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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Epheser 2,4-6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Epheser 2,4-6, 26. Juli 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5036 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 384–395.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5036</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Epheser 2,4-6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 384-395</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 231</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Eph 2,4 (Ultimatum von Österreich an Serbien), 26. Juli 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1672">KBA 1209</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-07-26">26. Juli 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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        <head>
                        <idno>231</idno>
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          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> und <placeName ref="kbga-places-382">Ürkheim</placeName>,<note xml:id="n01">Nachbardorf von
                     <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>. Barth vertrat den dortigen Pfarrer <persName ref="kbga-actors-763">Paul Schild</persName>.</note> Sonntag, den
                     <date when="1914-07-26">26. Juli 1914</date>
               </dateline>
          <argument>
            <ab>
              <hi rend="italic">Ultimatum von <orgName ref="kbga-actors-8248">Österreich</orgName> an <orgName ref="kbga-actors-8731">Serbien</orgName></hi><note xml:id="n02">Nachdem am <date when="1914-06-28">28. Juni 1914</date> das österreichische
                        <rs n="p384" type="person" ref="kbga-actors-1357 kbga-actors-9631">Thronfolgerehepaar</rs> in <placeName ref="kbga-places-303">Sarajewo</placeName> einem Attentat zum Opfer gefallen war (vgl.
                           Predigt 242 vom <date when="1914-10-18">18. Oktober
                              1914</date> <ref type="pub" target="5047#fn_n03">Anm. 3</ref>), veranlaßte das auf 48 Stunden befristete
                        Ultimatum <orgName ref="kbga-actors-8248">Österreich-Ungarns</orgName> an <orgName ref="kbga-actors-8731">Serbien</orgName> vom <date when="1914-07-23">23. Juli 1914</date> den
                        Ersten Weltkrieg.</note>
            </ab>
          </argument>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.4 Eph.2.6">Epheser 2,4–6</ref>
              <quote>Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat uns durch seine große
                        Liebe, da wir tot waren in den Sünden, samt Christo lebendig gemacht und
                        samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christo
                        Jesu, auf daß er erzeige in den zukünftigen Zeiten den überschwenglichen
                        Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christo Jesu.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Gott hat uns in das «himmlische Wesen» versetzt! Ist das nicht eine ganz
               erstaunliche, eine ganz unglaubliche Botschaft? Etwas, worüber wir im Stillen den
               Kopf schütteln möchten: nein, an dem ists nicht, da merke ich wenig davon! Oder etwas
               so recht zum Daranglauben in der Kirche, aber auch nur in der Kirche, solange der
               Pfarrer redet oder die Orgel tönt, etwas zum Auf-die-Seite-Stellen, sowie wir wieder
               da draußen sind in der Welt, da drüben in unseren Häusern, morgen in der Fabrik.
               Vielleicht mit einem stillen Seufzer, wie schön es doch wäre, wenn es wahr wäre: Gott
               hat uns in das himmlische Wesen versetzt!</p>
        <p>Und doch stehen diese Worte da, und ein lebendiger Mensch hat sie geschrieben, mit
               zwei guten Augen im Kopf, der die Welt sehr wohl kannte und die Menschen dazu, und
               die Welt und die Menschen waren gerade wie heutzutage auch — und er hats doch
               hingeschrieben, ohne den Kopf zu schütteln und ohne zu zweifeln: Gott hat uns in das
               himmlische Wesen versetzt!</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p385" ed="pga"/> «<hi rend="italic">Himmlisches Wesen</hi>»! Was ist das? Unendlich viel ist das,
               aber eben darum kann mans mit trockenen Worten gar nicht beschreiben. Etwas Schönes
               wie Sonnenschein im Buchenlaub, etwas Fröhliches wie Kinderlachen, etwas Ernstes wie
               die ewige Ruhe, mit der die Gestirne ihre ewige Bahn ziehen, etwas Gütiges wie der
               Blick einer Mutter. Das ist «himmlisches Wesen», das alles nicht nur als eine
               vereinzelte selige Ahnung, sondern als ein bleibender, dauernder Zustand, das alles
               als Luft, in der man atmet. Wir können es Freiheit nennen, weil da alle Fesseln und
               aller Zwang, alle Angst und alle Feigheit verschwunden sind. Wir können es Glück
               nennen, weil da Freude und Schönheit und Friede es gewonnen haben. Wir können es
               Ordnung nennen, weil Unrecht und Willkür da nicht mehr sind, sondern <hi rend="italic">ein</hi> gerechter Wille als heiliges Gesetz in Allem und in Allen waltet. Wir
               können auch sagen Seligkeit, denn es wird da kein Bedürfen und Verlangen und darum
               keine Unruhe und Sorge mehr geben. Alles Kleine ist untergegangen im Großen, alles
               Widerwärtige in der Ruhe eines unerschöpflich strömenden Lebens. Man schadet sich
               nicht mehr durch Trägheit und Leidenschaft. Man will einander verstehen und kann es
               auch. Man hat keinen Grund mehr, sich für sein persönliches Ansehen und Einkommen zu
               ereifern. Man hat keinen Grund mehr, einander zu hintergehen und Abbruch zu tun. Man
               darf einander in die Augen sehen und die Hand reichen ohne Bedauern und ohne
               Hintergedanken. Die Menschen sehen nicht mehr, was das Ihrige ist, sondern was Gottes
               ist, und darum sind sie von vornherein einig, die Menschen verstehen, wozu sie auf
               der Welt sind, und darum haben sie gar keine Zeit, übereinander zu schwatzen und
               einander allerlei vorzuhalten und dies und das gegeneinander vorzunehmen. Das sind
               ganz unmögliche Kindereien geworden. Die Menschen verstehen nur noch das Eine, daß
               Gott ist und daß Gott die Liebe ist. Für alles Andere haben sie keine Zeit mehr,
               keine Lust, kein Verständnis. Alles, was sie denken und sagen und tun, kommt wie aus
               einer Quelle aus dem Einzigen: Gott ist die Liebe [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.8 1.Joh.4.16">1.Joh. 4,8–16</ref>].</p>
        <p>Aber wo gibt es so etwas wie diesen wunderbaren Zustand? <milestone xml:id="m25" unit="page"/>
               <pb xml:id="p386" ed="pga"/>
                fragen wir jetzt. Reden wir von einem schönen fernen Land? Reden wir von einem Stern
               im Weltall, auf dem selige Wesen ein solches göttliches Leben führen? So hat man oft
               gemeint, aber das ist eigentlich eine ganz ungläubige Meinung. So werden wir den
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gar nicht verstehen. Für den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> war das gar keine Frage: wo ist dieses
               selige göttliche Leben? Er nennt es freilich «himmlisches» Wesen, aber damit will er
               nicht sagen, so sei es nur «im Himmel», so wenig Jesus sagen wollte: Gott sei nur im
               Himmel, wenn er ihn den Vater im Himmel nannte. Ganz im Gegenteil: der Himmel ist
               freilich erhaben <hi rend="italic">über</hi> uns, aber wir sind auch immer und überall
               unter dem Himmel, wie wir immer und überall unter Gott sind. Und so ist auch das
               himmlische Wesen immer und überall da, kein fernes Land, kein «besserer Stern», wie
               man etwa sagt, wohl gar noch von Wünschen und Träumen gebaut, sondern etwas
               gegenwärtig Wirkliches. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> denkt gar nicht daran, danach überhaupt zu fragen, ob
               es dieses himmlische Wesen und Leben überhaupt gebe, und wo es zu finden sei.
               Selbstverständlich ist es da, gegenwärtig da, so gegenwärtig da wie die Sonne, wie
               die Luft, wie das Wasser. Er zweifelt keinen Augenblick daran, daß es etwas Größeres
               gibt als unser kleines menschliches Wesen, etwas Höheres als unsere flachen, niederen
               Gedanken, Gewohnheiten, Beschäftigungen und Einrichtungen, etwas Ewiges über unserem
               Zeitlichen, etwas Vollkommenes über unserem Unvollkommenen, etwas Himmlisches über
               unserem irdischen Wesen.</p>
        <p>Und wir, wir müssen ihm recht geben; es ist uns ganz unmöglich zu sagen, er habe sich
               das alles nur geträumt oder erdacht. Unser Gewissen gibt ihm recht und die Sehnsucht
               unseres tiefsten Herzens, unser Kämpfen und Leiden und Sündigen und Wiederaufstehen —
               das, was das Verborgenste und was das Wertvollste ist in unserer Seele, es sagt uns:
               ja, er hat recht, es gibt ein himmlisches Wesen und Leben, einen höheren, besseren
               Zustand. Und wir brauchen nicht lange zu fragen: wo ist es? Wir wissen so gut wie
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, daß es einfach da ist und sich geltend macht. Zielt nicht alles Bessere in
               uns, all das bißchen Liebe und Ernst und
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                Wahrhaftigkeit hin auf dieses himmlische Wesen? Spüren wirs nicht, wie wir nach ihm
               suchen müssen, ob wirs wollen oder nicht? Liegt nicht in jedem Menschen eingeboren
               das Bewußtsein: ich bin nicht hier zu Hause, nicht in dieser Welt der Bosheit und
               Beschränktheit, in dieser Welt des Kleinlichen und der Sünde, sondern dort, droben in
               der Himmelswelt der Freiheit, des Glücks, der Ordnung, der Seligkeit? O ja, wir
               wissen von dieser Himmelswelt, wir können unseren Ursprung nicht so sehr verleugnen
               und sagen: ich weiß nichts davon. Nein, sie ist, und sie ist da. Aber das ist die
               Frage, ob sie für uns da ist, ob wir zu ihr gehören, ob wir lebendige Erfahrung von
               ihr haben, — das ist die Frage, ob wir drin sind in dem himmlischen Wesen.</p>
        <p>
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gibt Antwort und sagt: Gott hat uns <hi rend="italic">hineinversetzt</hi>. Ja, sagt
               er, wir sind mitten in der Himmelswelt drin. Er sagt es den Leuten, an die er seinen
               Brief schreibt: Gott ist reich an Barmherzigkeit, und durch seine Liebe, mit der er
               uns geliebt hat, hat er uns in das himmlische Wesen versetzt. So sicher und freudig
               und voll tönt es, wie er das sagt, daß wir fast nicht zweifeln können. Und doch
               müssen wir ja daran zweifeln. Von uns Menschen soll das gesagt sein, von dir und von
               dir und von mir, von den Christen, von den christlichen Völkern? Das ist doch nicht
               wahr, wir sind doch nicht im himmlischen Wesen drin?!</p>
        <p>Wir müssen uns so jämmerlich mühen und sorgen, um nur das trockene Brot zu haben von
               einem Tag zum andern. Wir haben so wenig Zeit, um über die hohen Dinge zu studieren.
               Es ist so viel Zwietracht unter uns, es gibt eben gar böse Leute, mit denen der
               Frömmste nicht in Frieden leben kann.<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi> IV,
                        3 (Vers 2683f.)</bibl>: <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l xml:space="preserve">Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,</l>
                                    <l xml:space="preserve">Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note> Und Feigheit, ja es ist viel Feigheit da, man muß sich eben in Acht nehmen
               vor denen, die die Macht und das Geld haben, sonst könnte es unangenehm werden. Und
               aufrichtig und wahr, wer von uns ist es, wer von uns hat nicht so und so viel zu
               verstecken vor seinen Nachbarn, wer von uns hat noch nie Schlimmes geredet über die,
               mit denen
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                er jetzt unter freundlichen Gesprächen den Kirchweg gemacht hat? Das ist nun einmal
               so, nicht wahr? Und ein jeder muß zu seiner Sache sehen, es hilft ihm sonst auch
               niemand, und darum ist das Leben ein Wettrennen, manchmal ein Kampf; ohne scheele
               neidische Blicke links und rechts, ohne Rippenstöße geht es nun einmal nicht ab. Ist
               der Mensch nicht darauf angewiesen, sich mehr oder weniger brutal seiner Haut zu
               wehren in diesem Leben, muß er nicht einfach auch all das Bittere und Unangenehme,
               das damit zusammenhängt, in Kauf nehmen? Und wir erinnern uns wieder einmal an Alles,
               was uns betrübt, an alle Schicksalsschläge, die uns betroffen, an alle menschlichen
               Schwachheiten und Gemeinheiten, die Gift in unser Leben gebracht. Es ist so viel
               Zwang da, so viel, was uns aus dem Gleis gekommen ist und nicht mehr drein kommen
               will, so viel Trauriges, Furchtbares vielleicht. Und jetzt heißt es: Gott hat uns in
               das himmlische Wesen versetz! Das ist doch nicht wahr.</p>
        <p>Und wir sehen in die Welt und in die Verhältnisse hinaus und sehen so manches tief
               eingefressene unausrottbare Übel, die Tuberkulose z. B., die immer neue Familien
               ergreift, immer mehr Opfer fordert, soviel auch dagegen getan wird, die Trunksucht,
               deren man sich anfängt zu schämen und die doch immer noch gerade verbreitet genug
               ist, um fast alle paar Tage in irgendeiner Familie unseres Landes eine Katastrophe
               herbeizuführen, der Kapitalismus, die geldhungrige Erwerbsweise der letzten
               Jahrhunderte, durch die Hunderttausende zwar ernährt, aber auch müde und krank
               gehetzt und ausgebeutet wurden. Und da stehts in der Bibel: Gott hat uns in das
               himmlische Wesen versetzt! Es ist ja nicht wahr!</p>
        <p>Und vielleicht stehen wir heute am Vorabend eines <hi rend="italic">Krieges</hi>, der ganz
               Europa in Flammen setzen könnte. Noch rauchen die Schutthaufen der letzten Kriege,
               noch fließen die Tränen tausender von Witwen und Waisen, und nun sollen — wenn nicht
               ein Wunder geschieht — aufs Neue hunderttausende von Menschen wie wilde Tiere
               aufeinander losgelassen werden, hunderttausende, die einander nicht kennen und die
               sich nichts zuleide getan haben,
               <pb xml:id="p389" ed="pga"/>
                werden wieder aufeinander schießen und schlagen, werden einander umbringen mit allen
               Mitteln moderner Erfindungen. Man wird ihnen vom Vaterland reden und von
               militärischer Ehre — aber was haben sie im Grunde davon? Warum sollen im Grunde die
               Bauern und die Arbeiter von <placeName ref="kbga-places-380">Österreich</placeName> und die von <placeName ref="kbga-places-320">Serbien</placeName> einander hassen und töten?
               Es ist keine Notwendigkeit dafür da als der Zwang uralter menschlicher
               Leidenschaften, als der alte Raubtiergrundsatz: Auge um Auge, Zahn um Zahn [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.21.24">Ex. 21,24</ref>]! Ein blutiger
               Wahnsinn ist das Schauspiel, das sich da vor uns entrollen wird, ein Wahnsinn auch
               dann, wenn es nicht den Umfang annimmt, wie zu befürchten ist, auch dann, wenn durch
               irgend ein unerwartetes Ereignis der Krieg noch verhindert würde. Wild und beständig
               zum Letzten, Schwersten bereit stehen die Völker, die christlichen Völker! einander
               gegenüber. Wie ein fürchterliches Gewitter hängt der Krieg über ihnen allen, kommt er
               heute nicht, so kommt er morgen — was sollen wir sagen zu der Meinung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>,
               Gott, der reich sei an Barmherzigkeit, habe uns durch seine Liebe hineinversetzt in
               das himmlische Wesen, uns Menschen?! Klingt uns nicht fast jedes Wort wie ein
               bitterer Hohn, gerade an dem heutigen ernsten Tage?</p>
        <p>Wir dürfen das Unbegreifliche an dem, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> meint, nicht damit abschwächen, daß
               wir sagen, er habe nicht von der Gegenwart, sondern von einer besseren glücklicheren
               Zukunft geredet, etwa vom Leben der Seele nach dem Tode oder von der Vollendung der
               Menschheit in tausenden von Jahren geredet. An den Durchbruch und Sieg des Göttlichen
               in der Zukunft glaubte freilich <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> auch, das war für ihn ganz selbstverständlich,
               daß aus dem himmlischen Wesen herrliche Früchte hervorgehen müßten für die Zeit und
               für die Ewigkeit. Er glaubte ja daran, daß Christus wiederkommen und sein Reich auf
               Erden vollenden werde, und ebenso daran, [daß] einst bei einem jeden von uns das
               Sterbliche müsse verschlungen werden vom Leben [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.4">2.Kor. 5,4</ref>]. Er sagt es ja auch ausdrücklich, Gott habe
               uns in das himmlische Wesen gesetzt, «auf daß er erzeige in den zukünftigen Zeiten
               den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte
               <pb xml:id="p390" ed="pga"/>
                gegen uns in Christo Jesu». Aber dieser Ausblick in die Zukunft hindert ihn nun
               durchaus nicht, das himmlische Wesen mit all seinem Licht und seiner Kraft als etwas
               durchaus Gegenwärtiges zu nehmen. Wir sind jetzt mitten drin! Seht, da unterscheidet
               sich das, was in der Bibel Hoffnung heißt, von Allem, was man etwa sonst so nennt.
               Die gewöhnliche Hoffnung ist ein Sinnen und Träumen und Spekulieren von etwas bloß
               Zukünftigem. Sie redet uns von einem glücklichen Los, von kommenden besseren Zeiten.
               Die biblische Hoffnung tut das auch, sie sagt uns auch von dem, was sein wird. Aber
               sie bietet uns unendlich viel mehr, nämlich etwas Gegenwärtiges, das uns erst den Mut
               und die Freudigkeit gibt, auf das Zukünftige zu hoffen. Sie ist eine gewisse
               Hoffnung, denn sie besitzt schon, worauf sie wartet. Und so müssen wir den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
               verstehen mit seinem himmlischen Wesen. Er wünscht nicht: o wenn wirs doch hätten!,
               er weissagt nicht: wir werden es einmal bekommen!, sondern er konstatiert: wir haben
               es, es ist jetzt da!</p>
        <p>Ja, es ist da, jetzt da, mitten drin in unserem Leben mit all seinem Traurigen und
               Unbefriedigenden, mitten drin in der rauhen wilden Welt mit all ihren Schicksalen und
               Sünden. So meint es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wirklich. Wir müssen ihn zu verstehen suchen. Für den
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gab es <hi rend="italic">eine</hi> Tatsache in der Welt, die war ihm wichtiger als
               alles Andere. Neben dieser einen Tatsache nahm er eigentlich gar nichts mehr wichtig
               in der Welt, die Sünde nicht, die Not nicht, den Tod nicht. Alles versank um ihn her,
               wenn er an das Eine dachte. Das Eine war die Tatsache, daß einmal ein Mensch wie
               Jesus auf dieser Erde, unter uns Menschen gelebt hat. Diese Persönlichkeit machte ihm
               ganz unwiderstehlich den Eindruck, daß Gott die Wahrheit sei. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hatte ja längst
               von Gott gewußt, aber erst bei Jesus entdeckte er, daß Gott wirklich und lebendig
               ist. Die tiefe freudige Ruhe, mit der dieser Mann durch Alles hindurchging, die reife
               Liebe, mit der er seine Brüder liebte, die Hoheit, mit der er litt und kämpfte und
               siegte bis in den Tod hinein, aber nun nicht irgend eine einzelne Tugend, sondern das
               Ganze dieser unvergleichlichen Persönlichkeit riß ihn
               <pb xml:id="p391" ed="pga"/>
                hin, stellte ihn unmittelbar vor Gott hin, so daß er niederfallen und anbeten mußte.
               Das Reich Gottes war zu ihm gekommen. Ganz buchstäblich: er stand unter der
               Herrschaft Gottes seit er von Jesus berührt und erweckt worden war. Er konnte gar
               nicht mehr an Jesus denken, ohne sofort auch das Andere denken zu müssen: Gott lebt
               und Gott herrscht. Und nun war dieses Bewußtsein von Gott so stark in ihm, daß
               darüber einfach <hi rend="italic">alles Andere schweigen</hi> und zurücktreten mußte. Er
               sah sie wohl auch noch, die Übel dieser Welt und ihre Schlechtigkeit, die Torheit der
               Menschen und die Leiden des Körpers, das Unrecht und die Gewalt. Er sah das alles, er
               erfuhr es an seinem eigenen Leibe, aber es konnte ihm nichts mehr bedeuten, er konnte
               ihm kein Gewicht mehr beilegen. Er konnte bei dem allen nur denken: ja, das ist nun
               wohl so, aber ich kenne noch etwas Anderes, ich kenne Gott und seine Liebe, die habe
               ich stark und leuchtend kennen gelernt bei meinem Herrn Jesus, und die ist auf alle
               Fälle stärker und größer als Alles, was dazwischenkommen will. Die ragt über Alles
               hinaus. Die überwindet schließlich Alles. Neben der kann schließlich alles Andere nur
               vorläufig und vorübergehend sein. Weit weg war er davon, die Not und die
               Schlechtigkeit im Leben, das Unrecht und den Wahnsinn in der Welt einfach als
               Tatsache hinzunehmen und dann etwa schüchtern zu fragen: Ist da auch ein Kraut
               dagegen gewachsen? So machen wir es etwa und kommen dann natürlich zu kurz, finden
               nur schwachen Trost und kleinliche, ungenügende Hilfe gegenüber all dem Traurigen und
               Bösen, das wir wahrnehmen. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> stand da von vornherein anders da. Für ihn war
               immer das Erste die Liebe Gottes, erschienen in Christus. Das war die Grund- und
               Lebenstatsache. Und von da versanken und verschwanden ihm nun alle anderen, sie
               durften gar keine Tatsachen mehr sein, nur noch ein Schein, ein Schatten, der eben
               unvermeidlich ist, weil das Licht so hell scheint.</p>
        <p>
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> weiß auch von dem anderen Zustand, von dem Zustand, wo man die Welt ernst
               nimmt mit ihren Schrecken, wo man seufzt: aber ich bin doch arm und krank, ich
               sündige ja alle Tage und
               <pb xml:id="p392" ed="pga"/>
                kann nicht anders, aber es geht doch wüst und kleinlich zu unter den Menschen und
               muß wohl so sein, aber da ist doch all das Traurige und Böse, die Tuberkulose und die
               Trunksucht und der Kapitalismus und der Krieg — <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kennt den Zustand, wo man
               solche Dinge und Mächte sieht und vor ihnen erzittert und keine Hoffnung hat, — er
               sagt dann: «Da wir tot waren in den Sünden», er ist der Meinung, daß die
               Hoffnungslosigkeit gegenüber dem allen, das traurige: es muß so sein! ein
               gottwidriger, ein unseliger Zustand sei, er ist der Meinung, das sei die Hölle, wenn
               man so nichts Anderes kennt als das Weltwesen und die Weltmächte und ihre bösen
               Folgen und Wirkungen. Aber er hat eben aus dieser Hoffnungslosigkeit den Ausweg
               gefunden: da wir tot waren in den Sünden, hat Gott uns durch seine große Liebe
               lebendig gemacht und auferweckt. Indem ich Gott fand, will er uns sagen, fand ich,
               daß das Traurige und Schlechte nicht gilt. Indem Gott mein Meister wurde, wußte ich
               auch, wer in dieser argen Welt Meister ist. Indem ich aufwachte aus dem Schlaf der
               Gottlosigkeit, tat ich die Augen auf und sah, daß die Welt und das Böse keine Macht
               für sich hat.</p>
        <p>Und indem ihm das alles schweigen und zurücktreten mußte, trat das Andere, das
               Göttliche, siegreich und leuchtend hervor, und er konnte es kühn sagen und schreiben:
               Gott hat uns <hi rend="italic">in das himmlische Wesen versetzt</hi>, jetzt gegenwärtig
               und wirklich sind wir mitten drin. Wir verstehen vielleicht jetzt ein wenig besser,
               wie er das meinte. Wenn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zuerst an das Schlechte und Traurige in der Welt
               gedacht und dann das Gute, Göttliche so daneben gestellt hätte, wie wir es meistens
               machen, dann wäre es eben auch für ihn zu einem mageren Hoffnungspflänzlein geworden;
               er hätte dann auch denken müssen: später vielleicht einmal, in einer besseren
               Zukunft, im Jenseits usw. Aber keine Rede von dem frohen, tapferen: wir sind in die
               Himmelswelt versetzt, jetzt und wirklich und ohne Wunsch und Phantasie. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> machte
               es anders. Für ihn war Gott der Erste, unbedingt der Erste. Durch Christus war ihm
               Gott der Erste geworden. Sofort aber folgte ihm daraus, daß das Wüste und Dunkle in
               der Welt nur Schatten und Schein
               <pb xml:id="p393" ed="pga"/>
                sein konnten. Und dadurch wurde der Raum frei, der vorher versperrt war. Jetzt mußte
               das Gute nicht mehr als ein mageres Hoffnungspflänzlein neben dem Schlechten und
               Traurigen stehen. Jetzt erkannte er: das Gute ist die einzige Wahrheit. Wahr kann ja
               nur sein, was von Gott ist. Wieder zeigt ihm Christus, was von Gott ist: das
               Vertrauen und die Liebe, die Freude und der Kindersinn und der Friede, der eiserne
               Gehorsam gegen den guten Willen Gottes — und was dann dazugehört und daraus
               hervorgeht: die völlige Freiheit, das völlige Glück, die völlige Ordnung, die völlige
               Seligkeit. Ganz selbstverständlich wurde es ihm jetzt: das ist die wahre Welt,
               nachdem ihm die andere verklungen und versunken war. Das ists, was gilt. Das ists,
               was Bestand hat. Das ists, was nicht vergeht. Gott sei Dank, daß er mich von der Welt
               des Trugs und Scheins frei gemacht. Gott sei Dank, daß er mich auferweckt und mir
               auch dafür die Augen aufgetan, was denn nun die wirkliche Wahrheit und Macht in der
               Welt ist. Gott sei Dank, daß er mir in Christus gezeigt, was eigentlich Leben heißt:
               Leben heißt nicht leiden, und nicht sündigen, und nicht sterben. Leben heißt nicht
               kleinlich sein und zanken und Leidenschaften haben. Die Übel und Schlechtigkeiten der
               Welt alle sind wohl da, aber sie sind nicht notwendig, sie gehören nicht zum Leben.
               Leben heißt Freiheit und Glück und Seligkeit. Und dieses Leben <hi rend="italic">haben</hi> wir, wir sind in der Freiheit, im Glück, in der Seligkeit. Wir <hi rend="italic">sind</hi> hineinversetzt in das himmlische Wesen. — Ich sage es noch
               einmal, und darin liegt die ganze Erklärung dieses wunderbaren Wortes: so konnte
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> reden, weil ihm Gott ein lebendiger Gott war. So <hi rend="italic">mußte</hi> er
               reden: Wenn Gott lebendig ist, dann gibt es eben keine andere Welt als die
               Himmelswelt, und nur in ihr können wir sein.</p>
        <p>Wir haben jetzt immer von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> geredet und von seiner Erfahrung. Wollte Gott, wir
               alle könnten sagen: ja, das verstehe ich, weil es mir auch so gegangen ist! Nur wenn
               es einem auch so gegangen ist, kann man das ganz verstehen. Wir möchten, nicht wahr,
               aber wir trauen nicht recht!? Wir sehnen uns danach, auch sagen zu können: ich bin
               drüben, hinaus aus dem Gemeinen
               <pb xml:id="p394" ed="pga"/>
                und Traurigen, hineingekommen in die höhere, edlere Welt des Schönen und Guten. Aber
               wir denken nun doch wieder: es sei aber doch nur ein Traum, doch nur eine Phantasie,
               gut für die Bibel, gut für die Kirche, aber nicht gut für das rauhe wirkliche Leben.
               Ja, es ist ganz natürlich wenn wir so denken. Ganz natürlich, solange wir noch tot
               sind in Sünden, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, solange Gott uns noch fern und fremd und nur bloßes
               Wort ist. Es würde uns gar nichts helfen, noch so viel nachzudenken über dieses
               himmlische Wesen, noch so viel davon zu reden, noch so viele Predigten darüber zu
               hören, noch so viel zu tun und zu eifern für das Gute. Es hilft uns Alles nichts: wir
               brauchen zuerst das Eine, Gott selber, den lebendigen, den wirklichen Gott, der in
               unserer Seele sagt: ich bin!, sodaß wir es nicht mehr vergessen können. Wir werden
               ihn wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> am sichersten und völligsten bei Jesus finden. Wenn wir ihn gefunden
               haben, dann sind wir im himmlischen Wesen unmittelbar drin, denn die Welt ist dann
               versunken, sie hat keine Macht mehr über uns. Nicht als ob das mit einem Schlag
               geschehen könnte. Die Nebel des Weltlichen, des Traurigen und Bösen liegen gar dicht
               auf unserer Seele, und sie heben sich langsam. Aber die Hauptsache ist, daß wir
               wissen: es sind <hi rend="italic">nur</hi> Nebel, keine Berge, wie wir meinten. Die
               Hauptsache ist, daß wir wissen: die Welt der Freiheit und der Liebe und des Friedens
               ist da, und sie ist die wirkliche Welt. Noch ist sie nur verborgen da, noch müssen
               wir oft im Dunklen tasten, aber sie ist da und muß sich nur enthüllen, immer
               vollständiger enthüllen. Und so gehen wir unseren Weg, der auf die Höhe führt, und
               glauben nicht an den Nebel, so dick er ist, sondern an die Sonne, die uns hell gibt
               mitten im Nebel, und freuen uns auf ihren vollen Schein, der einmal hervorbrechen
               muß.</p>
        <p>Was meinst du, könntest du mit diesem Glauben an die Sonne mitten im Nebel, mit
               diesem Glauben an die Himmelswelt mitten in unserem Menschenwesen drin, könntest du
               damit leben, und wie würdest du damit fahren da draußen? Trage diese Frage mit hinein
               in deine Sorgen, in deine Abneigungen, in deine Geschäfte, in deine Freude, lies die
               Zeitung mit dieser Frage im Herzen
               <pb xml:id="p395" ed="pga"/>
                und rede mit deinen Nachbarn und Freunden über das, was dich bewegt, mit dieser
               Frage — immer im Herzen, nicht auf den Lippen — mit der Frage, ob das nicht eine
               Erlösung wäre für dich, für uns alle, wenn wir das glauben könnten: das Traurige und
               das Böse ist nicht, wir sind wahrhaftig im himmlischen Wesen und Leben?</p>
        <p>Und dann denk noch einmal nach darüber, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> zu dieser erlösenden Gewißheit
               gekommen ist.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
