<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-5043">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 8,23-26</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 8,23-26, 13. September 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5043 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 468–481.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5043</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 8,23-26</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 468-481</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">43</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 238</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 8,23-26, 13. September 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1678">KBA 1216</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1914-09-13">13. September 1914</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:36+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:36+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p468" ed="pga"/>
        <div type="opener">
        <head>
                        <idno>238</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-09-13">13. September 1914</date><note xml:id="n01">Mit Bleistift von Barth hinzugefügt: <hi rend="italic">
                                <placeName ref="kbga-places-243">Kölliken</placeName></hi>
                     <date when="1914-09-16">16. Sept.</date>
                  </note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.23 Mt.8.26">Matthäus 8,23–26</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Wir stehen vor dem eidgenössischen Bettag. In frommem Sinn haben ihn unsere Vorfahren
               eingeführt, daß an diesem Tage das
               <pb xml:id="p469" ed="pga"/>
                ganze Volk dankbar und reuig und betend sich erinnern solle: Ein Höherer waltet über
               dem <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweizerland</orgName>, und seiner Hände Werk sind wir. Er ist wohl manches Jahr ohne
               allzuviel Ernst und Tiefe gefeiert worden, der Bettag. Man nahm ihn eben so hin als
               alten Brauch, den 3. Sonntag im September, man hörte eine Predigt über das Vaterland,
               über Gottes Vorsehung und unsere menschliche Torheit, man besuchte auch wohl das
               heilige Abendmahl, aber das alles war oft mehr äußerlich als innerlich. Wir hätten
               kaum ganz im Ernst sagen können, daß uns das ein Bedürfnis und eine Notwendigkeit
               war. Wir spürten es nicht so recht, daß das wirklich zusammengehört: Gott und das
               Vaterland, Jesus und unser Volk, das Evangelium und der rechte Schweizersinn. Wir
               dachten immer noch in einem Winkelchen unseres Herzens, daß eins vielleicht auch ohne
               das andere sein könnte, auch wenn wir pflichtschuldigst oder von einem gewissen Drang
               getrieben an diesem Tag zur Kirche gingen.</p>
        <p>Das wird nun dies Jahr für die übergroße Mehrzahl unseres Volkes anders sein. Es wird
               dies Jahr kaum jemand fragen, offen oder in der Stille: wozu der Bettag? wir
               verstehen es alle ohne Weiteres, oder wir ahnen es doch. Wir haben nun seit sechs
               Wochen ununterbrochen Bettag gehabt, ununterbrochen an alles das denken müssen, was
               uns sonst dieser eine Sonntag nahelegen wollte: an das Wirken Gottes im Völkerleben,
               an die Heiligkeit seiner Gebote, die für die Staaten gelten so gut wie für die
               Einzelnen, an den Ernst und die Schwere der Gerichte, die wir uns zuziehen, wenn wir
               uns von ihm loslassen, an die unerschütterliche Tatsache, daß auch unser liebes
               Schweizervolk und <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName> nur durch Gerechtigkeit erhöht werden kann, die Sünde
               aber unser Verderben sein muß [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.14.34">Spr. 14,34</ref>]. Wie sollten wir es nicht sofort fühlen, was
               das bedeutet, wenn dies Jahr die Bettagsglocken uns zurufen werden: ein Gott ist, ein
               heiliger Wille lebt, ob auch der menschliche wanke … Der Donner der Kanonen an unseren
               Grenzen hat uns längst dasselbe gesagt, viel eindringlicher und deutlicher als alle
               Kirchenglocken. Aber wie wir in dieser ganzen ernsten Zeit nicht stehen bleiben
               wollen bei den
               <pb xml:id="p470" ed="pga"/>
                ersten oberflächlichen Gedanken und Gefühlserregungen, so wollen wir auch am Bettag
               vordringen zum Höchsten und zum Tiefsten, was er uns dies Jahr zu sagen hat. Hüten
               wir uns vor den bloß äußerlichen Gemütserschütterungen! Hüten wir uns vor allen
               bloßen Redensarten! Wir haben es mit dem lebendigen, heiligen und liebevollen Gott zu
               tun! Laßt uns darüber nachdenken, was wir am Bettag bei ihm suchen wollen und was bei
               ihm zu finden ist.</p>
        <p>Ein <hi rend="italic">Sturm</hi> ist über uns gekommen, wie dort über das Schifflein mit
               den Jüngern Jesu. Heulend und pfeifend ist er auf einmal losgebrochen auf die stillen
               Wasser, in denen sich die Sonne spiegelte. Gott weiß, aus welcher Wetterecke er
               gekommen ist, wir sahen ihn nicht heraufziehen, er war auf einmal da. Finster ist der
               Himmel und unsichtbar das Land. In unabsehbarer Folge, Schlag auf Schlag kommen die
               Wogen daher, jede verderbendrohend, jede irgendwie verderbenbringend. Und wir sind
               unterwegs, mitten drin, es ist kein Traum, es ist bittere Wahrheit. O wenn wir uns
               retten könnten, wenn wir am sicheren Ufer wären! Aber da gibt es nun nichts Anderes,
               die Wellen fragen uns nicht, ob sie uns gefallen, und ans Ufer gibt es keinen anderen
               Weg als den mitten durch die Wellen hindurch. Wie wird es uns ergehen? So ist der <hi rend="italic">Krieg</hi> über uns gekommen. Jäh und unerwartet sind die Völker aus
               ihrer Ruhe aufgeschreckt worden. Zuerst zum Aufmerken gezwungen auf die Anzeichen des
               heranziehenden, immer unvermeidlicheren Unheils. Dann der plötzliche Stillstand alles
               bisherigen Lebens, die unerhörte Unterbrechung der Arbeit und der Freude, der
               Kulturwerke und der Sünden der Friedenszeit, die jähe Angst: was wird nun werden? was
               sollen wir essen, was sollen wir trinken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.25">Mt. 6,25</ref>]? Und dann der Auszug all der Millionen, diese
               ungeheuren Menschenbewegungen, die nun alle endigen müssen mit Zusammenstößen und
               immer neuen Zusammenstößen, nach denen jedesmal Tausende und Abertausende von Leichen
               die Felder bedecken. Und hinter den Kämpfenden immer neue Armeen, die der Schlacht
               entgegengeführt werden. Und hinter den Armeen andere Millionen, die
               <pb xml:id="p471" ed="pga"/>
                den Ereignissen da vorne mit einer Spannung folgen, die jedes andere Interesse
               ausschließt. So wogt nun Welle um Welle dahin. Wer wollte ausmachen, wer den Sturm
               entfesselt hat? Alle Anklagen gegen einzelne Persönlichkeiten und Völker sind
               albernes Geschwätz vor Gott. Solche Katastrophen werden nicht von heute auf morgen
               gemacht, und die Schuld daran liegt tiefer, als daß man sie diesem oder jenem
               eilfertig zuschieben könnte. Wer von all den Millionen, die jetzt in den Krieg
               geführt werden oder ihn von Weitem mit ihren Gedanken begleiten, wer könnte auch nur
               sagen, wofür eigentlich gekämpft wird? «Für das Vaterland» würden sie antworten in
               allen Sprachen, aber warum das Vaterland anderer Leute Vaterland bekämpfen müsse, das
               wüßten wieder die Allermeisten nicht zu sagen, und niemand könnte einen eigentlich
               befriedigenden Grund angeben. Was wissen die Wassertropfen, die vom Winde zur Welle
               geformt werden? Was weiß die Luft, die unter dem Druck der Atmosphäre zum Wind, zum
               Sturm wird? Was wissen die Wolken, die Blitz und Donner erzeugen, die sich zu Regen
               und Hagel verdichten müssen? Sie alle müssen. Und so mußte jetzt Krieg sein. Wir
               wissen nur, daß er da ist. Und daß er schrecklich, scheußlich ist.</p>
        <p>Der Krieg war immer etwas Fürchterliches. Von manchem blutigen Schlachtfeld, von
               unzähligen Verheerungen erzählt uns die Geschichte. Aber was war der Krieg für ein
               gemütliches Treiben in alten Zeiten, dann und wann freilich unterbrochen von einem
               Gemetzel, einer Greueltat. Heute ist er <hi rend="italic">ein</hi> zusammenhängendes,
               massenhaftes Morden geworden. Was will es besagen, wenn die Kriegsgebräuche
               menschlicher geworden sind, der Krieg selber ist nur umso unmenschlicher, weil
               gründlicher geworden. Die Kampfmittel sind größer und vollkommener geworden, und im
               Verhältnis dazu ist die Leidenschaft auf beiden Seiten und das Leiden gewachsen. Und
               was den Krieg heutzutage besonders unerträglich macht, das ist der Gegensatz, in dem
               dieses gründlich überlegte Vernichten und Töten steht zu der Stufe von Civilisation,
               die die europäischen Völker wenigstens äußerlich heute erreicht haben. Wenn rohe
               Wilde mit Speer und Steinaxt über<pb xml:id="p472" ed="pga" break="no"/>einander herfallen, so wundert uns das nicht allzusehr, aber was sollen wir sagen,
               wenn wir unmittelbar hintereinander etwa das Bild unserer <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName><note xml:id="n02">Vgl. Predigt 224 vom <date when="1914-06-07">7. Juni 1914</date>, <ref type="pub" target="./5028.xml">S. 287ff.</ref>
               </note> und die nächtlichen Blutbäder von <placeName ref="kbga-places-974">Mülhausen</placeName><note xml:id="n03">Schlacht bei
                  <placeName ref="kbga-places-974">Mülhausen/Elsaß</placeName> am <date when="1914-08-19">19. August 1914</date>. Zunächst war den Franzosen unter
                  dem Beifall der Bevölkerung die Einnahme der Stadt im Handstreich gelungen. Bei
                  der Rückgewinnung der Stadt nahmen die Deutschen empfindliche Rache.</note> und
                  <placeName ref="kbga-places-975">Löwen</placeName><note xml:id="n04">
                            <placeName ref="kbga-places-975">Löwen</placeName> wurde fälschlich der Teilnahme an
                  Franktireur-Überfällen beschuldigt, beschossen und teilweise eingeäschert
                     (<date when="1914-08-14">14. August 1914</date>). Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-1558">
                                <persName ref="kbga-actors-293">P. Natorp</persName>, «<hi rend="italic">Löwen. Brief an einen
                           holländischen Theologen</hi>», in: CW, Jg. 28
                        (1914), Sp. 861f.</bibl>, und Barths kritische Äußerung über diese Stellungnahme <persName ref="kbga-actors-293">Natorps</persName> in der Predigt 242 vom <date when="1914-10-18">18. Oktober 1914</date>
                     bei <ref type="pub" target="5047#fn_n07">Anm. 7.</ref>
               </note> uns in Gedanken vor Augen stellen? Das soll Beides die europäische Menschheit
               sein? Und es soll wahr sein: sie will das Beides sein: die Blüte des geistigen und
               materiellen Fortschritts und eine Bande von Raubtieren, die sich um einer Wahnidee
               von Rasse und Macht willen gegenseitig anfällt und umbringt? Muß dieser fürchterliche
               Widerspruch Einen nicht irremachen an Allem, was die Menschen seit Jahrhunderten
               geglaubt und geleistet haben? Ich habe in diesen Wochen mehr als Einen sagen hören,
               er möchte am liebsten keine Zeitung mehr anrühren, so niederdrückend sei das alles,
               wovon ihre Spalten jetzt voll sind. Und wenn wir, die wir vorläufig noch nebenaus
               stehen, von diesen Vorgängen bis ins Innerste erschüttert sind, uns in eine andere
               Welt, eine Welt des Schreckens versetzt fühlen, wie muß es erst denen zu Mute sein,
               die direkt an diesen Vorgängen teilnehmen oder davon betroffen sind! Was geht jetzt
               vor in all den Seelen der Soldaten, die mitten aus ihrer friedlichen Beschäftigung
               herausgerissen worden sind, um zu kämpfen, zu töten, zu zerstören? Was spielen sich
               jetzt für Leidensszenen ab auf den endlosen Schlachtfeldern, in den Lazaretten? Was
               für Ausbrüche von Wut und Gemeinheit! Ich denke an das, was in <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName> vorgegangen
               ist und vorgeht, diese verzweifelte hinterlistige Gegenwehr der Einwohner gegen die
               Eindringlinge, die ihr neutrales Land überfallen haben, diese
               <pb xml:id="p473" ed="pga"/>
                erbitterte Rache, die die Deutschen dann wieder nehmen. Wer hat da Recht und wer
               Unrecht? Es ist töricht, darüber zu studieren, man kann nur sagen: Entsetzlich, daß
               Menschen dahin kommen können, so aneinander zu handeln, aber das ist der Krieg.
               Wieviele Menschenleben werden jetzt plötzlich willkürlich zerstört mitten in ihrer
               Entwicklung! Was mag alles geschlummert haben von ungebrauchten Kräften, ungelösten
               Aufgaben, ungesühnter Schuld und unerlösten Gewissen in all den Seelen, die nun auf
               einmal in die Ewigkeit gerufen werden! Nichts mehr von Allem, was da nach Entfaltung
               drängte, was da seine Erfüllung finden sollte in einem tätigen Leben, vielleicht in
               einem besseren Leben, als der Anfang gewesen war. Nichts mehr davon. Das Ende ist ein
               Massengrab in fremdem Land. Gott ist gnädig, aber warum dürfen die Menschen einander
               das antun?</p>
        <p>Mit tiefem Schmerz sehen wir, wie jetzt auch gebildete christliche Leute auf beiden
               Seiten völlig die Besinnung und den Halt verlieren, sich hineinziehen lassen in den
               Wirbel des Kriegsrausches und nichts Höheres mehr zu kennen scheinen als die
               barbarische Losung: Haß, Kampf und Sieg. Da fliegen nun die Vorwürfe und
               Beschuldigungen hin und her, da wird nur der Wert des eigenen Volkes herausgestrichen
               und Gott als Gehilfe seiner Sache herbeigerufen, und so wunderselten lassen sie etwas
               verlauten von dem Tieferen, das <hi rend="italic">allen</hi> Völkern gleicherweise fehlt
               und Allen gleicherweise Heil bringen würde. Das sind auch Opfer des Kriegs,
               wenngleich unblutige Opfer.</p>
        <p>Und mit besonderer Teilnahme denken wir an all die Frauen und Kinder und Eltern, die
               nun die Ihrigen haben hinausziehen sehen. Ach, wenn die Völker noch so verschieden
               sind, noch so feindselig sich gegenüberstehen, dieses Bild ist jetzt doch überall das
               gleiche, in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-380">Österreich</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName> — das Bild der
               Zurückgebliebenen, die nun so furchtbar bange Zeiten durchmachen müssen, gierig nach
               jedem Lebenszeichen von ihren Lieben da draußen vor dem Feind, und bei jeder Post
               gewärtig, eine Todesnachricht zu empfangen. Was für ein Meer von Jammer schon jetzt
               in allen diesen Ländern, in
               <pb xml:id="p474" ed="pga"/>
                den Städten und auf den Dörfern, auf den Bergen und am Meer! Sollte nicht schon
               dieses Eine, dieses unnennbare Leid der Witwen und Waisen die Völker innehalten
               lassen in ihrem Tun? Wird es dadurch leichter gemacht, daß man nicht sagt: «tot»
               sondern: «gefallen für König und Vaterland»? Wann werden die Menschen aufwachen und
               Menschen werden? Noch denken sie nicht daran, noch geht das alles blindlings weiter,
               das Töten, das Sterben, die Verzweiflung, die Not, der Haß, das frühzeitig gebrochene
               Leben, die tolle Kriegsbegeisterung, die gotteslästerlichen Gebete, die Flut von
               Tränen derer, denen ihre Liebsten geraubt werden. Noch geht das alles weiter, Unrecht
               türmt sich auf Unrecht, Leid auf Leid, und menschlich gesprochen müssen wir sagen,
               daß das alles nur ein Anfang ist. Wie wird es weitergehen? Was wird das Ende sein?
               Ist überhaupt ein Ende möglich bei den ungeheuren Kräften, die hüben und drüben im
               Spiele sind? Unsere Gedanken kommen ins Irren, wenn sie in die Zukunft schweifen
               wollen. Weniger als je wissen wir, was der morgende Tag uns bringen wird. — Das ist
               der Sturm, der über uns gekommen ist, und mitten in diesem Sturm sollen wir diesmal
               Bettag feiern.</p>
        <p>Was sollen wir an diesem Bettag bei Gott suchen? Das Nächstliegendste wird ja sein,
               daß wir seufzen und schreien wie die Jünger im Schifflein auf dem <placeName ref="kbga-places-947">See Genezareth</placeName>: <hi rend="italic">Herr hilf uns, wir verderben!</hi> Unwillkürlich wandern in einer solchen
               Zeit der Angst und des Schreckens unsere Gedanken zu Gott hin mit der Bitte: Hilf
               uns! Unzählige, die sich sonst wenig um ihn gekümmert oder die ihn wohl mit den
               Lippen und mit den Sonntagskleidern und mit ein paar weichen Gefühlen, aber nicht mit
               dem Herzen und mit der Tat gekannt haben, Unzählige haben sich auf einmal seiner
               wieder erinnert. Trotzig sind die Einen vor ihn getreten mit der Frage: bist du ein
               Gott der Liebe, warum lässest du das alles zu? Und in ihrer Seelenangst sind die
               Anderen in die Kirchen gelaufen mit der Bitte: du wirst doch das Schrecklichste nicht
               auch über uns kommen lassen! Es werden auch am Bettag viele solche Gedanken und
               Gebete zum Himmel emporsteigen. Was sollen wir dazu sagen? Es haben ja noch alle
               ernsten aufrichtigen
               <pb xml:id="p475" ed="pga"/>
                Christen so gedacht und gebetet, denken und beten noch so. Dieser Ruf: Herr, hilf
               uns, wir verderben! ist die erste natürliche Regung des Menschenherzens in solcher
               Lage. Wir alle, auch die Ernsteren und Aufrichtigeren, nicht nur die, die erst jetzt,
               bei dieser Gelegenheit, ihr Christentum wieder hervorholten wie ein altes brauchbares
               Werkzeug für den Fall, daß es ganz schlimm kommen sollte, wir alle waren doch oft mit
               unseren Gedanken und unserem ganzen Wesen sehr weit weg von Gott. Wir ehrten und
               respektierten ihn, aber wir machten es alle im Grunde ein wenig ohne ihn, ohne es zu
               merken. Wir fühlten uns so sicher. Wir waren so zufrieden mit uns selbst und unserer
               Lage. Jetzt wurden wir auf einmal aufgerüttelt, jetzt spürten wir auf einmal: wie
               schwach und abhängig sind wir doch! wie nichtig, wie verbrecherisch unser
               menschliches Wesen!, jetzt sahen wir uns auf einmal am Rande eines Abgrunds. Und nun
               rufen wir auf einmal wieder: O Herr Gott, hilf! Recht wie die Kinder: Nachdem wir
               lange geschlafen haben und unsanft geweckt worden sind, meinen <hi rend="italic">wir</hi>
               den lieben <hi rend="italic">Gott</hi> wecken zu müssen, daß er Alles wieder in Ordnung
               bringe. Es ist gut, daß Gott größer ist als wir, daß er uns nicht Alles übelnimmt,
               was er uns übelnehmen könnte. Jesus hat es ja seinen Jüngern auch nicht übelgenommen,
               als sie ihn so ängstlich weckten. Gott hört auch solche ängstlichen und verworrenen
               Gebete, so jämmerlich und selbstsüchtig sie oft sind. Vor ihm ist nichts verloren,
               was aus einem Menschenherzen hilflos den Weg zu ihm sucht. Gott hört auch die, die
               jetzt zornig reklamieren: Wo bleibt nun Gott, wenn solches geschehen darf? Das kann
               ja auch eine Art Gebet sein, wenngleich ein ziemlich trotziges. Gott nimmt auch das
               nicht übel.</p>
        <p>Und so mag dann auch am Bettag der Ruf: Herr, hilf uns, wir verderben! laut werden,
               hier jämmerlich und dort trotzig. Gott kennt seine mancherlei Kinder und weiß besser,
               wie es gemeint ist. Als der <hi rend="italic">Anfang</hi> eines rechten Dankes an Gott und
               eines rechten Betens zu ihm mag dieser Ruf laut werden. Aber freilich nur als ein
               Anfang. Das darf nicht das Letzte sein. Wir dürfen nicht dabei bleiben wollen, Gott
               zu bitten, er möge unserer Not und der
               <pb xml:id="p476" ed="pga"/>
                Not der armen Welt ein Ende bereiten, oder uns darüber aufzuhalten, daß er es nicht
               schon lange getan hat. Wenn wir nichts haben als diesen Gedanken, dann müßten wir uns
               am Bettag wie die Jünger auf dem Meer von Jesus sagen lassen: <hi rend="italic">Ihr
                  Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?</hi> Es ist auch eine Art Glaube,
               diese Art Gedanken, bei jenen damals und bei uns heute. Aber eben ein kleiner, ein
               heidnischer Glaube, ein Glaube, der eines Christen nicht würdig ist. Er hat keinen
               Halt und keine Tiefe. Er hat keinen Ernst und gibt keinen Trost und keine Kraft. Wir
               können das an uns selbst sehen. Es ist an jenem ersten Sonntag im August, der uns
               sicher allen in Erinnerung bleiben wird, Manches in die Kirche gekommen, um zu beten:
               Herr, hilf uns!, das in der Woche vorher ebenso schlotternd auf die Sparkasse und in
               den Spezereiladen gesprungen war, um für sein liebes Ich zu sorgen, obwohl es wußte,
               wie es damit der Allgemeinheit schadet. Paßt das zusammen, jenes Gebet und dieses
               selbstsüchtige Tun? Das war kleiner Glaube, Glaube ohne Ernst. Und wie würde es denen
               gehen, die nichts wüßten, als Gott anzujammern: Herr, hilf uns! oder ihn anzuklagen,
               daß er es so weit habe kommen lassen, wie wird es ihnen gehen, wenn nun eine
               wirkliche, ernsthafte Prüfung über sie hereinbrechen sollte? Wir sind durchaus noch
               nicht sicher davor. O, wie kraftlos würden die dann dastehen, die nur zu jammern oder
               zu reklamieren wüßten, kraftlos mit ihrem kleinen Glauben! Und wie werden es die
               Gleichen machen, wenn die Gefahr und das Unheil einmal vorbei sind, sodaß man wieder
               ruhig aufatmen und an etwas Anderes als an den Krieg ernsthaft denken kann? O mir
               ists, ich sehe und höre sie schon, und ich habe oft förmlich Angst vor dieser Zeit
               der Ruhe nach dem Sturm, wo sie dann wieder so sicher und zufrieden und
               selbstgefällig einhergehen und Alles ansehen und anstellen werden, genau wie sie es
               vorher getan. Ein kleiner Glaube, ein Furchtglaube, der keine Früchte trägt, ein
               Glaube, der sich nur ein klein wenig herauswagt aus den Niederungen, wenn das Unglück
               allzusehr auf die Finger brennt, um dann sofort, wenn er Ruhe hat, wieder
               zurückzuhupfen dahin, woher er gekommen ist. O wenn es doch
               <pb xml:id="p477" ed="pga"/>
                Wenige, Keine wären unter uns, die diesen Vorwurf: ihr Kleingläubigen, warum seid
               ihr so furchtsam? verdienten! Wenn wirs doch alle merken würden in dieser
               Bettagszeit: das ist zu wenig, das genügt nicht, ich brauche mehr und Besseres, mit
               diesem kleinen Glauben komme ich nicht durch in Zeit und Ewigkeit. Wir dürfen damit
               anfangen. Wir dürfen dieses Gebet: Herr, hilf uns! beten gleichsam als ersten Schritt
               zu dem Gott hin, den wir vergessen hatten und der uns jetzt durch den Donner der
               Geschütze, durch das Seufzen von Tausenden von Sterbenden, durch die Tränen all der
               Verlassenen, durch all das millionenfache Unrecht und Unglück, das jetzt losgebrochen
               ist, in so schrecklicher Weise geweckt hat. Aber wir dürfen dabei nicht bleiben. Wir
               müssen um jeden Preis weiter, höher hinauf. Wir haben Gott noch nicht gefunden, wir
               haben das, was wir brauchen, noch nicht gefunden, wenn wir hier bleiben wollten.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Weiter? Wohin?</hi> Nun, was hätten denn die Jünger Jesu tun
               sollen, statt bloß so aufgeregt zu jammern und aufzubegehren? Sie hätten daran denken
               sollen, daß Jesus bei ihnen war. Wer glaubt, der fürchtet sich nicht. Wer Gottes
               gewiß ist, der hat allem Unglück und aller Gefahr gegenüber eine ganz bestimmte
               Haltung. Er kennt den, der der Herr ist über Alles, was geschieht, und er weiß aufs
               klarste, was er von diesem Herrn zu erwarten hat. Er kennt ihn als den, der heilig
               ist und gerecht, als den, der die Weisheit und die Liebe ist, und er weiß, daß dieser
               Gott über Alles Meister werden muß und werden wird. Warum sollte er Angst haben vor
               Wind und Wellen? Er hat viel Besseres zu tun. Er kann nur das eine Anliegen haben,
               Gottes ganz gewiß zu bleiben, ihn ja nicht aus den Augen zu verlieren. Solange er ihn
               kennt, solange er aus tiefstem Herzen zu ihm sagen kann: mein Vater!, solange ist ja
               Alles gut; solange hat das schwerste Unglück und die größte Gefahr einfach keine
               Macht über ihn. Er sieht sie wohl auch, er sieht sie mit klaren Augen, aber er sieht
               sie gleichsam vom Standpunkte Gottes aus. Da unten, tief unten, Wind und Wellen auf
               dem <placeName ref="kbga-places-947">See Genezareth</placeName>. Was haben sie zu bedeuten vor Gott? Wie wenig braucht es, um sie
               zur Ruhe zu bringen, wenn
               <pb xml:id="p478" ed="pga"/>
                es sein Wille ist. Und es ist ja sein Wille. Es ist doch ganz unmöglich, daß Jesus
               mitten in seinem Werk im <placeName ref="kbga-places-947">See Genezareth</placeName> endigt, und seine Getreuen auch nicht. Das
               kann nicht das Ende sein. Da heißt es: hindurch! Gerudert und auf Gott gewartet! Aber
               nicht gejammert und geklagt. So hätte Jesus seine Freunde haben wollen. So hätten sie
               sein sollen. So hätten sie sein müssen, wenn sie an ihn gedacht hätten. Und um ihnen
               zu zeigen, wie sie hätten sein müssen, tat er das Erstaunliche: <hi rend="italic">er stand
                  auf und bedräute den Wind und das Meer, da ward es ganz stille</hi>. Das ist für
               uns erstaunlich, auch für die Jünger war es erstaunlich, für Jesus war es das
               Selbstverständliche, das Natürliche. Jesus war mit dem Willen Gottes ganz einig
               geworden, er nannte ihn seinen Vater im tiefsten, wahrhaftigsten Sinn, er dachte über
               Alles, auch über die Gefahr und das Unheil so, wie Gott darüber denkt, darum konnte
               er jetzt auch handeln dagegen, wie Gott handelt, er konnte darüber Meister werden.
               Meine Freunde, seht, dahin müssen wir «weiter» von unseren kleingläubigen
               kümmerlichen Gebetsanfängen aus — dahin, wo Jesus steht, zu Jesus selber. Das müssen
               wir suchen bei Gott, daß wir seiner gewiß werden, daß wir ihn schauen von Angesicht
               zu Angesicht — das müssen wir suchen in dieser ernsten Bettagszeit, dann wird es auch
               für uns ganz natürlich und selbstverständlich, daß wir in diesem gegenwärtigen Sturm
               nicht umkommen, sondern sicher durch die Wellen fahren unserem bestimmten Ziel
               entgegen. O meine Freunde, daß uns doch das jetzt geschehen würde, daß Jesus
               aufstände vor unseren Augen und groß würde in unseren Herzen und in unserem Leben!
               Dann könnten wir jetzt auch so klar und zuversichtlich vom Standpunkte Gottes aus auf
               das kriegsdurchwühlte, von Blut und Tränen benetzte <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> und auf unsere kleine
               <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> mittendrin herniederblicken. Wir wüßten dann: durch dieses alles führt ein
               Weg hindurch, und diesen Weg würden wir gehen, weil Gott mit uns geht.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Dieses Alles mußte so kommen</hi> — ja, es mußte. Und der Grund
               dieses Müssens liegt viel tiefer als die Oberflächlichkeit meint. Die Ereignisse sind
               viel zu ernst und zu groß, als daß man darüber
               <pb xml:id="p479" ed="pga"/>
                politisieren sollte: der und der, die und die haben sie auf dem Gewissen. Sie haben
               ihren tiefsten Grund in einer falschen Stellung zum Leben, die die europäischen
               Völker seit Jahrhunderten eingenommen haben. Diese Völker — und wir alle, jeder
               Einzelne von uns, gehören auch dazu — haben wohl vor Jahrtausenden das Evangelium
               Jesu gehört, aber nur mit halbem Ohr. Sie haben für Jesus Kirchen gebaut und Pfarrer
               angestellt und Anstalten gegründet und Missionare ausgesandt zu den armen Heiden,
               aber das alles waren mehr Worte und äußerer Firnis, in Wirklichkeit waren sie selber
               noch arme Heiden. Das Evangelium sagt: wirf Alles weg, um Gott ganz zu haben! Wir
               europäischen Menschen sagten: wir wollen es gut haben. Das Evangelium sagt: Liebe
               deinen Nächsten wie dich selbst [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.39">Mt. 22,39</ref>]! 
               Wir setzten das Geld an die Stelle des Nächsten. Das Evangelium
               sagt: wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.24">Mt. 16,24</ref>], 
               wir sagten: in dieser Welt
               gilt das Evangelium der Macht und der schrankenlosen Konkurrenz. Das Evangelium sagt:
               Ihr seid alle Brüder! Wir sagten: Jeder ist sich selbst der Nächste. Das Evangelium
               sagt: das Reich Gottes kommt, wartet darauf und bereitet euch vor, hineinzugehen. Wir
               antworteten, indem wir Weltreiche aufrichteten, die eins wie das andere auf List und
               Gewalt, auf Kanonen und Bajonetten gegründet waren. Wenig Widerspruch ist dagegen
               laut geworden. Wer ihn zu erheben wagte, mußte sich als Schwärmer und Aufrührer
               verlachen lassen. Die wirklichen Jünger Jesu standen wie Toren und Narren da vor
               dieser Welt, die so ganz anders war als das, was sie glaubten und hofften. Auch die
               Pfarrer, die Christen, die Kirchenleute wußten nichts Anderes, wollten vielfach
               nichts Anderes hören, waren manchmal genug die Allerängstlichsten: nur nicht mit dem
               Finger gerührt an alles das, was nun einmal so ist; es war ihnen ganz
               selbstverständlich, daß man von Allem, was das Evangelium sagt, so ziemlich genau das
               Gegenteil tue. Nun ist diese Katastrophe gekommen! Können wir uns verwundern darüber,
               daß sie kommen mußte? Ist es nicht töricht, nun zu jammern: Herr, hilf uns, wir
               verderben!? Ist es nicht noch viel törichter zu klagen: wo bleibt Gott bei dem Allen,
               der ein
               <pb xml:id="p480" ed="pga"/>
                Gott der Liebe sein will? Ja, er ist der Gott der Liebe, wohl uns, wenn wir es
               wenigstens noch wissen! Aber wo blieben <hi rend="italic">wir</hi>, mit unserem Glauben an
               diesen Gott der Liebe, mit dem Gehorsam, den wir ihm schuldig waren? Das ist das Ende
                  <hi rend="italic">unserer</hi> Wege, was jetzt da draußen geschieht, das Ende unserer
               Wege, die am Evangelium vorbei auf krummen Wegen darum herum führten. Das Heidentum,
               dem wir heimlich anhingen, während wir Christen hießen, ist jetzt auch äußerlich
               hervorgebrochen, so furchtbar wie vielleicht noch nie, und es konnte nicht anders
               sein, es mußte in Wahnsinn und Leid, in Mord und Tod hervorbrechen. Was hat uns das
               zu sagen? Daß kein Gott ist? Nein, daß ein Gott lebt, der heilig und gerecht ist, der
               seiner nicht spotten läßt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. 
               «Gottes Zorn wird offenbar vom Himmel her, wird offenbar über alles
               gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit
               aufhalten» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">Röm. 1,18</ref>]. Das
               alles mußte so kommen!</p>
        <p>Und das Andere, was wir zu sehen bekommen, wenn wir jetzt mit Jesus vom Standpunkt
               Gottes in die Welt hinaussehen, das ist, daß <hi rend="italic">das alles nicht so bleiben
                  muß</hi>. Es muß so bleiben, wenn wir auf unseren eigenen Wegen bleiben wollen.
               Ihr Ende haben wir jetzt kennengelernt. Es wird anders werden, wenn wir wollen
               werden, was Gott will. Was Gott will, ist uns im Evangelium deutlich genug gesagt, im
               Evangelium Jesu nämlich, im reinen lauteren Evangelium des Neuen Testaments, nicht in
               dem verwässerten, getrübten, weltlichen Ding, das die verschiedenen Kirchen daraus
               gemacht haben. Da gilt nur die Liebe zu ihm, dem Vater, und darum kann es da keinen
               Götzendienst des Geldes und der Macht mehr geben. Da gilt nur die Selbstverleugnung,
               die auf der Wahrhaftigkeit beruht, und darum gibt es da keinen Rassenhochmut mehr und
               keinen Militarismus. Da gilt nur die Gesinnung, die mit den Brüdern Gemeinschaft
               sucht und Gemeinschaft pflegt in allen Dingen, und darum ist da das Ende der
               Konkurrenz und der Völkerkonflikte. Das will Gott. Das hat er uns deutlich genug
               gesagt. Das ist sein erlösendes Wort an die arme Menschheit, offenbar seit 2000
               Jahren, lebendig unter uns in
               <pb xml:id="p481" ed="pga"/>
                Jesus Christus, dem Heiligen und Gerechten. Wenn wir wollen, was Gott will, dann
               gibt es keinen Krieg mehr. Dann hört das alles, was uns jetzt schreckt und ängstigt,
               sofort auf. Das ist die große Frage an uns in dieser Zeit, die Schicksalsfrage, die
               Gewissensfrage: ob wir nun zu diesem innerlichen Willen Gottes eine neue Stellung
               einnehmen, ob wir Ja sagen werden zu dem erlösenden Wort, das er uns so lange schon
               anbietet.</p>
        <p>Wenn wir es tun, dann wird auch in uns in Erfüllung gehen, was die Jünger Jesu
               erlebten mit Sturm und Wellen: <hi rend="italic">und es ward ganz stille</hi>. Es wird das
               alles in Ordnung kommen, was uns jetzt weh und angst macht. Wir wissen nicht, wann
               das geschehen wird. Es wird auch von uns abhängen. Gott wartet auf uns, ob wir ihn
               endlich verstehen wollen, dann gehen seine freundlichen Absichten mit uns in
               Erfüllung. Und so wollen wir ihm denn entgegengehen. Wollen, statt uns zu ängstigen,
               hören, was er uns zu sagen hat, annehmen das Geschenk seiner erlösenden Botschaft,
               die wir so lange überhört haben. Das soll der Sinn unserer diesjährigen Bettagsfeier
               sein. Auch der Abendmahlsfeier, zu der wir uns heute und nächsten Sonntag hier
               vereinigen. Wozu gehen wir denn zum Abendmahl? Doch zu nichts Anderem, als um uns
               Jesu Bild vor Augen zu halten, zu unserem Herzen es reden zu lassen. O wenn uns in
               Wahrheit eine solche Begegnung mit ihm geschenkt würde! Und Jesus stand auf …, lesen
               wir in unserer Geschichte. Wenn er einmal aufstehen wird in unseren Herzen, lebendige
               Gestalt annehmen wird in unserer Seele, dann wird der Sturm vorbei sein. Noch einmal:
               Gott wartet auf uns.</p>
      </div>
      <div type="closer">
        <salute>
                        <milestone xml:id="m31" unit="page"/>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
