Predigt: Römer 1,16 (VI)
Wir haben am letzten Sonntag viel Großes gehört von der seligmachenden Gotteskraft des Evangeliums. Gemeinschaft mit ihm, der das ewige Licht, die ewige Güte, der ewige Friede ist, bringt es uns. Er unser Vater und wir seine Kinder. Diese Gemeinschaft ist die Seligkeit im Diesseits und im Jenseits. Wem sie geschenkt ist, der wird in Kampf und Arbeit, durch Siege und Niederlagen hindurch nach und nach Meister über Versuchung, Sünde und Schuld. Der lernt es, trotzig und unverzagt zu sein auch in Not und Unheil, freudig auch unter Tränen. Der wird zu einem Helfer auch für Andere, die Leid tragen, und zu einem Streiter gegen Lüge und Unrecht, wo sie sich auch finden. Der erwartet schließlich auch den Tod nicht als ein unvermeidliches Unheil, sondern als die gute und willkommene Vollendung dessen, was er in der Kraft Gottes hat erleben und tun dürfen.
Aber nun melden sich die Bedenken und Zweifel zum Wort: Ich spüre so nichts oder so wenig von der verheißenen Seligkeit. Ich höre wohl die Worte «Gemeinschaft mit Gott» — «er unser Vater», «wir seine Kinder», «Licht», «Güte», «Friede», und wie sie alle heißen, aber das, was die Worte bedeuten, wird mir nicht lebendig und wirksam, ich merke so nichts von einem Erfolg, einer Veränderung. Mein Leben, meine Tätigkeit, mein Verhältnis zu den Mitmenschen befriedigt mich nicht, genügt mir nicht. Ich fühle mich oft so vereinsamt innerlich, möchte am liebsten Alles stehen und gehen lassen. Der Überdruß übernimmt mich und wieder in anderen Augenblicken die Wehmut darüber, daß so Vieles nicht ganz anders ist. Und daß ich besonders stark sei im Kampf gegen Versuchung und Sünde, das will ich gerade auch nicht behaupten. Ich unterliege eben je und je wie Andere auch; daß es vorwärts |76 mit mir gehe, das glaube ich einfach nicht. Und ebensowenig habe ich etwas vom Evangelium in den bösen Zeiten. Es geht mir so schlecht, wie es Anderen auch geht, vielleicht noch schlechter. Es hat eben jedes seine Last zu tragen, ich habe nie etwas Anderes gemerkt, als daß die meinige schwer ist! Wo bleibt die Seligkeit, die versprochene? Ich merke nichts davon!
Haben wir nicht auch schon so geseufzt und gemurrt gegen das Beste, was uns gegeben ist, meine Freunde? Wir wollen uns selber gleich noch etwas länger anhören: Ja und bei den Anderen nehme ich auch nichts wahr von solcher Seligkeit und ihren Früchten, seufzen und murren wir weiter. Es wäre ja schön, wenn die Leute hier zu anderen Menschen würden durch die Kraft des Evangeliums! Aber wo sieht man etwas davon? Sind sie nicht Einer wie der Andere, selbstsüchtig, streitlustig, unaufrichtig, gewalttätig, und die Frommen manchmal noch mehr als die Übrigen? Warum ist der und die nicht anders, die doch in die Kirche gehen, in der Bibel lesen, zu einem christlichen Verein gehören? Warum hat er das getan und jenes gesagt und dort sich nicht bewährt? Es scheint doch nicht weit her zu sein mit den Wirkungen des Evangeliums, den Leuten wenigstens um mich herum merke ich wenig an davon. Wo bleibt die versprochene Seligkeit?
Wir können noch mehr hören, wenn wir die Bedenken und Zweifel einmal gründlich wollen
zu Wort kommen lassen: das Evangelium wirkt und erreicht nichts! sagt man uns. Die
Welt ist voll Torheit und Verkehrtheit und schlechtem Willen. Was für ein
aufreibendes, brutales Treiben ist das Leben heutzutage geworden! Wem bedeuten denn
geistige Fragen und geistige Güter noch etwas? Was man berechnen, kaufen und
verkaufen kann, das gilt. Gottvertrauen? davon kommt man nicht vorwärts, und es
probiert es auch niemand damit, die am meisten davon reden, können am besten rechnen,
wenns drauf ankommt! Liebe? das mag gut sein für das Familienleben und für die
Kirche, da draußen aber kommt es darauf an, wer am meisten Macht hat, und Macht hat,
wer gescheit ist und Geld hat, nicht wer Gott hat! Oder wo spürt man in der Welt
etwas von Liebe, wo? Die Seele? Ach, an die Seele
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mögen ein paar Frauen denken und der Pfarrer und die Kinder in der Sonntagsschule,
im Leben kommt doch die Seele nicht in Betracht. Was erreicht das Evangelium in der
Welt? Nichts! Die Welt kümmert sich nicht darum, sie geht ihren Lauf, wie sie will.
Sie hat es immer getan und wird es immer tun. Es gibt ein kleines Bild im
So etwa tönts, wenn der Zweifel redet. Vielleicht haben auch wir gelegentlich schon
so gedacht und geredet. Es ist gut, wenn wir den Zweifel manchmal offen so reden lassen, unseren eigenen und den Anderer. Mögen sie noch so bitter
und erschreckend sein, es ist uns besser, wir hören sie, als daß wir uns Dinge
einbilden und vormachen, an die vielleicht wir selber nur hier in der Kirche glauben,
nicht aber daheim im Wohnzimmer oder in der
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Fabrik oder auf der Straße unter den Kollegen. Wenn wir uns den Zweifel ungeschminkt
und unverhüllt vor die Augen treten lassen, dann ist das wenigstens ein gutes Stück
Aufrichtigkeit. Und den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen [
Nun mag uns
Wir müssen einen Augenblick nachdenken darüber, in welchem Verhältnis wir denn
eigentlich zu Gott stehen. Die beste Erklä|79rung ist die, wenn wir sagen: im gleichen Verhältnis wie die Pflanzen zur Sonne.
Alles Leben, Wachstum und Gedeihen verdanken sie dem Licht und der Wärme der Sonne,
lehrt uns die Naturwissenschaft. Die erste kleine Entfaltung des Keimleins in der
Erde wie die Weiterentwicklung des fünfzigjährigen Baumes, sie wären nicht denkbar
ohne die milden Strahlen dieser großen Wohltäterin unserer sichtbaren Welt. Lange
bevor es die Sonne zum ersten Mal gesehen, empfängt das zukünftige Pflänzlein sein
Leben aus den Wirkungen der Sonne, und nachdem es schon jahrzehntelang ein mächtiges,
stolzes, selbständiges Gebilde gewesen ist, lebt es doch immer noch und jeden
Augenblick aus den Wirkungen der Sonne und müßte im Nu absterben, wenn ihm diese
Wirkungen entzogen würden. So leben wir Menschen aus Gott. Kraft, Freude und Frieden
sind in ihm zu Hause und nur in ihm. Er ist die Quelle alles Guten, der Ursprung von
Allem, was wahr und schön ist. Aus ihm leben wir, wenn wir die ersten Regungen eines
höheren seligen Lebens in uns verspüren, und aus ihm leben wir, wenn wir schon lange
als tüchtige, ernste, freudige Menschen unseren Weg gehen. Auf keiner Stufe kann ein
Mensch sagen: ich habs getan, mein Verdienst ist es, daß ich bin, was ich bin. Was
ein Mensch ist, das ist immer ein Werk Gottes, der sich selber ihm geschenkt hat.
Wenn Gott sich uns schenkt, wenn sein Licht und seine Wärme uns erreichen, an uns
kommen, das ist das Evangelium. Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin
[
Aber ganz töricht ist es, wenn wir meinen, wir könnten diesem Wirken Gottes in uns und an uns gleichsam unbeteiligt zusehen, wie man mit gekreuzten Armen etwa ein Schauspiel auf dem Theater verfolgt, es sei vollständig gleichgültig, wie wir uns nun zu dem, was Gott tut, stellen und verhalten. Das meinen offenbar die, welche über die Unwirksamkeit des Evangeliums seufzen oder murren, wie wir es am Anfang gehört haben. Wie geht es einem Pflanzensamen, der vom Winde irgendwohin getragen wird, wo die Sonne kaum Zutritt hat, in einen Keller vielleicht oder in einen eingeschlossenen, schattigen Winkel? Wie geht es den |80 Pflanzensamen im hohen Norden, wo die Sonne während eines großen Teils des Jahres gar nicht über dem Horizont emporkommt? Nur gewisse kleine, unscheinbare, verkümmerte Gewächse können auch dort bestehen, aus dem Wenigen, was eben auch ihnen auf Umwegen an Sonnenwirkungen zukommt, aber es ist wenig genug, und dann gibt es einen Grad von Abgeschlossenheit der Sonne gegenüber, wo schlechterdings kein Leben mehr bestehen kann. Die Sonne scheint und sendet ununterbrochen ihre wohltätigen Strahlen, und Alles, was Leben heißt, ist durch diese Strahlen erweckt, aber wo sie nicht hinscheint, da kann sie auch kein Leben wecken. Wir Menschen sind keine solchen Pflanzensamen, die von Wind und Wetter oder von ungeschickter höherer Hand dahin geworfen werden, wo Gott uns nicht erreichen, nichts aus uns machen kann, das ist der Unterschied. Wir sind selber schuld und selber verantwortlich dafür, wenn Gottes gutes Werk in uns und an uns nicht zur Vollziehung kommt. Es gibt auch bei uns einen Zustand der Gottesferne und Gottesverschlossenheit, wo die Seligkeit, die uns geschenkt wäre, verkümmern und schließlich absterben muß. Dieser Zustand, an dem wir selber schuld sind, ist der Unglaube.
Und was ist denn nun der Glaube? Ganz einfach, daß wir uns den Wirkungen Gottes nicht entziehen, daß wir ihm stillehalten. Daß wir nicht an den Nordpol laufen und dort erfrieren, sondern uns schön der hellen warmen Sonne aussetzen, [um uns] so zum Leben erwecken und im Leben fördern zu lassen. Das ist der Glaube, daß wir Gott machen lassen. Das Evangelium darf uns nicht bloß erreichen, es muß in uns eindringen. Wir dürfen Gottes Wort nicht bloß hören, wir müssen es annehmen. Eine ungeheuer einfache Sache, das ist uns allen schon in der Unterweisung gesagt worden. Das versteht sich ja eigentlich von selbst, daß es ohne Glauben keine Seligkeit gibt. Und doch leiden Unzählige daran, daß sie gerade dieses Einfachste, Allbekannte nicht verstehen, daß man nicht bloß hören oder lesen, sondern annehmen muß, um selig zu werden. Und nun jammern sie: ich spüre nichts, ich fühle nichts von dem Verheißenen! Es wird wohl nichts sein |81 damit! Arme Menschen, sie glauben nicht, sie müssen glauben lernen, um zum Seligsein zu kommen.
Aber das könnte nun wie eine große Grausamkeit klingen, wenn man das so sagt: ihr müßt eben glauben, daran fehlts! Gewiß sind solche auch unter uns, die bei dieser Aufforderung im Stillen denken: Ach, immer die alte Geschichte! Glaube! Ich glaube ja! Oder ich bemühe mich doch zu glauben! Aber was ist denn eigentlich das: «Glaube»? Und wie soll mans machen, wenn man ihn nicht hat, um zum rechten Glauben zu kommen? Und niemand ist unter uns, der es nicht nötig hätte, den rechten Glauben immer wieder kennen und üben zu lernen, um im Glauben seiner Seligkeit immer aufs neue gewiß und froh zu werden.
Wir müssen vor Allem kurz sagen: was Glaube nicht ist, damit wir
uns nicht in Sackgassen und auf Holzwege verirren, wo nichts zu finden ist. Glaube
ist nicht irgendeine fromme Gewohnheit, und wenn sie noch so gut
wäre. Glaube ist nicht Kirchengehen und nicht Bibellesen und nicht noch so fleißiges
Beten aus dem schönsten Buch, Glaube ist nicht Teilnahme an einem christlichen Verein
und nicht Enthaltung von weltlichen Vergnügungen. Wer denkt, ich will solche Dinge
tun, dann finde ich die Seligkeit, die Gemeinschaft mit Gott, der irrt sich. Man kann
das Alles tun und unselig sein, leer und trostlos bleiben inwendig, auf verkehrte
Wege kommen, in der Not des Lebens zusammenbrechen, ein feiger schlechter Streiter
für das Gute sein. Solche Dinge hat
Glaube ist eben auch nicht eine fromme Meinung, und wenn sie noch
so hoch und schön und wahr wäre. Es kann uns geschehen, daß wir aus der Schule oder
Unterweisung her bestimmte christliche Wahrheiten in uns tragen, das ist recht! Es
kann uns geschehen, daß uns vielleicht in einer Predigt oder Rede oder durch ein Buch
neue christliche Wahrheiten zur Überzeugung werden, wir begeistern uns dafür, wir
denken: so ists, so will ichs auch ansehen! Das ist recht. Aber wir dürfen nicht
meinen, das sei nun der Glaube, wenn wir solche christliche Wahrheit annehmen, uns
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damit einverstanden erklären, und wenn es mit noch so viel Überzeugung, Sicherheit
und Freude geschähe. Das ist ein besonders gefährlicher Irrtum: wenn wir nicht mehr
haben als Meinungen und Ideen, seien es nun alte oder sogenannte moderne,
neuzeitliche, dann scheitern wir sicher früher oder später, dann dürfen wir uns
wiederum nicht wundern, wenn kein Erfolg, keine Wirkung da ist. Ein frommer Mann hat
einmal gesagt: man kann so rechtgläubig sein wie der Teufel und doch verloren gehen!
Jawohl, man kann noch so feine und tüchtige und christliche Ansichten haben und fest
darauf halten und doch an die Sünde verkauft, in der Not haltlos, vor dem Tod
hoffnungslos sein.
Und Glaube ist nicht ein frommes Gefühl. Es ist etwas sehr Schönes
um die religiösen Gefühle: Andacht, Erbauung, Liebe zu Gott und zu Jesus,
Sündengefühl und Gnadengefühl, Gefühl der Gegenwart Gottes. Aber ich sage: hüten wir
uns vor diesen Gefühlen, solange wir nicht der Seligkeit gewiß und froh werden können
auch ohne sie. Glaube ist etwas Anderes als ein solches Gefühl. Man kann mit den
andächtigsten Gefühlen etwa ein religiöses Lied mitsingen, so recht mit Inbrunst und
aus dem Herzen, und doch unendlich weit weg von der ernsten Wahrheit Gottes sein. Man
kann die zärtlichsten Gedanken hegen und aussprechen für den Heiland und dabei ein
kleinlicher, zänkischer, beschränkter Mensch sein, dem Heiland ganz ungleich. Man
kann große Erfahrungen gemacht haben von Sünde und Gnade, und es war doch nicht Ernst
damit, man hat trotz aller Gefühle von beiden nichts erlebt. Es gibt viel Blendwerk
auf diesem Gebiet. Es hat Menschen gegeben, die waren scheinbar sehr weit im Glauben,
allen Anderen voran, ein großes, stolzes Gebäude war ihr inneres Leben, sicher
meinten sie darin zu wohnen für immer. Als aber ein Platzregen fiel und kam ein
Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen
großen Fall [
Es ist sehr viel gewonnen, liebe Freunde, wenn wir einmal deutlich einsehen, was nicht Glaube ist: nicht fromme Gewohnheit, nicht fromme Meinungen, nicht fromme Gefühle. Die böse Enttäuschung wird uns dann erspart, daß wir sagen müssen: ich glaube doch, ich bemühe mich zu glauben, aber ich sehe keine Wirkung, ich spüre nichts von Seligkeit. Und wenn wir unter den Menschen und in den Verhältnissen so Vieles wahrnehmen, was weit, weit weg ist von der verheißenen Seligkeit, dann werden wir nicht dem Evangelium die Schuld geben, wir werden sagen: es fehlt eben am rechten Glauben, man hält so Vieles für Glauben, was es gar nicht ist, sondern kraftloses und darum machtloses Menschengemächte.
Wenn wir wissen wollen, was Glaube ist, müssen wir uns vor Allem daran erinnern, was denn das Evangelium ist, an das wir glauben sollen, um selig zu werden. Wir sagten seinerzeit, das Evangelium sei nichts Anderes als die einfache Botschaft Jesu von der Liebe zu Gott und dem Nächsten, von der Buße und vom kommenden Gottesreich und dazu sein Leben und Sterben, in dem er diese Botschaft bewährt hat. Und was heißt nun glauben? Wenn der Weg Jesu unser Weg wird, wenn wir uns einstellen auf die Richtung, in der Jesus gegangen ist, wenn wir mit ihm leben wollen, unter dem bestimmenden Einfluß des guten heiligen Geistes, der von ihm ausgeht bis heute. Das Beste und Größte, was wir kennen, muß auch das Stärkste in uns werden. Das Beste und Größte, was wir kennen, ist aber sicher Jesus. Also muß er und sein Geist das Stärkste in unserer Seele und in unserem Verhalten, in unserem inneren und äußeren Leben werden. Unter seiner Macht stehen, das heißt für uns glauben. Alles Andere ist neben diesem Einen, was not tut, vollständig Nebensache. Es ist notwendig, daß wir das erkennen, denn wenn das nicht geschieht, so wird uns gar leicht durch die Nebensachen die Hauptsache verdunkelt und verhüllt. Haben wir dieses Eine, stehen wir fest auf |84 dieser Hauptsache: Jesu Weg unser Weg! dann haben wir auch die Seligkeit, darauf können wir uns verlassen.
Nun die Frage: wie kommt man zu dieser Hauptsache, zu diesem Glauben, der selig
macht? Man kann da nicht einfach ein Rezept geben zur Antwort, das sagte ich früher
schon einmal. Die Menschen sind eben gar mannigfaltig, und keiner kommt ganz auf
dieselbe Weise dazu wie der Andere. Ich will nur einige Punkte nennen, auf die wir
Achtung geben müssen, ein jedes mit der Frage: trifft das nicht vielleicht für mich
zu? Erstlich entsteht der Glaube, der rechte Glaube immer da, wo man die Fähigkeit
hat, aufmerksam zu sein. Ich meine: daß wir, wenn Gott an uns
herankommt mit dem Evangelium auf irgend eine Weise, still und ruhig sehen und hören
sollen. Sehr oft fehlt es uns daran, wir sind zu unruhig, zu geräuschvoll, es ist
zuviel Hin und Her in unserer Seele, obwohl wir vielleicht nicht ferne wären vom
Reich Gottes [vgl.
Das zweite, worauf wir achten müssen, ist das, daß der Glaube immer nur da entsteht,
wo man die Fähigkeit hat, sich zu freuen. Glaube ist Freude,
freudiges Vertrauen auf Gott, freudige Hoffnung auf seine Güte, freudige Liebe zu den
Mitmenschen. Warum können wir das nicht? Warum hat ein Psalmwort wie etwa das: die
Freude am Herrn ist meine Stärke! [vgl.
86 Drittens aber kann der Glaube nur da entstehen, wo man die Fähigkeit hat, zu gehorchen. Das Evangelium stellt Forderungen an uns, es will uns in Bewegung setzen, es muß etwas geschehen. Glauben heißt sich nach Jesus richten, und da muß vielleicht Allerlei fallen, was uns bis dahin sehr lieb war: allerlei Trägheit und Torheit, allerlei Lieblosigkeit und Tyrannei. Und neue, ganz neue Dinge wollen da in dein Leben hinein: Reinheit, Opferfreudigkeit, Willigkeit zum Vergeben, Liebe zu unerträglichen Mitmenschen, nimmer ermüdende Treue. O wie Vieles sollte da hinaus, wie Vieles hinein! Wir hören, wie Gott uns mit aller Deutlichkeit sagt: ich will! und nun sollten wir antworten: ja, ich will auch, und sollten danach tun. O wie schwer ist das! Wie leicht kanns nun sein, daß auch da wieder das liebe Ich im Wege steht und ganz breit sagt: ich will aber nicht! Oder vielleicht verlangt es Ausnahmen: Ich will Jesus nachfolgen, aber in dem und dem Punkt will ich es anders halten, ich muß da Rücksicht nehmen auf mein Glüst, oder auf meine Interessen, oder auf die Leute, ich will, aber ich will nicht ganz, ich will eine Auswahl treffen. O weh, wenn wir nicht gehorchen können, dann kann kein Glaube in uns entstehen. Was da entsteht, das wird immer nur etwas Scheinhaftes, Halbes sein, etwas, das uns allerdings den Segen des Evangeliums nicht in unser Leben bringen wird. Fehlt es vielleicht da, lieber Freund, wenn du dich beklagst: ich merke nichts von Seligkeit, fehlts da, daß du auf das große «Ich will» Gottes im Evangelium mit deinem kleinen «Ich will nicht» oder «Ich will nur halb» antwortest? Sieh, dann kommen wir auch hier auf das Gleiche: dein Ich steht dir im Wege, darum kannst du nicht glauben. Und weil du nicht glauben kannst, spürst du die Seligkeit nicht, die Gott durch das Evangelium auch dir schenken will. Räum das Ich aus dem Wege! Sag zu dir selber: ich will jetzt gehorsam werden, ich will jetzt Gott über Alles stellen, und wenns mir noch so bitter wäre, und was gilts, dann wirst du bald nicht mehr darüber zu klagen haben, daß das Evangelium dich enttäusche.
Wenn wir einmal damit angefangen haben, besser, reiner, höher |87 zu glauben, dann bekommen wir ganz andere Lebensansichten. Wir lernen uns selber kennen. Wir geben den Hochmut auf und merken: Gott muß mich noch erziehen, und ich darf mich gar nicht wundern, wenn ich noch weit weg bin von einer vollkommenen fertigen Seligkeit, wenn ich noch durch allerlei Tiefen und Untiefen hindurchgehen muß. Aber mit dem Hochmut können wir dann auch die Verzweiflung aufgeben, jenen Gedanken: es ist doch Alles nichts und wird nichts! Nein, denken wir: Gott erzieht mich jetzt, und es wird schon besser werden, wenn ich [mich] nur erziehen lasse. Das heißt Glaube: wenn man in Gottes Schule geht, nicht als ein unwilliger, sondern als ein williger Schüler. Da sieht man dann auch die Anderen anders an: da hört jenes Klagen und Schimpfen über «die Leute» auf, wir sehen wohl, wieviel ihnen allen mangelt zur Vollkommenheit, aber wir denken: gerade wie uns auch! Wir nehmen an: die werden nun auch von Gott aufgenommen. An ihm fehlts sicher nicht. Das Evangelium ist stark genug. Wenn es nur angenommen wird. Und so sehen wir in die Welt hinaus, in der so viel Törichtes und Gottwidriges sich breitmachen darf. Das beweist uns nun nicht mehr wie vorher: seht da, es hilft doch Alles nichts, es beweist uns nur, wie unerzogen die Menschheit noch ist, auf einer wie tiefen Stufe wir zur Zeit noch stehen. Aber daß es höhere Stufen gibt und daß die Menschheit sie ersteigen kann und wird, das glauben wir getrosten Mutes, so sehr wir selbst uns auf der Reise fühlen aus der Tiefe in die Höhe. Lassen wir das Evangelium wirken, lassen wir den starken Glaubensgehorsam in uns, unter uns triumphieren, dann wird all jenes Törichte und Gottwidrige sich nicht mehr lange breitmachen dürfen. Und dräut der Winter noch so sehr …4
Glauben wir, so haben wir! Glauben wir dem
Evangelium, so haben wir Alles, was es uns verheißt. Wo der Glaube ist, da sinken
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die Zweifel und Einwände in sich selbst zusammen, haben keinen Halt noch Boden.
Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben [