<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-5042">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 102,26-28</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 102,26-28, 6. September 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5042 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 456–468.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5042</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 102,26-28</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 456-468</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">42</biblScope>
        </bibl>
        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
        <bibl type="asp" xml:id="asp">
          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 237</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 102,26-28, 6. September 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1677">KBA 1215</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1914-09-06">6. September 1914</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:36+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:36+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="sermon">
        <pb xml:id="p456" ed="pga"/>
        <div type="opener">
        <head>
                        <idno>237</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-09-06">6. September 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.102.26 Ps.102.28">Psalm 102,26–28</ref>
              <quote>Du hast vormals die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände
                        Werk. Sie werden vergehen, aber du bleibest. Sie werden alle veralten wie
                        ein Gewand; sie werden verwandelt wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln
                        wirst; du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein
                        Ende.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Meine Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Kein Tag war in den vergangenen Wochen, an dem wir nicht von <hi rend="italic">Siegen</hi>
               und <hi rend="italic">Niederlagen</hi> gelesen hätten. Schlag auf Schlag ist das gekommen,
               diese gewaltigen Erfolge der deutschen Armee im Westen und Osten. Etwas Unheimliches
               hatte es an sich, wie das vorwärtsgegangen ist. Was für eine Summe menschlicher
               Klugheit und Umsicht, Ordnung und Disziplin, wieviel Ernst und Energie, wieviel
               Ausdauer und Opfermut sind nötig gewesen, um das zu erreichen! Wir hatten das Gefühl:
               das ist alles, aber auch alles vorausberechnet und vorbereitet, und nun stimmt die
               Rechnung scheints bis aufs Letzte. Die Leistungsfähigkeit des deutschen Militärs, der
               Offiziere und der Soldaten hat sich als womöglich noch größer erwiesen, als man
               vorausgesehen hatte, obwohl ja jedermann Bedeutendes von ihnen erwartete. Wie eine
               ungeheure Maschine haben sie sich samt all ihren raffinierten Hilfsmitteln zu Wasser
               und zu Lande in Bewegung gesetzt, und das
               <pb xml:id="p457" ed="pga"/>
                fürchterliche Vernichtungswerk, das sie zu besorgen haben, hat nun bereits einen
               guten Anfang genommen. Wehe denen, die in die Räder dieser Maschine kommen!
               Unheimlich, sage ich, und doch unwillkürlich zur Bewunderung zwingend. Und nun ertönt
               in dieser Stunde in allen Kirchen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschlands</placeName> der Dank gegen Gott, der den Deutschen
               so sichtbar beigestanden, und das Gebet um weitere solche Siege über die Feinde. Das
               deutsche Volk hatte sich ja zu Anfang gesagt: wir wollen siegen oder untergehen,
               hatte seine ganze Kraft zusammengenommen, und nun darf es bereits auf diese
               ruhmreichen Schlachtfelder im Westen und Osten, auf die erstürmten oder
               zusammengeschossenen feindlichen Festungen, auf seine gegen die französische
               Hauptstadt vordringenden Truppen blicken. Und nun dieses Bewußtsein: das sind unsere
               Leute! Das sind wir! Es geht! Wir werden Meister! Diese Freude ist nur allzu
               begreiflich. Wir würden auch so empfinden, wenn es uns anginge. Wir würden wohl auch
               nichts Höheres kennen in diesem Augenblick als dieses stolze Selbstbewußtsein! Auf
               der anderen Seite die, welche nun Niederlagen erlitten haben. Woran hats gefehlt? An
               der Leitung? oder an der rechten Ordnung oder an der nötigen Begeisterung unter den
               Truppen? Das wird sich alles erst viel später zeigen. Jedenfalls geben sie das Spiel
               noch nicht verloren. Ingrimmig bereiten sie sich vor zu neuen Anstrengungen. Aber ist
               nicht bereits etwas Verzagtheit in diesem Ingrimm? Mit großen Worten ermutigen sie
               sich zur Ausdauer, aber man spürt doch, daß sie etwas kleinlaut geworden sind. So
               hatten sie sich den Anfang nicht gedacht. Unzählige mögen jetzt sein in diesen
               Völkern, die es bereits offen heraus sagen, wenn sie dürfen: dieser unglückliche
               Krieg! Hätten wir ihn doch vermieden! Das kann nicht gut herauskommen. Und nun beten
               auch die Frommen unter diesen Völkern angesichts des Unheils, das hereinzubrechen
               droht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.22.2">Ps. 22,2</ref>]? Wir verstehen auch sie. Auch wir
               würden jetzt kleinlaut sein, auch wir würden jetzt in unserer Not Gott bestürmen,
               wenn wir zu ihnen, zu den Besiegten gehören würden.</p>
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p458" ed="pga"/> Aber wir müssen tiefer gehen. Was sollen wir denn nun eigentlich zu dem allem sagen,
               wir, die wir weder hüben noch drüben stehen, jetzt bei diesen ersten Siegen und
               Niederlagen und später, wenn einmal der Krieg zu Ende ist und die Einen mit Erfolg,
               die Anderen als Unterlegene aus dem ungeheuren Ringen herausgehen werden? Wollen wir
               es machen wie die Buben, die jetzt frisch und fröhlich Partei ergreifen, für diese
               oder für jene? Dann hätten wir nichts zu tun, als uns jeden Tag mitzufreuen oder aber
               mitzuärgern und zu betrüben mit denen, denen wir unsere Gunst geschenkt haben. Ich
               erinnere mich noch, wie wir in der Schule einmal bei einem Krieg so alle
               leidenschaftlich Partei ergriffen und uns dabei köstlich unterhielten. Aber eben: so
               machens die Buben. «Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und hatte kindische
               Anschläge, als ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war»
               [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.11">1.Kor. 13,11</ref>]. Unter uns erwachsenen
               Schweizern und Christen sollte Keiner sein, der so nach Bubenart Partei ergreift. Ich
               wiederhole, was ich am letzten Sonntag sagte: unsere Sache ist es, unbedingt und bis
               in die Gedanken hinein neutral zu bleiben in diesem Streit. Er geht uns nichts an.
               Wir können nicht entscheiden, auf welcher Seite mehr Recht oder Unrecht ist. Wir
               können nur den Krieg selbst und alles, was ihn herbeigeführt, hassen und verurteilen,
               nicht aber eines von den kriegführenden Völkern. Eben darum aber haben wir jetzt,
               angesichts dieser Siege und Niederlagen, Besseres zu tun, als uns mit den Einen zu
               freuen oder mit den Anderen zu klagen. Das trägt gar nichts ab. Darüber kann man im
               Wirtshaus oder sonst endlos politisieren, aber es hat nicht den geringsten Wert, es
               ändert ja auch gar nichts an den Ereignissen da draußen. Seht, uns Schweizern ist
               jetzt, wo wir so ruhig diesen ungeheuren Vorgängen zusehen dürfen, eine
               unvergleichliche Gelgenheit geboten, tiefer über Gottes Wege nachzudenken und durch
               diese Einsicht dann auch innerlich gefestigter zu werden in Gott. Für die Völker da
               draußen gibt es in diesem Augenblick begreiflicherweise sozusagen nichts Anderes als
               diese Frage: wer gewinnts? Wir dürfen dabei nicht stehenbleiben, wenn wir wollen,
               <pb xml:id="p459" ed="pga"/>
                daß Gott uns segne in dieser großen Zeit. Wir müssen weiterfragen — und Viele von
               uns haben es sicher in der Stille bereits getan —: «ja und wenns nun die Einen
               gewinnen», wie man sagt, wenn sich nun der Sieg immer deutlicher auf die eine Seite
               neigen sollte, was hat nun das zu bedeuten? was hat das für einen tieferen Sinn? Ists
               nun wirklich so, daß nun die Sieger sagen dürften, wie es heute geschieht: Gott hat
               sich zu unserer gerechten Sache bekannt und hat uns geholfen. Gott steht auf unserer
               Seite!?</p>
        <p>Im Alten Testament freilich, besonders in den alten Stücken des Alten Testaments,
               auch noch in manchen Psalmen, da wird die Sache unzweifelhaft so angesehen: Ein Sieg
               bedeutet, daß Gott einem Volke hilft, eine Niederlage, daß er sich von ihm
               zurückgezogen hat. Aber ist das nun richtig? Ist das richtig, wenn wir an den Gott
               denken, den Jesus uns offenbart hat, an den Gott, der in seiner Gerechtigkeit kein
               Volk vor dem anderen bevorzugt, der in seiner Liebe und Heiligkeit überhaupt nicht
               will, daß die Völker einander hassen und bekriegen und besiegen? Kann man eigentlich
               zu diesem Gott kommen und ihn anrufen: Herr Gott, wir danken dir, daß wir <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName>
               erobert und die Franzosen und Engländer besiegt und 70000 Russen gefangengenommen
                  haben,<note xml:id="n01">In der Schlacht bei <placeName ref="kbga-places-972">Tannenberg</placeName> (<date from="1914-08-26" to="1914-08-30">26.-30. August
                     1914</date>) gerieten 93000 Russen in deutsche Kriegsgefangenschaft.</note> und
               wir bitten dich, gib uns, daß wir jetzt bald auch noch <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> einnehmen? Ich denke an
               eine Stelle im 136. Psalm, wo es von Gott heißt: der Pharao und sein Heer ins
               Schilfmeer stieß, denn seine Güte währet ewiglich, der große Könige schlug, denn …
               und erwürgte mächtige Könige, denn … <persName ref="kbga-actors-8716">Sihon</persName>, der Amoriter König, denn … und <persName ref="kbga-actors-8717">Og</persName>, den
               König zu <placeName ref="kbga-places-973">Basan</placeName>, denn … und gab uns ihr Land zum Erbe, denn …
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.136.15 Ps.136.21">Ps. 136,15,17–21</ref>]. Das ist
               wuchtig, das hat Schwung, das tönt wie Trommeln und Trompeten, die zum Krieg und Sieg
               rufen. Kein Zweifel, daß ein Volk mit einem solchen Gottesglauben kraftvoll und
               tapfer auf seinen Feind losgehen wird.</p>

        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p460" ed="pga"/> Wenn die alten Israeliten so dachten und beteten, so ist das nicht verwunderlich, sie
               wußten es nicht besser. Aber was sollen wir dazu sagen, wenn nun in unseren Tagen auf
               die scheinbar allerfrömmste Weise von allen Seiten dieser Kriegs- und Siegesgott des
               Alten Testaments, man könnte auch sagen: dieser alte Sturmgott <persName ref="kbga-actors-3952">Wotan</persName> der heidnischen
               Germanen wieder hervorgeholt und zum wahren Gott gemacht wird, während alles das, was
               wir von Gott wissen könnten durch Jesus Christus, gleichsam in die Rumpelkammer
               gestellt wird auf spätere bessere Zeiten? Wir wollen nicht urteilen und richten, weil
               wir es kaum besser machen würden. Wie eine Krankheit ist dieses Wesen jetzt dort über
               Alle, auch über die Besten hereingebrochen. Aber anstecken, mitreißen lassen dürfen
               und wollen wir uns nicht. Rein soll uns das Bild Gottes bleiben. Und klar und
               deutlich, ungetrübt durch menschliche Parteinahme und Leidenschaft wollen wir sehen,
               wie er sich in Wirklichkeit zu solchen menschlichen Erfolgen und Mißerfolgen
               verhält.</p>
        <p>Ein anderes Psalmwort, das weder von Sieg noch von Niederlagen und nicht einmal vom
               Krieg, überhaupt nicht vom menschlichen Wesen und Unwesen redet, soll uns dazu die
               rechte Anleitung geben: du hast vormals die Erde gegründet, und die Himmel sind
               deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, aber du bleibest. Sie werden alle veralten
               wie ein Gewand. Sie werden verwandelt wie ein Kleid, wenn du sie verwandeln wirst —
               du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende! Seht, da hören wir,
               was Gott in Wirklichkeit ist. <hi rend="italic">Er ist der Schöpfer</hi> Himmels
               und der Erde, Alles, was ist, ist durch ihn. Es tut uns gut, gerade in dieser
               aufgeregten Zeit an den unendlichen Bereich der Macht Gottes zu denken, an den Raum
               ohne Schranken und Ende, in dem wir leben, an die Ewigkeit, aus der wir kommen und in
               die wir gehen und von der unser persönliches Leben und das Leben der ganzen
               Menschheit nur ein winzig kleines Abschnittlein ist. Wir reden von einem «Weltkrieg»
               in Bezug auf die gegenwärtigen Verhältnisse. Wir mögen es so nennen, aber wie klein
               ist doch eigentlich unser <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> im Verhältnis
               <pb xml:id="p461" ed="pga"/>
                zur ganzen Erde! Es gibt Millionen von Menschen, die von diesem Weltkrieg nie etwas
               erfahren, jedenfalls nie auch nur im Geringsten werden berührt werden. Und was
               bedeutet dieser Weltkrieg, wenn man an die Milliarden von Jahren denkt, seitdem
               unsere Erde ihre Bahn um die Sonne zieht und in denen sie und die Wesen, die sie
               bewohnen, schon so viel erlebt haben? Was bedeutet er für das Universum der Sonnen
               und Gestirne des Himmels, von denen unsere Erde eines der kleinsten ist und zu deren
               Beschreibung uns die Zahlen und die Begriffe fehlen?</p>
        <p>Das alles ist aus Gott, aus diesem Gott, der die Liebe ist, der sich in seinen
               Geschöpfen allen verherrlichen will und von dem wir Menschen besonders einen Funken
               in unserer Seele tragen, der glühen und zur Flamme werden soll, sodaß wir an seinem
               ewigen Wesen teilnehmen. Aus dem Gott, der heilig ist, der seine Geschöpfe geschaffen
               hat zur Freiheit in ihm, zu einem Leben in seiner Güte und Vollkommenheit, und der
               über uns trauert, wenn wir uns in die Knechtschaft der Selbstsucht begeben. Aus dem
               Gott stammt Alles, der ein Gott der Gerechtigkeit und der Ordnung ist, dem
               Unterdrückung und Streit ein Greuel ist, eben weil in ihm selber nur Liebe und
               Freiheit ist. Alles ist aus Gott, Himmel und Erde, Gegenwärtiges wie Vergangenes und
               Zukünftiges, Großes und Kleines. Wie sollte nicht auch dieser Krieg, auch diese Siege
               und Niederlagen aus ihm sein, von ihm geschaffen und von ihm so gefügt wie alles
               Andere, was zwischen den Polen des Himmels von Ewigkeit her und in die Ewigkeit
               hinein geschehen ist, geschieht und geschehen wird! Davon müssen wir ausgehen, und
               dazu müssen wir immer wieder zurückkehren: Gott ist über Allem, und nichts ist ohne
               Gott. Aber sollte man darum wirklich, wenn nun so ein Volk auf dieser kleinen Erde
               einen Erfolg über das andere davongetragen, sagen können: seht da, Gott hat ihnen
               geholfen! wohl gar noch auf ein paar aufgeregte und selbstsüchtige Gebete hin? Sollte
               es da das Recht haben zu jubeln: Gott ist auf unserer Seite, in seiner Kraft haben
               wir die Feinde geschlagen, denn seine Güte währet ewiglich? O, in was für eine enge
               stickige Stubenluft ziehen wir da
               <pb xml:id="p462" ed="pga"/>
                den großen Gott herunter! Was für eine Lästerung seines heiligen Namens, ihn auf
               diese Weise mit unserem menschlichen Treiben in Verbindung zu bringen! Jawohl, er ist
               der Herr über Erfolg und Mißerfolg, und auch dieser Krieg und Alles, was er bringt,
               kann im letzten Grunde nichts Anderes sein, als eine Ausführung der Friedensgedanken,
               die er über uns hat.</p>
        <p>Aber sehen wir wohl zu: Wie ists denn mit Allem, was Gott geschaffen hat, vom Größten
               bis zum Kleinsten? Sie werden <hi rend="italic">vergehen</hi>, du aber bleibest, sagt der
               Psalmsänger. Sie werden alle veralten wie ein Gewand. Sie werden verwandelt werden
               wie ein Kleid, wenn du sie verwandelst. Was heißt das? Das heißt: das Geschöpf bleibt
               ewig unter dem Schöpfer. Da ist immer Unvollkommenheit, Beschränktheit, Schwäche, und
               darum ist da immer Veränderung, Wandel, Vergänglichkeit. Himmel und Erde, Sonne und
               Gestirne haben nicht ewigen Bestand. Sie haben ihre Zeiten, ihre ungeheuren Zeiten,
               verglichen mit unseren menschlichen Dingen, aber sie gehen auch vorüber, in langsamer
               Veränderung wie in ungeheuren Katastrophen werden sie etwas Anderes, als was sie
               gewesen sind. Da ist nichts auf die Dauer, eben weil nichts Vollkommenes ist, weil
               nichts Gott selber ist. Ewig ist nur das Leben aus Gott, das in allen Dingen wirksam
               ist; ewig ist nur Gott selber. Wenn das vom Universum gilt und von der Natur mit
               ihren ungeheuren Größen und Zeiten — und gerade die Wissenschaft der neueren Zeit hat
               uns gezeigt, wie unbedingt das gilt —, um wieviel mehr muß es von unseren kleinen
               menschlichen Dingen gelten, auch von diesem Krieg und den Erfolgen, von denen wir
               jetzt so viel hören! Sie werden vergehen, du aber bleibest. Deutlicher als bei irgend
               etwas Anderem können und müssen wir uns darüber klar sein bei solchen <hi rend="italic">Kriegserfolgen</hi>. Denn deutlicher als irgend etwas anderes Großes auf Erden
               tragen gerade sie den Stempel des Menschlichen und darum Vorübergehenden,
               Vorläufigen. Das ist nicht ein Ziel Gottes, daß er es jetzt diese oder jene gewinnen
               läßt. Das ist eine Tatsache, die auch zu seinen Wegen gehört, aber ganz sicher bleibt
               er dabei nicht stehen, das ist für ihn nicht das Letzte, nur etwas, Gott hat ganz
               andere
               <pb xml:id="p463" ed="pga"/>
                Dinge vor als den Sieg oder die Niederlage dieser oder jener, sie geschehen jetzt,
               aber nachher geschieht dann auch ganz sicher wieder etwas Anderes, und diese
               Ereignisse, die uns jetzt so gewaltig und folgenschwer erscheinen, sind dann vorüber
               und erledigt. Gott braucht sie für den Augenblick, wie man ein Werkzeug braucht, aber
               dann haben sie keine Bedeutung mehr für ihn. Gott wirkt weiter, und die Stätte
               dessen, was geschehen ist, kennt man nicht mehr
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.103.16">Ps. 103,16</ref>].</p>
        <p>Was ist denn der Krieg? was ist so ein Sieg? Seht auf die Schlachtfelder von
               <placeName ref="kbga-places-971">Lothringen</placeName>, von <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName>, von <placeName ref="kbga-places-866">Ostpreußen</placeName>, von <placeName ref="kbga-places-961">Galizien</placeName>, dann wißt ihrs. Tausende und
               Abertausende von Menschen, die sich gegenseitig haben hinschlachten müssen. Das war
               nur der Anfang, und so wird es weitergehen, wer weiß wie lange noch. Kann man
               angesichts dieser Dinge, angesichts all der Scheußlichkeiten, die vorgekommen sind,
               angesichts all des Herzeleids, das nun da ist und noch kommen wird, sagen: das sei
               nun ein Ziel Gottes gewesen, das habe nun Gott gewollt, da habe nun Gott dem Einen
               beigestanden, um über den Anderen herzufallen, der Gott, der die Liebe, die Freiheit,
               die Gerechtigkeit ist? Was hat Gott zu tun mit der größeren Klugheit und
               Rücksichtslosigkeit, mit den zahlreicheren Bataillonen, mit den mächtigeren
               Geschützen derer, die jetzt gesiegt haben? Will denn Gott das alles? Will denn Gott,
               daß die Menschen einander massenweise umbringen? Aber nun sagt man: Ja, der Krieg ist
               furchtbar, aber er ist doch von Gott, wenn er um eine gerechte Sache geht. Dann hilft
               Gott denen, die Recht haben. Ja, so sucht man sich dann zu entschuldigen. So hat
               selbst ein Mann, der dem Herzen Gottes so nahe stand wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, reden können. Er hat
               eine besondere Schrift geschrieben darüber, daß die Christen mit gutem Gewissen Krieg
               führen dürften.<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-1995"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, «<hi rend="italic">Ob Kriegsleute auch in seligem
                           Stande sein können</hi>» (1526), WA 19,623–662</bibl>. Im <date from="1914-08" to="1914-09">August und September 1914</date> druckte <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName> diese Schrift
                  auszugsweise in Fortsetzungen in der <bibl corresp="kbga-bibls-3804">«Christlichen Welt» (Nr. 34–38)</bibl> ab. Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> kritische
                  Äußerung dazu in seinem Brief vom <date when="1914-08-29">29. August 1914</date> an <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>,
                  in: <bibl corresp="kbga-bibls-931">«<hi rend="italic">K. Barth / E. Thurneysen, Briefwechsel</hi>» Bd. I,
                           1913–1921, Zürich 1973, <ref target="3008" type="pub">S. 7</ref></bibl>.</note> Ein Krieg sei nichts Anderes, <pb xml:id="p464" ed="pga"/>
                als wenn der Henker auf Befehl der Obrigkeit einen Spitzbuben vom Leben zum Tode
               bringt. Nur daß im Kriege auf Befehl der Obrigkeit gleich eine ganze Menge Spitzbuben
               zu Tode gebracht würden!! Und darum sei er eine gerechte Sache. Was heißt denn da
               gerecht und ungerecht? Solange man denken kann, ist noch in jedem Krieg Selbstsucht
               und Übermut auf beiden Seiten die Ursache gewesen. Wenn es eine gerechte Sache gäbe
               unter den Menschen, wenn es wahr wäre, was jetzt alle Völker von sich sagen: Gott ist
               mit uns!, dann brauchten sie nicht Krieg zu führen. Das ist gerade beim jetzigen
               Krieg ganz klar. Man kann da auf keiner Seite von einer gerechten Sache reden. Die
               Großmächte, die jetzt miteinander im Krieg stehen, haben sich jahrzehntelang
               voreinander gefürchtet und haben einander jahrzehntelang gegenseitig bedroht mit
               immer stärkeren Rüstungen. Wer ist damit vorangegangen? wer hat sich am meisten
               gefürchtet, am stärksten die Anderen bedroht? Wer ist jetzt schließlich schuld
               gewesen, daß das übervolle Faß zum Überfließen gekommen ist? Das wird wohl der
               findigste und unparteiischste Geschichtsschreiber nicht ausmachen können, geschweige
               denn alle die vorurteilsvollen Leute, die jetzt zu Gunsten ihrer Völker in den
               Zeitungen schreiben. Man wird schließlich nur sagen können: es war in diesen Völkern
               <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName> am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts ein ungeheurer Ehrgeiz,
               eine Eifersucht und ein Hochmut sondergleichen, und damit machten sie sich
               gegenseitig die Luft zu eng, und darum haßten sie einander, und darum rüsteten sie
               gegeneinander wie wahnsinnig, und darum mußte schließlich dieser Weltkrieg
               ausbrechen. Von einer gerechten Sache kann da ehrlicherweise auf keiner Seite die
               Rede sein, und darum auch nicht davon, daß Gott sich nun auf diese oder jene Seite
               stelle und der gerechten Sache zum Sieg verhelfe.</p>
        <p>Gott will ja doch dies alles nicht, weder die Selbstsucht und den Hochmut in den
               Menschen, noch den gegenseitigen Haß der Völker, noch ihre Angst voreinander und ihre
               drohenden Rüstungen, noch schließlich, daß sie einander mit feinem und grobem
               <pb xml:id="p465" ed="pga"/>
                Geschütz zu Wasser und zu Land und in der Luft ans Leben gehen. Alle diese Dinge
               sind dem innersten Wesen Gottes völlig fremd. Und wenn sie nun trotzdem geschehen, so
               gibt es dafür nur eine Erklärung: daß dieses innerste Wesen Gottes auch den Menschen
               völlig fremd ist. Sie handeln bei diesem Tun vom ersten bis zum letzten Schritt nicht
               in Gottes Sinn und Auftrag, sondern gegen ihn. Sie können sich darum auch nicht auf
               Gott berufen, ihn nicht zu Hilfe rufen, nicht von ihm verlangen, daß er für sie
               Partei nehme. Gott steht ihnen wie ihren Feinden gleich fern in dem Zorn, mit dem ihn
               ihr Wesen erfüllt, aber auch in der Liebe, mit der er sie beide aus ihrer Verwirrung
               zu sich ziehen möchte. Und das bleibt sich nun gleich im Sieg oder in der Niederlage.
               Sie können vielleicht siegen, und doch stehen sie unter dem schweren Zorn Gottes, der
               früher oder später ihnen zeigen wird, daß er seiner nicht spotten läßt
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. Sie können aber auch
               unterliegen und dabei die Erfahrung machen, daß sie gerade dadurch Gottes Reich
               nähergekommen sind.</p>
        <p>Und darum geht es auch nicht an, zu beten: Herr gib uns Sieg! Wer ist denn der, den
               wir um solches bitten? Und wie dürfen wir ihn um Erfolg bitten, wenn wir auf krummen
               gottlosen Wegen sind? Wie dürfen wir ihm danken, wenn wir auf diesen Wegen ferne von
               ihm Erfolg gehabt haben? Was für eine jammervolle Verblendung zeigt sich in diesem
               Bitten und Danken! Man lacht darüber, daß die Straßenräuber in <placeName ref="kbga-places-1005">Süditalien</placeName> nie
               versäumen, vor und nach ihren Raubzügen der Madonna ihre Gebete und Gaben
               darzubringen. Aber machen denn eigentlich die Christen der kriegführenden Länder um
               uns her etwas Anderes mit ihren Siegesgebeten? O wenn doch durch diesen furchtbaren
               Krieg ein Erwachen über die arme Christenheit kommen würde, ein Erwachen, daß sie
               einsehen müßte: so gehts nicht weiter! Zum letzten Mal haben wir nun gebetet und
               gedankt für siegreiche Schlachten! Zum letzten Mal haben wir Gott hineingezogen in
               unseren ruchlosen Wunsch, über die Anderen, über unsere Brüder Meister zu werden! Zum
               letzten Mal sind wir in dem Wahn gewesen, um des Rechtes willen und in der Kraft
               Gottes hassen und töten <milestone xml:id="m30" unit="page"/>
               <pb xml:id="p466" ed="pga"/>
                zu müssen! Wir können nicht mehr, es ist eine zu furchtbare Lüge, das alles. Was
               heißt denn das: Siegen! Erfolg haben auf einem bösen Wege! Und darum sollten wir
               bitten, dafür sollten wir danken, da sollten wir überhaupt mit ruhigem Gewissen zu
               Gott aufblicken können? Das können wir nicht mehr, das ist zu frevelhaft, zu
               heuchlerisch, zu gottlos.</p>
        <p>Und weil wir doch zu Gott aufblicken wollen, darum wollen wir den Haß und die Drohung
               und den Krieg nicht mehr, wir wollen umkehren auf unseren bösen Wegen, wir wollen
               innerlichst andere Menschen werden, ein neues Volk, das auf Gottes heiligen Willen
               aufmerkt. O wenn der Krieg diese Folge hätte, daß die Menschheit oder doch wieder ein
               großer Teil der Menschheit dieser Erkenntnis näher käme: Gott will den Krieg nicht!
               Die Völker können nicht mehr mit gutem Gewissen Krieg führen. Sie können sich mit dem
               Krieg nur unglücklich machen, und sie können sich dadurch nur in die abscheulichste
               Heuchelei stürzen!, und wenn dann der Wille aufwachen würde, kräftig und allgemein in
               Tausenden und Millionen: wir wollen den Krieg nicht mehr, wollen das alles nicht mehr
               in den Herzen und Gewohnheiten und Zuständen, was zum Kriege führen muß — wenn jene
               Erkenntnis und dieser Wille uns kommen würden durch den Krieg — was wäre es dann für
               ein Segen für uns! Ja, ein Segen! Wir sagten ja vorhin, der Krieg, auch dieser Krieg
               sei nicht ohne Gott. Das kann wie ein Rätsel erscheinen, nachdem wir nun eben hörten:
               Gott will den Krieg nicht! Und es ist doch kein Rätsel. Gott läßt uns Menschen eben
               unseren Weg gehen, das ists. Wir fangen an mit der Selbstsucht, wir fahren fort mit
               dem Haß, und wir endigen mit dem blutigen mörderischen Krieg. Wir sündigen und
               sündigen, und plötzlich strafen wir uns selbst aufs furchtbarste. Das will Gott. Das
               ist seine Ordnung, obwohl er den Krieg nicht will. Er will aber, daß uns durch den
               Krieg unsere Sünde verleidet werde, weil der Krieg nichts Anderes ist als die Folge
               der Sünde. Wenn die Sünde und ihre Folgen dann so mächtig geworden sind, dann kann
               die Gnade umso mächtiger werden [vgl.
               <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.20">Röm. 5,20</ref>]. Wenn es uns klar vor Augen steht: so kommts
               auf
               <pb xml:id="p467" ed="pga"/>
                unserem eigenen Weg, so enden wir im fürchterlichsten Wahnsinn, Unrecht und Elend,
               dann kann die Kraft Gottes bei uns einsetzen, die uns den vergessenen Weg der
               Wahrheit und des Friedens führt. So hat der Krieg, auch dieser schreckliche Krieg,
               seine Stelle in Gottes Friedensgedanken über uns.</p>
        <p>Und darauf kommt es nun an für uns Menschen, daß wir von dem Zorn und von der
               unaussprechlichen Gnade Gottes, die den europäischen Völkern jetzt so nahe tritt,
               eine lebendige Erfahrung bekommen. Alles Andere hilft uns nichts. Sieg und Niederlage
               können sich auch diesmal wieder gar bald in ihr Gegenteil verwandeln. Seit Tausenden
               von Jahren ist die Geschichte der Menschheit nur eine wechselnde Geschichte von
               Siegen und Niederlagen. Gott hat es geschehen lassen, daß die Menschen immer wieder
               ihre Wege gingen und auf ihren Wegen unglücklich wurden. Sieg und Erfolg sollten
               nicht mehr das sein, was sie begehren, was haben sie denn davon? Wohl aber sollten
               wir alle durch den Sturm dieser Zeit, an dem die Menschen selbst schuld sind, Gott
               mit uns reden lassen. Sie werden vergehen, du aber bleibest! Solange jetzt bloß um
               Sieg und Erfolg gebetet wird, solange hört er uns nicht, solange werden wir durch
               eigene Schuld immer nur neuen Stürmen entgegengehen.</p>
        <p>Auch wir Schweizer wollen nicht so denken und nicht so beten. Ja wir wollen beten für
               unser liebes Vaterland, aber nicht nach der Weise der alten Juden und Heiden, nicht
               zu einem Kriegsgott oder Siegesgott. Nicht das kleinliche selbstsüchtige Gebet:
               Verschone unsere Häuser, zünd lieber andere an! Auch wir könnten ja im Ernstfall
               keineswegs mit unserer gerechten Sache prahlen! Auch wir könnten durchaus nicht ohne
               Weiteres verlangen, daß der liebe Gott gerade hinter unseren Soldaten und Kanonen
               stehen müsse. Auch wir sind durch unser ganzes Wesen mitschuldig an den heutigen
               Zuständen auf der Erde. Sondern beten wollen wir, wie Jesus uns geheißen hat: dein
               Reich komme! dein Wille geschehe! und vergib uns unsere Schulden! und erlöse uns von
               dem Bösen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10 Mt.6.11">Mt. 6,10f.</ref>]. Herr,
               mach uns frei, nicht von den Feinden, sondern von den Mächten der Finsternis, die in
               uns
               <pb xml:id="p468" ed="pga"/>
                und unter uns sind, von der Lüge und vom Hochmut, vom Geiz und vom Leichtsinn. Herr,
               laß uns siegen, nicht über fremde Völker, sondern über uns selbst mit unserer
               Selbstsucht. Herr, laß uns triumphieren, nicht in äußeren Erfolgen, sondern indem wir
               uns füllen und stark machen lassen von deiner Liebe und Freiheit und Gerechtigkeit.
               Das sei unser Kriegsgebet, das Kriegsgebet eines neutralen Volkes, liebe Freunde. O
               wie wird das sein, wenn wir einmal alle von Herzen so denken und so beten werden! O
               wie wird das sein, wenn einmal auch die anderen Völker um uns her, die jetzt
               berauscht sind von Haß und Leidenschaft, wieder mit uns dieses Kriegsgebet um den
               Gottesfrieden beten werden! Wird es dazu kommen? Werden wir alle, wir Schweizer und
               die Anderen, jene lebendige Erfahrung vom Zorn und von der Gnade Gottes machen?
               Werden wir durch die Schrecken dieser Zeit wieder aufmerksam werden auf das Eine, was
               uns not tut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>],
               auf die eine Religion, die die wahre ist? Gott gebe es uns. Wenn wir <hi rend="italic">so</hi> beten, dann erhört er uns. Denn dann stehen wir [auf] festem Boden. Dann
               haben wir unser Herz dort, wo nicht mehr Wandel und Vergänglichkeit herrscht, sondern
               Bleiben, Sicherheit und Festigkeit. Was menschlich ist, das ist vergänglich. Was
               göttlich ist, das bleibt. Was könnten wir uns Köstlicheres wünschen in dieser Zeit,
               als daß unser Herz fest werde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.9">Hebr. 13,9</ref>]?</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen</salute>
        </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
