Predigt: Matthäus 27,27-44
Was hat uns die furchtbare Geschichte, die wir soeben vernommen, zu sagen? Ich glaube, wir würden sie am besten verstehen, wenn wir sie hören würden mit den Ohren eines Kindes, dem sie von seiner Mutter, oder auch eines einfachen Naturmenschen, dem sie vom Missionar zum erstenmal erzählt wird. Wir haben sie vielleicht schon zu oft gehört, uns schon zu sehr gewöhnt an gewisse bekannte Erklärungen, Auslegungen und Anwendungen, als daß wir die große, ernste, erlösende Botschaft, die sie enthält, so recht vernehmen würden. Ich habe z. B. das ganz bestimmte Gefühl, daß der übliche Hinweis auf die Größe der menschlichen Sünde, die sich am Karfreitag offenbarte, auf die Sünde jener Menschen, die doch zugleich die unsrige ist, daß das nicht genügt gegenüber dem Karfreitagsgeheimnis. Es ist zwar ganz sicher ein wahrer und überaus wichtiger Gedanke:
139Aber das ist lange, lange nicht Alles, das ist nur eine Nebensache an der großen Botschaft vom Leiden unseres Heilands. Wir reden ja das ganze Jahr über wahrhaftig genug von uns und unseren Sünden. Vielleicht reden wir zu viel davon. Wir sollten mehr von der Größe Gottes reden. Jedenfalls aber muß uns in der Passionszeit die Größe Gottes die Hauptsache sein und nicht die Torheit und Bosheit der Menschen. Die Apostel redeten in ihren Briefen, wenn sie auf den Tod Jesu zu sprechen kamen, sehr wenig von diesen letzten Dingen, sehr viel dagegen von der wunderbaren Tat Gottes für uns, die da geschehen ist.
Wenn wir die Geschichte von der Kreuzigung Jesu einfachen Sinnes an uns vorüberziehen lassen, so ist es vor Allem eines, das unsere Aufmerksamkeit mit ganzer Kraft auf sich zieht: der unbegreifliche Gegensatz zwischen Jesus und dem, was ihm da angetan wird. Wenn wir es nicht zum Voraus wüßten, wir würden beim Lesen oder Hören der Lebensgeschichte Jesu niemals auf den Gedanken kommen, daß sie dieses Ende nehmen würde. Dieser Kreuzestod am Schluß steht unerhört, unnatürlich, widrig da neben dem, was Jesus war, wollte und getan hat. Von welcher Seite wir es auch ansehen mögen: es stimmt nicht, dieser Schluß hat etwas Brutales, Gewaltsames.
Wir können Jesus als einen der herrlichsten, edelsten Menschen betrachten, als einen der besten Führer unseres Geschlechts. Warum auch nicht? Wir wissen zwar, daß er uns unvergleichlich viel mehr ist als das; aber wir tun ihm kein Unrecht, wenn wir ihn zunächst von dieser Seite aus betrachten. Allein wie ganz anders müßte der Lebenslauf eines edlen guten Menschen nach unserer Berechnung und Vorstellung weitergehen und endigen! Auf dem Idealbild eines guten Menschen nach unseren Begriffen kommt das Kreuz jedenfalls nicht vor, Schwierigkeiten, Leiden und Anfechtungen vielleicht, aber nicht das Kreuz, nicht dieser |140 gänzliche Untergang im tiefsten Dunkel. Sein Weg müßte irgendwie endigen mit Genugtuung und Erfolg, meinen wir. So stellen wir schon den Kindern in der Schule das Leben dar, um sie zu Fleiß und Rechtschaffenheit anzuspornen. So träumen wir, daß es sein müsse, und lassen uns nur ungern daran erinnern, daß es [in] der Wirklichkeit oft ganz anders geht. Das Leiden Jesu stellt uns erbarmungslos vor diese ganz andere Wirklichkeit, vor die Tatsache, daß das Leben eines guten, edlen Menschen nicht aufwärts führt zu Glück und Zufriedenheit, sondern endigt in Nacht und Schande. Unbegreiflicherweise, gegen alle Vermutung, gegen alle schöne Theorie.
Aber Jesus ist uns mehr als ein edler, guter Mensch. Er ist uns das Werkzeug, der
Bote, der Sohn Gottes, durch den der Vater zu uns, seinen
Brüdern, geredet hat, durch den er an uns arbeitet, durch den er uns zu sich hin
lenken will. Das Leben ist in ihm erschienen [vgl.
Die Einzelheiten der Leidensgeschichte bringen uns diesen unbegreiflichen Gegensatz wie mit Hammerschlägen zum Bewußtsein. Wir können sie nicht überhören. Wir können nicht darüber hinwegkommen: ja, da ist ein großes undurchdringliches Geheimnis. Unwillkürlich müssen wir uns fragen: Wie ist das Alles möglich? Warum läßt Gott das zu? Warum ist das Leben so, daß derartiges vorkommen kann?
Da sind die Kriegsknechte des Statthalters, die sich um den Verurteilten sammeln: sie schmücken ihn mit königlichem Schmuck, sie beugen ihre Knie vor ihm, sie begrüßen ihn als den König der Juden! Ists Ernst? Jesus hatte nie verlangt, daß die Menschen vor ihm die Knie beugen sollten, und nie sollten diese Heiden dazu kommen, es zu tun, und doch würde es uns beinahe natürlicher erscheinen, wenn sie es wirklich und im Ernst getan hätten. Ging denn nicht die demütigende Kraft der Wahrheit aus von seiner Gestalt, seinem Blick, seiner edlen überlegenen Haltung an jenem Unglückstage? Stand nicht Gott hinter ihm in aller seiner Macht? Warum sollten die Menschen nicht erfaßt sein von dieser Macht, sich niederwerfen, reuig erkennend den König der Wahrheit, den Messias Israels in ihm verehren? Aber das Unnatürliche geschieht: sie sind keineswegs berührt und ergriffen von seiner Erscheinung, Gott scheint keine Macht über sie zu haben. Was sie tun und reden, ist Spott und Hohn, der Königsschmuck, den sie Jesus geben, die Ehrungen, die sie ihm erweisen, sind ein grausames Spiel, die Krone ist eine Dornenkrone, sie schlagen ihn, sie speien ihm ins Gesicht. Warum, warum kann und darf so etwas Widerwärtiges, Unnatürliches geschehen?
Und nun gehts hinaus nach Golgatha, und aus dem Spiel wird blutiger Ernst: Jesus wird ans Kreuz geschlagen, das Kreuz aufgerichtet. Wir wollen die Einzelheiten dieser furchtbaren Art von Todesstrafe nicht schildern, sie waren zu entsetzlich, als daß wir dabei verweilen dürften. Nur eins müssen wir sagen: der Mann |142 am Kreuz ist in alter und neuer Zeit von Malern in schönen Bildern dargestellt worden — was man so schön nennt. Die meisten dieser Bilder lügen. Der Anblick des Gekreuzigten war nicht schön, sondern abstoßend, schreckenerregend. Das Kreuz ist uns durch ihn zu einem Zeichen des Friedens, des Gottesfriedens geworden, für ihn selber war es etwas ganz Anderes: alle Qualen der Hölle waren in den Leiden am Holz vereinigt.
«Und sie saßen allda und hüteten sein» — die Menschen nämlich, die schlechten Knechte schlechter Herren. Wo aber war Gott, der Wächter und Hüter der Seinigen? Warum konnte dieser Greuel sich vollziehen ohne Unterbruch und ohne Widerspruch bis zum bitteren Ende? Sollen und müssen wir nicht irre werden an aller Wahrheit, an allem Guten, wenn wir sehen, wie hier der Beste, den die Erde getragen, leiden mußte unter der Macht des Bösen, leiden ohne Hilfe und ohne den leisesten Trost? Wo war da Gott?
Und links und rechts von Jesus wurden zwei Mörder gekreuzigt. Wer
weiß, was für Schandtaten sie auf dem Gewissen haben mochten. Die Gerechtigkeit der
Menschen hatte sie zu diesem Tode verurteilt. Jesus hatte für die Gerechtigkeit
Gottes gelebt und gekämpft. Gott war doch stark genug, um seiner Sache zum Durchbruch
zu verhelfen. Die Wahrheit leuchtete doch stark genug, um die gerechten Menschen zu
überzeugen und zu gewinnen! Nein, Gott und die Wahrheit waren wirklich nicht stark
genug. Die gerechten Menschen stießen Jesus zu den Mördern, belegten ihn mit
derselben Strafe, ließen die Verbrecher und den Boten Gottes an sie gemeinsam leiden
— von Rechts wegen! Gerechtigkeit! O was ist Gerechtigkeit, wenn wir dieses Bild
ansehen? Gibt es überhaupt eine bessere Gerechtigkeit als das, was die Menschen mit
ihren platten Meinungen und Urteilen so nennen? Ist nicht das Bild Jesu neben seinen
Todesgesellen der schlagende Beweis dafür, daß es nichts Höheres gibt als diese
Menschengerechtigkeit? Wenn es etwas Höheres gibt, warum kam es nicht zum Vorschein
auf
Und nun kommen die Anderen, die Leute von
«Der du den Tempel Gottes zerbrichst und baust ihn wieder in drei Tagen, hilf dir selber!» Ja, das war merkwürdig: Jesus hatte voll Zorn das Vergehen dieser alten Welt mit ihren Ordnungen und Gedanken angekündigt und voll Begeisterung das Werden einer neuen besseren Welt. Und nun war er selber in solche Not geraten. Die neue bessere Welt war wohl noch recht ferne, der Tempel und das Gesetz standen wohl noch auf Jahrtausende, während der Schwärmer jetzt machtlos seine letzten Atemzüge tat. Die Verhältnisse waren eben stärker als er, es geschah ihm wohl Recht, warum gab er sich nicht zufrieden mit den Verhältnissen?
Und dann weiter: «Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom
Kreuz!» Das war es ja. War er Gottes Sohn, war es Wahrheit, daß Gott ihn gesandt
hatte und hinter ihm stand, dann mußte jetzt etwas geschehen, mußte jetzt in der
höchsten Not die Hilfe kommen. Wir müssen an alle die Verheißungen der göttlichen
Hilfe denken, wie sie z. B. in den Psalmen des Alten Testaments immer wiederkehren:
«Er wird dich mit seinen Fittichen decken … seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß
du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages
fliegen … ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so
wird es doch dich nicht treffen»
[
Und dann ein neuer furchtbarer Gegensatz: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen! Jesu Leben war der Liebe geweiht gewesen, seine Feinde selbst müssen es ihm bestätigen, indem sie ihn verhöhnen: Andern hat er geholfen! ja, Unzähligen, leiblich und geistig, Dankbaren und Undankbaren, Gläubigen und Ungläubigen. Aber Liebe weckt nicht nur Gegenliebe. Wer helfen kann, der muß ein Starker, Großer sein. Und Größe weckt Neid, und wenn sie fällt, Schadenfreude. Die fragt dann nicht mehr: was hat er getan, wie war er gesinnt, die kümmert sich nicht mehr um das, was vorangegangen ist. Sie weiß nur noch: der da war einmal mehr, konnte einmal mehr als wir Anderen, und jetzt ist es damit aus — und freut sich darüber. Seine Liebe, seine Hilfsbereitschaft, sein Helfenkönnen wird jetzt Jesus zum Verbrechen angerechnet. Man jubelt darüber, daß es nun damit zu Ende ist: — er kann sich selber nicht helfen! Seltsame Lage! Spürt nicht der törichteste Mensch, das Tier sogar, daß Liebe etwas Großes und Schönes ist, regt sich nicht die Dankbarkeit unwillkürlich in jedem lebenden Wesen, dem man wohlgetan hat — und hier sehen wir die Liebe zum Schweigen gebracht, zur Ohnmacht verurteilt durch die Gewalt des Hasses, hören es ausrufen wie eine Siegesbotschaft: der Allen geholfen hat, dem hilft jetzt keiner! Ja, ja so gehts! Mit Liebe kommt man nicht durch die Welt.
Und der König Israels, rufen sie, ist ers, so steige er herab vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben. So wollen wir ihm glauben! man denke! auch das waren wieder Spottworte, nicht ernst gemeint. Aber wie mußten sie weh tun in den Ohren dessen, der da, von Fieberschauern durchschüttert, am Kreuze hing. So wollen wir ihm glauben! Auch für ihn selbst stand ja nicht weniger auf dem Spiel als das ganze Werk seines Lebens. Daß sie ihm glauben |145 möchten, dafür hat er gearbeitet, gebetet, gekämpft, gelitten. Sollte es umsonst gewesen sein? Sollte diese schmachvolle Marter der letzte Erfolg sein, das Hohngelächter um ihn her die letzte Antwort derer, die er für Gott gewinnen wollte? Und nun sagen sie ihm: wir wollen dir glauben. O ja, wenn jetzt ein Wunder geschehen würde, dann würden sie ihm glauben. Aber weil keines geschah, weil der Tod ihm unerbittlich näher und näher rückte, deshalb glaubten sie nicht, deshalb höhnen sie den von Gott verlassenen König Israels, höhnen seine Sehnsucht nach gläubigen, verlangenden Menschen.
Und schließlich schrecken sie auch davor nicht zurück, im Innersten seiner Seele zu wühlen: Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun! Das war ja die Frage, die ihn im Tiefsten quälte. Ja, er hatte Gott vertraut. Ein Leben voll Vertrauen lag hinter ihm, er hatte nie an der Güte und Weisheit Gottes gezweifelt, er war Schritt für Schritt seines Weges gegangen unter den Augen des Vaters. Wenn Gottvertrauen einen Segen hat, dann hatte Jesus den höchsten Anspruch auf eine erlösende Tat Gottes. Auch diesen letzten schwersten Tag seines Lebens hatte er mit diesem großen Vertrauen angetreten. Wie hatte er ringen und kämpfen müssen, bis er sich durchgerungen zu der völligen Ergebung in Gottes Willen, und immer und immer wieder mußte er sich sicher vorhalten: ich will vertrauen, ich muß vertrauen! Und nun der kalte Hohn seiner zufriedenen, gesunden Feinde: Er hat ja Gott vertraut!, gerade wie wenn er dies Vertrauen schon verloren, wie wenn er es schon eingesehen hätte: Gott hilft mir nicht, er hat mich verlassen! Wir wissen, wie nahe Jesus daran war, in diesen schrecklichen Abgrund der Trostlosigkeit zu versinken. Und nun halten sie ihm gerade das vor in grausamer Geringschätzung, geben ihm Stoß um Stoß mit ihren Worten, daß er wirklich versinken, wirklich sein großes Vertrauen verlieren solle.
Und wo war Gott? Warum mußte das Alles über Jesus ergehen? Warum ist das Menschenleben etwas so Sinnloses, die Welt eine solche Hölle, daß ein Mann wie Jesus solches durchmachen mußte?
146 Wir dürfen nun nicht etwa meinen, wir könnten auf alle diese Warum?, die die Leidensgeschichte Jesu uns auf die Lippen legt, Antwort bekommen. Das Große, Göttliche an dem Bilde, das da vor unseren
Augen steht, besteht gerade darin, daß der Gegensatz unversöhnlich, die Frage, die
uns gestellt wird, unauflöslich ist. Es gibt keine bequeme Brücke, mittelst derer wir
diesen Abgrund überschreiten könnten. Wir sollen auch gar nicht. Wir sollen uns immer
wieder wundern darüber, wie Gott und das Unglück, Gott und das Leiden, Gott und die
Ungerechtigkeit, Gott und der Haß und die Gemeinheit dort auf
Laßt uns darüber nachdenken! Nicht wahr, die Welt mit ihrer
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ganzen Last von Unglück und Schlechtigkeit, die wir dort auf
Was ist uns Gott, was ist uns das Gute oder wie wir die entgegengesetzte Macht immer nennen mögen, was ist sie uns gegenüber diesen harten Tatsachen? Nicht wahr, wir haben uns auch schon über dem Zweifel ertappt, ob Gott denn auch wahrhaftig Gott sei, ob er denn wirklich eine Tatsache sei, so sicher wie jene anderen. Die anderen: das schwere Leben, die böse Welt, die kennen wir, aber Gott? was wissen wir eigentlich von ihm? Denken wir nicht oft: ja, man muß wohl an etwas Derartiges glauben, um sich daran aufzurichten, um einen Halt zu haben und einen Stern, nach dem man blicken kann, aber ob es einem dann in den schweren Stunden des Zusammenstoßes mit Not und Sünde etwas ist, das ist eine andere Frage. Könnte es nicht sein, daß eben Alles, was man da so redet und auch wohl glaubt von guten göttlichen Dingen, daß das alles ein Traum wäre, bloß eine schöne |148 Verzierung der sehr unschönen Wirklichkeit des Lebens, aber nicht selbst etwas Wirkliches, Greifbares? Ist es uns nicht oft, als ob Alles, was wir von Gott hören und wissen, so fern sei, so fremd unseren Nöten und Sorgen? Es ist so eine ganz andere Welt, die Gotteswelt, man kann sich das wohl alles so denken, sich daran erbauen, davon singen und reden — das Alles ja, aber es greift nicht hinein in unser Leben, es steht nicht mitten drin in dieser Welt des Elends und des Unrechts. Es sind schöne Ideale und Hoffnungen, aber sie haben keine Berührung mit dem, was wirklich ist, und was eben ganz anders ist, Ideal und Leben fließt immer auseinander wie Öl und Wasser. In der Kirche läßt sichs gut von Gott reden und hören, in Büchern läßt sich gut von ihm schreiben und lesen, aber wenn sie nun kommen, die schwarzen Wellen des Tatsächlichen, ist dann Gott wahrhaftig Gott? Ist der Glaube an ihn mehr als eine bloße Spielerei, die versagen muß, sowie es Ernst wird? Ist das Gute mehr als eine angenehme Unterhaltung, die sich bewährt, solange angenehme Zeiten da sind, die aber abbrechen muß, sobald die eiserne, viereckige Wirklichkeit sich wieder geltend macht? Nicht wahr, so haben wir schon gezweifelt, vielleicht nicht in Gedanken, aber im Gefühl, in der Tat. So haben wir schon geschwankt. Wir haben den Unterschied gemacht: Gott und das Gute hoch da droben irgendwo, zur andächtigen Betrachtung, zur sanften Erbauung — unser Leben in der Welt hier zum Leiden und Seufzen, zum Unrecht-Erfahren und schließlich auch zum selber Unrecht-Tun. Es geht ja nicht anders. Beide Welten sind fern voneinander.
Seht, nun leistet uns das unbegreifliche Leiden Jesu einen großen Dienst. Es zertrümmert uns diesen Unterschied zwischen der Welt Gottes dort und der Welt der harten Tatsachen hier. Es löst uns den Zweifel auf, wenn wir es recht betrachten, als ob Gott nicht auch eine harte sichere Tatsache wäre mitten in der Welt des Elends und der Sünde. Denn das Leiden Christi zeigt uns, wie Gott nicht dieser Welt fern steht, nicht irgendwo darüber schwebt, nicht als ein schöner Gedanke diese böse Welt von Weitem etwas verklärt und verschönt, sondern wie er mitten drin steht, mitten drin |149 sich offenbart, sich behauptet, schließlich den Sieg gewinnt. Je höher wir die Wogen steigen sehen um Jesus her, je entsetzlicher uns der Gegensatz zu werden scheint, desto sicherer können wir uns von der Tatsache überzeugen, daß Gott lebt, lebt nicht irgendwo über den Sternen oder in Büchern und Predigten, sondern lebt und leben wird in dieser Welt, die wir so gut, nur zu gut kennen.
Vielleicht mußt du eine Zeit schweren Leides durchmachen. Denk nicht, daß kein Gott sei oder daß er es nicht gut mit dir meine, und wenn es noch so dunkel würde um dich her. Gott hat ja Jesus unbeschreibliches Leid durchmachen lassen, und Jesus machte es durch. Gott kennt also das Unglück so gut wie das Glück. Er wird nicht widerlegt durch die Tatsache des Unglücks. Er ist im Gegenteil der, der schließlich das Unglück widerlegt. Das Unglück geht vorüber, Gott bleibt. Vielleicht mußt du seufzen unter schwerer Ungerechtigkeit. Ist das ein Grund, nicht mehr an Gott zu glauben? Nein doch, ganz im Gegenteil, wenn du auf das Kreuz Jesu siehst. Da siehst du, wie Gott auch die menschliche Ungerechtigkeit sehr wohl kennt bis in alle ihre Tiefen. Aber er bleibt darum doch Gott. Die Menschen enthüllen all ihre Bosheit, allen ihren schlechten Willen — und Gott bleibt, der er ist. Wundervoller könnte uns das nicht vor Augen geführt werden als gerade in dem furchtbaren Gegensatz zwischen Jesus und seinem Schicksal. Und du leidest darunter, daß dir Liebe mit Haß vergolten wird. Du fragst dich: ja warum geht denn das so? warum sorgt Gott nicht dafür, daß die Liebe es gewinnt? soll ich mich nicht besser von ihm abwenden und mithassen, statt törichterweise lieben zu wollen? O nein! Gott ist mitten in dem Haß, den du erleben mußt! Siehst du nicht, wie Jesus von unbegreiflichem Haß überschüttet wurde, und er war doch Gottes Sohn! Gerade das soll dir Zuversicht geben, deine Last weiter zu tragen. Gott ist ganz gewiß auch dir nah.
Seht, so sagt uns das Kreuz Christi, daß Gott mitten in diesem Leben, in dieser Welt, wie sie ist, eine Tatsache ist, so gut wie jene anderen schlimmen Tatsachen. Wir haben keinen Anlaß, an |150 Gott irre zu werden, wenn wir an Jesu Leiden und Sterben denken. Wir sehen dort, wie er mitten in Schande, Elend und Tod gegenwärtig ist, trotz Allen und Allem.
Und was hat uns nun das Alles zu sagen für unser Leben? Das sagt uns: wir sind frei: diese Welt und ihre große Not erdrückt und ertötet uns nicht. Es kann keine Rede davon sein, daß wir verzweifeln, daß wir uns stumm dem Leiden und der Sünde hingeben müßten, als ob sie notwendig wären. Der Blick auf das Kreuz befreit uns von diesem Wahn. Dort sehen wir einen, der diese ganze große Not durchgemacht und sie schließlich überwunden hat, ohne an Gott irre zu werden. Du bist frei auch in der größten Not, sagt uns das Kreuz Christi. Du bist frei, denn Gott ist auch in der Not, auch in der schwersten. Und weiter sagt es uns: du bist frei von der Sünde! Du mußt nicht sündigen, auch wenn die Sünde mit noch so großer Gewalt gegen dich herankäme. Jesus sündigte auch nicht. Gott ist da, und wenn die menschliche Sünde um dich her noch so groß wird. Gott ist größer als die Not und größer als die Sünde. Wenn wir das einsehen, dann lernen wir zweierlei: das Schwere ertragen und das Böse bekämpfen. Beides braucht Tapferkeit, sehr verschiedene Tapferkeit, und doch ists im Grunde dieselbe. Es ist die stille Heiterkeit und Sicherheit einer Seele, die von vornherein weiß, daß sie tragen kann und siegen muß. Unvergleichlich groß sehen wir diese Art an Christus in seinen letzten bitteren Stunden. Das ist die größte Tat Gottes für uns, daß er ein solches unvergleichliches Bild vor unsere schwache Seele hingestellt hat. Er hat es getan, indem er Christus diese bittere Stunde hat durchmachen lassen. Wir aber wollen dankbar sein und annehmen, was uns Gott da gegeben hat.