8. Februar 1914

Predigt: Römer 1,16 (V)

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Römer 1,16 (V)
Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum Heil Allen, die daran glauben.
Liebe Freunde!

«Kraft Gottes zum Heil» oder «Kraft Gottes selig zu machen», wie es in der Übersetzung Luthers heißt — dieser Gedanke unseres Textes soll uns heute beschäftigen. Aber was für ein großer, Himmel und Erde umspannender Gedanke ist das! Wie sollen wir das vollständig und von allen Seiten beschreiben, wie das Evangelium den Menschen eine Kraft Gottes zum Heil, zur Seligkeit geworden ist, wie es diese Wirkung immer wieder hat, auch bei uns hat und haben will? Wir müßten von all denen erzählen, die durch die Kraft des Evangeliums aus einem oberflächlichen, tändelnden Leben berufen worden sind zu einem Leben des Ernstes, der rechten tiefen Freudigkeit, der unerschöpflichen Aufgaben der Liebe und des dazu notwendigen Mutes. Von denen, die aus der Not des Gewissens befreit und stark gemacht worden sind gegen die Kräfte der Versuchung. Von denen, die in der Verwirrung der Welt das Eine Notwendige gefunden haben, den Frieden, der höher ist als alle Vernunft [Phil. 4,7]. Von denen, die mit Mut und Freude zum Dulden und Tragen beschenkt worden sind und die, ihrem Meister folgend, in Kreuz und Not die Herrlichkeit Gottes erlebt haben. Von denen, denen selbstlose Liebe zum Glück ihres |62 Lebens geworden, und von denen, die solche Liebe verspüren und empfangen durften, nicht nur äußerlich, sondern innerlich. Von denen, die aus träger grüblerischer Untätigkeit geweckt worden sind zu frohem, tätigem Gehorsam gegen den lebendigen Willen Gottes. Von denen, die nicht nur ruhig, sondern fröhlich gestorben sind in der Zuversicht, daß der Tod ihnen nicht Vernichtung, sondern Vollendung bringe. Von Männern und Frauen müßten wir erzählen, von Gottesmenschen, die einen leuchtenden Namen haben in der Geschichte, von unbekannten, aber treuen und lebendigen Seelen und von armen Sündern, die in elfter Stunde in den Weinberg gerufen wurden, vielleicht ohne daß jemand eine Ahnung davon hatte [vgl. Mt. 20,1–16]. Von hohen heiligen Gedanken müßten wir reden, von Heldentaten und von stiller treuer Pflichterfüllung, von Lichtstrahlen, die in dunkle Seelen gefallen, und von Menschheitsnöten, die in der Kraft des Glaubens bekämpft und überwunden worden sind und noch werden. Es liegt ein unendlicher Reichtum in dieser Wahrheit, daß das Evangelium eine Kraft Gottes ist zum Heil, selig zu machen Alle, die daran glauben. Wir können heute diesen Reichtum nicht ausschöpfen, nur in den großen Hauptlinien und andeutend klar machen, was uns angeboten ist, was uns geschenkt wird im Evangelium. —

Seligkeit! Wir denken schon beim Klang des Wortes unwillkürlich an einen Zustand reinen vollkommenen Glückes. Seligkeit ist die Freude, die durch nichts mehr gestört, die durch nichts überboten werden kann. Wir alle tragen die Ahnung eines solchen Zustandes, die Sehnsucht danach in uns herum. Aus dem Unvollkommenen blicken wir hinüber ins Vollkommene, aus dem ewig Ungenügenden in die ewige Fülle, die wir nie gesehen und erfahren haben und an die wir doch glauben, eigentlich ohne unseren Willen. Wir glauben doch daran, indem wir sie in gewissen Stunden der aufrichtigen Selbsterkenntnis schmerzlich vermissen! Aber wir kommen nicht weiter als bis zu einem traurigen «wenn!» und «wäre!» und «möchte!», vielleicht enden wir sogar damit, daß wir darauf verzichten, selig zu werden. Wenn wir es nur könnten! Aber wir können gerade darauf nicht verzichten. Mit unserer |63 Unbefriedigung, unseren Zweifeln an uns selbst und an den Anderen und dem Wert des ganzen Lebens, mit unserer Traurigkeit und Sorge und Angst bezeugen wir, daß wir im Grunde durchaus nicht darauf verzichten, selig zu werden. Wir kommen nie dazu, das Böse, das Dunkle, Schwere, Traurige in unserem Leben als natürlich hinzunehmen. Etwas in uns lehnt sich dagegen auf und ruft nach etwas Anderem, ruft nach Seligkeit. Seligkeit ist die innere Harmonie, der innere Wohlklang des Lebens, die Befriedigung und Erfüllung der guten Triebe und Anlagen unserer Seele, das Erreichen der Ziele, die irgend als schön und gut uns aufgegangen sind — eben damit aber auch die Auflösung der Schwierigkeiten, die Beseitigung der Hindernisse, des Störenden, Widrigen, das unsere Seele belastet, den inneren Wohlklang trübt, jene Ziele uns verdeckt, uns von ihnen absperrt. Seligkeit ist Leben in der Fülle und darum Leben in der Freiheit. Denken wir uns alles Gute und Große in seiner ungehinderten Entfaltung: Licht, Liebe, Recht, Wahrheit, schöpferische Tätigkeit — das ist nicht die Seligkeit selber, aber was wir uns von der Seligkeit denken können. Was sie ist, können wir nur fühlen, innerlich erfahren und erleben, wenn sie uns angeboten und geschenkt wird. Wir sind zur Seligkeit geschaffen, wir Menschen. Selig zu sein ist unsere wahre, unsere tiefste Bestimmung. Mögen wir noch so oft daran zweifeln, auf sie verzichten wollen, wir spüren doch in jenen Augenblicken der Erfahrung, des Erlebnisses, wo wir nur durch die Türspalte hineinsehen, daß sie das wahrhaftige Leben ist. Der Gedanke daran wird uns entweder zur höchsten Freude, nämlich eben damit, daß ein Anfang davon uns gegeben wird in unser Leben hinein, oder zur höchsten Qual, wenn wir meinen: das ist nichts für mich! wenn wir uns traurig abwenden und dann doch jeden Tag spüren: das Beste, das Eine, was not tut, fehlt mir! Aber übersehen, auf die Seite stellen können wir diesen Gedanken nicht, er meldet sich immer wieder an.

Doch wir müssen viel mehr sagen von der Seligkeit. Wir haben sie jetzt in ein paar Worten beschrieben, wie wir sie uns denken können von uns aus gesehen, wie wir sie uns träumen, erhoffen, |64 ersehnen, als das, was wir unter Schmerzen vermissen und jetzt von Weitem zu erblicken meinen. Aber diese Seligkeit wäre nicht Seligkeit im Grunde. Seligkeit kann nicht so dem Zweifel, der Bangigkeit, dem Unglauben ausgesetzt sein. Seligkeit muß mehr sein als eine solche, wenn auch noch so tiefe und festgewurzelte Ahnung und Sehnsucht unseres Herzens. Selig sind wir, wenn das Vollkommene, die Fülle des Lebens, frei von allen Hindernissen und Beschränktheiten, vor uns steht als eine sichere unbedingte Tatsache, als etwas, was einfach da ist, gleichviel, ob wir gerade froh oder traurig sind, ob wir gerade siegen im Kampf um das Gute, oder ob wir in Angst und Not um diesen Sieg bangen müssen, gleichviel, ob unser Glaube gerade hohe Flammen schlägt, oder ob er bloß dem flehentlichen Augenauftun eines armen Kindes gleicht. Seligkeit ist, wenn wir das Vollkommene schauen mit unseren inneren Augen, aber so, daß wir nichts mehr hinzutun aus dem Eigenen. Nicht wir haben es erschaffen mit unseren Wünschen und Hoffnungen, darum können wir es aber auch nicht mehr verlieren. Wir gehen ganz auf in der Bewunderung und Verehrung des Übermächtigen, Großen, das da vor uns steht. Vor unserem Ich steht das große Du, und daß dieses Du dasteht als das Sicherste des Sicheren, das macht unsere Seligkeit aus, das macht uns ruhig, friedlich, freudig, das erfüllt uns mit der Gewißheit: nun lebe ich wahrhaft.

Dieses große Du, das der Grund unserer Seligkeit ist, ist Gott, ich brauche es wohl nicht mehr zu sagen. Gott ist ja die Wahrheit und Wirklichkeit des Vollkommenen. In ihm ist die Fülle des Lebens und die Freiheit von allem Beschränkten. Er ist alles Große und Schöne in ungehinderter Entfaltung. Er ist es, während wir es uns nur denken können, bloß in einzelnen Augenblicken einen Vorgeschmack davon bekommen. Ohne Gott können wir nicht selig werden. Er macht uns selig, indem er uns seine Kraft spüren läßt, oder indem er sich uns offenbart. Wir redeten das letzte Mal davon: er gibt sich uns zu erkennen durch das Evangelium. Er stellt sich vor uns hin, daß wir ihn sehen müssen. Er kommt an uns heran in unser Leben auf die mannigfachste Weise und sagt |65 uns: ich bin da, ich lebe, ich, die Liebe, die Wahrheit, das Recht, ich, die Vollkommenheit. Gott ist beständig daran, uns seine Kraft spüren zu lassen, sich uns zu offenbaren. Er, der Vollkommene, Ewige, lebt nicht in Selbstgenügsamkeit und Abgeschiedenheit, er wirkt und schafft an uns, er ist tätig von Ewigkeit zu Ewigkeit, und sein Ziel ist, uns mitzuteilen, was er selber ist. Und indem er es uns mitteilt, empfangen wir es, werden wir selig, wie Gott selig ist.

Nicht an Gott liegt es, wenn nicht schon unser ganzes Leben erfüllt ist von Seligkeit. Er will uns im Evangelium Alles schenken was er hat. Es liegt an uns. Wenn wir Gott immer anschauen, ihm immer und ununterbrochen still halten würden, wenn er zu uns redet, wenn er sich vor uns hinstellt, sich uns zeigen will, dann könnten wir schon jetzt ganz selig sein. Aber nun machen wir selber Lücken und Unterbrechungen. Wir sehen auf Anderes, Kleineres als ihn und halten es für wichtiger und notwendiger, als ihn zu haben. Wir lassen uns durch unbedeutende Freuden und Sorgen hindern an der Freude, ihn anblicken zu dürfen, und an der Sorge, diesen Anblick zu verlieren, der unsere einzige Freude und Sorge sein sollte. So ist unsere Seligkeit oft gehindert. Es folgen auf die Zeiten der Stärke und der Freudigkeit Zeiten des Nachlassens und der Angst, auf die Siege Niederlagen, auf das Triumphieren die Tränen der Sorge und des bösen Gewissens. Wir sind selig, aber unter Furcht und Zittern, wir wissen, daß unser Unglaube oft genug wieder zwischenhinein tritt, uns am ruhigen, stillen Auf-Gott-Sehen hindert, nicht als ob ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen möchte, nachdem ich vom Evangelium, von Jesus Christus ergriffen bin [Phil. 3,12].

Denn das bleibt nun auch wahr: wir sind schon selig, obwohl unsere Seligkeit oft und schwer gehindert ist durch uns selbst. Nachdem wir das Evangelium einmal mit einem herzlichen Ja gehört und in die Seele aufgenommen haben, nachdem wir Gottes einmal gewiß geworden sind durch seine Offenbarung, durch das, was er uns von sich selbst mitgeteilt, können wir nicht mehr unselig sein. Wir sind ganz anders dran als vorher, und wenn wir |66 auch noch so oft Gott wieder aus den Augen verlieren sollten. Wir sind nicht mehr angewiesen auf das, was wir etwa von uns aus wünschen und erstreben könnten — wir sagten schon, daß dieses Dichten und Trachten unseres Herzens, und wenn es das beste wäre, uns die Seligkeit nicht geben kann — wir kennen jetzt etwas Besseres. Ein heller Schein, nicht aus uns selbst, sondern von außen, von oben, von Gott her, ist in unser Herz gefallen [vgl. 2.Kor. 4,6], und dieser Schein bleibt auch, wenn es zeitweise wieder dunkel wird in uns. Gott hat uns zugesagt, daß wir zu ihm kommen, daß wir selig werden sollen, wir haben diese Zusage gehört, und sie bleibt auch, wenn wir töricht und verblendet zeitweise unsere Gedanken auf etwas Anderes richten als seine Gnade. Wir müssen dann in solchen Zeiten sofort spüren, was es heißt, seine Augen von Gott abwenden, was es heißt, durch eigene Schuld an der Seligkeit gehindert zu sein. Da stellen sich dann die Ängste ein und die Traurigkeiten, die Entgleisungen und schweren Verfehlungen, denen selbst die gottinnigsten Menschen nicht ganz entgangen sind. Da müssen wir diese unsere Schuld tragen und ihre Strafe dazu, und sie drückt uns schwerer als Alles, was uns plagte und drückte, bevor wir Gott und seine Liebe kannten. Und doch sind wir jetzt ganz anders dran als vorher. Wir wissen durch Alles hindurch, daß wir zu Gott gehören. Paulus hat diese Gewißheit einmal mit dem gewaltigen Worte ausgesprochen: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christus Jesus, unserem Herrn [Röm. 8,39]. Wenn wir das nicht bloß mit ihm sagen, sondern mit ihm erleben, dann sind wir selig schon jetzt im Kampf und in der Müdigkeit und in den Verirrungen unseres unvollkommenen irdischen Lebens.

Aber vielleicht haben wir zu schnell zu viel gesagt, wenn wir das so behaupten: Wer einmal Gottes Kraft gespürt im Evangelium, der ist und bleibt selig in Allem und durch Alles hindurch. Vielleicht haben wir uns zu viel angemaßt, indem wir uns so ohne weiteres mit Paulus auf jene Höhe stellen, wo man bekennt: wir wissen, daß denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten dienen [Röm. 8,28]. Das ist so bald gesagt, aber es ist eine Höhe, |67 auf der uns schwindeln kann. Sogar wenn wir schon fest und sicher dort oben stehen würden, würden wir gut tun, uns zu sagen: wer steht, der sehe zu, daß er nicht falle [1.Kor. 10,12]! Wir müssen von den Feinden reden, von denen unserer Seligkeit Gefahr droht, und davon, wie wir wirklich trotz dieser Feinde und im Sieg über sie selig sein und bleiben können.

Die Versuchung ist ein Feind. Die Versuchung ist die Gelegenheit, das Höhere, Bessere in uns zu verleugnen, töricht, boshaft, beschränkt, niedrig zu denken, zu reden, zu handeln. Solche Gelegenheiten lauern beständig auf uns, Tag und Nacht, Sonntag und Werktag. Kennen wir Gott nicht, steht er nicht als eine lebendige sichere Tatsache vor unseren Augen, so wie er im Evangelium sich uns darbietet, sind wir auf uns selbst angewiesen, auf unser bißchen Idealismus, wie man das nennt, d. h. auf unsere Überzeugung, unseren Eifer für das Gute, dann stehts bös mit uns: es ist unendlich viel wahrscheinlicher, daß wir das Böse tun als das Gute, denn wenn auch etwas in uns sich gegen das Böse auflehnt, so ist es uns eben doch viel natürlicher, selbstverständlicher, vorteilhafter, näher zur Hand liegend als das Gute, das uns so schwer und oft so unnütz erscheint. Ohne Gott gibt es keinen bewußten freudigen Sieg über die Versuchung.

Anders, wenn wir Gott kennen und haben. O ja, auch dann gibt es schwere Niederlagen und unendlich viele halbe, unbefriedigende Siege. Wie können wir Christen doch oft so schwer und tief fallen, wie können wir so lahm sein in unseren Entscheidungen zwischen gut und böse! Und doch ists etwas Anderes. Für den Gottlosen ist jede Versuchung, der er erliegt, ein Gewichtstein, der ihn nach unten zieht, eine Erfahrung der Scheidemauer, die ihn von der Seligkeit trennt. Indem er das Böse tut, das ihm natürlich ist, wird es ihm immer natürlicher, tiefer und tiefer gerät er in die Unreinheit, in den Unfrieden hinein. Ein Gottesmensch tut auch Sünde und tut sehr oft das Gute auch unvollkommen, aber die Last, die er damit sich selber auferlegt, wird ihn doch nicht zu Boden drücken, sondern wenn er wacht und betet, wird sie ihn gerade wieder dazu bringen, Gott aufs Neue anzuschauen, seine |68 Kraft auf sich wirken zu lassen und so aufs Neue der Seligkeit teilhaftig zu werden. In der Niedergeschlagenheit, in der Reue, die seinem Fall folgt, erlebt er, was der Andere nicht erlebt, auch wenn er vielleicht nicht schwerer gefallen ist, er lernt aus der Tiefe zu Gott rufen. Und indem er ruft, erhört ihn Gott. Und er ist durch den Fall nicht weg von Gott, sondern näher zu ihm hin gekommen. Denn er ist nun reicher an schmerzlicher Selbsterkenntnis; inniger, demütiger, völliger wird er sich von nun an an Gott anschließen und ihm allein vertrauen. Eben damit aber geht er auch fester, gewappneter der nächsten Versuchung entgegen. Er kennt einen Gott, zu dem er flehen kann: führe mich nicht in Versuchung [Mt. 6,13], laß mich nicht umkommen darin; und siegreicher oder doch ehrenvoller wird er aus den neuen Kämpfen hervorgehen. So bewährt sich die Seligkeit in der Versuchung, sie wird größer durch sie.

Die Not und die Sorge sind Feinde der Seligkeit. Menschen, die Gott nicht kennen, müssen es schon diese zwei dunklen Wolken über ihrem Leben unmöglich machen, selig zu sein. Der Druck gegenwärtigen und zukünftigen Leides, der doch über uns allen liegt, in stärkerem oder schwächerem Maße, er ist doch unvereinbar mit der Ruhe, der Freudigkeit, dem Frieden der Seligkeit. Ist Schmerz nicht das Gegenteil von Freude, Kummer das Gegenteil von Ruhe, Kampf und Not das Gegenteil von Frieden? Es gibt keine Seligkeit. Ja so scheint es, so müssen wir urteilen, solange wir Gott nicht angeschaut, uns nicht in Bewunderung und Verehrung ihm übergeben haben. So sehen die Dinge aus für eine gottlose Welt, für gottlose Menschen. Anders, wenn wir Gott kennen und liebhaben gelernt haben. O ja, auch für einen solchen Menschen wird das Leid, das da ist, und die Angst vor dem, das kommen könnte, zunächst etwas Bitteres sein. Es ist noch kein Gottesmensch dagewesen, der nicht trotz seiner innigen Verbindung mit Gott Stunden tiefen Seufzens durchgemacht hätte wie jeder Andere. Elias hat einmal in großer Bedrängnis gebetet: Es ist genug, Herr! so nimm nun meine Seele [1.Kön. 19,4]! Und Zwingli hat in ähnlicher Lage das Lied gedichtet, das mit den Worten an|69fängt: Herr, nun heb den Wagen selbst!1 Aber was unterscheidet das Kreuz des Gottesfreundes von dem, das der Gottesfremde tragen muß? Daß doch jener auch im Leid der Seligkeit nicht verlustig gehen kann. Er kann sich wohl dadurch beugen, nicht aber zerschmettern, vernichten lassen. Er wird ins Wanken gebracht, aber nicht aus der Bahn gebracht. Er hat in allem Elend einen Halt, den nämlich, daß das, was ihn drückt, nicht ein plumper Quaderstein ist, von fremder Schicksalsmacht in sein Leben geschleudert, sondern eben ein Kreuz, das vom Vater kommt. Und er weiß: das Kreuz verbirgt eine Herrlichkeit! auch wenn er es durchaus nicht immer, vielleicht nur in den seltensten Fällen versteht. Er kann beten:

Wenn ich auch gar nichts fühle
von deiner Macht,
du bringst mich doch zum Ziele
auch durch die Nacht!2

Und mit diesem Vertrauen, das sich einfach an Gottes Verheißung seiner Güte hält und sonst an gar nichts, geht es wirklich durch das dunkle Tal, durch die Nacht des Leides hindurch. Und was erfährt er dabei: Nicht nur, daß das Leid sein Innerstes, sein Höchstes nicht treffen und zerstören kann; im Gegenteil: äußerlich getroffen, verwundet, geängstet, betrübt, vielleicht bis zum Tode betrübt, ist er innerlich voll wachsender Freude, voll zunehmenden Friedens. Während ihm äußerlich genommen wird, was alle Welt als das Glück preist und was ihm selber früher unentbehrlich schien, wird er innerlich reifer, überlegener, stärker, freier zum Dienst Gottes und der Brüder. Er lernt bei Gott seine einzige Zuflucht sehen, und je mehr er es tut, desto mehr verwandeln sich unter seinen Händen die Steine in Gold, die schweren unbegreif|70lichen dunklen Führungen und Schickungen seines Lebens in leuchtende Erfahrungen der schöpferischen und fördernden Gottesgnade. So steht die Seligkeit da in Not und Sorge, die Seligkeit, die durch Gottes Kraft in uns geschaffen wird. Sie trägt, sie überwindet, sie lehrt uns, unser Kreuz auf uns nehmen und im Kreuz noch höhere, reinere Seligkeit finden.

Die Not der Brüder, das Unrecht in der Welt, die verkehrten Wege der Mitmenschen sind Feinde der Seligkeit. Jawohl, wenn wir auch sehr oft nicht daran denken, wenn wir auch sehr oft meinen: ich kann selig sein, ohne mich durch diese Dinge anfechten und kränken zu lassen, wenn wir uns auch sehr oft eine Religion wünschen, in der es sich immer nur um die Bedürfnisse und Erfahrungen unserer eigenen kleinen Seele handelt, als ob uns die Brüder, die Mitmenschen, die Welt punkto Seligkeit nichts angingen. Wir müssen da gründlich umdenken lernen, wenn wir es noch nicht getan haben. Wir dürfen nicht mehr, wie wir es so oft tun, trennen zwischen unserer eigenen Seligkeit und der Seligkeit der Anderen, der Nahen und der Fernen, mit denen wir nun einmal äußerlich und innerlich verbunden sind und zusammengehören. Immer wieder müssen wir uns nun der großen Wahrheit stellen: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit [1.Kor. 12,26]. Sieh einmal: da bist du, und du sagst mir vielleicht: ich bin selig, ich kenne und liebe Gott, ich habe Freude, Frieden, Ruhe und volles Genüge in ihm. So, aber nun höre: da sind neben dir so und so viele, die sind, gewiß auch durch ihre persönliche Schuld, aber jedenfalls auch durch die Verhältnisse, in denen sie leben, verhindert daran, dahin zu kommen, wo du jetzt stehst: Ungenügendes oder knappes Einkommen, schlechte Wohnungen, üble Sitten und Gewohnheiten halten sie wie umklammert, sie können nicht aus dem Treiben und Hasten des Irdischen hinaus, sie können nicht zum Aufatmen, zu einer rechten höheren Freude kommen, sie sind mühselig und beladen, zum größten Teil durch die Schuld Anderer. Was sagst du dazu? Willst du dich rasch darüber wegtrösten, ich bin darum doch selig und bleibe es? Da sind Tausende und Abertausende, die gehen auf Irrwegen, die leben in dumpfen |71 Lüsten, dumpfen Schmerzen dahin, und weder in der Freude noch im Leid werden sie Gott finden, wenn sie auf ihrem Wege weitergehen! Willst du wirklich sagen: ich bin doch selig! was gehen mich diese an? Da ist eine ganze Welt voll von grober und feiner Selbstsucht und Gewalttat; keine Märchen- und Phantasiewelt, mit der man Kinder erschreckt, sondern unsere wirkliche gegenwärtige Welt meine ich. Und diese Welt mit ihrer Art und ihrem Geist, ihren Gesetzen und Ordnungen hält Unzählige so umschnürt, daß die Seligkeit, über die du dich freust, für sie unmöglich ist, wenn nicht ein Wunder geschieht. Willst du wirklich sagen: ich bin zufrieden! ich bin mit Gott in Ordnung! würden nur Alle es so machen wie ich? O du! Sieh, wenn du wirklich meinst, das sei Seligkeit, dieser stille, schöne, zufriedene Genuß an Gott, den du dir da leistest und dem du den Gedanken an Alles, was da neben dir und da draußen geht, möglichst fernhalten möchtest, dann täuschest du dich. Erinnere dich daran: Seligkeit gibt es nur bei Gott und von Gott. Gott aber hat die Menschen — alle Menschen — und die Welt — die ganze Welt — lieb. Darum hat er uns ja seinen Sohn gegeben.

Wenn die Seligkeit darin besteht, daß wir mit Gott einig werden, dann müssen wir auch in dieser großen Liebe zu den Menschen, zu der Welt mit ihm einig werden. Und wenn wir nun sehen, wie die Menschen, die Welt bluten aus tausend Wunden, wenn wir die Tränen derer sehen, die Unrecht leiden unter der Sonne, die müde werden und zusammenbrechen unter verkehrten, gottlosen Verhältnissen, wenn wir die Dummheit und den Haß täglich am Werk sehen, um neues Unrecht, neue Leiden zu schaffen, dann dürfen wir nicht daran vorbeigehen, als ginge es uns nichts an. Eine Seligkeit, die das tut, mag irgend etwas Schönes sein, aber sie ist nicht Seligkeit, sie hat nichts mit Gott zu tun. Nur das ist die Seligkeit, die von Gott kommt, die alle jene Dinge wirklich und ernsthaft kennt als einen Feind, eine Beunruhigung, der die Not und das Unrecht in der Welt eine Frage, ein Zweifel, ein Rätsel ist. Brennen müssen sie uns in der Seele, die Fragen: habe ich es nicht noch viel zu gut neben so vielen Anderen? Tue ich |72 nicht viel zu wenig, daß etwas von dieser Not, diesem Unrecht beseitigt werde? Bin ich nicht vielleicht sogar an meinem Teil mitschuldig an so manchem Leid, so mancher Härte und Grausamkeit, unter der Andere seufzen? Es kommt zunächst nicht so sehr auf die Antworten an bei diesen Fragen, aber kennen müssen wir sie, zu schaffen machen müssen sie uns, Gewissensfragen müssen sie uns sein. Es muß uns die Frage auftauchen: ist nicht meine eigene Seligkeit bedroht durch alle diese Dinge? Paulus hat einmal das furchtbare Wort ausgesprochen: Ich will von Christus geschieden sein, wenn meine Brüder aus Israel verloren sein sollen [vgl. Röm. 9,3]. Das kann uns zeigen, in welcher Schärfe uns die Unseligkeit so vieler Anderer, die Unseligkeit der Welt zur Frage, zur quälenden Frage werden muß.

Aber freilich, wenn sie uns das geworden ist, dann darf und muß die Seligkeit auch hier triumphieren. Der Zweifel, das Rätsel, die Frage bleibt auch hier nicht das Letzte. Auch hier heißt es zuletzt: nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes [Röm. 8,39]. Der Gottlose ist diesen Dingen gegenüber völlig hoffnungslos, tatlos. Was will er tun? Gerade die Besten von denen, die den lebendigen Gott nicht kannten, sind gegenüber der Not und dem Unrecht in der Welt, die so übermächtig groß sind, dazu gekommen, daß sie es aufgaben, überhaupt an etwas Gutes zu glauben. Ohne Gott kann man nur die Waffen strecken vor den widrigen Mächten der Welt, vielleicht vergessen wollen, wie die Welt tatsächlich ist, vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar mitmachen, was die Welt macht. Anders wiederum, wenn wir Gott wirklich kennen und lieb haben. Dann werden wir zu einer ganz bestimmten Stellung zu der Not und dem Unrecht in der Welt getrieben. Vielleicht, daß wir selber irgendwo Hand anlegen und helfen können. Das ist das Erste. Sehr oft könnten wir durch die entschlossene Ausführung eines guten Gedankens eine Not wirklich lindern, ein Unrecht wirklich beseitigen, vielleicht viel öfter, als wir denken. Nur dürfen wir, wenn wir so persönlich und direkt irgendwo helfen, nicht dabei das Gefühl haben: jetzt kann ich mich wieder für eine Weile beruhigen, ich habe etwas getan. Ich warne vor |73 diesem Gefühl. Dann stimmts nicht. Es muß uns ums Helfen zu tun sein.

Vielleicht sehen wir: nein, die kleine Hilfe, die ich leisten kann, hilft im Grunde nichts, ist ein Tropfen auf einen heißen Stein. Wenn wir das einmal gemerkt haben, dann wird sich unsere Aufmerksamkeit der Hilfe im Großen in irgend einer Form zuwenden müssen, der Hilfe, bei der wir bloß als Einer unter Vielen mitwirken können. Aus diesem Gedanken heraus sind unsere wohltätigen Anstalten und Vereine entstanden und haben ja schon so manchen Schaden geheilt oder doch gelindert. Und noch wirksamere Arbeit zur Hilfe im Großen, zur Verbesserung der Verhältnisse im Allgemeinen tun die Genossenschaftsbewegung und die Arbeiterbewegung. Beide gehen unaufhaltsam ihren Gang, und wem die Nöte der Menschheit wirklich zu einer Gewissensfrage geworden sind, der muß einfach auch an diesen Dingen seine Freude haben. Aber freilich muß auch hier gewarnt werden vor der bequemen Entschuldigung: ich zahle hier einen Franken und dort drei, ich bin hier Mitglied und dort im Vorstand, ich hoffe auf bessere Zeiten und helfe dazu, daß sie kommen, aber im Übrigen gehen mich die Anderen nichts an. Was es allemal braucht, bei der Hilfe im Kleinen wie im Großen, das ist wirkliche Liebe. Wer diese Liebe hat, der ist und bleibt selig, mit Gott verbunden, mitten in dieser bösen Welt. Oft genug können wir ja überhaupt nicht helfen, weder im Kleinen noch im Großen. Es bleibt uns dann nur übrig, wenigstens zu protestieren gegen das Unrecht, wenigstens nicht mitzumachen, deutlich zu zeigen: ich bin nicht dabei. Und wenn vielleicht sogar das nicht geht, wenn wir schweigen und zusehen müssen, dann können wir wenigstens leiden, können die ganze Bitterkeit des Leides und Unrechts, unter dem Andere seufzen, auch auf unsere Seele nehmen, bis eines Tages aus dieser Bitterkeit Worte und Taten der Liebe werden dürfen. Nur eins dürfen wir nicht: nicht zufrieden werden, nicht annehmen, uns nicht beruhigen bei dem, wogegen die Liebe in uns sich auflehnen muß. Nehmen wir diese Stellung ein, dann sind und blei|74ben wir selig, mit Gott verbunden. Ein Gottesmensch kann nicht anders, als diese Stellung einnehmen.

Sollen wir noch mehr Feinde der Seligkeit aufzählen? Es gibt noch mehr. Einen, einen ganz großen, müssen wir wenigstens nennen, den Tod. Wie scheint er so recht das Gegenteil von Licht, Freude, Leben, von Seligkeit zu sein! Wie sind wir ihm gegenüber so rat- und hoffnungslos ohne Gott! Und wie wird uns mit Gott der Gedanke an ihn zuerst erträglich und dann zu einem Mittel, ja zum höchsten Mittel, unsere Seligkeit zu erfahren und zu vollenden! Ein ganzes weites Feld von neuen Gedanken tut sich uns da auf. Wir können es in der Stille, jeder für sich, abschreiten.

Was wollten wir zeigen mit alledem? Gottes Kraft schenkt uns im Evangelium etwas, das bleibt und hält durch Alles hindurch. Es bleibt doch dabei. Wir könnten nichts finden, wo wir sagen müßten: da versagt nun die Seligkeit, da hat sie ein Ende. Nein, sie gewinnt es, muß es gewinnen. Sie ist allen Feinden überlegen, sie zwingt alle Feinde in ihren Dienst. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes [Röm. 8,39]. So etwas Überlegenes, absolut Siegreiches kommt durch das Evangelium in unser Leben. Es kommt, wenn wir uns von Gottes Kraft berühren lassen, wenn wir ihn anschauen, ihm gehorsam werden. Kraft Gottes zum Heil Allen, die daran glauben. Von diesem Gehorsam des Glaubens wollen wir in der nächsten und letzten Predigt über unser Pauluswort etwas hören. Gott wolle es uns zu einem Gotteswort, einem Lebenswort werden lassen!

Amen.

Sachfußnoten

1
H. Zwingli, Ein geistlich lied um hilf und bystand in kriegsgefar (1529), in: Huldreich Zwingli’s Werke, hrsg. v. M. Schuler und J. Schultheß, Bd. II Abt. 2, Zürich 1832, S. 275f. 📖 ↩
2
Anfang der 3. Strophe des Liedes «So nimm denn meine Hände …» von J. v. Hausmann (1826–1901). 🎵↩