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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 27,11-30</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 27,11-30, 22. März 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5014 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 125–138.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 27,11-30</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 125-138</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 210</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 27,11-30, 22. März 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1652">KBA 1188</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-03-22">22. März 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <idno>210</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-03-22">22. März 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.11 Mt.27.30">Matthäus 27,11–30</ref>
            </cit>
          </epigraph>
          <argument>
            <ab>
              <hi rend="italic">Jesus vor <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName></hi>
            </ab>
          </argument>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Höher und höher steigen die Wogen der Sünde und des Entsetzens um Jesus her. Wir
               haben gehört, wie er die Todesnot und damit die schwere Versuchung herannahen sah,
               als er das letzte Mahl feierte mit seinen Jüngern, wie er mit Gott rang im Gebet:
               Vater, ists möglich, so laß diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht wie ich
               will, sondern wie du willst! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.42">Mt. 26,42</ref>] 
               wie er seine schläfrigen, gedankenlosen Freunde anflehte beinah:
               könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.40">Mt. 26,40</ref>]? 
               Und dann hörten wir, wie die verblendeten
               Führer des Volkes Gründe zum Todesurteil gegen ihn suchten und fanden, und wie <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>
               unterdessen seinen Meister verleugnete [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.57 Mt.26.75">Mt. 26,57–75</ref>]. So wuchs und
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                wuchs das Leiden Jesu, ein Stück ums andere fügte sich zu dem Bild des Mannes der
               Schmerzen.</p>
        <p>Aber ist es uns nicht, indem wir dieses Bild betrachten, als ob auch dieser Mann
               selbst wachse und wachse mit seinem Leiden, zu geheimnisvoller, zu göttlicher Größe?
               Je dunkler die Nacht um ihn wird, umso heller scheint er zu leuchten. Je mehr Unrecht
               und Leid man ihm zufügt, je mehr die menschliche Schwachheit und Verdorbenheit um ihn
               her sich zeigt in ihrer ganzen Blöße, desto reiner, hoheitsvoller, siegreicher steht
               er da. Wir hören auf allen diesen Seiten der Leidensgeschichte, je mehr es dem Ende
               entgegengeht, wenig, immer weniger von dem, was Jesus in diesen letzten furchtbar
               schweren Stunden seines Lebens gesagt und getan hat. Nur noch ab und zu ein Wort,
               eine kurze Bemerkung, im Übrigen nur noch die traurigen empörenden Schilderungen von
               all dem Niedrigen, Gemeinen, was man mit Jesus und gegen ihn getan hat. Es ist, als
               wollten uns die Erzähler dieser Geschichten sagen: Seht, so hat das Böse, Traurige an
               jenen dunklen Tagen die Oberhand gewonnen! Aber nein, das wollten sie uns nicht
               sagen. Schon sie haben doch die Leidensgeschichte von einer anderen Seite aus
               angesehen. Der dort die Oberhand gewann, das war doch in Wirklichkeit Jesus. Wir
               sehen ihn vor Augen, wie er unter der Last der bösen feindseligen Worte und Taten
               nicht zusammenbricht, wie er keinen Augenblick schwach wird oder sich dazu hinreißen
               läßt, dem Bösen zu widerstehen mit den Mitteln des Bösen. Er geht durch Alles

               hindurch in ununterbrochener gerader Linie, vorwärts, aufwärts. <q rend="block">
                            <lg>
                                <l xml:space="preserve">«Was kann mir tun der Feinde</l>
                                <l xml:space="preserve">Verfolgung, Haß und Spott?»<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-songs-104" type="song">Lied 225: «Ist Gott für mich, so trete …» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (1607–1676), Schluß der 1. Strophe. Barth zitiert nach der Fassung des Schweizer Gesangbuchs. Original (EKG 250): «Was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?»</bibl></note></l>
                            </lg>
                        </q> </p>
               <p>Er bleibt sich selber gleich. Und gerade darum wächst er zusehends vor unseren
               Augen. Das ist ja etwas Unbegreifliches für
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                uns: sich selber gleichbleiben, wenn es um Einen her so anders, so unerhört dunkel
               wird. Und gerade das hat Jesus getan. Wir können auch sagen: das hat Gott getan. Denn
               «Gott war in Christus» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>]. 
               Und aus Gott hat er die Kraft und die Freudigkeit genommen, so zu
               leiden. Und Gott sehen wir, wenn wir ihn leiden sehen. So muß das Gute, Göttliche in
               der Welt verachtet, verurteilt und verstoßen werden, so scheint es oft völlig und für
               immer am Boden zu liegen. Aber indem es leidet, still leidet, siegt es. Auf einmal
               steht es überlegen da, größer als je zuvor. Die Leidensgeschichte Jesu ist ein Abbild
               der Leidensgeschichte Gottes.</p>
        <p>Im geschlossenen Kreise seiner Feinde hatte Jesus die Nacht zubringen müssen. Eine
               schauderhafte Nacht. Das Wenige, was wir wissen von dem damals Geschehenen, muß uns
               die Schamröte auf die Stirn treiben. Das Schlimmste war wohl die Verleugnung des
               <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>. Das war ein Schlag, der nicht nur den Leib, sondern die Seele Jesu traf. Nun
               ging es aus dem Dunkel des hohenpriesterlichen Palastes hinaus auf die Gassen
               <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalems</placeName> in den frühlingshellen Morgen hinein. Die Gruppe der Hohenpriester und
               Schriftgelehrten erweiterte sich, das Volk trat hinzu, freiwillig oder von jenen
               herbeigerufen, das namenlose, unverantwortliche Volk, das man doch nötig hatte, um
               den vernichtenden Streich gegen Jesus zu führen. Das Volk sollte in Massen zugegen
               sein und der Klage der Führer Nachdruck geben. Das Volk gehörte nicht zu den Feinden
               Jesu. Jesus hatte nicht gewußt, warum er es dazu hätte rechnen sollen. Jesus hatte
               dieses Volk lieb. Er wußte, daß es trotz Allem das Volk Gottes war, das eine große
               Verheißung hatte. Er kannte und schätzte seine guten Eigenschaften, seine
               Glaubenstreue, seinen Eifer für Gottes Gesetz, auch wenn sie mißleitet und entartet
               waren. Er wußte, daß man auch seine Fehler und Sünden nicht nur dem Einzelnen zur
               Schuld anrechnen durfte. Sie hingen zusammen mit den Verhältnissen und Zuständen, in
               denen diese Leute geboren und aufgewachsen waren, mit den schlimmen Einflüssen, denen
               sie ausgesetzt waren gerade seitens derer, die es besser hätten wissen können. Eine
               irregeleitete Herde,
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                eine Herde, die keinen Hirten hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.36">Mt. 9,36</ref>], 
                ein Volk, das im Finsteren wandert [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.9.1">Jes. 9,1</ref>], hatte er immer in
               diesem Volk gesehen, nicht aber ein Heer von Feinden, das ihn bekämpfte oder die er
               hätte bekämpfen müssen. Jesus kannte ja überhaupt keine Gegner, außer denen, die
               trotz besserer Einsicht die Wahrheit nicht wollten; er überließ es aber Gott, die
               ausfindig zu machen und mit ihnen zu kämpfen; er behandelte niemand als Gegner, nicht
               einmal die Hohenpriester. Geschweige denn die Volksmasse. Er liebte sie, gerade um
               ihrer Fehler und Sünden willen. Er sah all das Gemeine, Verlogene, das ihnen
               anhaftete, aber er sah das nur als einen Grund an, sie umso lieber zu haben, ihnen um
               so getreuer nachzugeben. Und das hatte er getan, seit ihn der Vater zum Boten des
               Evangeliums berufen hatte, zuerst in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> und nun in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, der alten
               Gottesstadt. Er war unter dieses Volk getreten, nicht wie ein Professor, der die
               Leute von der Richtigkeit seiner Anschauungen überzeugen will, nicht wie ein Apostel,
               der sie um jeden Preis für seine Sekte gewinnen will, sondern wie ein König, der
               will, daß es all den Seinigen gut gehe, der überreiche Geschenke zu verteilen hat,
               jedem, der nur nehmen will, der schließlich sich selber anbietet: meine Ehre soll es
               sein, euer aller Diener zu sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.27">Lk. 22,27</ref>]. 
               So stand Jesus zu seinem Volk, er ließ einfach die Liebe Gottes, von der er so unvergleichliche Erfahrung hatte, aus sich
               herausströmen. Und hatten sie nicht oft etwas gespürt davon? Hatte es nicht oft
               aufgeleuchtet in ihren Augen, wenn er zu ihnen redete, waren sie nicht oft mächtig
               erschüttert gewesen in dem Gefühl der Kraft, die von ihm ausging, hatten sie es nicht
               oft genug mit Händen gegriffen, daß eine neue selige Zeit für sie angebrochen sei?
               Hatten sie ihm nicht erst noch vor ein paar Tagen zugejubelt, wider seinen Willen
               fast, ihn begrüßt als den, der da kommt im Namen des Herrn [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.8 Mt.21.9">Mt. 21,8f.</ref>]? Nein, dieses Volk war nicht
               sein Feind. Sie liebten ihn, sie verstanden ihn. Sie freuten sich mit ihm über das
               kommende und schon gegenwärtige Gottesreich. Sie öffneten ihm ihre Herzen, und er sah
               die Zeit kommen, wo sie mit ihm beten wür<pb xml:id="p129" ed="pga" break="no"/>den im Geist und in der Wahrheit 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.23">Joh. 4,23</ref>]: dein Wille, des Vaters Wille geschehe 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]! (7 <hi rend="top">3</hi>/<hi rend="buttom">4</hi>)<note xml:id="n02">Vermutlich eine Angabe über die Uhrzeit am Samstagabend (?) bei der Niederschrift
                  der Predigt. Vgl. Barths Zusatz unter Predigt 229 vom <date when="1914-07-12">12. VII. 1914</date>, <ref type="pub" target="5034#p371">S. 371</ref>.
               </note>
            </p>
        <p>Und nun sollte dieses Volk nach der wohlausgedachten Absicht seiner geistlichen
               Führer in Masse vor den römischen Stadthalter <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> hintreten und einstimmig von
               ihm verlangen: dieser soll sterben. Es kam für das Schicksal Jesu Alles darauf [an],
               wie das Volk sich nun stellte. Wenn es nicht seinen Führern folgte, sondern seinem
               Herzen und Gewissen, wenn es jene mit ihren Anklagen allein ließ, dann sprach <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>
               kein Todesurteil, das war nach den übrigen Umständen sicher. Der aufgeregten Schar
               der Tempelleute allein hätte er nicht Folge gegeben, umsoweniger, da er selbst im
               Grunde überzeugt war von der Unschuld Jesu. Vom Volk, von der Masse hing es ab, was
               geschehen sollte! Wird sie sich auf diese oder auf die andere Seite stellen? Wird sie
               ihr Gewicht hier oder dort in die Waagschale werfen?</p>
        <p>Sie stellte sich blindlings auf die Seite der Feinde Jesu. Wir hören nichts davon,
               daß sie auch nur im Geringsten gezaudert hätte. Sie war sofort bereit, den
               Hohenpriestern den Dienst zu leisten, der von ihr verlangt wurde. Wir können den
               Gründen nicht nachspüren, die ihnen dieses wiederholte leidenschaftliche: Kreuzige
               ihn! auf die Lippen lockten. Vielleicht hätten diese Menschen selbst keinen klaren
               Grund für ihr Tun nennen können. Die Macht der Leute vom Tempel war zu groß, als daß
               die Anderen hätten selbständig denken und handeln können. Die Macht der Gewohnheit
               vor Allem war zu groß, als daß sie schon jetzt so weit von allen Gedanken und Sitten
               hätten frei sein können, um einen Mann wie Jesus zu verstehen und für ihn
               einzutreten, der in seiner ganzen Art, mit jedem Wort, das er sagte, etwas so
               gänzlich Neues in ihr Leben hineinbrachte. Sie konnten erstaunen über ihn, sie
               konnten ihn bewundern, ihr Herz und Gewissen konnte sie ihm entgegentreiben, Einzelne
               unter ihnen konnten gelegentlich ein gutes Wort für ihn einlegen, aber es war nichts
               da, <milestone xml:id="m009" unit="page"/>
               <pb xml:id="p130" ed="pga"/>
                was sie eigentlich mit ihm verband, er war ihnen im Grunde ein Fremder geblieben, er
               war ihnen mit seiner Botschaft nicht zu einem Teil ihres eigenen Wesens geworden —
               das zeigte sich jetzt, wo sie die Probe hätten bestehen sollen, da kam das Alte in
               ihnen zum Vorschein mit aller Macht, das Neue aber glitt ab, wie wenn es nie
               dagewesen wäre. Es zeigte sich, daß sie noch völlig unreif waren. Und so schrien sie
               mit, was man ihnen vorschrieb. <persName ref="kbga-actors-8705">Barabbas</persName>! zuerst, als <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> einen bekannten Mörder
               neben Jesus stellte und ihnen die Wahl ließ, welchen sie freibitten wollten. Sie
               wählten den Mörder. <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> fragte sie: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem
               gesagt wird, er sei Christus, der Messias? Da mochte wohl im Einen oder Anderen das
               Gewissen sich rühren: ja, das ist wahr, wenn Einer der Messias ist, so ist es dieser,
               das glaube ich auch! aber diese schwache Regung war bald übertäubt, und so riefen
               sie, sooft man es von ihnen verlangte, das furchtbare: laß ihn kreuzigen! Und als sie
               einmal so weit waren, da brachen die schlechten Instinkte immer mächtiger hervor in
               ihnen, an die Stelle des gedankenlosen Nachschreiens trat die blinde Gier zu töten,
               Blut fließen zu sehen um jeden Preis, und als der Statthalter die Verantwortung
               ablehnte, nicht schuld sein wollte an dem Unrecht, das da begangen wurde, «da
               antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere
               Kinder!» Sie wollten die Verantwortung tragen bis aufs Äußerste für das, was da
               geschah — ein frevelhafter Leichtsinn, eine unbegreifliche Leidenschaft, wenn man
               bedenkt, daß sie vor kurzem erst zu dem Wunsch nach dem Tode Jesu aufgehetzt worden
               waren. So grenzenlos unsicher, unzuverlässig, unreif war das Volk, dem Jesus eine so
               große Liebe entgegenbrachte und das ihm oft genug Zeichen von Gegenliebe gegeben
               hatte. Wir müssen dieses Volk mit den Augen Jesu ansehen: da stand er — einsam! Jetzt
               war es klar, man hatte ihn nicht verstanden, Alles war gegen ihn. In diesem
               Augenblick, wo das Volk, das ganze Gottesvolk offenkundig und unzweideutig auf die
               Seite seiner Feinde trat, da brach, menschlich geredet, sein irdisches Lebenswerk
               zusammen, das Spiel war ausgespielt, die Hoffnungen auf einen Erfolg seines Wir<pb xml:id="p131" ed="pga" break="no"/>kens waren zu 
               Boden getreten und ausgerottet. Es ging ein Sämann aus zu säen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.3">Mt. 13,3</ref>], er hatte gut und treu
               gesät — da war nun die Ernte: Kreuzige ihn! <persName ref="kbga-actors-8705">Barabbas</persName> los! Lieber der Mörder als der
               Gottesbote. Auch das Lebensschicksal Jesu war mit dieser Entscheidung des Volkes
               besiegelt, das war für jeden, der den Statthalter <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> kannte, ganz klar.</p>
        <p>Aber das drückte sicher Jesus nicht so schwer wie das Andere, wie der geistige
               Schmerz, in alle diese von blindem Haß erfüllten Gesichter sehen zu müssen. Es waren
               Gesichter darunter, die er vielleicht alle Tage um sich gesehen hatte im Tempel.
               Gesichter von Letten, die wißbegierige Fragen an ihn gerichtet hatten, mit denen er
               sich freundlich unterhalten, an deren Aufgewecktheit und Verständnis er Freude gehabt
               hatte. Gesichter, denen er jetzt den tiefen Rückfall in Verworrenheit und Bosheit
               ansah. Andere voll von dem Trotz von Menschen, die soeben ihr Gewissen zum Schweigen
               gebracht haben. Andere voll Eifer mitzumachen, was die Übrigen taten, und doch voll
               von einer fliegenden Unruhe, die vielleicht einmal vor Reue in Verzweiflung
               umschlagen wird. Aber Alle, Alle gegen ihn. Vielleicht da und dort eine gutmütige
               Seele, der die Sache nicht recht ist, und die sich davonstiehlt, um wenigstens nicht
               dabeizusein. Aber kein mannhaftes Wort für ihn und seine Sache, für Gottes Sache,
               keine zwei oder drei, die Jesus die Beruhigung auf seinen Leidensweg mitgegeben
               hätten: Wenigstens für zwei oder drei habe ich nicht umsonst gearbeitet. Jesus mußte
               die (9)<note xml:id="n03">s. <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>.</note> volle Last des
               Bewußtseins tragen, tragen bis zum bitteren Ende: Ich bin allein, Alle, Alle sind
               gegen mich. Feindschaft von diesem und jenem läßt sich ertragen, nicht wahr, daran
               stirbt niemand. Aber wenn man so für die Menschen gebetet und gearbeitet hat wie
               Jesus — Keiner vor ihm und nach ihm hat es getan wie er — dann von Allen
               zurückgestoßen werden, wie es ihm widerfahren ist, das ist unendlich bitter. Das ist
               etwas, was ja schon uns andere Menschen bis ins Tiefste unseres Wesens hinein
               verwundet und erschüttert, wenn wir uns allein fühlen müs<pb xml:id="p132" ed="pga" break="no"/>sen, wenn wir merken müssen: man versteht uns nicht, will uns nicht verstehen, Alles
               kehrt sich gegen uns. Es ist bald gesagt in solchen Lagen: Man soll auf Gott
               vertrauen, an ihn sich halten! Ja, bald gesagt, aber schwer getan. In solcher Lage
               zeigt es sich, wie schwache hilflose Wesen wir im Grunde sind, mit unserer
               vermeintlichen Charakterstärke und Überzeugungstreue, wir brechen so schnell
               zusammen, wenn wir uns nicht mehr getragen fühlen von der Welle der Zustimmung und
               des Beifalls unserer Mitmenschen, wenn wir wirklich allein stehen und gehen, nur auf
               unseren Gott uns gründen sollten, einsam gegen die Stimme und Meinung Aller. In
               solcher Lage ist nur der stark, der Gott den Vater in sich wohnen hat, wie er in
               Jesus wohnte. Werden wir je dahin kommen und dann auch stark sein, wie Jesus stark
               war? Wir müssen es bei Jesus selber lernen.</p>
        <p>Wie leicht hätte es sein können, daß Jesus dort, wo Alles schrie: Kreuzige ihn! ganz
               einfach den Glauben an Gott verloren hätte. Jawohl, denn wir sind doch in unserem
               Glauben an Gott, ohne daß wirs wissen und uns eingestehen, ganz ungeheuer abhängig
               von unseren Mitmenschen. Wir glauben, daß recht recht und wahr wahr sei und daß etwas
               Höheres sei und gelten müsse in unserem Leben und in dem unserer Brüder und
               Schwestern! Jawohl, aber wir haben es bitter nötig zu sehen, daß die Anderen das auch
               glauben, nicht wahr? Wir rechnen darauf, nicht allein stehen zu müssen, sondern mehr
               oder weniger zu tun, was jedermann tut. Wenn das der Fall ist, dann fühlen wir uns so
               geborgen, dann haben wir Freude an unserem Glauben und die Zuversicht, daß er etwas
               wert sei. Aber wir werden so bald unsicher, wenn wir nun doch einmal allein stehen
               müssen, auch wenn es uns noch lange nicht so schlimm geht wie dort Jesus. Da regen
               sich dann meistens die Zweifel: ists denn auch wahr, was ich glaube? könnte es nicht
               vielleicht auch anders sein? und tausend Gründe, an die wir gar nicht dachten vorher,
               kommen jetzt plötzlich daher und bekommen schweres Gewicht. In Wirklichkeit ists
               nicht dieser oder jener Grund, der uns irre macht, sondern ganz einfach das
               Alleinsein, die Tatsache, daß Viele nicht daran denken zu glauben, was
               <pb xml:id="p133" ed="pga"/>
                wir glauben. Wie würden wir uns stellen, wenn wir einmal den Unglauben in solcher
               Macht auf uns einstürmen sehen müßten wie dort Jesus? Wie geringfügig sind doch
               unsere Versuchungen, wie leicht ist es uns im Ganzen gemacht zu glauben! Jesus hatte
               es unendlich schwer: er mußte annehmen, kein Mensch will etwas wissen von dem, was
               mir das Höchste ist! Er mußte sich fragen: soll ich der Einzige sein, der diesen Weg
               geht? Soll ich ein Narr sein und einen Weg gehen, der so einstimmig als falsch
               verworfen wird?</p>
        <p>Nein, Jesus ist über dieses einstimmige Kreuzige ihn! hinweggekommen, er hat den
               Glauben an Gott, an die Wahrheit seines Weges nicht verloren. Wie sollen wir es uns
               denken? Ich glaube, das wars, Jesus konnte warten. Wir denken gar schnell: ich meine
               es doch gut, und die Leute sollten mit mir einverstanden sein, sollten mir helfen,
               Alles muß mir zustimmen! und wenn es sich dann nicht erfüllt, dann sind wir ganz
               trostlos und geben nicht nur den Mut, sondern sehr oft sogar unsere besseren
               Überzeugungen preis. Jesus konnte warten. Er wollte auch nicht umsonst säen,
               wahrhaftig nicht, aber er wußte: die gute Saat muß ihre Zeit haben zum Aufgehen, und
               unterdessen wunderte er sich nicht, das Unkraut <hi rend="italic">zuerst</hi> aufschießen
               zu sehen. Mit seinen Augen gesehen war dieser ganze fanatische Widerstand eines
               irregeleiteten Volkes, so gewaltig und leidenschaftlich er war, nicht eine
               unabänderlich dastehende Mauer von Eis. So meinen wir es etwa. <hi rend="italic">Wir</hi>
               denken, wenn man uns allein läßt, uns widerspricht: das ist nun so, die Menschen sind
               so und sind nicht zu ändern, und geben dann traurig und mutlos unseren Glauben auf.
               Jesus dachte, daß diese Mauer von Torheit und Bosheit einmal zusammenbrechen werde.
               Das war die Stärke seines Glaubens, die unvergleichliche Größe seines Glaubens in
               jener Stunde, daß er (10)<note xml:id="n04">s. <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>.</note> über 
               das Getöse und Getümmel, über all die bösen haßverzerrten
               Gesichter hinweg in eine bessere Zukunft sehen konnte, zu Menschen, die ihn
               verstehen, die seine Liebe erwidern, die seine gute Saat frucht<pb xml:id="p134" ed="pga" break="no"/>bar 
               machen werden. In jener Stunde zeigte es sich, mit welcher Wahrhaftigkeit Jesus
               gebetet hatte: dein Reich komme [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]! 
               Ja, daran glaubte er eben, allem Anschein zum Trotz, an das Kommen
               des Gottesreichs, an eine freiere, gerechtere, aufrichtigere Menschheit, an eine
               Menschheit, die dem Vater des Lichtes näher und näher kommt. Und da war ihm der
               Auflauf vor dem Palast des <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>, dieses jämmerliche Versagen des Gottesvolkes,
               dieser scheinbare Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen nur eine unbedeutende
               Station, die ganz einfach überwunden werden mußte. Er konnte nicht da liegenbleiben,
               betrübt, verzweifelnd, hoffnungslos, es war ja für ihn so selbstverständlich, so
               natürlich, daß die Macht des Vaters größer sein müsse unter den Menschen als alle
               Torheit und Bosheit dieser Menschen. Jesus glaubte an Gott! Darum konnte er das
               Kreuzige ihn!, das ihm das Herz zerschnitt, doch überhören wie ein Schlafwandelnder.
               Er wandelte über alles Leid der Gegenwart bereits hinweg hinein in die bessere
               zukünftige Welt. Er glaubte an Gott in jener furchtbaren Lage.</p>
        <p>Wir glauben in Lagen, die lange nicht so furchtbar sind, so schnell an die Sünde. Wir
               glauben an die Sünde, d. h. wir meinen: ja das Böse ist eben stark, man kann da nichts
               machen, und geben das Gute auf. Ach, wir müssen wieder lernen an Gott glauben.
               Glauben, daß aller Widerstand, den wir erfahren, nur etwas Zeitliches,
               Vorübergehendes ist, etwas, das ganz unmöglich Bestand haben kann. Glauben, daß es
               keine Schande und kein Unglück ist, zeitweise allein zu stehen als Bote und Herold
               Gottes in einer dunklen Welt. Der Widerstand und das Alleinsein, das geht vorüber,
               Gott aber bleibt, die Wahrheit und das Gute besteht und gilt in Ewigkeit. Wollen wir
               das Ewige preisgeben um zeitlicher Anfechtung willen?</p>
        <p>Wenn wir im rechten Verhältnis zu Gott stehen in solchen Lebenslagen, dann stehen wir
               sicher auch im rechten Verhältnis zu den Menschen. Davon müssen wir auch ein paar
               Worte sagen. Die Gefahr war groß, daß Jesus dort in eine Stimmung der Verachtung
               diesen Leuten gegenüber hineingekommen wäre. Wäre Jesus unsereins gewesen, so wäre
               das zweifellos geschehen. Das ist
               <pb xml:id="p135" ed="pga"/>
                schon Manchem so gegangen: die Menschen benehmen sich dumm und gemein gegen ihn, er
               mußte sehen, wie man seine besten Absichten verkannte, seine reinsten Gedanken
               verdrehte, wie Alles gegen ihn war mit allen Mitteln, da dachte er: gut, wenn ihr mir
               so kommt, so will ich auch euch zeigen, was ich kann, und antwortete er mit einer
               großen, kalten, verbitterten Verachtung. Es kann einem oft so wohltun, wenn man sich
               allein fühlt, nicht verstanden und von allen Seiten angegriffen wird, dann die Leute
               wenigstens zu verachten, d. h. so gering als möglich von ihnen zu denken und sich so
               wenig als möglich um sie zu bekümmern. Das kann einem wohltun, man hat die
               Befriedigung, auch wenn man sonst nichts tun kann, dem Anderen wenigstens zu
               verstehen zu geben: ihr seid mir Null! Luft! ihr geht mich nichts mehr an mit euerer
               Torheit und Bosheit. Vielleicht hätte es Jesus auch wohlgetan, das unzuverlässige
               Volk von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, das ihn zum Tode verurteilte, wenigstens gründlich zu verachten.
               Man liest von Männern, die in der Französischen Revolution hingerichtet wurden und
               die mit Worten schneidenden scharfen Spottes das Schafott betraten, die bis zum
               letzten Atemzug ihren Feinden zu verstehen gaben: ihr könnt mich umbringen, aber ich
               halte euch für Canaillen! (11)<note xml:id="n05">s. <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>.</note> Jesus hat nicht so gedacht und nicht so geredet. Das wäre für
               Jesus von innen heraus vollständig unmöglich gewesen. Damit wäre er ja selber
               versunken in den bösen Geist der Welt, der ihm da aus der Masse vor ihm
               entgegenheulte. Solche kalte Verachtung ist ja doch nur eine Form von Rache und
               Vergeltung, eine sehr feine allerdings, aber es ist doch im Grunde nichts Anderes.
               Die Rache aber gehörte für Jesus zu dem ungöttlichen Werkzeug der gegenwärtigen bösen
               Welt, die überwunden werden muß. Wer ein Kind des Vaters ist, der kann sich nicht
               rächen. Auch nicht durch Verachtung. Verachtung hat niemals und unter keinem Vorwand
               etwas mit Gott zu schaffen. Verachtung ist etwas sehr Nobles und sie mag einem oft
               sehr wohltun, aber sie ist vom Teufel, das ist keine Frage. Jesus konnte nicht
               verachten, eben weil er an Gott glaubte.</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p136" ed="pga"/> Weil er an Gott glaubte, mußte er auch an die Menschen glauben, jawohl an die
               Menschen, an diese heimtückische, mordlustige, unsichere Bande da vor ihm, an die
               Menschen, die das Gute mit beiden Händen von sich stießen und sich im Schmutze
               förmlich wälzten. Er gab sie nicht auf, all die Seelen, die aus diesen rohen
               Gesichtern, aus diesen leichtfertigen, leidenschaftlichen Augen schauten, er wußte,
               in ihnen allen lebt im geheimsten Winkel der Seele etwas, das sucht seine Heimat in
               Gott, inmitten der furchtbaren Finsternis, in der sie jetzt sind. Jesus vertraute
               darauf, daß dieses Etwas in den Menschen, dieser geheime, heimatlose Teil in ihnen,
               lebendig bleiben, sie beunruhigen werde, bis sie Ruhe gefunden in Gott.<note xml:id="n06">Vgl. 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1312">
                                    <persName ref="kbga-actors-14">Augustinus</persName>, <hi rend="italic">Confessiones</hi> I, 1,1</bibl>
                            : «<foreign xml:lang="lat">… quia
                  fecisti nos ad te; et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.</foreign>»</note>
               Jeden Menschen sah er von dieser Seite aus an, und darum trennte er sich von Keinem,
               nicht einmal innerlich. Wenn sie alle ihn verließen, so ließ er doch nicht ab,
               innerlich die Hände nach ihnen auszustrecken. Jesus vertraute! Das war es. Weil er
               auf Gott vertraute, vertraute er auf das Göttliche in den Menschenseelen, vertraute
               darauf, daß es einmal zum Durchbruch kommen müsse. Und weil er vertraute, konnte er
               nicht verachten, er mußte lieben. Damit erhob er sich wirklich über sie, darin kam es
               zum Vorschein, daß er ein ganz, ganz Anderer war als die, die ihn da umtobten.</p>
        <p>O meine Freunde, wenn wir das einsehen wollten, daß die nobelste Verachtung, mit der
               wir schlechten Menschen begegnen mögen, gar nichts wert ist neben einem kleinen
               bißchen Liebe, das wir ihnen entgegenbringen! Wir können nicht so lieben, wie Jesus
               geliebt hat. Gott ist noch viel zu schwach in uns. Und doch ist jedes Mal, wo wir es
               über uns bringen, zu lieben statt zu verachten, ein ungeheuerer Gewinn. Lieben heißt
               ganz einfach daran glauben, daß da in dem Anderen auch noch etwas Gutes ist, und dann
               danach handeln. Versuchs einmal! Wenn wirs versuchen, dann schmelzen Eiswände, wir
               können uns darauf verlassen. Nicht sofort, aber mit der Zeit. Es ist nötig, daß es
               immer wieder solche Menschen gibt in der dunklen Welt, die nicht mit<pb xml:id="p137" ed="pga" break="no"/>hassen und mitverachten wollen, sondern die helfen möchten, Eiswände zu
               schmelzen.</p>
        <p>Und so wenig wir mit Verachtung antworten dürfen auf die verkehrte Haltung unserer
               Mitmenschen, so wenig dürfen wir einen großen Jammer über sie erheben: Ach, wie sind
               doch die Menschen so schlecht! Das trägt gar nichts ab. Das hat Jesus auch nicht
               getan, obwohl er große Ursache gehabt hätte. Man könnte wohl manchmal auf den
               Gedanken kommen, es hat schon Mancher in dieser Lage nicht mit Verachtung geendet,
               wohl aber mit dem Seufzer des <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName>: es ist genug, Herr!
                [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.4">1.Kön. 19,4</ref>], mit dem Seufzer über die
               hoffnungslose Verdorbenheit der Menschheit. Wir wissen, daß Jesus es ernst genommen
               hat mit der menschlichen Sünde. Aber er hat nie so geseufzt. Er mochte und konnte die
               Menschen nicht preisgeben, er wartete einfach darauf, daß der Vater sich an ihren
               Herzen einmal als mächtig erweisen werde. Er war einfach sicher bei jedem, dem er in
               die Augen sah: der Vater wird ihn finden, früher oder später. Und darum hat Jesus
               über jene Leute weder gestöhnt noch gejammert. Er hat an Gott geglaubt, und darum
               konnte er auf die Menschen warten.</p>
        <p>Das ist die große Lebenskunst, das Beides miteinander. Wer an Gott glaubt, der muß
               auch diese große göttliche Geduld mit den Menschen haben, sonst ist sein Glaube nicht
               echt. Und wer mit den Menschen trotz ihrer Schwachheit und Sünde im Frieden leben
               will, der muß mit Gott im Bunde stehen, anders gehts nicht. Beides gehört zusammen.
               Jesus, der leidende Jesus zeigt es uns in wundervoller Vereinigung.</p>
        <p>Sehet, welch ein Mensch! sagte <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> von ihm 
          [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.19.5">Joh. 19,5</ref>]. Ja, sehet, welch ein Mensch, bedeckt mit
               Schimpf und Verachtung, bereits vom Tod überschattet. Und sehet, welch ein Geheimnis,
               daß gerade in dieser Erniedrigung das Höchste sich offenbaren mußte, was Gott der
               Menschheit zu sagen hatte. Wir wollen darauf hören, meine Freunde. Wir wollen der
               Passionswoche entgegengehen mit dem besonderen Vorsatz, reicher zu werden an
               überwindender, erlösender Liebe. Gott hat uns einen unerschöpf<pb xml:id="p138" ed="pga" break="no"/>lichen Schatz davon aufgetan. Wen da dürstet, der komme, und wer da will, der nehme
               das Wasser des Lebens umsonst [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.17">Apk. 22,17</ref>].</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
    </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
