26. Juli 1914

Predigt: Epheser 2,4-6

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Ultimatum von Österreich an Serbien2
Epheser 2,4–6
Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns durch seine große Liebe, da wir tot waren in den Sünden, samt Christo lebendig gemacht und samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christo Jesu, auf daß er erzeige in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christo Jesu.
Liebe Freunde!

Gott hat uns in das «himmlische Wesen» versetzt! Ist das nicht eine ganz erstaunliche, eine ganz unglaubliche Botschaft? Etwas, worüber wir im Stillen den Kopf schütteln möchten: nein, an dem ists nicht, da merke ich wenig davon! Oder etwas so recht zum Daranglauben in der Kirche, aber auch nur in der Kirche, solange der Pfarrer redet oder die Orgel tönt, etwas zum Auf-die-Seite-Stellen, sowie wir wieder da draußen sind in der Welt, da drüben in unseren Häusern, morgen in der Fabrik. Vielleicht mit einem stillen Seufzer, wie schön es doch wäre, wenn es wahr wäre: Gott hat uns in das himmlische Wesen versetzt!

Und doch stehen diese Worte da, und ein lebendiger Mensch hat sie geschrieben, mit zwei guten Augen im Kopf, der die Welt sehr wohl kannte und die Menschen dazu, und die Welt und die Menschen waren gerade wie heutzutage auch — und er hats doch hingeschrieben, ohne den Kopf zu schütteln und ohne zu zweifeln: Gott hat uns in das himmlische Wesen versetzt!

385 «Himmlisches Wesen»! Was ist das? Unendlich viel ist das, aber eben darum kann mans mit trockenen Worten gar nicht beschreiben. Etwas Schönes wie Sonnenschein im Buchenlaub, etwas Fröhliches wie Kinderlachen, etwas Ernstes wie die ewige Ruhe, mit der die Gestirne ihre ewige Bahn ziehen, etwas Gütiges wie der Blick einer Mutter. Das ist «himmlisches Wesen», das alles nicht nur als eine vereinzelte selige Ahnung, sondern als ein bleibender, dauernder Zustand, das alles als Luft, in der man atmet. Wir können es Freiheit nennen, weil da alle Fesseln und aller Zwang, alle Angst und alle Feigheit verschwunden sind. Wir können es Glück nennen, weil da Freude und Schönheit und Friede es gewonnen haben. Wir können es Ordnung nennen, weil Unrecht und Willkür da nicht mehr sind, sondern ein gerechter Wille als heiliges Gesetz in Allem und in Allen waltet. Wir können auch sagen Seligkeit, denn es wird da kein Bedürfen und Verlangen und darum keine Unruhe und Sorge mehr geben. Alles Kleine ist untergegangen im Großen, alles Widerwärtige in der Ruhe eines unerschöpflich strömenden Lebens. Man schadet sich nicht mehr durch Trägheit und Leidenschaft. Man will einander verstehen und kann es auch. Man hat keinen Grund mehr, sich für sein persönliches Ansehen und Einkommen zu ereifern. Man hat keinen Grund mehr, einander zu hintergehen und Abbruch zu tun. Man darf einander in die Augen sehen und die Hand reichen ohne Bedauern und ohne Hintergedanken. Die Menschen sehen nicht mehr, was das Ihrige ist, sondern was Gottes ist, und darum sind sie von vornherein einig, die Menschen verstehen, wozu sie auf der Welt sind, und darum haben sie gar keine Zeit, übereinander zu schwatzen und einander allerlei vorzuhalten und dies und das gegeneinander vorzunehmen. Das sind ganz unmögliche Kindereien geworden. Die Menschen verstehen nur noch das Eine, daß Gott ist und daß Gott die Liebe ist. Für alles Andere haben sie keine Zeit mehr, keine Lust, kein Verständnis. Alles, was sie denken und sagen und tun, kommt wie aus einer Quelle aus dem Einzigen: Gott ist die Liebe [1.Joh. 4,8–16].

Aber wo gibt es so etwas wie diesen wunderbaren Zustand? |386 fragen wir jetzt. Reden wir von einem schönen fernen Land? Reden wir von einem Stern im Weltall, auf dem selige Wesen ein solches göttliches Leben führen? So hat man oft gemeint, aber das ist eigentlich eine ganz ungläubige Meinung. So werden wir den Paulus gar nicht verstehen. Für den Paulus war das gar keine Frage: wo ist dieses selige göttliche Leben? Er nennt es freilich «himmlisches» Wesen, aber damit will er nicht sagen, so sei es nur «im Himmel», so wenig Jesus sagen wollte: Gott sei nur im Himmel, wenn er ihn den Vater im Himmel nannte. Ganz im Gegenteil: der Himmel ist freilich erhaben über uns, aber wir sind auch immer und überall unter dem Himmel, wie wir immer und überall unter Gott sind. Und so ist auch das himmlische Wesen immer und überall da, kein fernes Land, kein «besserer Stern», wie man etwa sagt, wohl gar noch von Wünschen und Träumen gebaut, sondern etwas gegenwärtig Wirkliches. Paulus denkt gar nicht daran, danach überhaupt zu fragen, ob es dieses himmlische Wesen und Leben überhaupt gebe, und wo es zu finden sei. Selbstverständlich ist es da, gegenwärtig da, so gegenwärtig da wie die Sonne, wie die Luft, wie das Wasser. Er zweifelt keinen Augenblick daran, daß es etwas Größeres gibt als unser kleines menschliches Wesen, etwas Höheres als unsere flachen, niederen Gedanken, Gewohnheiten, Beschäftigungen und Einrichtungen, etwas Ewiges über unserem Zeitlichen, etwas Vollkommenes über unserem Unvollkommenen, etwas Himmlisches über unserem irdischen Wesen.

Und wir, wir müssen ihm recht geben; es ist uns ganz unmöglich zu sagen, er habe sich das alles nur geträumt oder erdacht. Unser Gewissen gibt ihm recht und die Sehnsucht unseres tiefsten Herzens, unser Kämpfen und Leiden und Sündigen und Wiederaufstehen — das, was das Verborgenste und was das Wertvollste ist in unserer Seele, es sagt uns: ja, er hat recht, es gibt ein himmlisches Wesen und Leben, einen höheren, besseren Zustand. Und wir brauchen nicht lange zu fragen: wo ist es? Wir wissen so gut wie Paulus, daß es einfach da ist und sich geltend macht. Zielt nicht alles Bessere in uns, all das bißchen Liebe und Ernst und |387 Wahrhaftigkeit hin auf dieses himmlische Wesen? Spüren wirs nicht, wie wir nach ihm suchen müssen, ob wirs wollen oder nicht? Liegt nicht in jedem Menschen eingeboren das Bewußtsein: ich bin nicht hier zu Hause, nicht in dieser Welt der Bosheit und Beschränktheit, in dieser Welt des Kleinlichen und der Sünde, sondern dort, droben in der Himmelswelt der Freiheit, des Glücks, der Ordnung, der Seligkeit? O ja, wir wissen von dieser Himmelswelt, wir können unseren Ursprung nicht so sehr verleugnen und sagen: ich weiß nichts davon. Nein, sie ist, und sie ist da. Aber das ist die Frage, ob sie für uns da ist, ob wir zu ihr gehören, ob wir lebendige Erfahrung von ihr haben, — das ist die Frage, ob wir drin sind in dem himmlischen Wesen.

Paulus gibt Antwort und sagt: Gott hat uns hineinversetzt. Ja, sagt er, wir sind mitten in der Himmelswelt drin. Er sagt es den Leuten, an die er seinen Brief schreibt: Gott ist reich an Barmherzigkeit, und durch seine Liebe, mit der er uns geliebt hat, hat er uns in das himmlische Wesen versetzt. So sicher und freudig und voll tönt es, wie er das sagt, daß wir fast nicht zweifeln können. Und doch müssen wir ja daran zweifeln. Von uns Menschen soll das gesagt sein, von dir und von dir und von mir, von den Christen, von den christlichen Völkern? Das ist doch nicht wahr, wir sind doch nicht im himmlischen Wesen drin?!

Wir müssen uns so jämmerlich mühen und sorgen, um nur das trockene Brot zu haben von einem Tag zum andern. Wir haben so wenig Zeit, um über die hohen Dinge zu studieren. Es ist so viel Zwietracht unter uns, es gibt eben gar böse Leute, mit denen der Frömmste nicht in Frieden leben kann.3 Und Feigheit, ja es ist viel Feigheit da, man muß sich eben in Acht nehmen vor denen, die die Macht und das Geld haben, sonst könnte es unangenehm werden. Und aufrichtig und wahr, wer von uns ist es, wer von uns hat nicht so und so viel zu verstecken vor seinen Nachbarn, wer von uns hat noch nie Schlimmes geredet über die, mit denen |388 er jetzt unter freundlichen Gesprächen den Kirchweg gemacht hat? Das ist nun einmal so, nicht wahr? Und ein jeder muß zu seiner Sache sehen, es hilft ihm sonst auch niemand, und darum ist das Leben ein Wettrennen, manchmal ein Kampf; ohne scheele neidische Blicke links und rechts, ohne Rippenstöße geht es nun einmal nicht ab. Ist der Mensch nicht darauf angewiesen, sich mehr oder weniger brutal seiner Haut zu wehren in diesem Leben, muß er nicht einfach auch all das Bittere und Unangenehme, das damit zusammenhängt, in Kauf nehmen? Und wir erinnern uns wieder einmal an Alles, was uns betrübt, an alle Schicksalsschläge, die uns betroffen, an alle menschlichen Schwachheiten und Gemeinheiten, die Gift in unser Leben gebracht. Es ist so viel Zwang da, so viel, was uns aus dem Gleis gekommen ist und nicht mehr drein kommen will, so viel Trauriges, Furchtbares vielleicht. Und jetzt heißt es: Gott hat uns in das himmlische Wesen versetz! Das ist doch nicht wahr.

Und wir sehen in die Welt und in die Verhältnisse hinaus und sehen so manches tief eingefressene unausrottbare Übel, die Tuberkulose z. B., die immer neue Familien ergreift, immer mehr Opfer fordert, soviel auch dagegen getan wird, die Trunksucht, deren man sich anfängt zu schämen und die doch immer noch gerade verbreitet genug ist, um fast alle paar Tage in irgendeiner Familie unseres Landes eine Katastrophe herbeizuführen, der Kapitalismus, die geldhungrige Erwerbsweise der letzten Jahrhunderte, durch die Hunderttausende zwar ernährt, aber auch müde und krank gehetzt und ausgebeutet wurden. Und da stehts in der Bibel: Gott hat uns in das himmlische Wesen versetzt! Es ist ja nicht wahr!

Und vielleicht stehen wir heute am Vorabend eines Krieges, der ganz Europa in Flammen setzen könnte. Noch rauchen die Schutthaufen der letzten Kriege, noch fließen die Tränen tausender von Witwen und Waisen, und nun sollen — wenn nicht ein Wunder geschieht — aufs Neue hunderttausende von Menschen wie wilde Tiere aufeinander losgelassen werden, hunderttausende, die einander nicht kennen und die sich nichts zuleide getan haben, |389 werden wieder aufeinander schießen und schlagen, werden einander umbringen mit allen Mitteln moderner Erfindungen. Man wird ihnen vom Vaterland reden und von militärischer Ehre — aber was haben sie im Grunde davon? Warum sollen im Grunde die Bauern und die Arbeiter von Österreich und die von Serbien einander hassen und töten? Es ist keine Notwendigkeit dafür da als der Zwang uralter menschlicher Leidenschaften, als der alte Raubtiergrundsatz: Auge um Auge, Zahn um Zahn [Ex. 21,24]! Ein blutiger Wahnsinn ist das Schauspiel, das sich da vor uns entrollen wird, ein Wahnsinn auch dann, wenn es nicht den Umfang annimmt, wie zu befürchten ist, auch dann, wenn durch irgend ein unerwartetes Ereignis der Krieg noch verhindert würde. Wild und beständig zum Letzten, Schwersten bereit stehen die Völker, die christlichen Völker! einander gegenüber. Wie ein fürchterliches Gewitter hängt der Krieg über ihnen allen, kommt er heute nicht, so kommt er morgen — was sollen wir sagen zu der Meinung des Paulus, Gott, der reich sei an Barmherzigkeit, habe uns durch seine Liebe hineinversetzt in das himmlische Wesen, uns Menschen?! Klingt uns nicht fast jedes Wort wie ein bitterer Hohn, gerade an dem heutigen ernsten Tage?

Wir dürfen das Unbegreifliche an dem, was Paulus meint, nicht damit abschwächen, daß wir sagen, er habe nicht von der Gegenwart, sondern von einer besseren glücklicheren Zukunft geredet, etwa vom Leben der Seele nach dem Tode oder von der Vollendung der Menschheit in tausenden von Jahren geredet. An den Durchbruch und Sieg des Göttlichen in der Zukunft glaubte freilich Paulus auch, das war für ihn ganz selbstverständlich, daß aus dem himmlischen Wesen herrliche Früchte hervorgehen müßten für die Zeit und für die Ewigkeit. Er glaubte ja daran, daß Christus wiederkommen und sein Reich auf Erden vollenden werde, und ebenso daran, [daß] einst bei einem jeden von uns das Sterbliche müsse verschlungen werden vom Leben [2.Kor. 5,4]. Er sagt es ja auch ausdrücklich, Gott habe uns in das himmlische Wesen gesetzt, «auf daß er erzeige in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte |390 gegen uns in Christo Jesu». Aber dieser Ausblick in die Zukunft hindert ihn nun durchaus nicht, das himmlische Wesen mit all seinem Licht und seiner Kraft als etwas durchaus Gegenwärtiges zu nehmen. Wir sind jetzt mitten drin! Seht, da unterscheidet sich das, was in der Bibel Hoffnung heißt, von Allem, was man etwa sonst so nennt. Die gewöhnliche Hoffnung ist ein Sinnen und Träumen und Spekulieren von etwas bloß Zukünftigem. Sie redet uns von einem glücklichen Los, von kommenden besseren Zeiten. Die biblische Hoffnung tut das auch, sie sagt uns auch von dem, was sein wird. Aber sie bietet uns unendlich viel mehr, nämlich etwas Gegenwärtiges, das uns erst den Mut und die Freudigkeit gibt, auf das Zukünftige zu hoffen. Sie ist eine gewisse Hoffnung, denn sie besitzt schon, worauf sie wartet. Und so müssen wir den Paulus verstehen mit seinem himmlischen Wesen. Er wünscht nicht: o wenn wirs doch hätten!, er weissagt nicht: wir werden es einmal bekommen!, sondern er konstatiert: wir haben es, es ist jetzt da!

Ja, es ist da, jetzt da, mitten drin in unserem Leben mit all seinem Traurigen und Unbefriedigenden, mitten drin in der rauhen wilden Welt mit all ihren Schicksalen und Sünden. So meint es Paulus wirklich. Wir müssen ihn zu verstehen suchen. Für den Paulus gab es eine Tatsache in der Welt, die war ihm wichtiger als alles Andere. Neben dieser einen Tatsache nahm er eigentlich gar nichts mehr wichtig in der Welt, die Sünde nicht, die Not nicht, den Tod nicht. Alles versank um ihn her, wenn er an das Eine dachte. Das Eine war die Tatsache, daß einmal ein Mensch wie Jesus auf dieser Erde, unter uns Menschen gelebt hat. Diese Persönlichkeit machte ihm ganz unwiderstehlich den Eindruck, daß Gott die Wahrheit sei. Paulus hatte ja längst von Gott gewußt, aber erst bei Jesus entdeckte er, daß Gott wirklich und lebendig ist. Die tiefe freudige Ruhe, mit der dieser Mann durch Alles hindurchging, die reife Liebe, mit der er seine Brüder liebte, die Hoheit, mit der er litt und kämpfte und siegte bis in den Tod hinein, aber nun nicht irgend eine einzelne Tugend, sondern das Ganze dieser unvergleichlichen Persönlichkeit riß ihn |391 hin, stellte ihn unmittelbar vor Gott hin, so daß er niederfallen und anbeten mußte. Das Reich Gottes war zu ihm gekommen. Ganz buchstäblich: er stand unter der Herrschaft Gottes seit er von Jesus berührt und erweckt worden war. Er konnte gar nicht mehr an Jesus denken, ohne sofort auch das Andere denken zu müssen: Gott lebt und Gott herrscht. Und nun war dieses Bewußtsein von Gott so stark in ihm, daß darüber einfach alles Andere schweigen und zurücktreten mußte. Er sah sie wohl auch noch, die Übel dieser Welt und ihre Schlechtigkeit, die Torheit der Menschen und die Leiden des Körpers, das Unrecht und die Gewalt. Er sah das alles, er erfuhr es an seinem eigenen Leibe, aber es konnte ihm nichts mehr bedeuten, er konnte ihm kein Gewicht mehr beilegen. Er konnte bei dem allen nur denken: ja, das ist nun wohl so, aber ich kenne noch etwas Anderes, ich kenne Gott und seine Liebe, die habe ich stark und leuchtend kennen gelernt bei meinem Herrn Jesus, und die ist auf alle Fälle stärker und größer als Alles, was dazwischenkommen will. Die ragt über Alles hinaus. Die überwindet schließlich Alles. Neben der kann schließlich alles Andere nur vorläufig und vorübergehend sein. Weit weg war er davon, die Not und die Schlechtigkeit im Leben, das Unrecht und den Wahnsinn in der Welt einfach als Tatsache hinzunehmen und dann etwa schüchtern zu fragen: Ist da auch ein Kraut dagegen gewachsen? So machen wir es etwa und kommen dann natürlich zu kurz, finden nur schwachen Trost und kleinliche, ungenügende Hilfe gegenüber all dem Traurigen und Bösen, das wir wahrnehmen. Paulus stand da von vornherein anders da. Für ihn war immer das Erste die Liebe Gottes, erschienen in Christus. Das war die Grund- und Lebenstatsache. Und von da versanken und verschwanden ihm nun alle anderen, sie durften gar keine Tatsachen mehr sein, nur noch ein Schein, ein Schatten, der eben unvermeidlich ist, weil das Licht so hell scheint.

Paulus weiß auch von dem anderen Zustand, von dem Zustand, wo man die Welt ernst nimmt mit ihren Schrecken, wo man seufzt: aber ich bin doch arm und krank, ich sündige ja alle Tage und |392 kann nicht anders, aber es geht doch wüst und kleinlich zu unter den Menschen und muß wohl so sein, aber da ist doch all das Traurige und Böse, die Tuberkulose und die Trunksucht und der Kapitalismus und der Krieg — Paulus kennt den Zustand, wo man solche Dinge und Mächte sieht und vor ihnen erzittert und keine Hoffnung hat, — er sagt dann: «Da wir tot waren in den Sünden», er ist der Meinung, daß die Hoffnungslosigkeit gegenüber dem allen, das traurige: es muß so sein! ein gottwidriger, ein unseliger Zustand sei, er ist der Meinung, das sei die Hölle, wenn man so nichts Anderes kennt als das Weltwesen und die Weltmächte und ihre bösen Folgen und Wirkungen. Aber er hat eben aus dieser Hoffnungslosigkeit den Ausweg gefunden: da wir tot waren in den Sünden, hat Gott uns durch seine große Liebe lebendig gemacht und auferweckt. Indem ich Gott fand, will er uns sagen, fand ich, daß das Traurige und Schlechte nicht gilt. Indem Gott mein Meister wurde, wußte ich auch, wer in dieser argen Welt Meister ist. Indem ich aufwachte aus dem Schlaf der Gottlosigkeit, tat ich die Augen auf und sah, daß die Welt und das Böse keine Macht für sich hat.

Und indem ihm das alles schweigen und zurücktreten mußte, trat das Andere, das Göttliche, siegreich und leuchtend hervor, und er konnte es kühn sagen und schreiben: Gott hat uns in das himmlische Wesen versetzt, jetzt gegenwärtig und wirklich sind wir mitten drin. Wir verstehen vielleicht jetzt ein wenig besser, wie er das meinte. Wenn Paulus zuerst an das Schlechte und Traurige in der Welt gedacht und dann das Gute, Göttliche so daneben gestellt hätte, wie wir es meistens machen, dann wäre es eben auch für ihn zu einem mageren Hoffnungspflänzlein geworden; er hätte dann auch denken müssen: später vielleicht einmal, in einer besseren Zukunft, im Jenseits usw. Aber keine Rede von dem frohen, tapferen: wir sind in die Himmelswelt versetzt, jetzt und wirklich und ohne Wunsch und Phantasie. Paulus machte es anders. Für ihn war Gott der Erste, unbedingt der Erste. Durch Christus war ihm Gott der Erste geworden. Sofort aber folgte ihm daraus, daß das Wüste und Dunkle in der Welt nur Schatten und Schein |393 sein konnten. Und dadurch wurde der Raum frei, der vorher versperrt war. Jetzt mußte das Gute nicht mehr als ein mageres Hoffnungspflänzlein neben dem Schlechten und Traurigen stehen. Jetzt erkannte er: das Gute ist die einzige Wahrheit. Wahr kann ja nur sein, was von Gott ist. Wieder zeigt ihm Christus, was von Gott ist: das Vertrauen und die Liebe, die Freude und der Kindersinn und der Friede, der eiserne Gehorsam gegen den guten Willen Gottes — und was dann dazugehört und daraus hervorgeht: die völlige Freiheit, das völlige Glück, die völlige Ordnung, die völlige Seligkeit. Ganz selbstverständlich wurde es ihm jetzt: das ist die wahre Welt, nachdem ihm die andere verklungen und versunken war. Das ists, was gilt. Das ists, was Bestand hat. Das ists, was nicht vergeht. Gott sei Dank, daß er mich von der Welt des Trugs und Scheins frei gemacht. Gott sei Dank, daß er mich auferweckt und mir auch dafür die Augen aufgetan, was denn nun die wirkliche Wahrheit und Macht in der Welt ist. Gott sei Dank, daß er mir in Christus gezeigt, was eigentlich Leben heißt: Leben heißt nicht leiden, und nicht sündigen, und nicht sterben. Leben heißt nicht kleinlich sein und zanken und Leidenschaften haben. Die Übel und Schlechtigkeiten der Welt alle sind wohl da, aber sie sind nicht notwendig, sie gehören nicht zum Leben. Leben heißt Freiheit und Glück und Seligkeit. Und dieses Leben haben wir, wir sind in der Freiheit, im Glück, in der Seligkeit. Wir sind hineinversetzt in das himmlische Wesen. — Ich sage es noch einmal, und darin liegt die ganze Erklärung dieses wunderbaren Wortes: so konnte Paulus reden, weil ihm Gott ein lebendiger Gott war. So mußte er reden: Wenn Gott lebendig ist, dann gibt es eben keine andere Welt als die Himmelswelt, und nur in ihr können wir sein.

Wir haben jetzt immer von Paulus geredet und von seiner Erfahrung. Wollte Gott, wir alle könnten sagen: ja, das verstehe ich, weil es mir auch so gegangen ist! Nur wenn es einem auch so gegangen ist, kann man das ganz verstehen. Wir möchten, nicht wahr, aber wir trauen nicht recht!? Wir sehnen uns danach, auch sagen zu können: ich bin drüben, hinaus aus dem Gemeinen |394 und Traurigen, hineingekommen in die höhere, edlere Welt des Schönen und Guten. Aber wir denken nun doch wieder: es sei aber doch nur ein Traum, doch nur eine Phantasie, gut für die Bibel, gut für die Kirche, aber nicht gut für das rauhe wirkliche Leben. Ja, es ist ganz natürlich wenn wir so denken. Ganz natürlich, solange wir noch tot sind in Sünden, wie Paulus sagt, solange Gott uns noch fern und fremd und nur bloßes Wort ist. Es würde uns gar nichts helfen, noch so viel nachzudenken über dieses himmlische Wesen, noch so viel davon zu reden, noch so viele Predigten darüber zu hören, noch so viel zu tun und zu eifern für das Gute. Es hilft uns Alles nichts: wir brauchen zuerst das Eine, Gott selber, den lebendigen, den wirklichen Gott, der in unserer Seele sagt: ich bin!, sodaß wir es nicht mehr vergessen können. Wir werden ihn wie Paulus am sichersten und völligsten bei Jesus finden. Wenn wir ihn gefunden haben, dann sind wir im himmlischen Wesen unmittelbar drin, denn die Welt ist dann versunken, sie hat keine Macht mehr über uns. Nicht als ob das mit einem Schlag geschehen könnte. Die Nebel des Weltlichen, des Traurigen und Bösen liegen gar dicht auf unserer Seele, und sie heben sich langsam. Aber die Hauptsache ist, daß wir wissen: es sind nur Nebel, keine Berge, wie wir meinten. Die Hauptsache ist, daß wir wissen: die Welt der Freiheit und der Liebe und des Friedens ist da, und sie ist die wirkliche Welt. Noch ist sie nur verborgen da, noch müssen wir oft im Dunklen tasten, aber sie ist da und muß sich nur enthüllen, immer vollständiger enthüllen. Und so gehen wir unseren Weg, der auf die Höhe führt, und glauben nicht an den Nebel, so dick er ist, sondern an die Sonne, die uns hell gibt mitten im Nebel, und freuen uns auf ihren vollen Schein, der einmal hervorbrechen muß.

Was meinst du, könntest du mit diesem Glauben an die Sonne mitten im Nebel, mit diesem Glauben an die Himmelswelt mitten in unserem Menschenwesen drin, könntest du damit leben, und wie würdest du damit fahren da draußen? Trage diese Frage mit hinein in deine Sorgen, in deine Abneigungen, in deine Geschäfte, in deine Freude, lies die Zeitung mit dieser Frage im Herzen |395 und rede mit deinen Nachbarn und Freunden über das, was dich bewegt, mit dieser Frage — immer im Herzen, nicht auf den Lippen — mit der Frage, ob das nicht eine Erlösung wäre für dich, für uns alle, wenn wir das glauben könnten: das Traurige und das Böse ist nicht, wir sind wahrhaftig im himmlischen Wesen und Leben?

Und dann denk noch einmal nach darüber, wie Paulus zu dieser erlösenden Gewißheit gekommen ist.

Amen.

Sachfußnoten

1
Nachbardorf von Safenwil. Barth vertrat den dortigen Pfarrer Paul Schild.↩
2
Nachdem am 28. Juni 1914 das österreichische Thronfolgerehepaar in Sarajewo einem Attentat zum Opfer gefallen war (vgl. Predigt 242 vom 18. Oktober 1914 Anm. 3), veranlaßte das auf 48 Stunden befristete Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien vom 23. Juli 1914 den Ersten Weltkrieg.↩
3
Vgl. Fr. von Schiller, Wilhelm Tell IV, 3 (Vers 2683f.) 📖:
Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
↩