5. April 1914

Predigt: Matthäus 27,45-50

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Jesu Tod
Matthäus 27,45–50
Liebe Freunde!

Ist es möglich, daß Jesus wirklich und wahrhaftig das gebetet hat: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» So ist er also doch zuletzt versunken in den Abgrund von Trostlosigkeit, in den seine verblendeten Feinde ihn mit ihren Spottreden stoßen wollten? Er hatte es eingesehen: umsonst habe ich Gott vertraut! er erlöst mich nicht!? Es hat Leute gegeben, die haben in der Tat diesen Schluß aus diesen Worten gezogen, haben gesagt: seht da, er ist schließlich in Verzagtheit gestorben. Andere wieder, solche, die Jesus lieb hatten und die keine solche Schande auf ihn kommen lassen wollten, haben gesagt: Es ist ganz unmöglich, daß Jesus diese Worte gesprochen hat, es muß da dem Evangelisten ein Irrtum unterlaufen sein. Es gibt eine Handschrift des Neuen Testaments aus sehr alter Zeit, da lautet diese Stelle so: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich in Schmach gebracht?»1 Mit dieser kleinen Änderung wollte man das böse «du hast mich verlassen» hinwegräumen, das man im Munde Jesu so gar nicht begreifen konnte. In einer anderen alten christlichen Schrift, dem sogenannten Petrusevangelium, heißt es, Jesus habe gerufen: Meine Kraft, meine Kraft, warum hast du mich verlassen!2 Danach wäre also dieses merkwürdige Gebet Jesu in Wirklichkeit bloß ein Stoßseufzer gewesen, etwa mit dem Inhalt: ach, meine Kräfte sind zu Ende! So hat man schon kurze Zeit nach dem Tode Jesu in der christlichen Gemeinde Anstoß genommen an diesen Wor|152ten und versucht, den Anstoß zu beseitigen, indem man das Neue Testament ein wenig korrigiert hat. Und wieder Andere haben das damit versucht, daß sie gesagt haben, es sei Jesus nicht so ernst gewesen mit diesen Worten. Jesus habe da eine Redensart aus dem 22. Psalm [v. 2], gebraucht, die aber nicht wörtlich verstanden werden müsse, als ob er sich wirklich von Gott verlassen gefühlt habe, sondern etwa so, wie wenn unsereins in einer Lage danach ein Wort aus der Bibel oder aus dem Gesangbuch in den Mund nimmt.

Was sollen wir von all diesen Meinungen halten, wenn wir heute wieder vor dem Kreuze Jesu stehen und den Mann der Schmerzen zu uns reden lassen möchten? Das Letzte zuerst: nein, das war keine bloße Redensart, was Jesus da sagte. Wenn irgend etwas in der Leidensgeschichte Jesu tiefster Ernst ist, so ist es gerade dieses Wort. Wenn wir irgendetwas im Neuen Testament wörtlich verstehen müssen, dann gerade diese Stelle. Würden uns wohl die Evangelisten dieses Wort aufbewahrt haben, wenn es bloß aus dem Munde und nicht aus der Seele des sterbenden Jesus gekommen wäre? Es ist doch wohl kein Zufall, daß sie uns gerade bei diesem Wort auch den Wortlaut in der aramäischen Volkssprache, die Jesus redete, aufbehalten haben: Eli, Eli, lama asabthani? Das zeigt uns, daß es ihnen den tiefsten Eindruck machte, daß sie es als ein Wort von höchster Merkwürdigkeit und Wichtigkeit und nicht als eine bloße Redensart und fromme Phrase betrachteten. Und können wir uns überhaupt vorstellen, daß Jesus in jener Stunde, die zugleich die tiefste Tiefe und die höchste Höhe seines Lebens war, inhaltslose Phrasen gemacht haben sollte? Nein, dieses Gebet: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! das kam, wenn irgend eines, aus dem Innersten Jesu, und wir würden etwas vom Kostbarsten verlieren, wenn wir darauf verzichten wollten, durch dieses Wort heute hineinzublicken in dieses heilige Innerste Jesu.

Damit habe ich schon gesagt, daß ich überzeugt bin, daß Jesus dieses Wort wirklich gesprochen, und zwar so gesprochen hat, wie es dasteht. Jene frommen christlichen Schriftsteller, die daran Anstoß nahmen und die es darum meinten korrigieren zu müssen, |153 haben ihren Lesern damit keinen guten Dienst getan. Jesus hat nicht bloß geseufzt: meine Kräfte haben mich verlassen! — das ist eigentlich ein recht platter Gedanke —, und er hat auch nicht bloß gebetet: mein Gott, warum hast du mich so in Schmach gebracht?, sondern er hat wirklich und wahrhaftig Gott gefragt: warum hast du mich verlassen! Dieses Wort trägt den Stempel der Wahrheit an sich, gerade, weil es so auffallend und scheinbar so anstößig ist. Gerade weil es bald Menschen, die Jesus lieb hatten, anstößig wurde, haben es die Evangelisten sicher nicht erfunden. Sie haben uns mit diesem Wort etwas erhalten, was sicher schon ihnen selbst erstaunlich und befremdlich war. Sie haben es trotzdem aufgeschrieben und überliefert, einfach weil es wahr war: Jesus hatte das gesagt, geseufzt in seiner letzten Lebensstunde. Mit dieser Wahrheit müssen auch wir uns abfinden. Die Wahrheit richtet sich nicht nach unseren Wünschen. Wir müssen uns nach ihr richten.

Doch nun kommen jene Anderen und triumphieren und sagen: also, da haben wir es ja, er ist also doch an sich selbst und an Gott irregeworden, schwach und verzagt, er hat sich von Gott verlassen gefühlt, er ist in Angst und Verzweiflung gestorben. Mindestens ist dieses Wort ein dunkler Flecken auf seinem Bilde. Aber das sind törichte Reden; wer Jesus auch nur ein wenig kennt, der weiß, daß es ganz unmöglich ist, dieses Wort so aufzufassen. Sollte er in den letzten Augenblicken seines Lebens noch ein so ganz Anderer geworden sein, als er vorher war? Sollte es möglich sein, daß seine Jünger ihn hätten in Verzweiflung sterben sehen, um nachher seine begeisterten, freudigen, todesmutigen Zeugen vor aller Welt zu werden? Sollten so unzählige Dulder und Helden in allen Zeiten und Völkern hervorgegangen sein aus der Schule eines Mannes, der Gott treu geblieben, aber nur bis fast zuletzt, der vor Torschluß noch der Macht der Welt innerlich erlegen wäre? Das glaube, wer da kann und mag. Ein schlechter Baum kann nicht gute Früchte bringen [vgl. Mt. 7,18]. Der Geist und die Art, die unter dem Leitspruch steht: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben! [Apk. 2,10], |154 dieser weltüberwindende Geist des Evangeliums, der seit zweitausend Jahren eine Tatsache ist in unserer Welt, ist der Beweis dafür, daß Jesus an sich selbst und an Gott nicht irregeworden ist. Der Strom von Licht und Stärke, der von Jesus ausgegangen ist in die Welt und in die Herzen, hoffentlich auch in unsere Herzen, er macht es uns völlig unmöglich, so etwas anzunehmen.

Sondern wenn wir die Geschichte vom Tode Jesu recht betrachten und dabei auch die Erfahrung zu Rate ziehen, die unzählige Menschen unter seinem Kreuze haben machen dürfen, dann sehen wir, daß in diesem Wort nichts, aber auch gar nichts ist, dessen Jesus sich zu schämen hätte und das wir wohl gar noch bedauern und verschweigen müßten; im Gegenteil, wir fühlen dann gerade bei diesen Worten etwas von der unvergleichlichen Hoheit und Kraft, die in Jesus war, und wir erfahren gerade hier am stärksten die Erlösungs- und Versöhnungsmacht, die von Jesu Leiden und Sterben ausgeht auf unsere Seele, auf unser ganzes Leben. Wie töricht von uns, wenn wir hingehen und den Kopf schütteln wollten darüber, daß es mit Jesus so weit kam, daß wir ihn da so menschlich und schwach aus der Tiefe nach Gott rufen hören müssen. O wir wollen doch die Augen auftun und sehen, was das in Wirklichkeit bedeutet, sehen, wie Gott gerade in dieser grenzenlosen Verlassenheit seines Heiligen das Größte für uns Andere getan, wie gerade in dem erschütternden Bilde des aus der Tiefe zu Gott rufenden Heilands das Zeichen der Erlösung, der Freiheit, des wahrhaftigen ewigen Lebens für uns aufgerichtet ist.

Das ist wahr: befremden muß uns dieses Bild auf den ersten Anblick. Fragen müssen wir uns auch heute wieder und noch mehr als bei unserer letzten Passionsbetrachtung: wie war das möglich, wie konnte Gott das zulassen, daß Jesus nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, auch in seiner heiligen reinen Seele in so tiefe bittere Not geraten konnte? Warum hat Gott das getan oder zugelassen, daß Jesus so nach ihm rufen mußte? Ich sage auch heute wieder: diese Frage muß uns im Innersten ergreifen und beunruhigen. Aber gerade wenn sie uns so recht in der Seele |155 gebrannt hat, ist dann auch die Antwort ganz nahe bei der Hand. Wir wollen sie uns heute geben mit den Worten des Hebräerbriefes : «Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleid haben mit unseren Schwachheiten, sondern der versucht ist allethalben gleich wie wir» [Hebr. 4,15] … einen «der da kann mitfühlen mit denen, die da unwissend sind und irren, nachdem auch er selbst umgeben gewesen ist mit Schwachheit» [Hebr. 5,2]. Der Mann, der diese Worte geschrieben hat, hat gewiß nicht daran gedacht, jenes angsterfüllte Gebet Jesu aus den Evangelien wegzuwünschen oder ihm eine andere, weniger bittere und schmerzliche Bedeutung zu geben. Er hat vielmehr gerade darin etwas besonders Großes und Versöhnendes gesehen, daß Jesus nicht nur körperlich, sondern auch in seiner Seele so bitter und schmerzlich hat leiden müssen: er ist selbst umgeben gewesen mit Schwachheit, darum kann er mitfühlen mit uns, kann Mitleid haben mit unseren Schwachheiten! Ja, das ists. Gerade indem wir dort Jesus in so großer tiefer Not sehen, gerade damit kommt er in unsere Nähe, tritt er an unsere Seite. Wie wichtig und wertvoll muß uns doch das sein!

Wir redeten das letzte Mal von all dem Leid und all der Schmach, die sich um Jesus her aufhäuften an jenen Tagen. Und wir sahen damals: das Alles zeigt uns, nicht etwa daß Gott machtlos ist oder gar daß es keinen Gott gibt, sondern gerade, wie ungeheuer ernst es Gott ist mit uns, wie er sich unser annimmt mitten in all der Sünde und Not dieser Welt. Ja, diese Welt ist voll von unendlich viel Traurigem und Schlimmem, aber Gott ist gegenwärtig mitten in dieser Welt. Heute nun sehen wir noch viel mehr: Jesus steht in dem Allen drin wirklich wie unsereiner. Er leidet, er zagt und zittert, er ruft angstvoll aus der Tiefe nach Gott. Jesus blieb auch innerlich nicht ferne von dem, was wir in den Stürmen der Sünde und der Not empfinden, Jesus war kein Fabelwesen: er hat den Schmerz als Schmerz, die Angst als Angst, das Entsetzen als Entsetzen wirklich und wahrhaftig durchgemacht. Wir sehen ihn als unseren Bruder gerade in dem, was das Schwerste ist in unserem Leben: in unserer Schwachheit. Er kann mit|156fühlen mit uns und wir mit ihm, auch wenn wir in den höchsten Nöten sind, wenn wir uns ganz verlassen und elend fühlen. Auf jeder Stufe von Traurigkeit, ja von Verzweiflung, auf die wir im Leben kommen mögen, können wir uns sagen: da ist Jesus auch einmal gewesen. Auf den bösesten, sauersten Wegen, die wir in unseren Erdentagen durchwandern müssen, können wir uns, wenn kein Trost uns mehr trösten mag, sagen: da ist Jesus auch vorbeigekommen, da sind seine Fußspuren. Und das muß uns ein mächtiges Zutrauen zu Gott erwecken. Wir müssen uns gestehen, wenn wir Jesus ansehen in seinem Gefühl der grenzenlosen Verlassenheit: Also! der Glaube und die Liebe sind nicht nur Dinge für die schönen heiteren Tage, für die Zeiten, wo wir frohen Mutes zur Kirche gehen, freudigen Herzens zu Gott beten mögen, nein, auch für die Zeiten, wo wir uns allein fühlen, fern von Gott. Jesus hat solche Zeiten auch gekannt. Und nie war ihm ja Gott näher, als da er sich so allein fühlte. So wird mir Gott wohl auch nahe sein, wenn ich mich verlassen, von ihm verlassen fühle.

Wenn ich auch gar nichts fühle
Von deiner Macht,
Du bringst mich doch zum Ziele
Auch durch die Nacht!3

Wunderbar: die Gottverlassenheit, die dort Jesu Seele umnachtete, muß uns der Grund werden zu der notwendigsten Gewißheit, die wir für unser Leben brauchen, zu der Gewißheit: Gott ist gegenwärtig!

Doch wir wollen versuchen, etwas tiefer hineinzusehen in das Geheimnis jenes Gebetes Jesu. Wenn uns das gelingt, werden wir einsehen, daß gerade der Jesus, der so gebetet, zu unserem Befremden so gebetet hat, unser Erlöser ist. Was hat er denn gemeint mit diesem Seufzer aus tiefster Seele: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wir müssen zurückblicken nach Gethsemane, wenn wir das verstehen wollen. Der Kampf, auf den sich Jesus |157 dort vorbereitet hatte, der war nun da. Die Fragen, die ihn dort im voraus so bitteres Leid gekostet, die kehrten nun wieder mit erneuter gewaltiger Macht. Nicht das körperliche, äußerliche Leid war die schwere Wolke, die ihm Gott verhüllte. Die Schmerzen des Körpers, die Jesus am Kreuze litt, mögen uns das Furchtbarste scheinen, für ihn waren sie es nicht. Auch die Schmach, die ihm zugefügt war mit der ungerechten Verurteilung und mit der entehrenden Verbrecherstrafe war es nicht, was ihn in solche Seelennot brachte. Diese Dinge an und für sich, so entsetzlich sie waren, waren doch Mückenstiche, die Jesus nicht zu diesem Gebet getrieben hätten. Das, was ihn dazu trieb, das war das Bewußtsein, daß sein Lebenswerk, das ein Lebenswerk für Gott gewesen, nun zertrümmert sei. Jesus hatte sich mit seiner ganzen Person und Kraft eingesetzt für die Aufgabe, die Menschen zu überzeugen von der Wahrheit einer unsichtbaren Tatsache in ihrem Leben, von der Wahrheit Gottes. Die Ruhe des lebendigen Gottes, das war es, wovon er selbst lebte, was seine Freude und seine Stärke, die Quelle und das Ziel seiner Seele war. Diesen lebendigen Gott wollte er auch vor die Seelen der Anderen stellen, wollte sie überzeugen: «Ihr seid Gottes Kinder, Kinder der Liebe, Kinder der Wahrheit, Kinder des Lichtes, der ewigen Ordnung. Er, der das alles ist, liebt euch, sehnt sich nach euch, kehrt heim zu ihm aus der Fremde, er wartet auf euch mit offenen Armen! Werdet gewahr, was ihr eigentlich seid, wie herrlich schön euer Vaterhaus ist, wie gut ihr es haben könntet! Gebt ihm die Ehre in eurem Denken und Reden, in eurem Tun und Leben, ihm, dem lebendigen Gott und Vater! Werft das Unnatürliche, Künstliche weg aus eurer Seele, fühlt euch von heute an als das, was ihr seid, so seid ihr frei von Schuld und Sünde und Not!» Das war das Lebenswerk Jesu, daß er diese Botschaft den Anderen brachte, immer wieder, unermüdlich immer wieder brachte, nicht sich irremachen ließ durch Widerspruch und Mißverständnis, durch Spott und Feindschaft. Das war die Heldentat Jesu, daß er so dieser Botschaft gelebt hatte.

Wie stand er nun heute da damit? Nun stand er ganz allein mit |158 seiner Botschaft. Die Menschen konnten sie nicht fassen, ihr nicht wahrhaft Gehör schenken, sie wollten nichts von ihr wissen; das bewiesen sie ja klar damit, daß sie ihn verließen, verrieten, verurteilten, ans Kreuz schlugen. Nicht die äußeren Taten und Vorgänge waren schlimm an alledem, sondern das, daß sie ein Zeichen waren von ihrer Unfähigkeit und Unwilligkeit, das Wort vom lebendigen Gott aufzunehmen. Alles ging unter in der unaufhaltsam vordringenden, Alles verhüllenden Dämmerung und Nacht ihrer Torheit und Bosheit. Nur Eines war ganz klar: sie dachten nicht daran, seiner Einladung Folge zu leisten, sie nahmen es nicht auf, was er ihnen versicherte: ihr seid Gottes Kinder! Sie brachten es im besten Fall bis zu einer gewissen bürgerlichen Bravheit und Rechtschaffenheit, die leben und leben lassen will, aber die bessere Gerechtigkeit des Herzens, die im Himmelreich gilt, war und blieb ihnen spanisch. Sie wollten wohl gelten lassen eine gewisse tierische Gutmütigkeit gegenüber den Allernächsten, mit denen man schon um des eigenen Vorteils, der eigenen Behaglichkeit willen auf gutem Fuß leben muß, sie wollten aber nichts wissen von dem Strom der Liebe, der alle Bedenken, alle knorzige Selbstsucht, allen Neid und alle noch so berechtigten Abneigungen und Feindschaften einfach überströmt und hinwegschwemmt; nichts da! sie wollten an sich zuerst denken, und sie wollten hassen dürfen. Sie waren wohl bereit, zu hoffen, daß es ihnen immer gut gehen werde, sie glaubten sogar, ein besonderes Recht zu haben, vom lieben Gott allerlei Gutes zu erwarten, sie konnten aber nicht an das Reich Gottes glauben, an die Herrschaft der Wahrheit und des Rechtes in den Herzen und in den Verhältnissen. Das waren ihnen törichte Luftschlösser, sie waren viel zu klug, um so etwas für möglich zu halten.

Und als der kühne Glaube Jesu an all das, woran sie nicht glauben konnten und wollten, als er anfing, sie zu beunruhigen, sie aus dem Schlaf zu wecken immer wieder und immer wieder, da fingen sie an, ihn zu plagen und zu verfolgen, da schritten sie schließlich dazu, seinen Untergang herbeizuführen. Und Keiner von Allen dachte anders, keine Minderheit trat ihnen entgegen, |159 um sie anderen Sinnes zu machen, nichts regte sich in ihren eigenen Herzen zugunsten der Wahrheit. Einmütig und geschlossen taten sie Alle dasselbe, sie Alle von Judas, der ihn verriet, und Petrus, der ihn verleugnete, bis zu Kaiphas, der ihn verurteilte, und Pilatus, der ihn preisgab. Sie Alle sagten einmütig: Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche [Lk. 19,14]! Wer «dieser»? Der lebendige Gott! Jesus hatte ihn vor ihre Seele gestellt, sie aber stießen ihn zurück. Sie wollten die Last ihrer Schuld und Sünde und Not weiterschleppen und immer größer werden lassen. Sie wollten steckenbleiben in gottwidriger Gesinnung und in gottwidrigen Verhältnissen. Sie zogen das Künstliche, Unnatürliche, Gemachte dem einfachen, selbstverständlichen Weg zum Vater vor. Sie wollten sich nicht erkennen als die Kinder des Vaters. Jesus stand allein, ganz allein da mit seiner Botschaft. Einsam war er einst ausgezogen, aber voll Freudigkeit und Wagemut, voll Gottesfrieden und Gottestrotz. Einsam mußte er nun nach Allem, was geschehen war, wieder dastehen, aber einsam diesmal voll Enttäuschung und gebrochenen Hoffnungen, voll Unruhe und Zweifel. Indem sie Jesus kreuzigten, stießen sie ihn in diese Einsamkeit hinein, sein Lebenswerk war zertrümmert, er war umsonst dagewesen. Das war das, was schwerer war als alle leiblichen Qualen, als alle Schmach und Schande! In Gethsemane schon hatte er gefleht um einen anderen Ausgang: mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir! [Mt. 26,39], es war ein Aufflammen der Hoffnung: Gott kann es nicht dahin, nicht bis zu dieser grenzenlosen Einsamkeit für mich kommen [lassen]. Nun am Kreuze, in der Stunde der höchsten äußersten Not noch einmal dieses Aufflammen, bitter diesmal, verzagt und verzweifelt: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! soll ich wirklich und wahrhaftig so zu Grunde gehen, ohne daß du mich hörst und dich meiner annimmst? Von den Menschen war Jesus verlassen in Gethsemane und auf Golgatha. Nur von den Menschen.

Aber, meine Freunde, wer von den Menschen so verlassen ist, wie dort Jesus, der fühlt sich auch von Gott verlassen. Wir fühlen uns ja auch manchmal einsam und verlassen, nicht wahr, aber wie |160 ganz anders ist doch unsere Lage, wieviel weniger schwer und bitter, wenn sie uns auch noch so schwer scheinen mag! Bei uns ist es doch immer ein gutes Teil eigene Schuld und ihre Strafe, was wir in solchen Stunden erfahren, und wenn wir dann auf dem rechten Wege sind, so sind wir vollauf beschäftigt mit Reue und Umkehr, wir haben mehr Anlaß als je, an Gott zu glauben und uns an ihn zu halten. Gerade weil bei uns unsere Sünde zum guten Teil Grund unserer Einsamkeit ist, gerade darum kann sie uns nicht so entsetzlich schwer fallen. Gott offenbart sich uns dann wenigstens in unserem bösen Gewissen, wir können uns nicht so allein fühlen, weil wir uns aufrichtigerweise gestehen müssen, wie wir dazu gekommen sind, einsam zu sein. Anders bei Jesus: Er war von den Menschen nicht verlassen und verstoßen um seiner Fehler willen: er konnte es sich nicht erklären und eingestehen, wie es mit ihm dahin gekommen war, daß Alle gegen ihn waren, Alle ihn haßten oder doch verließen. Er hatte für das alles nur den einen Grund: daß er so für Gott gelebt und gekämpft hatte. Den lebendigen Gott stießen die Menschen von sich, nicht einen Menschen mit seinen Fehlern. Nicht ihn verwarfen sie, sondern den, der ihn gesandt hatte. Wir denken auf den ersten Blick, das hätte für Jesus ein Trost, eine Beruhigung sein müssen. Einsam sein mit Gott, einsam mit ihm, dem Ewigen, gegen die ganze Welt, ist das nicht etwas Gewaltiges, Herrliches? Warum hat sich Jesus nicht gefreut über diese stolze Einsamkeit? Warum hat er sich nicht verschlossen in Ruhe und Trotz, wenn er doch wußte, daß Gott auf seiner Seite stand? Warum hat er dem unmöglichen Gedanken Raum gegeben, daß Gott ihn preisgegeben habe?

O meine Freunde, da kennen wir Jesus schlecht, und da kennen wir Gott schlecht, wenn wir so fragen! Wir wissen es von den alten Propheten, wie furchtbar sie gerade darunter gelitten haben, mit Gott allein sein zu müssen, unverstanden, verfolgt unter einem unreifen, halsstarrigen Volk. Nicht das war das Schwere an ihrem Los, daß man sie nicht verstand, sie verfolgte, aber daß sie spüren mußten: Gott wird verworfen von den Leuten, daß sie allein sein mußten mit ihrer besseren Einsicht, überall abgewiesen, |161 verlacht, unterdrückt. So war es bei Jesus: wie gut kannte er Gott, wie tief war er eingedrungen in sein Wesen, wie fühlte er sich umfaßt und gehalten von ihm, der die ewige Liebe ist! Aber, sollten wirs denken, gerade das wurde ihm dort zur höchsten Qual, gerade das: erfüllt sein von der Liebe Gottes wie von einem quellenden, überfließenden Wasserstrom und doch einsam sein zu müssen damit, nichts abgeben zu können von dem Überfluß, nicht schenken zu dürfen von dem Reichtum, den er unermeßlich in sich fühlte, überall, überall mißverstanden und abgelehnt zu werden. O es war nicht das kläglich kleine Gefühlchen, das unsereins manchmal erfüllt: man versteht mich nicht, man will nichts von mir!, was Jesus dort bewegte. Nein, es handelte sich für ihn nicht um seine Person. Um das ewige Leben handelte es sich für ihn, um das Himmelreich, das er zu vergeben hatte, und das er niemandem geben konnte, weil niemand es wollte. Das war die große Seelennot Jesu: Soll ich nun sterben müssen, ohne gegeben zu haben, was ich zu geben habe? Soll ich nun wirklich umsonst und nur für mich so reich sein? Seht, was für ein Wunder der göttlichen Liebe sich uns da auftut! Jesus konnte sich nicht damit zufriedengeben, für seine Person im Frieden mit Gott, im Bewußtsein seiner beseligenden Nähe zu sterben. So mancher fromme Christ hätte das an seiner Stelle ruhig getan. «Wenn ich ihn nur habe, wenn er mein nur ist!»4

Jesus dachte ganz anders. Gott denkt ganz anders. Die große Gottesliebe, von der Jesus erfüllt war, sie ist nicht so beschaffen, daß sie strömen und wirken kann oder auch nicht. So steht es mit uns, mit unserer menschlichen Liebe. Wir können lieben oder auch nicht. Wenn man uns abweist oder zurückstößt, dann lieben wir eben nicht mehr, dann beruhigen wir uns rasch: wenn du nicht willst, so ists auch gut! Ein Mensch, der von der Gottesliebe erfüllt ist, wie Jesus es war, der kann sich dabei nicht beruhigen. Er kann sich nicht befriedigen bei dem Gedanken: ich |162 habe ja Gott! wenn die Anderen ihn nicht wollen, so ist das ihre Sache. Sondern wenn er spürt, ich werde mißverstanden, zurückgewiesen, immer wieder, dann wird ihm das, was ihm die höchste Freude war, zur höchsten Qual. Einsam soll ich Gott haben, einsam mich seiner getrösten, sein genießen? Nein, das ist unmöglich, das kann nicht mehr Gott sein, was ich da habe. Gott ist ja die Liebe, und Liebe und Einsamkeit verträgt sich doch nicht. Liebe sucht immer und ewig die Anderen, Liebe sucht die Menschen, um ihnen den Strom ihres eigenen Lebens mitzuteilen. Wenn sie sie nicht findet oder wenn sich die Menschen sperren gegen sie — dann, ja was soll dann die Liebe anderes tun als sterben? wie kann ich dann noch sagen: ich habe Gott? ich weiß doch von keinem anderen Gott als von dem, der mich heißt zu den Leuten zu gehen und sie lieb zu haben. Wenn ich aber das nicht mehr kann? Dann kommt der höchste, der entsetzlichste Zweifel über mich: muß ich nicht denken, Gott hat mich verlassen, wenn ich nicht mehr tun kann, was ich tun muß in seinem Dienst? Wunder der göttlichen Liebe! Nicht aus Mangel, sondern aus übergroßem Reichtum an ewigem Leben seufzt und betet Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! Nicht darum fühlt er sich von Gott verlassen, nicht darum ist er verzagt und verzweifelt, weil er von Gott, dem er getraut und dem er gedient sein Leben lang, nichts mehr wüßte. Nein, er kennt ihn nur zu gut, aber er fühlt sich so entsetzlich allein mit Gott, er möchte irre werden an Gott, weil er den Menschen Gott nicht mitteilen kann. Könnten wir uns ein deutlicheres, herrlicheres Bild unseres Erlösers wünschen, meine Freunde, als dieses Bild Jesu im Gefühl der Gottverlassenheit?

Seht, da leidet und stirbt er, Jesus von Nazareth, der Heiland der Welt. Worunter leidet er? Unter der Gottesfremdheit der Menschen. Die Not der Menschen, die ohne den lebendigen Gott, ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Hoffnung dahinleben, sie verbrennt ihm die Seele. Er empfindet sie wie seine eigene Not. Während sie ihre Wege gehen, unbekümmert, sorglos, stolz sogar auf ihre Art, leidet er für sie, an ihrer Stelle. Er, der so reich |163 ist in Gott, weiß nichts mehr von diesem Reichtum, nein: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe,
Der gute Hirte leidet für die Schafe,
Die Schuld bezahlt der Herr und der Gerechte
für seine Knechte!5

Was hat uns dieses Bild Jesu in der Gottverlassenheit zu sagen, meine Freunde? O wir wissen nun schon: Gott war Jesus nie näher als in der Stunde, wo er sich von Gott verlassen fühlte. Als er so bitter litt unter seiner Einsamkeit, als er irrewerden wollte an Gott, weil es ihm nicht gelingen wollte, Gott den Menschen zu zeigen, da, gerade da, war Gott am stärksten in ihm. Wieder blicken wir zurück nach Gethsemane: der hier seufzte: warum hast du mich verlassen? war derselbe, der dort betete: nicht wie ich will, sondern wie du willst [Mt. 26,39]! Ja, nun geschah Gottes Wille. Indem Jesus sein Lebenswerk zertrümmert zu sehen meinte, wurde es vollendet. Indem er meinte: jetzt verfällt das Wort vom lebendigen Gott, hatte er es durch sein Kreuz aufs gewaltigste gepredigt. Die Botschaft, der Jesus sein Leben geweiht hatte, ist hier aus Worten endgültig zur Kraft geworden, zu einer Kraft, die immer mehr Menschen berührt und gewonnen hat. Wollen wir uns nicht auch berühren und gewinnen lassen durch diese Kraft, meine Freunde? Seht, auch für uns ist Jesus einsam gewesen. So wollen wir ihn nicht länger einsam lassen, sondern uns beschenken lassen aus dem Reichtum seines Lebens. Gott sei Dank, der uns in seinem bitteren Leiden diese Quelle erschlossen hat.

Amen.

Sachfußnoten

1
An der Parallelstelle Mk. 15,34 lesen der Codex Bezae Cantabrigiensis (6. Jh.), die altlateinischen Handschriften c (12. Jh.), i (7. Jh.) und k (4./5. Jh.) sowie Porphyrius (um 400) ὠνείδισας statt ἐγκατέλιπες.↩
2
Evangelium sec. Petrum V, 19: ἡ δύναμίς μου, ἡ δύναμίς (μου), κατέλειψάς με. Vgl. K. Aland, Synopsis Quattuor Evangeliorum, Stuttgart 19674, p. 489. 📖 ↩
3
Vgl. Predigt 205 vom 8. Februar 1914, Anm. 2, S. 69.↩
4
Anfang des Liedes 250 von Fr. von Hardenberg 🎵 (Novalis) (1772–1801).↩
5
Lied 111: «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen», von J. Heermann (1585–1647), Strophe 3 (EKG 60 Strophe 4) 🎵.↩