2. August 1914

Predigt: Markus 13,7

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Krieg zwischen Österreich und Serbien. Drohender Konflikt zwischen Deutschland, Rußland und Frankreich. Mobilisation der ganzen schweizerischen Armee zur Grenzbesetzung.
Markus 13,7
Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so fürchtet euch nicht. Denn es muß also geschehen; aber das Ende ist noch nicht da.
Liebe Freunde!

Wir haben gestern einen 1. August3 erlebt wie noch gar nie. War es nicht an diesem Abend ohne all den gewohnten Freuden|396lärm, nur mit dem ernsten Ruf der Glocken, als ob man etwas spüre von dem angehaltenen Atem unseres ganzen Volkes in all seinen tausend Städten und Dörfern, das sich anschickt, alle seine Kraft zusammenzunehmen, um nach dem Vorbild der Väter mit Gut und Blut einzustehen für seine Freiheit und Unabhängigkeit. Wir wissen nun, wie das ist: wenn ihr hören werdet von Krieg und Kriegsgeschrei!4 Wie es nun auch herauskommen mag, wir werden diese Tage der Spannung, der beständigen Beunruhigung, Beschwichtigung und neuen Beunruhigung nicht so bald wieder vergessen.

Was für eine Zaubermacht liegt in diesem Wörtlein Krieg! Wir alle haben ihn ja noch nie aus der Nähe erlebt; ein paar ganz alte Leute im Dorf erinnern sich noch an das, was ihre Eltern ihnen erzählten vom Durchzug der Franzosen durch diese Gegend im Jahr 1798,5 bei ein paar Namen von jungen Männern im alten Familienbuch liest man die Bemerkung «gefallen unter den 12000 Schweizern in Rußland». Und der Schatten des großen Napoleon zeigt sich von weitem dem Geschlecht unserer Tage. Das war das letzte Mal, daß wir eigentlich große Kriegsnot im Lande gehabt haben. Was sich seither etwa ereignet hat, kann man nicht eigentlich so nennen. Und was wir vom Krieg wissen, das wissen wir aus Büchern und Zeitungen, nicht aus eigener Erfahrung. Und doch erreicht uns das Wort mit einer ganz unvergleichlichen Gewalt. Haben wir vielleicht von unseren Vorfahren mit ihrem Blut das Grauen geerbt, das ihnen in den schweren Leiden längst vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende zur anderen Natur geworden war? Oder ahnen wir unmittelbar etwas von der Fürch|397terlichkeit der Tatsache, daß die ursprüngliche Wildheit des Menschen von der Kette losgelassen wird, daß der Mensch dem Menschen, das Volk dem Volke gegenüber steht als Feind gegen Feind, als Raubtier gegen Raubtier?

Das ist sicher und das erleben wir jetzt wieder, daß uns vor dieser Tatsache, auch wenn sie nur aus der Ferne als eine Möglichkeit auftaucht, all das Andere, was uns sonst bewegt und erfüllt, klein und unbedeutend wird. Was ist unser Erwerben und Besitzen? Wenn es Krieg wird, so werden auch die sichersten Grundlagen unserer Existenz erschüttert und vielleicht vernichtet. Was sind unsere Zukunftspläne? Wenn es Krieg wird, müssen wir uns mehr als je darauf gefaßt machen, daß Alles ganz anders wird, als wir es jetzt voraussehen und berechnen. Was ist unser Lieben und Hassen? Im Krieg ist jedes Leben bedroht, die teuersten und die widerwärtigsten Menschen könnten auf einmal dahingerafft werden, und was soll dann unsere Zuneigung und Abneigung? Was sind wir selbst, mit unseren kleinen Wünschen und Liebhabereien, mit unseren Charaktereigentümlichkeiten und Gewohnheiten? Der Krieg kann unser Leben auf einmal in eine ganz andere Bahn werfen, vielleicht unser Glück zertrümmern, vielleicht uns ein Leid aufladen, das wir jetzt noch gar nicht ahnen, jedenfalls uns Erfahrungen beibringen und uns zu Gedanken zwingen, die auch dem Ältesten von uns ganz neu sein müssen und die vielleicht ganz andere Menschen aus uns machen. Kein Wunder, daß das Andere, so wichtig es uns sonst sein mag, schweigen und zurücktreten muß, je mehr die ungeheure Tatsache: Krieg in die Nähe zu rücken scheint.

Und auch darin spüren wir etwas von der unvergleichlichen Gewalt des Krieges, wenn wir sehen, wie da das Verborgene in den Menschen und Völkern auf einmal offenbar wird wie sonst nur ganz selten. Es gibt so Vieles, was die Menschen und die Völker in gewöhnlichen Zeiten sorgfältig vor sich selbst und voreinander verstecken unter dem dichten Mantel von Civilisation und Kultur, wie man diese schönen Dinge nennt, auch wohl unter dem Mantel von Frömmigkeit und Christentum. In Kriegszeiten, da |398 zeigt sichs, daß dieser Mantel große Löcher hat, oder er fällt wohl gar überhaupt herunter. Da wird die Menschheit zur Ehrlichkeit gezwungen. Wieviel dumpfen, leidenschaftlichen Haß sehen wir jetzt auf einmal hervorlodern zwischen den Völkern, was für eine Mühe haben die verantwortlichen Führer der Staaten, die Tausende zurückzuhalten, die nur darauf brennen, zurückzukehren in den wilden, blutigen Urzustand der Menschen, Abrechnung zu halten nach jahrzehntelangem Ingrimm mit dem alten verhaßten Gegner! Wieviel Rauflust und Abenteuerlust hat da seit langem gekocht und gebrodelt in unzähligen Gehirnen und verlangt nun auf einmal, sich auszubrausen! Wie paßt das zu der fortgeschrittenen Menschheit von heutzutage?!

Und auf der anderen Seite: wieviel jämmerliche, zitternde Furcht für das liebe Leben und besonders für das teure Geld bei hoch und niedrig! Ihr habt die Mahnungen in den Zeitungen gelesen, daß man jetzt nicht den Kopf verlieren und meinen solle, das Geld sei in der Kommode sicherer als auf den Sparkassen, und ihr wißt selber, wie nötig diese Mahnungen sind. Aber ist es nicht traurig, daß solche Mahnungen überhaupt nötig sind, daß es so Viele gibt, die nicht merken, daß sie mit solchem Tun zugleich eine Dummheit begehen (denn euer Geld ist auch in Kriegszeit auf der Sparkasse sicherer als bei euch zu Hause) und einen Vaterlandsverrat (denn die Banken haben gerade in solchen Zeiten das bare Geld nötig, wenn nicht alle Verhältnisse in Unordnung kommen sollen)? Wie paßt diese nervöse Unruhe und Fassungslosigkeit zu dem klugen haushälterischen Sinn, den man doch Menschen von heutzutage meinte zutrauen zu dürfen? So bringt der Krieg an den Tag, was verborgen ist.

Nötiger als je haben wir es in solchen Tagen, wo eine solche neue, furchtbare Tatsache in unser Leben hineingestellt wird, wo soviel Ungutes und Schwaches, was in uns schlummerte, sich ans Licht drängen will, nötiger als je haben wir es da, zu fragen nach dem, was unserem Leben einen festen Halt geben kann. Freilich, wer ihn nicht schon hat, der wird ihn mitten in solchen Zeiten des Sturmes schwerlich finden. Wer nicht aus den ruhigen |399 Tagen her, wo wir nachdenken und uns innerlich vertiefen konnten, einen Schatz an herzlichem Gottvertrauen und inbrünstiger Liebe mitgebracht hat, der wird jetzt kaum das Licht und die Kraft besitzen, schwierigen und ernsten Erlebnissen in der rechten Weise entgegenzugehen. Was der Mensch gesät hat, das muß er dann ernten [vgl. Gal. 6,7]. Und es ist immer so gewesen, daß in solchen ernsten Zeiten mancher oberflächliche und schwache Christenglaube kläglich versagt hat und zusammengebrochen ist. Aber, meine Freunde, wir haben doch einen solchen festen Halt und brauchen ihn nicht erst zu suchen, wenn wir ihn auch oft genug vergessen, nicht gebraucht und mißachtet haben. Wir brauchen bloß zu achten auf das, was uns gegeben ist, es zu ergreifen, uns darauf zu stützen. Hinuntersteigen aus der Oberfläche in die Tiefe, stark werden lassen, was schwach ist in uns, das ists, was wir alle tun müssen und tun können. Das, was uns gegeben ist, ist die Gegenwart und die Liebe des ewigen lebendigen Gottes, der Alles in seiner Hand hält und leitet nach seinem guten, heiligen Willen und der uns nahegetreten und offenbar geworden ist in Jesus Christus. Wer sich auf ihn stützt, der wird nicht versagen und nicht zusammenbrechen in dem Traurigen und Schrecklichen, dem wir vielleicht entgegengehen.

Und nun laßt uns aus dem Munde Jesu hören, was die Gedanken Gottes sind vom Kriege, der uns in so unheimliche Nähe gerückt ist. Wenn ihr hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, sagt er uns, so fürchtet euch nicht. Denn es muß also geschehen; aber das Ende ist noch nicht da. Nicht wahr, wir spüren alle, daß das etwas Höheres, etwas Überlegenes ist, was da in unsere Gedanken hineinkommt. Wir sind jetzt voll Unruhe über das allgemeine Unglück, das uns bedroht. Sorgenvoll eilen unsere Gedanken in die Zukunft. Viele von uns denken an ihre Lieben, die hinausziehen müssen, nicht mehr zu harmloser Waffenübung diesmal, sondern vielleicht zu blutigem Ernst. Anderen liegt am Herzen, wie es mit Handel und Wandel nun werden wird, von dem wir bisher gelebt haben. Andere denken an die teuren Zeiten, denen wir wahrscheinlich entgegengehen. Und wenn wir auch Ärgeres zu befürchten hätten, |400 wenn unser Land zum Kriegsschauplatz werden müßte wie damals 1798, mit all dem Schrecklichen, was das nach sich ziehen würde? Ist einmal der Krieg da, so sind wir vor gar nichts sicher. Und nun möchten wir Gott anrufen: Herr, erbarme dich unser und verschone uns! Laß den Stern deiner Güte ferner strahlen nieder auf unser liebes Schweizerland!6 Laß den Kelch an uns vorübergehen [vgl. Mt. 26,39]! Herr, gib uns Frieden gnädiglich!7 Ja, so dürfen und so wollen wir bitten und flehen, solange wir noch können, und sicher hört uns Gott. Aber ob er uns erhört, ob er tut nach unserem Willen — das können wir nicht wissen, das steht ganz in seiner Hand. Er sagt uns nicht: ich will euch verschonen, es wird keinen Krieg geben, aber er sagt uns auf alle Fälle: «Fürchtet euch nicht!»

Meine Freunde, wir müssen verstehen lernen, daß das das Größte ist, was Gott uns da geben will, und daß wir vor Allem um dieses Größte, um die Furchtlosigkeit, bitten müssen in diesen Tagen. Gelassen warten können, von einer Stunde zur anderen treu und nüchtern unsere Pflicht tun, unnützes Sorgen und Jammern um Dinge, die noch in weiter Ferne liegen, mannhaft unterdrücken, das Übel aber, wenn es einmal da sein sollte, tapfer anpacken und überwinden, das ist Furchtlosigkeit, und das ists, was wir jetzt alle brauchen. Wir wünschen sie denen, die jetzt an die Grenzen ziehen müssen, um das Land vor einem feindlichen Einfall zu schützen. Möchten sie morgen alle ohne Zaudern und Zagen dem Rufe folgen, auch wenn es den Allermeisten schwer genug fallen mag! Möchte es sich jetzt zeigen, daß unser Patriotismus, der sich an so manchem fröhlicheren 1. August, an so manchem Schützen- und Turnerfest laut Luft gemacht hat, mehr |401 Wert ist als Raketengeknatter und leeres Geschrei! Fürchtet euch nicht, ihr dürft euch nicht fürchten, — wenn es soweit kommen sollte, so wird Alles abhängen von eurer Kaltblütigkeit, von der Ruhe und Sicherheit eures Pflichtgefühls. Furchtlosigkeit haben aber ebensosehr und vielleicht noch mehr wir anderen nötig, die wir nicht mit hinausziehen. Die Kraft und Widerstandsfähigkeit eines Volkes liegt auch im Kriegsfall nicht nur bei seinen Soldaten an der Grenze, sondern ebensosehr bei all den Männern und Frauen, den Alten und Jungen, die hinter den Soldaten stehen. Es mag uns schwer fallen, ruhig zu bleiben bei dem Gedanken an Alles, was geschehen und kommen kann, während wir von weitem zusehen müssen; manchen von uns mag der Gedanke naheliegen: o wenn ich doch auch dabei sein könnte, da, wo etwas getan wird! Aber da hilft nun nichts: wir haben andere Pflichten, wir haben unsere Pflichten. Es wird z. B. sehr viel davon abhängen, in welchem Geist und Sinn ihr Frauen morgen eure Männer ziehen lasset, ob in einem Geist der haltlosen Unruhe und Sorge oder im Geist der Zuversicht und des Glaubens. Sehr viel wird davon abhängen, was für Briefe ihr ihnen schreiben werdet, ob ihr sie irre machen werdet durch Klagen und Jammern, oder ob ihr ihnen den Rücken stärken werdet durch das Gefühl, daß ihr ruhig und sicher das Nötige euch zu tun bemüht auch ohne sie.

Und wenn der Krieg vorbei ist, dann wird so oder so das Leben der Arbeit, das Familienleben wieder weitergehen müssen, und daß es dann möglichst gut und glücklich weitergeht, dafür tragen mehr oder weniger wir, die wir jetzt zurückbleiben, die Verantwortung. Schwere Tage der Arbeit stehen jetzt Vielen bevor; ungern läßt jetzt so mancher Vater und Sohn alles das im Stich, was zu tun wäre, und überläßt es den Seinigen. Fürchtet euch nicht!, heißt es auch da, laßt euch nicht in eine sinnlose Angst und Aufregung hineinhetzen wegen all dem, was erledigt sein sollte! Greift jeden Tag an, was nötig, und vollendet, was möglich ist, dann wird das Elend nicht so groß werden, als ihr jetzt denkt, dann werdet ihr vor Allem die Ausziehenden, die alle Sinne bei ihrer Sache haben müssen, ruhig und zuversichtlich |402 machen. Ich denke auch an die wichtige Arbeit der Kindererziehung, die nun für einige Zeit euch Müttern allein obliegt. Verdoppelt eure Mühe und Aufmerksamkeit in dieser Richtung gerade jetzt, wo die kräftige Hand des Vaters euch nicht mehr helfen kann, damit uns ein reines, kräftiges, arbeitsames und wahrheitsmütiges Geschlecht nachwächst! Unsere Jugend ist unsere Zukunft, und sie ist jetzt in eure Hand gelegt. O wenn wir jetzt alle von dem starken Geist der Furchtlosigkeit durchströmt würden, wenn wir Alles von uns werfen wollten, was uns und Andere jetzt nur stören und hindern kann, wenn wir auf nichts schauen und an nichts denken wollten als daran: was ist jetzt meine Pflicht an meinem Posten, die ich zum Wohl der Meinigen und meines ganzen Volkes erfüllen muß, so gut ich kann!! — seht, das ists, was Gott von uns will in diesen Tagen, das ists, was er uns schenken will, wenn wir ihn darum bitten, und darum müssen wir ihn heute vor allem Anderen bitten. Haben wir dieses Eine, dann mag jetzt der Sturm losbrechen, den wir befürchten, er wird uns nicht zerbrechen, ja es wird ein Segen für uns verborgen sein in dieser schweren Zeit.

Aber wie kommen wir zu diesem guten und starken Geist der Furchtlosigkeit, mit dem wir allein sicher durch diese Zeiten und Umstände hindurchkommen werden? Furchtlosigkeit will einen Grund und eine Hoffnung haben. Gott gibt uns auch diese, wenn [wir] hören wollen auf das, was er uns durch Jesus zu sagen hat. Jesus sagt: es muß also geschehen. Das tönt auf das erste Anhören eher bitter und entmutigend. Sollte Jesus damit sagen wollen, der Krieg sei ein Übel, das eben hingenommen werden müsse? Es sei ein Schicksal, daß die Menschheit von Zeit zu Zeit sich gegenseitig zerfleischen und morden müsse, und da gelte es zu schweigen und zu dulden, es werde nicht anders sein können auf dieser Erde? Nein und tausendmal nein, so dürfen wir den Krieg nicht hinnehmen. Gerade jetzt, wo es wieder einmal Krieg werden soll in der Welt, wo der Krieg alle anderen Interessen und Gedanken zu verschlingen droht, gerade jetzt müssen wir alle, und zwar die, welche ausziehen, und die, welche zu Hause bleiben, ganz klar |403 davon durchdrungen sein: der Krieg ist unrecht, der Krieg ist Sünde, der Krieg ist keine Notwendigkeit, sondern er stammt nur aus dem Bösen der menschlichen Natur. Es wird auch jetzt wieder nicht fehlen an solchen, die so reden, als wäre der Krieg eine Naturerscheinung wie Sonne und Regen, unvermeidlich und unüberwindbar wie diese. Und auch an schwachmütigen Christen wird es nicht fehlen, die an keine andere Welt glauben mögen als an diese Welt des Krieges, die uns sagen, Frieden, ewigen Frieden gebe es nur im Grabe, nur in einem besseren Jenseits. Ihr mögt gerade in der Lage, in der wir uns jetzt befinden, selber entscheiden, ob euch diese Meinungen tröstlich und wahr vorkommen. Sollen wir wirklich das Kriegsunglück mit all seinen Folgen, das jetzt über uns hereinbrechen will, hinnehmen mit dem Gedanken: es wird immer so sein? Müssen wir uns wirklich denken, daß unser Menschenleben nun einmal gleichsam eingemauert ist in solche harten Naturnotwendigkeiten, über die es keinen Sieg und kein Entrinnen gibt? In was für einer erdrückenden, erstickenden Lage wären wir, wenn es sich wirklich so verhielte! Aber es verhält sich ganz anders. Wir dürfen und sollen von Gott viel, viel mehr erwarten als sie. Und wenn Jesus sagt: es muß also geschehen!, so steht er dabei himmelhoch über der Art, die nichts Anderes weiß als: es ist einmal so! Wir wollen hinaufsteigen auf seine Höhe, dann sehen wir, wie er mit seinem «es muß» uns Grund und Hoffnung gibt für die Furchtlosigkeit, die wir jetzt so nötig haben.

Jesus lebte in der Welt des himmlischen Vaters. Er wußte, daß der Vater nicht grausam ist. Gott will nicht das Unrecht, das Leiden, das Elend, Gott will den Krieg nicht. Gott ist nur die Liebe, die Seligkeit, der Friede. Der Vater ist auch nicht gleichgültig. Wir gehören zu ihm, er will uns nicht steckenlassen in der Nacht der Sünde und Schuld; er will nicht, daß wir uns gegenseitig das Leben verbittern; es tut ihm weh, wenn er sieht, wie die Menschheit sich selber Not bereitet; er will uns zu sich ziehen. Und der Vater ist nicht schwach. Er steht nicht neben oder über uns Menschenkindern und läßt uns unsere verworrenen unglücklichen |404 Wege gehen, sondern er leitet uns und unsere Schicksale. Er kann Alles so wenden, wie es seinem guten und heiligen Willen entspricht, und er tut es auch. Er ist der allein Mächtige und Starke, den es überhaupt gibt, und außer ihm gibt es keine Notwendigkeiten. In diesen Gedanken lebte Jesus, und er hatte sie nicht nur als Gedanken, sondern als Tatsache: der heilige, liebevolle, starke Gott war für ihn das Gewisseste des Gewissen, die Lebenstatsache, auf die er jeden Gedanken, jedes Wort, jede Handlung gründete. Er dachte, sagte, tat Alles aus der sicheren Voraussetzung: dieser Gott lebt. Daneben kam für ihn alles Andere gar nicht in Betracht. Das Schlechte und Wüste in der Welt, das Unrecht und das Leiden, die Sünde und der Tod, Krieg und Verfolgung und Verrat — das alles sah er wohl, und es tat ihm weh, es zu sehen, und er litt auch darunter, aber es konnte schließlich nicht gelten, nicht Bestand haben. Er sagte von nichts: das ist nun einmal so, weil er bei Allem Gott hinzudachte und weil er von Gott wußte, daß er größer ist als Alles. Er sah bei Allem die Vollendung vor sich, die Gott mit der Welt und der Menschheit im Sinn hat. Auch das Kapitel, aus dem unser Text genommen ist, ist ganz voll von dieser Vollendungshoffnung. Es schildert, wie es durch Alles hindurch den Zielen der Liebe Gottes entgegengeht. Nichts kann schließlich bestehen von all den feindseligen widergöttlichen Gewalten in der Welt: Unglück, Hunger, Irrtum, Lüge und Verwüstung, alles Schändliche und Traurige ist nur eine Stufe. Darüber hinaus führt der sichere Weg Gottes, bis endlich des Menschen Sohn kommt in seiner Kraft und Herrlichkeit [vgl. Mk. 13,26], und das will sagen: bis endlich die erlösende Gewalt Jesu die Menschheit verwandelt hat, so daß sie nun wahrhaftig dem Bild Gottes ähnlich geworden ist.

Meine Freunde, wenn wir uns von Jesus jetzt so recht reich können beschenken lassen mit etwas — auch nur8 etwas — von seinem Glauben an den heiligen, liebevollen, starken Gott und an die Vollendung, der Alles entgegengeht nach Gottes Willen, dann |405 sind wir in diesen schweren Zeiten furchtlos. Wir sind es, wir brauchen es nicht erst zu werden. Es ist uns dann selbstverständlich, daß auch das Schwere und Traurige, was jetzt gegen uns daherkommt, nicht das Letzte, nicht das Ende sein kann. Wir sind frei, von vornherein über Alles, was jetzt kommt, hinwegzusehen auf jenes Größere, auf die Liebe Gottes, die Alles lenkt, auf die Vollendung, der Alles entgegentreibt. Das Unglück, das uns bedroht, mag uns dann wohl erschrecken und beunruhigen, aber es kann uns nicht zu Boden drücken. Es ist uns nichts Fremdes, nichts Entsetzliches mehr, wir wissen, was es ist und was es soll, auch wenn wir seinen Umfang und Ausgang jetzt noch gar nicht kennen. Es ist eine Stufe auf dem Wege Gottes. Eine schwere und steile Stufe, wir erfahren es jetzt, aber eine Stufe, die uns vorwärts, aufwärts bringen muß. Kann man da im Ernst Angst haben, kann man sich da in Nervosität und zitternde Unruhe versetzen lassen, wenn man das weiß: wir sind auf Gottes Weg, wenn man weiß, daß dieser Weg ein Ziel hat, wenn man weiß, daß der Krieg, auch dieser Krieg, wie alles Schwere ein Schritt sein muß auf diesem Weg?

Meine Freunde, ich sage euch nicht: wir wollen und sollen jetzt furchtlos und getrost sein. Das wäre ein ganz nutzloses Gerede. Wie kann mans denn, wenn das Herz so voll Unruhe ist? Aber das sage ich euch: wenn wir uns von Jesus in die Gemeinschaft mit Gott einführen lassen, in der er selber stand, wenn wir nur ein klein wenig in uns spüren von seiner Art, von seiner Liebe und seinem Vertrauen zum Vater, dann braucht es das gar nicht mehr: «wir sollen, wir wollen», wir sind dann furchtlos, weil wir mit ihm, mitten im Krieg, mitten unter Tränen und Abschiednehmen und Ratlosigkeit, wenn es sein muß, in der Welt des himmlischen Vaters sind, der die Liebe ist. Ja, wir können dann auch vom Krieg, von diesem schrecklichen Völkerkrieg, dessen Stürme jetzt von allen Seiten losbrechen wollen, sagen: wenn es sein muß, so muß es also geschehen, so wird es eine Notwendigkeit, aber eine göttliche, gute Notwendigkeit sein müssen, daß wir jetzt diese dunkle Bahn geführt werden.

406 Es ist ja etwas Merkwürdiges und im Grunde immer wieder Unbegreifliches, daß der Weg zur völligen Gottesherrschaft durch solche Übel, Sünden und Leiden hindurchgehen muß, daß solche steilen Stufen mit soviel bitterem Weh erstiegen werden müssen, bis dann der völlige Sieg des Menschensohnes eines Tages einfach da ist in Kraft und Herrlichkeit. Wer vermag in die Pläne Gottes hineinzusehen? Aber das sehen wir, wie tatsächlich noch immer auf große Übel und Schrecken ein Sieg Gottes gefolgt ist. So war es mit den Kriegen und Hungersnöten und Verfolgungen, die Jesus in unserem Text zunächst seinen Jüngern für ihre Lebenszeit angekündigt hat. Sie sind durch Alles hindurchgegangen, haben gelitten und getragen, und schließlich hat Gott doch triumphiert. So wird es uns auch gehen, wenn wir aus kindlichem gläubigem Herzen in dieses furchtlose, siegessichere: es muß also sein einstimmen, wenn wir uns durch das Alles hindurchführen lassen mit dem festen Blick auf den Gott, der das Ende in seiner Hand hält. Und auch das sehen wir, wie alle großen und kleinen Übel und Leiden und Ungerechtigkeiten in der Welt ihre Zeit gehabt haben: sie kamen, sie wuchsen, sie erhoben sich zu beängstigender Größe und Gewalt, sie lebten und wirkten sich aus, und dann, wenn sie auf ihrem Höhepunkt waren, fielen sie in sich selbst zusammen, sie wurden unmöglich, gerade weil sie so groß geworden waren. So war es mit manchem auf Lüge und Gewalt aufgebauten Weltreich, so war es mit der Sklaverei, mit dem Alkoholismus — Gott wartete und wartete — bei manchen solchen Übeln und Sünden wartet er heute noch — wie lange werden die Menschen brauchen, bis sie erwachen, bis aus der Not heraus die Kraft geboren wird, die die Not überwindet, bis sie lernen, ihre Augen und Gedanken und Hände zu brauchen, bis sie lernen zu beten, daß das Übel und die Sünde beseitigt wird? Diese Augenblicke des Höhepunktes und des Zusammenbruchs, des Aufraffens der leidenden, sündigen Menschheit sind noch immer gekommen. Wird nicht ein solcher Augenblick auch für das Übel und die Sünde des Krieges eines Tages einfach da sein, ein Augenblick, wo das Leid und das Unrecht des Krieges so groß geworden ist, daß es nicht mehr |407 weitergehen kann, daß die Augen der Menschen sich öffnen, daß sie sich zusammentun, nicht nur einzelne Wenige wie heutzutage, sondern zu Millionen, zu ganzen Völkern, und erklären: wir können nicht mehr und wir wollen nicht mehr, und dieser Krieg ist der letzte gewesen?

Meine Freunde, wir blicken da in eine ferne Zukunft, die wir alle wohl nicht mehr erleben, aber wir stehen auf einem festen Boden. Wir haben die Erfahrung für uns und die sichere Verheißung Gottes, wenn wir so glauben. Und das gibt uns den Mut, auch von den jetzigen Ereignissen, wie sie sich auch gestalten mögen, zu denken und zu sagen: es muß also sein! Das Übel und die Sünde des Krieges muß reif werden, reif werden unter viel Not und Blut und Tränen, aber wenn es ganz reif geworden ist, dann ist Gott da, und das Übel und die Sünde sind überwunden. Wollen wir uns nicht freuen, wenn es wieder einen Schritt vorwärts geht, diesem Ziel entgegen? Wollen wir nicht denken, daß auch die Angst und Sorge, die wir jetzt durchmachen, zu den Zeichen der Zeit gehört, die die Zeit Gottes ist? Seht, dann haben wir den festen Halt, der uns jetzt so nötig ist, die, die hinausziehen an die Grenzen, und die, die zu Hause ihre Pflicht erfüllen, dann fürchten wir uns nicht und geben uns keinem kleinlichen, unruhigen Wesen hin trotz allem Ernst unserer Lage, dann können wir auf Gott warten, wie er auf uns wartet, bis es wieder hell wird am Himmel und wir zu ahnen vermögen, daß über dem allen der große Tag Gottes nähergerückt ist.

Gott schenke uns allen reichlich, was uns jetzt das Nötigste ist, die Gemeinschaft seines Geistes, der ein Geist der Kraft und der Hoffnung ist.

Amen.
Herr unser Gott, himmlischer Vater! In tiefer Bewegung heben wir unsere Augen auf zu dir, von welchem uns Hilfe kommt. Du weißt, wie unruhig jetzt unsere Herzen sind. Du weißt, wie erschrocken wir sind über das Unerwartete, das über uns hereingebrochen ist. Vater, wenn es sein kann, so erhalte uns den teuren |408 Frieden. Wehre du dem Haß der Völker und verhindere den Brand, der entstehen will. Nimm du unser liebes Vaterland in deine Obhut. Erhalte uns unsere Unabhängigkeit, für die unsere Väter in heißen Kämpfen gestritten. Sei du mit unseren Soldaten, mit all den Vätern, Ehegatten, Brüdern und Söhnen, die morgen hinausziehen sollen, einem unbekannten Los entgegen, und führe sie uns gesund wieder zurück. Du weißt ja, wie nötig wir sie haben. Sei du auch mit uns, die wir zurückbleiben. Bewahre uns vor Hunger, Not und aller Unordnung. Erhöre uns, wenn es dein heiliger Wille ist.
Aber wenn es dein Wille ist, daß wir leiden sollen, wenn Krieg und Angst und Not uns bevorstehen, dann sagen wir aus ganzem Herzen: Herr, dein Wille geschehe! Hier sind wir, mach mit uns, wie es dir wohlgefällt! Gib uns nur das Eine, daß wir in Gemeinschaft bleiben mit dir, daß nichts uns das Vertrauen und die Liebe zu dir aus dem Herzen reißen möge, daß wir, je schwerere Tage kommen, umso inniger und williger uns dir übergeben. Und dann laß dein Reich, das Reich des Friedens, näher kommen mitten hindurch durch alles Leiden und alles Schwere, und laß uns jeden Augenblick uns dessen getrösten, daß das Ende aller Dinge in deiner Hand ist.
Unser Vater …

Sachfußnoten

1
Vgl. Anm. 1 zu Predigt 231 vom 26. Juli 1914, S. 384. ↩
2
Als Lieder, die in den Gottesdiensten gesungen wurden, sind auf dem Manuskript notiert: Nr. 266 (EKG 294), Strophen 1–3: «Befiehl du deine Wege …» von P. Gerhardt (1607–1676) 🎵; Nr. 257, Strophe 1–3: «Ich bleib’ bei dir!» von A. Moraht(1805–1884) 🎵; Nr. 9 (EKG 233), Strophe 1,5,6: «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von J. J. Schütz (1640–1690 🎵); Nr. 168 (EKG 219), Strophe 1,6,7,8: «O daß doch bald dein Feuer brennte …» von G. F. Fickert (1758–1815 🎵). Je zwei Liednummern sind untereinander geschrieben, die beiden Kolumnen durch einen senkrechten Strich getrennt. Das dürfte bedeuten, daß die beiden erstgenannten Lieder in Safenwil, die beiden anderen in Uerkheim gesungen wurden.↩
3
Schweizer Nationalfeiertag.↩
4
Diese Anfangssätze der Predigt ersetzen den folgenden ursprünglichen, von Barth gestrichenen Anfang: «Wir haben in den vergangenen Wochen viel gehört von Krieg und Kriegsgeschrei, und noch immer scheint es ja nicht ausgeschlossen, daß wir noch ganz anders davon zu hören und zu sehen bekommen könnten.»↩
5
1798 wurde die alte schweizerische Eidgenossenschaft nach dem Einmarsch französischer Truppen unter den Generalen Brune und Schauenburg gewaltsam in die — von Frankreich abhängige — «Helvetische Republik» umgewandelt.↩
6
Anspielung auf den Schluß des Vaterlandsliedes «O mein Heimatland» von Gottfried Keller (1819–1890) 🎵:
Werf ich von mir einst dies Staubgewand,
Beten will ich dann zu Gott, dem Herrn:
«Lasse strahlen deinen schönsten Stern
Nieder auf mein irdisch Vaterland!»
↩
7
Vgl. die Antiphon Da pacem Domine, verdeutscht von M. Luther (1531): «Verleih uns Frieden gnädiglich …» (EKG 139) 🎵.↩
8
Mskr.: nur auch.↩