Predigt: Römer 1,16 (IV)
Zum vierten Mal schon wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf das gleiche Textwort, und
noch ist dieses Bergwerk von wichtigen Gedanken nicht erschöpft. Ich habe als Schüler
in
Wir haben die beiden letzten Male davon geredet, was denn das ist, das Evangelium,
dessen wir uns nicht schämen, sondern dessen wir uns freuen sollten als des Besten
und Notwendigsten, was wir kennen und haben. Wir haben gehört: das Evangelium ist
Jesus, nämlich die Botschaft Gottes, die durch das Leben und Sterben Jesu an uns
ergangen ist. Heute wollen wir nachdenken über das, was
Also: Gottes Botschaft ist Gottes Kraft. Wir können nicht von jeder Botschaft sagen, daß sie eine Kraft sei. Vieles, das Meiste von dem, was wir Menschen einander sagen, ist kraftlos: wir prallen ab aneinander mit dem, was wir zueinander reden. Denkt, wieviele Gespräche wir schon geführt haben, und es war nur ein Geplauder, wir sagten etwas, um etwas zu sagen, die Mühle lief, aber sie lief leer. Denkt, wie es ist, wenn wir die Zeitung lesen, wie es uns mit vielen Büchern geht: wir fassen etwas auf, wir verstehen, aber es hat keinen Halt, es dringt nicht ein in unsere Seele, es hat keine Wirkung auf uns; gleichgültig oder traurig legen wir das Gelesene beiseite. Denkt, wie es uns oft geht hier in der Kirche, |50 wir reden, wir hören, in die Herzen und Gewissen, in all die Menschenleben hinein sollte das Höchste und Beste, von dem wir da reden, was wir da hören — aber wir reden und hören daneben, es wird nichts ausgerichtet, es ist, wie wenn man nasses Holz anzünden wollte. Die Flamme will nicht emporschlagen; wir empfangen nichts, es verändert sich nichts in unserem Leben. So ists mit unseren Menschenworten, den gesprochenen und den gedruckten, sie haben oft, sehr oft keine Kraft. Neun Zehntel davon könnten geradesogut ungesprochen, ungedruckt sein, will es uns oft scheinen. Ja noch mehr, nicht nur bringt uns das, was wir einander sagen, sehr oft keine Kraft, es bringt uns in unzähligen Fällen auch Schwachheit in unser Leben hinein zu unserer eigenen Schwachheit. Nach gewissen Gesprächen, die wir miteinander hatten, gingen wir nicht nur leer heim, sondern mit einem dumpfen Druck auf der Seele. Es hatte sich wohl etwas verändert in uns, aber nicht zum Guten. Wir wurden von Niedergeschlagenheit erfüllt oder von ratloser Verwirrung unserer Gedanken und Gefühle oder von Bitterkeit und Gereiztheit oder von böser Leidenschaft. So wurden wir schwächer statt stärker. Wir haben das alle schon erfahren, auch mit Büchern, Zeitungen, Vorträgen, Predigten. So ists eben mit unseren Menschenworten. Oft sogar mit den besten Menschenworten. Sie können ganz vortrefflich sein und bieten uns doch nichts, ja sie nehmen uns noch etwas.
Das hatte auch
In dieser inneren Zerrissenheit war er, als er in
Und nun kam im Leben des
Wie ist denn das, wenn Gott mit uns redet und damit seine Kraft in
unser Leben einströmen läßt? Es geht uns, wie es Paulus gegangen ist. Wir haben uns
in irgend etwas Menschliches hineingelebt oder auch hineingewühlt, so wie Paulus dort
in sein jüdisches Religionswesen. Vielleicht eine Sorge, die wir mit uns herumtragen,
die wir hegen und pflegen und nicht loslassen wollen, an die wir beständig denken und
von der wir zu jedermann reden. Oder irgendeine törichte Gewohnheit, die einmal
begonnen hat, ohne die wir nun nicht mehr leben zu können meinen. Oder die
Abhängigkeit von einem Menschen, entweder daß wir ihn zu lieb haben, nämlich auf eine
falsche Weise, oder daß wir ihn hassen, oder daß wir Angst vor ihm haben. Oder wir
lassen
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uns zuviel beeinflussen von der Art und Weise unserer Umgebung, von unserer Familie,
vom Mann oder von der Frau vielleicht. Oder wir haben uns durch die harte Arbeit und
Not des Lebens verbittern und abstumpfen lassen und wollen nun aus einer gewissen
bitteren Gleichgültigkeit nicht mehr hinaus. Oder wir haben uns irgend einen Gedanken
in den Kopf gesetzt, sehen Alles nur noch durch die eine Brille und machen damit uns
selbst und Andere unglücklich. Das sind so menschliche Dinge, in die man sich
hineinleben kann, meinen: so ists nun, und so bleibts. Und dabei hat man doch
beständig jenes Gefühl von Kraftlosigkeit. Man spürt, wie
Da kann man ja nicht leben, da kann man ja unmöglich getrost und ruhig sein, so
wenig, wie Paulus es konnte, wenn man so nach irgend einer Seite auf ein totes
Geleise gefahren ist. Wohlverstanden, immer wenn wir das tun, meinen wir, Recht zu
haben,
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und es ist auch gewöhnlich etwas Rechtes und Begründetes in unserem Verhalten,
Und wenn nun Gott mit uns redet in unserer Kraftlosigkeit, dann wird er das kaum anders machen, als ers mit Paulus gemacht hat, er zeigt uns eben den Herrn Jesus, er zeigt uns den, der, wenn er unser Meister wird, unser Heiland wird, und ladet uns ein: komm! Wir dürfen nur nicht erwarten, daß das notwendigerweise immer gerade durch die Bibel oder durch eine Predigt in Kirche oder Kapelle3 geschehen müsse. Gott hat gar viele Mittel und Wege, und wir dürfen sein Wort an uns nicht nur auf diese eine Weise erwarten. Es ist gut, wenn wir lernen, auf ihn zu hören, wie er im Neuen Testament zu uns redet, und es ist gut, wenn wir lernen, in der Kirche aus dem Pfarrerwort das Gotteswort herauszuhören. Aber das ist nicht einmal das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß wir lernen, Gott zu hören, wie er mit uns redet da im Leben draußen. Er zeigt uns auch da draußen den Herrn Jesus, und schickt uns so seine gute frohe Botschaft, die uns zur Kraft werden soll. Z. B. indem er uns etwas recht Trübes, Trauriges erleben läßt: vielleicht bricht unser äußeres Lebensglück, auf das wir gerechnet hatten, zusammen, vielleicht machen wir schlechte Erfahrungen mit einem Menschen, vielleicht müssen wir einsehen, daß die, die wir für unsere Freunde hielten, uns nicht verstehen, |56 vielleicht müssen wir einsam werden in der Welt. Wieviel kanns doch geben, was uns so recht von Herzen leid tut!
Nun sollen und wollen wir das nicht auf die gewöhnliche Weise aufnehmen, nämlich
weder mit großem Jammer und Klagen, noch mit kalter unnatürlicher Gleichgültigkeit,
beides ist falsch. Wir wollen uns vielmehr sagen: das, was mir da so leid tut, das
ist nun das Evangelium, die frohe Botschaft Gottes an mich, da zeigt er mir nun
meinen Meister, den Herrn Jesus, der mir sagt: wer mir will nachfolgen, der nehme
sein Kreuz auf sich [
57 Diese Botschaft Gottes kann aber auch auf andere Weise kommen, z. B. indem wir uns der großen Not anderer Menschen bewußt werden. Viele Menschen, die unter ihrer eigenen inneren Kraftlosigkeit leiden und nach allen möglichen Mitteln suchen, um darüber hinweg zu kommen, um zu innerer Sicherheit und Freudigkeit, zu klaren Zielen und klaren Wegen dazu zu gelangen, könnten erlöst werden dadurch, daß ihnen einmal das Leid, nicht das eigene, sondern das der Anderen recht tief und stark in die Seele brennen würde. Da ist auch wieder der Herr Jesus vor der Türe, wenn uns das Leid unserer Brüder und Schwestern zum eigenen Leid wird. Auf verschiedene Weise kann uns das geschehen: vielleicht ganz ungesucht: du hast in deiner Umgebung Menschen, die es schwer haben, lange hast du es gesehen und doch nicht gesehen, plötzlich geht es dir auf, was Not ist: Leibesnot und Seelennot — oder du gehst durch ein Spital, vielleicht nicht zum ersten Mal, aber jetzt stehts plötzlich auf: wieviel Jammer und Elend gibts doch unter der Sonne! oder du siehst aus der Nähe einen Fall, an dem es dir deutlich wird, wieviel brutale Ungerechtigkeit doch in unserer Welt ist, Ungerechtigkeit nicht nur in diesem und jenem Fall, sondern Ungerechtigkeit in unseren ganzen Verhältnissen, an denen wir alle mitschuldig sind, und die immer wieder solche Fälle hervorrufen. Die arbeitslosen Passanten, die in dieser kalten Winterszeit unsere Straßen entlangziehen müssen, und es sind alte kranke Leute darunter, bringen uns die Botschaft Gottes. Der arme Mann, der sich im Herbst in der Nähe unseres Dorfes das Leben genommen hat, hat uns die Botschaft Gottes gebracht. Wieso ist die Not der Anderen eine Gottesbotschaft für uns? Das ist ganz einfach: die große Not ruft nach einer großen Liebe, nach einer Liebe, die nicht bloß da und dort Flicken und Pflaster auflegen, sondern die von Grund aus heilen möchte. Und das ist eben Jesus, der bei uns einkehren will, wenn dieser Ruf nach großer, ganzer, weltüberwindender Liebe an unsere Seele ergeht.
Wiederum pflegen wir uns zuerst zu wehren gegen diesen Eindruck: Wir sagen: ach, es
ist nicht so gefährlich! wir sagen: ich will jetzt wieder an Anderes denken! oder:
ich kanns ja doch nicht
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ändern! Zuletzt kommen wir wohl gar und meinen: es geht mich nichts an! Das ist das
Menschenwesen in uns, das sich gegen Gottes Wort sträubt. Wohl uns auch hier, wenn
wir den Stachel nicht loswerden, wenn wir unruhig werden, wenn es uns plagt, was wir
sehen und hören müssen, wenn wir schließlich uns übergeben müssen und uns zu unserem
Meister stellen, von dem es heißt: ihn jammerte des Volkes
[
Auch auf eine andere Weise schickt uns Gott seine Botschaft
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im Leben draußen. Durch die gute [Seite], die an jedem unserer Mitmenschen zu finden
ist. Unsere Kraftlosigkeit besteht zum guten Teil auch darin, daß wir die so oft
nicht zu sehen vermögen. Wir fühlen uns von uns selbst unbefriedigt, und ganz
selbstverständlich sehen wir auch unsere Mitmenschen von der grauen Seite an. Überall
finden wir dasselbe wie bei uns, dieselbe Haltlosigkeit, Unwahrhaftigkeit,
Lieblosigkeit. So fühlen wir uns bestärkt und kommen erst recht nicht über uns selbst
hinaus. Das ist eine total verkehrte Art, unser Leben zu bauen. Da schickt dir Gott
einen Menschen über den Weg, der ist vielleicht ein sehr unerfreulicher Geselle mit
vielen Fehlern, aber er hat doch eine gute Seite, wir wollen einmal
sagen: er ist so recht von Herzen aufrichtig. Sieh, da kommt Jesus in dein Leben
hinein! Was meinst du, würde Jesus sich von dem Menschen abgewandt haben? Nein doch,
er würde Freude an ihm gehabt haben um der einen guten Seite willen an ihm, wie er
z. B. an der großen Sünderin
[
Sieh, etwas von dieser Kraft dürfen wir zuversichtlich auch für uns erhoffen und
erbitten. Wir müssen nur das Bild des Herrn Jesus eindringen lassen in unsere Seele,
daß wir es machen, wie er es gemacht hat: müssen die Augen auftun und das Gute sehen
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wollen an den Anderen. O da spürt man Kraft, Gottes Kraft, wenn einmal das Mißtrauen
und das gewohnte Augenzuhalten verschwindet, wenn wir es so bald da, bald dort
aufleuchten sehen bei den Menschen, da einen Funken und dort einen, hier etwas Liebe,
dort etwas Opfersinn, dort etwas Treue im Kleinen, dort etwas große, zügige
Begeisterung, dort etwas starken Duldermut, dort etwas trotzigen, unbeugsamen
Rechtssinn. Es ist ja wahr, die Fehler, die schwachen Seiten überwiegen bei den
meisten, bei uns selber auch, aber wenn wir nun nicht darauf, sondern auf all die
vereinzelten Gotteslichter um uns her schauen würden, auf sie alle miteinander, wie
würde da freundlich und stärkend die Gewißheit auch in uns entstehen: Brüder sind wir
und Schwestern, und einen Vater haben wir über uns, und zusammen gehören wir, wie
würde diese Gewißheit uns aufrütteln, das Gute, Göttliche auch in uns selbst wecken
und zur Entfaltung bringen! Wie würde da Kraft einkehren in unser Leben! Auch das
scheint schwer. Auch da machen wir es gern anders, rupfen lieber das Böse,
Unerfreuliche hervor an den Anderen, beschauen es lange, reden viel und breit davon —
und das ist Menschenwesen, fahre ab damit, sonst bleibst du ewig ohne Kraft. Jesus
will dir zur Kraft, zur Lebenskraft werden, aber du mußt ihn aufnehmen, so wie er zu
dir kommt! Du mußt lernen, auch so freudig und freundlich wie er auf die Anderen da
neben dir zu sehen, auch so erfinderisch wie er das Gute an ihnen zu entdecken.
Wiederum heißt es: sich nicht sperren, nicht ausschlagen wollen gegen den Stachel,
sondern nachgeben, wie
Und nun wollen wir wieder für eine Woche in dieses Leben hinausgehen und sehen, ob es
da etwas zu erfahren gibt von der Kraft des Evangeliums, die die Kraft Gottes ist. Es
gibt noch viel andere Arten, sie zu erfahren, nur einige habe ich genannt. Denkt
selber weiter darüber nach und sucht nach weiteren Quellen. Wahrlich, wenn wir einmal
angefangen haben mit dieser Erfah|61rung, dann verstehen wir den