Predigt: Psalm 102,26-28
Kein Tag war in den vergangenen Wochen, an dem wir nicht von Siegen
und Niederlagen gelesen hätten. Schlag auf Schlag ist das gekommen,
diese gewaltigen Erfolge der deutschen Armee im Westen und Osten. Etwas Unheimliches
hatte es an sich, wie das vorwärtsgegangen ist. Was für eine Summe menschlicher
Klugheit und Umsicht, Ordnung und Disziplin, wieviel Ernst und Energie, wieviel
Ausdauer und Opfermut sind nötig gewesen, um das zu erreichen! Wir hatten das Gefühl:
das ist alles, aber auch alles vorausberechnet und vorbereitet, und nun stimmt die
Rechnung scheints bis aufs Letzte. Die Leistungsfähigkeit des deutschen Militärs, der
Offiziere und der Soldaten hat sich als womöglich noch größer erwiesen, als man
vorausgesehen hatte, obwohl ja jedermann Bedeutendes von ihnen erwartete. Wie eine
ungeheure Maschine haben sie sich samt all ihren raffinierten Hilfsmitteln zu Wasser
und zu Lande in Bewegung gesetzt, und das
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fürchterliche Vernichtungswerk, das sie zu besorgen haben, hat nun bereits einen
guten Anfang genommen. Wehe denen, die in die Räder dieser Maschine kommen!
Unheimlich, sage ich, und doch unwillkürlich zur Bewunderung zwingend. Und nun ertönt
in dieser Stunde in allen Kirchen
458 Aber wir müssen tiefer gehen. Was sollen wir denn nun eigentlich zu dem allem sagen,
wir, die wir weder hüben noch drüben stehen, jetzt bei diesen ersten Siegen und
Niederlagen und später, wenn einmal der Krieg zu Ende ist und die Einen mit Erfolg,
die Anderen als Unterlegene aus dem ungeheuren Ringen herausgehen werden? Wollen wir
es machen wie die Buben, die jetzt frisch und fröhlich Partei ergreifen, für diese
oder für jene? Dann hätten wir nichts zu tun, als uns jeden Tag mitzufreuen oder aber
mitzuärgern und zu betrüben mit denen, denen wir unsere Gunst geschenkt haben. Ich
erinnere mich noch, wie wir in der Schule einmal bei einem Krieg so alle
leidenschaftlich Partei ergriffen und uns dabei köstlich unterhielten. Aber eben: so
machens die Buben. «Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und hatte kindische
Anschläge, als ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war»
[
Im Alten Testament freilich, besonders in den alten Stücken des Alten Testaments,
auch noch in manchen Psalmen, da wird die Sache unzweifelhaft so angesehen: Ein Sieg
bedeutet, daß Gott einem Volke hilft, eine Niederlage, daß er sich von ihm
zurückgezogen hat. Aber ist das nun richtig? Ist das richtig, wenn wir an den Gott
denken, den Jesus uns offenbart hat, an den Gott, der in seiner Gerechtigkeit kein
Volk vor dem anderen bevorzugt, der in seiner Liebe und Heiligkeit überhaupt nicht
will, daß die Völker einander hassen und bekriegen und besiegen? Kann man eigentlich
zu diesem Gott kommen und ihn anrufen: Herr Gott, wir danken dir, daß wir
460 Wenn die alten Israeliten so dachten und beteten, so ist das nicht verwunderlich, sie
wußten es nicht besser. Aber was sollen wir dazu sagen, wenn nun in unseren Tagen auf
die scheinbar allerfrömmste Weise von allen Seiten dieser Kriegs- und Siegesgott des
Alten Testaments, man könnte auch sagen: dieser alte Sturmgott
Ein anderes Psalmwort, das weder von Sieg noch von Niederlagen und nicht einmal vom
Krieg, überhaupt nicht vom menschlichen Wesen und Unwesen redet, soll uns dazu die
rechte Anleitung geben: du hast vormals die Erde gegründet, und die Himmel sind
deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, aber du bleibest. Sie werden alle veralten
wie ein Gewand. Sie werden verwandelt wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln wirst —
du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende! Seht, da hören wir,
was Gott in Wirklichkeit ist. Er ist der Schöpfer Himmels
und der Erde, Alles, was ist, ist durch ihn. Es tut uns gut, gerade in dieser
aufgeregten Zeit an den unendlichen Bereich der Macht Gottes zu denken, an den Raum
ohne Schranken und Ende, in dem wir leben, an die Ewigkeit, aus der wir kommen und in
die wir gehen und von der unser persönliches Leben und das Leben der ganzen
Menschheit nur ein winzig kleines Abschnittlein ist. Wir reden von einem «Weltkrieg»
in Bezug auf die gegenwärtigen Verhältnisse. Wir mögen es so nennen, aber wie klein
ist doch eigentlich unser
Das alles ist aus Gott, aus diesem Gott, der die Liebe ist, der sich in seinen Geschöpfen allen verherrlichen will und von dem wir Menschen besonders einen Funken in unserer Seele tragen, der glühen und zur Flamme werden soll, sodaß wir an seinem ewigen Wesen teilnehmen. Aus dem Gott, der heilig ist, der seine Geschöpfe geschaffen hat zur Freiheit in ihm, zu einem Leben in seiner Güte und Vollkommenheit, und der über uns trauert, wenn wir uns in die Knechtschaft der Selbstsucht begeben. Aus dem Gott stammt Alles, der ein Gott der Gerechtigkeit und der Ordnung ist, dem Unterdrückung und Streit ein Greuel ist, eben weil in ihm selber nur Liebe und Freiheit ist. Alles ist aus Gott, Himmel und Erde, Gegenwärtiges wie Vergangenes und Zukünftiges, Großes und Kleines. Wie sollte nicht auch dieser Krieg, auch diese Siege und Niederlagen aus ihm sein, von ihm geschaffen und von ihm so gefügt wie alles Andere, was zwischen den Polen des Himmels von Ewigkeit her und in die Ewigkeit hinein geschehen ist, geschieht und geschehen wird! Davon müssen wir ausgehen, und dazu müssen wir immer wieder zurückkehren: Gott ist über Allem, und nichts ist ohne Gott. Aber sollte man darum wirklich, wenn nun so ein Volk auf dieser kleinen Erde einen Erfolg über das andere davongetragen, sagen können: seht da, Gott hat ihnen geholfen! wohl gar noch auf ein paar aufgeregte und selbstsüchtige Gebete hin? Sollte es da das Recht haben zu jubeln: Gott ist auf unserer Seite, in seiner Kraft haben wir die Feinde geschlagen, denn seine Güte währet ewiglich? O, in was für eine enge stickige Stubenluft ziehen wir da |462 den großen Gott herunter! Was für eine Lästerung seines heiligen Namens, ihn auf diese Weise mit unserem menschlichen Treiben in Verbindung zu bringen! Jawohl, er ist der Herr über Erfolg und Mißerfolg, und auch dieser Krieg und Alles, was er bringt, kann im letzten Grunde nichts Anderes sein, als eine Ausführung der Friedensgedanken, die er über uns hat.
Aber sehen wir wohl zu: Wie ists denn mit Allem, was Gott geschaffen hat, vom Größten
bis zum Kleinsten? Sie werden vergehen, du aber bleibest, sagt der
Psalmsänger. Sie werden alle veralten wie ein Gewand. Sie werden verwandelt werden
wie ein Kleid, wenn du sie verwandelst. Was heißt das? Das heißt: das Geschöpf bleibt
ewig unter dem Schöpfer. Da ist immer Unvollkommenheit, Beschränktheit, Schwäche, und
darum ist da immer Veränderung, Wandel, Vergänglichkeit. Himmel und Erde, Sonne und
Gestirne haben nicht ewigen Bestand. Sie haben ihre Zeiten, ihre ungeheuren Zeiten,
verglichen mit unseren menschlichen Dingen, aber sie gehen auch vorüber, in langsamer
Veränderung wie in ungeheuren Katastrophen werden sie etwas Anderes, als was sie
gewesen sind. Da ist nichts auf die Dauer, eben weil nichts Vollkommenes ist, weil
nichts Gott selber ist. Ewig ist nur das Leben aus Gott, das in allen Dingen wirksam
ist; ewig ist nur Gott selber. Wenn das vom Universum gilt und von der Natur mit
ihren ungeheuren Größen und Zeiten — und gerade die Wissenschaft der neueren Zeit hat
uns gezeigt, wie unbedingt das gilt —, um wieviel mehr muß es von unseren kleinen
menschlichen Dingen gelten, auch von diesem Krieg und den Erfolgen, von denen wir
jetzt so viel hören! Sie werden vergehen, du aber bleibest. Deutlicher als bei irgend
etwas Anderem können und müssen wir uns darüber klar sein bei solchen Kriegserfolgen. Denn deutlicher als irgend etwas anderes Großes auf Erden
tragen gerade sie den Stempel des Menschlichen und darum Vorübergehenden,
Vorläufigen. Das ist nicht ein Ziel Gottes, daß er es jetzt diese oder jene gewinnen
läßt. Das ist eine Tatsache, die auch zu seinen Wegen gehört, aber ganz sicher bleibt
er dabei nicht stehen, das ist für ihn nicht das Letzte, nur etwas, Gott hat ganz
andere
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Dinge vor als den Sieg oder die Niederlage dieser oder jener, sie geschehen jetzt,
aber nachher geschieht dann auch ganz sicher wieder etwas Anderes, und diese
Ereignisse, die uns jetzt so gewaltig und folgenschwer erscheinen, sind dann vorüber
und erledigt. Gott braucht sie für den Augenblick, wie man ein Werkzeug braucht, aber
dann haben sie keine Bedeutung mehr für ihn. Gott wirkt weiter, und die Stätte
dessen, was geschehen ist, kennt man nicht mehr
[vgl.
Was ist denn der Krieg? was ist so ein Sieg? Seht auf die Schlachtfelder von
Gott will ja doch dies alles nicht, weder die Selbstsucht und den Hochmut in den
Menschen, noch den gegenseitigen Haß der Völker, noch ihre Angst voreinander und ihre
drohenden Rüstungen, noch schließlich, daß sie einander mit feinem und grobem
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Geschütz zu Wasser und zu Land und in der Luft ans Leben gehen. Alle diese Dinge
sind dem innersten Wesen Gottes völlig fremd. Und wenn sie nun trotzdem geschehen, so
gibt es dafür nur eine Erklärung: daß dieses innerste Wesen Gottes auch den Menschen
völlig fremd ist. Sie handeln bei diesem Tun vom ersten bis zum letzten Schritt nicht
in Gottes Sinn und Auftrag, sondern gegen ihn. Sie können sich darum auch nicht auf
Gott berufen, ihn nicht zu Hilfe rufen, nicht von ihm verlangen, daß er für sie
Partei nehme. Gott steht ihnen wie ihren Feinden gleich fern in dem Zorn, mit dem ihn
ihr Wesen erfüllt, aber auch in der Liebe, mit der er sie beide aus ihrer Verwirrung
zu sich ziehen möchte. Und das bleibt sich nun gleich im Sieg oder in der Niederlage.
Sie können vielleicht siegen, und doch stehen sie unter dem schweren Zorn Gottes, der
früher oder später ihnen zeigen wird, daß er seiner nicht spotten läßt
[vgl.
Und darum geht es auch nicht an, zu beten: Herr gib uns Sieg! Wer ist denn der, den
wir um solches bitten? Und wie dürfen wir ihn um Erfolg bitten, wenn wir auf krummen
gottlosen Wegen sind? Wie dürfen wir ihm danken, wenn wir auf diesen Wegen ferne von
ihm Erfolg gehabt haben? Was für eine jammervolle Verblendung zeigt sich in diesem
Bitten und Danken! Man lacht darüber, daß die Straßenräuber in
Und weil wir doch zu Gott aufblicken wollen, darum wollen wir den Haß und die Drohung
und den Krieg nicht mehr, wir wollen umkehren auf unseren bösen Wegen, wir wollen
innerlichst andere Menschen werden, ein neues Volk, das auf Gottes heiligen Willen
aufmerkt. O wenn der Krieg diese Folge hätte, daß die Menschheit oder doch wieder ein
großer Teil der Menschheit dieser Erkenntnis näher käme: Gott will den Krieg nicht!
Die Völker können nicht mehr mit gutem Gewissen Krieg führen. Sie können sich mit dem
Krieg nur unglücklich machen, und sie können sich dadurch nur in die abscheulichste
Heuchelei stürzen!, und wenn dann der Wille aufwachen würde, kräftig und allgemein in
Tausenden und Millionen: wir wollen den Krieg nicht mehr, wollen das alles nicht mehr
in den Herzen und Gewohnheiten und Zuständen, was zum Kriege führen muß — wenn jene
Erkenntnis und dieser Wille uns kommen würden durch den Krieg — was wäre es dann für
ein Segen für uns! Ja, ein Segen! Wir sagten ja vorhin, der Krieg, auch dieser Krieg
sei nicht ohne Gott. Das kann wie ein Rätsel erscheinen, nachdem wir nun eben hörten:
Gott will den Krieg nicht! Und es ist doch kein Rätsel. Gott läßt uns Menschen eben
unseren Weg gehen, das ists. Wir fangen an mit der Selbstsucht, wir fahren fort mit
dem Haß, und wir endigen mit dem blutigen mörderischen Krieg. Wir sündigen und
sündigen, und plötzlich strafen wir uns selbst aufs furchtbarste. Das will Gott. Das
ist seine Ordnung, obwohl er den Krieg nicht will. Er will aber, daß uns durch den
Krieg unsere Sünde verleidet werde, weil der Krieg nichts Anderes ist als die Folge
der Sünde. Wenn die Sünde und ihre Folgen dann so mächtig geworden sind, dann kann
die Gnade umso mächtiger werden [vgl.
Und darauf kommt es nun an für uns Menschen, daß wir von dem Zorn und von der unaussprechlichen Gnade Gottes, die den europäischen Völkern jetzt so nahe tritt, eine lebendige Erfahrung bekommen. Alles Andere hilft uns nichts. Sieg und Niederlage können sich auch diesmal wieder gar bald in ihr Gegenteil verwandeln. Seit Tausenden von Jahren ist die Geschichte der Menschheit nur eine wechselnde Geschichte von Siegen und Niederlagen. Gott hat es geschehen lassen, daß die Menschen immer wieder ihre Wege gingen und auf ihren Wegen unglücklich wurden. Sieg und Erfolg sollten nicht mehr das sein, was sie begehren, was haben sie denn davon? Wohl aber sollten wir alle durch den Sturm dieser Zeit, an dem die Menschen selbst schuld sind, Gott mit uns reden lassen. Sie werden vergehen, du aber bleibest! Solange jetzt bloß um Sieg und Erfolg gebetet wird, solange hört er uns nicht, solange werden wir durch eigene Schuld immer nur neuen Stürmen entgegengehen.
Auch wir Schweizer wollen nicht so denken und nicht so beten. Ja wir wollen beten für
unser liebes Vaterland, aber nicht nach der Weise der alten Juden und Heiden, nicht
zu einem Kriegsgott oder Siegesgott. Nicht das kleinliche selbstsüchtige Gebet:
Verschone unsere Häuser, zünd lieber andere an! Auch wir könnten ja im Ernstfall
keineswegs mit unserer gerechten Sache prahlen! Auch wir könnten durchaus nicht ohne
Weiteres verlangen, daß der liebe Gott gerade hinter unseren Soldaten und Kanonen
stehen müsse. Auch wir sind durch unser ganzes Wesen mitschuldig an den heutigen
Zuständen auf der Erde. Sondern beten wollen wir, wie Jesus uns geheißen hat: dein
Reich komme! dein Wille geschehe! und vergib uns unsere Schulden! und erlöse uns von
dem Bösen! [