1. Februar 1914

Predigt: Römer 1,16 (IV)

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Römer 1,16 (IV)
Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes selig zu machen Alle, die daran glauben.
Liebe Freunde!

Zum vierten Mal schon wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf das gleiche Textwort, und noch ist dieses Bergwerk von wichtigen Gedanken nicht erschöpft. Ich habe als Schüler in Bern eine Reihe von sieben Predigten gehört über diesen Text von dem bekannten, vor vier Jahren verstorbenen Pfarrer Robert Aeschbacher.1 Dieser Prediger erinnerte damals am Anfang eines seiner Vorträge an eine tiefsinnige Überlieferung von dem Einsiedler und |49 Patrioten Niklau von der Flüe. Bruder Klaus kehrte von Basel nach seinem stillen Melchtal zurück. Vor den Toren von Basel begann er wandernd das Unservater zu beten. Als er im Melchtal ankam, war er noch nicht fertig damit, so hatte er sich in jede einzelne Bitte vertieft. So kann es einem auch mit einem solchen Textwort gehen. Ich weiß noch, daß ich mich damals als Schüler wunderte, daß so viel in einem Bibelwort enthalten sein solle. Heute wundere ich mich nicht mehr. Es ist so. Man könnte geradesogut vierzehn oder einundzwanzig Predigten über ein solches Wort halten und hören und würde doch nicht in Gefahr kommen, es auszuschöpfen. Wir wollen darum auch heute noch nicht Schluß machen mit der Auslegung und Anwendung dieses einen Wortes. Wir können uns ja ruhig Zeit lassen, und es tut uns Allen gut, bei dem Anlaß einmal einen Begriff davon zu bekommen, wieviel reichen Inhalt ein einziges Bibelwort, über das wir so leicht hinweglesen, umschließen kann.

Wir haben die beiden letzten Male davon geredet, was denn das ist, das Evangelium, dessen wir uns nicht schämen, sondern dessen wir uns freuen sollten als des Besten und Notwendigsten, was wir kennen und haben. Wir haben gehört: das Evangelium ist Jesus, nämlich die Botschaft Gottes, die durch das Leben und Sterben Jesu an uns ergangen ist. Heute wollen wir nachdenken über das, was Paulus sagen wollte mit dem Ausdruck: das Evangelium ist Gottes Kraft.

Also: Gottes Botschaft ist Gottes Kraft. Wir können nicht von jeder Botschaft sagen, daß sie eine Kraft sei. Vieles, das Meiste von dem, was wir Menschen einander sagen, ist kraftlos: wir prallen ab aneinander mit dem, was wir zueinander reden. Denkt, wieviele Gespräche wir schon geführt haben, und es war nur ein Geplauder, wir sagten etwas, um etwas zu sagen, die Mühle lief, aber sie lief leer. Denkt, wie es ist, wenn wir die Zeitung lesen, wie es uns mit vielen Büchern geht: wir fassen etwas auf, wir verstehen, aber es hat keinen Halt, es dringt nicht ein in unsere Seele, es hat keine Wirkung auf uns; gleichgültig oder traurig legen wir das Gelesene beiseite. Denkt, wie es uns oft geht hier in der Kirche, |50 wir reden, wir hören, in die Herzen und Gewissen, in all die Menschenleben hinein sollte das Höchste und Beste, von dem wir da reden, was wir da hören — aber wir reden und hören daneben, es wird nichts ausgerichtet, es ist, wie wenn man nasses Holz anzünden wollte. Die Flamme will nicht emporschlagen; wir empfangen nichts, es verändert sich nichts in unserem Leben. So ists mit unseren Menschenworten, den gesprochenen und den gedruckten, sie haben oft, sehr oft keine Kraft. Neun Zehntel davon könnten geradesogut ungesprochen, ungedruckt sein, will es uns oft scheinen. Ja noch mehr, nicht nur bringt uns das, was wir einander sagen, sehr oft keine Kraft, es bringt uns in unzähligen Fällen auch Schwachheit in unser Leben hinein zu unserer eigenen Schwachheit. Nach gewissen Gesprächen, die wir miteinander hatten, gingen wir nicht nur leer heim, sondern mit einem dumpfen Druck auf der Seele. Es hatte sich wohl etwas verändert in uns, aber nicht zum Guten. Wir wurden von Niedergeschlagenheit erfüllt oder von ratloser Verwirrung unserer Gedanken und Gefühle oder von Bitterkeit und Gereiztheit oder von böser Leidenschaft. So wurden wir schwächer statt stärker. Wir haben das alle schon erfahren, auch mit Büchern, Zeitungen, Vorträgen, Predigten. So ists eben mit unseren Menschenworten. Oft sogar mit den besten Menschenworten. Sie können ganz vortrefflich sein und bieten uns doch nichts, ja sie nehmen uns noch etwas.

Das hatte auch Paulus erfahren. Er kam aus der jüdischen Religion her. Sie war zeifellos die höchststehendste unter den damaligen Religionen. Sie bot einen reinen hohen Begriff von Gott, der den Phantastereien der Heiden weit überlegen war. Sie bot eine ernste strenge Lebensauffassung, die sich von der leichtsinnigen oberflächlichen Art der anderen vorteilhaft unterschied. Sie bot große Ideale, kühne Hoffnungen auf die Zukunft, die wohl geeignet waren, Bewunderung und Begeisterung zu wecken. Aber sie bot dem Paulus und vielen Anderen gerade das nicht, was sie suchten, nämlich Kraft. Je mehr er sich Mühe gab, je mehr er darüber nachdachte, desto weniger fand er darin. Der Gedanke an Gott wurde ihm ein schrecklicher Gedanke, weil er nur noch das |51 spürte, wie wir Menschen vor Gott doch so gar nichts sind. Der Ernst der göttlichen Gebote peinigte ihn, ohne ihn zu erheben, weil er zu der Einsicht kam: das Gebot reizt die Sünde in uns nur noch mehr, statt daß es sie überwinden und beseitigen würde. Die großen Hoffnungen Israels verzehrten ihn innerlich, ohne ihn zu erwärmen, weil er zu deutlich empfand: wir sind dessen nicht würdig, was uns verheißen, wir täten besser zu fürchten, als zu hoffen, denn die Zukunft wird uns nicht das Heil, sondern das Gericht bringen. So teuer ihm alles das war, was er als jung2 gehört und gelernt hatte, er spürte doch nur noch das Äußerliche, Harte, Leblose daran. Es ekelte ihn vor der Einbildung der Schriftgelehrtenzunft, der er angehörte, vor der ängstlichen Tiftelei des Gesetzesgehorsams, zu dem man ihn erzogen hatte, vor dem Hochmut, mit dem die Juden auf alle anderen Völker hinuntersahen. Und doch wußte er selbst nichts Besseres. Er wußte nur, daß das alles nicht gut war, nicht genügte, daß er darin keine Kraft fand.

In dieser inneren Zerrissenheit war er, als er in Jerusalem die Christen kennenlernte, als er bei der Steinigung des Stephanus mitwirkte [Apg. 7,54–60]. Warum ist er zu einem Christenverfolger geworden? Nicht weil ihm das jüdische Wesen so teuer war, weil er so erhebende Erfahrungen mit seiner Religion gemacht hatte, daß er das Bedürfnis empfand, sie gegen eine frevelhafte Neuerung zu verteidigen. Wer in religiösen Sachen seiner selbst sicher ist, wer weiß, an wen er glaubt, der braucht sich über Andersdenkende nicht so aufzuregen, der braucht nicht ein solcher Fechter und Fanatiker zu werden, wie es Paulus damals wurde. Fanatismus ist immer ein Zeichen von Kraftlosigkeit. Und kraftlos, innerlich kraftlos war Paulus. Die Glocke hatte einen verborgenen Sprung. Darum tönte sie jetzt schrill und gellend. Darum verbreitete Paulus jetzt soviel Unruhe um sich her. Es war ein letzter verzweifelter Versuch, über seine innere Unruhe Meister zu werden. Vielleicht hatte er dem Stephanus und den Anderen etwas angespürt: die |52 haben das, was mir fehlt, da ist das, was ich suche und nicht finden kann: Kraft, Lebenskraft! Und wie ein großer Neid wollte es über ihn kommen, und der Neid entlud sich in der Wut, die Anderen, die Glücklicheren zu plagen, zu töten, sich aus den Augen zu schaffen. Vielleicht war es auch das uns allen wohlbekannte Bestreben, doch auch und um jeden Preis recht zu behalten, auch nachdem er längst eingesehen hatte: eigentlich bin ich im Unrecht. Jedenfalls war es etwas durchaus Unnatürliches, Geschraubtes, Gekünsteltes, was da über ihn kam, ein verzweifeltes fieberhaftes Gebaren, in dem nur Eines deutlich zum Vorschein kam, nämlich, daß diesem Mann etwas fehlte. Denken wir daran: solche Zeiten der Unrast, wo wir um uns schlagen und Staub aufwirbeln, wo wir hitzig drauf- und dreinfahren — solche Zeiten sind immer Zeiten der Kraftlosigkeit, ja der Schwäche — auch wenn wir uns dabei vielleicht sehr kraftvoll vorkommen.

Und nun kam im Leben des Paulus jenes merkwürdige Ereignis: seine Bekehrung. In der Bibel wird uns beschrieben, wie er auf dem Wege nach Damaskus Jesus gehört und gesehen habe [Apg. 9,1–9]. Wir werden wohl am richtigsten tun, wenn wir diesen Vorgang als einen inwendigen, geistigen auffassen. Die Hauptsache daran war jedenfalls das Inwendige, das, was in der Seele des Mannes dort vorging: eine gewaltige beschämende Niederlage zuerst, das offene Eingeständnis: es geht nicht! ich kanns so nicht weitertreiben! Ich kann nicht sein ohne Kraft, und ich kann mirs nicht länger verbergen, daß ich kraftlos bin und immer tiefer in die Kraftlosigkeit hineinkomme. Halt und rückwärts! Und dann, sowie Paulus soweit war, das Andere: die Erkenntnis: das Rückwärts bedeutet vorwärts, das langsame, allmähliche Einströmen der lang gesuchten, schmerzlich entbehrten Kraft in sein Leben hinein, das Aufatmen des Erlösten wie nach einem bösen Traum, die grenzenlose Dankbarkeit für das Empfangene, der frohe Wille, sich des Empfangenen würdig zu zeigen, die selbstverständlich in ihm aufleuchtende Gottesliebe und Bruderliebe. Wir können im Einzelnen nicht beschreiben, wie sich diese Wandlung in Paulus vollzogen hat. Wir wissen zu wenig darüber. Sie hat sich sicher |53 nicht in dem einen Augenblick auf der Straße vor Damaskus vollzogen. Das war die erste gewaltige und sehr entscheidende Erschütterung, durch die er hindurchgehen mußte. Andere sind ihr sicher gefolgt; wir hören ja, daß Paulus von Damaskus aus auf Jahre in die Einsamkeit gegangen ist. Man wird nicht von einer Minute auf die andere mit Gotteskraft beschenkt. Es braucht etwas, bis so ein Paulus dazu kommt, wirklich und gründlich sich selber Unrecht zu geben und zu sagen: nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir [Gal. 2,20]. Wir wissen nur eins von ihm: als er dann aus der Verborgenheit wieder hervortrat und ein Apostel dessen wurde, den er verfolgt hatte, da war er ein gänzlich Anderer geworden. Man sagt viel zu wenig, wenn man sagt: er hatte jetzt eine neue Religion. Das ist viel zu schulmeisterlich, wenn man meint: er hatte sichs jetzt besser überlegt und war zu anderen Ansichten gekommen. Gewiß das auch. Aber die Veränderung seiner Ansichten ist ganz nebensächlich gegenüber der Tatsache, daß sein Leben verändert war. Aus der Schwachheit, aus jenem jammervollen inneren Zustand, wo wir nichts empfangen und nichts wirken können und mögen, war Kraft geworden. Die Niedergeschlagenheit, der Zweifel an sich selbst, die Aufgeregtheit, das unruhige Hin und Her war verschwunden, Mut, Zuversicht, Klarheit und Ruhe an ihre Stelle getreten. So fand Paulus im Evangelium Kraft, Gottes Kraft. Gott hatte mit ihm geredet.

Wie ist denn das, wenn Gott mit uns redet und damit seine Kraft in unser Leben einströmen läßt? Es geht uns, wie es Paulus gegangen ist. Wir haben uns in irgend etwas Menschliches hineingelebt oder auch hineingewühlt, so wie Paulus dort in sein jüdisches Religionswesen. Vielleicht eine Sorge, die wir mit uns herumtragen, die wir hegen und pflegen und nicht loslassen wollen, an die wir beständig denken und von der wir zu jedermann reden. Oder irgendeine törichte Gewohnheit, die einmal begonnen hat, ohne die wir nun nicht mehr leben zu können meinen. Oder die Abhängigkeit von einem Menschen, entweder daß wir ihn zu lieb haben, nämlich auf eine falsche Weise, oder daß wir ihn hassen, oder daß wir Angst vor ihm haben. Oder wir lassen |54 uns zuviel beeinflussen von der Art und Weise unserer Umgebung, von unserer Familie, vom Mann oder von der Frau vielleicht. Oder wir haben uns durch die harte Arbeit und Not des Lebens verbittern und abstumpfen lassen und wollen nun aus einer gewissen bitteren Gleichgültigkeit nicht mehr hinaus. Oder wir haben uns irgend einen Gedanken in den Kopf gesetzt, sehen Alles nur noch durch die eine Brille und machen damit uns selbst und Andere unglücklich. Das sind so menschliche Dinge, in die man sich hineinleben kann, meinen: so ists nun, und so bleibts. Und dabei hat man doch beständig jenes Gefühl von Kraftlosigkeit. Man spürt, wie Paulus es gespürt hat: das alles genügt nicht, befriedigt nicht, je mehr ich weitergehe in meinem Traurigsein oder meiner Freude, in meiner Liebe oder meinem Haß, desto weniger wills gelingen, mein Leben auf einen festen Grund zu stellen und in eine bestimmte Richtung zu bringen. Entweder wir sehen vor oberflächlicher Heiterkeit nichts von dem tiefen schweren Ernst des Lebens, oder wir kommen unter dem Druck und in der Öde unseres Daseins nicht dazu, das Schöne und Freudige am Leben zu begreifen und zu ergreifen. Entweder wir bewegen uns in einer unnützen, überall nachgiebigen und doch nirgends ernsthaften sogenannten Liebenswürdigkeit, oder wir verschließen uns in uns selbst in irgend eine trotzige Rechthaberei und zeigen nach allen Seiten Ecken und Dornen. Entweder wir sind zu fahrig, haben Augen und Ohren nach allen Seiten, reden von allem Möglichen und denken noch an viel mehr, und wissen so kaum mehr, wo wir zu Hause sind äußerlich und innerlich, oder aber wir haben uns gewöhnt, nur noch an eins zu denken, an das Allergewöhnlichste wahrscheinlich: Haushalt, Verdienst, Kinder, Nachbarn; was darüber ist, da schweigen wir oder lachen verständnislos. Es gibt so Viele, auf die eines von diesem Entweder-Oder zutrifft, und das heißt dann immer: Kraftlosigkeit.

Da kann man ja nicht leben, da kann man ja unmöglich getrost und ruhig sein, so wenig, wie Paulus es konnte, wenn man so nach irgend einer Seite auf ein totes Geleise gefahren ist. Wohlverstanden, immer wenn wir das tun, meinen wir, Recht zu haben, |55 und es ist auch gewöhnlich etwas Rechtes und Begründetes in unserem Verhalten, Paulus ist ja auch nicht einfach aus Torheit und Tollheit ein solcher Pharisäer gewesen, sondern aus einem sehr edlen hohen Streben heraus. Aber wir dürfen uns nicht irre machen lassen durch dieses bißchen Recht, das wir ja fast immer haben. Wir dürfen nicht darauf klopfen und pochen und nicht von der Sache abgehen wollen, während wir doch im tiefsten Herzensgrund unglücklich, unfrei, unerlöst sind. Wir dürfen uns nicht vorreden: es ist Alles in Ordnung, ich mache Alles, wie es sein muß, niemand kann mir etwas vorwerfen, während in unserem Innersten etwas schreit: nein, es ist nicht Alles in Ordnung. Wenn wir uns so an jenes menschliche Wesen anklammern, in das wir hineingeraten sind, dann werden wir solche zerrissenen Menschen, wie Paulus in seiner ersten Zeit einer war.

Und wenn nun Gott mit uns redet in unserer Kraftlosigkeit, dann wird er das kaum anders machen, als ers mit Paulus gemacht hat, er zeigt uns eben den Herrn Jesus, er zeigt uns den, der, wenn er unser Meister wird, unser Heiland wird, und ladet uns ein: komm! Wir dürfen nur nicht erwarten, daß das notwendigerweise immer gerade durch die Bibel oder durch eine Predigt in Kirche oder Kapelle3 geschehen müsse. Gott hat gar viele Mittel und Wege, und wir dürfen sein Wort an uns nicht nur auf diese eine Weise erwarten. Es ist gut, wenn wir lernen, auf ihn zu hören, wie er im Neuen Testament zu uns redet, und es ist gut, wenn wir lernen, in der Kirche aus dem Pfarrerwort das Gotteswort herauszuhören. Aber das ist nicht einmal das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß wir lernen, Gott zu hören, wie er mit uns redet da im Leben draußen. Er zeigt uns auch da draußen den Herrn Jesus, und schickt uns so seine gute frohe Botschaft, die uns zur Kraft werden soll. Z. B. indem er uns etwas recht Trübes, Trauriges erleben läßt: vielleicht bricht unser äußeres Lebensglück, auf das wir gerechnet hatten, zusammen, vielleicht machen wir schlechte Erfahrungen mit einem Menschen, vielleicht müssen wir einsehen, daß die, die wir für unsere Freunde hielten, uns nicht verstehen, |56 vielleicht müssen wir einsam werden in der Welt. Wieviel kanns doch geben, was uns so recht von Herzen leid tut!

Nun sollen und wollen wir das nicht auf die gewöhnliche Weise aufnehmen, nämlich weder mit großem Jammer und Klagen, noch mit kalter unnatürlicher Gleichgültigkeit, beides ist falsch. Wir wollen uns vielmehr sagen: das, was mir da so leid tut, das ist nun das Evangelium, die frohe Botschaft Gottes an mich, da zeigt er mir nun meinen Meister, den Herrn Jesus, der mir sagt: wer mir will nachfolgen, der nehme sein Kreuz auf sich [Mk. 8,31]! Wie geht es uns, wenn wir diese Einladung Gottes hören? Wir lehnen uns auch zuerst dagegen auf: nein, das kann doch nicht sein! Das kann nun doch nimmermehr gut sein für mich! All unser menschliches Wesen fängt an, sich zu rühren und zu regen stärker als je zuvor, — im Unglück, da zeigen sich die meisten Leute, wie sie sind! — wohl uns, wenn wir diese Krisis überstehen, wie Paulus sie überstanden hat, wenn wir einsehen: ich darf nun nicht einfach fortfahren wie bisher, ich muß nun andere Gedanken, eine andere Richtung annehmen, ernster, tiefer, selbstloser, verständnisvoller werden. Wohl uns, wenn wir auch nicht gegen den Stachel löcken können in solcher Lage, sondern gestehen müssen: der, der da über mir steht in meiner Not, er, der auch gelitten hat, auch verfolgt worden ist, auch geweint hat, er ist mir zu groß, ich kann ihm nicht widerstehen, ich muß dir nachgeben, dein eigen werden, du Menschensohn und Gottessohn! Sieh, dann kommt durch das Evangelium im Leiden Kraft in dein Leben, in den schweren Stunden und Tagen bist du innerlich ein anderer Mensch geworden, nicht auf einen Ruck und doch, Gott sei Dank, es ist entschieden, du bist über dich selbst hinausgekommen, du hast etwas Höheres kennengelernt als deinen eigenen Willen, der beharrlich nach einer Richtung laufen wollte. Das Krampfhafte, Zappelige in dir kommt zur Ruhe, es wird so friedlich in dir, es ist dir, als wenn eine große Versöhnung stattgefunden hätte. Und fröhlich ziehst du deine Straße weiter, wenn auch vielleicht unter Tränen, im dunklen Tal, aber doch fröhlich. Es ist Kraft in dein Leben gekommen durch das Evangelium von Jesus.

57 Diese Botschaft Gottes kann aber auch auf andere Weise kommen, z. B. indem wir uns der großen Not anderer Menschen bewußt werden. Viele Menschen, die unter ihrer eigenen inneren Kraftlosigkeit leiden und nach allen möglichen Mitteln suchen, um darüber hinweg zu kommen, um zu innerer Sicherheit und Freudigkeit, zu klaren Zielen und klaren Wegen dazu zu gelangen, könnten erlöst werden dadurch, daß ihnen einmal das Leid, nicht das eigene, sondern das der Anderen recht tief und stark in die Seele brennen würde. Da ist auch wieder der Herr Jesus vor der Türe, wenn uns das Leid unserer Brüder und Schwestern zum eigenen Leid wird. Auf verschiedene Weise kann uns das geschehen: vielleicht ganz ungesucht: du hast in deiner Umgebung Menschen, die es schwer haben, lange hast du es gesehen und doch nicht gesehen, plötzlich geht es dir auf, was Not ist: Leibesnot und Seelennot — oder du gehst durch ein Spital, vielleicht nicht zum ersten Mal, aber jetzt stehts plötzlich auf: wieviel Jammer und Elend gibts doch unter der Sonne! oder du siehst aus der Nähe einen Fall, an dem es dir deutlich wird, wieviel brutale Ungerechtigkeit doch in unserer Welt ist, Ungerechtigkeit nicht nur in diesem und jenem Fall, sondern Ungerechtigkeit in unseren ganzen Verhältnissen, an denen wir alle mitschuldig sind, und die immer wieder solche Fälle hervorrufen. Die arbeitslosen Passanten, die in dieser kalten Winterszeit unsere Straßen entlangziehen müssen, und es sind alte kranke Leute darunter, bringen uns die Botschaft Gottes. Der arme Mann, der sich im Herbst in der Nähe unseres Dorfes das Leben genommen hat, hat uns die Botschaft Gottes gebracht. Wieso ist die Not der Anderen eine Gottesbotschaft für uns? Das ist ganz einfach: die große Not ruft nach einer großen Liebe, nach einer Liebe, die nicht bloß da und dort Flicken und Pflaster auflegen, sondern die von Grund aus heilen möchte. Und das ist eben Jesus, der bei uns einkehren will, wenn dieser Ruf nach großer, ganzer, weltüberwindender Liebe an unsere Seele ergeht.

Wiederum pflegen wir uns zuerst zu wehren gegen diesen Eindruck: Wir sagen: ach, es ist nicht so gefährlich! wir sagen: ich will jetzt wieder an Anderes denken! oder: ich kanns ja doch nicht |58 ändern! Zuletzt kommen wir wohl gar und meinen: es geht mich nichts an! Das ist das Menschenwesen in uns, das sich gegen Gottes Wort sträubt. Wohl uns auch hier, wenn wir den Stachel nicht loswerden, wenn wir unruhig werden, wenn es uns plagt, was wir sehen und hören müssen, wenn wir schließlich uns übergeben müssen und uns zu unserem Meister stellen, von dem es heißt: ihn jammerte des Volkes [Mt. 9,36]. O, da kommt Kraft in unser Leben hinein, wenn wir uns gerade in dieser Sache zu unserem Meister stellen! Wieviel kleinliche, zänkische, törichte Sorgen und Gedanken werden verschwinden aus unserem Herzen, wenn auch nur etwas von dem großen Mit-Leiden unter dem Leiden der Anderen bei uns einziehen würde! Wie würde sogar viel von unserem eigenen Kummer und Sorgen blaß und klein werden in uns, zurücktreten, wenn wir den Kummer um unsere Brüder und Schwestern an die erste Stelle treten lassen würden. Seht, die Not der Anderen hat etwas Befreiendes für uns, auch wenn wir sie mit keinem Finger lindern könnten, nur schon der ernsthafte Gedanke daran, nur schon das, daß sie uns wirklich zu einer Frage, zu einer Herzensfrage wird. Sie befreit uns von uns selbst. Wir haben dann gar nicht mehr soviel Zeit und Lust, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Wir sehen Dinge, die uns viel wichtiger werden als unsere persönlichen Sachen. Wir kommen heraus aus der Enge unseres kleinen Daseins, hinein ins wirkliche Menschenleben. In Jesus war eine so große Kraft, weil bei ihm der Gedanke an die eigene Not ganz ganz klein wurde gegenüber dem Gedanken an die Not der Brüder. Diese große Kraft kann und soll uns auch geschenkt werden. Jesus will auch in dieser Beziehung in uns Gestalt annehmen. Wir wollen uns doch nicht sperren! Fort mit unserer Gleichgültigkeit, fort mit der bloß spielerischen Beschäftigung mit kleinen Werken der Nächstenliebe, sie sind schön und gut, aber sie erlösen uns nicht. Erlösung bringt uns nur das große, tiefe, radikale Mit-Leiden und Lieben Jesu. Laß das an dich herankommen! Laß dich überwältigen davon, dann wirst du Kraft empfangen.

Auch auf eine andere Weise schickt uns Gott seine Botschaft |59 im Leben draußen. Durch die gute [Seite], die an jedem unserer Mitmenschen zu finden ist. Unsere Kraftlosigkeit besteht zum guten Teil auch darin, daß wir die so oft nicht zu sehen vermögen. Wir fühlen uns von uns selbst unbefriedigt, und ganz selbstverständlich sehen wir auch unsere Mitmenschen von der grauen Seite an. Überall finden wir dasselbe wie bei uns, dieselbe Haltlosigkeit, Unwahrhaftigkeit, Lieblosigkeit. So fühlen wir uns bestärkt und kommen erst recht nicht über uns selbst hinaus. Das ist eine total verkehrte Art, unser Leben zu bauen. Da schickt dir Gott einen Menschen über den Weg, der ist vielleicht ein sehr unerfreulicher Geselle mit vielen Fehlern, aber er hat doch eine gute Seite, wir wollen einmal sagen: er ist so recht von Herzen aufrichtig. Sieh, da kommt Jesus in dein Leben hinein! Was meinst du, würde Jesus sich von dem Menschen abgewandt haben? Nein doch, er würde Freude an ihm gehabt haben um der einen guten Seite willen an ihm, wie er z. B. an der großen Sünderin [Lk. 7,36–50] Freude hatte nur um ihres guten Herzens willen oder an Zachäus [Lk. 19,1–10] wegen seines großen Eifers, ihn kennen zu lernen. Denkt, was für einen Anblick mögen die Menschen in der Umgebung Jesu für seine Augen geboten haben: überall sah er etwas aufleuchten von etwas Göttlichem, Schönem, Erhebendem. Wir wissen wohl, daß er darum das Böse an ihnen nicht übersehen, daß er sich keinen Täuschungen über die Menschennatur hingegeben hat. Aber was er sah an Gutem, das gab ihm die Gewißheit: sie alle sind Kinder des Vaters im Himmel, sie alle sind wahrhaftig Brüder und Schwestern, gehören zusammen, sind füreinander geschaffen. In dieser Gewißheit lebte Jesus. Und glauben wir nicht auch, daß das ein Stück von dem Geheimnis seiner Kraft war, daß es für ihn feststand, nicht nur als eine Theorie wie bei uns, sondern als eine erlebte erfahrene Wirklichkeit: Gott ist unser aller Vater, und wir sind wahrhaftig alle Brüder und Schwestern.

Sieh, etwas von dieser Kraft dürfen wir zuversichtlich auch für uns erhoffen und erbitten. Wir müssen nur das Bild des Herrn Jesus eindringen lassen in unsere Seele, daß wir es machen, wie er es gemacht hat: müssen die Augen auftun und das Gute sehen |60 wollen an den Anderen. O da spürt man Kraft, Gottes Kraft, wenn einmal das Mißtrauen und das gewohnte Augenzuhalten verschwindet, wenn wir es so bald da, bald dort aufleuchten sehen bei den Menschen, da einen Funken und dort einen, hier etwas Liebe, dort etwas Opfersinn, dort etwas Treue im Kleinen, dort etwas große, zügige Begeisterung, dort etwas starken Duldermut, dort etwas trotzigen, unbeugsamen Rechtssinn. Es ist ja wahr, die Fehler, die schwachen Seiten überwiegen bei den meisten, bei uns selber auch, aber wenn wir nun nicht darauf, sondern auf all die vereinzelten Gotteslichter um uns her schauen würden, auf sie alle miteinander, wie würde da freundlich und stärkend die Gewißheit auch in uns entstehen: Brüder sind wir und Schwestern, und einen Vater haben wir über uns, und zusammen gehören wir, wie würde diese Gewißheit uns aufrütteln, das Gute, Göttliche auch in uns selbst wecken und zur Entfaltung bringen! Wie würde da Kraft einkehren in unser Leben! Auch das scheint schwer. Auch da machen wir es gern anders, rupfen lieber das Böse, Unerfreuliche hervor an den Anderen, beschauen es lange, reden viel und breit davon — und das ist Menschenwesen, fahre ab damit, sonst bleibst du ewig ohne Kraft. Jesus will dir zur Kraft, zur Lebenskraft werden, aber du mußt ihn aufnehmen, so wie er zu dir kommt! Du mußt lernen, auch so freudig und freundlich wie er auf die Anderen da neben dir zu sehen, auch so erfinderisch wie er das Gute an ihnen zu entdecken. Wiederum heißt es: sich nicht sperren, nicht ausschlagen wollen gegen den Stachel, sondern nachgeben, wie Paulus nachgeben mußte. Aufnehmen, annehmen, an uns herankommen, uns überwältigen lassen von Jesus und seiner Art. Dann finden wir mitten im Leben die Kraft, nach der wir uns sehnen.

Und nun wollen wir wieder für eine Woche in dieses Leben hinausgehen und sehen, ob es da etwas zu erfahren gibt von der Kraft des Evangeliums, die die Kraft Gottes ist. Es gibt noch viel andere Arten, sie zu erfahren, nur einige habe ich genannt. Denkt selber weiter darüber nach und sucht nach weiteren Quellen. Wahrlich, wenn wir einmal angefangen haben mit dieser Erfah|61rung, dann verstehen wir den Paulus und halten es mit ihm und seinem trutzigen Wort: «ich schäme mich nicht» — nein, dann schämen wir uns nicht mehr, dann lassen wir die kraftvolle Botschaft Gottes, die wir selber empfangen haben, leuchten vor den Leuten. Wir wollens wieder einmal versuchen, nicht wahr!

Amen.

Sachfußnoten

1
Robert Aeschbacher (1869–1910), Pfarrer an der Nydeckkirche, seit 1907 am Münster zu Bern, Konfirmator Karl Barths. Vgl. K. Kupisch, Karl Barth, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 18f. 📖; vgl. auch Predigt 206 vom 15. Februar 1914, bes. S. 78. ↩
2
Dialekt: = als er jung war.↩
3
Vgl. Anm. 3 zu Predigt 203.↩