Predigt: Römer 1,16 (V)
«Kraft Gottes zum Heil» oder «Kraft Gottes selig zu machen», wie es in der
Übersetzung
Seligkeit! Wir denken schon beim Klang des Wortes unwillkürlich an einen Zustand reinen vollkommenen Glückes. Seligkeit ist die Freude, die durch nichts mehr gestört, die durch nichts überboten werden kann. Wir alle tragen die Ahnung eines solchen Zustandes, die Sehnsucht danach in uns herum. Aus dem Unvollkommenen blicken wir hinüber ins Vollkommene, aus dem ewig Ungenügenden in die ewige Fülle, die wir nie gesehen und erfahren haben und an die wir doch glauben, eigentlich ohne unseren Willen. Wir glauben doch daran, indem wir sie in gewissen Stunden der aufrichtigen Selbsterkenntnis schmerzlich vermissen! Aber wir kommen nicht weiter als bis zu einem traurigen «wenn!» und «wäre!» und «möchte!», vielleicht enden wir sogar damit, daß wir darauf verzichten, selig zu werden. Wenn wir es nur könnten! Aber wir können gerade darauf nicht verzichten. Mit unserer |63 Unbefriedigung, unseren Zweifeln an uns selbst und an den Anderen und dem Wert des ganzen Lebens, mit unserer Traurigkeit und Sorge und Angst bezeugen wir, daß wir im Grunde durchaus nicht darauf verzichten, selig zu werden. Wir kommen nie dazu, das Böse, das Dunkle, Schwere, Traurige in unserem Leben als natürlich hinzunehmen. Etwas in uns lehnt sich dagegen auf und ruft nach etwas Anderem, ruft nach Seligkeit. Seligkeit ist die innere Harmonie, der innere Wohlklang des Lebens, die Befriedigung und Erfüllung der guten Triebe und Anlagen unserer Seele, das Erreichen der Ziele, die irgend als schön und gut uns aufgegangen sind — eben damit aber auch die Auflösung der Schwierigkeiten, die Beseitigung der Hindernisse, des Störenden, Widrigen, das unsere Seele belastet, den inneren Wohlklang trübt, jene Ziele uns verdeckt, uns von ihnen absperrt. Seligkeit ist Leben in der Fülle und darum Leben in der Freiheit. Denken wir uns alles Gute und Große in seiner ungehinderten Entfaltung: Licht, Liebe, Recht, Wahrheit, schöpferische Tätigkeit — das ist nicht die Seligkeit selber, aber was wir uns von der Seligkeit denken können. Was sie ist, können wir nur fühlen, innerlich erfahren und erleben, wenn sie uns angeboten und geschenkt wird. Wir sind zur Seligkeit geschaffen, wir Menschen. Selig zu sein ist unsere wahre, unsere tiefste Bestimmung. Mögen wir noch so oft daran zweifeln, auf sie verzichten wollen, wir spüren doch in jenen Augenblicken der Erfahrung, des Erlebnisses, wo wir nur durch die Türspalte hineinsehen, daß sie das wahrhaftige Leben ist. Der Gedanke daran wird uns entweder zur höchsten Freude, nämlich eben damit, daß ein Anfang davon uns gegeben wird in unser Leben hinein, oder zur höchsten Qual, wenn wir meinen: das ist nichts für mich! wenn wir uns traurig abwenden und dann doch jeden Tag spüren: das Beste, das Eine, was not tut, fehlt mir! Aber übersehen, auf die Seite stellen können wir diesen Gedanken nicht, er meldet sich immer wieder an.
Doch wir müssen viel mehr sagen von der Seligkeit. Wir haben sie jetzt in ein paar Worten beschrieben, wie wir sie uns denken können von uns aus gesehen, wie wir sie uns träumen, erhoffen, |64 ersehnen, als das, was wir unter Schmerzen vermissen und jetzt von Weitem zu erblicken meinen. Aber diese Seligkeit wäre nicht Seligkeit im Grunde. Seligkeit kann nicht so dem Zweifel, der Bangigkeit, dem Unglauben ausgesetzt sein. Seligkeit muß mehr sein als eine solche, wenn auch noch so tiefe und festgewurzelte Ahnung und Sehnsucht unseres Herzens. Selig sind wir, wenn das Vollkommene, die Fülle des Lebens, frei von allen Hindernissen und Beschränktheiten, vor uns steht als eine sichere unbedingte Tatsache, als etwas, was einfach da ist, gleichviel, ob wir gerade froh oder traurig sind, ob wir gerade siegen im Kampf um das Gute, oder ob wir in Angst und Not um diesen Sieg bangen müssen, gleichviel, ob unser Glaube gerade hohe Flammen schlägt, oder ob er bloß dem flehentlichen Augenauftun eines armen Kindes gleicht. Seligkeit ist, wenn wir das Vollkommene schauen mit unseren inneren Augen, aber so, daß wir nichts mehr hinzutun aus dem Eigenen. Nicht wir haben es erschaffen mit unseren Wünschen und Hoffnungen, darum können wir es aber auch nicht mehr verlieren. Wir gehen ganz auf in der Bewunderung und Verehrung des Übermächtigen, Großen, das da vor uns steht. Vor unserem Ich steht das große Du, und daß dieses Du dasteht als das Sicherste des Sicheren, das macht unsere Seligkeit aus, das macht uns ruhig, friedlich, freudig, das erfüllt uns mit der Gewißheit: nun lebe ich wahrhaft.
Dieses große Du, das der Grund unserer Seligkeit ist, ist Gott, ich brauche es wohl nicht mehr zu sagen. Gott ist ja die Wahrheit und Wirklichkeit des Vollkommenen. In ihm ist die Fülle des Lebens und die Freiheit von allem Beschränkten. Er ist alles Große und Schöne in ungehinderter Entfaltung. Er ist es, während wir es uns nur denken können, bloß in einzelnen Augenblicken einen Vorgeschmack davon bekommen. Ohne Gott können wir nicht selig werden. Er macht uns selig, indem er uns seine Kraft spüren läßt, oder indem er sich uns offenbart. Wir redeten das letzte Mal davon: er gibt sich uns zu erkennen durch das Evangelium. Er stellt sich vor uns hin, daß wir ihn sehen müssen. Er kommt an uns heran in unser Leben auf die mannigfachste Weise und sagt |65 uns: ich bin da, ich lebe, ich, die Liebe, die Wahrheit, das Recht, ich, die Vollkommenheit. Gott ist beständig daran, uns seine Kraft spüren zu lassen, sich uns zu offenbaren. Er, der Vollkommene, Ewige, lebt nicht in Selbstgenügsamkeit und Abgeschiedenheit, er wirkt und schafft an uns, er ist tätig von Ewigkeit zu Ewigkeit, und sein Ziel ist, uns mitzuteilen, was er selber ist. Und indem er es uns mitteilt, empfangen wir es, werden wir selig, wie Gott selig ist.
Nicht an Gott liegt es, wenn nicht schon unser ganzes Leben erfüllt
ist von Seligkeit. Er will uns im Evangelium Alles schenken was er hat. Es
liegt an uns. Wenn wir Gott immer anschauen, ihm immer und ununterbrochen still
halten würden, wenn er zu uns redet, wenn er sich vor uns hinstellt, sich uns zeigen
will, dann könnten wir schon jetzt ganz selig sein. Aber nun machen wir selber Lücken
und Unterbrechungen. Wir sehen auf Anderes, Kleineres als ihn und halten es für
wichtiger und notwendiger, als ihn zu haben. Wir lassen uns durch unbedeutende
Freuden und Sorgen hindern an der Freude, ihn anblicken zu dürfen, und an der Sorge,
diesen Anblick zu verlieren, der unsere einzige Freude und Sorge sein sollte. So ist
unsere Seligkeit oft gehindert. Es folgen auf die Zeiten der Stärke und der
Freudigkeit Zeiten des Nachlassens und der Angst, auf die Siege Niederlagen, auf das
Triumphieren die Tränen der Sorge und des bösen Gewissens. Wir sind selig, aber unter Furcht und Zittern, wir wissen, daß unser Unglaube oft genug
wieder zwischenhinein tritt, uns am ruhigen, stillen Auf-Gott-Sehen hindert, nicht
als ob ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen
möchte, nachdem ich vom Evangelium, von Jesus Christus ergriffen bin [
Denn das bleibt nun auch wahr: wir sind schon selig, obwohl unsere
Seligkeit oft und schwer gehindert ist durch uns selbst. Nachdem wir das Evangelium
einmal mit einem herzlichen Ja gehört und in die Seele aufgenommen haben, nachdem wir
Gottes einmal gewiß geworden sind durch seine Offenbarung, durch das, was er uns von
sich selbst mitgeteilt, können wir nicht mehr unselig sein. Wir sind ganz anders dran
als vorher, und wenn wir
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auch noch so oft Gott wieder aus den Augen verlieren sollten. Wir sind nicht mehr
angewiesen auf das, was wir etwa von uns aus wünschen und erstreben könnten — wir
sagten schon, daß dieses Dichten und Trachten unseres Herzens, und wenn es das beste
wäre, uns die Seligkeit nicht geben kann — wir kennen jetzt etwas Besseres. Ein
heller Schein, nicht aus uns selbst, sondern von außen, von oben, von Gott her, ist
in unser Herz gefallen [vgl.
Aber vielleicht haben wir zu schnell zu viel gesagt, wenn wir das so behaupten: Wer
einmal Gottes Kraft gespürt im Evangelium, der ist und bleibt selig in Allem und
durch Alles hindurch. Vielleicht haben wir uns zu viel angemaßt, indem wir uns so
ohne weiteres mit Paulus auf jene Höhe stellen, wo man bekennt: wir wissen, daß
denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten dienen [
Die Versuchung ist ein Feind. Die Versuchung ist die Gelegenheit, das Höhere, Bessere in uns zu verleugnen, töricht, boshaft, beschränkt, niedrig zu denken, zu reden, zu handeln. Solche Gelegenheiten lauern beständig auf uns, Tag und Nacht, Sonntag und Werktag. Kennen wir Gott nicht, steht er nicht als eine lebendige sichere Tatsache vor unseren Augen, so wie er im Evangelium sich uns darbietet, sind wir auf uns selbst angewiesen, auf unser bißchen Idealismus, wie man das nennt, d. h. auf unsere Überzeugung, unseren Eifer für das Gute, dann stehts bös mit uns: es ist unendlich viel wahrscheinlicher, daß wir das Böse tun als das Gute, denn wenn auch etwas in uns sich gegen das Böse auflehnt, so ist es uns eben doch viel natürlicher, selbstverständlicher, vorteilhafter, näher zur Hand liegend als das Gute, das uns so schwer und oft so unnütz erscheint. Ohne Gott gibt es keinen bewußten freudigen Sieg über die Versuchung.
Anders, wenn wir Gott kennen und haben. O ja, auch dann gibt es schwere Niederlagen
und unendlich viele halbe, unbefriedigende Siege. Wie können wir Christen doch oft so
schwer und tief fallen, wie können wir so lahm sein in unseren Entscheidungen
zwischen gut und böse! Und doch ists etwas Anderes. Für den Gottlosen ist jede
Versuchung, der er erliegt, ein Gewichtstein, der ihn nach unten zieht, eine
Erfahrung der Scheidemauer, die ihn von der Seligkeit trennt. Indem er das Böse tut,
das ihm natürlich ist, wird es ihm immer natürlicher, tiefer und tiefer gerät er in
die Unreinheit, in den Unfrieden hinein. Ein Gottesmensch tut auch Sünde und tut sehr
oft das Gute auch unvollkommen, aber die Last, die er damit sich selber auferlegt,
wird ihn doch nicht zu Boden drücken, sondern wenn er wacht und betet, wird sie ihn
gerade wieder dazu bringen, Gott aufs Neue anzuschauen, seine
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Kraft auf sich wirken zu lassen und so aufs Neue der Seligkeit teilhaftig zu werden.
In der Niedergeschlagenheit, in der Reue, die seinem Fall folgt, erlebt er, was der
Andere nicht erlebt, auch wenn er vielleicht nicht schwerer gefallen ist, er lernt
aus der Tiefe zu Gott rufen. Und indem er ruft, erhört ihn Gott. Und er ist durch den
Fall nicht weg von Gott, sondern näher zu ihm hin gekommen. Denn er ist nun reicher
an schmerzlicher Selbsterkenntnis; inniger, demütiger, völliger wird er sich von nun
an an Gott anschließen und ihm allein vertrauen. Eben damit aber geht er auch fester,
gewappneter der nächsten Versuchung entgegen. Er kennt einen Gott, zu dem er flehen
kann: führe mich nicht in Versuchung [
Die Not und die Sorge sind Feinde der Seligkeit. Menschen,
die Gott nicht kennen, müssen es schon diese zwei dunklen Wolken über ihrem Leben
unmöglich machen, selig zu sein. Der Druck gegenwärtigen und zukünftigen Leides, der
doch über uns allen liegt, in stärkerem oder schwächerem Maße, er ist doch
unvereinbar mit der Ruhe, der Freudigkeit, dem Frieden der Seligkeit. Ist Schmerz
nicht das Gegenteil von Freude, Kummer das Gegenteil von Ruhe, Kampf und Not das
Gegenteil von Frieden? Es gibt keine Seligkeit. Ja so scheint es, so müssen wir
urteilen, solange wir Gott nicht angeschaut, uns nicht in Bewunderung und Verehrung
ihm übergeben haben. So sehen die Dinge aus für eine gottlose Welt, für gottlose
Menschen. Anders, wenn wir Gott kennen und liebhaben gelernt haben. O ja, auch für
einen solchen Menschen wird das Leid, das da ist, und die Angst vor dem, das kommen
könnte, zunächst etwas Bitteres sein. Es ist noch kein Gottesmensch dagewesen, der
nicht trotz seiner innigen Verbindung mit Gott Stunden tiefen Seufzens durchgemacht
hätte wie jeder Andere.
Und mit diesem Vertrauen, das sich einfach an Gottes Verheißung seiner Güte hält und sonst an gar nichts, geht es wirklich durch das dunkle Tal, durch die Nacht des Leides hindurch. Und was erfährt er dabei: Nicht nur, daß das Leid sein Innerstes, sein Höchstes nicht treffen und zerstören kann; im Gegenteil: äußerlich getroffen, verwundet, geängstet, betrübt, vielleicht bis zum Tode betrübt, ist er innerlich voll wachsender Freude, voll zunehmenden Friedens. Während ihm äußerlich genommen wird, was alle Welt als das Glück preist und was ihm selber früher unentbehrlich schien, wird er innerlich reifer, überlegener, stärker, freier zum Dienst Gottes und der Brüder. Er lernt bei Gott seine einzige Zuflucht sehen, und je mehr er es tut, desto mehr verwandeln sich unter seinen Händen die Steine in Gold, die schweren unbegreif|70lichen dunklen Führungen und Schickungen seines Lebens in leuchtende Erfahrungen der schöpferischen und fördernden Gottesgnade. So steht die Seligkeit da in Not und Sorge, die Seligkeit, die durch Gottes Kraft in uns geschaffen wird. Sie trägt, sie überwindet, sie lehrt uns, unser Kreuz auf uns nehmen und im Kreuz noch höhere, reinere Seligkeit finden.
Die Not der Brüder, das Unrecht in der
Welt, die verkehrten Wege der Mitmenschen sind Feinde
der Seligkeit. Jawohl, wenn wir auch sehr oft nicht daran denken, wenn wir auch sehr
oft meinen: ich kann selig sein, ohne mich durch diese Dinge anfechten und kränken zu
lassen, wenn wir uns auch sehr oft eine Religion wünschen, in der es sich immer nur
um die Bedürfnisse und Erfahrungen unserer eigenen kleinen Seele handelt, als ob uns
die Brüder, die Mitmenschen, die Welt punkto Seligkeit nichts angingen. Wir müssen da
gründlich umdenken lernen, wenn wir es noch nicht getan haben. Wir dürfen nicht mehr,
wie wir es so oft tun, trennen zwischen unserer eigenen Seligkeit und der Seligkeit
der Anderen, der Nahen und der Fernen, mit denen wir nun einmal äußerlich und
innerlich verbunden sind und zusammengehören. Immer wieder müssen wir uns nun der
großen Wahrheit stellen: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit
[
Wenn die Seligkeit darin besteht, daß wir mit Gott einig werden, dann müssen wir auch
in dieser großen Liebe zu den Menschen, zu der Welt mit ihm einig werden. Und wenn
wir nun sehen, wie die Menschen, die Welt bluten aus tausend Wunden, wenn wir die
Tränen derer sehen, die Unrecht leiden unter der Sonne, die müde werden und
zusammenbrechen unter verkehrten, gottlosen Verhältnissen, wenn wir die Dummheit und
den Haß täglich am Werk sehen, um neues Unrecht, neue Leiden zu schaffen, dann dürfen
wir nicht daran vorbeigehen, als ginge es uns nichts an. Eine Seligkeit, die das tut,
mag irgend etwas Schönes sein, aber sie ist nicht Seligkeit, sie hat nichts mit Gott
zu tun. Nur das ist die Seligkeit, die von Gott kommt, die alle jene Dinge wirklich
und ernsthaft kennt als einen Feind, eine Beunruhigung, der die Not und das Unrecht
in der Welt eine Frage, ein Zweifel, ein Rätsel ist. Brennen müssen sie uns in der
Seele, die Fragen: habe ich es nicht noch viel zu gut neben so vielen Anderen? Tue
ich
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nicht viel zu wenig, daß etwas von dieser Not, diesem Unrecht beseitigt werde? Bin
ich nicht vielleicht sogar an meinem Teil mitschuldig an so manchem Leid, so mancher
Härte und Grausamkeit, unter der Andere seufzen? Es kommt zunächst nicht so sehr auf
die Antworten an bei diesen Fragen, aber kennen müssen wir sie, zu schaffen machen
müssen sie uns, Gewissensfragen müssen sie uns sein. Es muß uns die Frage auftauchen:
ist nicht meine eigene Seligkeit bedroht durch alle diese Dinge?
Aber freilich, wenn sie uns das geworden ist, dann darf und muß die Seligkeit auch
hier triumphieren. Der Zweifel, das Rätsel, die Frage bleibt auch hier nicht das
Letzte. Auch hier heißt es zuletzt: nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes
[
Vielleicht sehen wir: nein, die kleine Hilfe, die ich leisten kann, hilft im Grunde nichts, ist ein Tropfen auf einen heißen Stein. Wenn wir das einmal gemerkt haben, dann wird sich unsere Aufmerksamkeit der Hilfe im Großen in irgend einer Form zuwenden müssen, der Hilfe, bei der wir bloß als Einer unter Vielen mitwirken können. Aus diesem Gedanken heraus sind unsere wohltätigen Anstalten und Vereine entstanden und haben ja schon so manchen Schaden geheilt oder doch gelindert. Und noch wirksamere Arbeit zur Hilfe im Großen, zur Verbesserung der Verhältnisse im Allgemeinen tun die Genossenschaftsbewegung und die Arbeiterbewegung. Beide gehen unaufhaltsam ihren Gang, und wem die Nöte der Menschheit wirklich zu einer Gewissensfrage geworden sind, der muß einfach auch an diesen Dingen seine Freude haben. Aber freilich muß auch hier gewarnt werden vor der bequemen Entschuldigung: ich zahle hier einen Franken und dort drei, ich bin hier Mitglied und dort im Vorstand, ich hoffe auf bessere Zeiten und helfe dazu, daß sie kommen, aber im Übrigen gehen mich die Anderen nichts an. Was es allemal braucht, bei der Hilfe im Kleinen wie im Großen, das ist wirkliche Liebe. Wer diese Liebe hat, der ist und bleibt selig, mit Gott verbunden, mitten in dieser bösen Welt. Oft genug können wir ja überhaupt nicht helfen, weder im Kleinen noch im Großen. Es bleibt uns dann nur übrig, wenigstens zu protestieren gegen das Unrecht, wenigstens nicht mitzumachen, deutlich zu zeigen: ich bin nicht dabei. Und wenn vielleicht sogar das nicht geht, wenn wir schweigen und zusehen müssen, dann können wir wenigstens leiden, können die ganze Bitterkeit des Leides und Unrechts, unter dem Andere seufzen, auch auf unsere Seele nehmen, bis eines Tages aus dieser Bitterkeit Worte und Taten der Liebe werden dürfen. Nur eins dürfen wir nicht: nicht zufrieden werden, nicht annehmen, uns nicht beruhigen bei dem, wogegen die Liebe in uns sich auflehnen muß. Nehmen wir diese Stellung ein, dann sind und blei|74ben wir selig, mit Gott verbunden. Ein Gottesmensch kann nicht anders, als diese Stellung einnehmen.
Sollen wir noch mehr Feinde der Seligkeit aufzählen? Es gibt noch mehr. Einen, einen ganz großen, müssen wir wenigstens nennen, den Tod. Wie scheint er so recht das Gegenteil von Licht, Freude, Leben, von Seligkeit zu sein! Wie sind wir ihm gegenüber so rat- und hoffnungslos ohne Gott! Und wie wird uns mit Gott der Gedanke an ihn zuerst erträglich und dann zu einem Mittel, ja zum höchsten Mittel, unsere Seligkeit zu erfahren und zu vollenden! Ein ganzes weites Feld von neuen Gedanken tut sich uns da auf. Wir können es in der Stille, jeder für sich, abschreiten.
Was wollten wir zeigen mit alledem? Gottes Kraft schenkt uns im Evangelium etwas, das
bleibt und hält durch Alles hindurch. Es bleibt doch dabei. Wir könnten nichts
finden, wo wir sagen müßten: da versagt nun die Seligkeit, da hat sie ein Ende. Nein,
sie gewinnt es, muß es gewinnen. Sie ist allen Feinden überlegen, sie zwingt alle
Feinde in ihren Dienst. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes
[