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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 1,16 (IV)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 1,16 (IV), 1. Februar 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5008 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 48–61.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 1,16 (IV)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 48-61</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 204</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 1,16 (IV), 1. Februar 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1647">KBA 1182</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-02-01">1. Februar 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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      <div type="sermon">
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        <head>
                        <idno>204</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-02-01">1. Februar 1914</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">Römer 1,16</ref>
                            <span>
                                <idno>IV</idno>
                            </span>
            <quote>Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes
                        selig zu machen Alle, die daran glauben.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Zum vierten Mal schon wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf das gleiche Textwort, und
               noch ist dieses Bergwerk von wichtigen Gedanken nicht erschöpft. Ich habe als Schüler
               in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> eine Reihe von sieben Predigten gehört über diesen Text von dem bekannten,
               vor vier Jahren verstorbenen Pfarrer <persName ref="kbga-actors-2">Robert Aeschbacher</persName>.<note xml:id="n01">
                            <persName ref="kbga-actors-2">Robert Aeschbacher</persName> (1869–1910), Pfarrer an der Nydeckkirche, seit
                     1907 am Münster zu Bern, Konfirmator <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1537">
                                K. Kupisch, <hi rend="italic">Karl Barth</hi>, Reinbek
                        bei Hamburg 1971, S. 18f.</bibl>; vgl. auch Predigt 206 vom 15. Februar <date when="1914">1914</date>, <ref type="pub" target="5010#p078">bes. S. 78</ref>.
               </note> Dieser Prediger erinnerte damals am Anfang eines seiner Vorträge an eine
               tiefsinnige Überlieferung von dem Einsiedler und
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                Patrioten <persName ref="kbga-actors-709">Niklau von der Flüe</persName>. Bruder Klaus kehrte von <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> nach seinem stillen
               <placeName ref="kbga-places-422">Melchtal</placeName> zurück. Vor den Toren von <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> begann er wandernd das Unservater zu beten.
               Als er im <placeName ref="kbga-places-422">Melchtal</placeName> ankam, war er noch nicht fertig damit, so hatte er sich in jede
               einzelne Bitte vertieft. So kann es einem auch mit einem solchen Textwort gehen. Ich
               weiß noch, daß ich mich damals als Schüler wunderte, daß so viel in einem Bibelwort
               enthalten sein solle. Heute wundere ich mich nicht mehr. Es ist so. Man könnte
               geradesogut vierzehn oder einundzwanzig Predigten über ein solches Wort halten und
               hören und würde doch nicht in Gefahr kommen, es auszuschöpfen. Wir wollen darum auch
               heute noch nicht Schluß machen mit der Auslegung und Anwendung dieses einen Wortes.
               Wir können uns ja ruhig Zeit lassen, und es tut uns Allen gut, bei dem Anlaß einmal
               einen Begriff davon zu bekommen, wieviel reichen Inhalt ein einziges Bibelwort, über
               das wir so leicht hinweglesen, umschließen kann.</p>
        <p>Wir haben die beiden letzten Male davon geredet, was denn das ist, das Evangelium,
               dessen wir uns nicht schämen, sondern dessen wir uns freuen sollten als des Besten
               und Notwendigsten, was wir kennen und haben. Wir haben gehört: das Evangelium ist
               Jesus, nämlich die Botschaft Gottes, die durch das Leben und Sterben Jesu an uns
               ergangen ist. Heute wollen wir nachdenken über das, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagen wollte mit dem
               Ausdruck: das Evangelium ist <hi rend="italic">Gottes Kraft</hi>.</p>
        <p>Also: Gottes Botschaft ist Gottes Kraft. Wir können nicht von jeder Botschaft sagen,
               daß sie eine Kraft sei. Vieles, das Meiste von dem, was wir Menschen einander sagen,
               ist kraftlos: wir prallen ab aneinander mit dem, was wir zueinander reden. Denkt,
               wieviele Gespräche wir schon geführt haben, und es war nur ein Geplauder, wir sagten
               etwas, um etwas zu sagen, die Mühle lief, aber sie lief leer. Denkt, wie es ist, wenn
               wir die Zeitung lesen, wie es uns mit vielen Büchern geht: wir fassen etwas auf, wir
               verstehen, aber es hat keinen Halt, es dringt nicht ein in unsere Seele, es hat keine
               Wirkung auf uns; gleichgültig oder traurig legen wir das Gelesene beiseite. Denkt,
               wie es uns oft geht hier in der Kirche, <milestone xml:id="m4" unit="page"/>
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                wir reden, wir hören, in die Herzen und Gewissen, in all die Menschenleben hinein
               sollte das Höchste und Beste, von dem wir da reden, was wir da hören — aber wir reden
               und hören daneben, es wird nichts ausgerichtet, es ist, wie wenn man nasses Holz
               anzünden wollte. Die Flamme will nicht emporschlagen; wir empfangen nichts, es
               verändert sich nichts in unserem Leben. So ists mit unseren Menschenworten, den
               gesprochenen und den gedruckten, sie haben oft, sehr oft keine Kraft. Neun Zehntel
               davon könnten geradesogut ungesprochen, ungedruckt sein, will es uns oft scheinen. Ja
               noch mehr, nicht nur bringt uns das, was wir einander sagen, sehr oft keine Kraft, es
               bringt uns in unzähligen Fällen auch Schwachheit in unser Leben hinein zu unserer
               eigenen Schwachheit. Nach gewissen Gesprächen, die wir miteinander hatten, gingen wir
               nicht nur leer heim, sondern mit einem dumpfen Druck auf der Seele. Es hatte sich
               wohl etwas verändert in uns, aber nicht zum Guten. Wir wurden von
               Niedergeschlagenheit erfüllt oder von ratloser Verwirrung unserer Gedanken und
               Gefühle oder von Bitterkeit und Gereiztheit oder von böser Leidenschaft. So wurden
               wir schwächer statt stärker. Wir haben das alle schon erfahren, auch mit Büchern,
               Zeitungen, Vorträgen, Predigten. So ists eben mit unseren Menschenworten. Oft sogar
               mit den besten Menschenworten. Sie können ganz vortrefflich sein und bieten uns doch
               nichts, ja sie nehmen uns noch etwas.</p>
        <p>Das hatte auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> erfahren. Er kam aus der jüdischen Religion her. Sie war
               zeifellos die höchststehendste unter den damaligen Religionen. Sie bot einen reinen
               hohen Begriff von Gott, der den Phantastereien der Heiden weit überlegen war. Sie bot
               eine ernste strenge Lebensauffassung, die sich von der leichtsinnigen oberflächlichen
               Art der anderen vorteilhaft unterschied. Sie bot große Ideale, kühne Hoffnungen auf
               die Zukunft, die wohl geeignet waren, Bewunderung und Begeisterung zu wecken. Aber
               sie bot dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und vielen Anderen gerade das nicht, was sie suchten, nämlich
               Kraft. Je mehr er sich Mühe gab, je mehr er darüber nachdachte, desto weniger fand er
               darin. Der Gedanke an Gott wurde ihm ein schrecklicher Gedanke, weil er nur noch das
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                spürte, wie wir Menschen vor Gott doch so gar nichts sind. Der Ernst der göttlichen
               Gebote peinigte ihn, ohne ihn zu erheben, weil er zu der Einsicht kam: das Gebot
               reizt die Sünde in uns nur noch mehr, statt daß es sie überwinden und beseitigen
               würde. Die großen Hoffnungen Israels verzehrten ihn innerlich, ohne ihn zu erwärmen,
               weil er zu deutlich empfand: wir sind dessen nicht würdig, was uns verheißen, wir
               täten besser zu fürchten, als zu hoffen, denn die Zukunft wird uns nicht das Heil,
               sondern das Gericht bringen. So teuer ihm alles das war, was er als jung<note xml:id="n02">Dialekt: = als er jung war.</note> gehört und gelernt hatte, er
               spürte doch nur noch das Äußerliche, Harte, Leblose daran. Es ekelte ihn vor der
               Einbildung der Schriftgelehrtenzunft, der er angehörte, vor der ängstlichen Tiftelei
               des Gesetzesgehorsams, zu dem man ihn erzogen hatte, vor dem Hochmut, mit dem die
               Juden auf alle anderen Völker hinuntersahen. Und doch wußte er selbst nichts
               Besseres. Er wußte nur, daß das alles nicht gut war, nicht genügte, daß er darin
               keine Kraft fand.</p>
        <p>In dieser inneren Zerrissenheit war er, als er in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> die Christen
               kennenlernte, als er bei der Steinigung des <persName ref="kbga-actors-4978">Stephanus</persName> mitwirkte 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.7.54 Act.7.60">Apg. 7,54–60</ref>]. Warum ist er zu
               einem Christenverfolger geworden? Nicht weil ihm das jüdische Wesen so teuer war,
               weil er so erhebende Erfahrungen mit seiner Religion gemacht hatte, daß er das
               Bedürfnis empfand, sie gegen eine frevelhafte Neuerung zu verteidigen. Wer in
               religiösen Sachen seiner selbst sicher ist, wer weiß, an wen er glaubt, der braucht
               sich über Andersdenkende nicht so aufzuregen, der braucht nicht ein solcher Fechter
               und Fanatiker zu werden, wie es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> damals wurde. Fanatismus ist immer ein Zeichen
               von Kraftlosigkeit. Und kraftlos, innerlich kraftlos war <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>. Die Glocke hatte
               einen verborgenen Sprung. Darum tönte sie jetzt schrill und gellend. Darum
               verbreitete <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> jetzt soviel Unruhe um sich her. Es war ein letzter verzweifelter
               Versuch, über seine innere Unruhe Meister zu werden. Vielleicht hatte er dem
               <persName ref="kbga-actors-4978">Stephanus</persName> und den Anderen etwas angespürt: die
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                haben das, was mir fehlt, da ist das, was ich suche und nicht finden kann: Kraft,
               Lebenskraft! Und wie ein großer Neid wollte es über ihn kommen, und der Neid entlud
               sich in der Wut, die Anderen, die Glücklicheren zu plagen, zu töten, sich aus den
               Augen zu schaffen. Vielleicht war es auch das uns allen wohlbekannte Bestreben, doch
               auch und um jeden Preis recht zu behalten, auch nachdem er längst eingesehen hatte:
               eigentlich bin ich im Unrecht. Jedenfalls war es etwas durchaus Unnatürliches,
               Geschraubtes, Gekünsteltes, was da über ihn kam, ein verzweifeltes fieberhaftes
               Gebaren, in dem nur Eines deutlich zum Vorschein kam, nämlich, daß diesem Mann etwas
               fehlte. Denken wir daran: solche Zeiten der Unrast, wo wir um uns schlagen und Staub
               aufwirbeln, wo wir hitzig drauf- und dreinfahren — solche Zeiten sind immer Zeiten
               der Kraftlosigkeit, ja der Schwäche — auch wenn wir uns dabei vielleicht sehr
               kraftvoll vorkommen.</p>
        <p>Und nun kam im Leben des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> jenes merkwürdige Ereignis: seine Bekehrung. In der
               Bibel wird uns beschrieben, wie er auf dem Wege nach <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> Jesus gehört und
               gesehen habe [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.1 Act.9.9">Apg. 9,1–9</ref>]. Wir werden wohl am richtigsten tun, wenn wir diesen Vorgang als einen
               inwendigen, geistigen auffassen. Die Hauptsache daran war jedenfalls das Inwendige,
               das, was in der Seele des Mannes dort vorging: eine gewaltige beschämende Niederlage
               zuerst, das offene Eingeständnis: es geht nicht! ich kanns so nicht weitertreiben!
               Ich kann nicht sein ohne Kraft, und ich kann mirs nicht länger verbergen, daß ich
               kraftlos bin und immer tiefer in die Kraftlosigkeit hineinkomme. Halt und rückwärts!
               Und dann, sowie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> soweit war, das Andere: die Erkenntnis: das Rückwärts bedeutet
               vorwärts, das langsame, allmähliche Einströmen der lang gesuchten, schmerzlich
               entbehrten Kraft in sein Leben hinein, das Aufatmen des Erlösten wie nach einem bösen
               Traum, die grenzenlose Dankbarkeit für das Empfangene, der frohe Wille, sich des
               Empfangenen würdig zu zeigen, die selbstverständlich in ihm aufleuchtende Gottesliebe
               und Bruderliebe. Wir können im Einzelnen nicht beschreiben, wie sich diese Wandlung
               in <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vollzogen hat. Wir wissen zu wenig darüber. Sie hat sich sicher
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                nicht in dem einen Augenblick auf der Straße vor <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> vollzogen. Das war die
               erste gewaltige und sehr entscheidende Erschütterung, durch die er hindurchgehen
               mußte. Andere sind ihr sicher gefolgt; wir hören ja, daß <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> von <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> aus auf
               Jahre in die Einsamkeit gegangen ist. Man wird nicht von einer Minute auf die andere
               mit Gotteskraft beschenkt. Es braucht etwas, bis so ein <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dazu kommt, wirklich
               und gründlich sich selber Unrecht zu geben und zu sagen: nicht mehr ich, sondern
               Christus lebt in mir [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.20">Gal. 2,20</ref>]. 
               Wir wissen nur eins von ihm: als er dann aus der Verborgenheit wieder
               hervortrat und ein Apostel dessen wurde, den er verfolgt hatte, da war er ein
               gänzlich Anderer geworden. Man sagt viel zu wenig, wenn man sagt: er hatte jetzt eine
               neue Religion. Das ist viel zu schulmeisterlich, wenn man meint: er hatte sichs jetzt
               besser überlegt und war zu anderen Ansichten gekommen. Gewiß das auch. Aber die
               Veränderung seiner Ansichten ist ganz nebensächlich gegenüber der Tatsache, daß sein
               Leben verändert war. Aus der Schwachheit, aus jenem jammervollen inneren Zustand, wo
               wir nichts empfangen und nichts wirken können und mögen, war Kraft geworden. Die
               Niedergeschlagenheit, der Zweifel an sich selbst, die Aufgeregtheit, das unruhige Hin
               und Her war verschwunden, Mut, Zuversicht, Klarheit und Ruhe an ihre Stelle getreten.
               So fand <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> im Evangelium Kraft, Gottes Kraft. Gott hatte mit ihm geredet.</p>
        <p>Wie ist denn das, wenn <hi rend="italic">Gott mit uns redet</hi> und damit seine Kraft in
               unser Leben einströmen läßt? Es geht uns, wie es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gegangen ist. Wir haben uns
               in irgend etwas Menschliches hineingelebt oder auch hineingewühlt, so wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> dort
               in sein jüdisches Religionswesen. Vielleicht eine Sorge, die wir mit uns herumtragen,
               die wir hegen und pflegen und nicht loslassen wollen, an die wir beständig denken und
               von der wir zu jedermann reden. Oder irgendeine törichte Gewohnheit, die einmal
               begonnen hat, ohne die wir nun nicht mehr leben zu können meinen. Oder die
               Abhängigkeit von einem Menschen, entweder daß wir ihn zu lieb haben, nämlich auf eine
               falsche Weise, oder daß wir ihn hassen, oder daß wir Angst vor ihm haben. Oder wir
               lassen
               <pb xml:id="p054" ed="pga"/>
                uns zuviel beeinflussen von der Art und Weise unserer Umgebung, von unserer Familie,
               vom Mann oder von der Frau vielleicht. Oder wir haben uns durch die harte Arbeit und
               Not des Lebens verbittern und abstumpfen lassen und wollen nun aus einer gewissen
               bitteren Gleichgültigkeit nicht mehr hinaus. Oder wir haben uns irgend einen Gedanken
               in den Kopf gesetzt, sehen Alles nur noch durch die eine Brille und machen damit uns
               selbst und Andere unglücklich. Das sind so menschliche Dinge, in die man sich
               hineinleben kann, meinen: so ists nun, und so bleibts. Und dabei hat man doch
               beständig jenes Gefühl von Kraftlosigkeit. Man spürt, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es gespürt hat: das
               alles genügt nicht, befriedigt nicht, je mehr ich weitergehe in meinem Traurigsein
               oder meiner Freude, in meiner Liebe oder meinem Haß, desto weniger wills gelingen,
               mein Leben auf einen festen Grund zu stellen und in eine bestimmte Richtung zu
               bringen. Entweder wir sehen vor oberflächlicher Heiterkeit nichts von dem tiefen
               schweren Ernst des Lebens, oder wir kommen unter dem Druck und in der Öde unseres
               Daseins nicht dazu, das Schöne und Freudige am Leben zu begreifen und zu ergreifen.
               Entweder wir bewegen uns in einer unnützen, überall nachgiebigen und doch nirgends
               ernsthaften sogenannten Liebenswürdigkeit, oder wir verschließen uns in uns selbst in
               irgend eine trotzige Rechthaberei und zeigen nach allen Seiten Ecken und Dornen.
               Entweder wir sind zu fahrig, haben Augen und Ohren nach allen Seiten, reden von allem
               Möglichen und denken noch an viel mehr, und wissen so kaum mehr, wo wir zu Hause sind
               äußerlich und innerlich, oder aber wir haben uns gewöhnt, nur noch an eins zu denken,
               an das Allergewöhnlichste wahrscheinlich: Haushalt, Verdienst, Kinder, Nachbarn; was
               darüber ist, da schweigen wir oder lachen verständnislos. Es gibt so Viele, auf die
               eines von diesem Entweder-Oder zutrifft, und das heißt dann immer:
               Kraftlosigkeit.</p>
        <p>Da kann man ja nicht leben, da kann man ja unmöglich getrost und ruhig sein, so
               wenig, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es konnte, wenn man so nach irgend einer Seite auf ein totes
               Geleise gefahren ist. Wohlverstanden, immer wenn wir das tun, meinen wir, Recht zu
               haben,
               <pb xml:id="p055" ed="pga"/>
                und es ist auch gewöhnlich etwas Rechtes und Begründetes in unserem Verhalten,
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ist ja auch nicht einfach aus Torheit und Tollheit ein solcher Pharisäer
               gewesen, sondern aus einem sehr edlen hohen Streben heraus. Aber wir dürfen uns nicht
               irre machen lassen durch dieses bißchen Recht, das wir ja fast immer haben. Wir
               dürfen nicht darauf klopfen und pochen und nicht von der Sache abgehen wollen,
               während wir doch im tiefsten Herzensgrund unglücklich, unfrei, unerlöst sind. Wir
               dürfen uns nicht vorreden: es ist Alles in Ordnung, ich mache Alles, wie es sein muß,
               niemand kann mir etwas vorwerfen, während in unserem Innersten etwas schreit: nein,
               es ist nicht Alles in Ordnung. Wenn wir uns so an jenes menschliche Wesen anklammern,
               in das wir hineingeraten sind, dann werden wir solche zerrissenen Menschen, wie
               <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in seiner ersten Zeit einer war.</p>
        <p>Und wenn nun Gott mit uns redet in unserer Kraftlosigkeit, dann wird er das kaum
               anders machen, als ers mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> gemacht hat, er zeigt uns eben den Herrn Jesus, er
               zeigt uns den, der, wenn er unser Meister wird, unser Heiland wird, und ladet uns
               ein: komm! Wir dürfen nur nicht erwarten, daß das notwendigerweise immer gerade durch
               die Bibel oder durch eine Predigt in Kirche oder Kapelle<note xml:id="n03">Vgl. <ref type="pub" target="5007#fn_n03">Anm. 3 zu Predigt 203</ref>.</note> geschehen müsse. Gott hat gar viele Mittel und Wege, und wir dürfen
               sein Wort an uns nicht nur auf diese eine Weise erwarten. Es ist gut, wenn wir
               lernen, auf ihn zu hören, wie er im Neuen Testament zu uns redet, und es ist gut,
               wenn wir lernen, in der Kirche aus dem Pfarrerwort das Gotteswort herauszuhören. Aber
               das ist nicht einmal das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß wir lernen, Gott zu
               hören, wie er mit uns redet da im Leben draußen. Er zeigt uns auch da draußen den
               Herrn Jesus, und schickt uns so seine gute frohe Botschaft, die uns zur Kraft werden
               soll. Z. B. indem er uns etwas recht Trübes, Trauriges erleben läßt: vielleicht bricht
               unser äußeres Lebensglück, auf das wir gerechnet hatten, zusammen, vielleicht machen
               wir schlechte Erfahrungen mit einem Menschen, vielleicht müssen wir einsehen, daß
               die, die wir für unsere Freunde hielten, uns nicht verstehen,
               <pb xml:id="p056" ed="pga"/>
                vielleicht müssen wir einsam werden in der Welt. Wieviel kanns doch geben, was uns
               so recht von Herzen leid tut!</p>
        <p>Nun sollen und wollen wir das nicht auf die gewöhnliche Weise aufnehmen, nämlich
               weder mit großem Jammer und Klagen, noch mit kalter unnatürlicher Gleichgültigkeit,
               beides ist falsch. Wir wollen uns vielmehr sagen: das, was mir da so leid tut, das
               ist nun das Evangelium, die frohe Botschaft Gottes an mich, da zeigt er mir nun
               meinen Meister, den Herrn Jesus, der mir sagt: wer mir will nachfolgen, der nehme
               sein Kreuz auf sich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.31">Mk. 8,31</ref>]! 
               Wie geht es uns, wenn wir diese Einladung Gottes hören? Wir lehnen uns
               auch zuerst dagegen auf: nein, das kann doch nicht sein! Das kann nun doch nimmermehr
               gut sein für mich! All unser menschliches Wesen fängt an, sich zu rühren und zu regen
               stärker als je zuvor, — im Unglück, da zeigen sich die meisten Leute, wie sie sind! —
               wohl uns, wenn wir diese Krisis überstehen, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sie überstanden hat, wenn wir
               einsehen: ich darf nun nicht einfach fortfahren wie bisher, ich muß nun andere
               Gedanken, eine andere Richtung annehmen, ernster, tiefer, selbstloser,
               verständnisvoller werden. Wohl uns, wenn wir auch nicht gegen den Stachel löcken
               können in solcher Lage, sondern gestehen müssen: der, der da über mir steht in meiner
               Not, er, der auch gelitten hat, auch verfolgt worden ist, auch geweint hat, er ist
               mir zu groß, ich kann ihm nicht widerstehen, ich muß dir nachgeben, dein eigen
               werden, du Menschensohn und Gottessohn! Sieh, dann kommt durch das Evangelium im
               Leiden Kraft in dein Leben, in den schweren Stunden und Tagen bist du innerlich ein
               anderer Mensch geworden, nicht auf einen Ruck und doch, Gott sei Dank, es ist
               entschieden, du bist über dich selbst hinausgekommen, du hast etwas Höheres
               kennengelernt als deinen eigenen Willen, der beharrlich nach einer Richtung laufen
               wollte. Das Krampfhafte, Zappelige in dir kommt zur Ruhe, es wird so friedlich in
               dir, es ist dir, als wenn eine große Versöhnung stattgefunden hätte. Und fröhlich
               ziehst du deine Straße weiter, wenn auch vielleicht unter Tränen, im dunklen Tal,
               aber doch fröhlich. Es ist Kraft in dein Leben gekommen durch das Evangelium von
               Jesus.</p>
        
        <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p057" ed="pga"/> Diese Botschaft Gottes kann aber auch auf andere Weise kommen, z. B. indem wir uns der
               großen Not anderer Menschen bewußt werden. Viele Menschen, die unter ihrer eigenen
               inneren Kraftlosigkeit leiden und nach allen möglichen Mitteln suchen, um darüber
               hinweg zu kommen, um zu innerer Sicherheit und Freudigkeit, zu klaren Zielen und
               klaren Wegen dazu zu gelangen, könnten erlöst werden dadurch, daß ihnen einmal das
               Leid, nicht das eigene, sondern das der Anderen recht tief und stark in die Seele
               brennen würde. Da ist auch wieder der Herr Jesus vor der Türe, wenn uns das Leid
               unserer Brüder und Schwestern zum eigenen Leid wird. Auf verschiedene Weise kann uns
               das geschehen: vielleicht ganz ungesucht: du hast in deiner Umgebung Menschen, die es
               schwer haben, lange hast du es gesehen und doch nicht gesehen, plötzlich geht es dir
               auf, was Not ist: Leibesnot und Seelennot — oder du gehst durch ein Spital,
               vielleicht nicht zum ersten Mal, aber jetzt stehts plötzlich auf: wieviel Jammer und
               Elend gibts doch unter der Sonne! oder du siehst aus der Nähe einen Fall, an dem es
               dir deutlich wird, wieviel brutale Ungerechtigkeit doch in unserer Welt ist,
               Ungerechtigkeit nicht nur in diesem und jenem Fall, sondern Ungerechtigkeit in
               unseren ganzen Verhältnissen, an denen wir alle mitschuldig sind, und die immer
               wieder solche Fälle hervorrufen. Die arbeitslosen Passanten, die in dieser kalten
               Winterszeit unsere Straßen entlangziehen müssen, und es sind alte kranke Leute
               darunter, bringen uns die Botschaft Gottes. Der arme Mann, der sich im Herbst in der
               Nähe unseres Dorfes das Leben genommen hat, hat uns die Botschaft Gottes gebracht.
               Wieso ist die Not der Anderen eine Gottesbotschaft für uns? Das ist ganz einfach: die
               große Not ruft nach einer großen Liebe, nach einer Liebe, die nicht bloß da und dort
               Flicken und Pflaster auflegen, sondern die von Grund aus heilen möchte. Und das ist
               eben Jesus, der bei uns einkehren will, wenn dieser Ruf nach großer, ganzer,
               weltüberwindender Liebe an unsere Seele ergeht.</p>
        <p>Wiederum pflegen wir uns zuerst zu wehren gegen diesen Eindruck: Wir sagen: ach, es
               ist nicht so gefährlich! wir sagen: ich will jetzt wieder an Anderes denken! oder:
               ich kanns ja doch nicht
               <pb xml:id="p058" ed="pga"/>
                ändern! Zuletzt kommen wir wohl gar und meinen: es geht mich nichts an! Das ist das
               Menschenwesen in uns, das sich gegen Gottes Wort sträubt. Wohl uns auch hier, wenn
               wir den Stachel nicht loswerden, wenn wir unruhig werden, wenn es uns plagt, was wir
               sehen und hören müssen, wenn wir schließlich uns übergeben müssen und uns zu unserem
               Meister stellen, von dem es heißt: ihn jammerte des Volkes 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.36">Mt. 9,36</ref>]. O, da kommt Kraft in unser Leben
               hinein, wenn wir uns gerade in dieser Sache zu unserem Meister stellen! Wieviel
               kleinliche, zänkische, törichte Sorgen und Gedanken werden verschwinden aus unserem
               Herzen, wenn auch nur etwas von dem großen Mit-Leiden unter dem Leiden der Anderen
               bei uns einziehen würde! Wie würde sogar viel von unserem eigenen Kummer und Sorgen
               blaß und klein werden in uns, zurücktreten, wenn wir den Kummer um unsere Brüder und
               Schwestern an die erste Stelle treten lassen würden. Seht, die Not der Anderen hat
               etwas Befreiendes für uns, auch wenn wir sie mit keinem Finger lindern könnten, nur
               schon der ernsthafte Gedanke daran, nur schon das, daß sie uns wirklich zu einer
               Frage, zu einer Herzensfrage wird. Sie befreit uns von uns selbst. Wir haben dann gar
               nicht mehr soviel Zeit und Lust, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Wir sehen Dinge,
               die uns viel wichtiger werden als unsere persönlichen Sachen. Wir kommen heraus aus
               der Enge unseres kleinen Daseins, hinein ins wirkliche Menschenleben. In Jesus war
               eine so große Kraft, weil bei ihm der Gedanke an die eigene Not ganz ganz klein wurde
               gegenüber dem Gedanken an die Not der Brüder. Diese große Kraft kann und soll uns
               auch geschenkt werden. Jesus will auch in dieser Beziehung in uns Gestalt annehmen.
               Wir wollen uns doch nicht sperren! Fort mit unserer Gleichgültigkeit, fort mit der
               bloß spielerischen Beschäftigung mit kleinen Werken der Nächstenliebe, sie sind schön
               und gut, aber sie erlösen uns nicht. Erlösung bringt uns nur das große, tiefe,
               radikale Mit-Leiden und Lieben Jesu. Laß das an dich herankommen! Laß dich
               überwältigen davon, dann wirst du Kraft empfangen. </p>
        <p>Auch auf eine andere Weise schickt uns Gott seine Botschaft
               <pb xml:id="p059" ed="pga"/>
                im Leben draußen. Durch die gute [Seite], die an jedem unserer Mitmenschen zu finden
               ist. Unsere Kraftlosigkeit besteht zum guten Teil auch darin, daß wir die so oft
               nicht zu sehen vermögen. Wir fühlen uns von uns selbst unbefriedigt, und ganz
               selbstverständlich sehen wir auch unsere Mitmenschen von der grauen Seite an. Überall
               finden wir dasselbe wie bei uns, dieselbe Haltlosigkeit, Unwahrhaftigkeit,
               Lieblosigkeit. So fühlen wir uns bestärkt und kommen erst recht nicht über uns selbst
               hinaus. Das ist eine total verkehrte Art, unser Leben zu bauen. Da schickt dir Gott
               einen Menschen über den Weg, der ist vielleicht ein sehr unerfreulicher Geselle mit
               vielen Fehlern, aber er hat doch <hi rend="italic">eine</hi> gute Seite, wir wollen einmal
               sagen: er ist so recht von Herzen aufrichtig. Sieh, da kommt Jesus in dein Leben
               hinein! Was meinst du, würde Jesus sich von dem Menschen abgewandt haben? Nein doch,
               er würde Freude an ihm gehabt haben um der einen guten Seite willen an ihm, wie er
               z. B. an der großen Sünderin 
               [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.7.36 Lk.7.50">Lk. 7,36–50</ref>] Freude hatte 
               nur um ihres guten Herzens willen oder an <persName ref="kbga-actors-6227">Zachäus</persName>
                  [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.1 Lk.19.10">Lk. 19,1–10</ref>]
               wegen seines großen Eifers, ihn kennen zu lernen. Denkt, was für einen Anblick mögen
               die Menschen in der Umgebung Jesu für seine Augen geboten haben: überall sah er etwas
               aufleuchten von etwas Göttlichem, Schönem, Erhebendem. Wir wissen wohl, daß er darum
               das Böse an ihnen nicht übersehen, daß er sich keinen Täuschungen über die
               Menschennatur hingegeben hat. Aber was er sah an Gutem, das gab ihm die Gewißheit:
               sie alle sind Kinder des Vaters im Himmel, sie alle sind wahrhaftig Brüder und
               Schwestern, gehören zusammen, sind füreinander geschaffen. In dieser Gewißheit lebte
               Jesus. Und glauben wir nicht auch, daß das ein Stück von dem Geheimnis seiner Kraft
               war, daß es für ihn feststand, nicht nur als eine Theorie wie bei uns, sondern als
               eine erlebte erfahrene Wirklichkeit: Gott ist unser aller Vater, und wir sind
               wahrhaftig alle Brüder und Schwestern.</p>
        <p>Sieh, etwas von dieser Kraft dürfen wir zuversichtlich auch für uns erhoffen und
               erbitten. Wir müssen nur das Bild des Herrn Jesus eindringen lassen in unsere Seele,
               daß wir es machen, wie er es gemacht hat: müssen die Augen auftun und das Gute sehen
               <pb xml:id="p060" ed="pga"/>
                wollen an den Anderen. O da spürt man Kraft, Gottes Kraft, wenn einmal das Mißtrauen
               und das gewohnte Augenzuhalten verschwindet, wenn wir es so bald da, bald dort
               aufleuchten sehen bei den Menschen, da einen Funken und dort einen, hier etwas Liebe,
               dort etwas Opfersinn, dort etwas Treue im Kleinen, dort etwas große, zügige
               Begeisterung, dort etwas starken Duldermut, dort etwas trotzigen, unbeugsamen
               Rechtssinn. Es ist ja wahr, die Fehler, die schwachen Seiten überwiegen bei den
               meisten, bei uns selber auch, aber wenn wir nun nicht darauf, sondern auf all die
               vereinzelten Gotteslichter um uns her schauen würden, auf sie alle miteinander, wie
               würde da freundlich und stärkend die Gewißheit auch in uns entstehen: Brüder sind wir
               und Schwestern, und einen Vater haben wir über uns, und zusammen gehören wir, wie
               würde diese Gewißheit uns aufrütteln, das Gute, Göttliche auch in uns selbst wecken
               und zur Entfaltung bringen! Wie würde da Kraft einkehren in unser Leben! Auch das
               scheint schwer. Auch da machen wir es gern anders, rupfen lieber das Böse,
               Unerfreuliche hervor an den Anderen, beschauen es lange, reden viel und breit davon —
               und das ist Menschenwesen, fahre ab damit, sonst bleibst du ewig ohne Kraft. Jesus
               will dir zur Kraft, zur Lebenskraft werden, aber du mußt ihn aufnehmen, so wie er zu
               dir kommt! Du mußt lernen, auch so freudig und freundlich wie er auf die Anderen da
               neben dir zu sehen, auch so erfinderisch wie er das Gute an ihnen zu entdecken.
               Wiederum heißt es: sich nicht sperren, nicht ausschlagen wollen gegen den Stachel,
               sondern nachgeben, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nachgeben mußte. Aufnehmen, annehmen, an uns
               herankommen, uns überwältigen lassen von Jesus und seiner Art. Dann finden wir mitten
               im Leben die Kraft, nach der wir uns sehnen.</p>
        <p>Und nun wollen wir wieder für eine Woche in dieses Leben hinausgehen und sehen, ob es
               da etwas zu erfahren gibt von der Kraft des Evangeliums, die die Kraft Gottes ist. Es
               gibt noch viel andere Arten, sie zu erfahren, nur einige habe ich genannt. Denkt
               selber weiter darüber nach und sucht nach weiteren Quellen. Wahrlich, wenn wir einmal
               angefangen haben mit dieser Erfah<pb xml:id="p061" ed="pga" break="no"/>rung, dann verstehen wir den <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und halten es mit ihm und seinem trutzigen Wort:
               «ich schäme mich nicht» — nein, dann schämen wir uns nicht mehr, dann lassen wir die
               kraftvolle Botschaft Gottes, die wir selber empfangen haben, leuchten vor den Leuten.
               Wir wollens wieder einmal versuchen, nicht wahr!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
