places-303">Sarajewo</placeName> den habsburgischen
                  Thronfolger, <persName ref="kbga-actors-1357">Erzherzog Franz Ferdinand</persName>, und dessen Gemahlin. Dieses Attentat wurde
                  zum Anlaß des Ersten Weltkrieges.</note> seine verhängnisvolle Tat begangen. Wir
               können und sollen sie verurteilen, aber wer will seine Vaterlandsliebe verurteilen?
               So fehlt es sicher nirgends in dem uns umbrandenden Völkermeer an hohen und edlen
               Gefühlen und Überzeugungen, hier sind sie mehr, hier weniger deutlich ausgeprägt,
               aber überall sind sie vorhanden.</p>
        <p>Und nicht nur Begeisterung, nicht nur hohe Gedanken sind da, sondern auch <hi rend="italic">Taten</hi>, daheim und im Felde, vor denen wir wahrhaftig nur die größte
               Achtung haben können. Kein Tag vergeht ja jetzt beinahe, ohne daß uns die Zeitungen
               neue ergreifende Proben von Unerschrockenheit und Hingabe von Männern und Frauen
               aller kämpfenden Parteien bringen. Was will nur schon dieser gewaltige Zustrom von
               Freiwilligen sagen, die sich jetzt in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName> zu
               Hunderttausenden unter die Fahnen stellen, ohne Zwang, von sich aus und obwohl sie
               dabei für sich nichts zu erwarten haben als Anstrengungen und Entbehrungen und
               gewaltige Todesgefahr. Wir erleben jetzt etwas, wie es gewesen sein muß in den
               bewegtesten Zeiten der Weltgeschichte: das Volk steht auf, der Sturm bricht los!<note xml:id="n04">Aus dem Gedicht <bibl corresp="kbga-bibls-1559">
                                Männer und Buben von <persName ref="kbga-actors-230">Th. Körner</persName>
                           (1791–1813)</bibl>.</note> Wer hätte es den Menschen der Gegenwart, die einem oft so
               greisenhaft, so schwach vorkommen, zugetraut, daß doch so viel Selbstlosigkeit und
               Furchtlosigkeit und Treue in ihnen lebe? Was haben jetzt all die Millionen von Frauen
               geleistet und was leisten sie noch, die ihre Gatten und Söhne haben ziehen lassen mit
               dem
               <pb xml:id="p522" ed="pga"/>
                festen Vorsatz, ihnen das Scheiden und das Fernsein nicht schwer zu machen! Steht
               nicht hinter jeder der beteiligten Armeen unsichtbar eine zweite, von Frauen und
               Kindern und Alten, von Dichtern und Gelehrten, die den Kämpfenden da vorn durch ihre
               Teilnahme, ihr Zutrauen, ihre Liebe Freude und Mut machen?! Was für einen Aufschwung
               hat es gebracht in allen Völkern, daß nun auch diese zweite unsichtbare Armee überall
               da ist und mitwirkt bei der ungeheuren Arbeit, die zu tun ist! Ich will nicht reden
               von dem, was auf den Schlachtfeldern selbst geleistet wird. Wir alle können uns ja
               das überhaupt nicht vorstellen, was dazu nötig ist, als Soldat vor dem Feind seine
               Pflicht zu tun, ohne zu zögern, unter allen Umständen. Millionen <hi rend="italic">tun</hi> jetzt diese Pflicht, ohne zu wanken, bis in den bitteren Tod hinein. Was
               für eine ungeheure Energie kommt da zur Entfaltung, was hat es gebraucht, um diese
               Energie in langjähriger Friedensarbeit in all diese Menschen hineinzubringen! Wir
               dürfen auch daran denken, wieviel Liebe und Hilfsbereitschaft durch diesen Krieg
               schon zum Leben erweckt worden ist. Mancher verschlossene Geldbeutel hat sich jetzt
               auf einmal aufgetan, viele lässige Hände sind jetzt auf einmal tätig geworden für die
               Anderen. Die Menschen spüren jetzt: wir sind einander verpflichtet, Eines muß des
               Anderen Last tragen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.2">Gal. 6,2</ref>], so gut er kann, Eines muß des Anderen Bruder und Schwester sein. Und ist
               nicht diese <hi rend="italic">Einigkeit</hi> in den Völkern und Staaten, die jetzt
               eingetreten ist, etwas ganz Wunderbares? Wie war <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName>, wie war <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName>
               vorher zerrissen von vielfach so kleinlichen Gegensätzen der Parteien, der Stände,
               der Konfessionen, was war das für ein ewiger unglückseliger Kampf zwischen den
               verschiedenen Völkerschaften, die in unserem Nachbarland <placeName ref="kbga-places-380">Österreich</placeName> vereinigt sind!
               <orgName ref="kbga-actors-8605">England</orgName> stand unmittelbar vor dem Bürgerkrieg, in wenigen Wochen wären in <placeName ref="kbga-places-33">Irland</placeName> die
               Gewehre und Geschütze losgegangen, Engländer gegen Engländer. Und nun kam der Krieg.
               Und er kam, wunderbarerweise, überall zunächst als ein Friedebringer. Die
               Streitigkeiten werden eingestellt; der <rs type="person" ref="kbga-actors-839">deutsche Kaiser</rs> erklärt: ich kenne keine
               Parteien mehr, und die Sozialisten reichen ihm die Hand zum
               <pb xml:id="p523" ed="pga"/>
                Gelöbnis der Treue. Die Freunde der Römischen Kirche und die Freidenker in
               <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName> reichen sich die Hand: das Vaterland über Alles. Die Ulsterleute<note xml:id="n05">
                            <date from="1912" to="1914">1912–1914</date> nahm das <orgName ref="kbga-actors-8719">englische Unterhaus</orgName> dreimal nacheinander das
                  Gesetz über Homerule in <placeName ref="kbga-places-33">Irland</placeName> an, gegen Sonderbestrebungen des protestantischen
                  <placeName ref="kbga-places-980">Ulster</placeName>.</note> in <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName> stellen ihre Waffen, die zum Aufruhr bestimmt waren, der
               Regierung zur Verfügung. Deutsche, slawische, ungarische Österreicher ziehen vereint
               miteinander an die Grenze; sogar <orgName ref="kbga-actors-8732">Rußland</orgName>, das Land der größten Gegensätze, wird gegen
               alles Erwarten einig durch den Krieg. Überall dasselbe Schauspiel: Wir wollen sein
               ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr!<note xml:id="n06">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-846">Anfang des «Rütlischwurs»: <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, «<hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi> II»,
                        2 (Vers 1448f.)</bibl>.</note>
            </p>
        <p>Ist das alles nicht <hi rend="italic">merkwürdig?</hi> Müssen wir es nicht verstehen, wenn
               diese Völker alle sich in einer sonntäglichen Freudenstimmung befinden, wie ich
               sagte?, daß sie den Krieg in allem Ernst als eine Offenbarung Gottes ansehen, und
               zwar nicht als eine Offenbarung seines Gerichts, sondern seines Wohlgefallens an den
               Menschen? Müssen wir nicht selber sagen, daß der Krieg erstaunlich viel Gutes,
               Göttliches hervorgezaubert hat bei den Menschen? Ja, das tun wir auch, und wir sind
               auch ganz überzeugt, daß all die Treue und Liebe, all die Selbstlosigkeit und
               Unerschrockenheit, aller Heldenmut und Brudersinn, die sich jetzt hüben und drüben so
               leuchtend entfalten, sicher nicht umsonst sind. Aus Gott stammt doch Alles, was gut
               ist, und so braucht er auch gewiß dieses ganze Erwachen für das Kommen seines
               Reiches, wenn auch ganz anders, als die Menschen es sich vorstellen. Wehe uns, wenn
               wir jetzt gleichgültig abseits stehen, selbstsüchtig unserer eigenen Sache nachgehen
               würden! O, wir wollen uns nicht verschließen vor dem neuen guten Geist, der jetzt
               durch alle Länder und Völker geht. Wir wollen teilnehmen an dem großen Erwachen, das
               über sie gekommen ist. Wir wollen uns freuen mit den Fröhlichen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.15">Röm. 12,15</ref>], wo es wirklich etwas zu
               freuen gibt. </p>
        
        <p>
                <pb rend="noPipe" xml:id="p524" ed="pga"/> <hi rend="italic">Aber — —!</hi> Meine Freunde, das muß uns allen jetzt ganz klar sein —
               und ist uns hoffentlich in der langen Zeit, in der wir über den Krieg nachdenken
               konnten, allen ganz klar geworden, daß wir als Schweizer und als Christen zu dem
               allen ein großes Aber! zu setzen haben. Schon darin müssen wir ja die Dinge ganz ganz
               anders ansehen als die kämpfenden Völker, daß wir diese guten göttlichen
               Charakterzüge an der Menschheit, die jetzt hervortreten, <hi rend="italic">bei Allen</hi>
               wahrnehmen, nicht nur bei einem Volk. Nehmen wir gegenwärtig eine Zeitung aus
               <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> in die Hand, dann sehen wir, wie da die guten Eigenschaften der deutschen
               Soldaten, des deutschen Volkes zwar kräftig herausgestrichen und verteidigt werden
               gegen jeden Vorwurf, von den Feinden <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschlands</orgName> aber hören wir, das seien eben die
               «Welt voll Teufel», von der <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in seinem Lied «Ein feste Burg» gesungen hat. Das
               hat ein Marburger Professor geschrieben,<note xml:id="n07">
                            <persName ref="kbga-actors-293">Paul Natorp</persName>
                     (1854–1924), vgl. <ref type="pub" target="5043#fn_n04">Anm. 4</ref> zu
                     Predigt 238 vom <date when="1914-09-13">13. September 1914</date>. Eine ähnliche Anwendung desselben <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>-Zitats auch bei <persName ref="kbga-actors-329">[M.] R[ade]</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-1560">«<hi rend="italic">Von gerechtem Selbstbewußtsein</hi>», in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 887</bibl>.</note> einer der
               gebildetsten Menschen in ganz <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>! Nichts als Hinterlist, Feigheit und
               Gemeinheit ringsum!, so sehen sie jetzt dort die Anderen an. Und ganz genauso, oft
               fast bis auf den Ausdruck gleich, urteilt man in <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName> über die Deutschen. Und
               so in der ganzen kriegführenden Welt, hin und her. Da können wir nicht mit, und da
               wollen wir nicht mit. Wir freuen uns über alles Große und Erhebende, was dieser Krieg
               zu Tage fördert, aber sofort müssen wir uns wehren gegen die Verblendung, die darin
               liegt, daß nun jedes Volk und jede Partei zu meinen scheint: nur <hi rend="italic">wir</hi> haben die wahre Vaterlandsliebe und Pflichtbegeisterung, nur bei <hi rend="italic">uns</hi> gibt es Heldenmut und Treue, während am Gegner Alles, was man
               bei sich selbst rühmt, in den Kot gezogen wird. O, wie wäre das so einfach, wenn auf
               der einen Seite lauter Helden des Lichts und der Wahrheit, auf der anderen lauter
               Teufel und Schurken ständen! Dann wäre unsere Stellungnahme so leicht. Aber das ists
               ja gerade, daß wir hüben und drüben viel Gutes, viel Geist und Kraft sehen müssen.
               Wir können nicht anders, wir
               <pb xml:id="p525" ed="pga"/>
                müssen beide Seiten, alle Seiten sehen. Und das ists ja gerade, was unser Herz
               ergreift, daß wir nicht Engel gegen Teufel, sondern vortreffliche, pflichtbewußte,
               hochbegabte Menschen gegeneinander streiten sehen. Menschen, die das Gute wollen und
               vielfach tun: nicht miteinander sondern <hi rend="italic">gegeneinander:</hi> das ist das
               furchtbare Rätsel des Krieges, das hindert uns, uns einfach mitzubegeistern und
               mitzuhassen auf der einen Seite, das zwingt uns, uns zurückzuhalten, auch mit unserer
               Bewunderung vor dem Guten und Göttlichen, das jetzt im Menschenantlitz zweifellos zu
               Tage tritt. Nicht miteinander — gegeneinander geht all das Gute in den Menschen! Der
               Haß ists, der sie erweckt hat aus dem Schlafe der Gleichgültigkeit und der
               Selbstsucht! Der Krieg hat sie hervorgelockt, all die verborgenen Kräfte und Geister
               in den Völkern, die jetzt so hell leuchten! Und nichts Anderem als dem gegenseitigen
               Mord, der fürchterlichsten Zerstörungsarbeit müssen sie alle miteinander dienen,
               diese guten Gedanken und Taten allenthalben, an denen wir uns so gerne freuen
               würden.</p>
        <p>Was müssen das <hi rend="italic">für fürchterliche, für höllische Mächte</hi> sein, die
               das vermocht haben, mit einem Schlag all die Kräfte des Guten hervorzulocken und sie
               mit ein und demselben Schlag in den Dienst des Bösen zu stellen! Fürchterliche
               ungeheure Mächte, denn sie haben vermocht, was alle guten Einflüsse in
               Friedenszeiten, alle Predigt des Evangeliums und alle Bildungsbestrebungen nicht
               vermocht haben: einem unvergleichlichen Leben und Eifern und Schaffen haben sie
               gerufen. Aber höllische Mächte sind es: denn sie haben ihnen nicht gerufen zum
               Segnen, sondern zum Fluchen. Wie einst <persName ref="kbga-actors-8721">Balak</persName>, der König der Moabiter, den Propheten
               <persName ref="kbga-actors-2155">Bileam</persName> in seinen Dienst nahm, um dem Volk Israel zu fluchen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Num.22 Num.24">Num. 22–24</ref>]! So muß jetzt alles Gute,
               Edle und Hohe im Menschen völlig <hi rend="italic">im Dienste des Bösen</hi> stehen. Das ist gerade das Furchtbare am
               Krieg. All die Vaterlandsliebe, die jetzt so unmittelbar und herrlich hervorgebrochen
               ist, hat ihr Ziel und ihren Gipfel darin, anderer Menschen Vaterland mit allen
               Mitteln zu bekämpfen. All die Begeisterung und Treue und all das Pflichtbewußtsein,
               von denen jetzt zahllose Menschen erfüllt sind, muß nur
               <pb xml:id="p526" ed="pga"/>
                dazu dienen, andere Menschen, die von gleichen Gefühlen beseelt sind, wenngleich mit
               anderen Namen und in anderer Sprache, zu töten.</p>
        <p>Das sind die Männer der <hi rend="italic">Bildung</hi>, der Wissenschaft. Sie gehören
               eigentlich allen Völkern, gemeinsam arbeiteten und forschten sie bis dahin zum Wohle
               der ganzen Menschheit. Das hat aufgehört. Sie haben ihre Gelehrsamkeit und ihre
               Feder, ihr Herz und ihren Kopf in den Dienst des Kampfes gestellt, und nun geht es
               hin und her über die Grenzen, über das Meer mit gegenseitigen Anklagen und
               Anschuldigungen. Man kennt sie nicht mehr, so zittern ihre Stimmen vor Leidenschaft
               und Einseitigkeit. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.14.12">Jes. 14,12</ref>]!</p>
        <p>Da sind die Männer der <hi rend="italic">Sozialdemokratie</hi>. Jahrzehntelang haben sie
               gegen den Krieg und für den Völkerfrieden geredet, und es war ihnen heiliger Ernst
               damit. Da kam der Krieg, und er war stärker als sie und riß sie mit. Ihr erinnert
               euch vielleicht noch, wie es einmal am Anfang hieß, einer von ihnen, Dr.
                  <persName ref="kbga-actors-1117">Liebknecht</persName><note xml:id="n08">
                            Dr. <persName ref="kbga-actors-1117">Karl Liebknecht</persName> (1871–1919), seit
                     1912 Reichstagsabgeordneter der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName>,
                  stimmte im Dezember 1914 und August 1915 gegen die
                  Kriegskredite, trat 1916 aus Protest gegen die kriegsfreundliche
                  Haltung der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> aus der Partei aus. Zusammen mit <persName ref="kbga-actors-1381">Rosa
                  Luxemburg</persName> wurde er 1919 im Laufe der Spartakus-Unruhen
                  ermordet.
                        </note> in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, habe den Militärdienst verweigert und sei erschossen
               worden, ein Märtyrer seiner Überzeugung. Es stellte sich bald als eine Täuschung
               heraus. Er und alle Anderen dachten gar nicht daran, gegen den Strom zu schwimmen.
               Bald darauf fiel als einer der ersten Dr. <persName ref="kbga-actors-1355">L. Frank</persName>,<note xml:id="n09">
                            Dr. <persName ref="kbga-actors-1355">Ludwig
                  Frank</persName> (1874–1914, gefallen bei Lunéville), war seit 1907
                  führender <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName>-Abgeordneter im Reichstag. <bibl corresp="kbga-bibls-1561">Nachruf von
                  <persName ref="kbga-actors-329">[M.] R[ade]</persName> in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 862f.</bibl> und von <bibl corresp="kbga-bibls-1562">
                                <persName ref="kbga-actors-1369">Theodor Heuss</persName> in: Die Hilfe, Wochenschrift für Politik, Literatur
                  und Kunst, Hg. Fr. Naumann, Nr. 38 vom 17. Sept. 1914, S. 618f.</bibl>
                        </note> einer ihrer
               ersten, besten Parteiführer. Er starb nicht für den Frieden, nicht für den
               Sozialismus, nicht für seine Überzeugung, sondern für den Krieg, den er zeitlebens
               bekämpft hatte. Und Tausende seiner Gesinnungsgenossen mit ihm. Es gibt für den
               Augenblick keine Sozialisten mehr in
               <pb xml:id="p527" ed="pga"/>
                <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, die den Krieg hassen, sondern nur noch Deutsche, die die Franzosen und
               Russen hassen. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!</p>
        <p>Und da sind die Männer der christlichen <hi rend="italic">Kirchen</hi>, der katholischen
               und der protestantischen. Sie haben alle Sonntage von Jesus geredet, von dem Mann,
               der auch in dem Augenblick, als es die gerechteste Sache galt, zu seinen Jüngern
               gesagt hat: Stecke dein Schwert in die Scheide [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.11">Joh. 18,11</ref>]! Sie haben von dem Gott geredet, der seine
               Sonne scheinen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.45">Mt. 5,45</ref>]. Und es war
          wahrhaftig auch ihnen ernst damit. Und nun? Nun steht der Kardinal Erzbischof <persName ref="kbga-actors-1340">Amette</persName>
               vor der Kathedrale <placeName ref="kbga-places-981">Notre Dame in Paris</placeName>, hält eine feurige Ansprache an das Volk, in
               der er zum Kampf gegen die Deutschen auffordert, und schließt mit den Worten: Es lebe
               Gott, es lebe die Kirche, es lebe <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName>!<note xml:id="n10">Ansprache von
                  <persName ref="kbga-actors-1340">Kardinal Amette</persName> (1850–1920) während einer «<foreign xml:lang="fre">journée de prière
                  pour la <placeName ref="kbga-places-21">France</placeName> et ses armées</foreign>» am <date when="1914-09-13">13. September 1914</date>.</note> Nun
               ziehen Tausende von französischen katholischen Pfarrern als Soldaten und Offiziere an
               die Front und tun es allen Anderen zuvor an Kampflust. Nun erklärt ein hervorragender
               deutscher Christ allen Ernstes, vorläufig müsse für die Deutschen das Evangelium des
               Hasses an die Stelle des Evangeliums der Liebe treten. Nun triefen fast alle
               deutschen kirchlichen Blätter von Kriegsgeschrei und Selbstbewußtsein. In <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> fand
               eine große Versammlung von Freunden der Heidenmission statt, die sich einen ganzen
               Abend lang damit unterhielt, die Engländer vor den Richterstuhl Gottes zu
                  schleppen.<note xml:id="n11">Kundgebung deutsch-evangelischer Missionskreise am
                     <date when="1914-09-21">21. September 1914</date> in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>; vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-1576">«<hi rend="italic">Kleine Mitteilungen</hi>», in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 902</bibl>.</note> An den Oberhofprediger des Kaisers richtete ein bedeutender
               französischer Geistlicher die Bitte, sie möchten, gemeinsam unterzeichnet, eine
               Aufforderung zu menschlicher Kriegführung an die kämpfenden Heere richten. Der
               Hofprediger weigerte sich, seine Unterschrift zu geben, mit der Begründung, er wolle
               auch nicht im Entferntesten den Anschein erwecken, als ob die deutschen Soldaten eine
               solche Auf<pb xml:id="p528" ed="pga" break="no"/>forderung nötig hätten, vom höchsten General bis zum niedersten Soldaten sei von
               ihnen kein anderes als das denkbar beste Benehmen im Kriege zu erwarten. Wohl aber
               solle man den Franzosen, den Belgiern, den Russen gehörig zusprechen.<note xml:id="n12">Der Oberhofprediger war <persName ref="kbga-actors-1350">Ernst von Dryander</persName> (1843–1922),
                  sein französischer Partner Pastor <persName ref="kbga-actors-1343">Barbut</persName> in Nimes. Die Antwort im
                  <bibl corresp="kbga-bibls-6396">Protestantenblatt 1914, Sp. 895f.</bibl> Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1564">
                                <persName ref="kbga-actors-1350">E. v. Dryander</persName>, «<hi rend="italic">Erinnerungen aus meinem
                           Leben</hi>». Bielefeld/Leipzig1922<hi rend="sup">2</hi>, S. 279f</bibl>
               </note> Eine Anzahl der bekanntesten Kirchenmänner <placeName ref="kbga-places-151">Deutschlands</placeName>, darunter zwei meiner
               liebsten Lehrer, haben einen Aufruf erlassen «An die evangelischen Christen des
                  Auslands».<note xml:id="n13">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1565">Veröffentlicht in: Kirchliches
                           Jahrbuch 42 (1915), S. 209–213</bibl>. Die beiden Lehrer Barths sind <persName ref="kbga-actors-155">Adolf von Harnack</persName> (1851–1930),
                  <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, und <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmann</persName> (1846–1922), Marburg. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1566">
                                CW, Jg. 28 (1914), Sp. 846</bibl>.</note> Er ist voll von Anklagen, voll von Entschuldigungen der eignen
               Sache. Ein einziges Mal ist darin die Rede von der Buße, die auch das deutsche Volk
               nötig habe. Aber dann wird sofort angedeutet, daß es bereits Buße getan habe, und
               alle Schuld wird feierlich den Feinden, den Feinden allein zugeschoben. So sind auch
               aus den Christen, aus den <hi rend="italic">ernsten und frommen</hi> Christen Soldaten
               geworden. Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!</p>
        <p>Was sind das für Mächte, die das fertiggebracht haben, das Gute so völlig zu
               verkehren und in den Dienst des Bösen zu stellen? Meine Freunde, seht, das sind die
                  «<hi rend="italic">Engel, Fürstentümer und Gewalten</hi>», von denen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
               geredet hat. Er hat sie ein anderes Mal die «Geister, die in der Luft herrschen»
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.2">Eph. 2,2</ref>] genannt. Wir
               verstehen, nicht wahr? Es gibt böse Kräfte in der Welt, zwischen Himmel und Erde,
               zwischen Gott und den Menschen. Es sind Kräfte der Torheit, der Finsternis, der
               Zerstörung. Sie üben eine gewaltige Wirkung aus auf die Menschen, wir erfahren es
               täglich in unseren Herzen, in unserem Leben. Sie dürfen diese Wirkung ausüben, Gott
               hat ihnen die Freiheit dazu gegeben. In hartem Kampf gegen sie soll sein Reich
               aufgerichtet werden. Wir wissen nichts Anderes von ihnen, als daß wir mit ihnen
               ringen, sie besiegen müssen. Denn sie hindern den Men<pb xml:id="p529" ed="pga" break="no"/>schen auf seinem Wege zu Gott. Sie sind die Feinde der Liebe und der Wahrheit. Sie
               wollen nicht das Reich Gottes, sondern das Reich der Dummheit und der Bosheit. Sie
               säen Lüge und Unrecht und Gewalt. Ihre größte Kraft ist es, ihr Werk unter der Maske
               des Guten zu treiben. Selten treten sie auf als das, was sie sind, fast immer
               verkleidet als Boten Gottes. Sie flüstern ihm ins Ohr, er müsse Böses tun, damit
               Gutes daraus werde. Sie begeistern ihn, Gutes zu tun, und verwenden ihn dabei für
               ihre bösen Zwecke. Und wenn sie über ihn triumphieren, dann muß er tief hinein in die
               Nacht der Sünde und des Irrtums, tief hinein in eine Hölle, die er sich selber
               schafft.</p>
        <p>Das sind die bösen Kräfte, die <hi rend="italic">jetzt am Werke</hi> sind. Nicht erst
               jetzt, schon lange, immer — aber jetzt ist ihre Tätigkeit wieder einmal an den Tag
               gekommen. Eines der besten Gefühle der Menschen: seine Liebe zu Heimat, Volk und
               Vaterland, und das beste Werk des Menschen, das Instrument der Ordnung auf Erden, den
               Staat, haben sie ergriffen und Beides in eine Teufelei verwandelt. Sie haben ihm
               eingeblasen, er müsse sich Platz schaffen, herrschen, unterdrücken durch List und
               Gewalt, damit er leben könne; es sei sein Recht, ja sogar seine Pflicht, sich
               auszudehnen auf Kosten Anderer. Und der Mensch hat ihnen Gehör gegeben, statt auf die
               untrügliche Stimme seines Gewissens und des Evangeliums Gottes zu hören. Und nun
               herrschen sie über ihn, über die Welt. O, wie sie jetzt lachen und jubeln, diese
               Geister in der Luft, über den blutgetränkten Schlachtfeldern, über den zerstörten
               Städten und Dörfern, über den zahllosen Gräbern, über den Schreibtischen der
               Gelehrten, wo unermüdlich Anklagen und Ausreden ausgesonnen werden, über den Kirchen,
               in denen vom «guten Gewissen» und vom Evangelium des Hasses gepredigt wird! Und sie
               dürfen triumphieren, denn keiner von den Kämpfenden erkennt sie als das, was sie
               sind. Sie wissen alle nicht, was sie tun [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.34">Lk. 23,34</ref>]. Sie sind so gefangengenommen, daß sie wirklich
               ein gutes Gewissen haben bei ihrem Tun. Sie rufen: Gott will es! und: Gott mit uns!,
               und es ist ihnen ernst dabei. Sie vollbringen tatsächlich Taten reinsten Opfermutes
               und rennen <milestone xml:id="m34" unit="page"/>
               <pb xml:id="p530" ed="pga"/>
                gerade damit immer tiefer hinein in die Nacht einer fürchterlichen Verwirrung, aus
               der nur immer neue Sünde, neues Unglück hervorgehen kann.</p>
        <p>Könnten nicht auch wir <hi rend="italic">irrewerden</hi> bei diesem jammervollen
               Schauspiel, irre an Gott, irre an aller Wahrheit und Gerechtigkeit, irre daran, ob
               wirklich die Liebe das Größte und Stärkste ist in der Welt? Sind nicht die bösen
               «Engel, Fürstentümer und Gewalten» viel, viel größer und stärker? Ist nicht alles
               Göttliche und Gute bloß ein heuchlerischer Vorwand, den diese bösen Kräfte brauchen,
               um die Menschen um so sicherer und um so gewaltiger in den Unfrieden, in den Tod, in
               die Hölle hineinzutreiben? Eine Waffe, die ihnen der Teufel in die Hand drückt und
               die sie nun eben gebrauchen, wie sie ihre Geschütze und Gewehre und ihre spitzen
               Worte gebrauchen? Wird uns nicht Alles verdunkelt, werden wir nicht von Allem
               abgeschnitten, was <hi rend="italic">über</hi> diesen bösen Kräften steht, wenn wir jetzt
               einsehen, <hi rend="italic">wie</hi> stark [sie] sind, <hi rend="italic">so</hi> stark, daß sie
               sogar das Gute, Göttliche restlos und widerstandslos in ihren Dienst zu stellen
               vermögen?</p>
        <p>Meine Freunde, nun dürfen und müssen wir es aussprechen mit dem Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>: Ich
               bin gewiß, daß <hi rend="italic">nichts uns zu scheiden vermag</hi> von der Liebe Gottes,
               die da ist in Christus Jesus, unserem Herrn. Nichts, weder Engel noch Fürstentümer
               noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch
               keine andere Kreatur. Jetzt ist uns <hi rend="italic">Jesus</hi> der sichere leuchtende
               Punkt mitten in der dunklen Welt. Auf ihn vertrauen wir. Auf ihn hin blicken wir. Von
               ihm her strömen uns Kräfte zu, die stärker sind als die Kräfte des Bösen. Auch er hat
               mit ihnen gekämpft. Auch vor ihm haben sie sich verkleidet in das heuchlerische
               Gewand der Wahrheit und Gerechtigkeit. Auch er war einst mitten drin in der tiefsten
               Nacht. Die «Engel, Fürstentümer und Gewalten» hatten alle Menschen um ihn her
               gefangen genommen, auch die besten, auch die liebsten Freunde. Aber ihn selber nicht.
               Er hat nicht aufgehört zu leuchten. Auf den Karfreitag folgte Ostern. Ein
               Weltkarfreitag ist jetzt angebrochen. Aber den Geist Jesu vermag er nicht zu töten.
               Er <hi rend="italic">lebt weiter</hi> in
               <pb xml:id="p531" ed="pga"/>
                denen, die sich nicht gefangen nehmen lassen von den Geistern, die in der Luft
               herrschen, in denen, die die Lüge und das Unrecht als solche erkennen und sich auch
               durch die schönste Verkleidung nicht täuschen lassen. Sie dürfen in lebendiger
               Verbindung bleiben mit der Liebe Gottes. Sie dürfen rein bleiben in dieser
               erstickenden Luft von Lüge und Unrecht, die uns umgibt. Sie wissen, daß die Gesetze
               Gottes gelten unverbrüchlich und daß dieser Gott nicht ein Gott der Unordnung ist,
               sondern des Friedens [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.33">1.Kor. 14,33</ref>]. Sie wissen aber auch, daß diese Gottesgesetze durch Alles hindurch sich
               durchsetzen werden. Es soll dem Bösen nichts helfen, daß er das Gute für seinen
               frevlerischen Zweck geweckt und gebraucht hat.</p>
        <p>Wir sagten es uns schon: das Gute, das wirklich Gute, das jetzt bei den Menschen zum
               Vorschein gekommen ist durch den Krieg, das kann nicht verloren sein. Das Gute wird
               einmal durch seine eigene Kraft, durch die Gotteskraft, die in ihm ist, das Böse
               überwinden. All die Treue und Liebe, all die großen Gedanken und heiligen
               Entschlüsse, die durch den Krieg ins Leben getreten sind, die werden sich einmal
               empören gegen die unwürdigen Fesseln, in denen sie jetzt noch liegen. Es wird sich
               wieder regen in den christlichen Kirchen, unter den Sozialisten, unter den Gebildeten
               und tiefen Geistern in allen Ländern, und bitter werden sie es bereuen, daß sie wie
               <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> ihren Herrn verleugnet haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.69 Mt.26.75">Mt. 26,69–75</ref>]. Die Menschen der Völker werden
               erwachen aus dem unglücklichen Traum, in dem sie sich jetzt befinden. Warum das alles
               gegeneinander statt miteinander? werden sie sich fragen. Warum im Dienste finsterer
               Kriegsgewalten statt im Dienste Gottes, der doch der Vater alles Großen und Guten
               ist, und darum im Dienste der Brüder, aller Brüder? O, dieses Erwachen kommt einmal,
               da dürfen wir ganz sicher sein. Wie ging es denn dem Propheten <persName ref="kbga-actors-2155">Bileam</persName>, als er auf
               Befehl des fremden Herrschers Israel fluchen sollte? Er wollte wohl, aber er konnte
               nicht. Er mußte schließlich segnen und immer wieder segnen, statt zu fluchen. Dürfen
               wir das nicht als eine Verheißung nehmen? Daß da Menschen einmal durch die Kraft
               Gottes, die in
               <pb xml:id="p532" ed="pga"/>
                ihnen wirkt, dahin kommen werden, daß sie gar nicht mehr können unter der Herrschaft
               der Engel, Fürstentümer und Gewalten stehen, daß sie gar nicht mehr können, was sie
               bis dahin immer wieder wollten, Böses tun. Daß es sich wie ein Zwang über sie legt:
               zum Segnen, nicht zum Fluchen, zum Lieben, nicht zum Hassen sind wir da. Wenn wir nur
               immer bei den Menschen sind, die die stille, tiefe Wirkung Jesu, seine Wirkung auf
               Herz und Gewissen, spüren und spüren wollen. Bei den Menschen, die sich von ihm die
               lebendige Hoffnung schenken lassen, daß Gott einmal Meister wird, ja das Vertrauen,
               daß er schon heimlich Meister <hi rend="italic">ist</hi> über die Kräfte des Bösen,
               obgleich unsere Augen es nicht zu sehen vermögen.</p>
        <p>Gehören wir zu diesen Menschen? Gott hat es uns so leicht gemacht, dazu zu gehören,
               indem er uns hat geboren werden lassen als Angehörige eines Landes, das bis jetzt
               nicht hineingerissen ist in den Kampf der Geister und Gewalten. Der freie Aufblick zu
               dem Gott der Liebe soll für uns nicht gehindert sein. Aber ich weiß doch nicht, ob
               wir tatsächlich zu den Menschen gehören, die jetzt sagen können: Ich bin <hi rend="italic">gewiß</hi>, daß nichts uns zu scheiden vermag von ihm! Es ist ein Großes, in
               solcher Zeit sagen zu können: ich bin gewiß! Wir wollen uns nicht rühmen, etwas zu
               sein, was wir vielleicht nicht sind. Aber wir wollen alle Gott darum bitten, daß wir
               es werden, frohe Bürger seiner zukünftigen Welt.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
