Predigt: Römer 1,16 (III)
Von Jesus wollen wir heute reden. Denn Jesus ist der Inhalt des Evangeliums, um das
es sich für
37 Was hat uns denn Jesus gebracht, was wollte er, und was war er, daß wir das so von ihm sagen können: er ist die frohe Botschaft Gottes an uns, auf ihn müssen wir hören, nach ihm uns richten, an ihm uns aufrichten? Wie kommt es, daß sein Name uns mehr bedeutet als alle anderen Namen?
Man hat schon gesagt: was Jesus gelehrt hat, das haben vor ihm und nach ihm auch andere fromme, vortreffliche Menschen gedacht und behauptet. Seine
Gedanken waren nichts Neues, sie sind auch für uns nichts Außerordentliches, nichts,
was wir nicht auch bei anderen Helden, Propheten, Lehrern der Menschheit finden
könnten, oft sogar noch besser und schöner ausgedrückt als bei ihm. Und so mögen wir
ihn zwar verehren als einen der Besten und Würdigsten, aber warum soll er uns
notwendig mehr sein als alle Anderen, wieso sollten wir gerade von ihm Gottes
Botschaft entgegennehmen? Man hat hingewiesen auf die alten Propheten Israels; wie
gewaltig haben sie gezeugt von Gottes Reich, das zu uns kommen soll, und von der
Buße, mit der die Menschen sich darauf vorbereiten müssen! Jesus hat darüber kaum
viel mehr gesagt als die Besten unter jenen. Man hat von den Psalmen des Alten
Testaments geredet und von den Psalmen der alten Babylonier, die man auf Tonscherben
eingekratzt in den tausendjährigen Ruinenfeldern am
Im selben Jahrhundert, in dem Jesus lebte, gab es eine Philosophenschule, die Stoiker
genannt, deren Lehre mit dem Evangelium auffallende Ähnlichkeiten aufwies. Sie
redeten von einer über der Welt waltenden Gottesvernunft, durch die wir Menschen
erzogen werden zur wahren, eigentlichen Menschlichkeit. Ihr muß man sich unterordnen.
Alle irdischen Dinge sind vergänglich und können uns darum nicht befriedigen. Man muß
sich selber in die Gewalt bekommen, man muß auch das Leiden hinnehmen als
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etwas uns von Gott Geschicktes, durch das er uns stählen will, man muß durch Gefahr,
Begierde und Unheil getrost und gelassen hindurchschreiten, dann ist man den Göttern
gleich. Auch das Mitleid, eine Gesinnung, die den Nächsten ungern leiden sieht, ja
sogar die Feindesliebe haben diese stoischen Philosophen gelehrt. Man meint oft
mitten in der Bergpredigt zu sein, wenn man ihre Reden liest.
Aber auch Menschen und Gedanken aus neuerer Zeit, aus unserer eigenen Zeit hat man
schon so neben Jesus und seine Gedanken gestellt und ist vielfach zu dem Ergebnis
gekommen: Jesus in allen Ehren, aber wir haben Andere und Anderes, Jesus ist uns
vielleicht einer neben Anderen, aber nicht die eine große Gottesbotschaft unseres
Lebens. So ist z. B.
So kann man es von den verschiedensten Seiten her fragen hören: Jesus hat doch nichts Neues gebracht, nichts, was nicht Andere auch schon gebracht hätten vor ihm oder doch ohne ihn. |39 Warum soll er uns mehr sein als sie? Warum gerade er, warum gerade seine Lehre? Auf diese Frage müssen wir antworten.
Wir könnten so antworten, daß wir die Gedanken dieser Anderen einen nach dem anderen neben die Gedanken Jesu stellen und sie aufmerksam prüfend ansehen: stimmts? ists wirklich so ganz eins und dasselbe, so daß wir Jesus gar nicht mehr brauchten? Wir werden dann überall eine merkwürdige Beobachtung machen: Zuerst sehen wir überall die Ähnlichkeiten und Gleichheiten. In allen guten und reinen Menschenseelen zu allen Zeiten, in allen Ländern scheint göttliche Wahrheit aufzuleuchten, erhabene Gesetze, freundliche Trostworte, beseligende hohe Hoffnungen, Alles so hell und schön wie bei Jesus. Jesus wird ein Stern unter anderen Sternen, einer, den man unter Umständen auch übersehen, dem man Andere vorziehen kann. Aber wenn wir nun genau zusehen — das tun freilich viele Menschen nicht —, dann entdeckt man bald da, bald dort merkwürdige kleine Unterschiede. Da sagt Jesus ein Wort, das der Andere, mit dem man ihn vergleichen wollte, unmöglich hätte sagen können; da sagt umgekehrt dieser Andere etwas, von dem man spürt: das hätte nie über die Lippen Jesu gehen können; da drücken beide vielleicht den gleichen Gedanken auf eine bezeichnend verschiedene Weise aus. Zuerst beachtet man solche Unterschiede kaum zwischen Jesus und anderen Meistern, sie scheinen einem unbedeutend; plötzlich bekommt man eine Ahnung: es ist eine ganze Welt von Verschiedenheit hinter diesen kleinen Unterschieden verborgen, vielleicht, daß man es kaum mit Worten beschreiben kann, man spürt nur: das ist durchaus nicht eins und dasselbe, das ist etwas ganz Anderes hüben und drüben.
Ein Beispiel: Unter den Sprüchen des chinesischen Weisen
Und so geht es uns auch mit den Menschen und Gedanken der neueren Zeit, die man als
Konkurrenten neben Jesus hat stellen wollen. Wir spüren da überall deutlich: ja, da
handelt es sich um große, schöne, wichtige Dinge, die man zweifellos ernst nehmen,
von denen man lernen, an denen man sich beteiligen kann und in vielen Fällen muß.
Aber bei Jesus ist mehr zu finden! Da ist das Evangelium von der
Bildung, von der Wissenschaft. Es ist gut. Es ist ein Evangelium.
Man muß sich freuen über jeden Menschen, dem es ein Anliegen ist, zu lernen, zu
wissen. Es gibt zu wenig solche Menschen. Die Wahrheit wird euch frei machen
[
Und so ist zweifellos auch in jener Lebensauffassung, die uns Kunst und Natur
empfiehlt als die wahren Wege zu Gott und zu einem göttlichen Leben, zweifellos viel
Wahres. Aber was fehlt ihr, wenn wir sie neben Jesus stellen? Es fehlt ihr jene
Energie des Opfers, der rücksichtslosen Entsagung um des Höchsten willen, wie wir sie
bei Jesus bewundern müssen. Es fehlt ihr die Klarheit über das Ziel, nach dem wir
laufen müssen. Es fehlt ihr auch die Liebe, sie führt den Menschen wohl zu hohen
Genüssen, zu erhebenden großen Momenten und Erlebnissen, aber sie führt ihn
schließlich doch nicht über sich selbst hinaus zu den Mitmenschen, sie vergißt, daß
wir nicht allein zum Himmel fahren dürfen, son|42dern daß wir trachten müssen, wie wir unsere Brüder mit uns ziehen, wie
Man kann auch nicht sagen, wie man heutzutage oft hören kann, daß der Sozialismus
Jesus und sein Evangelium ersetzen könne. Der Sozialismus ist eine sehr wichtige und
notwendige Anwendung des Evangeliums, eine Anwendung, der man, wie ich überzeugt bin,
nicht ausweichen kann. Wenn man mit Jesus Ernst macht, so kommt man, ob man will oder
nicht, zu dem sozialen Grundgedanken der Gerechtigkeit, der Solidarität, des
Friedens. Aber das heißt die Sache auf den Kopf gestellt, wenn man sagt: wir wollen
zwar diese Gedanken, wir wollen den Sozialismus, aber nicht die Quelle, aus der er
geflossen ist und fließen muß, wenn er etwas Echtes, Tiefes sein will. Tut man das,
dann zeigt sich eben sofort der ungeheure Unterschied zwischen den Gedanken Jesu und
diesen Gedanken. Ja, Jesus hat eine neue, gerechte Welt, das Reich Gottes,
verkündigt, aber nur die kommen hinein, nur die werden es sehen, die reinen Herzens
und guten Willens sind
[vgl.
So geht es uns mit Allem, was wir neben Jesus und sein Evangelium stellen können. Wir
sehen wohl viele ganz zweifellose Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen zwischen ihm
und manchen anderen Menschen und menschlichen Gedanken, aber dann taucht bald da,
bald dort der Unterschied zwischen ihm und den Anderen vor unseren Augen auf, und wir
müssen gestehen: er ist größer als sie. Ich habe nur Beispiele genannt. Und ich hätte
viel ausführlicher werden müssen, um auch nur diese Beispiele näher zu begründen. Die
Hauptsache ist, daß wir uns den Grundsatz richtig aneignen: den Grundsatz:
vergleichen zwischen Jesus und all dem Anderen, was ihn angeblich überflüssig machen
soll. Wo dieser Vergleich gründlich gemacht wurde, da ist es den Menschen noch immer
so gegangen, daß sie Jesus zuerst als einen Stern unter anderen angesehen und
bewundert haben, dann aber sahen sie
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schärfer hin, und da fing er an zu leuchten und größer zu werden, und sie merkten:
er ist mehr als all die Anderen. Wie kann man sich täuschen über die Höhe der
verschiedenen Schneeberge unserer
Aber wir wollen nun unsere Frage: was hat Jesus gebracht? noch von einer anderen Seite aus anfassen. Wir würden Jesus nicht gerecht werden, wenn wir dabei bleiben würden zu sagen: seine Lehre ist vollkommener als andere Religionslehren und Meinungen, er hat die Propheten und seine anderen Vorgänger überboten, die Wahrheit reiner, tiefer, vollständiger dargestellt als sie. Das alles ist wahr. Aber es ist nicht Alles, und es ist nicht einmal das Größte, das Entscheidende. Wir können ruhig zugeben, daß Vieles, sehr Vieles von dem, was Jesus gesagt hat, sich aufs engste berührt mit dem, was auch Andere vor und nach ihm gesagt haben. Äußerlich mag oft fast kein Unterschied da sein. Oberflächliche Menschen mögen recht haben von ihrem Standpunkt aus, wenn sie dabei bleiben: Nichts Neues, nichts Besonderes.
Nach unserer Überzeugung hat Jesus neue, besondere Dinge gesagt. Aber nicht darin liegt schließlich seine einzigartige Bedeutung, daß er neue, besondere Dinge gesagt hat. Sondern die liegt in der Art, wie Jesus alle Dinge gesagt hat. Bei Jesus standen alle Gedanken in einer ganz einzigartigen unmittelbaren Beziehung zu Gott. Jesus schöpfte immer aus dem Tiefsten, und er zielte immer auf das Letzte, Höchste, wenn er redete. Bei uns ist diese Beziehung zu Gott nicht da oder nur sehr unvollkommen da, und darum ist es bei uns etwas ganz Anderes. Darum kommen wir, wenn wir denken und reden, so oft auf etwas Halbes, Unvollständiges hinaus, auf Dinge, die halbwegs wahr sind, im Übrigen aber ein Gemisch von Unklarheit, Entstellung und Irrtum. Wir haben den Halt nicht an Gott, wenn wir denken und reden. Wir |44 schöpfen nicht so aus der Tiefe und können darum dann auch nicht so hoch denken wie Jesus.
Jesus glaubte unbedingt an Gottes Wirklichkeit. Tun wir das nicht
auch? Ach doch ja, wir glauben ja auch wohl, daß Gott wirklich ist, aber sehr oft tun
wir doch so, als ob wir es eigentlich nicht glaubten, wir wagen es durchaus nicht,
vorauszusetzen, daß es wahr sei, wir denken und reden so, als ob Gottes Dasein
eigentlich ein wenig zweifelhaft wäre. Bei Jesus war Gott das
Allerselbstverständlichste, die Voraussetzung und Grundlage von Allem. Jesus hat nie
daran gedacht, zu beweisen, daß es einen Gott gebe, oder auch nur zu beweisen, daß
Gott so sei, wie er ihn beschrieb. Jesus erzählt einfach, z. B. in seinen
Gleichnissen: Selbstverständlich macht es Gott so und so wie der Vater des verlorenen
Sohnes [
Mehr noch: Jesus glaubt an Gottes Gegenwart. Das tun wir auch nicht
oder nur höchst unvollkommen. Für uns ist die Welt oft so gottesleer, vielleicht fast
immer. Es fällt uns doch gar nicht ein, an Gottes Gegenwart zu glauben, wenn wir
nachher aus der Kirche heimgehen und über die Ereignisse der letzten Woche reden. Da
ist Gott schon wieder weit weg, vielleicht bleibt er hier in der leeren kalten
Kirche. Gott ist nicht gegenwärtig, wenn wir in der Fabrik sind, wenn wir über ein
gutes oder schlechtes Geschäft nachsinnen, wenn wir unsere kleinen Freudlein und
Zörnlein haben. Bewahre, was sollte Gott damit zu tun haben? Was versteht er denn
davon? So denken wir. Daher unser halbes, karges, ungenügendes Denken und Reden.
Jesus lebte in Gottes Gegenwart. Gott war für ihn überall da. Die Blume auf dem Feld
und die Spatzen auf der Straße [vgl.
Wir können uns ja eigentlich nur schämen, wenn wir das singen und sagen, weil es bei uns so gar nicht zutrifft. Für Jesus war es das Selbstverständliche. Können wir uns wundern über die einzigartige Kraft seiner Worte?
Und Jesus glaubte an Gottes Lebendigkeit. Für uns ist Gott so oft
ein toter Gott. Ein Kirchengott oder Kapellengott.3 Ein Gott von allerlei
Umständlichkeiten und Feierlichkeiten. Man braucht ihn, wenn man taufen oder sich
trauen läßt, ferner an der Ostern. Gott ist ungefähr dasselbe wie allerlei schöne
Bräuche, vielleicht überhaupt was Brauch ist, nur ja nichts darüber, nur ja nichts
Ungewohntes, nichts, zu dem wir Gott die Erlaubnis nicht gegeben haben. Im besten
Fall ist Gott noch ein Bibelgott. Dort redet er und ist zu hören. Sonst nirgends. O,
wenn wir ihn nur wenigstens dort hören würden! Und nun haltet euch vor Augen, wie
Jesus von Gott gedacht hat: das gerade Gegenteil: der lebendige Gott. Wie oft hat man
Jesus angeklagt, er sei ein Feind des Gesetzes, der alten offenbarten Gotteswahrheit.
Da hat er unmißverständlich gezeigt, daß Gott sich nicht fangen läßt unter
Buchstaben, auch nicht unter die ältesten, heiligsten Buchstaben. Gott ist
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Geist [
Und wieder hat man sich darüber gewundert, daß Jesus doch auch gar so viel von den
Menschen verlangte. Es ist wahr, Ungeheures verlangte Jesus im Namen Gottes. Der
lebendige Gott läßt sich durch kein menschliches Gesetz binden, und wäre es das
heiligste, er fordert mehr als
47 Seht, meine Freunde, in diesem Sinn, in diesem Gottessinn hat Jesus von den Dingen geredet, so war Alles, was er sagte, unmittelbar verknüpft mit dem wirklichen, gegenwärtigen, lebendigen Gott. Wollen wir noch lange fragen, was das Einzigartige am Evangelium ist? Wir können nun sofort die Antwort darauf geben: das Einzigartige ist der Mensch, der so reden konnte. Wir können seine Worte nicht lesen oder hören, ohne sofort vor das Wunder seiner Person geführt zu werden. Wir können Jesu Lehre niemals würdigen und verstehen, ohne uns zugleich in die Betrachtung Jesu selbst zu vertiefen. Nicht die Lehre ist das Größte an Jesus, sondern die Tatsache, daß er so lehren konnte, daß er so eins war mit Gott, um so reden zu können. Das muß uns auffallen und zu denken geben. Darauf müssen wir achten, wenn wir diese Lehre in ihrem vollen Inhalt, in ihrer vollen Kraft verstehen wollen. Jesus und seine Worte sind unzertrennlich verbunden. Man dürfte nie über das Eine ohne das Andere verhandeln wollen. Jesus predigte das Evangelium, und er war es zugleich.
Was brachte Jesus? Die wundervolle Verkündigung von Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit, von der Vaterliebe und von der Bruderliebe, von der Seligkeit und von der Wahrhaftigkeit. Es kann ja keine Rede davon sein, daß diese Gedanken jemals überboten oder überflüssig gemacht werden könnten, wenn man sie vorurteilslos überdenkt. Aber Gott sei Dank, Jesus brachte mehr als diese Gedanken, Jesus brachte sich selbst, in dem die Verkündigung Gestalt annahm. Er lebte das, was er sagte, er verkörperte seine Botschaft, er war selber der Inbegriff seines Evangeliums. Er lebte in Gott, von dem er redete. Und das alles, ich betone es nochmals, so natürlich und selbstverständlich. Das ganz Außerordentliche, von dem er redete, das wir sonst vielleicht als eine törichte Phantasie oder Theorie beiseite schieben könnten, es war in ihm einfach Tatsache: er stand zu Gott so, wie er schilderte, daß die Menschen stehen müssen. Diese Tatsache hat den Menschen mehr Eindruck gemacht als seine Schilderungen.
Verstehen wir nun, daß Jesus der Inhalt des Evangeliums ist — sein muß? Wir kennen ja keine andere solche Tatsache von Ein|48heit mit Gott wie diese. Auf diese Tatsache müssen wir darum hinsehen. In dieser Tatsache des Lebens Jesu, zu dem auch sein Sterben gehört, sagt uns Gott: ich hab es mit euch,4 ihr Menschen, ihr gehört zu mir, und ich will euch alles Gute schenken. Das ist die frohe Botschaft Gottes an uns. Die frohe Botschaft in Christus.
Am nächsten Sonntag wollen wir davon reden, wie uns diese Botschaft zu einer Kraft
wird für unser Leben. Für heute wollen wir heimgehen und darüber nachdenken, wie
wunderbar das ist, daß ein Mensch wie wir sagen konnte: Ich und der Vater sind eins
[