25. Januar 1914

Predigt: Römer 1,16 (III)

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Römer 1,16 (III)
Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum Heil Allen, die daran glauben.
Liebe Freunde!

Von Jesus wollen wir heute reden. Denn Jesus ist der Inhalt des Evangeliums, um das es sich für Paulus handelte, als er dort furchtlos sein Kommen nach Rom ankündigte, und um das es sich auch für uns handelt, wenn wir mit ihm bekennen wollen: ich schäme mich des Evangeliums nicht. Wir sagten uns vor acht Tagen, daß wir uns nicht irgend etwas Falsches, Minderwertiges an die Stelle dieses wahren, echten Inhalts sollen schieben lassen: weder die christliche Kirche mit ihren Lehren und Einrichtungen von einst und von heutzutage, noch auch unsere eigenen, persönlichen, frommen Erfahrungen und Gefühle, das bißchen Religion, das wir in der Seele tragen. Von alledem, von unserem ganzen sogenannten Christentum im Großen und im Kleinen können wir ruhig sagen: ich schäme mich seiner! Denn da gibts wirklich mehr zu schämen als zu rühmen. Aber um alles das handelt es sich auch gar nicht, und wenn wir uns an diese Dinge anklammern und sagen: sie gefallen mir nicht! so ist das eine Ausrede, mit der wir nicht durchkommen werden. Das Evangelium, d. h. die frohe Botschaft Gottes, ist Jesus. Das wollen wir uns heute vor Augen stellen.

37 Was hat uns denn Jesus gebracht, was wollte er, und was war er, daß wir das so von ihm sagen können: er ist die frohe Botschaft Gottes an uns, auf ihn müssen wir hören, nach ihm uns richten, an ihm uns aufrichten? Wie kommt es, daß sein Name uns mehr bedeutet als alle anderen Namen?

Man hat schon gesagt: was Jesus gelehrt hat, das haben vor ihm und nach ihm auch andere fromme, vortreffliche Menschen gedacht und behauptet. Seine Gedanken waren nichts Neues, sie sind auch für uns nichts Außerordentliches, nichts, was wir nicht auch bei anderen Helden, Propheten, Lehrern der Menschheit finden könnten, oft sogar noch besser und schöner ausgedrückt als bei ihm. Und so mögen wir ihn zwar verehren als einen der Besten und Würdigsten, aber warum soll er uns notwendig mehr sein als alle Anderen, wieso sollten wir gerade von ihm Gottes Botschaft entgegennehmen? Man hat hingewiesen auf die alten Propheten Israels; wie gewaltig haben sie gezeugt von Gottes Reich, das zu uns kommen soll, und von der Buße, mit der die Menschen sich darauf vorbereiten müssen! Jesus hat darüber kaum viel mehr gesagt als die Besten unter jenen. Man hat von den Psalmen des Alten Testaments geredet und von den Psalmen der alten Babylonier, die man auf Tonscherben eingekratzt in den tausendjährigen Ruinenfeldern am Euphrat gefunden hat. Wundervolle Worte von Sündenerkenntnis, Gnade und Vergebung sind dort wie hier zu finden. Hält man z. B. die Geschichte vom verlorenen Sohn [Lk. 15,11–32] daneben, so fällt es schwer zu sagen, was denn nun eigentlich Jesus Neues gebracht habe gegenüber jenen Zeugen einer tiefen Frömmigkeit und Lebenserkenntnis.

Im selben Jahrhundert, in dem Jesus lebte, gab es eine Philosophenschule, die Stoiker genannt, deren Lehre mit dem Evangelium auffallende Ähnlichkeiten aufwies. Sie redeten von einer über der Welt waltenden Gottesvernunft, durch die wir Menschen erzogen werden zur wahren, eigentlichen Menschlichkeit. Ihr muß man sich unterordnen. Alle irdischen Dinge sind vergänglich und können uns darum nicht befriedigen. Man muß sich selber in die Gewalt bekommen, man muß auch das Leiden hinnehmen als |38 etwas uns von Gott Geschicktes, durch das er uns stählen will, man muß durch Gefahr, Begierde und Unheil getrost und gelassen hindurchschreiten, dann ist man den Göttern gleich. Auch das Mitleid, eine Gesinnung, die den Nächsten ungern leiden sieht, ja sogar die Feindesliebe haben diese stoischen Philosophen gelehrt. Man meint oft mitten in der Bergpredigt zu sein, wenn man ihre Reden liest. Seneca gehörte zu ihnen, der Lehrer des Tyrannen Nero, und sogar ein römischer Kaiser, der treffliche Marcus Aurelius. Man hat sich gefragt: warum soll Jesus für uns gelten und nicht z. B. diese Stoiker, die fast dieselben Wahrheiten über Gott und Welt und Menschen gelehrt haben?

Aber auch Menschen und Gedanken aus neuerer Zeit, aus unserer eigenen Zeit hat man schon so neben Jesus und seine Gedanken gestellt und ist vielfach zu dem Ergebnis gekommen: Jesus in allen Ehren, aber wir haben Andere und Anderes, Jesus ist uns vielleicht einer neben Anderen, aber nicht die eine große Gottesbotschaft unseres Lebens. So ist z. B. Goethe Vielen zum Führer zu einer Lebensauffassung geworden, nach der wir Gnade, Frieden, Freude, Liebe und Kraft, alles das, was das Evangelium uns verheißt, ebensogut in der Natur und in der Kunst finden könnten als eben im Evangelium. Wieder Andere haben die Wissenschaft auf den Thron erhoben, haben gesagt: die Erkenntnis der Dinge und ihrer Zusammenhänge, wie sie dem modernen Menschen möglich geworden ist, ist uns ein voller Ersatz für das, was euch Jesus ist. Und noch von Anderen kann man hören, die befreienden Lehren des Sozialismus könnten und müßten heutzutage an die Stelle Jesu und seines Evangeliums treten. Kampf gegen die Mammonsmacht, Solidarität aller Menschen, Friede auf Erden, Gerechtigkeit aller Ordnungen und Verhältnisse, das habe ja auch Jesus gewollt und erstrebt, nur daß man es heutzutage noch viel besser wisse, es mit noch viel besseren Mitteln anstrebe, als es ihm möglich gewesen sei. Und so sei Jesus eigentlich überflüssig geworden.

So kann man es von den verschiedensten Seiten her fragen hören: Jesus hat doch nichts Neues gebracht, nichts, was nicht Andere auch schon gebracht hätten vor ihm oder doch ohne ihn. |39 Warum soll er uns mehr sein als sie? Warum gerade er, warum gerade seine Lehre? Auf diese Frage müssen wir antworten.

Wir könnten so antworten, daß wir die Gedanken dieser Anderen einen nach dem anderen neben die Gedanken Jesu stellen und sie aufmerksam prüfend ansehen: stimmts? ists wirklich so ganz eins und dasselbe, so daß wir Jesus gar nicht mehr brauchten? Wir werden dann überall eine merkwürdige Beobachtung machen: Zuerst sehen wir überall die Ähnlichkeiten und Gleichheiten. In allen guten und reinen Menschenseelen zu allen Zeiten, in allen Ländern scheint göttliche Wahrheit aufzuleuchten, erhabene Gesetze, freundliche Trostworte, beseligende hohe Hoffnungen, Alles so hell und schön wie bei Jesus. Jesus wird ein Stern unter anderen Sternen, einer, den man unter Umständen auch übersehen, dem man Andere vorziehen kann. Aber wenn wir nun genau zusehen — das tun freilich viele Menschen nicht —, dann entdeckt man bald da, bald dort merkwürdige kleine Unterschiede. Da sagt Jesus ein Wort, das der Andere, mit dem man ihn vergleichen wollte, unmöglich hätte sagen können; da sagt umgekehrt dieser Andere etwas, von dem man spürt: das hätte nie über die Lippen Jesu gehen können; da drücken beide vielleicht den gleichen Gedanken auf eine bezeichnend verschiedene Weise aus. Zuerst beachtet man solche Unterschiede kaum zwischen Jesus und anderen Meistern, sie scheinen einem unbedeutend; plötzlich bekommt man eine Ahnung: es ist eine ganze Welt von Verschiedenheit hinter diesen kleinen Unterschieden verborgen, vielleicht, daß man es kaum mit Worten beschreiben kann, man spürt nur: das ist durchaus nicht eins und dasselbe, das ist etwas ganz Anderes hüben und drüben.

Ein Beispiel: Unter den Sprüchen des chinesischen Weisen Kung-Tse findet sich einer, der lautet: Was ihr nicht wollt, daß euch die Leute tun sollen, das sollt ihr ihnen auch nicht tun!1 Jesus sagt: Was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut |40 ihr ihnen auch [Mt. 7,12]! Was für eine Ähnlichkeit! Und doch was für ein weltweiter Unterschied: dort der kluge erfahrene Mann, der die Seinigen anweist, wie man möglichst geschickt und ungeplagt durchs Leben kommt, hier der Prophet der unbedingten Pflicht, der es jedem zur eisernen Regel macht: du bist nicht mehr als dein Nächster! du gehörst mit ihm zusammen! sein Wohl ist dein Wohl! Das ist zweierlei. Ein anderes Beispiel. Buddha, der indische Religionsstifter, lehrte die Feindesliebe. Jesus auch. Voreiligerweise hat man gesagt: seht da: Jesus hat nichts Neues gebracht. Sieht man aber genauer zu, so entdeckt man: Buddha empfiehlt die Feindesliebe, weil man so leichter und schneller und schöner zur Ruhe komme mit den Mitmenschen als durch Zank und Vergeltung. Jesus sagt: Gott läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte [Mt. 5,45]; ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist [Mt. 5,48]. Dort wurzelt die Feindesliebe in dem Verlangen des lieben Ich nach dem, was ihm angenehm ist, hier in der Ehrfurcht vor dem reinen Bilde des ewigen Gottes. Das ist zweierlei. Oder wir wollen einen Gedanken vergleichen bei Jesus und jenen stoischen Philosophen des Altertums. Ich denke an jene wundervolle Einladung Jesu, daß wir nicht sorgen sollen, weil Gott uns in seiner Hand hält so gut als die Lilien auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel [Mt. 6,26–28]. Etwas Ähnliches hätte wohl auch der eine oder der andere von jenen edlen heidnischen Denkern sagen oder schreiben können. Aber was bedeutete eine solche Gesinnung bei ihnen: man muß gelassen sein, schließlich läßt sich Alles ertragen und führt wohl auch noch zu einem guten Ende; bei Jesus bedeutete es: frei und fröhlich sein in Allem, weil man den Gott, von dem Alles kommt, kennt und innerlich mit ihm im Reinen ist. So tun sich die Unterschiede auf zwischen Jesus und den Anderen bei genauerem Zusehen. Wir spüren es den alten Propheten an: sie wußten, was Gottes Gerechtigkeit ist, auch Jesus wußte es, aber er wußte noch mehr als das: ihm war Gott nicht bloß Gerechtigkeit, sondern erbarmungsvolle, schöpferische Liebe. Wir spüren in den Psalmen ein tiefes |41 lauteres Sehnen nach Gott, Jesus hat kaum in schöneren Worten davon geredet, aber bei Jesus finden wir etwas, was wir bei den Psalmsängern, den israelitischen und den babylonischen, so nicht finden: Erfüllung der Sehnsucht, Gegenwart dessen, nach dem jene aus der Tiefe riefen.

Und so geht es uns auch mit den Menschen und Gedanken der neueren Zeit, die man als Konkurrenten neben Jesus hat stellen wollen. Wir spüren da überall deutlich: ja, da handelt es sich um große, schöne, wichtige Dinge, die man zweifellos ernst nehmen, von denen man lernen, an denen man sich beteiligen kann und in vielen Fällen muß. Aber bei Jesus ist mehr zu finden! Da ist das Evangelium von der Bildung, von der Wissenschaft. Es ist gut. Es ist ein Evangelium. Man muß sich freuen über jeden Menschen, dem es ein Anliegen ist, zu lernen, zu wissen. Es gibt zu wenig solche Menschen. Die Wahrheit wird euch frei machen [Joh. 8,32]. Aber kann uns die Bildung, die Wissenschaft geben, was uns Jesus gibt? Wir entdecken auch da wieder: bei Jesus ist noch etwas drüber hinaus, und wenn wir genau zusehen, ist das Etwas sogar eine ganze Welt: Frieden des Herzens, Freudigkeit zum Leben, Kraft zum Kämpfen und zum Leiden, Ruhe zum Sterben, das lernt man nicht aus Büchern und in keiner Schule, auch nicht auf einem Seminar oder auf der Universität, das lernt man in der Erfahrung, und zwar in der Erfahrung, die gemacht wird unter dem Einfluß des Bildes Jesu.

Und so ist zweifellos auch in jener Lebensauffassung, die uns Kunst und Natur empfiehlt als die wahren Wege zu Gott und zu einem göttlichen Leben, zweifellos viel Wahres. Aber was fehlt ihr, wenn wir sie neben Jesus stellen? Es fehlt ihr jene Energie des Opfers, der rücksichtslosen Entsagung um des Höchsten willen, wie wir sie bei Jesus bewundern müssen. Es fehlt ihr die Klarheit über das Ziel, nach dem wir laufen müssen. Es fehlt ihr auch die Liebe, sie führt den Menschen wohl zu hohen Genüssen, zu erhebenden großen Momenten und Erlebnissen, aber sie führt ihn schließlich doch nicht über sich selbst hinaus zu den Mitmenschen, sie vergißt, daß wir nicht allein zum Himmel fahren dürfen, son|42dern daß wir trachten müssen, wie wir unsere Brüder mit uns ziehen, wie Luther einmal gesagt hat.

Man kann auch nicht sagen, wie man heutzutage oft hören kann, daß der Sozialismus Jesus und sein Evangelium ersetzen könne. Der Sozialismus ist eine sehr wichtige und notwendige Anwendung des Evangeliums, eine Anwendung, der man, wie ich überzeugt bin, nicht ausweichen kann. Wenn man mit Jesus Ernst macht, so kommt man, ob man will oder nicht, zu dem sozialen Grundgedanken der Gerechtigkeit, der Solidarität, des Friedens. Aber das heißt die Sache auf den Kopf gestellt, wenn man sagt: wir wollen zwar diese Gedanken, wir wollen den Sozialismus, aber nicht die Quelle, aus der er geflossen ist und fließen muß, wenn er etwas Echtes, Tiefes sein will. Tut man das, dann zeigt sich eben sofort der ungeheure Unterschied zwischen den Gedanken Jesu und diesen Gedanken. Ja, Jesus hat eine neue, gerechte Welt, das Reich Gottes, verkündigt, aber nur die kommen hinein, nur die werden es sehen, die reinen Herzens und guten Willens sind [vgl. Mt. 5,8]. Das ist ein gewaltiges, ein entscheidendes Mehr auf Seiten der Gedanken Jesu: Wer eine bessere Welt haben will, muß ein besserer Mensch werden! Wir tun wohl daran, diesen Unterschied zu beachten.

So geht es uns mit Allem, was wir neben Jesus und sein Evangelium stellen können. Wir sehen wohl viele ganz zweifellose Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen zwischen ihm und manchen anderen Menschen und menschlichen Gedanken, aber dann taucht bald da, bald dort der Unterschied zwischen ihm und den Anderen vor unseren Augen auf, und wir müssen gestehen: er ist größer als sie. Ich habe nur Beispiele genannt. Und ich hätte viel ausführlicher werden müssen, um auch nur diese Beispiele näher zu begründen. Die Hauptsache ist, daß wir uns den Grundsatz richtig aneignen: den Grundsatz: vergleichen zwischen Jesus und all dem Anderen, was ihn angeblich überflüssig machen soll. Wo dieser Vergleich gründlich gemacht wurde, da ist es den Menschen noch immer so gegangen, daß sie Jesus zuerst als einen Stern unter anderen angesehen und bewundert haben, dann aber sahen sie |43 schärfer hin, und da fing er an zu leuchten und größer zu werden, und sie merkten: er ist mehr als all die Anderen. Wie kann man sich täuschen über die Höhe der verschiedenen Schneeberge unserer Alpen, wenn man sie von uns aus beurteilt. Einer von ihnen wird wohl der höchste sein. Aber da braucht es mehr als eine bloße flüchtige Beobachtung, um das festzustellen. So braucht es auch Ernst und Aufmerksamkeit, um zur Erkenntnis zu kommen: Jesus ist mehr als andere Meister. Und doch ist diese Erkenntnis in der Hauptsache eigentlich nicht schwer.

Aber wir wollen nun unsere Frage: was hat Jesus gebracht? noch von einer anderen Seite aus anfassen. Wir würden Jesus nicht gerecht werden, wenn wir dabei bleiben würden zu sagen: seine Lehre ist vollkommener als andere Religionslehren und Meinungen, er hat die Propheten und seine anderen Vorgänger überboten, die Wahrheit reiner, tiefer, vollständiger dargestellt als sie. Das alles ist wahr. Aber es ist nicht Alles, und es ist nicht einmal das Größte, das Entscheidende. Wir können ruhig zugeben, daß Vieles, sehr Vieles von dem, was Jesus gesagt hat, sich aufs engste berührt mit dem, was auch Andere vor und nach ihm gesagt haben. Äußerlich mag oft fast kein Unterschied da sein. Oberflächliche Menschen mögen recht haben von ihrem Standpunkt aus, wenn sie dabei bleiben: Nichts Neues, nichts Besonderes.

Nach unserer Überzeugung hat Jesus neue, besondere Dinge gesagt. Aber nicht darin liegt schließlich seine einzigartige Bedeutung, daß er neue, besondere Dinge gesagt hat. Sondern die liegt in der Art, wie Jesus alle Dinge gesagt hat. Bei Jesus standen alle Gedanken in einer ganz einzigartigen unmittelbaren Beziehung zu Gott. Jesus schöpfte immer aus dem Tiefsten, und er zielte immer auf das Letzte, Höchste, wenn er redete. Bei uns ist diese Beziehung zu Gott nicht da oder nur sehr unvollkommen da, und darum ist es bei uns etwas ganz Anderes. Darum kommen wir, wenn wir denken und reden, so oft auf etwas Halbes, Unvollständiges hinaus, auf Dinge, die halbwegs wahr sind, im Übrigen aber ein Gemisch von Unklarheit, Entstellung und Irrtum. Wir haben den Halt nicht an Gott, wenn wir denken und reden. Wir |44 schöpfen nicht so aus der Tiefe und können darum dann auch nicht so hoch denken wie Jesus.

Jesus glaubte unbedingt an Gottes Wirklichkeit. Tun wir das nicht auch? Ach doch ja, wir glauben ja auch wohl, daß Gott wirklich ist, aber sehr oft tun wir doch so, als ob wir es eigentlich nicht glaubten, wir wagen es durchaus nicht, vorauszusetzen, daß es wahr sei, wir denken und reden so, als ob Gottes Dasein eigentlich ein wenig zweifelhaft wäre. Bei Jesus war Gott das Allerselbstverständlichste, die Voraussetzung und Grundlage von Allem. Jesus hat nie daran gedacht, zu beweisen, daß es einen Gott gebe, oder auch nur zu beweisen, daß Gott so sei, wie er ihn beschrieb. Jesus erzählt einfach, z. B. in seinen Gleichnissen: Selbstverständlich macht es Gott so und so wie der Vater des verlorenen Sohnes [Lk. 15,11–32], wie der Herr jener Arbeiter im Weinberge [Mt. 20,1–16], wie der Hausherr, der die Bettler und Lumpen zu Tisch ladet [Mt. 22,1–14]. Alles doch höchst merkwürdige, gewagte Behauptungen von Gott, Jesus aber stellt sie ganz natürlich hin, es ist einfach so. Dieser Glaube an Gottes Wirklichkeit, der so sicher ist wie der Glaube an das eigene Leben, der zittert auch in Jesu Worten. Der macht sie so einzigartig.

Mehr noch: Jesus glaubt an Gottes Gegenwart. Das tun wir auch nicht oder nur höchst unvollkommen. Für uns ist die Welt oft so gottesleer, vielleicht fast immer. Es fällt uns doch gar nicht ein, an Gottes Gegenwart zu glauben, wenn wir nachher aus der Kirche heimgehen und über die Ereignisse der letzten Woche reden. Da ist Gott schon wieder weit weg, vielleicht bleibt er hier in der leeren kalten Kirche. Gott ist nicht gegenwärtig, wenn wir in der Fabrik sind, wenn wir über ein gutes oder schlechtes Geschäft nachsinnen, wenn wir unsere kleinen Freudlein und Zörnlein haben. Bewahre, was sollte Gott damit zu tun haben? Was versteht er denn davon? So denken wir. Daher unser halbes, karges, ungenügendes Denken und Reden. Jesus lebte in Gottes Gegenwart. Gott war für ihn überall da. Die Blume auf dem Feld und die Spatzen auf der Straße [vgl. Mt. 6,26–28] redeten ihm von Gott, sogar die Frau, die Brotteig knetet [Mt. 13,33], der Händler, |45 der seinen Perlen nachläuft [Mt. 13,45f.], sogar ein so schwieriger Geselle wie jener ungetreue Haushalter [Lk. 16,1–8] — in den gewöhnlichsten, unerfreulichsten Erscheinungen des Lebens hört und sieht er Gott. Und darum weiß er auch: Gott hört und sieht mich; er redet zu den Menschen nicht anders, als er zu Gott selbst reden würde, er fühlt sich bei jedem Wort und jedem Schritt begleitet und umgeben von Gott. Nichts Natürliches — und wie natürlich ist es für Jesus! Wie klingt es nach in seinen Worten:

Gott ist gegenwärtig,
lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten!2

Wir können uns ja eigentlich nur schämen, wenn wir das singen und sagen, weil es bei uns so gar nicht zutrifft. Für Jesus war es das Selbstverständliche. Können wir uns wundern über die einzigartige Kraft seiner Worte?

Und Jesus glaubte an Gottes Lebendigkeit. Für uns ist Gott so oft ein toter Gott. Ein Kirchengott oder Kapellengott.3 Ein Gott von allerlei Umständlichkeiten und Feierlichkeiten. Man braucht ihn, wenn man taufen oder sich trauen läßt, ferner an der Ostern. Gott ist ungefähr dasselbe wie allerlei schöne Bräuche, vielleicht überhaupt was Brauch ist, nur ja nichts darüber, nur ja nichts Ungewohntes, nichts, zu dem wir Gott die Erlaubnis nicht gegeben haben. Im besten Fall ist Gott noch ein Bibelgott. Dort redet er und ist zu hören. Sonst nirgends. O, wenn wir ihn nur wenigstens dort hören würden! Und nun haltet euch vor Augen, wie Jesus von Gott gedacht hat: das gerade Gegenteil: der lebendige Gott. Wie oft hat man Jesus angeklagt, er sei ein Feind des Gesetzes, der alten offenbarten Gotteswahrheit. Da hat er unmißverständlich gezeigt, daß Gott sich nicht fangen läßt unter Buchstaben, auch nicht unter die ältesten, heiligsten Buchstaben. Gott ist |46 Geist [Joh. 4,24]. Gott steht über den Gesetzen, nicht umgekehrt. Man hat Jesus der Anmaßung beschuldigt: wer gibt dir Vollmacht, solches zu tun [vgl. Mt. 21,23]? Arme Leute, sie verstanden den nicht und konnten ihn nicht verstehen, dem die Vollmacht Gottes lebendig im Herzen und Gewissen brannte, sie warteten auf ein Stück Papier, die Bureaumenschen. Man hat Jesu Güte nicht verstanden, z. B. sein Verhalten gegen die Zöllner, gegen schlechte Frauen, gegen Gesunkene und Gefallene aller Art. Warum hält ers mit denen, statt mit den rechten Leuten? Ach, was hat die Stufenleiter einer Gesellschaft mit dem lebendigen Gott zu tun? Gott kehrt sich gar nicht daran, er wirft sie um, er kümmert sich gar nicht um eine Einteilung von gut und schlecht. Auch Gottes Güte läßt sich nicht einfangen durch euren Brauch und eure Vorschriften.

Und wieder hat man sich darüber gewundert, daß Jesus doch auch gar so viel von den Menschen verlangte. Es ist wahr, Ungeheures verlangte Jesus im Namen Gottes. Der lebendige Gott läßt sich durch kein menschliches Gesetz binden, und wäre es das heiligste, er fordert mehr als Mose und die Propheten, er verlangt nicht nur ein braves, korrektes Leben, sondern ein reines Herz. Wer brav ist und alle guten Werke tut und hat kein reines Herz, der ist ein Heuchler! so urteilte Jesus. Ein ungeheuer hartes Urteil. Zu hart! kann man denken. Vor einigen Jahren hat sogar ein gelehrter deutscher Theologieprofessor die Pharisäer in Schutz genommen: sie seien nicht so schlimm gewesen, Jesus sei auch gar streng und scharf mit ihnen umgegangen. Es ist wahr: das ist entsetzlich hart: dieses Entweder — Oder: entweder ein reines Herz — oder ein Heuchler, trotz aller Bravheit und aller guten Werke. Das paßt nicht zu den Gesetzen und Bräuchen, mit denen wir einander das Leben sauer machen, und mit denen wir uns zugleich entschuldigen und verstecken vor dem, was wir eigentlich tun und sein müßten. Aber das paßt zum lebendigen Gott, wie Jesus ihn kannte: die höchste Freiheit, die alles menschliche Zeug hinter sich läßt, ist zugleich die höchste Strenge, die höchste Anforderung an unser menschliches Wesen.

47 Seht, meine Freunde, in diesem Sinn, in diesem Gottessinn hat Jesus von den Dingen geredet, so war Alles, was er sagte, unmittelbar verknüpft mit dem wirklichen, gegenwärtigen, lebendigen Gott. Wollen wir noch lange fragen, was das Einzigartige am Evangelium ist? Wir können nun sofort die Antwort darauf geben: das Einzigartige ist der Mensch, der so reden konnte. Wir können seine Worte nicht lesen oder hören, ohne sofort vor das Wunder seiner Person geführt zu werden. Wir können Jesu Lehre niemals würdigen und verstehen, ohne uns zugleich in die Betrachtung Jesu selbst zu vertiefen. Nicht die Lehre ist das Größte an Jesus, sondern die Tatsache, daß er so lehren konnte, daß er so eins war mit Gott, um so reden zu können. Das muß uns auffallen und zu denken geben. Darauf müssen wir achten, wenn wir diese Lehre in ihrem vollen Inhalt, in ihrer vollen Kraft verstehen wollen. Jesus und seine Worte sind unzertrennlich verbunden. Man dürfte nie über das Eine ohne das Andere verhandeln wollen. Jesus predigte das Evangelium, und er war es zugleich.

Was brachte Jesus? Die wundervolle Verkündigung von Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit, von der Vaterliebe und von der Bruderliebe, von der Seligkeit und von der Wahrhaftigkeit. Es kann ja keine Rede davon sein, daß diese Gedanken jemals überboten oder überflüssig gemacht werden könnten, wenn man sie vorurteilslos überdenkt. Aber Gott sei Dank, Jesus brachte mehr als diese Gedanken, Jesus brachte sich selbst, in dem die Verkündigung Gestalt annahm. Er lebte das, was er sagte, er verkörperte seine Botschaft, er war selber der Inbegriff seines Evangeliums. Er lebte in Gott, von dem er redete. Und das alles, ich betone es nochmals, so natürlich und selbstverständlich. Das ganz Außerordentliche, von dem er redete, das wir sonst vielleicht als eine törichte Phantasie oder Theorie beiseite schieben könnten, es war in ihm einfach Tatsache: er stand zu Gott so, wie er schilderte, daß die Menschen stehen müssen. Diese Tatsache hat den Menschen mehr Eindruck gemacht als seine Schilderungen.

Verstehen wir nun, daß Jesus der Inhalt des Evangeliums ist — sein muß? Wir kennen ja keine andere solche Tatsache von Ein|48heit mit Gott wie diese. Auf diese Tatsache müssen wir darum hinsehen. In dieser Tatsache des Lebens Jesu, zu dem auch sein Sterben gehört, sagt uns Gott: ich hab es mit euch,4 ihr Menschen, ihr gehört zu mir, und ich will euch alles Gute schenken. Das ist die frohe Botschaft Gottes an uns. Die frohe Botschaft in Christus.

Am nächsten Sonntag wollen wir davon reden, wie uns diese Botschaft zu einer Kraft wird für unser Leben. Für heute wollen wir heimgehen und darüber nachdenken, wie wunderbar das ist, daß ein Mensch wie wir sagen konnte: Ich und der Vater sind eins [Joh. 10,30] — und es war Wahrheit!

Amen.

Sachfußnoten

1
Kung-Futse, Gespräche (Lun Yü) Buch XII (Yän Yüan), 2, Sittlichkeit II: Ehrfurcht und Nächstenliebe (mit Dschung Gung). 📖 ↩
2
Lied 174 (EKG 128) von G. Tersteegen (1697–1769), Strophe 1. 🎵↩
3
«Kapelle» heißen in aargauischen Dörfern pietistische Gemeinschaftsversammlungen, meist mit eigenen Predigern außerhalb der Landeskirche.↩
4
Die Wendung «es haben mit jemandem» bezeichnet eine — für andere überraschende — Zuwendung zu einem Menschen.↩