10. April 1914

Predigt: Markus 4,3-9 (Konfirmation)

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Konfirmation
Markus 4,3–9
… und Etliches fiel auf gutes Land und brachte Frucht, die da zunahm und wuchs …
Meine lieben Konfirmanden!

Von Gott, dem Säemann, von seiner wunderbaren Saat und von dem, was aus ihr werden soll, wollen wir heute noch einmal miteinander reden. Das Gleichnis schildert das Menschenleben, auch euer Leben, und wenn ihr es versteht, dann versteht ihr auch, was diese heutige Weihestunde für euch zu bedeuten hat.

Es ging ein Säemann aus zu säen …! Der Säemann ist der Verborgene, den noch niemand gesehen hat, der Lebendige, der doch in jeder Menschenseele, ob alt oder jung, sich kundtut, der Heilige, vor dem unsere besten Tugenden nicht bestehen können, der Vater, der uns liebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, obwohl wir seiner nicht wert sind. Der Säemann ist der, der zu euch redet in eurem Gewissen, den ihr hört, wenn ihr dem tiefsten, natürlichsten Zug eueres Herzens folgt, der auch euch am deutlichsten und herrlichsten erschienen ist in Jesus Christus. Gott ist der Säemann, und sein Acker ist die Welt. Immer wieder geht er durch die Menschheit und wirft köstlichen Samen in die Furchen. Unruhig läßt er sie werden, die Menschen, so daß ihnen das Oberflächliche, |176 Äußerliche nicht genügen kann, daß sie nach tiefen, ernsten Dingen suchen und fragen müssen. Das heilige Gesetz seines Willens tut er ihnen kund, daß sie erschrecken, wenn sie abgewichen und versunken sind, und sehnsüchtig rufen lernen: Vergib uns unsere Schulden! und: erlöse uns von dem Bösen [Mt. 6,11f.]! Licht läßt er es werden in ihren Seelen, so daß es ihnen klar wird: was für eine große, herrliche Sache ist doch das Leben, wie unendlich viel darf ich tun und erleben, und Alles, Alles muß mir zum Besten dienen [vgl. Röm. 8,28], wenn ich es recht aufnehme. Stark läßt er sie werden, die Menschen, daß sie in seiner Kraft lernen, die Widerwärtigkeiten des Lebens ertragen, die Versuchungen überwinden, den guten Kampf des Glaubens kämpfen und ergreifen das ewige Leben, zu dem sie berufen sind [vgl. 1.Tim. 6,12]. Leiden und Kreuz auch schickt er ihnen, nicht um sie zu plagen, sondern weil er sie so lieb hat, weil er weiß, daß nichts so großen Segen hat, als wenn ein Mensch durch dunkle Täler wandern muß. Genossen und Freunde sendet er den Menschen, daß sie einander an der Hand halten und sich lieb haben, treue Weggefährten, daß sie einander helfen, einander Freude machen sollen. Feinde schickt er uns, solche, die uns nicht verstehen, und solche, die uns hassen, damit wir lernen sollten, uns selbst zu überwinden und auch Anderen ihre Schulden zu vergeben. Und dann kommen von ihm die großen Führer, die edlen Geister der Menschheit, an denen Tausende und Millionen emporsehen, nach ihnen sich richten können, jeder wieder mit einer besonderen Botschaft, jeder der Träger einer ganz besonderen Gnade. Und dann läßt er die ganze Menschheit große, ungeheure Schicksale erleben, endlos scheinen die Menschen in die Irre zu gehen, oft ist Alles bedeckt von Blut und Finsternis, Gewalt und Torheit herrschen auf der Erde. Aber es ist nur Schein. Er leitet das Ganze auf wunderbaren Wegen, er führt die Völker langsam aufwärts von Stufe zu Stufe, er läßt es langsam hell werden in ihren Gedanken und Verhältnissen, er läßt seine heiligen Ordnungen langsam hervortreten und zur Geltung kommen in ihrem Leben, in der Weltgeschichte. Das Dunkel verzieht sich wie eine Staubwolke, das |177 Unrecht und die Lüge müssen fliehen vor ihm. Er wird Meister. Gott stellt Recht und Wahrheit, Liebe und Güte in unser Leben, in die Welt hinein, immer wieder, unermüdlich, in immer neuer Fülle. Gott ist der Säemann, der ausging, von Ewigkeit her ausging zu säen. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Wer Augen hat zu sehen, der sehe!

Doch nun wollen wir von euch selber reden. Gott ist als Säemann auch durch euer Leben gegangen. Als ihr noch klein wart, da hat er durch den geheimnisvoll verschneiten Wald, durch den Blumenschmuck der Matten, durch die untergehende Sonne in ihrer Pracht zu euch geredet. Ihr konntet ihn noch nicht erkennen, ihr konntet nur ahnen und fühlen, daß etwas Hohes, Feierliches, Heiliges hinter dem Leben verborgen sein müsse. Dann haben eure Eltern euch die ersten Begriffe von Gut und Bös gegeben, und euer Gewissen hat ihnen geholfen, ihr habt gemerkt, daß Gott allerlei von uns fordert. Einige von euch haben schon in jungen Jahren viel Schweres durchmachen müssen, die haben Gott von einer ganz neuen Seite kennen gelernt, eben als den, der uns Kreuz und Leid schickt zu unserem Besten, auch wenn ihr das kaum schon so aufgefaßt habt. Ihr alle aber habt trotz allerlei Anderem eine Jugend mit viel Sonnenschein erleben dürfen. Wenn ihr Freude gehabt habt, wenn ihr eure Kenntnisse habt erweitern dürfen, wenn ihr die ersten Anfänge von Lebenserfahrung habt sammeln dürfen in den Jahren, die jetzt hinter euch liegen, was war denn das Anderes als Gott der Vater, der euch lieb hat und da mit euch geredet hat auf die mannigfaltigste Weise: in der stillen Natur draußen, im Schulhaus, in den Stunden der Einsamkeit, wo es euch war, als wachse und werde in euch etwas Hohes, Geheimnisvolles, das ihr kaum zu fassen vermochtet. Das war immer Gott, der Säemann, der durch euer Leben gegangen ist. Guten Samen hat er ausgeworfen bei euch allen, viel ist verborgen in den Furchen und drängt dem Licht entgegen, was ihr jetzt kaum ahnt. Freut euch über Alles, was ihr empfangen habt, denkt nach darüber und seid dankbar dafür.

Und dann kam eure Unterweisungszeit — eine Saatzeit ganz be|178sonderer Art, die jetzt abgeschlossen hinter euch liegt. Ihr seid mir ein besonders lieber Jahrgang gewesen, und es tut mir leid, euch ziehen lassen zu müssen. Ich hoffe, daß auch euch diese zwei Jahre nicht zu lang vorgekommen sind. Ich hoffe, daß ihr manchmal mit Freude zurückdenken möget an all die Stunden, in denen wir im Schein der Morgensonne im Wald da droben oder in unserem freundlichen Unterweisungszimmer von den höchsten Fragen des Lebens zusammen geredet haben. Wir sind Freunde geworden in dieser Zeit, nicht wahr, und haben uns verstehen gelernt. Aber das alles ist ja nicht die Hauptsache an dieser Zeit. Sondern das war ihr Zweck und Sinn, daß da Gottes Wort in euer Leben, in eure Herzen hineinkommen sollte, so gut eben Menschen einander Gottes Wort vermitteln können. Eine solche Unterweisung ist notwendig etwas Unvollkommenes. Ich muß zurückdenken an so Manches, was ich euch vielleicht nicht deutlich und nicht eindrücklich und nicht vollständig genug gesagt habe. Und ihr müßt sicher auch zurückdenken an Stunden, wo ihr gleichgültig oder zerstreut zugehört und so durch eure eigene Schuld nicht empfangen habt, was ihr hättet empfangen können. Und selbst [wenn] bei unserem Unterricht auf meiner Seite und auf eurer immer Alles in Ordnung gewesen wäre — ich habe euch von Anfang an gesagt, daß ich euch die Religion und das wahrhaftige, glückliche Leben nicht lehren könne, wie man euch Lesen und Rechnen gelehrt hat. Sondern wenn etwas von diesen Dingen Wahrheit geworden ist, ein kleiner Anfang davon, in eurem inneren Leben, dann ist das ein geheimnisvolles, ich möchte sagen: wunderbares Geschenk Gottes an euch gewesen. Nicht mein Reden und nicht euer Zuhören hat es schließlich getan, sondern Gott selber, der durch mein Reden und euer Zuhören Zugang sucht zu euren Seelen. Aber eben darum ist die Unterweisungszeit doch eine Saatzeit, eine göttliche Saatzeit gewesen für euch. Wir können jetzt von allem bloß Menschlichen, Unvollkommenen in dieser Zeit absehen und müssen schließlich doch sagen: Gott ist da an uns herangekommen, hat sich uns gezeigt als der Herr unseres Lebens, der uns zu sich hin geschaffen hat und ohne den unser |179 Herz unruhig ist, bis daß es ruhe in ihm.1 Er hat sich uns gezeigt als der Vater, der nicht will, daß wir verloren gehen, sondern daß wir das ewige Leben haben [vgl. Joh. 3,16]. Als der Freund, der uns immer und immer an der Seite steht mit Rat und Tat, mit Licht und Kraft für die kleinen wie für die großen Fragen und Angelegenheiten unseres Lebens. Als unser Richter oft, der uns schwere Stunden des unruhigen Gewissens durchmachen läßt, der uns an den bösen Früchten unseres bösen Tuns zeigt, daß er seiner nicht kann spotten lassen [vgl. Gal. 6,7]. Aber immer und in Allem als die unendliche ewige Liebe. So ist Gott herangekommen an unsere Seelen in der Unterweisungszeit. Wir haben gemeinsam gestaunt über die Größe unserer menschlichen Lebensaufgaben, die so unendlich schwer und gerade darum auch so unendlich herrlich sind. Wir haben gemeinsam geklagt über die Größe unserer menschlichen Schwäche, die wir uns immer wieder eingestehen müssen, wenn wir nicht unehrlich sein wollen. Wir haben uns gemeinsam gefreut über die Größe der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, der uns den Weg zeigt, wie wir an unseren Lebensaufgaben arbeiten und gegen unsere Schwäche kämpfen sollen. Und dann sind wir immer wieder hineingetreten in unser Leben und haben gesehen, wie es in allen Punkten durchleuchtet werden muß vom Licht Gottes, wie es gar nichts geben darf, was von Gott unberührt bleiben dürfte, wie wir Jesu Jünger sein sollen am Werktag wie am Sonntag, im Familienkreis, bei der Arbeit und unter den Kameraden.

So hat Gott mit uns geredet in der Unterweisungszeit. Ich bilde mir nicht ein, daß ihr Alles behalten habt, was euch gesagt worden ist, ich weiß sogar, daß ihr viele Einzelheiten jetzt schon wieder vergessen oder doch nicht mehr deutlich im Gedächtnis habt, und je mehr nun die Zeit vorwärts schreitet, je weiter die Unterweisung hinter euch liegt, desto mehr wird das der Fall sein. Aber das ist mir auch gar nicht die Hauptsache, was ihr im Kopf behaltet von dem Gehörten: wenn ihr nur den starken allgemeinen |180 Eindruck bekommen habt in dieser Zeit, mehr im Herzen und Gewissen als im Kopf: Gott ist heilig und gut, das Leben verlangt viel von mir, ich bin schwach, aber in Jesus habe ich einen guten Führer, und so will ich denn in Gottes Namen und in Jesu Nachfolge in dieses Leben hineingehen — wenn euch nur das als Eindruck und Entschluß geblieben ist, dann hat der Unterricht seinen Zweck erfüllt, dann hat Gott mit euch geredet und ihr habt ihn gehört, Gott hat seinen guten Samen ausgeworfen in eure Seelen. Und wenn dann eben der Eine oder der Andere von euch in dieser oder jener Lebenslage in den künftigen Jahren sich noch einmal erinnert: da hat man uns schon in der Unterweisung darauf aufmerksam gemacht, da hat man uns einen Rat gegeben, den ich jetzt ausführen will: dann umso besser. Gott sei Dank, es sind sicher viel mehr Samenkörner in den Furchen verborgen, als wir Menschen wahrnehmen können.

Aber wenn nun auch die Unterweisungszeit für immer zu Ende ist, Gott hört darum nicht auf, als Säemann durch euer Leben zu gehen. Die Unterweisung, die ich euch geben konnte, ist nun zu Ende, die Unterweisung, die das Leben euch gibt, die beginnt nun erst, und sie ist noch viel schöner und reichhaltiger als jene andere! Gott fängt nun erst recht an, mit euch zu reden. Ihr werdet nun erst so recht zu der Erkenntnis kommen, daß das Leben etwas Ernstes und Schweres ist. Ihr werdet erst jetzt so recht einen Begriff davon bekommen, wie hoch und heilig die Wahrheit und die Liebe ist, wie selig ein Leben in ihrem Dienst, wie unglücklich ein Leben ohne sie. Ihr werdet erst jetzt so recht merken, wie tief die Not ist, die die Menschen sich selber bereiten durch die Sünde, vielleicht müßt ihrs am eigenen Leibe merken! So Manches, von dem wir geredet, Manches, wozu ich euch ermuntert und Manches, von dem ich euch abgeraten habe, wird jetzt erst dann so recht Fleisch und Blut gewinnen. Für die Herrlichkeit Jesu vor Allem, von dem wir so viel geredet, können und werden euch erst jetzt, mit der wachsenden Lebenserfahrung, die Augen ganz aufgehen. Freut euch auf das Leben, in das ihr nun als erwachsene Menschen hineintreten sollt, es wird eine große Saatzeit sein. Gott |181 wird nicht aufhören, zu euch zu reden. Jedes Jahr, das er euch erleben läßt, jeder neue Mensch, den er euch über den Weg führt, die frohen Erfahrungen und die traurigen, die freudigen, gehobenen Stunden und die Zeiten der Niedergeschlagenheit, sie alle werden besondere Botschaften von ihm an euch enthalten. Wenn ihr jubeln möchtet vor Freude über die Größe und Schönheit des Lebens und wenn ihr seufzen möchtet: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [Ps. 22,2; Mt. 27,46], wenn ihr treu und gelassen eurer Pflicht nachgeht und wenn ihr matt die Hände sinken laßt, wenn ihr unter Menschen seid und wenn es still ist um euch her, immer wird Gott euch nahesein und wird köstlichen Samen auswerfen in eure Herzen. Es wird keinen Augenblick und keinen Ort geben in eurer Zukunft, wo Gott nicht wäre. Immer begleitet er euch, immer redet er euch, immer läßt ers Licht werden auf eurem Weg, immer hält er euch, wenn ihr straucheln wollt.

Ihr jungen Menschenkinder, wenn wir euch das so recht klar und gewiß machen könnten, wie müßtet ihr euch heute freuen auf die Zukunft, in die ihr hineingeht, auf Alles, was sie euch bringen wird. In Allem, was sie euch bringen wird, wird ja ein Wort Gottes an euch verborgen sein. Wie müßten dann wir, eure Eltern und Lehrer, heute getrost und ruhig sein beim Gedanken an euch. Es wird ja in Allem, was euch widerfahren wird, guter Gottessame, Worte Gottes, Worte des ewigen Lebens für euch verborgen sein. Gott wird euch in alle Wahrheit leiten [vgl. Joh. 16,13].

Warum können wir nicht so sicher und getrost uns darauf verlassen heute, wir, eure älteren Freunde, die das Leben schon etwas besser kennen als ihr? Warum könnt ihr selber nicht ganz so sicher und freudig in eure Zukunft blicken, wie wir es da gesagt haben? Das Gleichnis Jesu sagt es uns. Es erzählt uns nicht nur von dem nimmermüden, überreichen Säemann, der von Ewigkeit her ausgeht und guten Samen in die Menschenherzen wirft, sondern auch davon, wie es nun mit dem guten Samen geht auf dem großen Acker der Welt. Aus all dem, was Gott redet und tut, sollte etwas werden, wachsen und entstehen, nicht wahr? Gott spielt nicht, sondern Gott arbeitet. Auf die gute Aussaat muß eine gute Ernte fol|182gen. Was ist das für eine Ernte? Gott will, daß in der Welt und durch uns Menschen sein Wille geschehe, daß sein Reich, seine Herrschaft bei uns und durch uns aufgerichtet werde, daß sein Leben, sein Geist, seine Art uns erfüllen und in unserem Leben zum Vorschein kommen. Er will das, weil er weiß, daß wir nicht ohne ihn sein können, daß wir tief unglücklich sind, solange wir es ohne ihn machen wollen — weil er weiß, daß es unseres Lebens Bestimmung ist, teilzunehmen an seiner Wahrheit und Klarheit. Sein Ziel ist, uns zu sich zu ziehen, uns ihm selber ähnlich zu machen, uns selig zu machen in der vollen Lebensgemeinschaft mit ihm. Und darum geht er als Säemann durch die Welt und durch das Leben von einem jeden von uns. Jeder noch so kleine Schritt vorwärts, den wir tun diesem Ziele entgegen, ist ein Stück von der Ernte, auf die er wartet:

Wir sollen nicht verloren werden,
Gott will, uns soll geholfen sein.
Deswegen kam sein Sohn auf Erden
und nahm hernach den Himmel ein.
Deswegen klopft er für und für
so stark an unsres Herzens Tür’.2

Gott der Säemann ist durch eure Jugendzeit gegangen. Die Ernte, die er von euch erwarten durfte, war, daß ihr ihm eure Herzen öffnen, daß ihr seine freundliche Stimme hören und in eurer Seele widerhallen lassen [solltet], daß euer Gewissen ihm antworten, euer Gemüt und Wille sich zu ihm neigen sollte. Gute Früchte des Gehorsams, des Fleißes, des Friedens, der Aufrichtigkeit sollten wachsen aus dem guten Samen. Fragt euch selber, was aus der Aussaat eurer Jugendzeit geworden ist in eurem bisherigen Leben. Gott der Säemann ist durch eure Unterweisungszeit gegangen. Die Ernte, die er heute erwartet, ist nicht ein stolzes, vollkommenes Christentum, aber ein ernster, heiliger Entschluß, für das wahre Christentum reif zu werden, eine große, starke Sehnsucht |183 nach seinem Frieden, der höher ist als alle Vernunft [Phil. 4,7], ein freudiges, aufrichtiges Bekenntnis eures Vertrauens und Gehorsams zu ihm, ein Bekenntnis, das nicht nur von den Lippen kommt, sondern aus dem Herzen, das man nicht nur mitspricht, weil es bei der Konfirmation so der Brauch ist, sondern das aus eigener Einsicht und eigenem Willen kommt, so weit ihr bei euren jungen Jahren schon Einsicht und Willen zu dieser heiligsten Sache des Lebens haben könnt. Das ist die Ernte, die heute da sein soll. Fragt euch selber, ob es der Fall ist.

Und Gott der Säemann wird also auch durch euer ganzes zukünftiges Leben gehen. Dafür aber erwartet er Treue von euch, nicht nur ein flackerndes Strohfeuer, sondern stille, dauernde Treue. Er erwartet von euch ein tapferes, eifriges Streben nach dem Guten, einen entschiedenen Kampf gegen das Schlechte in euch und um euch her, ein furchtloses Eintreten für Alles, was wahr ist, edel und schön. Er erwartet von euch, daß ihr euch nicht abspenstig machen laßt vom guten Wege, den ihr jetzt betreten, daß ihr euch nicht einschüchtern laßt von den Mächten dieser Welt, ganz besonders nicht von der Macht des Geldes, daß ihr euch nicht herunterziehen und beschmutzen laßt durch all das Unreine, Niedrige, Wüste, das wir ja in der Welt täglich um uns her wahrnehmen müssen. Ein Held ist in eurer Seele, in der Seele eines jeden von euch, werft den Helden in eurer Seele nicht weg! seid nicht wie die Anderen tot! Freudige, kraftvolle Menschen sollt ihr werden, Menschen voll Wahrhaftigkeit und Energie und Brudersinn dem Nächsten gegenüber, Ernst machen sollt ihr von einem Jahr zum anderen mehr mit Gottes heiligem Willen und Gesetz, beten und arbeiten sollt ihr für das Reich Gottes, daß es komme, wirklich und wahrhaftig komme auf unsere arme, durch Sünde und Schuld verwüstete Erde. Zurückblicken sollt ihr einmal dürfen, wenn ihr alt seid oder wenn Gott euch vorher abruft, auf ein Leben, in dem ihr euch Mühe gegeben habt in jeder Beziehung, durch das ihr nicht als schlafende und träumende, sondern als wache, denkende, strebende Menschen hindurchgegangen seid. Auch von euch soll es einmal heißen können: Ei, du from|184mer und getreuer Knecht, ei, du fromme und getreue Magd, du bist über Wenigem getreu gewesen, ich will dich über Viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude [vgl. Mt. 25,21]! Das ist die Ernte, liebe junge Freunde, die Gott einmal erwartet von euch für seine Aussaat. Fragt euch, und es ist jetzt noch die rechte Zeit dazu, — es ist auch nicht zu spät, aber es ist Zeit dazu jetzt! — fragt euch: wie wird die Ernte sein? Was wird Gott bei mir finden für den guten Samen, den er mir so unermüdlich und reichlich anvertraut hat?

Jesu Gleichnis sagt uns, daß es trotz dem guten Samen oft sehr ungute Ernten gibt. Einiges fiel auf den Weg am Acker. Da kamen die Vögel des Himmels und fraßen es auf. Einiges fiel ins Steinige, das schoß schnell auf, aber es hatte nicht genügend tiefen Boden, um seine Wurzeln in die Tiefe zu senden, darum mußte es absterben, als der heiße, trockene Sommer kam. Wieder anderes fiel unter den Samen von Dornen und Unkraut, und Dornen und Unkraut wuchsen mit ihm empor und erstickten es, und es brachte auch keine Frucht. Ihr wißt, was das alles zu bedeuten hat; ich will es heute nicht im Einzelnen ausmalen und anwenden. Es bedeutet kurzum, daß der gute Same verloren gehen kann. Nicht an ihm liegt der Fehler, aber an dem Boden, auf den er geraten ist. Da hat dann Gott umsonst gesät. Das kann mancherlei Gründe haben, wie es im Gleichnis angedeutet ist. Gottes Wort kann an harte Herzen anstoßen, die ihm nicht auftun wollen, Gottes Wort kann eindringen und scheinbar Wohnung nehmen, aber dann zeigt es sich, daß es nicht langt mit dem Ernst und mit der Treue. Gottes Wort kann leben und wachsen und treiben in einem Menschenherzen, aber es ist noch viel Anderes da daneben, zuviel Äußerliches, Kleinliches, Menschliches, und da muß es sterben, man kann eben nicht zweien Herren dienen [Mt. 6,24]. Es ist ja im Grunde immer derselbe Vorgang:

Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht
Wohl über die schönen Blümelein
Sie sind verwelket, verdorret.
185Sie liefen weit ins fremde Land
Sie hatten weder Glück noch Stern
Sie sind verdorben, gestorben!3

Hört ihrs: verdorben, gestorben! Hört ihrs: Gott hat umsonst gesät! O, wie oft waren da schon tüchtige, fröhliche Menschen, für Gott bestimmt und für ein schönes, ernstes, kraftvolles Leben, und der göttliche Same fiel, fiel auch in ihre Seele, aber es wurde nichts daraus, es entstand nicht, was hätte entstehen müssen. Der göttlichen Ursache folgte keine göttliche Wirkung. Verdorben, gestorben, auf törichte, schlechte Wege gekommen, innerlich und äußerlich, hart und stumpf geworden, das Leben genossen und schließlich aus dem Leben geschieden, ohne des Lebens Ziel erstrebt und erreicht zu haben. Wie oft schon sind junge Menschen wie ihr heute konfirmiert worden, haben vor Gott und den Menschen bekannt: ich will mir Mühe geben! und vielleicht war es ihnen auch ernst damit, und doch war in Wirklichkeit Gottes Aussaat für sie vergeblich gewesen. Verdorben, gestorben, untergegangen, vielleicht nicht gerade in Laster und Schlechtigkeit, aber doch in Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, im Treiben einer eitlen, selbstsüchtigen Welt. Sie wurden, nun sie wurden eben wie alle Anderen auch, Dutzendmenschen, Herdenmenschen, Leute, die immer mit dem großen Haufen gehen, arme, farblose, charakterlose, gottlose Geschöpfe. Und waren doch so gerne in die |186 Unterweisung gegangen! Und hatten doch so mit Überzeugung ihr Ja! gesagt auf Gottes Frage: Willst du mein Kind sein? Liebe junge Freunde! Ich will euch nicht angst machen, ich will euch nicht den heutigen Festtag verderben durch bittere Gedanken. Aber nachdenken sollt ihr darüber, daß es auch so gehen kann und unendlich oft schon so gegangen ist mit Gottes gutem Samen.

Was sollen wir tun, wenn wir das einsehen, daß es auch so, so traurig gehen kann? Dann sollen wir uns sagen: es kommt auf mich an, ob es bei mir auch so gehen wird. Es liegt an mir, dafür zu sorgen, daß es bei mir nicht so gehe. Der Ackerboden kann nichts dafür, daß er steinig ist oder daß schon Unkraut auf ihn gefallen ist. Ein Menschenherz aber kann etwas dafür, wenn Gottes guter Same bei ihm verlorengeht. Ein Menschenherz muß vor Gottes durchdringendem Blick bekennen: es ist meine Schuld. Gott will, uns soll geholfen sein,4 aber, liebe Konfirmanden, wir sollen das auch wollen. Unser Wille muß einig werden mit Gottes heiligem Willen. Es liegt eine große Verantwortlichkeit auf uns, daß das wirklich geschehe. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert [vgl. Lk. 12,48], und uns ist viel gegeben. An uns ist es, dafür zu sorgen, daß wir nicht vor Gott dastehen müssen wie jener andere Knecht im Gleichnis, der nichts anzufangen wußte mit dem, was ihm anvertraut war und nach allerlei Ausreden suchen mußte [vgl. Mt. 25,24–26]. Macht es euch ganz klar: Gott hat zu euch geredet und redet zu euch, er hat zu euch allen, zu jedem von euch gesagt: ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte [Jer. 31,3], — nun aber gibt es keine Ausreden, kein: ich kann nicht anders! ich muß oberflächlich, einfältig, unaufrichtig, selbstsüchtig sein. Das gibt es nicht! Wenn einmal keine Ernte da sein wird, wenn heute, nachdem ihr Gottes Stimme gehört habt, kein Anfang da ist von dieser Ernte in eurem Leben, dann seid ihr selber schuld. Nicht wahr, diese Schuld wollen wir nicht auf uns nehmen, nicht wahr, wir möchten nicht, daß jenes furchtbare: verdorben, gestorben! |187 auch von uns gesagt werden müßte. Wohlan denn, so wollen wir zu Gott Ja sagen in unserem Innersten, in unserer Seele, das ist noch wichtiger als das laute Ja, das ihr nachher aussprechen sollt. Wir wollen Ja sagen zu dem, der uns so viel Gnade geschenkt hat. Nicht bloß das Ja eines vorübergehenden frommen Gefühls, nicht wahr! Ich möchte, daß es euch jetzt recht nüchtern zu Mute sei, daß der Entschluß, den ihr nachher aussprechen sollt, nicht aus irgend einer Aufregung und Aufwallung stamme, und wenn sie noch so schön wäre, sondern aus der klaren, einfachen Einsicht: ich möchte so denken, leben und tun, wie ich es da ausspreche! Ja sagen zu Gott, das heißt ganz einfach annehmen, was er uns geschenkt hat, annehmen mit dem Willen, mit dem Herzen, annehmen mit eurer ganzen Person. Tut das, so werdet ihr leben [vgl. Lk. 10,28]! Tut es heute und tut es immer wieder!

Dann braucht es euch nicht bange zu sein wegen der Ernte, Dann brauchen wir uns nicht zu sorgen: wie wird es ihnen gehen in den Kämpfen und Versuchungen des Lebens? Dann dürft ihr stark, froh und sicher euren Weg antreten, und es wird oft ein schwerer und dunkler, aber auch immer ein guter Weg sein, den ihr geht. Dann werdet ihr hingehen und Frucht bringen, jeder nach seiner Art und nach dem, was ihm verliehen ist, und eure Frucht wird bleiben. Hoffnungsvoll sehen wir euch dann heute eintreten in die Reihen der erwachsenen Glieder der Gemeinde Christi, hoffnungsvoll und freudig, denn von euch heißt es dann: Einiges aber fiel auf gutes Land und brachte Frucht, die da zunahm und wuchs.

Das walte Gott, euer und unser Vater!

Amen.

Sachfußnoten

1
Vgl. Predigt 210 vom 22. März 1914, Anm. 6, S. 136. ↩
2
Lied 229 (EKG 269) «Ich habe nun den Grund gefunden …» von J. A. Rothe (1688–1758), Strophe 3. 🎵↩
3
H. Heine (1797–1856), Tragödie (in: Neue Gedichte, zuerst erschienen im Taschenbuch für Damen, Stuttgart 1829, 65) 📖. Der Mittelteil des Gedichtes lautet in der Originalfassung vollständig:
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Er fiel auf die zarten Blaublümelein,
Sie sind verwelket, verdorret.
Ein Jüngling hatte ein Mädchen lieb,
Sie flohen heimlich von Hause fort,
Es wußt weder Vater noch Mutter.
Sie sind gewandert hin und her,
Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
Sie sind verdorben, gestorben.
↩
4
Vgl. Anm. 2.↩