Predigt: Matthäus 27,11-30
Höher und höher steigen die Wogen der Sünde und des Entsetzens um Jesus her. Wir
haben gehört, wie er die Todesnot und damit die schwere Versuchung herannahen sah,
als er das letzte Mahl feierte mit seinen Jüngern, wie er mit Gott rang im Gebet:
Vater, ists möglich, so laß diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht wie ich
will, sondern wie du willst! [
Aber ist es uns nicht, indem wir dieses Bild betrachten, als ob auch dieser Mann selbst wachse und wachse mit seinem Leiden, zu geheimnisvoller, zu göttlicher Größe? Je dunkler die Nacht um ihn wird, umso heller scheint er zu leuchten. Je mehr Unrecht und Leid man ihm zufügt, je mehr die menschliche Schwachheit und Verdorbenheit um ihn her sich zeigt in ihrer ganzen Blöße, desto reiner, hoheitsvoller, siegreicher steht er da. Wir hören auf allen diesen Seiten der Leidensgeschichte, je mehr es dem Ende entgegengeht, wenig, immer weniger von dem, was Jesus in diesen letzten furchtbar schweren Stunden seines Lebens gesagt und getan hat. Nur noch ab und zu ein Wort, eine kurze Bemerkung, im Übrigen nur noch die traurigen empörenden Schilderungen von all dem Niedrigen, Gemeinen, was man mit Jesus und gegen ihn getan hat. Es ist, als wollten uns die Erzähler dieser Geschichten sagen: Seht, so hat das Böse, Traurige an jenen dunklen Tagen die Oberhand gewonnen! Aber nein, das wollten sie uns nicht sagen. Schon sie haben doch die Leidensgeschichte von einer anderen Seite aus angesehen. Der dort die Oberhand gewann, das war doch in Wirklichkeit Jesus. Wir sehen ihn vor Augen, wie er unter der Last der bösen feindseligen Worte und Taten nicht zusammenbricht, wie er keinen Augenblick schwach wird oder sich dazu hinreißen läßt, dem Bösen zu widerstehen mit den Mitteln des Bösen. Er geht durch Alles hindurch in ununterbrochener gerader Linie, vorwärts, aufwärts.
Er bleibt sich selber gleich. Und gerade darum wächst er zusehends vor unseren
Augen. Das ist ja etwas Unbegreifliches für
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uns: sich selber gleichbleiben, wenn es um Einen her so anders, so unerhört dunkel
wird. Und gerade das hat Jesus getan. Wir können auch sagen: das hat Gott getan. Denn
«Gott war in Christus» [
Im geschlossenen Kreise seiner Feinde hatte Jesus die Nacht zubringen müssen. Eine
schauderhafte Nacht. Das Wenige, was wir wissen von dem damals Geschehenen, muß uns
die Schamröte auf die Stirn treiben. Das Schlimmste war wohl die Verleugnung des
Und nun sollte dieses Volk nach der wohlausgedachten Absicht seiner geistlichen
Führer in Masse vor den römischen Stadthalter
Sie stellte sich blindlings auf die Seite der Feinde Jesu. Wir hören nichts davon,
daß sie auch nur im Geringsten gezaudert hätte. Sie war sofort bereit, den
Hohenpriestern den Dienst zu leisten, der von ihr verlangt wurde. Wir können den
Gründen nicht nachspüren, die ihnen dieses wiederholte leidenschaftliche: Kreuzige
ihn! auf die Lippen lockten. Vielleicht hätten diese Menschen selbst keinen klaren
Grund für ihr Tun nennen können. Die Macht der Leute vom Tempel war zu groß, als daß
die Anderen hätten selbständig denken und handeln können. Die Macht der Gewohnheit
vor Allem war zu groß, als daß sie schon jetzt so weit von allen Gedanken und Sitten
hätten frei sein können, um einen Mann wie Jesus zu verstehen und für ihn
einzutreten, der in seiner ganzen Art, mit jedem Wort, das er sagte, etwas so
gänzlich Neues in ihr Leben hineinbrachte. Sie konnten erstaunen über ihn, sie
konnten ihn bewundern, ihr Herz und Gewissen konnte sie ihm entgegentreiben, Einzelne
unter ihnen konnten gelegentlich ein gutes Wort für ihn einlegen, aber es war nichts
da,
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was sie eigentlich mit ihm verband, er war ihnen im Grunde ein Fremder geblieben, er
war ihnen mit seiner Botschaft nicht zu einem Teil ihres eigenen Wesens geworden —
das zeigte sich jetzt, wo sie die Probe hätten bestehen sollen, da kam das Alte in
ihnen zum Vorschein mit aller Macht, das Neue aber glitt ab, wie wenn es nie
dagewesen wäre. Es zeigte sich, daß sie noch völlig unreif waren. Und so schrien sie
mit, was man ihnen vorschrieb.
Aber das drückte sicher Jesus nicht so schwer wie das Andere, wie der geistige Schmerz, in alle diese von blindem Haß erfüllten Gesichter sehen zu müssen. Es waren Gesichter darunter, die er vielleicht alle Tage um sich gesehen hatte im Tempel. Gesichter von Letten, die wißbegierige Fragen an ihn gerichtet hatten, mit denen er sich freundlich unterhalten, an deren Aufgewecktheit und Verständnis er Freude gehabt hatte. Gesichter, denen er jetzt den tiefen Rückfall in Verworrenheit und Bosheit ansah. Andere voll von dem Trotz von Menschen, die soeben ihr Gewissen zum Schweigen gebracht haben. Andere voll Eifer mitzumachen, was die Übrigen taten, und doch voll von einer fliegenden Unruhe, die vielleicht einmal vor Reue in Verzweiflung umschlagen wird. Aber Alle, Alle gegen ihn. Vielleicht da und dort eine gutmütige Seele, der die Sache nicht recht ist, und die sich davonstiehlt, um wenigstens nicht dabeizusein. Aber kein mannhaftes Wort für ihn und seine Sache, für Gottes Sache, keine zwei oder drei, die Jesus die Beruhigung auf seinen Leidensweg mitgegeben hätten: Wenigstens für zwei oder drei habe ich nicht umsonst gearbeitet. Jesus mußte die (9)3 volle Last des Bewußtseins tragen, tragen bis zum bitteren Ende: Ich bin allein, Alle, Alle sind gegen mich. Feindschaft von diesem und jenem läßt sich ertragen, nicht wahr, daran stirbt niemand. Aber wenn man so für die Menschen gebetet und gearbeitet hat wie Jesus — Keiner vor ihm und nach ihm hat es getan wie er — dann von Allen zurückgestoßen werden, wie es ihm widerfahren ist, das ist unendlich bitter. Das ist etwas, was ja schon uns andere Menschen bis ins Tiefste unseres Wesens hinein verwundet und erschüttert, wenn wir uns allein fühlen müs|132sen, wenn wir merken müssen: man versteht uns nicht, will uns nicht verstehen, Alles kehrt sich gegen uns. Es ist bald gesagt in solchen Lagen: Man soll auf Gott vertrauen, an ihn sich halten! Ja, bald gesagt, aber schwer getan. In solcher Lage zeigt es sich, wie schwache hilflose Wesen wir im Grunde sind, mit unserer vermeintlichen Charakterstärke und Überzeugungstreue, wir brechen so schnell zusammen, wenn wir uns nicht mehr getragen fühlen von der Welle der Zustimmung und des Beifalls unserer Mitmenschen, wenn wir wirklich allein stehen und gehen, nur auf unseren Gott uns gründen sollten, einsam gegen die Stimme und Meinung Aller. In solcher Lage ist nur der stark, der Gott den Vater in sich wohnen hat, wie er in Jesus wohnte. Werden wir je dahin kommen und dann auch stark sein, wie Jesus stark war? Wir müssen es bei Jesus selber lernen.
Wie leicht hätte es sein können, daß Jesus dort, wo Alles schrie: Kreuzige ihn! ganz einfach den Glauben an Gott verloren hätte. Jawohl, denn wir sind doch in unserem Glauben an Gott, ohne daß wirs wissen und uns eingestehen, ganz ungeheuer abhängig von unseren Mitmenschen. Wir glauben, daß recht recht und wahr wahr sei und daß etwas Höheres sei und gelten müsse in unserem Leben und in dem unserer Brüder und Schwestern! Jawohl, aber wir haben es bitter nötig zu sehen, daß die Anderen das auch glauben, nicht wahr? Wir rechnen darauf, nicht allein stehen zu müssen, sondern mehr oder weniger zu tun, was jedermann tut. Wenn das der Fall ist, dann fühlen wir uns so geborgen, dann haben wir Freude an unserem Glauben und die Zuversicht, daß er etwas wert sei. Aber wir werden so bald unsicher, wenn wir nun doch einmal allein stehen müssen, auch wenn es uns noch lange nicht so schlimm geht wie dort Jesus. Da regen sich dann meistens die Zweifel: ists denn auch wahr, was ich glaube? könnte es nicht vielleicht auch anders sein? und tausend Gründe, an die wir gar nicht dachten vorher, kommen jetzt plötzlich daher und bekommen schweres Gewicht. In Wirklichkeit ists nicht dieser oder jener Grund, der uns irre macht, sondern ganz einfach das Alleinsein, die Tatsache, daß Viele nicht daran denken zu glauben, was |133 wir glauben. Wie würden wir uns stellen, wenn wir einmal den Unglauben in solcher Macht auf uns einstürmen sehen müßten wie dort Jesus? Wie geringfügig sind doch unsere Versuchungen, wie leicht ist es uns im Ganzen gemacht zu glauben! Jesus hatte es unendlich schwer: er mußte annehmen, kein Mensch will etwas wissen von dem, was mir das Höchste ist! Er mußte sich fragen: soll ich der Einzige sein, der diesen Weg geht? Soll ich ein Narr sein und einen Weg gehen, der so einstimmig als falsch verworfen wird?
Nein, Jesus ist über dieses einstimmige Kreuzige ihn! hinweggekommen, er hat den
Glauben an Gott, an die Wahrheit seines Weges nicht verloren. Wie sollen wir es uns
denken? Ich glaube, das wars, Jesus konnte warten. Wir denken gar schnell: ich meine
es doch gut, und die Leute sollten mit mir einverstanden sein, sollten mir helfen,
Alles muß mir zustimmen! und wenn es sich dann nicht erfüllt, dann sind wir ganz
trostlos und geben nicht nur den Mut, sondern sehr oft sogar unsere besseren
Überzeugungen preis. Jesus konnte warten. Er wollte auch nicht umsonst säen,
wahrhaftig nicht, aber er wußte: die gute Saat muß ihre Zeit haben zum Aufgehen, und
unterdessen wunderte er sich nicht, das Unkraut zuerst aufschießen
zu sehen. Mit seinen Augen gesehen war dieser ganze fanatische Widerstand eines
irregeleiteten Volkes, so gewaltig und leidenschaftlich er war, nicht eine
unabänderlich dastehende Mauer von Eis. So meinen wir es etwa. Wir
denken, wenn man uns allein läßt, uns widerspricht: das ist nun so, die Menschen sind
so und sind nicht zu ändern, und geben dann traurig und mutlos unseren Glauben auf.
Jesus dachte, daß diese Mauer von Torheit und Bosheit einmal zusammenbrechen werde.
Das war die Stärke seines Glaubens, die unvergleichliche Größe seines Glaubens in
jener Stunde, daß er (10)4 über
das Getöse und Getümmel, über all die bösen haßverzerrten
Gesichter hinweg in eine bessere Zukunft sehen konnte, zu Menschen, die ihn
verstehen, die seine Liebe erwidern, die seine gute Saat frucht|134bar
machen werden. In jener Stunde zeigte es sich, mit welcher Wahrhaftigkeit Jesus
gebetet hatte: dein Reich komme [
Wir glauben in Lagen, die lange nicht so furchtbar sind, so schnell an die Sünde. Wir glauben an die Sünde, d. h. wir meinen: ja das Böse ist eben stark, man kann da nichts machen, und geben das Gute auf. Ach, wir müssen wieder lernen an Gott glauben. Glauben, daß aller Widerstand, den wir erfahren, nur etwas Zeitliches, Vorübergehendes ist, etwas, das ganz unmöglich Bestand haben kann. Glauben, daß es keine Schande und kein Unglück ist, zeitweise allein zu stehen als Bote und Herold Gottes in einer dunklen Welt. Der Widerstand und das Alleinsein, das geht vorüber, Gott aber bleibt, die Wahrheit und das Gute besteht und gilt in Ewigkeit. Wollen wir das Ewige preisgeben um zeitlicher Anfechtung willen?
Wenn wir im rechten Verhältnis zu Gott stehen in solchen Lebenslagen, dann stehen wir
sicher auch im rechten Verhältnis zu den Menschen. Davon müssen wir auch ein paar
Worte sagen. Die Gefahr war groß, daß Jesus dort in eine Stimmung der Verachtung
diesen Leuten gegenüber hineingekommen wäre. Wäre Jesus unsereins gewesen, so wäre
das zweifellos geschehen. Das ist
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schon Manchem so gegangen: die Menschen benehmen sich dumm und gemein gegen ihn, er
mußte sehen, wie man seine besten Absichten verkannte, seine reinsten Gedanken
verdrehte, wie Alles gegen ihn war mit allen Mitteln, da dachte er: gut, wenn ihr mir
so kommt, so will ich auch euch zeigen, was ich kann, und antwortete er mit einer
großen, kalten, verbitterten Verachtung. Es kann einem oft so wohltun, wenn man sich
allein fühlt, nicht verstanden und von allen Seiten angegriffen wird, dann die Leute
wenigstens zu verachten, d. h. so gering als möglich von ihnen zu denken und sich so
wenig als möglich um sie zu bekümmern. Das kann einem wohltun, man hat die
Befriedigung, auch wenn man sonst nichts tun kann, dem Anderen wenigstens zu
verstehen zu geben: ihr seid mir Null! Luft! ihr geht mich nichts mehr an mit euerer
Torheit und Bosheit. Vielleicht hätte es Jesus auch wohlgetan, das unzuverlässige
Volk von
136 Weil er an Gott glaubte, mußte er auch an die Menschen glauben, jawohl an die Menschen, an diese heimtückische, mordlustige, unsichere Bande da vor ihm, an die Menschen, die das Gute mit beiden Händen von sich stießen und sich im Schmutze förmlich wälzten. Er gab sie nicht auf, all die Seelen, die aus diesen rohen Gesichtern, aus diesen leichtfertigen, leidenschaftlichen Augen schauten, er wußte, in ihnen allen lebt im geheimsten Winkel der Seele etwas, das sucht seine Heimat in Gott, inmitten der furchtbaren Finsternis, in der sie jetzt sind. Jesus vertraute darauf, daß dieses Etwas in den Menschen, dieser geheime, heimatlose Teil in ihnen, lebendig bleiben, sie beunruhigen werde, bis sie Ruhe gefunden in Gott.6 Jeden Menschen sah er von dieser Seite aus an, und darum trennte er sich von Keinem, nicht einmal innerlich. Wenn sie alle ihn verließen, so ließ er doch nicht ab, innerlich die Hände nach ihnen auszustrecken. Jesus vertraute! Das war es. Weil er auf Gott vertraute, vertraute er auf das Göttliche in den Menschenseelen, vertraute darauf, daß es einmal zum Durchbruch kommen müsse. Und weil er vertraute, konnte er nicht verachten, er mußte lieben. Damit erhob er sich wirklich über sie, darin kam es zum Vorschein, daß er ein ganz, ganz Anderer war als die, die ihn da umtobten.
O meine Freunde, wenn wir das einsehen wollten, daß die nobelste Verachtung, mit der wir schlechten Menschen begegnen mögen, gar nichts wert ist neben einem kleinen bißchen Liebe, das wir ihnen entgegenbringen! Wir können nicht so lieben, wie Jesus geliebt hat. Gott ist noch viel zu schwach in uns. Und doch ist jedes Mal, wo wir es über uns bringen, zu lieben statt zu verachten, ein ungeheuerer Gewinn. Lieben heißt ganz einfach daran glauben, daß da in dem Anderen auch noch etwas Gutes ist, und dann danach handeln. Versuchs einmal! Wenn wirs versuchen, dann schmelzen Eiswände, wir können uns darauf verlassen. Nicht sofort, aber mit der Zeit. Es ist nötig, daß es immer wieder solche Menschen gibt in der dunklen Welt, die nicht mit|137hassen und mitverachten wollen, sondern die helfen möchten, Eiswände zu schmelzen.
Und so wenig wir mit Verachtung antworten dürfen auf die verkehrte Haltung unserer
Mitmenschen, so wenig dürfen wir einen großen Jammer über sie erheben: Ach, wie sind
doch die Menschen so schlecht! Das trägt gar nichts ab. Das hat Jesus auch nicht
getan, obwohl er große Ursache gehabt hätte. Man könnte wohl manchmal auf den
Gedanken kommen, es hat schon Mancher in dieser Lage nicht mit Verachtung geendet,
wohl aber mit dem Seufzer des
Das ist die große Lebenskunst, das Beides miteinander. Wer an Gott glaubt, der muß auch diese große göttliche Geduld mit den Menschen haben, sonst ist sein Glaube nicht echt. Und wer mit den Menschen trotz ihrer Schwachheit und Sünde im Frieden leben will, der muß mit Gott im Bunde stehen, anders gehts nicht. Beides gehört zusammen. Jesus, der leidende Jesus zeigt es uns in wundervoller Vereinigung.
Sehet, welch ein Mensch! sagte