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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 27,45-50</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 27,45-50, 5. April 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 151–163.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5016</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 27,45-50</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 151-163</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 212</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 27,45-50, 5. April 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1654">KBA 1190</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-04-05">5. April 1914</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-04-05">5. April 1914</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.45 Mt.27.50">Matthäus 27,45–50</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <argument>
            <ab>
              <hi rend="italic">Jesu Tod</hi>
            </ab>
          </argument>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Ist es möglich, daß Jesus wirklich und wahrhaftig das gebetet hat: «<hi rend="italic">Mein
                  Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?</hi>» So ist er also doch zuletzt
               versunken in den Abgrund von Trostlosigkeit, in den seine verblendeten Feinde ihn mit
               ihren Spottreden stoßen wollten? Er hatte es eingesehen: umsonst habe ich Gott
               vertraut! er erlöst mich nicht!? Es hat Leute gegeben, die haben in der Tat diesen
               Schluß aus diesen Worten gezogen, haben gesagt: seht da, er ist schließlich in
               Verzagtheit gestorben. Andere wieder, solche, die Jesus lieb hatten und die keine
               solche Schande auf ihn kommen lassen wollten, haben gesagt: Es ist ganz unmöglich,
               daß Jesus diese Worte gesprochen hat, es muß da dem Evangelisten ein Irrtum
               unterlaufen sein. Es gibt eine Handschrift des Neuen Testaments aus sehr alter Zeit,
               da lautet diese Stelle so: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich in Schmach
                  gebracht?»<note xml:id="n01">An der Parallelstelle 
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.34">Mk. 15,34</ref> lesen der Codex Bezae Cantabrigiensis (6.
                  Jh.), die altlateinischen Handschriften c (12. Jh.), i (7. Jh.) und k (4./5. Jh.)
                  sowie <persName ref="kbga-actors-8780">Porphyrius</persName> (um 400) <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὠνείδισας</foreign>
                  statt <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐγκατέλιπες</foreign>.</note> Mit dieser
               kleinen Änderung wollte man das böse «du hast mich verlassen» hinwegräumen, das man
               im Munde Jesu so gar nicht begreifen konnte. In einer anderen alten christlichen
               Schrift, dem sogenannten Petrusevangelium, heißt es, Jesus habe gerufen: Meine Kraft,
               meine Kraft, warum hast du mich verlassen!<note xml:id="n02">
                            Evangelium sec. Petrum
                 V, 19: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἡ δύναμίς μου, ἡ δύναμίς
                   (μου), κατέλειψάς με</foreign>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1542">
                                K. Aland, <hi rend="italic">Synopsis Quattuor
                           Evangeliorum</hi>, Stuttgart 1967<hi rend="sup">4</hi>, p. 489.</bibl>
               </note> Danach wäre also dieses merkwürdige Gebet Jesu in Wirklichkeit bloß ein
               Stoßseufzer gewesen, etwa mit dem Inhalt: ach, meine Kräfte sind zu Ende! So hat man
               schon kurze Zeit nach dem Tode Jesu in der christlichen Gemeinde Anstoß genommen an
               diesen Wor<pb xml:id="p152" ed="pga" break="no"/>ten und versucht, den Anstoß zu beseitigen, indem man das Neue Testament ein wenig
               korrigiert hat. Und wieder Andere haben das damit versucht, daß sie gesagt haben, es
               sei Jesus nicht so ernst gewesen mit diesen Worten. Jesus habe da eine Redensart aus
               dem 22. Psalm [v. 2], gebraucht, die aber nicht wörtlich verstanden werden müsse, als
               ob er sich wirklich von Gott verlassen gefühlt habe, sondern etwa so, wie wenn
               unsereins in einer Lage danach ein Wort aus der Bibel oder aus dem Gesangbuch in den
               Mund nimmt.</p>
        <p>Was sollen wir von all diesen Meinungen halten, wenn wir heute wieder vor dem Kreuze
               Jesu stehen und den Mann der Schmerzen zu uns reden lassen möchten? Das Letzte
               zuerst: nein, das war <hi rend="italic">keine bloße Redensart</hi>, was Jesus da sagte.
               Wenn irgend etwas in der Leidensgeschichte Jesu tiefster Ernst ist, so ist es gerade
               dieses Wort. Wenn wir irgendetwas im Neuen Testament wörtlich verstehen müssen, dann
               gerade diese Stelle. Würden uns wohl die Evangelisten dieses Wort aufbewahrt haben,
               wenn es bloß aus dem Munde und nicht aus der Seele des sterbenden Jesus gekommen
               wäre? Es ist doch wohl kein Zufall, daß sie uns gerade bei diesem Wort auch den
               Wortlaut in der aramäischen Volkssprache, die Jesus redete, aufbehalten haben: Eli,
               Eli, lama asabthani? Das zeigt uns, daß es ihnen den tiefsten Eindruck machte, daß
               sie es als ein Wort von höchster Merkwürdigkeit und Wichtigkeit und nicht als eine
               bloße Redensart und fromme Phrase betrachteten. Und können wir uns überhaupt
               vorstellen, daß Jesus in jener Stunde, die zugleich die tiefste Tiefe und die höchste
               Höhe seines Lebens war, inhaltslose Phrasen gemacht haben sollte? Nein, dieses Gebet:
               Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! das kam, wenn irgend eines, aus
               dem Innersten Jesu, und wir würden etwas vom Kostbarsten verlieren, wenn wir darauf
               verzichten wollten, durch dieses Wort heute hineinzublicken in dieses heilige
               Innerste Jesu.</p>
        <p>Damit habe ich schon gesagt, daß ich überzeugt bin, daß Jesus dieses Wort <hi rend="italic">wirklich gesprochen</hi>, und zwar so gesprochen hat, wie es dasteht.
               Jene frommen christlichen Schriftsteller, die daran Anstoß nahmen und die es darum
               meinten korrigieren zu müssen,
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                haben ihren Lesern damit keinen guten Dienst getan. Jesus hat nicht bloß geseufzt:
               meine Kräfte haben mich verlassen! — das ist eigentlich ein recht platter Gedanke —,
               und er hat auch nicht bloß gebetet: mein Gott, warum hast du mich so in Schmach
               gebracht?, sondern er hat wirklich und wahrhaftig Gott gefragt: warum hast du mich
               verlassen! Dieses Wort trägt den Stempel der Wahrheit an sich, gerade, weil es so
               auffallend und scheinbar so anstößig ist. Gerade weil es bald Menschen, die Jesus
               lieb hatten, anstößig wurde, haben es die Evangelisten sicher nicht erfunden. Sie
               haben uns mit diesem Wort etwas erhalten, was sicher schon ihnen selbst erstaunlich
               und befremdlich war. Sie haben es trotzdem aufgeschrieben und überliefert, einfach
               weil es wahr war: Jesus hatte das gesagt, geseufzt in seiner letzten Lebensstunde.
               Mit dieser Wahrheit müssen auch wir uns abfinden. Die Wahrheit richtet sich nicht
               nach unseren Wünschen. Wir müssen uns nach ihr richten.</p>
        <p>Doch nun kommen jene Anderen und triumphieren und sagen: also, da haben wir es ja, er
               ist also doch an sich selbst und an Gott <hi rend="italic">irregeworden</hi>, schwach und
               verzagt, er hat sich von Gott verlassen gefühlt, er ist in Angst und Verzweiflung
               gestorben. Mindestens ist dieses Wort ein dunkler Flecken auf seinem Bilde. Aber das
               sind törichte Reden; wer Jesus auch nur ein wenig kennt, der weiß, daß es ganz
               unmöglich ist, dieses Wort so aufzufassen. Sollte er in den letzten Augenblicken
               seines Lebens noch ein so ganz Anderer geworden sein, als er vorher war? Sollte es
               möglich sein, daß seine Jünger ihn hätten in Verzweiflung sterben sehen, um nachher
               seine begeisterten, freudigen, todesmutigen Zeugen vor aller Welt zu werden? Sollten
               so unzählige Dulder und Helden in allen Zeiten und Völkern hervorgegangen sein aus
               der Schule eines Mannes, der Gott treu geblieben, aber nur bis fast zuletzt, der vor
               Torschluß noch der Macht der Welt innerlich erlegen wäre? Das glaube, wer da kann und
               mag. Ein schlechter Baum kann nicht gute Früchte bringen 
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.18">Mt. 7,18</ref>]. Der Geist und die Art, die unter
               dem Leitspruch steht: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens
               geben! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.2.10">Apk. 2,10</ref>],
               <pb xml:id="p154" ed="pga"/>
                dieser weltüberwindende Geist des Evangeliums, der seit zweitausend Jahren eine
               Tatsache ist in unserer Welt, ist der Beweis dafür, daß Jesus an sich selbst und an
               Gott nicht irregeworden ist. Der Strom von Licht und Stärke, der von Jesus
               ausgegangen ist in die Welt und in die Herzen, hoffentlich auch in unsere Herzen, er
               macht es uns völlig unmöglich, so etwas anzunehmen.</p>
        <p>Sondern wenn wir die Geschichte vom Tode Jesu recht betrachten und dabei auch die
               Erfahrung zu Rate ziehen, die unzählige Menschen unter seinem Kreuze haben machen
               dürfen, dann sehen wir, daß in diesem Wort nichts, aber auch gar nichts ist, dessen
               Jesus sich zu schämen hätte und das wir wohl gar noch bedauern und verschweigen
               müßten; im Gegenteil, wir fühlen dann gerade bei diesen Worten etwas von der
               unvergleichlichen Hoheit und Kraft, die in Jesus war, und wir erfahren gerade hier am
               stärksten die Erlösungs- und Versöhnungsmacht, die von Jesu Leiden und Sterben
               ausgeht auf unsere Seele, auf unser ganzes Leben. Wie töricht von uns, wenn wir
               hingehen und den Kopf schütteln wollten darüber, daß es mit Jesus so weit kam, daß
               wir ihn da so menschlich und schwach aus der Tiefe nach Gott rufen hören müssen. O
               wir wollen doch die Augen auftun und sehen, was das in Wirklichkeit bedeutet, sehen,
               wie Gott gerade in dieser grenzenlosen Verlassenheit seines Heiligen das Größte für
               uns Andere getan, wie gerade in dem erschütternden Bilde des aus der Tiefe zu Gott
               rufenden Heilands das Zeichen der Erlösung, der Freiheit, des wahrhaftigen ewigen
               Lebens für uns aufgerichtet ist.</p>
        <p>Das ist wahr: <hi rend="italic">befremden</hi> muß uns dieses Bild auf den ersten Anblick.
               Fragen müssen wir uns auch heute wieder und noch mehr als bei unserer letzten
               Passionsbetrachtung: wie war das möglich, wie konnte Gott das zulassen, daß Jesus
               nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, auch in seiner heiligen reinen Seele in
               so tiefe bittere Not geraten konnte? Warum hat Gott das getan oder zugelassen, daß
               Jesus so nach ihm rufen mußte? Ich sage auch heute wieder: diese Frage muß uns im
               Innersten ergreifen und beunruhigen. Aber gerade wenn sie uns so recht in der Seele
               <pb xml:id="p155" ed="pga"/>
                gebrannt hat, ist dann auch die <hi rend="italic">Antwort</hi> ganz nahe bei der Hand.
               Wir wollen sie uns heute geben mit den Worten des Hebräerbriefes : «Wir haben nicht
               einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleid haben mit unseren Schwachheiten,
               sondern der versucht ist allethalben gleich wie wir» 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.4.15">Hebr. 4,15</ref>] … einen «der da kann mitfühlen mit denen, die
               da unwissend sind und irren, nachdem auch er selbst umgeben gewesen ist mit
               Schwachheit» [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.5.2">Hebr. 5,2</ref>]. Der
               Mann, der diese Worte geschrieben hat, hat gewiß nicht daran gedacht, jenes
               angsterfüllte Gebet Jesu aus den Evangelien wegzuwünschen oder ihm eine andere,
               weniger bittere und schmerzliche Bedeutung zu geben. Er hat vielmehr gerade darin
               etwas besonders Großes und Versöhnendes gesehen, daß Jesus nicht nur körperlich,
               sondern auch in seiner Seele so bitter und schmerzlich hat leiden müssen: er ist
               selbst umgeben gewesen mit Schwachheit, darum kann er mitfühlen mit uns, kann Mitleid
               haben mit unseren Schwachheiten! Ja, das ists. Gerade indem wir dort Jesus in so
               großer tiefer Not sehen, gerade damit kommt er in unsere Nähe, tritt er an unsere
               Seite. Wie wichtig und wertvoll muß uns doch das sein!</p>
        <p>Wir redeten das letzte Mal von all dem Leid und all der Schmach, die sich um Jesus
               her aufhäuften an jenen Tagen. Und wir sahen damals: das Alles zeigt uns, nicht etwa
               daß Gott machtlos ist oder gar daß es keinen Gott gibt, sondern gerade, wie ungeheuer
               ernst es Gott ist mit uns, wie er sich unser annimmt mitten in all der Sünde und Not
               dieser Welt. Ja, diese Welt ist voll von unendlich viel Traurigem und Schlimmem, aber
               Gott ist gegenwärtig mitten in dieser Welt. Heute nun sehen wir noch viel mehr: Jesus
               steht in dem Allen drin wirklich wie unsereiner. Er leidet, er zagt und zittert, er
               ruft angstvoll aus der Tiefe nach Gott. Jesus blieb auch innerlich nicht ferne von
               dem, was wir in den Stürmen der Sünde und der Not empfinden, Jesus war kein
               Fabelwesen: er hat den Schmerz als Schmerz, die Angst als Angst, das Entsetzen als
               Entsetzen wirklich und wahrhaftig durchgemacht. Wir sehen ihn als unseren Bruder
               gerade in dem, was das Schwerste ist in unserem Leben: in unserer Schwachheit. Er
               kann mit<pb xml:id="p156" ed="pga" break="no"/>fühlen mit uns und wir mit ihm, auch wenn wir in den höchsten Nöten sind, wenn wir
               uns ganz verlassen und elend fühlen. Auf jeder Stufe von Traurigkeit, ja von
               Verzweiflung, auf die wir im Leben kommen mögen, können wir uns sagen: da ist Jesus
               auch einmal gewesen. Auf den bösesten, sauersten Wegen, die wir in unseren Erdentagen
               durchwandern müssen, können wir uns, wenn kein Trost uns mehr trösten mag, sagen: da
               ist Jesus auch vorbeigekommen, da sind seine Fußspuren. Und das muß uns ein mächtiges
               Zutrauen zu Gott erwecken. Wir müssen uns gestehen, wenn wir Jesus ansehen in seinem
               Gefühl der grenzenlosen Verlassenheit: Also! der Glaube und die Liebe sind nicht nur
               Dinge für die schönen heiteren Tage, für die Zeiten, wo wir frohen Mutes zur Kirche
               gehen, freudigen Herzens zu Gott beten mögen, nein, auch für die Zeiten, wo wir uns
               allein fühlen, fern von Gott. Jesus hat solche Zeiten auch gekannt. Und nie war ihm
               ja Gott näher, als da er sich so allein fühlte. So wird mir Gott wohl auch nahe sein,
               wenn ich mich verlassen, von ihm verlassen fühle. <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Wenn ich auch gar nichts fühle</l>
                                <l xml:space="preserve">Von deiner Macht,</l>
                                <l xml:space="preserve">Du bringst mich doch zum Ziele</l>
                                <l xml:space="preserve">Auch durch die Nacht!<note xml:id="n03">Vgl. Predigt 205 vom 8. Februar <date when="1914">1914</date>, <ref target="5009#fn_n02">Anm. 2, S. 69</ref>.</note></l>
                            </lg>
                        </q> </p>
               <p>Wunderbar: die Gottverlassenheit, die dort Jesu Seele umnachtete, muß uns der
               Grund werden zu der notwendigsten Gewißheit, die wir für unser Leben brauchen, zu der
               Gewißheit: Gott ist gegenwärtig!</p>
        <p>Doch wir wollen versuchen, etwas tiefer hineinzusehen in das Geheimnis jenes Gebetes
               Jesu. Wenn uns das gelingt, werden wir einsehen, daß gerade der Jesus, der so
               gebetet, zu unserem Befremden so gebetet hat, unser Erlöser ist. Was hat er denn
               gemeint mit diesem Seufzer aus tiefster Seele: <hi rend="italic">Mein Gott, mein Gott,
                  warum hast du mich verlassen?</hi> Wir müssen zurückblicken nach <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName>, wenn
               wir das verstehen wollen. Der Kampf, auf den sich Jesus
               <pb xml:id="p157" ed="pga"/>
                dort vorbereitet hatte, der war nun da. Die Fragen, die ihn dort im voraus so
               bitteres Leid gekostet, die kehrten nun wieder mit erneuter gewaltiger Macht. Nicht
               das körperliche, äußerliche Leid war die schwere Wolke, die ihm Gott verhüllte. Die
               Schmerzen des Körpers, die Jesus am Kreuze litt, mögen uns das Furchtbarste scheinen,
               für ihn waren sie es nicht. Auch die Schmach, die ihm zugefügt war mit der
               ungerechten Verurteilung und mit der entehrenden Verbrecherstrafe war es nicht, was
               ihn in solche Seelennot brachte. Diese Dinge an und für sich, so entsetzlich sie
               waren, waren doch Mückenstiche, die Jesus nicht zu diesem Gebet getrieben hätten.
               Das, was ihn dazu trieb, das war das Bewußtsein, daß sein Lebenswerk, das ein <hi rend="italic">Lebenswerk für Gott</hi> gewesen, nun <hi rend="italic">zertrümmert</hi>
               sei. Jesus hatte sich mit seiner ganzen Person und Kraft eingesetzt für die Aufgabe,
               die Menschen zu überzeugen von der Wahrheit einer unsichtbaren Tatsache in ihrem
               Leben, von der Wahrheit Gottes. Die Ruhe des lebendigen Gottes, das war es, wovon er
               selbst lebte, was seine Freude und seine Stärke, die Quelle und das Ziel seiner Seele
               war. Diesen lebendigen Gott wollte er auch vor die Seelen der Anderen stellen, wollte
               sie überzeugen: «Ihr seid Gottes Kinder, Kinder der Liebe, Kinder der Wahrheit,
               Kinder des Lichtes, der ewigen Ordnung. Er, der das alles ist, liebt euch, sehnt sich
               nach euch, kehrt heim zu ihm aus der Fremde, er wartet auf euch mit offenen Armen!
               Werdet gewahr, was ihr eigentlich seid, wie herrlich schön euer Vaterhaus ist, wie
               gut ihr es haben könntet! Gebt ihm die Ehre in eurem Denken und Reden, in eurem Tun
               und Leben, ihm, dem lebendigen Gott und Vater! Werft das Unnatürliche, Künstliche weg
               aus eurer Seele, fühlt euch von heute an als das, was ihr seid, so seid ihr frei von
               Schuld und Sünde und Not!» Das war das Lebenswerk Jesu, daß er diese Botschaft den
               Anderen brachte, immer wieder, unermüdlich immer wieder brachte, nicht sich
               irremachen ließ durch Widerspruch und Mißverständnis, durch Spott und Feindschaft.
               Das war die Heldentat Jesu, daß er so dieser Botschaft gelebt hatte.</p>
        <p>Wie stand er nun heute da damit? Nun <hi rend="italic">stand er ganz allein</hi> mit
               <pb xml:id="p158" ed="pga"/>
                seiner Botschaft. Die Menschen konnten sie nicht fassen, ihr nicht wahrhaft Gehör
               schenken, sie wollten nichts von ihr wissen; das bewiesen sie ja klar damit, daß sie
               ihn verließen, verrieten, verurteilten, ans Kreuz schlugen. Nicht die äußeren Taten
               und Vorgänge waren schlimm an alledem, sondern das, daß sie ein Zeichen waren von
               ihrer Unfähigkeit und Unwilligkeit, das Wort vom lebendigen Gott aufzunehmen. Alles
               ging unter in der unaufhaltsam vordringenden, Alles verhüllenden Dämmerung und Nacht
               ihrer Torheit und Bosheit. Nur Eines war ganz klar: sie dachten nicht daran, seiner
               Einladung Folge zu leisten, sie nahmen es nicht auf, was er ihnen versicherte: ihr
               seid Gottes Kinder! Sie brachten es im besten Fall bis zu einer gewissen bürgerlichen
               Bravheit und Rechtschaffenheit, die leben und leben lassen will, aber die bessere
               Gerechtigkeit des Herzens, die im Himmelreich gilt, war und blieb ihnen spanisch. Sie
               wollten wohl gelten lassen eine gewisse tierische Gutmütigkeit gegenüber den
               Allernächsten, mit denen man schon um des eigenen Vorteils, der eigenen Behaglichkeit
               willen auf gutem Fuß leben muß, sie wollten aber nichts wissen von dem Strom der
               Liebe, der alle Bedenken, alle knorzige Selbstsucht, allen Neid und alle noch so
               berechtigten Abneigungen und Feindschaften einfach überströmt und hinwegschwemmt;
               nichts da! sie wollten an sich zuerst denken, und sie wollten hassen dürfen. Sie
               waren wohl bereit, zu hoffen, daß es ihnen immer gut gehen werde, sie glaubten sogar,
               ein besonderes Recht zu haben, vom lieben Gott allerlei Gutes zu erwarten, sie
               konnten aber nicht an das Reich Gottes glauben, an die Herrschaft der Wahrheit und
               des Rechtes in den Herzen und in den Verhältnissen. Das waren ihnen törichte
               Luftschlösser, sie waren viel zu klug, um so etwas für möglich zu halten.</p>
        <p>Und als der kühne Glaube Jesu an all das, woran sie nicht glauben konnten und
               wollten, als er anfing, sie zu beunruhigen, sie aus dem Schlaf zu wecken immer wieder
               und immer wieder, da fingen sie an, ihn zu plagen und zu verfolgen, da schritten sie
               schließlich dazu, seinen Untergang herbeizuführen. Und Keiner von Allen dachte
               anders, keine Minderheit trat ihnen entgegen,
               <pb xml:id="p159" ed="pga"/>
                um sie anderen Sinnes zu machen, nichts regte sich in ihren eigenen Herzen zugunsten
               der Wahrheit. Einmütig und geschlossen taten sie Alle dasselbe, sie Alle von <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>,
               der ihn verriet, und <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, der ihn verleugnete, bis zu <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>, der ihn
               verurteilte, und <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>, der ihn preisgab. Sie Alle sagten einmütig: Wir wollen
               nicht, daß dieser über uns herrsche [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.14">Lk. 19,14</ref>]! Wer «dieser»? Der lebendige Gott! Jesus hatte
               ihn vor ihre Seele gestellt, sie aber stießen ihn zurück. Sie wollten die Last ihrer
               Schuld und Sünde und Not weiterschleppen und immer größer werden lassen. Sie wollten
               steckenbleiben in gottwidriger Gesinnung und in gottwidrigen Verhältnissen. Sie zogen
               das Künstliche, Unnatürliche, Gemachte dem einfachen, selbstverständlichen Weg zum
               Vater vor. Sie wollten sich nicht erkennen als die Kinder des Vaters. Jesus stand
               allein, ganz allein da mit seiner Botschaft. Einsam war er einst ausgezogen, aber
               voll Freudigkeit und Wagemut, voll Gottesfrieden und Gottestrotz. Einsam mußte er nun
               nach Allem, was geschehen war, wieder dastehen, aber einsam diesmal voll Enttäuschung
               und gebrochenen Hoffnungen, voll Unruhe und Zweifel. Indem sie Jesus kreuzigten,
               stießen sie ihn in diese Einsamkeit hinein, sein Lebenswerk war zertrümmert, er war
               umsonst dagewesen. Das war das, was schwerer war als alle leiblichen Qualen, als alle
               Schmach und Schande! In <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> schon hatte er gefleht um einen anderen Ausgang:
               mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.39">Mt. 26,39</ref>], es war ein Aufflammen der
               Hoffnung: Gott kann es nicht dahin, nicht bis zu dieser grenzenlosen Einsamkeit für
               mich kommen [lassen]. Nun am Kreuze, in der Stunde der höchsten äußersten Not noch
               einmal dieses Aufflammen, bitter diesmal, verzagt und verzweifelt: mein Gott, mein
               Gott, warum hast du mich verlassen! soll ich wirklich und wahrhaftig so zu Grunde
               gehen, ohne daß du mich hörst und dich meiner annimmst? Von den <hi rend="italic">Menschen</hi> war Jesus verlassen in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> und auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>. <hi rend="italic">Nur</hi> von den Menschen.</p>
        <p>Aber, meine Freunde, wer von den Menschen <hi rend="italic">so</hi> verlassen ist, wie
               dort Jesus, der fühlt sich auch von Gott verlassen. Wir fühlen uns ja auch manchmal
               einsam und verlassen, nicht wahr, aber wie
               <pb xml:id="p160" ed="pga"/>
                ganz anders ist doch unsere Lage, wieviel weniger schwer und bitter, wenn sie uns
               auch noch so schwer scheinen mag! Bei uns ist es doch immer ein gutes Teil eigene
               Schuld und ihre Strafe, was wir in solchen Stunden erfahren, und wenn wir dann auf
               dem rechten Wege sind, so sind wir vollauf beschäftigt mit Reue und Umkehr, wir haben
               mehr Anlaß als je, an Gott zu glauben und uns an ihn zu halten. Gerade weil bei uns
               unsere Sünde zum guten Teil Grund unserer Einsamkeit ist, gerade darum kann sie uns
               nicht so entsetzlich schwer fallen. Gott offenbart sich uns dann wenigstens in
               unserem bösen Gewissen, wir können uns nicht so allein fühlen, weil wir uns
               aufrichtigerweise gestehen müssen, wie wir dazu gekommen sind, einsam zu sein. Anders
               bei Jesus: Er war von den Menschen nicht verlassen und verstoßen um seiner Fehler
               willen: er konnte es sich nicht erklären und eingestehen, wie es mit ihm dahin
               gekommen war, daß Alle gegen ihn waren, Alle ihn haßten oder doch verließen. Er hatte
               für das alles nur den einen Grund: daß er so für Gott gelebt und gekämpft hatte. Den
               lebendigen Gott stießen die Menschen von sich, nicht einen Menschen mit seinen
               Fehlern. Nicht ihn verwarfen sie, sondern den, der ihn gesandt hatte. Wir denken auf
               den ersten Blick, das hätte für Jesus ein Trost, eine Beruhigung sein müssen. Einsam
               sein mit Gott, einsam mit ihm, dem Ewigen, gegen die ganze Welt, ist das nicht etwas
               Gewaltiges, Herrliches? Warum hat sich Jesus nicht gefreut über diese stolze
               Einsamkeit? Warum hat er sich nicht verschlossen in Ruhe und Trotz, wenn er doch
               wußte, daß Gott auf seiner Seite stand? Warum hat er dem unmöglichen Gedanken Raum
               gegeben, daß Gott ihn preisgegeben habe?</p>
        <p>O meine Freunde, da kennen wir Jesus schlecht, und da kennen wir Gott schlecht, wenn
               wir so fragen! Wir wissen es von den alten Propheten, wie furchtbar sie gerade
               darunter gelitten haben, mit Gott allein sein zu müssen, unverstanden, verfolgt unter
               einem unreifen, halsstarrigen Volk. Nicht das war das Schwere an ihrem Los, daß man
                  <hi rend="italic">sie</hi> nicht verstand, sie verfolgte, aber daß sie spüren mußten:
                  <hi rend="italic">Gott</hi> wird verworfen von den Leuten, daß sie allein sein mußten
               mit ihrer besseren Einsicht, überall abgewiesen,
               <pb xml:id="p161" ed="pga"/>
                verlacht, unterdrückt. So war es bei Jesus: wie gut kannte er Gott, wie tief war er
               eingedrungen in sein Wesen, wie fühlte er sich umfaßt und gehalten von ihm, der die
               ewige Liebe ist! Aber, sollten wirs denken, gerade das wurde ihm dort zur höchsten
               Qual, gerade das: erfüllt sein von der Liebe Gottes wie von einem quellenden,
               überfließenden Wasserstrom und doch einsam sein zu müssen damit, nichts abgeben zu
               können von dem Überfluß, nicht schenken zu dürfen von dem Reichtum, den er
               unermeßlich in sich fühlte, überall, überall mißverstanden und abgelehnt zu werden. O
               es war nicht das kläglich kleine Gefühlchen, das unsereins manchmal erfüllt: man
               versteht mich nicht, man will nichts von mir!, was Jesus dort bewegte. Nein, es
               handelte sich für ihn nicht um seine Person. Um das ewige Leben handelte es sich für
               ihn, um das Himmelreich, das er zu vergeben hatte, und das er niemandem geben konnte,
               weil niemand es wollte. Das war die große Seelennot Jesu: Soll ich nun sterben
               müssen, ohne gegeben zu haben, was ich zu geben habe? Soll ich nun wirklich umsonst
               und nur für mich so reich sein? Seht, was für ein Wunder der göttlichen Liebe sich
               uns da auftut! Jesus konnte sich nicht damit zufriedengeben, für seine Person im
               Frieden mit Gott, im Bewußtsein seiner beseligenden Nähe zu sterben. So mancher
               fromme Christ hätte das an seiner Stelle ruhig getan. «Wenn ich ihn nur habe, wenn er
               mein nur ist!»<note xml:id="n04">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-71">Anfang des Liedes 250 von <persName ref="kbga-actors-1161">Fr. von Hardenberg</persName></bibl> (<persName ref="kbga-actors-1161">Novalis</persName>)
                     (1772–1801).</note>
            </p>
        <p>Jesus dachte ganz anders. Gott denkt ganz anders. Die große Gottesliebe, von der
               Jesus erfüllt war, sie ist nicht so beschaffen, daß sie strömen und wirken kann oder
               auch nicht. So steht es mit uns, mit unserer menschlichen Liebe. Wir können lieben
               oder auch nicht. Wenn man uns abweist oder zurückstößt, dann lieben wir eben nicht
               mehr, dann beruhigen wir uns rasch: wenn du nicht willst, so ists auch gut! Ein
               Mensch, der von der Gottesliebe erfüllt ist, wie Jesus es war, der kann sich dabei
               nicht beruhigen. Er kann sich nicht befriedigen bei dem Gedanken: ich <milestone xml:id="m011" unit="page"/>
               <pb xml:id="p162" ed="pga"/>
                habe ja Gott! wenn die Anderen ihn nicht wollen, so ist das ihre Sache. Sondern wenn
               er spürt, ich werde mißverstanden, zurückgewiesen, immer wieder, dann wird ihm das,
               was ihm die höchste Freude war, zur höchsten Qual. Einsam soll ich Gott haben, einsam
               mich seiner getrösten, sein genießen? Nein, das ist unmöglich, das kann nicht mehr
               Gott sein, was ich da habe. Gott ist ja die Liebe, und Liebe und Einsamkeit verträgt
               sich doch nicht. Liebe sucht immer und ewig die Anderen, Liebe sucht die Menschen, um
               ihnen den Strom ihres eigenen Lebens mitzuteilen. Wenn sie sie nicht findet oder wenn
               sich die Menschen sperren gegen sie — dann, ja was soll dann die Liebe anderes tun
               als sterben? wie kann ich dann noch sagen: ich habe Gott? ich weiß doch von keinem
               anderen Gott als von dem, der mich heißt zu den Leuten zu gehen und sie lieb zu
               haben. Wenn ich aber das nicht mehr kann? Dann kommt der höchste, der entsetzlichste
               Zweifel über mich: muß ich nicht denken, Gott hat mich verlassen, wenn ich nicht mehr
               tun kann, was ich tun <hi rend="italic">muß</hi> in seinem Dienst? Wunder der göttlichen
               Liebe! Nicht aus Mangel, sondern aus übergroßem Reichtum an ewigem Leben seufzt und
               betet Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! Nicht darum fühlt er
               sich von Gott verlassen, nicht darum ist er verzagt und verzweifelt, weil er von
               Gott, dem er getraut und dem er gedient sein Leben lang, nichts mehr wüßte. Nein, er
               kennt ihn nur zu gut, aber er fühlt sich so entsetzlich allein mit Gott, er möchte
               irre werden an Gott, weil er den Menschen Gott nicht mitteilen kann. Könnten wir uns
               ein deutlicheres, herrlicheres Bild unseres Erlösers wünschen, meine Freunde, als
               dieses Bild Jesu im Gefühl der Gottverlassenheit?</p>
        <p>Seht, da leidet und stirbt er, Jesus von Nazareth, der Heiland der Welt. Worunter
               leidet er? Unter der Gottesfremdheit der Menschen. Die Not der Menschen, die ohne den
               lebendigen Gott, ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Hoffnung dahinleben, sie verbrennt
               ihm die Seele. Er empfindet sie wie seine eigene Not. Während sie ihre Wege gehen,
               unbekümmert, sorglos, stolz sogar auf ihre Art, leidet er für sie, an ihrer Stelle.
               Er, der so reich <pb xml:id="p163" ed="pga"/> ist in Gott, weiß nichts mehr von diesem Reichtum, nein: mein Gott,
               mein Gott, warum hast du mich verlassen? <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe,</l>
                                <l xml:space="preserve">Der gute Hirte leidet für die Schafe,</l>
                                <l xml:space="preserve">Die Schuld bezahlt der Herr und der Gerechte</l>
                                <l xml:space="preserve">für seine Knechte!<note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-songs-79" type="song">Lied 111: «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen», von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName> (1585–1647), Strophe 3 (EKG 60 Strophe 4)</bibl>.</note></l>
                            </lg>
                        </q>
                    </p>
               <p>Was hat uns dieses Bild Jesu in der Gottverlassenheit zu sagen, meine Freunde? O
               wir wissen nun schon: Gott war Jesus nie näher als in der Stunde, wo er sich von Gott
               verlassen fühlte. Als er so bitter litt unter seiner Einsamkeit, als er irrewerden
               wollte an Gott, weil es ihm nicht gelingen wollte, Gott den Menschen zu zeigen, da,
               gerade da, war Gott am stärksten in ihm. Wieder blicken wir zurück nach <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName>:
               der hier seufzte: warum hast du mich verlassen? war derselbe, der dort betete: nicht
               wie ich will, sondern wie du willst [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.39">Mt. 26,39</ref>]! Ja, nun geschah Gottes Wille. Indem Jesus sein
               Lebenswerk zertrümmert zu sehen meinte, wurde es vollendet. Indem er meinte: jetzt
               verfällt das Wort vom lebendigen Gott, hatte er es durch sein Kreuz aufs gewaltigste
               gepredigt. Die Botschaft, der Jesus sein Leben geweiht hatte, ist hier aus Worten
               endgültig zur Kraft geworden, zu einer Kraft, die immer mehr Menschen berührt und
               gewonnen hat. Wollen wir uns nicht auch berühren und gewinnen lassen durch diese
               Kraft, meine Freunde? Seht, auch für uns ist Jesus einsam gewesen. So wollen wir ihn
               nicht länger einsam lassen, sondern uns beschenken lassen aus dem Reichtum seines
               Lebens. Gott sei Dank, der uns in seinem bitteren Leiden diese Quelle erschlossen
               hat.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
