10. April 1914

Predigt: Markus 15,37-39 (Karfreitag)

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213
Karfreitag
Markus 15,37–39
… Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
Liebe Gemeinde!

«Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!» — das Bekenntnis eines Heiden unter dem Kreuze Jesu. Laßt uns heute, am Karfreitag, darüber nachdenken, wie wir Christen auch dazu kommen können, das zu erkennen und zu bekennen.

Wir wissen nicht, wer jener Hauptmann gewesen ist, was er vorher und was er nachher getan und erlebt hat. Was man darüber etwa liest, ist nicht Geschichte, sondern fromme Sage. Es ist ja natürlich, daß sich die fromme Phantasie mit diesem Mann beschäftigt hat. Unwillkürlich fragt man sich: wer war er? woher kam er? was wurde aus ihm? Aber wir wissen also nicht mehr von ihm als jenes eine Wort, gesprochen unmittelbar nach dem Tode Jesu. Ich meine doch, wir wissen damit genug über ihn, ohne daß wir etwas hinzudichten müßten. Wir kennen ja den, von dem er jenes Wort gesprochen hat. Wir wissen, was für Eindrücke es gewesen sind, die ihm dieses Wort auf die Lippen getrieben haben. Wir können uns darum ohne Weiteres an die Seite dieses Mannes unter das Kreuz stellen, sein großes Erlebnis miterleben, auch ohne daß wir ihn genauer kennen. In den höchsten Erfahrungen des Lebens sind alle Menschen ohne Weiteres Brüder und Schwestern, auch wenn sie sonst noch so verschieden sind voneinander, auch wenn sie sich nie gesehen haben und sich nicht einmal dem Namen nach kennen.

Unter dem Kreuze Jesu hat dieser Hauptmann etwas Wunderbares erlebt: nicht mehr und nicht weniger, als daß Gott Wahrheit sei, nicht ein Traum, nicht ein schöner Glaube, nicht eine Idee, nicht eine Vorstellung von Priestern, Gelehrten und alten Frauen, sondern Wahrheit, sichere klare unwidersprechliche Wahrheit, |165 so sicher wie daß 2 x 2 = 4 ist. Er hatte schon viel gehört von Gott und göttlichen Dingen. Es war damals eine Zeit, in der sich hoch und niedrig viel mit diesen Fragen abgab. Gibt es etwas hinter diesem sichtbaren Leben? über dieser äußeren Welt? Etwas, das nicht so kleinlich, so beschränkt, so hart, so vergänglich ist wie Alles das, was wir um uns her wahrnehmen? Das waren damals diese Fragen. Was sage ich «damals»! Sie machen uns heute zu schaffen wie den Menschen von damals; sie gehören zum Leben der Menschenseelen, wie Hunger und Durst zum Leben ihres Leibes gehören. Wir wissen alle, daß ein Leben, das bloß aus Arbeit, Essen und Trinken und etwas Vergnügen bestehen würde, etwas unendlich Ungenügendes und Unbefriedigendes wäre, und sehnen uns nach etwas, was dahinter und darüber steht. Wir wissen alle, daß die Welt, in der wir leben, eine Welt harter, unbegreiflicher Nöte und Leiden ist, und die Frage verzehrt uns: warum das Alles? gibt es einen Sinn des Lebens in dieser Welt? Hat es einen Wert, trotz dem Allen zu leben? Und wir wissen auch alle, und das bringt uns die schwersten Fragen, daß wir selber und die anderen Menschen an unendlich viel Not und Leid selber schuld sind dadurch, daß wir nicht sind, wie wir sein sollten. Gibt es überhaupt eine Not, wo wir nicht mehr sagen müßten: das ist Sünde! sondern das ist Schicksal? Müssen wir nicht am Ende sagen: unsere Sünde und Schuld ist das einzige große Leid unseres Lebens? Und wenn es so ist, wer wird uns von diesem lastenden Gewicht erlösen? wer wird uns freimachen? Wer löst uns dieses härteste Rätsel des Bösen in unserem Leben, in dieser Welt?

Diese brennenden Fragen alle sind eigentlich nichts Anderes als die Frage, ob es einen Gott gibt, ob Gott Wahrheit ist. Wenn es wahrhaftig einen Gott gibt, so muß er die Antwort sein auf alle diese Fragen. Oft kommt es nun vor, daß wir uns auf diese Fragen Antworten geben oder von Anderen geben lassen, die scheinen uns wohl rechte Antworten zu sein, aber sie sind es in Wirklichkeit nicht. Wir hören oder lesen etwas, wir gewöhnen uns etwas an, eine Ansicht, eine Meinung, aber sie halten nicht stand. Wenn ein starker Wind kommt, werden sie weggeweht. Wenn sie sich er|166proben sollten in unserem eigenen Leben, dann brechen sie zusammen, wir merken: das war nur so äußerlich, das habe ich nur so gelernt, so angenommen, aber nicht erlebt und erfahren. Die Fragen des Lebens, die großen Gottesfragen stehen wieder da, rätselhaft und schwer, schwieriger als je sogar. Das geht uns heute so, das ist schon den Menschen in allen Zeiten so gegangen. Solange es uns auch so geht, haben wir noch nicht erkannt und erlebt, daß Gott Wahrheit sei. Gott ist uns noch etwas Unsicheres, eine Vermutung, eine Wahrscheinlichkeit.

Der römische Hauptmann unter dem Kreuze Jesu — das wissen wir schon von ihm — kam aus den Fragen heraus zu einer Antwort. In jener Stunde lösten sich ihm die Schwierigkeiten und Zweifel. Das Unsichere, Tastende, Suchende verlor sich. Das Leben hörte für ihn auf, ein bloßes Probieren zu sein, hier ein wenig Arbeit, dort ein wenig Genuß, hier ein bißchen Sorge, dort ein bißchen Leichtsinn, Alles aufs Geratewohl ohne Plan und ohne Ziel. —Nicht mehr so! Er sah auf einmal hindurch durch all das Wie? und Warum? und Wohin?, das die Menschenseelen umklammert; es wurde ihm licht und leicht ums Herz. Die Unruhe, die die Menschen hin und her treibt, von diesem zu jenem, sie schwand, machte dem Anfang eines großen inneren Friedens Platz. Hat das Leben einen Sinn? o ja, und es ist tiefer, als man zuerst denkt, tiefer als das, was die meisten Menschen ausschließlich erfüllt, o ja, hinter, über diesem Leben liegt ein schönes, klar leuchtendes Ziel verborgen, und das ist unser Lebenszweck, diesem Ziel zuzuwandern. Warum das Leiden? Warum die Not? O, sie sind kein Zufall, kein Unrecht, keine brutale Gewalttat, die uns von einer finstern Schicksalsmacht zugefügt wurden, und wenn sie noch so schwer wären. Sie gehören auch zum Leben, zum wahrhaftigen Leben. Sie sind eine Wohltat, etwas Großes, Notwendiges, etwas Heiliges, Göttliches, wenn man es recht bedenkt! Und das Böse in den Menschenherzen und in den menschlichen Verhältnissen, die Schuld, die der Übel größtes ist?1 Müssen wir kleinlaut wer|167den und verstummen ihr gegenüber? Müssen wir glauben an das Böse als an etwas Ewiges, Unüberwindliches? O nie und nimmer! Es ist die allerklarste Gewißheit, daß die Schuld ein Schatten ist, der weichen muß. Es ist eine Sonne da, die höher und höher steigt, wer wollte da an die Nacht glauben? Es ist eine Macht in der Welt, die unbedingt stärker ist als alle menschliche Torheit und Bosheit, eine Macht, die Alles das gut machen kann und gut machen wird, was die Sünde angerichtet hat, — wer wollte da an die Kraft des Bösen glauben? Das sind Antworten, nicht wahr, Antworten auf all die schweren bangen Fragen, die das Menschenherz umklammern und oft zerreißen wollen. Nicht als ob jener heidnische Hauptmann sie alle so deutlich hätte aussprechen können, aber in dem großen Erlebnis, das er machte, waren alle diese Antworten enthalten, ohne daß er sie aussprechen konnte. Die Antwort war für ihn tausendmal klarer und sicherer, als was wir in unzähligen Büchern und Predigten zusammentragen mögen. Nicht eine Meinung, nicht eine Ansicht, nicht eine Überzeugung, nicht eine Idee war diese seine Antwort, sondern eine Wirklichkeit. Er war ihrer so sicher wie seines eigenen Lebens. Die Welt war ihm nicht mehr ein verworrener Knäuel von Traurigkeit und Leichtsinn, sein eigenes Leben nicht mehr ein irrendes verlorenes Stäublein. Er hatte die Ordnung, den Plan entdeckt, die in Allem sind, und für sich selber den Ort, wo er stehen, und die Richtung, in die er gehen mußte in dieser Ordnung. Mit einem Wort, er hatte erlebt und erfahren, daß Gott Wahrheit ist.

O meine Freunde, wir müssen nicht hin und her suchen und grübeln, probieren und uns sehnen, wenn die Schwierigkeiten und Rätsel der Welt und unseres Lebens uns bange machen. Wir dürfen nicht meinen, wir könnten mit ihnen fertig werden, indem wir irgend eine kleine Meinung oder Ansicht fassen: so, nun hab ichs, daß wir einen Standpunkt einnehmen, wie man etwa großartig sagt. Nur nicht jene kleinen Beruhigungen und Beschwich|168tigungen, wenn das Leben von allen Seiten auf uns eindringt und uns seine Fragen stellt. Da wird schließlich nur eines helfen: Es gibt einen Mittelpunkt der großen rätsel- und leidensvollen Welt, der auch der Mittelpunkt unseres eigenen kleinen Lebens ist. Und da müssen wir hingelangen.

Wer sich den Mittelpunkt zum Wohnsitz hat erkiest,
der sieht mit einem Blick, was in dem Umkreis ist!2

Alles Andere hilft uns nicht. Alles Andere lenkt uns bloß ab, es mag uns vorläufig befriedigen und beruhigen, nachher brechen die Wunden wieder auf. Wir müssen das Eine haben, in dem Alles ist, das Erlebnis, die Erfahrung, in der alle Antworten enthalten sind. Der Mittelpunkt ist Gott, der heilige, der lebendige Gott, der Gott der Liebe. Groß und gewaltig schwer steht die Frage mitten in deinem Leben drin, die Frage aller Fragen: hast du Gott? Ist dir Gott Wahrheit? Gibt es für dich einen Gott? Noch einmal: begnüge dich nicht mit einem schnellen Ja, das aus der Oberflächlichkeit stammt! Es ist durchaus nicht etwas Leichtes und Selbstverständliches, daß einem Gott zur Wahrheit wird. Das kleine Sätzlein: Gott ist! bedeutet eine Revolution, eine Umwälzung in einem Menschenleben. Licht, Kraft, Freudigkeit bedeutet das, Liebe und Wahrheit, Geist und Feuer, wenn es etwas Aufrichtiges, Echtes ist. Wir mögen daraus, ein jeder für sich, entnehmen, wie es mit unserem Glauben an Gott beschaffen ist.

Der Hauptmann unter dem Kreuz war in den Mittelpunkt gelangt. Gott war ihm Wahrheit geworden. Ihm war es zur höchsten, sichersten Gewißheit geworden: Gott ist!, nicht als ein Sätzlein, das man in der Schule lernt, das man sich angewöhnt, das man mit dem Verstande ergrübelt, sondern als etwas, was er vor sich sah. Er hatte eine Tatsache vor sich, die sah er an, und es wurde Ordnung in seinem Inneren, die sah er an, und es kam für ihn |169 Licht in die Welt und in sein Leben, die sah er an, und er sah die Wahrheit Gottes. Die Tatsache war Jesus, der leidende, der sterbende Jesus. Diese Tatsache führte ihn in den Mittelpunkt. Laßt uns nachdenken über diese große Erfahrung. Wir wissen nichts davon, daß jener römische Hauptmann Jesus schon vor seinem Todestage gekannt habe. Jedenfalls ist uns nichts davon überliefert. Er hat ihn nur leiden und sterben sehen. Er war wohl schon am Vormittag jenes düsteren Tages dabei, als Jesus verklagt wurde. Er hörte, worum es sich handle: Jesus sollte ein gemeingefährlicher Verbrecher sein, ein Empörer gegen Kaiser und Ordnung. Warum denn nicht? mochte er denken. Es war ja ganz natürlich, daß es immer wieder Menschen gab, die [sich] aus Eitelkeit und Selbstsucht gegen Recht und Gesetz auflehnten, selbstverständlich war Jesus auch so einer, mochte er denn die Früchte seines Tuns nun ernten! Da erlebte er mit Pilatus, seinem Vorgesetzten, die erste große Verwunderung. Sowie sie Jesus auch nur oberflächlich verhörten, mußten sie zur Erkenntnis kommen, diese klugen Römer: dieser Mann ist kein Verbrecher. Aber was ist er dann? Schon da fing etwas ganz Neues für sie an: ein Mensch, der sich nicht aus Selbstsucht oder Ehrgeiz, sondern aus Begeisterung für unsichtbare Dinge, aus Eifer, die Menschen zu heilen und zu retten, die Feindschaft seines ganzen Volkes zuzog und ruhig gefallen ließ. Ein Mensch, der nichts wollte für sich selbst und doch ruhig den Kampf aufnahm mit allen Gewalten der damaligen Welt, denen gegenüber er doch dastand wie ein Kind. Was für eine rätselhafte Gestalt! Was für eine Erscheinung aus einer anderen Welt! Was für ein Mensch! Mochte dem Römer nicht schon da eine leise innere Stimme sagen: es gibt etwas Anderes noch als all das Große, was ich bis jetzt kennengelernt habe! etwas, was vielleicht meine bisherige Einteilung der Welt, meine bisherige Anschauung vom Leben über den Haufen wirft, jedenfalls nicht zu ihr passen will. Da mitten drin in dieser Welt und in meinem Leben steht vor mir ein Mensch, der nicht nach Gold und nicht nach Macht und nicht nach Lust hungert wie wir Anderen alle, sondern dem einen ungeschriebenen Gesetz seines Inwendigen folgt und ohne alle Rück|170sicht bereit ist, dafür zu leiden und zu sterben. Was für eine Entdeckung! Was soll aus der Welt noch werden, wenn solche Dinge, von denen man sonst nur in den Büchern liest, wirklich vorkommen? Aber es wird wohl nicht weit her sein damit, der kleine Sonderling aus Galiläa wird wohl bald ein anderes Gesicht machen, wenn er sieht, daß es ernst wird. Das Menschliche wird wohl zum Vorschein kommen an ihm, wenn er nur zum Erwachen kommt in dieser harten Welt! Pilatus weicht dem Druck der öffentlichen Meinung, der schwachmütige Richter, und Jesus wird gegeißelt. Eine scheußliche, barbarische Strafe, gewiß schon damals von feineren Gemütern auch unter den Heiden als ein Verbrechen empfunden. Aber es war einmal so. Man tat das. Man hatte es immer getan. Wie wird sich der Mann aus Galiläa jetzt halten? Wird er winselnd zusammenbrechen und um Barmherzigkeit rufen? Nichts davon, er duldet, duldet schweigend. Wird er, in Haß und Grimm ausbrechend, seine Feinde und seine Peiniger verfluchen, sich Luft machen wenigstens in ohnmächtigem Zorn? Wie natürlich wäre das alles gewesen! Wie hätte das so gut gepaßt zu der Meinung, daß in jedem Menschen ein Tier verborgen ist, beim einen tief, beim anderen weniger tief verborgen, aber in jedem ein Tier: die Selbstsucht, die Leidenschaft, die Wut des Widerstandes — einmal muß es losbrechen! Welche Lust, auch beim besten Menschen einen Fehler, ein Laster auszugraben, triumphierend ausrufen zu können: seht da, er ist eben auch so, auch so wie wir alle, um kein Haar besser; es gibt nichts Neues unter der Sonne [vgl. Pred. 1,9].

Aber hier geschah von alledem nichts. Das Erwartete traf nicht ein. Weder Angst noch Wut zeigte sich in dem Verhalten Jesu. Das paßte nicht zu den Meinungen, die der Römer von der Welt und von den Menschen hatte. Aber es paßte freilich zu dem Anderen, zu dem Eindruck, den er schon vorher hatte, daß dieser Mann aus Galiläa unter einer anderen Ordnung stand als die übrige Welt. Jesus wurde gegeißelt, und der Römer stand dabei und verfolgte Alles mit aufmerksamem Blick und mußte sich wundern, wundern über das, was er sah. Vielleicht kam er wieder darüber hinweg, er mußte nun an Anderes denken. Das Todesurteil |171 wurde gesprochen über Jesus, und der Hauptmann mit seinen Leuten mußte es vollstrecken. Er tat es, vielleicht mit dem Gedanken: Schade um diesen außerordentlichen Schwärmer! Aber doch nur Schwärmer. Warum hatte er einen so queren, sonderbaren Kopf, warum wollte er gegen den Strom schwimmen, warum wollte er etwas Anderes, als was alle Welt wollte? Man kann die Welt nicht ändern. Wer ihr so rücksichtslos den Krieg erklärt, der muß sich darauf gefaßt machen, von ihr erdrückt zu werden. Und so wurde Jesus ans Kreuz geschlagen mit zwei Verbrechern. Aber der Anblick des Galiläers ließ den Hauptmann doch nicht los. Er mußte immer wieder hinsehen. Er mußte immer wieder nachdenken darüber: was geht jetzt in ihm vor, in dem Mann am Holz da in seiner Qual? Er mußte ihn vergleichen mit den Beiden links und rechts neben ihm, die seine Strafe teilten. Nein und abermals nein, zu denen gehörte er nicht. Das war ein schlimmer Irrtum, ihn in diese Gesellschaft zu bringen. Ein Irrtum [von der Art], wie sie freilich in dieser Welt vorkommen, in dieser Welt notwendig sind. Und so war er doch auch selber schuld an dem Irrtum, der Galiläer da, was brauchte er so anders zu sein, als die Welt nun einmal war? Aber immerhin ein Irrtum, ein furchtbarer Irrtum, das war klar. Es bohrte etwas in seinem Gewissen, indem er darüber nachdachte. Er verglich ihn mit seinen Feinden, die da am Kreuze vorbeigingen und den Gehängten lästerten und verspotteten. Pfui, was war das für eine Gesellschaft, wie machte sich in diesen Gesichtern die Selbstsucht, die Gemeinheit, die Leidenschaft breit! Und diese Menschen hatten den Mann am Kreuz da verklagen, erfolgreich verklagen dürfen?! Verkehrte Welt! Niedriges Gesindel, der Mann am Kreuz ist am kleinen Finger mehr wert als ihr alle miteinander. Er hätte sie verscheuchen mögen vom Platze weg, wenn es nicht eben gar so hohe Herren gewesen wären, denen man Rücksicht schuldig war. So verachtete er sie nur im Stillen. Aber da mußte er auf einmal an sich selbst heruntersehen: bin ich denn besser als sie? Gehöre ich nicht auch zu der Gesellschaft? Habe ich nicht selber in blindem Gehorsam die böse Tat ausgeführt? Wieder mußte er den Gekreuzigten an|172blicken: ja, das war ein anderer Mann als er: er konnte um Beute und Ruhmes willen fechten und dreinschlagen, wenn es sein mußte, der da konnte leiden um einer Wahrheit willen, die ihm gar nichts einbrachte. Was war mehr? Was war das Größere? Er, der Hauptmann, hatte zeitlebens Menschen gehorcht, im Guten und im Bösen —da sah er zum ersten Mal einen, der wirklich und wahrhaftig einem Anderen gehorchte. Noch wußte er nichts von diesem Anderen, er ahnte nur, er spürte nur, wie Jesus, der leidende, sterbende Jesus, innerlich mit gespanntem Ohr auf die Weisungen dieses Anderen lauschte, wie er [sich] mitten in seiner Qual, mit[ten] in den Wogen des Todes, die höher und höher um ihn rauschten, einem ungeheueren unsichtbaren Willen unterwarf, völlig unterwarf. Nichts von Auflehnung, nichts von Verzweiflung in seinen Zügen. Kampf ja, aber siegreicher Kampf, Kampf, der in Frieden und Ruhe ausmündete. Der Hauptmann sah und sah, Alles um ihn her schien ihm zu versinken vor dem Leuchten, das von den brechenden Augen dieses elenden Opfers am Kreuz ausging. Der Hauptmann schämte sich, und der Hauptmann bewunderte …!

Aber war er nicht dennoch und trotz Allem ein Schwärmer, der Galiläer? War es nicht trotz allem eine ungeheuere Einbildung, die er mit Recht büßen mußte? Das war ja doch gar nichts, was der gewollt und erstrebt hatte: Liebe, Frieden, Recht und Wahrheit! Nicht doch, die Welt ist Haß und Krieg, Unrecht und Lüge. Wer am gewalttätigsten und am durchtriebensten ist, der bringt es zu etwas in der Welt. Warum setzte der da sich darüber hinweg? Warum stellt er sich etwas vor, was gar nicht ist? Gott? ja, der Hauptmann hatte auch schon von Gott gehört, er glaubte wahrscheinlich auch an Gott und Götter. Aber was heißt das: er glaubte? Er hatte davon gehört, und er nahm es wohl auch an: es gibt so etwas, was man nicht recht verstehen kann, von dem man nicht so recht weiß, was es ist. Aber er glaubte doch nicht, daß es etwas Höheres gäbe als Geld und Macht und Lust. Der da aber glaubte daran! Nicht mit Worten, mit der Tat. Der Hauptmann hörte, wie Jesus betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, |173 was sie tun [Lk. 23,34]! Ein solches Wort in solcher Lage war kein Wort, sondern eine Tat. Jesus konnte beten für alle seine Feinde und Mörder, auch für ihn. O ja, er hatte es nötig, daß der da für ihn betete, mochte er gleich den Gott nicht kennen, zu dem er betete. Er dachte zurück an sein Leben, so manche Torheit und Gemeinheit hatte er begangen bis zum heutigen Tag, er fühlte sich auf einmal ergriffen von dem Gefühl einer ungeheueren Schuld, obwohl er kein besonders schlechter Mensch gewesen war. Vergib ihnen! ja Vergebung, wenn es das gäbe, Ablösung, Abwälzung, Befreiung, Neuanfang. Der da am Kreuze, der hatte keine solche Schuld zu tragen, darum konnte er für sie, für die schlechten, törichten Menschen beten: Vergib ihnen! O das war eine Tat, hinter der Wahrheit verborgen sein mußte, noch wußte er nicht wie, aber Einbildung konnte das nicht sein. Diese Liebe, diese unbegreifliche Vergebung, das war eine Tatsache. Spürte er sie nicht schon an sich selber? Fühlte er nicht in seinem Innersten etwas aufleuchten von einem großen, großen Glück, eben als der Mann aus Galiläa seine letzten Atemzüge tat? War es ihm nicht zu Mute wie einem, der an einem schönen Sommermorgen in aller Frühe aus [dem] Haus tritt, und der mit vollen Zügen die frische Luft des jungen Tages in sich aufnimmt? Ja, ein neuer Tag brach an, und etwas Altes, seine Schuld, sein Stolz, sein Eigenwille schienen langsam zurückzuweichen. Wie einseitig hatte er die Welt und das Leben bis jetzt angesehen! Wie hatte er das Böse, den Haß, die Lüge für notwendig, für ewig gehalten! Wie hatte er doch im tiefsten Grund gelitten unter dieser Lebensauffassung!

Nun sah er etwas Anderes: er sah Vertrauen, Güte, Liebe, Hingebung an ein unbekanntes Großes, sah Kraft und Heldentum im Leiden, sah die Macht des Gebetes, alles mit seinen eigenen Augen — und wie er das Alles sah, da wurde ihm auf einmal der Sinn des Wortes «Gott» klar. Er hatte es oft gehört und gebraucht, wie wir auch, aber er hatte nie gewußt, was das eigentlich sei, «Gott». Jetzt wußte ers: Gott ist alles das, was ich da bei diesem Jesus sehe: Gott ist die Liebe, Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Kraft. Jesus, der sterbende Jesus wurde ihm zu der |174 Tatsache, die ihm unwidersprechlich bezeugte: Gott ist! Die Revolution, die Umwälzung seines Lebens, von der wir gesprochen, sie hatte begonnen, seitdem er diesen Jesus hatte leiden und sterben sehen. Ein lebendiger, großer, heiliger Gott ist, kein Zweifel konnte mehr daran sein für ihn! Und wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen! Wir müssen dieses Wort ganz schlicht verstehen, wie es gemeint war. Der Hauptmann erkennt dort beide miteinander und ineinander: den Vater und den Sohn — Gott und seinen Helden, sein Werkzeug, seinen Boten an uns. Indem er Gott erkannte in jener größten Stunde seines Lebens, erkannte er auch Jesus als den, [den] Gott zu ihm und allen Menschen gesandt habe. Indem er Gott zum Herrn seines Lebens werden ließ, gelobte er dem, der ihn zu diesem Gott geführt, dem gekreuzigten Jesus aus Nazareth, bleibende Treue. Indem er sich Gott übergab, trat er in die Nachfolge Jesu ein.

Liebe Gemeinde, Gott muß Wahrheit werden in unserem Leben, in unserem äußeren und inwendigen Leben. Hört, wie der «Heide» dort unter dem Kreuze sein Bekenntnis spricht! Sind wir auch soweit wie dieser Heide? Was ist uns Gott? Was ist Gott den Vielen, die in diesen Tagen wieder zum Tisch des Herrn gehen? Was ist Gott unseren jungen Freunden, die heute nachmittag die Weihe ihres erwachsenen Christenlebens empfangen sollen? Ein Wort, ein Schein, ein Gedanke, eine Gewohnheit, oder ist er ihnen, uns allen Wahrheit — Wahrheit, deren wir so sicher sind wie unser selbst? O wenn er es uns noch nicht ist — und wem von uns wäre Gott schon Wahrheit, so wie ers sein soll? —, dann wollen auch wir zum Kreuze treten, wollen hinaufschauen voll Ehrfurcht zu dem Mann des großen Vertrauens, des großen Gehorsams, der großen welt- und todüberwindenden Liebe. Sind das nicht Tatsachen, was wir da sehen, Tatsachen, die reden? Nichts in der Welt redet uns deutlicher, machtvoller von Gott als das Kreuz Jesu. Hier ist die offene Pforte zu jenem Mittelpunkt. Wir wollen hindurchgehen, wir wollen uns durch den Sohn zum Vater führen lassen. Wir wollen im heiligen Abendmahl wieder in Gemeinschaft treten mit dem, der mit Gott so eins gewesen ist. |175 Verheißend ruft er es uns allen zu, uns Christen wie jenem Heiden, den Gläubigen wie den Ungläubigen, den Gerechten wie den Ungerechten: Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken [Mt. 11,28]!

Amen.

Sachfußnoten

1
Vgl. Fr. Schiller, Die Braut von Messina (1803), IV, 10 (Vers 2841f.) 📖:
Das Leben ist der Güter höchstes nicht,
Der Übel größtes aber ist die Schuld.
↩
2
Vgl. Angelus Silesius (= Johann Scheffler, 1624–1677), Cherubinischer Wandersmann II, 24 📖:
Wer sich den Mittelpunkt zum Wohnhaus hat erkiest,
Der sieht mit einem Blick, was in dem Umschweif ist.
↩