8. März 1914

Predigt: Matthäus 26,57–75

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Jesus vor dem hohen Rat — Verleugnung des Petrus
Matthäus 26,57–75
Liebe Freunde!

Was für jammervolle Bilder bietet uns der Abschnitt der Leidensgeschichte, den wir soeben gehört haben: Jesus unter der falschen boshaften Klage seiner Feinde und: Jesus verleugnet von seinem besten Freunde. Die menschliche Gemeinheit macht sich gewaltig breit in den Ereignissen, die uns da geschildert werden: Gemeinheit bei jenen fanatischen Priestern, die zu Gericht sitzen und doch nicht das Recht suchen, sondern den Untergang dessen, den sie nicht verstehen konnten und wollten. Gemeinheit aber auch bei dem unglücklichen Petrus, der nicht genug Stärke besitzt, um gegenüber dem neugierigen Volk im Hof des Hohenpriesterhauses zu bekennen, was er ist: ja, ich bin auch einer von denen!

Man kommt vor diesen und ähnlichen Bildern der Leidensgeschichte Jesu in Versuchung, sich vor Allem bei der menschlichen Schwachheit und Verdorbenheit, die darin zum Vorschein kommt, aufzuhalten. Unwillkürlich sagt man sich, wenn man diese Geschichten mit ehrlichen Augen liest: ja, so sind die Menschen, nicht nur die damaligen, auch die heutigen, auch wir. Sie werden uns zum Spiegel der Selbsterkenntnis. Die Leidensgeschichte Jesu wird uns zur Sündengeschichte der Menschen. Diese Art, sie zu betrachten, hat ihr gutes Recht. Es besteht kein Zweifel, daß schon die, [die] diese Geschichten zuerst aufschrieben, so wie sie uns jetzt überliefert sind, die Evangelisten — vielleicht mit Ausnahme des vierten! —, daß schon sie hauptsächlich von dem Gedanken erfüllt waren: Seht, so konnte die menschliche Torheit und Bosheit überhandnehmen. Wir redeten schon vor vierzehn Tagen davon: das Kreuz und Leiden des Heilands macht uns klar, wohin es mit uns Menschen kommen kann. Es wird uns zum Urteil und Gericht, wenn wir seine Sprache hören und verstehen wollen.

Und doch wäre es nicht gut, nur diesem oder vor Allem die|117sem Gedanken nachzugehen. Jesus muß uns in der Mitte aller dieser Bilder stehen, dann haben wir sie recht aufgefaßt. Nicht das ist das Außerordentliche an der Leidensgeschichte, daß da die menschliche Schlechtigkeit so überaus groß geworden ist, sondern das, daß da das göttliche Gute inmitten all der Schlechtigkeit sich als noch unendlich viel größer erwiesen hat. Jesus, wie er gesiegt und triumphiert hat über Alles, was ihn scheiden wollte von der Liebe Gottes, das ist der Inhalt der Leidensgeschichte. Das ist der Segen, den sie immer wieder enthält, daß wir da sehen können: das Böse ist groß in der Welt, aber das Gute ist noch größer — der Teufel ist stark, aber Gott ist noch stärker. Das ist ja eigentlich das Traurige, Unbefriedigende, Unvollkommene in unserem Leben, daß wir das nicht glauben von ganzem Herzen: das Gute ist größer, Gott ist stärker! Solange wir das nicht glauben, werden wir immer im Grunde unglücklich sein. Wenn wir das glauben lernen, werden wir frei und fröhlich und sicher. Nun, die Leidensgeschichte Jesu will uns diesen Glauben mitteilen. Nichts in der Welt kann uns zuversichtlicher und fester machen in dieser einen Hauptsache unseres Lebens als das Kreuz Jesu. Es redet uns vom Siege Gottes über alles törichte und böse Menschenwesen. So wollen wir auch unseren heutigen Abschnitt ansehen. Wir wollen wiederum vor Allem von Jesus reden, nicht von dem fanatischen Hohenpriester und nicht von dem charakterlosen Jünger.

Wir hören da, wie Jesus leiden mußte unter schlimmen Worten. Zuerst unter den schlimmen Worten seiner Feinde. Wir wollen für jetzt beiseite lassen, was ihm an Mißhandlungen und gemeinen tätlichen Beleidigungen nachher angetan wurde. Ärger war das, was er hören mußte. Er mußte mit anhören, wie man unter dem scheinheiligen Gewand der Gerechtigkeit sucht, wie man etwas gegen ihn vorbringen könne. Wie man seine Worte verdrehte, bis sie einen törichten, wahnwitzigen Sinn hatten, wie man drehte, bis sie einen törichten wahnwitzigen Sinn hatten, wie man ihm die dann vorhielt: das hast du gesagt, wie verantwortest du das? Er mußte hören, wie das, was ihm das Innerste, Heiligste war, plump und gemein hervorgezogen wurde, wie er aufgefordert |118 wurde, das höchte Geheimnis seines inneren Lebens dem verständnislosesten, übelwollendsten Urteil preiszugeben. Wie man schließlich den Stab über ihn brach: Lästerung! Gotteslästerung! ihn, der mit jeder Fiber seines Wesens nur für Gottes Ehre lebte und redete. Das war das große Leid, das ihm in jener Nacht angetan wurde: grundfalsches, grundverkehrtes, grundunehrliches Anklagen und Urteilen über sich ergehen lassen zu müssen. Worte, böse Worte sind nicht Luft, das wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Worte können stechen, schlagen, vergiften, krank machen. Jawohl, wir sollen es schließlich gewinnen auch über böse Worte. Aber zunächst leiden wir einfach unter ihnen, das ist eine Tatsache. Auch für Jesus waren jene bösen Worte nicht einfach Luft. Wir würden uns sehr irren, wenn wir uns den Zustand seines Inneren, als er dort vor seinen verblendeten Richtern stand, vorstellen wollten als einen Zustand kalter, gleichgültiger, gläserner Ruhe. Wenn irgendjemand, so mußten Jesus solche Anklagen und Urteile weh tun, bitter weh.

Unsereins kennt in solcher Lage Manches, was diese Bitterkeit wenn nicht beseitigt, so doch mildert. Wenn wir klug sind, werden wir uns bei jedem ungerechten bösen Wort gegen uns sagen: etwas Wahres wird wohl daran sein, und ich will suchen, auch aus dem bösen Wort etwas Gutes zu lernen. Wenn wir töricht sind, bäumen wir uns auf gegen das, was man von uns sagt, vergelten Haß mit Haß, Gift mit Gift, Schimpfwort mit Schimpfwort. Beides gibt uns einen gewissen Trost im Leid. Beides konnte Jesus dort nicht tun. Er war zu groß und zu rein, als daß er aus den wilden, leidenschaftlichen Anklagen seiner Feinde etwas hätte lernen können, er stand völlig, aber auch völlig über diesen Anklagen. Und er war erst recht zu groß und zu rein, als daß er sich durch Gegenhaß und Gegengift hätte Luft machen mögen. Jesus konnte nur leiden in jener Nacht. Ein Mensch, der es gut gemeint, der nur das Wahre und Rechte angestrebt hat, ein Mensch, dem die Fähigkeit zu widerstreben und zu vergelten abgeht, kann nur leiden in solcher Lebenslage. Wie ein Kind, dessen Vertrauen man getäuscht und betrogen hat, eben nur tief entsetzt |119 und betrübt sein kann. Jesus war ein reines Kind in dieser Beziehung. Mehr als wir alle. Wir dürfen uns gerade hier nur mit größter Vorsicht und Zurückhaltung neben ihn stellen und sagen: es geht uns oft auch so. Wir müssen auch oft leiden unter ungerechten bösen Worten! Ja, das ist schon wahr, aber es fehlt uns Jesu Schuldlosigkeit und Jesu Wehrlosigkeit, und da sind wir ihm sehr unähnlich, auch wenn es uns noch so schlimm geht.

Für Jesus stand doch viel mehr auf dem Spiel als seine eigene Person, als die Frage, ob man ihn haßte oder liebte, ob man ihm Recht oder Unrecht gab, ob er ehrenvoll oder in Schanden aus dieser Sache hervorgehen würde. Das sind die Sachen, die uns interessieren in solcher Lage, nicht wahr? Jesus aber mußte Gottes Sache angegriffen, geschmäht, verworfen sehen in dem, was man da gegen ihn vorbrachte. Wie mußte es ihn, der voll von Licht und Liebe und gutem Willen war, der so ganz nur auf das sah, was Gott wollte, wie mußte es ihn schmerzen, aufregen im Tiefsten seines Wesens, zu sehen, wie diese Menschen so fern waren davon, auch nur im Geringsten lernen und annehmen, ja auch nur verhandeln zu wollen mit ihm! Sie wollten nicht reden mit ihm; wenn sie es gekonnt hätten, hätten sie ihn überhaupt nicht angehört, sie wollten ihn vernichten. Und wie sie ihn der Förmlichkeit halber verhören mußten, wollten sie ihn von vornherein mißverstehen. Kein Wunder, daß es ihnen gelang. Man kann das Göttlichste, Schönste in der Welt mißverstehen, wenn man einmal will, nichts ist leichter als das. Und so ging die Botschaft Jesu, der reine, schöne, volle Glockenton seiner Seele unter in dem wüsten Getümmel von Niedrigkeit, Beschränktheit und Lüge. Wie mußte ihn dieser Vorgang schmerzen, nicht um seinetwillen, aber um der guten Sache willen, die er vertrat! Was für ein Mißerfolg, was für eine Niederlage! Sicher hat Jesus schon dort in seinem Innwendigen geseufzt: Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen [Mt. 27,46]? Sollte denn das das Ende der Wahrheit sein, daß sie zurückweichen, scheitern mußte an der menschlichen Verdorbenheit? Das Ende der Wahrheit, die die Menschen frei machen wollte von der Verdorbenheit? Grausamer Widerspruch!

120Nur in ganz seltenen Fällen erleben wir vielleicht etwas Ähnliches. Gewöhnlich, wenn man uns mißversteht, beleidigt, Unrecht tut mit bösen Worten, handelt es sich nur um unsere eigene kleine Person. Nur unser guter Ruf steht auf dem Spiel, mehr nicht. Ab und zu vielleicht einmal ist es anders: da handelt es sich nicht um uns und unsere Ehre: die Wahrheit an sich, das Recht, der Fortschritt, die Ehre Gottes stehen auf dem Spiel, und wir müssen zusehen, wie wir um ihretwillen heruntergezogen und verurteilt werden. Wo es an dem ist, da haben wir dann wirklich mitzutragen am Leiden Christi.

Wir müssen nun sehen, wie Jesus sein Leiden getragen und überwunden hat. Wir hören sehr wenig darüber in unserer Geschichte. Lange hat Jesus nichts getan als geschwiegen. Dann auf die direkte Frage des Hohenpriesters: Sage uns, ob du der Christus, der Messias, der Sohn Gottes bist? die kurze triumphierende Antwort : du sagst es! Indem du mich anklagst, sprichst du die Wahrheit aus und die Versicherung: binnen Kurzem werdet ihr die Sache Gottes siegreich sehen. Das ist wenig, und doch verraten uns diese wenigen Züge gerade genug.

«Jesus aber schwieg.» Wieviel ist doch schon in dieser einen Tatsache enthalten! Wenn man uns anficht, so meinen wir: selbstverständlich muß ich doch darauf antworten. Und dann führen wir also unsere Gegenrede, und dann redet wieder der Andere, und dann gehts hin und her, und die Anklagen fliegen von einer Seite auf die andere, wie wenn Kinder Ball spielen. Zuletzt weiß Keiner mehr sicher, wer denn nun Recht hat. Sogar wenn wir am Anfang Recht gehabt haben, haben wir es manchmal nicht mehr am Ende eines solchen Streitgesprächs, darum weil wir es nicht [in] einem guten Sinn geführt, darum vielleicht, weil wir nicht lieber überhaupt geschwiegen haben. Jesus aber schwieg. Und wenn wir vielleicht nicht sofort antworten auf böse Worte mit Erklärungen, Entschuldigungen und Gegenanklagen, wenn wir es vielleicht über uns bringen, im Augenblick still zu sein, so sind wirs doch sicher nachher nicht, da wandern wir vom einen zum anderen: denkt, das hat man mir gesagt, und so hat man mirs gemacht. Es |121 muß dann doch noch Alles heraus; wir meinen, die Wahrheit und die Gerechtigkeit verlange es. Jesus aber schwieg. Das ist der große Unterschied. Wenn wir unter bösen Worten zu leiden haben, meinen wir reden zu müssen. Jesus hat geschwiegen.

Wir dürfen wiederum nicht denken, das sei Gleichgültigkeit gewesen, als ob Jesus etwa unter der Last jener gemeinen Anklagen sein Amt als Wahrheitszeuge niedergelegt hätte. Wir machen es unter Umständen so, daß wir, wenn es uns zu arg wird, Schluß machen: so, jetzt sage ich nichts mehr, jetzt kümmere ich mich um keinen Menschen mehr. Aber das ist nicht Heilandsart! Jesus hat auch nicht aus Verachtung geschwiegen. Es gibt eine Art, in solchen Fällen zu schweigen, die ist nur ein Deckel auf einem kochenden Gefäß von Groll, Zorn und Rachsucht. Ein solches Schweigen eines beleidigten Menschen kann etwas Entsetzliches haben. Aber das Schweigen Jesu war nicht von dieser Art. Jesus hat keinen Augenblick seinen hohen Beruf aufgegeben, ein Licht zu sein in der dunklen Welt, auch in jenen Augenblicken nicht, wo er schwieg unter dem Getümmel des Mißverständnisses und der Bosheit. Er schwieg, weil er durch Schweigen dort mehr sagen konnte als durch Reden. Er schwieg, weil er einsah, daß er dem Bösen dort mit Worten doch nicht beikommen konnte. Es wäre verlorene Mühe gewesen, mit Kaiphas und seinen Leuten disputieren zu wollen. Wohl aber konnte er ihnen durch Schweigen zeigen: ich bin nicht der, für den ihr mich haltet oder den ihr aus mir machen wollt. Sie wollten einen ehrsüchtigen, aufrührerischen Neuerer, einen Verbrecher gegen Gott und das Gesetz aus ihm machen. Er schweigt und sagt ihnen damit: ich bin kein Verbrecher! ein solcher würde sich verteidigen, sich zu retten suchen, ich habe dazu keinen Anlaß. Jetzt, wo Alles darauf ankäme, sich herauszureden, sich zu wehren mindestens, wie selbst der getretene Wurm sich krümmt, jetzt läßt Jesus sie klagen und zeugen gegen ihn. Sein Schweigen soll ihnen antworten: Meine Sache ist Gottes Sache! Was könnt ihr gegen Gott tun? Das war ja überhaupt der Kern und die Hauptsache an dem Verhalten Jesu: er verließ sich auf Gott. Was heißt das: er verließ sich auf |122 Gott? Das heißt: er hatte in sich das felsenfeste Vertrauen, daß die Macht der Wahrheit groß genug sei, um auch diesen feindseligen Ansturm zu überwinden. Und dieses Vertrauen in ihm war stärker als die leidenschaftlichen Gedanken, die durch das ihm angetane Unrecht in ihm aufgewühlt wurden. Wäre1 er diesen Gedanken gefolgt, dann hätte er jetzt reden, sich verteidigen, wieder anklagen müssen. Daß Jesus dort schwieg, kann uns zeigen, wie stark er an das Recht seiner Sache glaubte. Er konnte ihr einfach den Lauf lassen mitten in ihrem scheinbaren Untergang in der Gewißheit, sie gewinnt es schließlich.

O meine Freunde, wenn wir manchmal schweigen könnten, wenn man uns Unrecht tut, wenn wir vielleicht ein klein wenig auch zu leiden haben, was Jesus litt! Wenn wir schweigen könnten in dem Sinn, wie Jesus es tat! Wenn unser Schweigen unsere Waffe wäre, durch die wir unsere Widersacher überführen würden: siehst du, du bist im Unrecht, siehst du, ich brauche mich gegen solche Vorwürfe nicht zu verteidigen! Aber dazu müßten wir uns freilich auch so auf Gott verlassen, wie Jesus es getan hat, wir müßten auch so überzeugt sein: Recht bleibt Recht, wahr bleibt wahr, auch ohne mein Reden, Erklären und Verteidigen. Wir müssen unser innerstes Verhältnis zu Gott prüfen und ändern, wenn wir auch so hoch und vornehm und stark dastehen wollen im Pfeilhagel der bösen Worte, wie Jesus es getan hat.

Aber Jesus hat nicht nur geschwiegen in jener Nacht, er hat einmal, als es darauf ankam, auch geredet, Bekenntnis abgelegt: ich bin Gottes Sohn! obwohl er wußte, daß er auch damit nicht verstanden, daß ihm gerade dieses Wort äußerlich zum Verhängnis werden würde. Warum hat Jesus auf die zudringliche Frage des Hohenpriesters nicht auch geschwiegen? Warum hat er das, was das feinste, reinste Geheimnis seiner Seele war, sein Verhältnis zum Vater, mit Worten ausgesprochen und damit ausgeliefert an eine Rotte, die dieses Bekenntnisses nicht wert war? Wir können nur das sagen: Schweigen wäre auf jene Frage eine undeutliche |123 Sprache gewesen. Vorher, als man Lügen und Verdrehungen gegen ihn vorbrachte, und nachher, als man ihn mit Absicht wieder mißverstanden hatte, da war Schweigen das Deutlichste und Klarste, was Jesus sagen konnte. Wenn noch ein nicht abgestumpftes Gewissen unter seinen Klägern und Richtern war, dann mußte es durch sein Schweigen betroffen werden, wirksamer als durch alle Worte. In dem Augenblick aber, wo er gefragt wurde, unter feierlicher Anrufung Gottes sogar: bist du der von Gott Gesandte? da wäre Schweigen zweideutig gewesen. Er hat am Tag darauf, auch auf die Frage des Pilatus: Bist du der Juden König? geantwortet: du sagst es! während er auf alle anderen Klagen, Fragen und Beleidigungen geschwiegen hat [Mt. 27,11–14].

Beidemal hat er sicher nicht darum geantwortet, weil er seinen Richtern das Recht zugestanden hätte, ihn so zu fragen. Beidemal hat er gewußt, daß seine Worte ihm schaden mußten. Ein kluger Fürsprecher von heutzutage würde ihm wahrscheinlich beidemal geraten haben, gerade auf diese Fragen die Antwort zu verweigern. Er gab seinen Feinden damit die stärkste Waffe in die Hand, daß er redete. Sein eigenes Gewissen war es, das ihn zwang zu reden. Er konnte es nicht zugeben, daß er eine Frage dieser Art auf Ja oder Nein, mochte sie auch aus noch so unberufenem Munde kommen, unbeantwortet ließ. Daß Gott ihn gesandt habe und daß er in seinem Namen rede, das war ja die Grundüberzeugung seines Lebens. Er mußte sagen: es ist so! wenn man ihn danach fragte. Er mußte: eine innere Notwendigkeit, die große Wahrhaftigkeit seines Wesens trieb ihn dazu. Er fragt nicht nach dem, was die Leute über ihn meinen und sagen könnten, aber für sein eigenes Gefühl und Urteil wäre es Verleugnung gewesen zu schweigen, diesmal zu schweigen. Wir verstehen sein vorheriges Schweigen erst, wenn wir verstehen, daß er jetzt reden mußte. Freilich müßten wir das feine Gefühl und Urteil Jesu besitzen, um ganz zu begreifen, wie und warum er so handelte: jetzt so und jetzt so. Nur das ist sicher: beides kam aus derselben Quelle, und beides diente demselben Zweck: Jesus wollte noch einmal und auch in diesem Dunkel sein Licht leuchten lassen, das eine Mal so, das andere |124 Mal so. Jetzt hieß es: ich glaube, darum schweige ich! und jetzt: ich glaube, darum rede ich [vgl. 2.Kor. 4,13].

Wir müssen auch für unser eigenes Leben Gefühl und Urteil bekommen: wann ist das Eine geboten und wo das Andere? Es gibt eine Grenze, da fängt eine andere Stellung und Haltung zu den bösen Worten an. Da hat das Schweigen, wie wir es vorher beschrieben haben, kein Recht und keinen Sinn mehr, da müssen wir etwas sagen. Wir dürfen nicht denken, daß wir erst dann reden sollen und dürfen, wenn wir auf einen sicheren Erfolg mit unseren Worten rechnen dürfen. Was klug ist vor den Menschen, ist oft töricht vor Gott. Jesus hat nicht nach menschlicher, sondern nach göttlicher Klugheit geschwiegen und geredet. Göttliche Klugheit ist es, zu reden, wenn das Gewissen uns sagt: jetzt geht es um die Wahrhaftigkeit, jetzt muß du klar, deutlich, unzweideutig aussprechen, was du denkst, sonst bist du mit deinem vermeintlich klugen Schweigen ein Lügner. Wir können jetzt nicht für jeden einzelnen Fall bestimmen, wo diese Grenze ist. Es kann uns oft, wenn wir so zu leiden haben unter bösem Wort und Urteil, wirklich recht schwer werden, zu entscheiden: was ist nun das Richtige? Es wird immer dann das Richtige sein zu reden, wenn wir mit gutem Gewissen sagen können: jetzt rede ich nicht um meiner Person, sondern um der Sache willen, es ist mir jetzt nicht um mich zu tun, sondern um das, was wahr und recht ist und was gelten soll. Es wird in den meisten Fällen Beides beieinander sein müssen im Leiden eines Christen: das Schweigen und das Reden. Schweigen müssen wir, weil wir uns auf Gott verlassen, reden müssen wir, weil wir Gott gehorsam sein möchten. Jetzt muß das Eine und jetzt das Andere hervortreten. Jesus ist uns vorangegangen darin, Beides am rechten Ort, zur rechten Zeit zu tun nach göttlicher Klugheit. Das ist das Große, Vorbildliche an seinem Leiden, an der Art, wie er sein Leiden getragen und überwunden hat.

Was für Erfolg? Nicht so fragen. Göttliche Klugheit hat Erfolg in sich selbst. Wer im Leiden sich so verhält wie Jesus, der hat |125 den Trost, daß er zu Gott gehört. Zufriedengeben mit der geheimnisvollen Tatsache dieser Erfahrung.

Und doch Wirkungen. Glieder des Hohen Rates? Petrus. Seine Verleugnung das Schmerzlichste von Allem. Erfahrungen mit Freunden: Anlaß zu feindseligem Reden und Schweigen. Nicht so: das Göttliche rein wirken lassen, Jesus geht seinen Leidensweg auf seine Weise, der Gedanke an ihn (Anblick?) ruft den Petrus zur Besinnung, zur Reue, Umkehr und neuem Leben. Unsichtbare Wirkung des Christusleidens.

Darum Vertrauen haben auf seine Kraft. Menschenworte tun weh, aber ihre Macht ist nicht die größte. Auf Gottes Wort hören. Im Gehorsam gegen Gott leiden unter ihnen und siegen über sie wie Jesus.

Sachfußnoten

1
Mskr.: Hätte.↩