19. Juli 1914

Predigt: Psalm 130,5-8

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Psalm 130,5–8
Ich harre des Herrn; meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur anderen. Israel hoffe auf den Herrn; denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm, und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.
Liebe Freunde!

Von der Geduld reden die schönen Psalmworte, die wir gehört haben. Ob wir es wohl nötig haben, uns das wieder einmal zu sagen: So seid nun geduldig, liebe Brüder! [Jak. 5,7]? Ach ja, das ist ja eins von den Dingen im Leben, von denen man nie genug weiß, von denen man nie sagen kann: Das habe ich schon, und davon brauch ich nichts mehr, eine von den Grundsäulen des Lebens, an denen wir immer wieder bauen müssen. Es gibt so viele ungeduldige Menschen in der Welt, so viele Menschen, die gerade das nicht können, wovon wir da lesen: auf den Herrn harren! Und solange sie dieses Eine nicht können, ist ihr Leben ungenügend, unerfreulich, fehlt es ihnen am Frieden und auch an der rechten Kraft, und wenn sie vielleicht sonst noch so eifrige, tüchtige, fromme Menschen wären. Bis sie dann eines Tages auch noch dieses Eine lernen, auf den Herrn zu harren. Ist nicht Manches auch unter uns, das sich gerade das müßte sagen lassen, wenn es einmal ganz fein stille auf Gottes Stimme hören wollte: Du hast sehr Vieles, du bist fleißig und treu und ehrlich und meinst es gut mit den Leuten, aber Eins fehlt dir, du weißt nicht, was geduldig sein heißt. Du hast es noch nie gewußt, du hast immer getan, als ob du gerade dieses Stück von der großen Kunst zu leben nicht brauchtest. Oder du hast es einmal gewußt, aber du hast es im Strudel des Lebens wieder vergessen und verlernt.

Wozu brauchen wir denn Geduld? Weil die Welt und weil unser Leben voll ist von ganz gewaltigen und hartnäckigen Schwierigkeiten, Widerständen und Hindernissen. Ja, wenn unser Leben einem Wasser gleichen würde, dem man einen schönen |373 schnurgeraden Kanal gegraben hat, in dem es nun nichts zu tun hat, als, seinem Schwergewicht folgend, geradeaus zu eilen! Ja, wenn unser Leben einfach ein für allemal eine fröhliche, gute und schöne Richtung nehmen würde, so daß wir nur immer nötig hätten, weiterzumachen, weiterzuleben, wie wir einmal angefangen! Ja, da brauchte es freilich keine Geduld. Und oft, oft denken wir uns das Leben so. Aber das wäre ja gar kein wirkliches Menschenleben. So ist es einfach nicht, und wenn wir es noch so gerne so hätten. Sieh dir einmal den Lauf eines wirklichen Flusses an, den Lauf der Aare z. B.! Wieviel merkwürdige Umwege muß sie machen, wie hat sie sich ihren Weg suchen und an manchen Orten durch große Hindernisse hindurch selbst graben müssen in tausend- und tausendjähriger Arbeit, um endlich im Rhein und durch den Rhein im Meer ihr Wasser zur Ruhe zu bringen! So geht es zu im wirklichen Leben. Das hat auch ein Ziel — ganz sicher, es hat ein Ziel —, und dieses Ziel heißt Freude und Liebe, Friede und Ruhe in Gott für dich und für alle Menschen, für das äußere und für das inwendige Leben. Und jeder Tag in unserem Leben muß uns diesem Ziel, dem Reiche Gottes näherbringen. Aber ein langer Weg ist bis dahin, und auf dem Wege hat es steile Berge und endlos lange Hügelzüge und unermeßliche Sand- und Steinwüsten und schaurige Abgründe. Arme Menschen sind wir, wenn wir das nicht ganz klar einsehen, daß es so ist und so sein muß, wenn wir meinen: jetzt, sofort oder doch sehr bald sollte das da sein, worauf ich hoffe, was ich von Gott zu erwarten habe, und wenn wir dann nicht lernen, etwas ruhiger, reifer zu denken über dieses «Jetzt» oder «Bald».

Da ist eins, und das ist mit so großen gespannten Erwartungen an Freude ins Leben hinausgezogen. Es dachte sich als jung1 immer ein großes geheimnisvolles Glück, das einmal kommen müsse, eine über die Maßen hohe Seligkeit, die ihm ganz sicher beschieden sei. Hatte es Recht damit? O ja, es hatte Recht, das dürfen und das sollen wir vom Leben erwarten, daß es uns unermeßlich viel |374 Schönes bringen werde, und es ist ein ganz jammervolles Geschäft, das Manche meinen ausüben zu müssen, solche erwartungsvollen Menschen, Kinder z. B., im Voraus abzukühlen und abzuschrecken. Nein, es hatte Recht, sich zu freuen. Aber nun kam das Leben und brachte so Vieles, was ganz anders aussah als die Freude, die es sich vorgestellt hatte, brachte unerwartete Enttäuschungen, brachte endlos lange graue Reihen von Monaten und Tagen, die lauter Mühe und Arbeit waren, brachte Verdruß und Herzeleid, brachte so manches Wenn und Aber, das die Erfüllung auch der bescheidensten Wünsche unmöglich machte. Und nun? nun kam das arme Menschenkind in eine große Unruhe hinein, immer meinte es: aber das Schöne, Freudige muß nun doch einmal kommen, und wollte es aufsuchen und fing an, allem Möglichen nachzulaufen, was man so Freude zu nennen pflegt, war überall zu finden, wo Leute sich lustig machen, und immer mit dem Gedanken: das, das ist es nun, das große Glück des Lebens. Dabeisein, mitmachen, genießen, das ists, worauf es ankommt. Vielleicht ist es nicht in schwere äußerliche Sünde hineingeraten, aber jedenfalls in eine Unruhe, in eine Hetzerei nach Vergnügen, in der seine Seele zu Grunde gehen mußte. Es fand das Glück nie und war jedesmal, wenn die sogenannte Freude wieder einmal vorbei war, im Grunde nur um eine Enttäuschung reicher. Warum? weil es nicht geduldig war, weil es nicht warten konnte auf die große Seligkeit, die ganz sicher für uns alle bestimmt ist, weil es sich zerstreuen und verzetteln, hetzen und aufreiben ließ in der Sehnsucht nach dem, was das Leben ihm sicher gebracht hätte, wenn es sich nicht hätte erschrecken und aufregen lassen durch alles das, was zwischen ihm und seinem Ziel zu stehen schien.

Da ist ein Anderer, der einen guten Vorsatz gefaßt hatte, z. B. etwa den Vorsatz, absolut aufrichtig und ehrlich zu sein, oder den Vorsatz, gute Kameradschaft und Solidarität zu wahren mit den Mitarbeitern, oder den Vorsatz, eine schlechte und gefährliche Neigung, das Trinken etwa, aufzugeben. Und nun freute er sich über seinen guten Vorsatz und schritt tapfer und rüstig aus, |375 er war auf dem Weg zu dem göttlichen Ziel, ein tüchtiger, rechter, ehrenwerter Mensch zu werden. Aber nun kam der steile Berg oder die Sandwüste auch für ihn. Nun mußte er erfahren, wie stark doch die Macht des Bösen noch immer war in ihm. Nun merkte er, daß es auch äußerlich gar nicht immer so leicht ist, das Gute zu tun, das man tun möchte. Nun erfuhr er den Widerspruch und Widerstand der Anderen, die es sich eben gar nicht so gerne gefallen lassen, wenn einer auf einmal seinen eigenen Weg geht. Und er fehlt einmal, zweimal, dreimal gegen seine guten Vorsätze. Und dann gab ers plötzlich auf. Halt, ich merke schon, es geht nicht, ich kann es doch nicht durchführen, ich bin zu schwach! Die Freude am Vorwärtsgehen war weg, wie vom Winde weggetragen, und er ließ Alles sein, was er sich vorgenommen, und wurde wieder, was er vorher gewesen war. Er erreichte das göttliche Ziel seines Lebens nicht, weil er es nicht fassen und begreifen konnte oder wollte, daß der Weg zu diesem Ziel weit und mühselig ist. Er war so gut unterwegs, er wäre so sicher zu seinem Ziel gekommen, o, warum ließ er sich erschrecken und aufhalten?

Und wieder ein Anderer kam nicht nur mit einem guten Vorsatz für sich selbst, sondern mit einer guten Meinung für die Anderen, mit einem guten Gedanken, den er ihnen mitteilen, einer guten Bestrebung, für die er sie gewinnen wollte. Er war so ganz sicher, das Richtige zu haben, und es war auch vielleicht wirklich das Richtige. Aber nun glaubte er auch, das müsse nun sofort wirken und einschlagen und aufgenommen werden, es müßten es doch sofort Alle oder doch die Allermeisten merken, wie gut er es meine. Und das geschah nun nicht. Die Allerwenigsten merkten etwas und auch die nur halb und halb, die Allermeisten schüttelten die Köpfe, blieben so hart wie Glas und gingen ihrer Wege vorher wie nachher. Zäher klebriger Widerstand stellte sich seiner guten Meinung entgegen. Und nun? Nun hätte er warten, nun hätte er Geduld und Vertrauen haben müssen, statt dessen wurde er unruhig und böse. Nun fing er wegen seiner guten Meinung Streit an mit diesem und jenem. Nun geriet er auf allerlei Kleinlichkeiten und Künsteleien, um sich durchzusetzen und zu behaupten, |376 nun wurde er leidenschaftlich und aufgeregt, nun passierte ihm das Schlimmste, was einem in solchem Fall passieren kann: er verwechselte seine gute Sache mit sich selber und seinem Kopf und seinen Wünschen, er eiferte und handelte daher, wie ein Anderer ums Geld oder um sein Ansehen eifert und handelt, nun machte er selbst aus seiner guten Meinung eine enge kleine persönliche Partei- oder Sektensache. Und so ist auch er schließlich gestrandet. Er war auf dem Wege zum Reiche Gottes, er hätte etwas tun und erreichen können für das Reich Gottes, aber er hatte die Geduld nicht, er wußte nicht, daß der Weg dahin weit und beschwerlich ist und daß es so sein muß. Er konnte nicht warten, und damit verdarb er Alles, sich selbst und den Anderen, mit denen er es so gut meinte.

Und da war wieder ein Anderes, das hatte eine große starke Liebe in sich, es hatte so einen starken Trieb zu helfen, wohlzutun, Freude zu machen. Es gibt solche Menschen, deren Wesen man gar nicht besser beschreiben könnte als mit den Worten: sie möchten liebhaben. Sie möchten! Sie spüren so deutlich, daß die Liebe das Schönste und Beste ist im Leben, sie möchten so gern etwas davon ausströmen lassen und darin selig sein, so recht reichlich ihr Bestes von sich zu geben. Sie möchten! Und sie haben ganz recht, die Liebe ist das Höchste in der Welt, und wehe dem, der einen solchen Menschen in seiner Gesinnung stört und betrübt! Aber Hindernisse sind da auf dem Weg, auch auf diesem guten Weg, das ist einmal nicht anders. Die meisten Menschen sind durchaus nicht entgegenkommend, durchaus nicht empfänglich und dankbar dafür, wenn man sie liebhat, wenigstens äußerlich nicht. Bei sehr Vielen von ihnen hat sich eine ganze Eiskruste von Trotz und Mißtrauen gebildet, vielleicht mit Recht, weil sie schon viele Enttäuschungen durchgemacht, vielleicht auch mit Unrecht. Aber jedenfalls braucht es viel starke und andauernde Sonnenwärme, um alle diese Eiskrusten aufzutauen. Wenn man nun da zurückgestoßen und dort mißverstanden und dort betrogen wird, ja, wer kann da die ganze ursprüngliche Liebe bewahren? Ist es da nicht schon den liebevollsten Herzen so gegangen, daß |377 sie endlich verzagten, daß sie anfingen, das Feuer ihrer Freundlichkeit und Teilnahme erlöschen zu lassen in dem feuchten Tod ihrer unerquicklichen Erfahrungen, daß sie ihre Liebe einschränkten und einschränkten, bald diese bald jene davon ausschlossen und am Ende eine enge kleine Familien- und Verwandtenliebe daraus werden ließen, die mit der echten großen Gottesliebe fast gar nichts mehr zu tun hat, weil das größte Menschenmißtrauen oder traurigster Menschenhaß ruhig daneben bestehen können. Was für ein bedauerlicher Vorgang, wenn die Liebe so abstirbt und sich gar in ihr Gegenteil verwandelt! Und doch kommt das gar nicht so selten vor. Viel Mißmut und Gram und Feindschaft in der Welt ist enttäuschte, verärgerte, erstorbene Liebe. Warum erstorben? Weil sie nicht die Geduld bei sich hatte, weil sie nicht warten konnte auf das Auftauen der Eiswände, weil sie meinte, das müsse sich sofort einstellen, sowie sie anfange mit ihren Sonnenstrahlen. Und so ist wieder ein Weg, der sicher zu dem herrlichen Gottesreich hätte führen müssen, traurig abgebrochen, abgebrochen eigentlich weniger wegen der Macht der Hindernisse, die sich einstellten, als weil die Erkenntnis fehlte, daß die Hindernisse sein müssen.

Irgendwo haben wir es sicher alle schon erlebt, daß wir den Weg und damit auch das Ziel verloren, weil wir nicht die Geduld hatten, den Weg, der uns zum Ziele führen mußte, nun auch wirklich zu gehen. Irgendwo könnte man ganz gewiß von jedem von uns sagen, daß es ganz anders dastehen würde, innerlich aber vielleicht auch äußerlich, wenn es da und dort einmal hätte warten können, statt ungeduldig zu werden und in der Ungeduld stehen zu bleiben oder rückwärts zu gehen oder verkehrte Wege einzuschlagen. Vielleicht sind solche unter uns, die sich durch ihre Ungeduld ihr ganzes bisheriges Leben verpfuscht haben oder die im Begriffe stehen, es zu tun. Jetzt zeigt uns der Psalmsänger etwas Anderes: Ich harre des Herrn, sagt er, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort, meine Seele wartet des Herrn, von einer Morgenwache bis zur anderen. Ja, das ist etwas Anderes, etwas Anderes als das müde Zusammenbrechen auf dem guten Wege, etwas Anderes, |378 Höheres aber auch als das, was man so gewöhnlich «Geduld» nennt.

Ach, es ist oft so etwas Trostloses, Herzloses, einem Menschen zu sagen, er müsse eben Geduld haben, er solle sich nicht abschrecken und irre machen lassen durch die gewaltigen Lebensschwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen. Er solle nur warten. Ja, worauf soll er denn warten? Man sage das einem schwer Kranken, für den alle Hoffnung vorbei ist, oder Einem, der mit seinen Mitmenschen so recht traurige Erfahrungen durchgemacht hat, oder Einem, der unter der Last seiner eigenen Fehler und Schwachheiten zusammengebrochen ist. Geduld? Ausharren? Ja, aber wenn das Hindernis so unüberwindlich groß ist, daß es einfach nicht geht? Wenn man aufschreien möchte: ich kann nicht mehr! Tönt es da nicht fast wie ein Spott: du mußt Geduld haben? Möchte man da nicht bitter antworten, wie der Dr. Faust in Goethes berühmtem Gedicht: Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben und Fluch vor allem der Geduld!2 Ist es nicht in gewissen Lebenslagen fast wie eine Erlösung, Alles gehen und fahren zu lassen, wie es will, auf alles Höhere, Bessere zu verzichten, das Warten aufzugeben und zornig und im Innersten müde auszubrechen: Ich kann nicht und ich will nicht! Ja, das ist freilich so: mit der gewöhnlichen sogenannten Geduld kommt man nicht weit. Die Geduld, die man so leichthin in den Mund nimmt und von der man etwa sagt: Geduld bringt Rosen!, die muß fast notwendig vor allen ernsthaften Lebensschwierigkeiten zusammenbrechen. Und wenn sie Bestand zu haben scheint, dann ist sie oft mehr eine gewisse Stumpfheit, eine Art Schafssinn, der gerade innerlich lebendigen Menschen ganz unmöglich ist.

Die echte, die wirkliche Geduld, die Geduld, die zum Sieg führt, gibt es nur mit Gott. Und nur da hat es einen Sinn, die Ungeduld in sich zum Schweigen zu bringen, einen Sinn, zu warten, wo man auf den Herrn warten kann. Und was wir in erster Linie brauchen, das ist, daß wir diesen Gott kennen, der größer ist als Alles, |379 größer ist als die Widerwärtigkeiten auf unserem Weg, größer, unendlich viel größer als alle Menschen miteinander, größer vor Allem als wir selbst mit unserer kleinen Kraft, ihn, der der Herr ist über Alles, der nicht nur unserem Leben jene hohen Ziele gibt und uns die Sehnsucht ins Herz, daß wir nach ihm streben und verlangen müssen, solange wir leben — sondern der nun auch unser Leben in der Hand hält und Alles, was uns zustößt an Freud und Leid, der ganz genau weiß, welcher Weg für uns der richtige ist, und der uns ganz genau den Weg gehen läßt, der für uns der beste ist. Den Gott müssen wir kennen lernen, der es so gut mit uns meint, viel besser, als wir selber es mit uns meinen könnten, — den Gott, der so weise erkennt, wo gerade du vorbei mußt, um dein ganz besonderes Ziel zu erreichen, viel viel besser, als du es erkennen kannst, auch wenn du das nicht glaubst, — den Gott, der so stark ist, daß einfach gar nichts in der Welt ein wirkliches Hindernis seines guten freundlichen Willens werden könnte. Das ists, was wir brauchen, daß wir diesen Gott kennen lernen oder wieder kennen lernen, wenn er uns fremd geworden ist. Wenn wir ihn haben, dann haben wir auch die rechte Geduld, dann können wir auch warten. Aber zuerst müssen wir ihn haben. Der Psalmsänger legt allen Nachdruck darauf, und er hat recht, wir müssen auf ihn hören. Er sagt: Bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm, und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Es ist merkwürdig, daß er da auf einmal von der Sünde redet, und daß wir davon frei werden sollen. Man erwartet das hier nicht, wo er von der Geduld, vom Warten auf den Herrn redet. Und doch gehört es zusammen. Wir betrachteten am letzten Sonntag den Anfang dieses Psalms und sahen dort, wie das zusammengehört: Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir! und: bei dir ist die Vergebung. Wir sahen, wie nur der frei wird aus den Tiefen des Lebens, der dazu gekommen ist, nach Vergebung seiner Sünde zu verlangen. So ists auch hier: Wir können nur dann Geduld haben, wir können nur dann getrost warten trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten, wenn wir erlöste Menschen sind, Menschen, |380 denen ihre Sünde vergeben ist. Denn das ist der tiefste Grund unserer Ungeduld, unseres Nichtwartenkönnens, durch das wir uns so viel verderben, daß wir mit Gott heimlich oder offen im Kriege leben, daß wir an irgend einem Punkt uns weigern, Gottes Willen zu unserem Willen werden zu lassen, daß wir irgendwie uns selbst, unser eigenes Ich lieber haben als Gott. Und diesen Zustand, den wir alle sehr wohl kennen, nennt die Bibel Sünde. Solange wir in der Sünde sind, können wir gar nicht Geduld haben, da ist Alles umsonst, da werden wir immer wieder zusammenbrechen und uns verirren, bevor, lange bevor wir unsere göttlichen Ziele erreicht haben.

Aber bei Gott ist Erlösung und Vergebung der Sünde. Wir können Gott gar nicht kennenlernen, ohne Vergebung der Sünde zu empfangen. Der Dichter H. Heine, der ein bekannter Religionsspötter war, soll auf seinem Sterbebette gesagt haben: Gott wird mir vergeben, das ist ja sein Metier!3 Ein solches leichtfertiges Wort in solcher Stunde berührt uns schrecklich, nicht wahr, aber es war vielleicht ernster gemeint, als es aussah, und jedenfalls war mehr Wahrheit darin, als der es sprach selber wußte. Ja, das ist Gottes Handwerk, zu vergeben, das ist sein innerstes Wesen, daß er immer wieder zu uns kommt, auch wenn wir uns noch so weit von ihm entfernt haben, daß er uns immer wieder die Hand reicht und uns zu sich zieht, auch wenn wir uns als seine ärgsten Feinde gezeigt haben, daß er uns lieb hat, auch wenn wir seiner nicht im Geringsten würdig sind. Gott ist die Gnade, die uns erlöst aus den traurigen Zuständen, in die wir uns durch eigene Schuld hineinbegeben haben, und die Vergebung, die uns frei macht von diesem alten Wesen zu einem Leben im Frieden mit seinen Geboten. O, wir wollen doch zu ihm gehen, der die Gnade und die Vergebung ist, wir wollen doch vor allen Dingen bei ihm abladen, was uns von ihm trennt, bevor wir seufzen über unsere Lebensschwierigkeiten. Wir wollen |381 uns von ihm frei machen, den Frieden des Gewissens uns schenken lassen, ohne den unsere Seele nicht leben kann. Gnade und Vergebung brauchen wir vor Allem, wir Müden, wir Enttäuschten, wir Verzagten, wir alle, die wir immer wieder auf dem Weg zum Ziel stecken bleiben und zusammenbrechen. Nicht so viel geklagt und gescholten über das Schicksal und über die Welt und über die Menschen, liebe Freunde, und dafür einmal gründlich eingekehrt bei uns selbst, nein, bei unserem Vater im Himmel, und bekannt und gebetet: Gott, sei mir Sünder gnädig [Lk. 18,13]! Ein Jedes von uns muß nun selber wissen, was es da besonders vor Gottes Thron niederlegen, was da besonders bei ihm anders werden muß. Wir wissen alle etwas. Aber Jedes von uns darf auch erwarten, daß Gott eine besondere Vergebung, eine besondere Kraft gerade für ihn bereit hat.

Und wenn wir die empfangen haben, dann haben wir auch Geduld, nicht mehr die oberflächliche unnütze Geduld, von der man schwatzt und singt, und nicht die stumpfsinnige tote Geduld, sondern die große echte, die fruchtbare und siegreiche Gottesgeduld. Jetzt wird uns das ganz natürlich und selbstverständlich, was der Psalmsänger beschreibt: meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Und was heißt nun das: o, das heißt ganz einfach, daß wir zu ihm, mit dem wir nun Frieden haben, nun auch das rechte kindliche Vertrauen haben, er werde es wohlmachen. Es ist Alles in seiner Hand, und er meint es mit Allem gut mit mir! Das ist dieses Zutrauen. Und wenn man das hat, dann kann man warten. Warten, auch wenn der Lebensweg ins Gebirge und in die Wüste hineinführt, warten, auch wenn Alles um uns und in uns uns zuzurufen scheint: Unmöglich, du wirst dein Ziel nie erreichen! Warten heißt nicht stillestehen. Die große Gottesgeduld, die der Vater seinen erlösten Kindern schenkt, hat nichts zu schaffen mit Faulheit und Gleichgültigkeit. Die irren sich ganz gewaltig, die da meinen, auf den Herrn harren, das heiße, die Hände in den Schoß legen und andächtig und gemächlich warten, wie Alles komme. Das wäre eine bequeme Religion, und da machen sich Viele eine viel zu bequeme Religion. Nein, warten heißt vorwärtsgehen, |382 warten heißt treu sein und alle Aufgaben, die das Leben uns stellt, eifrig und gründlich in die Hand zu nehmen. Warten heißt Alles tun, was ein Mensch noch tun kann, um seinem Ziele nahe zu kommen. Aber vorwärtsgehen ohne Unruhe und Aufregung, ohne himmelhohes Jauchzen und Zutodebetrübtsein,4 ohne Gewaltsprünge und Seitenweglein. Ruhig und sicher und ununterbrochen vorwärts gehen, weil nichts, was kommen kann, etwas Fremdes ist, weil Alles sowieso von Gott kommt, sei es groß oder klein, gehe es lang oder kurz, das heißt auf den Herrn warten. Man könnte auch sagen, die Gottesgeduld, die uns geschenkt wird, sei ein großes Reifwerden, ein großes Nüchternwerden. Ja, nicht daß wir damit irgend etwas von unseren großen heiligen Hoffnungen oder Erwartungen auf das Leben preisgeben, nicht das Geringste. Aber die Hoffnung wird fest und sicher, sie läßt sich nicht mehr erschrecken, wir getrauen uns, sie in Alles hineinzutragen, auch in die gewaltigsten, zähesten Schwierigkeiten hinein, überall aufzupflanzen mitten in der bösen Welt. Nicht matt wird die Hoffnung, indem wir reif und nüchtern werden. Im Gegenteil: jetzt lernen wir erst hoffen, so recht kraftvoll und freudig hoffen, indem wir warten lernen.

Diese gottesgeduldige Hoffnung wird sich dann immer mehr nach allen Seiten bewähren. Nicht immer auf die gleiche Weise. Sieh einmal zu, wie es die Ameisen machen, wenn sie ein Hindernis, etwa einen Bretterzaun, überwinden müssen, vielleicht machen sie einen großen Umweg, vielleicht klettern sie mühselig darüber hinweg, vielleicht suchen sie sich einen Weg, der unten hindurch führt. So wird es auch für uns manchmal heißen: Umwege einzuschlagen, manchmal: tapfer Meister zu werden über das Hindernis, und manchmal heißt es: gebückt, gebückt, und wir müssen |383 unten hindurch. Aber so oder so, immer wird das Ende ein Sieg, ein Fortschritt sein. Gottesgeduld werden wir haben gegenüber den Fügungen und Schicksalen unseres Lebens, so unbegreiflich sie sein mögen. Gott ist der Herr über sie, und es wird ganz gewiß eines Tages das Licht aus der dichtesten Finsternis hervorbrechen, wenn wir nur still und treu an seiner Hand bleiben. Gottesgeduld werden wir dann auch haben unseren Mitmenschen gegenüber, wenn sie uns so oft widerstehen und enttäuschen und Sorge bereiten. Es liegt ganz bei Gott, das Werk hinauszuführen, das uns bekümmert hat, wir haben nichts zu tun, als unsere Pflicht zu erfüllen und zu warten, der Erfolg kommt eines Tages ganz sicher, wenn auch vielleicht ganz anders, als wir meinten. Gottesgeduld, nicht schwächliche Menschengeduld! können wir dann auch haben mit uns selbst und unseren Schwächen und Fehlern. Solange wir mit Gott wahrhaftig und aufrichtig verbunden sind, kann uns kein Fehler, den wir begehen, von unserem Ziel trennen, muß uns auch unser Fallen zum Heil dienen. Gott will uns wirklich auch die Sorge um uns selbst abnehmen, wenn er uns einmal vergeben hat.

So bewährt sich die reifgewordene, die nüchterne Hoffnung in unserem Leben. Sie läßt uns unserem göttlichen Ziele entgegengehen mit gewissen, sicheren, unaufhaltsamen Schritten. Wollen wir nicht auch solche reifen, nüchternen Hoffnungsmenschen werden? O, dann hin zu ihm selber, der allein uns dazu machen kann. Hin zu der ewigen Liebe, die nur darauf wartet, wie lange wir noch auf einsamen eigenen Wegen müde werden und in die Irre gehen wollen. Hin zu der Gnade Gottes, die Frieden stiften will zwischen ihm und uns, der uns mit seinem Frieden auch seine Kraft schenken will zu einem wahrhaftigen Leben.

Amen.

Geschrieben im Gyrhölzli5 18. VII.

Sachfußnoten

1
= als es jung war.↩
2
J. W. von Goethe, Faust I, Vers 1605f. 📖 ↩
3
«Dieu me pardonnera, c’est son métier»; zitiert bei L. Marcuse, Heinrich Heine in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1960, S. 155 📖.↩
4
Vgl. J. W. von Goethe, Klärchens Lied in: Egmont, 3. Aufzug 📖: …
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt —
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
↩
5
Vgl. Anm. 4 zu Predigt 229 vom 12. Juli 1914, S. 371. ↩