6. September 1914

Predigt: Psalm 102,26-28

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Psalm 102,26–28
Du hast vormals die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, aber du bleibest. Sie werden alle veralten wie ein Gewand; sie werden verwandelt wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln wirst; du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende.
Meine Freunde!

Kein Tag war in den vergangenen Wochen, an dem wir nicht von Siegen und Niederlagen gelesen hätten. Schlag auf Schlag ist das gekommen, diese gewaltigen Erfolge der deutschen Armee im Westen und Osten. Etwas Unheimliches hatte es an sich, wie das vorwärtsgegangen ist. Was für eine Summe menschlicher Klugheit und Umsicht, Ordnung und Disziplin, wieviel Ernst und Energie, wieviel Ausdauer und Opfermut sind nötig gewesen, um das zu erreichen! Wir hatten das Gefühl: das ist alles, aber auch alles vorausberechnet und vorbereitet, und nun stimmt die Rechnung scheints bis aufs Letzte. Die Leistungsfähigkeit des deutschen Militärs, der Offiziere und der Soldaten hat sich als womöglich noch größer erwiesen, als man vorausgesehen hatte, obwohl ja jedermann Bedeutendes von ihnen erwartete. Wie eine ungeheure Maschine haben sie sich samt all ihren raffinierten Hilfsmitteln zu Wasser und zu Lande in Bewegung gesetzt, und das |457 fürchterliche Vernichtungswerk, das sie zu besorgen haben, hat nun bereits einen guten Anfang genommen. Wehe denen, die in die Räder dieser Maschine kommen! Unheimlich, sage ich, und doch unwillkürlich zur Bewunderung zwingend. Und nun ertönt in dieser Stunde in allen Kirchen Deutschlands der Dank gegen Gott, der den Deutschen so sichtbar beigestanden, und das Gebet um weitere solche Siege über die Feinde. Das deutsche Volk hatte sich ja zu Anfang gesagt: wir wollen siegen oder untergehen, hatte seine ganze Kraft zusammengenommen, und nun darf es bereits auf diese ruhmreichen Schlachtfelder im Westen und Osten, auf die erstürmten oder zusammengeschossenen feindlichen Festungen, auf seine gegen die französische Hauptstadt vordringenden Truppen blicken. Und nun dieses Bewußtsein: das sind unsere Leute! Das sind wir! Es geht! Wir werden Meister! Diese Freude ist nur allzu begreiflich. Wir würden auch so empfinden, wenn es uns anginge. Wir würden wohl auch nichts Höheres kennen in diesem Augenblick als dieses stolze Selbstbewußtsein! Auf der anderen Seite die, welche nun Niederlagen erlitten haben. Woran hats gefehlt? An der Leitung? oder an der rechten Ordnung oder an der nötigen Begeisterung unter den Truppen? Das wird sich alles erst viel später zeigen. Jedenfalls geben sie das Spiel noch nicht verloren. Ingrimmig bereiten sie sich vor zu neuen Anstrengungen. Aber ist nicht bereits etwas Verzagtheit in diesem Ingrimm? Mit großen Worten ermutigen sie sich zur Ausdauer, aber man spürt doch, daß sie etwas kleinlaut geworden sind. So hatten sie sich den Anfang nicht gedacht. Unzählige mögen jetzt sein in diesen Völkern, die es bereits offen heraus sagen, wenn sie dürfen: dieser unglückliche Krieg! Hätten wir ihn doch vermieden! Das kann nicht gut herauskommen. Und nun beten auch die Frommen unter diesen Völkern angesichts des Unheils, das hereinzubrechen droht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen [Ps. 22,2]? Wir verstehen auch sie. Auch wir würden jetzt kleinlaut sein, auch wir würden jetzt in unserer Not Gott bestürmen, wenn wir zu ihnen, zu den Besiegten gehören würden.

458 Aber wir müssen tiefer gehen. Was sollen wir denn nun eigentlich zu dem allem sagen, wir, die wir weder hüben noch drüben stehen, jetzt bei diesen ersten Siegen und Niederlagen und später, wenn einmal der Krieg zu Ende ist und die Einen mit Erfolg, die Anderen als Unterlegene aus dem ungeheuren Ringen herausgehen werden? Wollen wir es machen wie die Buben, die jetzt frisch und fröhlich Partei ergreifen, für diese oder für jene? Dann hätten wir nichts zu tun, als uns jeden Tag mitzufreuen oder aber mitzuärgern und zu betrüben mit denen, denen wir unsere Gunst geschenkt haben. Ich erinnere mich noch, wie wir in der Schule einmal bei einem Krieg so alle leidenschaftlich Partei ergriffen und uns dabei köstlich unterhielten. Aber eben: so machens die Buben. «Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und hatte kindische Anschläge, als ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war» [1.Kor. 13,11]. Unter uns erwachsenen Schweizern und Christen sollte Keiner sein, der so nach Bubenart Partei ergreift. Ich wiederhole, was ich am letzten Sonntag sagte: unsere Sache ist es, unbedingt und bis in die Gedanken hinein neutral zu bleiben in diesem Streit. Er geht uns nichts an. Wir können nicht entscheiden, auf welcher Seite mehr Recht oder Unrecht ist. Wir können nur den Krieg selbst und alles, was ihn herbeigeführt, hassen und verurteilen, nicht aber eines von den kriegführenden Völkern. Eben darum aber haben wir jetzt, angesichts dieser Siege und Niederlagen, Besseres zu tun, als uns mit den Einen zu freuen oder mit den Anderen zu klagen. Das trägt gar nichts ab. Darüber kann man im Wirtshaus oder sonst endlos politisieren, aber es hat nicht den geringsten Wert, es ändert ja auch gar nichts an den Ereignissen da draußen. Seht, uns Schweizern ist jetzt, wo wir so ruhig diesen ungeheuren Vorgängen zusehen dürfen, eine unvergleichliche Gelgenheit geboten, tiefer über Gottes Wege nachzudenken und durch diese Einsicht dann auch innerlich gefestigter zu werden in Gott. Für die Völker da draußen gibt es in diesem Augenblick begreiflicherweise sozusagen nichts Anderes als diese Frage: wer gewinnts? Wir dürfen dabei nicht stehenbleiben, wenn wir wollen, |459 daß Gott uns segne in dieser großen Zeit. Wir müssen weiterfragen — und Viele von uns haben es sicher in der Stille bereits getan —: «ja und wenns nun die Einen gewinnen», wie man sagt, wenn sich nun der Sieg immer deutlicher auf die eine Seite neigen sollte, was hat nun das zu bedeuten? was hat das für einen tieferen Sinn? Ists nun wirklich so, daß nun die Sieger sagen dürften, wie es heute geschieht: Gott hat sich zu unserer gerechten Sache bekannt und hat uns geholfen. Gott steht auf unserer Seite!?

Im Alten Testament freilich, besonders in den alten Stücken des Alten Testaments, auch noch in manchen Psalmen, da wird die Sache unzweifelhaft so angesehen: Ein Sieg bedeutet, daß Gott einem Volke hilft, eine Niederlage, daß er sich von ihm zurückgezogen hat. Aber ist das nun richtig? Ist das richtig, wenn wir an den Gott denken, den Jesus uns offenbart hat, an den Gott, der in seiner Gerechtigkeit kein Volk vor dem anderen bevorzugt, der in seiner Liebe und Heiligkeit überhaupt nicht will, daß die Völker einander hassen und bekriegen und besiegen? Kann man eigentlich zu diesem Gott kommen und ihn anrufen: Herr Gott, wir danken dir, daß wir Belgien erobert und die Franzosen und Engländer besiegt und 70000 Russen gefangengenommen haben,1 und wir bitten dich, gib uns, daß wir jetzt bald auch noch Paris einnehmen? Ich denke an eine Stelle im 136. Psalm, wo es von Gott heißt: der Pharao und sein Heer ins Schilfmeer stieß, denn seine Güte währet ewiglich, der große Könige schlug, denn … und erwürgte mächtige Könige, denn … Sihon, der Amoriter König, denn … und Og, den König zu Basan, denn … und gab uns ihr Land zum Erbe, denn … [Ps. 136,15,17–21]. Das ist wuchtig, das hat Schwung, das tönt wie Trommeln und Trompeten, die zum Krieg und Sieg rufen. Kein Zweifel, daß ein Volk mit einem solchen Gottesglauben kraftvoll und tapfer auf seinen Feind losgehen wird.

460 Wenn die alten Israeliten so dachten und beteten, so ist das nicht verwunderlich, sie wußten es nicht besser. Aber was sollen wir dazu sagen, wenn nun in unseren Tagen auf die scheinbar allerfrömmste Weise von allen Seiten dieser Kriegs- und Siegesgott des Alten Testaments, man könnte auch sagen: dieser alte Sturmgott Wotan der heidnischen Germanen wieder hervorgeholt und zum wahren Gott gemacht wird, während alles das, was wir von Gott wissen könnten durch Jesus Christus, gleichsam in die Rumpelkammer gestellt wird auf spätere bessere Zeiten? Wir wollen nicht urteilen und richten, weil wir es kaum besser machen würden. Wie eine Krankheit ist dieses Wesen jetzt dort über Alle, auch über die Besten hereingebrochen. Aber anstecken, mitreißen lassen dürfen und wollen wir uns nicht. Rein soll uns das Bild Gottes bleiben. Und klar und deutlich, ungetrübt durch menschliche Parteinahme und Leidenschaft wollen wir sehen, wie er sich in Wirklichkeit zu solchen menschlichen Erfolgen und Mißerfolgen verhält.

Ein anderes Psalmwort, das weder von Sieg noch von Niederlagen und nicht einmal vom Krieg, überhaupt nicht vom menschlichen Wesen und Unwesen redet, soll uns dazu die rechte Anleitung geben: du hast vormals die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, aber du bleibest. Sie werden alle veralten wie ein Gewand. Sie werden verwandelt wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln wirst — du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende! Seht, da hören wir, was Gott in Wirklichkeit ist. Er ist der Schöpfer Himmels und der Erde, Alles, was ist, ist durch ihn. Es tut uns gut, gerade in dieser aufgeregten Zeit an den unendlichen Bereich der Macht Gottes zu denken, an den Raum ohne Schranken und Ende, in dem wir leben, an die Ewigkeit, aus der wir kommen und in die wir gehen und von der unser persönliches Leben und das Leben der ganzen Menschheit nur ein winzig kleines Abschnittlein ist. Wir reden von einem «Weltkrieg» in Bezug auf die gegenwärtigen Verhältnisse. Wir mögen es so nennen, aber wie klein ist doch eigentlich unser Europa im Verhältnis |461 zur ganzen Erde! Es gibt Millionen von Menschen, die von diesem Weltkrieg nie etwas erfahren, jedenfalls nie auch nur im Geringsten werden berührt werden. Und was bedeutet dieser Weltkrieg, wenn man an die Milliarden von Jahren denkt, seitdem unsere Erde ihre Bahn um die Sonne zieht und in denen sie und die Wesen, die sie bewohnen, schon so viel erlebt haben? Was bedeutet er für das Universum der Sonnen und Gestirne des Himmels, von denen unsere Erde eines der kleinsten ist und zu deren Beschreibung uns die Zahlen und die Begriffe fehlen?

Das alles ist aus Gott, aus diesem Gott, der die Liebe ist, der sich in seinen Geschöpfen allen verherrlichen will und von dem wir Menschen besonders einen Funken in unserer Seele tragen, der glühen und zur Flamme werden soll, sodaß wir an seinem ewigen Wesen teilnehmen. Aus dem Gott, der heilig ist, der seine Geschöpfe geschaffen hat zur Freiheit in ihm, zu einem Leben in seiner Güte und Vollkommenheit, und der über uns trauert, wenn wir uns in die Knechtschaft der Selbstsucht begeben. Aus dem Gott stammt Alles, der ein Gott der Gerechtigkeit und der Ordnung ist, dem Unterdrückung und Streit ein Greuel ist, eben weil in ihm selber nur Liebe und Freiheit ist. Alles ist aus Gott, Himmel und Erde, Gegenwärtiges wie Vergangenes und Zukünftiges, Großes und Kleines. Wie sollte nicht auch dieser Krieg, auch diese Siege und Niederlagen aus ihm sein, von ihm geschaffen und von ihm so gefügt wie alles Andere, was zwischen den Polen des Himmels von Ewigkeit her und in die Ewigkeit hinein geschehen ist, geschieht und geschehen wird! Davon müssen wir ausgehen, und dazu müssen wir immer wieder zurückkehren: Gott ist über Allem, und nichts ist ohne Gott. Aber sollte man darum wirklich, wenn nun so ein Volk auf dieser kleinen Erde einen Erfolg über das andere davongetragen, sagen können: seht da, Gott hat ihnen geholfen! wohl gar noch auf ein paar aufgeregte und selbstsüchtige Gebete hin? Sollte es da das Recht haben zu jubeln: Gott ist auf unserer Seite, in seiner Kraft haben wir die Feinde geschlagen, denn seine Güte währet ewiglich? O, in was für eine enge stickige Stubenluft ziehen wir da |462 den großen Gott herunter! Was für eine Lästerung seines heiligen Namens, ihn auf diese Weise mit unserem menschlichen Treiben in Verbindung zu bringen! Jawohl, er ist der Herr über Erfolg und Mißerfolg, und auch dieser Krieg und Alles, was er bringt, kann im letzten Grunde nichts Anderes sein, als eine Ausführung der Friedensgedanken, die er über uns hat.

Aber sehen wir wohl zu: Wie ists denn mit Allem, was Gott geschaffen hat, vom Größten bis zum Kleinsten? Sie werden vergehen, du aber bleibest, sagt der Psalmsänger. Sie werden alle veralten wie ein Gewand. Sie werden verwandelt werden wie ein Kleid, wenn du sie verwandelst. Was heißt das? Das heißt: das Geschöpf bleibt ewig unter dem Schöpfer. Da ist immer Unvollkommenheit, Beschränktheit, Schwäche, und darum ist da immer Veränderung, Wandel, Vergänglichkeit. Himmel und Erde, Sonne und Gestirne haben nicht ewigen Bestand. Sie haben ihre Zeiten, ihre ungeheuren Zeiten, verglichen mit unseren menschlichen Dingen, aber sie gehen auch vorüber, in langsamer Veränderung wie in ungeheuren Katastrophen werden sie etwas Anderes, als was sie gewesen sind. Da ist nichts auf die Dauer, eben weil nichts Vollkommenes ist, weil nichts Gott selber ist. Ewig ist nur das Leben aus Gott, das in allen Dingen wirksam ist; ewig ist nur Gott selber. Wenn das vom Universum gilt und von der Natur mit ihren ungeheuren Größen und Zeiten — und gerade die Wissenschaft der neueren Zeit hat uns gezeigt, wie unbedingt das gilt —, um wieviel mehr muß es von unseren kleinen menschlichen Dingen gelten, auch von diesem Krieg und den Erfolgen, von denen wir jetzt so viel hören! Sie werden vergehen, du aber bleibest. Deutlicher als bei irgend etwas Anderem können und müssen wir uns darüber klar sein bei solchen Kriegserfolgen. Denn deutlicher als irgend etwas anderes Großes auf Erden tragen gerade sie den Stempel des Menschlichen und darum Vorübergehenden, Vorläufigen. Das ist nicht ein Ziel Gottes, daß er es jetzt diese oder jene gewinnen läßt. Das ist eine Tatsache, die auch zu seinen Wegen gehört, aber ganz sicher bleibt er dabei nicht stehen, das ist für ihn nicht das Letzte, nur etwas, Gott hat ganz andere |463 Dinge vor als den Sieg oder die Niederlage dieser oder jener, sie geschehen jetzt, aber nachher geschieht dann auch ganz sicher wieder etwas Anderes, und diese Ereignisse, die uns jetzt so gewaltig und folgenschwer erscheinen, sind dann vorüber und erledigt. Gott braucht sie für den Augenblick, wie man ein Werkzeug braucht, aber dann haben sie keine Bedeutung mehr für ihn. Gott wirkt weiter, und die Stätte dessen, was geschehen ist, kennt man nicht mehr [vgl. Ps. 103,16].

Was ist denn der Krieg? was ist so ein Sieg? Seht auf die Schlachtfelder von Lothringen, von Belgien, von Ostpreußen, von Galizien, dann wißt ihrs. Tausende und Abertausende von Menschen, die sich gegenseitig haben hinschlachten müssen. Das war nur der Anfang, und so wird es weitergehen, wer weiß wie lange noch. Kann man angesichts dieser Dinge, angesichts all der Scheußlichkeiten, die vorgekommen sind, angesichts all des Herzeleids, das nun da ist und noch kommen wird, sagen: das sei nun ein Ziel Gottes gewesen, das habe nun Gott gewollt, da habe nun Gott dem Einen beigestanden, um über den Anderen herzufallen, der Gott, der die Liebe, die Freiheit, die Gerechtigkeit ist? Was hat Gott zu tun mit der größeren Klugheit und Rücksichtslosigkeit, mit den zahlreicheren Bataillonen, mit den mächtigeren Geschützen derer, die jetzt gesiegt haben? Will denn Gott das alles? Will denn Gott, daß die Menschen einander massenweise umbringen? Aber nun sagt man: Ja, der Krieg ist furchtbar, aber er ist doch von Gott, wenn er um eine gerechte Sache geht. Dann hilft Gott denen, die Recht haben. Ja, so sucht man sich dann zu entschuldigen. So hat selbst ein Mann, der dem Herzen Gottes so nahe stand wie Luther, reden können. Er hat eine besondere Schrift geschrieben darüber, daß die Christen mit gutem Gewissen Krieg führen dürften.2 Ein Krieg sei nichts Anderes, |464 als wenn der Henker auf Befehl der Obrigkeit einen Spitzbuben vom Leben zum Tode bringt. Nur daß im Kriege auf Befehl der Obrigkeit gleich eine ganze Menge Spitzbuben zu Tode gebracht würden!! Und darum sei er eine gerechte Sache. Was heißt denn da gerecht und ungerecht? Solange man denken kann, ist noch in jedem Krieg Selbstsucht und Übermut auf beiden Seiten die Ursache gewesen. Wenn es eine gerechte Sache gäbe unter den Menschen, wenn es wahr wäre, was jetzt alle Völker von sich sagen: Gott ist mit uns!, dann brauchten sie nicht Krieg zu führen. Das ist gerade beim jetzigen Krieg ganz klar. Man kann da auf keiner Seite von einer gerechten Sache reden. Die Großmächte, die jetzt miteinander im Krieg stehen, haben sich jahrzehntelang voreinander gefürchtet und haben einander jahrzehntelang gegenseitig bedroht mit immer stärkeren Rüstungen. Wer ist damit vorangegangen? wer hat sich am meisten gefürchtet, am stärksten die Anderen bedroht? Wer ist jetzt schließlich schuld gewesen, daß das übervolle Faß zum Überfließen gekommen ist? Das wird wohl der findigste und unparteiischste Geschichtsschreiber nicht ausmachen können, geschweige denn alle die vorurteilsvollen Leute, die jetzt zu Gunsten ihrer Völker in den Zeitungen schreiben. Man wird schließlich nur sagen können: es war in diesen Völkern Europas am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts ein ungeheurer Ehrgeiz, eine Eifersucht und ein Hochmut sondergleichen, und damit machten sie sich gegenseitig die Luft zu eng, und darum haßten sie einander, und darum rüsteten sie gegeneinander wie wahnsinnig, und darum mußte schließlich dieser Weltkrieg ausbrechen. Von einer gerechten Sache kann da ehrlicherweise auf keiner Seite die Rede sein, und darum auch nicht davon, daß Gott sich nun auf diese oder jene Seite stelle und der gerechten Sache zum Sieg verhelfe.

Gott will ja doch dies alles nicht, weder die Selbstsucht und den Hochmut in den Menschen, noch den gegenseitigen Haß der Völker, noch ihre Angst voreinander und ihre drohenden Rüstungen, noch schließlich, daß sie einander mit feinem und grobem |465 Geschütz zu Wasser und zu Land und in der Luft ans Leben gehen. Alle diese Dinge sind dem innersten Wesen Gottes völlig fremd. Und wenn sie nun trotzdem geschehen, so gibt es dafür nur eine Erklärung: daß dieses innerste Wesen Gottes auch den Menschen völlig fremd ist. Sie handeln bei diesem Tun vom ersten bis zum letzten Schritt nicht in Gottes Sinn und Auftrag, sondern gegen ihn. Sie können sich darum auch nicht auf Gott berufen, ihn nicht zu Hilfe rufen, nicht von ihm verlangen, daß er für sie Partei nehme. Gott steht ihnen wie ihren Feinden gleich fern in dem Zorn, mit dem ihn ihr Wesen erfüllt, aber auch in der Liebe, mit der er sie beide aus ihrer Verwirrung zu sich ziehen möchte. Und das bleibt sich nun gleich im Sieg oder in der Niederlage. Sie können vielleicht siegen, und doch stehen sie unter dem schweren Zorn Gottes, der früher oder später ihnen zeigen wird, daß er seiner nicht spotten läßt [vgl. Gal. 6,7]. Sie können aber auch unterliegen und dabei die Erfahrung machen, daß sie gerade dadurch Gottes Reich nähergekommen sind.

Und darum geht es auch nicht an, zu beten: Herr gib uns Sieg! Wer ist denn der, den wir um solches bitten? Und wie dürfen wir ihn um Erfolg bitten, wenn wir auf krummen gottlosen Wegen sind? Wie dürfen wir ihm danken, wenn wir auf diesen Wegen ferne von ihm Erfolg gehabt haben? Was für eine jammervolle Verblendung zeigt sich in diesem Bitten und Danken! Man lacht darüber, daß die Straßenräuber in Süditalien nie versäumen, vor und nach ihren Raubzügen der Madonna ihre Gebete und Gaben darzubringen. Aber machen denn eigentlich die Christen der kriegführenden Länder um uns her etwas Anderes mit ihren Siegesgebeten? O wenn doch durch diesen furchtbaren Krieg ein Erwachen über die arme Christenheit kommen würde, ein Erwachen, daß sie einsehen müßte: so gehts nicht weiter! Zum letzten Mal haben wir nun gebetet und gedankt für siegreiche Schlachten! Zum letzten Mal haben wir Gott hineingezogen in unseren ruchlosen Wunsch, über die Anderen, über unsere Brüder Meister zu werden! Zum letzten Mal sind wir in dem Wahn gewesen, um des Rechtes willen und in der Kraft Gottes hassen und töten |466 zu müssen! Wir können nicht mehr, es ist eine zu furchtbare Lüge, das alles. Was heißt denn das: Siegen! Erfolg haben auf einem bösen Wege! Und darum sollten wir bitten, dafür sollten wir danken, da sollten wir überhaupt mit ruhigem Gewissen zu Gott aufblicken können? Das können wir nicht mehr, das ist zu frevelhaft, zu heuchlerisch, zu gottlos.

Und weil wir doch zu Gott aufblicken wollen, darum wollen wir den Haß und die Drohung und den Krieg nicht mehr, wir wollen umkehren auf unseren bösen Wegen, wir wollen innerlichst andere Menschen werden, ein neues Volk, das auf Gottes heiligen Willen aufmerkt. O wenn der Krieg diese Folge hätte, daß die Menschheit oder doch wieder ein großer Teil der Menschheit dieser Erkenntnis näher käme: Gott will den Krieg nicht! Die Völker können nicht mehr mit gutem Gewissen Krieg führen. Sie können sich mit dem Krieg nur unglücklich machen, und sie können sich dadurch nur in die abscheulichste Heuchelei stürzen!, und wenn dann der Wille aufwachen würde, kräftig und allgemein in Tausenden und Millionen: wir wollen den Krieg nicht mehr, wollen das alles nicht mehr in den Herzen und Gewohnheiten und Zuständen, was zum Kriege führen muß — wenn jene Erkenntnis und dieser Wille uns kommen würden durch den Krieg — was wäre es dann für ein Segen für uns! Ja, ein Segen! Wir sagten ja vorhin, der Krieg, auch dieser Krieg sei nicht ohne Gott. Das kann wie ein Rätsel erscheinen, nachdem wir nun eben hörten: Gott will den Krieg nicht! Und es ist doch kein Rätsel. Gott läßt uns Menschen eben unseren Weg gehen, das ists. Wir fangen an mit der Selbstsucht, wir fahren fort mit dem Haß, und wir endigen mit dem blutigen mörderischen Krieg. Wir sündigen und sündigen, und plötzlich strafen wir uns selbst aufs furchtbarste. Das will Gott. Das ist seine Ordnung, obwohl er den Krieg nicht will. Er will aber, daß uns durch den Krieg unsere Sünde verleidet werde, weil der Krieg nichts Anderes ist als die Folge der Sünde. Wenn die Sünde und ihre Folgen dann so mächtig geworden sind, dann kann die Gnade umso mächtiger werden [vgl. Röm. 5,20]. Wenn es uns klar vor Augen steht: so kommts auf |467 unserem eigenen Weg, so enden wir im fürchterlichsten Wahnsinn, Unrecht und Elend, dann kann die Kraft Gottes bei uns einsetzen, die uns den vergessenen Weg der Wahrheit und des Friedens führt. So hat der Krieg, auch dieser schreckliche Krieg, seine Stelle in Gottes Friedensgedanken über uns.

Und darauf kommt es nun an für uns Menschen, daß wir von dem Zorn und von der unaussprechlichen Gnade Gottes, die den europäischen Völkern jetzt so nahe tritt, eine lebendige Erfahrung bekommen. Alles Andere hilft uns nichts. Sieg und Niederlage können sich auch diesmal wieder gar bald in ihr Gegenteil verwandeln. Seit Tausenden von Jahren ist die Geschichte der Menschheit nur eine wechselnde Geschichte von Siegen und Niederlagen. Gott hat es geschehen lassen, daß die Menschen immer wieder ihre Wege gingen und auf ihren Wegen unglücklich wurden. Sieg und Erfolg sollten nicht mehr das sein, was sie begehren, was haben sie denn davon? Wohl aber sollten wir alle durch den Sturm dieser Zeit, an dem die Menschen selbst schuld sind, Gott mit uns reden lassen. Sie werden vergehen, du aber bleibest! Solange jetzt bloß um Sieg und Erfolg gebetet wird, solange hört er uns nicht, solange werden wir durch eigene Schuld immer nur neuen Stürmen entgegengehen.

Auch wir Schweizer wollen nicht so denken und nicht so beten. Ja wir wollen beten für unser liebes Vaterland, aber nicht nach der Weise der alten Juden und Heiden, nicht zu einem Kriegsgott oder Siegesgott. Nicht das kleinliche selbstsüchtige Gebet: Verschone unsere Häuser, zünd lieber andere an! Auch wir könnten ja im Ernstfall keineswegs mit unserer gerechten Sache prahlen! Auch wir könnten durchaus nicht ohne Weiteres verlangen, daß der liebe Gott gerade hinter unseren Soldaten und Kanonen stehen müsse. Auch wir sind durch unser ganzes Wesen mitschuldig an den heutigen Zuständen auf der Erde. Sondern beten wollen wir, wie Jesus uns geheißen hat: dein Reich komme! dein Wille geschehe! und vergib uns unsere Schulden! und erlöse uns von dem Bösen! [Mt. 6,10f.]. Herr, mach uns frei, nicht von den Feinden, sondern von den Mächten der Finsternis, die in uns |468 und unter uns sind, von der Lüge und vom Hochmut, vom Geiz und vom Leichtsinn. Herr, laß uns siegen, nicht über fremde Völker, sondern über uns selbst mit unserer Selbstsucht. Herr, laß uns triumphieren, nicht in äußeren Erfolgen, sondern indem wir uns füllen und stark machen lassen von deiner Liebe und Freiheit und Gerechtigkeit. Das sei unser Kriegsgebet, das Kriegsgebet eines neutralen Volkes, liebe Freunde. O wie wird das sein, wenn wir einmal alle von Herzen so denken und so beten werden! O wie wird das sein, wenn einmal auch die anderen Völker um uns her, die jetzt berauscht sind von Haß und Leidenschaft, wieder mit uns dieses Kriegsgebet um den Gottesfrieden beten werden! Wird es dazu kommen? Werden wir alle, wir Schweizer und die Anderen, jene lebendige Erfahrung vom Zorn und von der Gnade Gottes machen? Werden wir durch die Schrecken dieser Zeit wieder aufmerksam werden auf das Eine, was uns not tut [vgl. Lk. 10,42], auf die eine Religion, die die wahre ist? Gott gebe es uns. Wenn wir so beten, dann erhört er uns. Denn dann stehen wir [auf] festem Boden. Dann haben wir unser Herz dort, wo nicht mehr Wandel und Vergänglichkeit herrscht, sondern Bleiben, Sicherheit und Festigkeit. Was menschlich ist, das ist vergänglich. Was göttlich ist, das bleibt. Was könnten wir uns Köstlicheres wünschen in dieser Zeit, als daß unser Herz fest werde [vgl. Hebr. 13,9]?

Amen

Sachfußnoten

1
In der Schlacht bei Tannenberg (26.-30. August 1914) gerieten 93000 Russen in deutsche Kriegsgefangenschaft.↩
2
M. Luther, «Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können» (1526), WA 19,623–662 📖. Im August und September 1914 druckte M. Rade diese Schrift auszugsweise in Fortsetzungen in der «Christlichen Welt» (Nr. 34–38) 📖 ab. Vgl. Barths kritische Äußerung dazu in seinem Brief vom 29. August 1914 an E. Thurneysen, in: «K. Barth / E. Thurneysen, Briefwechsel» Bd. I, 1913–1921, Zürich 1973, S. 7 📖.↩