22. März 1914

Predigt: Matthäus 27,11-30

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Jesus vor Pilatus
Matthäus 27,11–30
Liebe Freunde!

Höher und höher steigen die Wogen der Sünde und des Entsetzens um Jesus her. Wir haben gehört, wie er die Todesnot und damit die schwere Versuchung herannahen sah, als er das letzte Mahl feierte mit seinen Jüngern, wie er mit Gott rang im Gebet: Vater, ists möglich, so laß diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst! [Mt. 26,42] wie er seine schläfrigen, gedankenlosen Freunde anflehte beinah: könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen [Mt. 26,40]? Und dann hörten wir, wie die verblendeten Führer des Volkes Gründe zum Todesurteil gegen ihn suchten und fanden, und wie Petrus unterdessen seinen Meister verleugnete [Mt. 26,57–75]. So wuchs und |126 wuchs das Leiden Jesu, ein Stück ums andere fügte sich zu dem Bild des Mannes der Schmerzen.

Aber ist es uns nicht, indem wir dieses Bild betrachten, als ob auch dieser Mann selbst wachse und wachse mit seinem Leiden, zu geheimnisvoller, zu göttlicher Größe? Je dunkler die Nacht um ihn wird, umso heller scheint er zu leuchten. Je mehr Unrecht und Leid man ihm zufügt, je mehr die menschliche Schwachheit und Verdorbenheit um ihn her sich zeigt in ihrer ganzen Blöße, desto reiner, hoheitsvoller, siegreicher steht er da. Wir hören auf allen diesen Seiten der Leidensgeschichte, je mehr es dem Ende entgegengeht, wenig, immer weniger von dem, was Jesus in diesen letzten furchtbar schweren Stunden seines Lebens gesagt und getan hat. Nur noch ab und zu ein Wort, eine kurze Bemerkung, im Übrigen nur noch die traurigen empörenden Schilderungen von all dem Niedrigen, Gemeinen, was man mit Jesus und gegen ihn getan hat. Es ist, als wollten uns die Erzähler dieser Geschichten sagen: Seht, so hat das Böse, Traurige an jenen dunklen Tagen die Oberhand gewonnen! Aber nein, das wollten sie uns nicht sagen. Schon sie haben doch die Leidensgeschichte von einer anderen Seite aus angesehen. Der dort die Oberhand gewann, das war doch in Wirklichkeit Jesus. Wir sehen ihn vor Augen, wie er unter der Last der bösen feindseligen Worte und Taten nicht zusammenbricht, wie er keinen Augenblick schwach wird oder sich dazu hinreißen läßt, dem Bösen zu widerstehen mit den Mitteln des Bösen. Er geht durch Alles hindurch in ununterbrochener gerader Linie, vorwärts, aufwärts.

«Was kann mir tun der Feinde
Verfolgung, Haß und Spott?»1

Er bleibt sich selber gleich. Und gerade darum wächst er zusehends vor unseren Augen. Das ist ja etwas Unbegreifliches für |127 uns: sich selber gleichbleiben, wenn es um Einen her so anders, so unerhört dunkel wird. Und gerade das hat Jesus getan. Wir können auch sagen: das hat Gott getan. Denn «Gott war in Christus» [2.Kor. 5,19]. Und aus Gott hat er die Kraft und die Freudigkeit genommen, so zu leiden. Und Gott sehen wir, wenn wir ihn leiden sehen. So muß das Gute, Göttliche in der Welt verachtet, verurteilt und verstoßen werden, so scheint es oft völlig und für immer am Boden zu liegen. Aber indem es leidet, still leidet, siegt es. Auf einmal steht es überlegen da, größer als je zuvor. Die Leidensgeschichte Jesu ist ein Abbild der Leidensgeschichte Gottes.

Im geschlossenen Kreise seiner Feinde hatte Jesus die Nacht zubringen müssen. Eine schauderhafte Nacht. Das Wenige, was wir wissen von dem damals Geschehenen, muß uns die Schamröte auf die Stirn treiben. Das Schlimmste war wohl die Verleugnung des Petrus. Das war ein Schlag, der nicht nur den Leib, sondern die Seele Jesu traf. Nun ging es aus dem Dunkel des hohenpriesterlichen Palastes hinaus auf die Gassen Jerusalems in den frühlingshellen Morgen hinein. Die Gruppe der Hohenpriester und Schriftgelehrten erweiterte sich, das Volk trat hinzu, freiwillig oder von jenen herbeigerufen, das namenlose, unverantwortliche Volk, das man doch nötig hatte, um den vernichtenden Streich gegen Jesus zu führen. Das Volk sollte in Massen zugegen sein und der Klage der Führer Nachdruck geben. Das Volk gehörte nicht zu den Feinden Jesu. Jesus hatte nicht gewußt, warum er es dazu hätte rechnen sollen. Jesus hatte dieses Volk lieb. Er wußte, daß es trotz Allem das Volk Gottes war, das eine große Verheißung hatte. Er kannte und schätzte seine guten Eigenschaften, seine Glaubenstreue, seinen Eifer für Gottes Gesetz, auch wenn sie mißleitet und entartet waren. Er wußte, daß man auch seine Fehler und Sünden nicht nur dem Einzelnen zur Schuld anrechnen durfte. Sie hingen zusammen mit den Verhältnissen und Zuständen, in denen diese Leute geboren und aufgewachsen waren, mit den schlimmen Einflüssen, denen sie ausgesetzt waren gerade seitens derer, die es besser hätten wissen können. Eine irregeleitete Herde, |128 eine Herde, die keinen Hirten hat [vgl. Mt. 9,36], ein Volk, das im Finsteren wandert [vgl. Jes. 9,1], hatte er immer in diesem Volk gesehen, nicht aber ein Heer von Feinden, das ihn bekämpfte oder die er hätte bekämpfen müssen. Jesus kannte ja überhaupt keine Gegner, außer denen, die trotz besserer Einsicht die Wahrheit nicht wollten; er überließ es aber Gott, die ausfindig zu machen und mit ihnen zu kämpfen; er behandelte niemand als Gegner, nicht einmal die Hohenpriester. Geschweige denn die Volksmasse. Er liebte sie, gerade um ihrer Fehler und Sünden willen. Er sah all das Gemeine, Verlogene, das ihnen anhaftete, aber er sah das nur als einen Grund an, sie umso lieber zu haben, ihnen um so getreuer nachzugeben. Und das hatte er getan, seit ihn der Vater zum Boten des Evangeliums berufen hatte, zuerst in Galiläa und nun in Jerusalem, der alten Gottesstadt. Er war unter dieses Volk getreten, nicht wie ein Professor, der die Leute von der Richtigkeit seiner Anschauungen überzeugen will, nicht wie ein Apostel, der sie um jeden Preis für seine Sekte gewinnen will, sondern wie ein König, der will, daß es all den Seinigen gut gehe, der überreiche Geschenke zu verteilen hat, jedem, der nur nehmen will, der schließlich sich selber anbietet: meine Ehre soll es sein, euer aller Diener zu sein [vgl. Lk. 22,27]. So stand Jesus zu seinem Volk, er ließ einfach die Liebe Gottes, von der er so unvergleichliche Erfahrung hatte, aus sich herausströmen. Und hatten sie nicht oft etwas gespürt davon? Hatte es nicht oft aufgeleuchtet in ihren Augen, wenn er zu ihnen redete, waren sie nicht oft mächtig erschüttert gewesen in dem Gefühl der Kraft, die von ihm ausging, hatten sie es nicht oft genug mit Händen gegriffen, daß eine neue selige Zeit für sie angebrochen sei? Hatten sie ihm nicht erst noch vor ein paar Tagen zugejubelt, wider seinen Willen fast, ihn begrüßt als den, der da kommt im Namen des Herrn [Mt. 21,8f.]? Nein, dieses Volk war nicht sein Feind. Sie liebten ihn, sie verstanden ihn. Sie freuten sich mit ihm über das kommende und schon gegenwärtige Gottesreich. Sie öffneten ihm ihre Herzen, und er sah die Zeit kommen, wo sie mit ihm beten wür|129den im Geist und in der Wahrheit [Joh. 4,23]: dein Wille, des Vaters Wille geschehe [Mt. 6,10]! (7 3/4)2

Und nun sollte dieses Volk nach der wohlausgedachten Absicht seiner geistlichen Führer in Masse vor den römischen Stadthalter Pilatus hintreten und einstimmig von ihm verlangen: dieser soll sterben. Es kam für das Schicksal Jesu Alles darauf [an], wie das Volk sich nun stellte. Wenn es nicht seinen Führern folgte, sondern seinem Herzen und Gewissen, wenn es jene mit ihren Anklagen allein ließ, dann sprach Pilatus kein Todesurteil, das war nach den übrigen Umständen sicher. Der aufgeregten Schar der Tempelleute allein hätte er nicht Folge gegeben, umsoweniger, da er selbst im Grunde überzeugt war von der Unschuld Jesu. Vom Volk, von der Masse hing es ab, was geschehen sollte! Wird sie sich auf diese oder auf die andere Seite stellen? Wird sie ihr Gewicht hier oder dort in die Waagschale werfen?

Sie stellte sich blindlings auf die Seite der Feinde Jesu. Wir hören nichts davon, daß sie auch nur im Geringsten gezaudert hätte. Sie war sofort bereit, den Hohenpriestern den Dienst zu leisten, der von ihr verlangt wurde. Wir können den Gründen nicht nachspüren, die ihnen dieses wiederholte leidenschaftliche: Kreuzige ihn! auf die Lippen lockten. Vielleicht hätten diese Menschen selbst keinen klaren Grund für ihr Tun nennen können. Die Macht der Leute vom Tempel war zu groß, als daß die Anderen hätten selbständig denken und handeln können. Die Macht der Gewohnheit vor Allem war zu groß, als daß sie schon jetzt so weit von allen Gedanken und Sitten hätten frei sein können, um einen Mann wie Jesus zu verstehen und für ihn einzutreten, der in seiner ganzen Art, mit jedem Wort, das er sagte, etwas so gänzlich Neues in ihr Leben hineinbrachte. Sie konnten erstaunen über ihn, sie konnten ihn bewundern, ihr Herz und Gewissen konnte sie ihm entgegentreiben, Einzelne unter ihnen konnten gelegentlich ein gutes Wort für ihn einlegen, aber es war nichts da, |130 was sie eigentlich mit ihm verband, er war ihnen im Grunde ein Fremder geblieben, er war ihnen mit seiner Botschaft nicht zu einem Teil ihres eigenen Wesens geworden — das zeigte sich jetzt, wo sie die Probe hätten bestehen sollen, da kam das Alte in ihnen zum Vorschein mit aller Macht, das Neue aber glitt ab, wie wenn es nie dagewesen wäre. Es zeigte sich, daß sie noch völlig unreif waren. Und so schrien sie mit, was man ihnen vorschrieb. Barabbas! zuerst, als Pilatus einen bekannten Mörder neben Jesus stellte und ihnen die Wahl ließ, welchen sie freibitten wollten. Sie wählten den Mörder. Pilatus fragte sie: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei Christus, der Messias? Da mochte wohl im Einen oder Anderen das Gewissen sich rühren: ja, das ist wahr, wenn Einer der Messias ist, so ist es dieser, das glaube ich auch! aber diese schwache Regung war bald übertäubt, und so riefen sie, sooft man es von ihnen verlangte, das furchtbare: laß ihn kreuzigen! Und als sie einmal so weit waren, da brachen die schlechten Instinkte immer mächtiger hervor in ihnen, an die Stelle des gedankenlosen Nachschreiens trat die blinde Gier zu töten, Blut fließen zu sehen um jeden Preis, und als der Statthalter die Verantwortung ablehnte, nicht schuld sein wollte an dem Unrecht, das da begangen wurde, «da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!» Sie wollten die Verantwortung tragen bis aufs Äußerste für das, was da geschah — ein frevelhafter Leichtsinn, eine unbegreifliche Leidenschaft, wenn man bedenkt, daß sie vor kurzem erst zu dem Wunsch nach dem Tode Jesu aufgehetzt worden waren. So grenzenlos unsicher, unzuverlässig, unreif war das Volk, dem Jesus eine so große Liebe entgegenbrachte und das ihm oft genug Zeichen von Gegenliebe gegeben hatte. Wir müssen dieses Volk mit den Augen Jesu ansehen: da stand er — einsam! Jetzt war es klar, man hatte ihn nicht verstanden, Alles war gegen ihn. In diesem Augenblick, wo das Volk, das ganze Gottesvolk offenkundig und unzweideutig auf die Seite seiner Feinde trat, da brach, menschlich geredet, sein irdisches Lebenswerk zusammen, das Spiel war ausgespielt, die Hoffnungen auf einen Erfolg seines Wir|131kens waren zu Boden getreten und ausgerottet. Es ging ein Sämann aus zu säen [Mt. 13,3], er hatte gut und treu gesät — da war nun die Ernte: Kreuzige ihn! Barabbas los! Lieber der Mörder als der Gottesbote. Auch das Lebensschicksal Jesu war mit dieser Entscheidung des Volkes besiegelt, das war für jeden, der den Statthalter Pilatus kannte, ganz klar.

Aber das drückte sicher Jesus nicht so schwer wie das Andere, wie der geistige Schmerz, in alle diese von blindem Haß erfüllten Gesichter sehen zu müssen. Es waren Gesichter darunter, die er vielleicht alle Tage um sich gesehen hatte im Tempel. Gesichter von Letten, die wißbegierige Fragen an ihn gerichtet hatten, mit denen er sich freundlich unterhalten, an deren Aufgewecktheit und Verständnis er Freude gehabt hatte. Gesichter, denen er jetzt den tiefen Rückfall in Verworrenheit und Bosheit ansah. Andere voll von dem Trotz von Menschen, die soeben ihr Gewissen zum Schweigen gebracht haben. Andere voll Eifer mitzumachen, was die Übrigen taten, und doch voll von einer fliegenden Unruhe, die vielleicht einmal vor Reue in Verzweiflung umschlagen wird. Aber Alle, Alle gegen ihn. Vielleicht da und dort eine gutmütige Seele, der die Sache nicht recht ist, und die sich davonstiehlt, um wenigstens nicht dabeizusein. Aber kein mannhaftes Wort für ihn und seine Sache, für Gottes Sache, keine zwei oder drei, die Jesus die Beruhigung auf seinen Leidensweg mitgegeben hätten: Wenigstens für zwei oder drei habe ich nicht umsonst gearbeitet. Jesus mußte die (9)3 volle Last des Bewußtseins tragen, tragen bis zum bitteren Ende: Ich bin allein, Alle, Alle sind gegen mich. Feindschaft von diesem und jenem läßt sich ertragen, nicht wahr, daran stirbt niemand. Aber wenn man so für die Menschen gebetet und gearbeitet hat wie Jesus — Keiner vor ihm und nach ihm hat es getan wie er — dann von Allen zurückgestoßen werden, wie es ihm widerfahren ist, das ist unendlich bitter. Das ist etwas, was ja schon uns andere Menschen bis ins Tiefste unseres Wesens hinein verwundet und erschüttert, wenn wir uns allein fühlen müs|132sen, wenn wir merken müssen: man versteht uns nicht, will uns nicht verstehen, Alles kehrt sich gegen uns. Es ist bald gesagt in solchen Lagen: Man soll auf Gott vertrauen, an ihn sich halten! Ja, bald gesagt, aber schwer getan. In solcher Lage zeigt es sich, wie schwache hilflose Wesen wir im Grunde sind, mit unserer vermeintlichen Charakterstärke und Überzeugungstreue, wir brechen so schnell zusammen, wenn wir uns nicht mehr getragen fühlen von der Welle der Zustimmung und des Beifalls unserer Mitmenschen, wenn wir wirklich allein stehen und gehen, nur auf unseren Gott uns gründen sollten, einsam gegen die Stimme und Meinung Aller. In solcher Lage ist nur der stark, der Gott den Vater in sich wohnen hat, wie er in Jesus wohnte. Werden wir je dahin kommen und dann auch stark sein, wie Jesus stark war? Wir müssen es bei Jesus selber lernen.

Wie leicht hätte es sein können, daß Jesus dort, wo Alles schrie: Kreuzige ihn! ganz einfach den Glauben an Gott verloren hätte. Jawohl, denn wir sind doch in unserem Glauben an Gott, ohne daß wirs wissen und uns eingestehen, ganz ungeheuer abhängig von unseren Mitmenschen. Wir glauben, daß recht recht und wahr wahr sei und daß etwas Höheres sei und gelten müsse in unserem Leben und in dem unserer Brüder und Schwestern! Jawohl, aber wir haben es bitter nötig zu sehen, daß die Anderen das auch glauben, nicht wahr? Wir rechnen darauf, nicht allein stehen zu müssen, sondern mehr oder weniger zu tun, was jedermann tut. Wenn das der Fall ist, dann fühlen wir uns so geborgen, dann haben wir Freude an unserem Glauben und die Zuversicht, daß er etwas wert sei. Aber wir werden so bald unsicher, wenn wir nun doch einmal allein stehen müssen, auch wenn es uns noch lange nicht so schlimm geht wie dort Jesus. Da regen sich dann meistens die Zweifel: ists denn auch wahr, was ich glaube? könnte es nicht vielleicht auch anders sein? und tausend Gründe, an die wir gar nicht dachten vorher, kommen jetzt plötzlich daher und bekommen schweres Gewicht. In Wirklichkeit ists nicht dieser oder jener Grund, der uns irre macht, sondern ganz einfach das Alleinsein, die Tatsache, daß Viele nicht daran denken zu glauben, was |133 wir glauben. Wie würden wir uns stellen, wenn wir einmal den Unglauben in solcher Macht auf uns einstürmen sehen müßten wie dort Jesus? Wie geringfügig sind doch unsere Versuchungen, wie leicht ist es uns im Ganzen gemacht zu glauben! Jesus hatte es unendlich schwer: er mußte annehmen, kein Mensch will etwas wissen von dem, was mir das Höchste ist! Er mußte sich fragen: soll ich der Einzige sein, der diesen Weg geht? Soll ich ein Narr sein und einen Weg gehen, der so einstimmig als falsch verworfen wird?

Nein, Jesus ist über dieses einstimmige Kreuzige ihn! hinweggekommen, er hat den Glauben an Gott, an die Wahrheit seines Weges nicht verloren. Wie sollen wir es uns denken? Ich glaube, das wars, Jesus konnte warten. Wir denken gar schnell: ich meine es doch gut, und die Leute sollten mit mir einverstanden sein, sollten mir helfen, Alles muß mir zustimmen! und wenn es sich dann nicht erfüllt, dann sind wir ganz trostlos und geben nicht nur den Mut, sondern sehr oft sogar unsere besseren Überzeugungen preis. Jesus konnte warten. Er wollte auch nicht umsonst säen, wahrhaftig nicht, aber er wußte: die gute Saat muß ihre Zeit haben zum Aufgehen, und unterdessen wunderte er sich nicht, das Unkraut zuerst aufschießen zu sehen. Mit seinen Augen gesehen war dieser ganze fanatische Widerstand eines irregeleiteten Volkes, so gewaltig und leidenschaftlich er war, nicht eine unabänderlich dastehende Mauer von Eis. So meinen wir es etwa. Wir denken, wenn man uns allein läßt, uns widerspricht: das ist nun so, die Menschen sind so und sind nicht zu ändern, und geben dann traurig und mutlos unseren Glauben auf. Jesus dachte, daß diese Mauer von Torheit und Bosheit einmal zusammenbrechen werde. Das war die Stärke seines Glaubens, die unvergleichliche Größe seines Glaubens in jener Stunde, daß er (10)4 über das Getöse und Getümmel, über all die bösen haßverzerrten Gesichter hinweg in eine bessere Zukunft sehen konnte, zu Menschen, die ihn verstehen, die seine Liebe erwidern, die seine gute Saat frucht|134bar machen werden. In jener Stunde zeigte es sich, mit welcher Wahrhaftigkeit Jesus gebetet hatte: dein Reich komme [Mt. 6,10]! Ja, daran glaubte er eben, allem Anschein zum Trotz, an das Kommen des Gottesreichs, an eine freiere, gerechtere, aufrichtigere Menschheit, an eine Menschheit, die dem Vater des Lichtes näher und näher kommt. Und da war ihm der Auflauf vor dem Palast des Pilatus, dieses jämmerliche Versagen des Gottesvolkes, dieser scheinbare Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen nur eine unbedeutende Station, die ganz einfach überwunden werden mußte. Er konnte nicht da liegenbleiben, betrübt, verzweifelnd, hoffnungslos, es war ja für ihn so selbstverständlich, so natürlich, daß die Macht des Vaters größer sein müsse unter den Menschen als alle Torheit und Bosheit dieser Menschen. Jesus glaubte an Gott! Darum konnte er das Kreuzige ihn!, das ihm das Herz zerschnitt, doch überhören wie ein Schlafwandelnder. Er wandelte über alles Leid der Gegenwart bereits hinweg hinein in die bessere zukünftige Welt. Er glaubte an Gott in jener furchtbaren Lage.

Wir glauben in Lagen, die lange nicht so furchtbar sind, so schnell an die Sünde. Wir glauben an die Sünde, d. h. wir meinen: ja das Böse ist eben stark, man kann da nichts machen, und geben das Gute auf. Ach, wir müssen wieder lernen an Gott glauben. Glauben, daß aller Widerstand, den wir erfahren, nur etwas Zeitliches, Vorübergehendes ist, etwas, das ganz unmöglich Bestand haben kann. Glauben, daß es keine Schande und kein Unglück ist, zeitweise allein zu stehen als Bote und Herold Gottes in einer dunklen Welt. Der Widerstand und das Alleinsein, das geht vorüber, Gott aber bleibt, die Wahrheit und das Gute besteht und gilt in Ewigkeit. Wollen wir das Ewige preisgeben um zeitlicher Anfechtung willen?

Wenn wir im rechten Verhältnis zu Gott stehen in solchen Lebenslagen, dann stehen wir sicher auch im rechten Verhältnis zu den Menschen. Davon müssen wir auch ein paar Worte sagen. Die Gefahr war groß, daß Jesus dort in eine Stimmung der Verachtung diesen Leuten gegenüber hineingekommen wäre. Wäre Jesus unsereins gewesen, so wäre das zweifellos geschehen. Das ist |135 schon Manchem so gegangen: die Menschen benehmen sich dumm und gemein gegen ihn, er mußte sehen, wie man seine besten Absichten verkannte, seine reinsten Gedanken verdrehte, wie Alles gegen ihn war mit allen Mitteln, da dachte er: gut, wenn ihr mir so kommt, so will ich auch euch zeigen, was ich kann, und antwortete er mit einer großen, kalten, verbitterten Verachtung. Es kann einem oft so wohltun, wenn man sich allein fühlt, nicht verstanden und von allen Seiten angegriffen wird, dann die Leute wenigstens zu verachten, d. h. so gering als möglich von ihnen zu denken und sich so wenig als möglich um sie zu bekümmern. Das kann einem wohltun, man hat die Befriedigung, auch wenn man sonst nichts tun kann, dem Anderen wenigstens zu verstehen zu geben: ihr seid mir Null! Luft! ihr geht mich nichts mehr an mit euerer Torheit und Bosheit. Vielleicht hätte es Jesus auch wohlgetan, das unzuverlässige Volk von Jerusalem, das ihn zum Tode verurteilte, wenigstens gründlich zu verachten. Man liest von Männern, die in der Französischen Revolution hingerichtet wurden und die mit Worten schneidenden scharfen Spottes das Schafott betraten, die bis zum letzten Atemzug ihren Feinden zu verstehen gaben: ihr könnt mich umbringen, aber ich halte euch für Canaillen! (11)5 Jesus hat nicht so gedacht und nicht so geredet. Das wäre für Jesus von innen heraus vollständig unmöglich gewesen. Damit wäre er ja selber versunken in den bösen Geist der Welt, der ihm da aus der Masse vor ihm entgegenheulte. Solche kalte Verachtung ist ja doch nur eine Form von Rache und Vergeltung, eine sehr feine allerdings, aber es ist doch im Grunde nichts Anderes. Die Rache aber gehörte für Jesus zu dem ungöttlichen Werkzeug der gegenwärtigen bösen Welt, die überwunden werden muß. Wer ein Kind des Vaters ist, der kann sich nicht rächen. Auch nicht durch Verachtung. Verachtung hat niemals und unter keinem Vorwand etwas mit Gott zu schaffen. Verachtung ist etwas sehr Nobles und sie mag einem oft sehr wohltun, aber sie ist vom Teufel, das ist keine Frage. Jesus konnte nicht verachten, eben weil er an Gott glaubte.

136 Weil er an Gott glaubte, mußte er auch an die Menschen glauben, jawohl an die Menschen, an diese heimtückische, mordlustige, unsichere Bande da vor ihm, an die Menschen, die das Gute mit beiden Händen von sich stießen und sich im Schmutze förmlich wälzten. Er gab sie nicht auf, all die Seelen, die aus diesen rohen Gesichtern, aus diesen leichtfertigen, leidenschaftlichen Augen schauten, er wußte, in ihnen allen lebt im geheimsten Winkel der Seele etwas, das sucht seine Heimat in Gott, inmitten der furchtbaren Finsternis, in der sie jetzt sind. Jesus vertraute darauf, daß dieses Etwas in den Menschen, dieser geheime, heimatlose Teil in ihnen, lebendig bleiben, sie beunruhigen werde, bis sie Ruhe gefunden in Gott.6 Jeden Menschen sah er von dieser Seite aus an, und darum trennte er sich von Keinem, nicht einmal innerlich. Wenn sie alle ihn verließen, so ließ er doch nicht ab, innerlich die Hände nach ihnen auszustrecken. Jesus vertraute! Das war es. Weil er auf Gott vertraute, vertraute er auf das Göttliche in den Menschenseelen, vertraute darauf, daß es einmal zum Durchbruch kommen müsse. Und weil er vertraute, konnte er nicht verachten, er mußte lieben. Damit erhob er sich wirklich über sie, darin kam es zum Vorschein, daß er ein ganz, ganz Anderer war als die, die ihn da umtobten.

O meine Freunde, wenn wir das einsehen wollten, daß die nobelste Verachtung, mit der wir schlechten Menschen begegnen mögen, gar nichts wert ist neben einem kleinen bißchen Liebe, das wir ihnen entgegenbringen! Wir können nicht so lieben, wie Jesus geliebt hat. Gott ist noch viel zu schwach in uns. Und doch ist jedes Mal, wo wir es über uns bringen, zu lieben statt zu verachten, ein ungeheuerer Gewinn. Lieben heißt ganz einfach daran glauben, daß da in dem Anderen auch noch etwas Gutes ist, und dann danach handeln. Versuchs einmal! Wenn wirs versuchen, dann schmelzen Eiswände, wir können uns darauf verlassen. Nicht sofort, aber mit der Zeit. Es ist nötig, daß es immer wieder solche Menschen gibt in der dunklen Welt, die nicht mit|137hassen und mitverachten wollen, sondern die helfen möchten, Eiswände zu schmelzen.

Und so wenig wir mit Verachtung antworten dürfen auf die verkehrte Haltung unserer Mitmenschen, so wenig dürfen wir einen großen Jammer über sie erheben: Ach, wie sind doch die Menschen so schlecht! Das trägt gar nichts ab. Das hat Jesus auch nicht getan, obwohl er große Ursache gehabt hätte. Man könnte wohl manchmal auf den Gedanken kommen, es hat schon Mancher in dieser Lage nicht mit Verachtung geendet, wohl aber mit dem Seufzer des Elia: es ist genug, Herr! [vgl. 1.Kön. 19,4], mit dem Seufzer über die hoffnungslose Verdorbenheit der Menschheit. Wir wissen, daß Jesus es ernst genommen hat mit der menschlichen Sünde. Aber er hat nie so geseufzt. Er mochte und konnte die Menschen nicht preisgeben, er wartete einfach darauf, daß der Vater sich an ihren Herzen einmal als mächtig erweisen werde. Er war einfach sicher bei jedem, dem er in die Augen sah: der Vater wird ihn finden, früher oder später. Und darum hat Jesus über jene Leute weder gestöhnt noch gejammert. Er hat an Gott geglaubt, und darum konnte er auf die Menschen warten.

Das ist die große Lebenskunst, das Beides miteinander. Wer an Gott glaubt, der muß auch diese große göttliche Geduld mit den Menschen haben, sonst ist sein Glaube nicht echt. Und wer mit den Menschen trotz ihrer Schwachheit und Sünde im Frieden leben will, der muß mit Gott im Bunde stehen, anders gehts nicht. Beides gehört zusammen. Jesus, der leidende Jesus zeigt es uns in wundervoller Vereinigung.

Sehet, welch ein Mensch! sagte Pilatus von ihm [Joh. 19,5]. Ja, sehet, welch ein Mensch, bedeckt mit Schimpf und Verachtung, bereits vom Tod überschattet. Und sehet, welch ein Geheimnis, daß gerade in dieser Erniedrigung das Höchste sich offenbaren mußte, was Gott der Menschheit zu sagen hatte. Wir wollen darauf hören, meine Freunde. Wir wollen der Passionswoche entgegengehen mit dem besonderen Vorsatz, reicher zu werden an überwindender, erlösender Liebe. Gott hat uns einen unerschöpf|138lichen Schatz davon aufgetan. Wen da dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst [Apk. 22,17].

Amen.

Sachfußnoten

1
Lied 225: «Ist Gott für mich, so trete …» von P. Gerhardt (1607–1676), Schluß der 1. Strophe. Barth zitiert nach der Fassung des Schweizer Gesangbuchs. Original (EKG 250): «Was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?» 🎵↩
2
Vermutlich eine Angabe über die Uhrzeit am Samstagabend (?) bei der Niederschrift der Predigt. Vgl. Barths Zusatz unter Predigt 229 vom 12. VII. 1914, S. 371. ↩
3
s. Anm. 2.↩
4
s. Anm. 2.↩
5
s. Anm. 2.↩
6
Vgl. Augustinus, Confessiones I, 1,1 📖 : «… quia fecisti nos ad te; et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.»↩