Predigt: Psalm 130,1-4
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir! betet der Psalmsänger.
Es sind viele unter uns, die können mitfühlen bei diesem «aus der Tiefe». Sie wissen,
wie das ist «in der Tiefe». Und Andere sind da, die verstehen vielleicht im
Augenblick noch nicht ganz, was gemeint ist, aber sie sind, ohne es zu wissen,
tatsächlich in dem Zustand, den der Psalmsänger meint: «in der Tiefe». In einem
dunklen Tal, dessen Ausgang wir nicht sehen. Auf einem steinigen Weg mit vielen
Krümmungen. Zu unseren Füßen einen wilden rauschenden Fluß. Und links und rechts hohe
steile schwarze Berge, über die wir nicht hinwegsehen und noch weniger hinwegkommen
können. Etwa wie in der
Das Eine mag jetzt an seine Arbeit denken zu Hause und auf dem Feld, die ihm so viel zu tun gibt, von der es so müde wird, die sein Leben so ausfüllt vom Morgen bis an den Abend und bei der doch oft so wenig herauskommt. Das Andere denkt jetzt an seine Geldsorgen. Wie das Jahr so schlecht ist, das Wetter so ungünstig und auch der übrige Verdienst so schmal, wie solls |362 gehen mit den vielen Kindern und mit dem Zins, der bezahlt sein will? Wieder Eins seufzt: wenn ich nur gesund wäre und machen könnte, wie ich wollte, wie wollte ich dann froh und zufrieden sein, aber wie ist das langweilig und trostlos, so ein Übel immer mit sich schleppen zu müssen! Und wieder ein Anderes hat Familiensorgen: es stimmt etwas nicht mit einem lieben Menschen, und bange denkt es: wie wird es auch herauskommen? und was wird daraus werden? Und dann sind solche, die sich allein fühlen, die niemand haben, der ihnen aufrichtig Liebe erweist, und niemand, dem sie Liebe erwidern könnten. Und wieder solche, die verkannt und verachtet sind, die sich nicht geltend machen können. Warum verschüpft1 man mich? warum will niemand etwas wissen von den Blumen, die doch auch in meinem Gärtlein wachsen? Warum soll ich, gerade ich, immer zu kurz kommen? Und schließlich solche, die einen Feind haben, einen Menschen, der so recht wie ein Klotz auf ihrem Lebensweg liegt. Immer wieder müssen sie ihn sehen und an ihn stoßen. Immer wieder gibts Feuer und Rauch, Ärger und Herzeleid. O, wie einem so ein einziger Mensch, der einem z’Leid lebt, wirklich das Leben verleiden kann, daß man schließlich nicht mehr ein und aus weiß!
O, es ist etwas durchaus Wohlverständliches und Wohlbekanntes, was der Psalmsänger meint, wenn er sagt: «in der Tiefe». Wenn wir traurig und niedergeschlagen sind, wenn die Schwierigkeiten sich so vor uns türmen, daß wir ans Ende unserer Kräfte kommen, wenn die große allgemeine Verdrossenheit und Müdigkeit am Leben uns ergreift, das ist die Tiefe. Und wir kennen sie alle. Die Alten kennen sie, denn sie haben das Leben erfahren und geben sich keinen Täuschungen mehr hin. Aber auch die meisten Jungen; sie haben es bei den Alten gesehen und gehört, daß das Leben ein schwerer und oft hoffnungsloser Kampf ist. Sie gehen bereits mit ernstem, schwerem Gesicht einher wie die Großen, obwohl sie das Wohnen[?] in den Tiefen des |363 Lebens erst ahnen. Und die Reichen erfahren sie wie die Armen, obwohl ich glaube, daß die Armen im ganzen tiefer hineinsehen lernen als die Reichen. Es gehört ganz einfach zum Menschenwesen und Menschenleben, daß wir «in die Tiefe» müssen, in bittere, traurige Erfahrungen hinein. Manchmal auf Augenblicke, manchmal auf lange Zeiten, manchmal auf Lebenszeit. Das Maß ist sehr verschieden bei den verschiedenen Menschen. Und es ist eine von den dunkelsten Fragen des Menschenlebens, warum dieses Maß der traurigen Erfahrungen so ungleich ist, warum es aussehen kann, als ob es bevorzugte und benachteiligte Menschen gebe. Man kommt mit dieser Frage ganz unmöglich an ein Ende, immer bleibt ein Warum? übrig, und ich möchte niemandem anraten, dieser Frage nachzuforschen. Es ist unfruchtbar. Aber das ist wichtig, daß wir wissen, was wir zu tun, wie wir uns zu stellen haben, wenn wir «in der Tiefe» sind.
Man kann «in der Tiefe», in den dunklen Tälern des Lebens selber dunkel werden, und viele werden es. Sie lassen sich von der Traurigkeit, die über sie kommt, besiegen, d. h. erfüllen. Sie können nichts mehr sehen hinter oder über dem Unerfreulichen und Schlimmen in der Welt. Sie ziehen aus den Erfahrungen, die sie gemacht, stillschweigend den Schluß: Also es gibt nichts Anderes: der Mensch, und ich ganz besonders, muß es nun einmal bös haben, muß seine Tage in seiner Trübsal zubringen, muß Unrecht leiden und mißachtet werden. Das ist einmal so, und das wird immer so sein. Das Traurige ist ihnen eigentlich Gott geworden, wenigstens kennen sie nichts Höheres als die Weisheit, daß es eben viel Erbärmliches und Gefährliches in der Welt gebe. «Ich habe es erfahren, ich weiß, wie es geht!» Und sie haben nun eine wahre Kunst, das Unerfreuliche und Schlimme wirklich auch überall zu wittern und zu entdecken. Auch wenn etwas sich ganz schön und vielversprechend anläßt, sind sie sofort mißtrauisch: das könnte aber auch noch andere Seiten haben, das könnte aber auch noch anders herauskommen, ich habs erfahren! Und sicher behalten sie dann recht, sicher hat in der Tat auch das Schönste, was sie erleben können, eine schlimme Seite, und sicher |364 kommt allerlei Schlimmes dabei heraus, an das man gewiß gar nicht gedacht hatte. Sie haben eine förmliche Fähigkeit, das Böse, das noch nicht da ist, an den Haaren herbeizuziehen, und sicher kommt es in irgend einer Form. Es ist schrecklich, wenn man einmal damit begonnen hat, an das Böse und Traurige zu glauben, von nichts Anderem mehr zu wissen, dann kommt es in wahren Schwaden über uns, dann wird das dunkle Tal dunkler und immer dunkler. Dem Gott, dem man sich ergibt, dem gehört man eben auch, und wer sich der Traurigkeit ergibt, wer nichts mehr wissen will, als daß die Welt böse und das Leben schwer sei, der gehört dann von Tag zu Tag mehr der Traurigkeit. Es gibt so viele Menschen, und die wollen nichts Anderes, als in der Tiefe immer noch tiefer sinken, von einer Enttäuschung in die andere, von einer Bitterkeit und Schwierigkeit und Ohnmacht in die andere.
Ich möchte noch das sagen: sehr oft sind solche Menschen auch äußerlich traurige Menschen. Man spürt es ihren Worten, ihrem müden, verdrossenen Gesicht ohne weiteres an, wie es mit ihnen steht und wohin sie gekommen sind. Aber noch viel häufiger sind solche Menschen äußerlich nicht eigentlich traurig. Sie können sogar ganz fröhlich sein, alle möglichen Vergnügungen mitmachen, sogar mit ganz besonderem Eifer, sie können tüchtige, fleißige Arbeiter sein, die es zu etwas bringen. Und doch sind sie innerlich alles andere als glücklich. Sie haben vielleicht einmal eine schwere Enttäuschung durchgemacht, und da ist etwas in ihnen zerbrochen: Also so ist das Leben! haben sie sich gesagt. So schrecklich kann das Schicksal einem mitspielen, so gemein können die Menschen sein! und darüber kamen sie nun nicht mehr hinaus, fortan glaubten sie im Grund an nichts mehr als an die traurige Erfahrung, die sie einmal gemacht. Sie haben keine Kraft mehr, sich an etwas Anderem aufzurichten. Und nun sind sie doch zu stolz, um das zu zeigen. Oder sie wollen es auch selber vergessen, daß sie «in der Tiefe» ihr Bestes preisgegeben haben, und darum geben sie sich nun einem äußerlich heiteren Wesen hin, reden viel und lachen viel und sind überall dabei, wo man sich lustig macht. Verlaßt euch darauf, es ist mancher berühmte |365 Witzmacher, den man für ein heiteres, sonniges Gemüt hält, im Grunde ein solcher innerlich gescheiterter und gesunkener Mensch. Und manches Mädchen, dem Tanzen und Theater das Höchste ist, manche Frau, bei der man sich wundert, wie mag sie es auch nur fertigbringen, so viel zu klappern, mancher Mann, bei dem man kopfschüttelnd denkt: wie mag er auch nur so viel in den Wirtshäusern herumhocken?, sind solche innerlich Gebrochenen, die einmal über schwere Erfahrungen nicht Meister wurden, sich von der Bitterkeit überwältigen ließen und nun vor lauter Traurigkeit ihr Leben in solchen Oberflächlichkeiten zubringen. Seht euch das Gesicht eines solchen oberflächlichen Menschen an — vielleicht werden wir dazu vor Allem in den Spiegel blicken müssen —, und ihr werdet fast nie ein wirklich glückliches Gesicht sehen, wie man es erwarten sollte, sondern fast immer einen Ausdruck von Unruhe und heimlicher Unzufriedenheit. Und es gibt Manchen, der tüchtig und fleißig schafft und es zu etwas bringt und dabei doch nie eigentlich glücklich ist und auch auf Andere keinen guten, ermutigenden Einfluß hat, und man fragt sich: was ist eigentlich mit ihm? Man kann ihm doch nichts vorwerfen, und doch ist etwas nicht in Ordnung. Ja, man kann ihm nichts vorwerfen, nur daß er selbst sich vorwerfen muß, in der Tiefe noch tiefer gesunken zu sein, durch seine eigene Schwachheit den Glauben an etwas Höheres verloren zu haben über dem öden, trüben Glauben an das Böse und Traurige. Er weiß nichts mehr Anderes, als daß das Leben ein bitterer, schwerer Kampf ist, und will nichts mehr Anderes wissen. Das ist seine Schuld, von der allerdings er allein etwas weiß, denn in der Verborgenheit seiner Seele hat er sie begangen.
Wir können es aber auch anders machen: der Psalmsänger hat aus der Tiefe zu Gott gerufen. Was heißt das? Es ist merkwürdig, nicht wahr, wir wissen doch alle, wer und was Gott ist. Und doch haben wir es immer wieder nötig, darüber nachzudenken und darüber klar zu werden: was ist Gott? was heißt das: zu Gott rufen? Ich muß bei jeder Predigt immer am meisten dann studieren, wenn ich an das Wort «Gott» oder «der Herr» komme. Was die |366 Menschen sind und ihr Wesen, das ist nicht so schwer zu fassen, aber «Gott» — dieses Wort will immer neu überlegt sein. Gott ist eben auch immer wieder etwas Neues für uns, auch wenn wir noch so sehr glauben, ihn erfahren und erkannt zu haben. In jeder Erfahrung, in jeder Lebenslage, in jeder Frage, über die wir uns entscheiden sollen, ist Gott wieder aufs neue der große Unbekannte, den wir suchen müssen. Also was heißt das: «aus der Tiefe», aus dem dunklen Tal der Bitterkeiten des Lebens nach dem Herrn rufen, statt in der Tiefe zu versinken?
Wir wollen jetzt einmal ganz bescheiden damit anfangen, daß wir sagen: Wir müssen uns fest daran halten, daß es noch etwas Größeres gibt als das, was uns traurig macht, und darum auch für uns etwas Wichtigeres zu tun, als uns der Traurigkeit zu überlassen. Was dich jetzt plagt, das mag ganz gewaltig sein, ich will sicher deinen Schmerz nicht verkleinern; es ist etwas vom Allertörichtesten, wenn ein Mensch dem anderen angeben2 will: es ist nicht so gefährlich mit deinem Leid! Wenn man uns so kommt, so haben wir das gute Recht, dem Ratgeber die Türe vor der Nase zuzumachen: du verstehst mich nicht. Aber das ist ganz sicher: es gibt etwas noch Gewaltigeres in der Welt und in deinem Leben als das, was dich jetzt drückt und fast erdrücken will. Du hast auch das gute Recht, traurig zu sein, wenn du «in der Tiefe» hast wandern müssen, wenn du vielleicht sehr lange tief in der Bitterkeit und im Jammer deinen Weg gehen mußt. Es gibt Menschen, die haben so viel Leid zu tragen, daß man es versteht, wenn ihnen das Lachen vergangen ist, und uns allen ist es oft einfach ein Bedürfnis, traurig zu sein, und niemand darf uns darin stören mit dem oberflächlichen Rat: sei jetzt nur wieder zufrieden. Aber das ist sicher, ebenso sicher: daß du noch Wichtigeres, Dringenderes zu tun hast, als deiner Traurigkeit, deiner Verstimmung, deiner Verzweiflung einfach den Lauf zu lassen. O wenn wir nur dies Eine von Gott wüßten, nur dies Eine: Gott ist das noch Größere und noch Wichtigere, wie müßte da unser ganzes Leben anders aussehen, wieviel weniger innerlich gebrochene, gesunkene Menschen |367 müßte es dann geben, — wenn wir es nämlich im Ernst wüßten! Versuch es einmal, zu suchen nach diesem noch Größeren und noch Wichtigeren mitten in der Tiefe, in der du jetzt bist! Du fühlst dich so oft müde und abgehetzt von deiner Arbeit. Ja, du hast es schwer. Aber weiß du, was noch größer ist als die Macht des Schweren, das auf dir liegt? Die Macht des guten Gewissens, das du haben darfst, wenn du müde und seufzend, aber doch und immer wieder deine Pflicht tust. Und weißt du, was noch wichtiger ist für dich, als zu seufzen und zu klagen, obwohl dir niemand das Seufzen verbieten kann? Noch wichtiger ist es für dich, mit aller Treue und Aufmerksamkeit darüber zu wachen, daß du dein gutes Gewissen behältst, daß dich keine Müdigkeit und keine Verdrossenheit aus der sicheren Bahn deiner Pflicht hinauswerfen kann, daß du deine Pflicht tust, so lange es eben gehen will.
Du mußt krank sein und seufzest innerlich: wie lange, wie lange noch? Nun, es ist
wahr, wer es nicht selber erfahren, kann dich nicht verstehen. Aber auch für dich
gibt es ein Größeres und Wichtigeres, an das du dich halten mußt. Größer als deine
Krankheit oder Gesundheit ist das Heil und der Friede deiner Seele. Du gehörst zu
Gott, gleichviel ob du krank oder gesund bist. Und wichtiger noch, als zu seufzen in
deiner Tiefe, müßte es dir sein, aus der Tiefe zu ihm zu rufen, dich an ihn zu
halten, gesund zu bleiben an deiner Seele, an der so mancher Gesunde krank ist. Du
hast dein Herz zu bewahren vor der Versuchung, trotzig und verzagt zu werden [vgl.
Und wenn die Geldsorgen da sind, die dringenden Fragen: was werden wir essen? womit
werden wir uns kleiden [
Und wenn wir Unrecht leiden müssen? Dann wollen wir uns daran halten, daß über der
Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit steht, und dann wird das unser heiligstes Anliegen
sein, daß wir in der Gerechtigkeit bleiben und uns nicht von der Ungerechtigkeit
erwürgen lassen. Trotz dem Leid, trotz der Empörung, die wir empfinden. Ja gerade
wenn uns das Unrecht leid tut und empört, das wir erfahren haben, dann dürfen wir uns
ihm doch nicht ergeben. Wir müssen dann vielleicht mannhaft den Kampf aufnehmen,
nicht aus Rache und Streitlust, sondern um des Rechtes willen. Das ist in vielen
Fällen der Wille Gottes, jedenfalls aber müssen wir selber fest stehen bleiben, auch
wenn wir nichts tun können als dulden, dürfen uns um keinen Preis dazu drängen
lassen, das Unrecht zu anerkennen und mit den Wölfen zu heulen. Nur das nicht! Und
wenn du dich einsam und verlassen fühlst, dann halte vor Allem das fest, daß du auch
in deiner Einsamkeit völlig das sein kannst, was du sein mußt, ein Kind Gottes. Das
ist wichtiger und größer als Alles, was dir fehlt. Und wenn du denkst, man verkennt
mich und ich komme nicht zur Geltung, das sag dir, daß es wichtiger ist, daß Gott
dich kennt und du ihn, und daß das die eigentliche große Aufgabe deines Lebens ist,
bei Gott etwas zu gelten. Ist Gott für mich, wer will wider mich sein [vgl.
Aber seht, wenn wir damit einmal anfangen, nach Gott zu rufen aus der Tiefe unserer Lebenserfahrungen, wenn wir damit anfangen, ihn für größer zu halten als unser Glück und Unglück |369 und den Gehorsam gegen ihn für wichtiger als unsere Tränen und unsere Klagen, dann kommen wir zu einer Erfahrung, an die wir vorher nun gar nicht gedacht haben. Wir sehen dann auf einmal: Ach, es fehlt mir im Grunde in einem ganz anderen Stück, als ich dachte. Ich meinte bisher, das sei das Schlimmste, daß ich krank und arm sein müsse, daß man mir Unrecht tue, daß ich niemand habe, daß die Leute so wüst mit mir sind, daß ich da und dort meine schweren Sorgen habe. Aber es gibt ja viel größere und wichtigere Sachen, es gibt das Gewissen, es gibt die Reinheit der Seele, es gibt die Pflicht, die Liebe, die Wahrhaftigkeit, die stille treue Liebe zu Gott und den unermüdlichen Bruder- und Schwestersinn den anderen Menschen gegenüber. Das sind die Sachen, auf die es im Leben eigentlich ankommt.
Und wie steht es da mit mir? O, wie weit ab bin ich da von dem, was sein sollte! Wie
muß ich da fast an allen Punkten sagen: ich kann nicht, ich mag nicht, ich bringe es
nicht dazu, es ist zu viel und zu groß, was da von mir verlangt wird. Das Andere, das
mir bis jetzt das Schwerste schien, daß es mir nicht gut ging, das
ist ja vielleicht im Grunde nicht so schlimm, das ist jedenfalls eine Kleinigkeit
gegenüber dem großen Übel, daß ich nicht gut bin. Seht, wenn wir
nach dem Größeren, Wichtigeren fragen, dann machen wir die Erfahrung von unserer
Sünde, von unserer Sünde, die die tiefere Tiefe ist als alles Leid der Welt
miteinander, das uns treffen könnte. Daß wir mit Gott nicht eins sind, daß wir an so
vielen Punkten und so häufig von seinem Willen abweichen, daß tief in uns verborgen
jener schlechte Wille ist, der zu Gott sagt: ich mag nicht, ich kann nicht, das ist
die Tiefe! Von dem Dichter
Meine Freunde, wenn wir aus der Tiefe zu Gott rufen, dann merken wir erst, was
eigentlich die Tiefe ist, in der wir leiden. Und jetzt können wir auch erst ganz
verstehen, wer Gott ist und was es heißt, zu ihm rufen. Wir können nicht vor Gott
hintreten und mit ihm rechnen: Du mußt mir helfen aus meinen verschiedenen
Lebensnöten, ich bin doch immer ein ganz rechter, braver Mensch gewesen. Es denken ja
Viele so, unwillkürlich kommt uns das immer wieder auf die Lippen: womit habe ich das
verdient? warum tut Gott mir das an? Wenn wir noch so fragen können, so ist das ein
sicheres Zeichen dafür, daß wir noch nicht aus der Tiefe zu Gott gerufen haben. Sonst
hätten wir ihn erkannt und wie unendlich viel er von uns fordert und wie weit wir
dahinter zurückbleiben. Sonst hätten wir erkannt, was der Psalmsänger zu Gott sagt:
So du willst, Herr, Sünde zurechnen, wer wird vor dir bestehen?
Niemand! Wir können mit Gott nicht rechnen. Das vergeht uns, wenn wir aus der Tiefe
zu ihm rufen, aus der Tiefe unserer Sünde und Schuld. Da gibt es kein Aufbegehren und
Reklamieren mehr, kein Trotzen und Murren gegen das Traurige, was Gott uns erleben
läßt. Wir wissen nur eins: Vor Allem muß das Allertraurigste überwunden, vor Allem
muß ich in dem Größten und Wichtigsten in Ordnung sein, in der Einheit mit Gottes
gutem Willen und Gesetz. Und für diese Überwindung, für diese größte
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und wichtigste Ordnung, die in unserm Leben eintreten muß, gibt es nun kein anderes
Wort als Vergebung. Es ist ein Geschenk, wenn die Erkenntnis
unserer großen Schuld sich verwandelt in die Erkenntnis von der noch viel größeren
Liebe Gottes, von der uns nichts trennen kann [vgl.
O meine Freunde, wir wollen uns doch diesen Weg führen lassen, den
Weg aus der Tiefe unseres Menschenleides, das keinem erspart bleibt, in die noch
größere Tiefe der Erkenntnis unserer Schuld und dann auf die selige Höhe, wo wir
spüren, trotzdem, trotzdem gehöre ich zu Gott und bin ich sein. Wir können dann unser
Leben so ganz anders ansehen, wir können so ganz anders leben, wenn wir auf dieser
seligen Höhe angekommen sind. Eine große Freiheit wird uns zu eigen
gegenüber all dem, was uns plagt und drückt, weil wir, wenn auch nicht ganz zu
verstehen, so doch zu ahnen beginnen, wozu wir da hindurch müssen, und daß es uns
kein Schade ist. Eine große Kraft bekommen wir, wenn wir einmal die
ewige Quelle des Guten gesucht und gefunden haben, immer wieder dem Größeren,
Wichtigeren nachzustreben mit besserem Eifer und mehr Ernst, denn wer Gottes
Vergebung empfangen, der fürchtet Gott. Und eine große Hoffnung
geht uns schließlich auf, auf eine Welt, in der alles das, was uns jetzt noch
unbegreiflich ist, sich lösen wird, in der auch das dunkle Tal und sein Leid und
seine Bitterkeit und der Tod nicht mehr sein werden [vgl.
(Im