15. Februar 1914

Predigt: Römer 1,16 (VI)

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Römer 1,16 (VI)
Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, selig zu machen Alle, die daran glauben.
Liebe Freunde!

Wir haben am letzten Sonntag viel Großes gehört von der seligmachenden Gotteskraft des Evangeliums. Gemeinschaft mit ihm, der das ewige Licht, die ewige Güte, der ewige Friede ist, bringt es uns. Er unser Vater und wir seine Kinder. Diese Gemeinschaft ist die Seligkeit im Diesseits und im Jenseits. Wem sie geschenkt ist, der wird in Kampf und Arbeit, durch Siege und Niederlagen hindurch nach und nach Meister über Versuchung, Sünde und Schuld. Der lernt es, trotzig und unverzagt zu sein auch in Not und Unheil, freudig auch unter Tränen. Der wird zu einem Helfer auch für Andere, die Leid tragen, und zu einem Streiter gegen Lüge und Unrecht, wo sie sich auch finden. Der erwartet schließlich auch den Tod nicht als ein unvermeidliches Unheil, sondern als die gute und willkommene Vollendung dessen, was er in der Kraft Gottes hat erleben und tun dürfen.

Aber nun melden sich die Bedenken und Zweifel zum Wort: Ich spüre so nichts oder so wenig von der verheißenen Seligkeit. Ich höre wohl die Worte «Gemeinschaft mit Gott» — «er unser Vater», «wir seine Kinder», «Licht», «Güte», «Friede», und wie sie alle heißen, aber das, was die Worte bedeuten, wird mir nicht lebendig und wirksam, ich merke so nichts von einem Erfolg, einer Veränderung. Mein Leben, meine Tätigkeit, mein Verhältnis zu den Mitmenschen befriedigt mich nicht, genügt mir nicht. Ich fühle mich oft so vereinsamt innerlich, möchte am liebsten Alles stehen und gehen lassen. Der Überdruß übernimmt mich und wieder in anderen Augenblicken die Wehmut darüber, daß so Vieles nicht ganz anders ist. Und daß ich besonders stark sei im Kampf gegen Versuchung und Sünde, das will ich gerade auch nicht behaupten. Ich unterliege eben je und je wie Andere auch; daß es vorwärts |76 mit mir gehe, das glaube ich einfach nicht. Und ebensowenig habe ich etwas vom Evangelium in den bösen Zeiten. Es geht mir so schlecht, wie es Anderen auch geht, vielleicht noch schlechter. Es hat eben jedes seine Last zu tragen, ich habe nie etwas Anderes gemerkt, als daß die meinige schwer ist! Wo bleibt die Seligkeit, die versprochene? Ich merke nichts davon!

Haben wir nicht auch schon so geseufzt und gemurrt gegen das Beste, was uns gegeben ist, meine Freunde? Wir wollen uns selber gleich noch etwas länger anhören: Ja und bei den Anderen nehme ich auch nichts wahr von solcher Seligkeit und ihren Früchten, seufzen und murren wir weiter. Es wäre ja schön, wenn die Leute hier zu anderen Menschen würden durch die Kraft des Evangeliums! Aber wo sieht man etwas davon? Sind sie nicht Einer wie der Andere, selbstsüchtig, streitlustig, unaufrichtig, gewalttätig, und die Frommen manchmal noch mehr als die Übrigen? Warum ist der und die nicht anders, die doch in die Kirche gehen, in der Bibel lesen, zu einem christlichen Verein gehören? Warum hat er das getan und jenes gesagt und dort sich nicht bewährt? Es scheint doch nicht weit her zu sein mit den Wirkungen des Evangeliums, den Leuten wenigstens um mich herum merke ich wenig an davon. Wo bleibt die versprochene Seligkeit?

Wir können noch mehr hören, wenn wir die Bedenken und Zweifel einmal gründlich wollen zu Wort kommen lassen: das Evangelium wirkt und erreicht nichts! sagt man uns. Die Welt ist voll Torheit und Verkehrtheit und schlechtem Willen. Was für ein aufreibendes, brutales Treiben ist das Leben heutzutage geworden! Wem bedeuten denn geistige Fragen und geistige Güter noch etwas? Was man berechnen, kaufen und verkaufen kann, das gilt. Gottvertrauen? davon kommt man nicht vorwärts, und es probiert es auch niemand damit, die am meisten davon reden, können am besten rechnen, wenns drauf ankommt! Liebe? das mag gut sein für das Familienleben und für die Kirche, da draußen aber kommt es darauf an, wer am meisten Macht hat, und Macht hat, wer gescheit ist und Geld hat, nicht wer Gott hat! Oder wo spürt man in der Welt etwas von Liebe, wo? Die Seele? Ach, an die Seele |77 mögen ein paar Frauen denken und der Pfarrer und die Kinder in der Sonntagsschule, im Leben kommt doch die Seele nicht in Betracht. Was erreicht das Evangelium in der Welt? Nichts! Die Welt kümmert sich nicht darum, sie geht ihren Lauf, wie sie will. Sie hat es immer getan und wird es immer tun. Es gibt ein kleines Bild im Basler Kunstmuseum von dem verstorbenen Schweizer Maler Albert Welti,1 wenn ich nicht irre, da steht im Vordergrund das Kreuz Christi aufgerichtet, daneben ein Pfarrer, der mit aufgeregten Bewegungen darauf hinweist, und ein paar arme Seelen, die dazu emporblicken. Daneben vorbei aber braust ein gewaltiger Strom von Menschen, zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen, auf Velos und Automobilen, sie überholen sich, stoßen sich zu Boden, zertreten einander, Alle voll blinder Hast, vorwärts zu kommen. Ein großes Geldstück rollt weit voraus, und ihm gilt die wilde Jagd. Keiner denkt daran, das Kreuz auch nur eines Blickes zu würdigen. Seht da, könnte man sagen, wieviel die angebliche Kraft Gottes im Evangelium unter den Menschen ausrichtet. Seligkeit? Nein, Ungerechtigkeit, stumpfe Gier, Gedankenlosigkeit, Konkurrenz aufs Messer, bittere Unzufriedenheit und stille, schwere Not. Diese verheißene Seligkeit ist ein schöner Traum. Schön, gewiß, aber Traum. Und Träume sind Schäume. Ich spüre nichts davon. Meine Nachbarn und Kollegen spüren auch nichts davon. Und im Handel und Wandel des Lebens ist offenbar auch nichts davon zu spüren. Was Wunder, wenn man sich des Evangeliums schämt trotz der Mahnung des Paulus. Es richtet ja nichts aus. Es bietet ja in Wahrheit nicht, was es verheißt.

So etwa tönts, wenn der Zweifel redet. Vielleicht haben auch wir gelegentlich schon so gedacht und geredet. Es ist gut, wenn wir den Zweifel manchmal offen so reden lassen, unseren eigenen und den Anderer. Mögen sie noch so bitter und erschreckend sein, es ist uns besser, wir hören sie, als daß wir uns Dinge einbilden und vormachen, an die vielleicht wir selber nur hier in der Kirche glauben, nicht aber daheim im Wohnzimmer oder in der |78 Fabrik oder auf der Straße unter den Kollegen. Wenn wir uns den Zweifel ungeschminkt und unverhüllt vor die Augen treten lassen, dann ist das wenigstens ein gutes Stück Aufrichtigkeit. Und den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen [Spr. 2,7].

Nun mag uns Paulus selbst die Antwort geben auf die Einwände und Vorwürfe, die wir da gehört haben. Er sagt uns: das Evangelium ist eine Kraft Gottes zum Heil Allen, die daran glauben. Wir dürfen uns nicht wundern: wenn wir nicht glauben, dann spüren wir freilich auch nichts von der Wirkung dieser Kraft, dann widerfährt uns begreiflicherweise nichts von jenen seligen Erlebnissen. Wenn die Menschen um uns her nicht glauben, dann werden wir freilich auch ihnen nichts Sonderliches anmerken von Wirkungen des Evangeliums. Wenn die Menschheit nicht glauben kann oder nicht glauben will, dann dürfen wir nicht darüber staunen, wenn so Vieles in ihrer Art, in ihren Gewohnheiten und Verhältnissen ein offener Hohn ist auf das Wort Seligkeit. Der Pfarrer, den ich als Schüler über diesen Text predigen hörte,2 sagte damals: damit der Hunger eines Menschen gestillt werde, dazu genügt nicht, daß Brot da ist, auch nicht, daß es ihm gezeigt wird, auch nicht, daß die ausgezeichneten, nahrhaften Eigenschaften des Brotes ihm beschrieben und erklärt werden, auch nicht, daß man es ihm schenkt und es ihm schließlich sogar vor den Mund hält. Das kann Alles geschehen, und der Mensch kann dabei verhungern. Was vor Allem nötig ist, das ist, daß er den Mund auftut und ißt. Das ist höchst einfach, nichtwahr, wenn es sich um Brot und Essen handelt. Merkwürdig, daß wir es nicht verstehen, wenn es sich ums Evangelium handelt. Mit dem höchst einfachen Sätzlein des Paulus: Allen, die daran glauben! sind im Grunde alle jene Einwände und Zweifel abgetan. Wer nicht glaubt, der spürt selbstverständlich nichts von der Kraft Gottes, nichts von der Seligkeit, die sie in uns schaffen will.

Wir müssen einen Augenblick nachdenken darüber, in welchem Verhältnis wir denn eigentlich zu Gott stehen. Die beste Erklä|79rung ist die, wenn wir sagen: im gleichen Verhältnis wie die Pflanzen zur Sonne. Alles Leben, Wachstum und Gedeihen verdanken sie dem Licht und der Wärme der Sonne, lehrt uns die Naturwissenschaft. Die erste kleine Entfaltung des Keimleins in der Erde wie die Weiterentwicklung des fünfzigjährigen Baumes, sie wären nicht denkbar ohne die milden Strahlen dieser großen Wohltäterin unserer sichtbaren Welt. Lange bevor es die Sonne zum ersten Mal gesehen, empfängt das zukünftige Pflänzlein sein Leben aus den Wirkungen der Sonne, und nachdem es schon jahrzehntelang ein mächtiges, stolzes, selbständiges Gebilde gewesen ist, lebt es doch immer noch und jeden Augenblick aus den Wirkungen der Sonne und müßte im Nu absterben, wenn ihm diese Wirkungen entzogen würden. So leben wir Menschen aus Gott. Kraft, Freude und Frieden sind in ihm zu Hause und nur in ihm. Er ist die Quelle alles Guten, der Ursprung von Allem, was wahr und schön ist. Aus ihm leben wir, wenn wir die ersten Regungen eines höheren seligen Lebens in uns verspüren, und aus ihm leben wir, wenn wir schon lange als tüchtige, ernste, freudige Menschen unseren Weg gehen. Auf keiner Stufe kann ein Mensch sagen: ich habs getan, mein Verdienst ist es, daß ich bin, was ich bin. Was ein Mensch ist, das ist immer ein Werk Gottes, der sich selber ihm geschenkt hat. Wenn Gott sich uns schenkt, wenn sein Licht und seine Wärme uns erreichen, an uns kommen, das ist das Evangelium. Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin [1.Kor. 15,10]! müssen wir denken. Das müssen wir festhalten.

Aber ganz töricht ist es, wenn wir meinen, wir könnten diesem Wirken Gottes in uns und an uns gleichsam unbeteiligt zusehen, wie man mit gekreuzten Armen etwa ein Schauspiel auf dem Theater verfolgt, es sei vollständig gleichgültig, wie wir uns nun zu dem, was Gott tut, stellen und verhalten. Das meinen offenbar die, welche über die Unwirksamkeit des Evangeliums seufzen oder murren, wie wir es am Anfang gehört haben. Wie geht es einem Pflanzensamen, der vom Winde irgendwohin getragen wird, wo die Sonne kaum Zutritt hat, in einen Keller vielleicht oder in einen eingeschlossenen, schattigen Winkel? Wie geht es den |80 Pflanzensamen im hohen Norden, wo die Sonne während eines großen Teils des Jahres gar nicht über dem Horizont emporkommt? Nur gewisse kleine, unscheinbare, verkümmerte Gewächse können auch dort bestehen, aus dem Wenigen, was eben auch ihnen auf Umwegen an Sonnenwirkungen zukommt, aber es ist wenig genug, und dann gibt es einen Grad von Abgeschlossenheit der Sonne gegenüber, wo schlechterdings kein Leben mehr bestehen kann. Die Sonne scheint und sendet ununterbrochen ihre wohltätigen Strahlen, und Alles, was Leben heißt, ist durch diese Strahlen erweckt, aber wo sie nicht hinscheint, da kann sie auch kein Leben wecken. Wir Menschen sind keine solchen Pflanzensamen, die von Wind und Wetter oder von ungeschickter höherer Hand dahin geworfen werden, wo Gott uns nicht erreichen, nichts aus uns machen kann, das ist der Unterschied. Wir sind selber schuld und selber verantwortlich dafür, wenn Gottes gutes Werk in uns und an uns nicht zur Vollziehung kommt. Es gibt auch bei uns einen Zustand der Gottesferne und Gottesverschlossenheit, wo die Seligkeit, die uns geschenkt wäre, verkümmern und schließlich absterben muß. Dieser Zustand, an dem wir selber schuld sind, ist der Unglaube.

Und was ist denn nun der Glaube? Ganz einfach, daß wir uns den Wirkungen Gottes nicht entziehen, daß wir ihm stillehalten. Daß wir nicht an den Nordpol laufen und dort erfrieren, sondern uns schön der hellen warmen Sonne aussetzen, [um uns] so zum Leben erwecken und im Leben fördern zu lassen. Das ist der Glaube, daß wir Gott machen lassen. Das Evangelium darf uns nicht bloß erreichen, es muß in uns eindringen. Wir dürfen Gottes Wort nicht bloß hören, wir müssen es annehmen. Eine ungeheuer einfache Sache, das ist uns allen schon in der Unterweisung gesagt worden. Das versteht sich ja eigentlich von selbst, daß es ohne Glauben keine Seligkeit gibt. Und doch leiden Unzählige daran, daß sie gerade dieses Einfachste, Allbekannte nicht verstehen, daß man nicht bloß hören oder lesen, sondern annehmen muß, um selig zu werden. Und nun jammern sie: ich spüre nichts, ich fühle nichts von dem Verheißenen! Es wird wohl nichts sein |81 damit! Arme Menschen, sie glauben nicht, sie müssen glauben lernen, um zum Seligsein zu kommen.

Aber das könnte nun wie eine große Grausamkeit klingen, wenn man das so sagt: ihr müßt eben glauben, daran fehlts! Gewiß sind solche auch unter uns, die bei dieser Aufforderung im Stillen denken: Ach, immer die alte Geschichte! Glaube! Ich glaube ja! Oder ich bemühe mich doch zu glauben! Aber was ist denn eigentlich das: «Glaube»? Und wie soll mans machen, wenn man ihn nicht hat, um zum rechten Glauben zu kommen? Und niemand ist unter uns, der es nicht nötig hätte, den rechten Glauben immer wieder kennen und üben zu lernen, um im Glauben seiner Seligkeit immer aufs neue gewiß und froh zu werden.

Wir müssen vor Allem kurz sagen: was Glaube nicht ist, damit wir uns nicht in Sackgassen und auf Holzwege verirren, wo nichts zu finden ist. Glaube ist nicht irgendeine fromme Gewohnheit, und wenn sie noch so gut wäre. Glaube ist nicht Kirchengehen und nicht Bibellesen und nicht noch so fleißiges Beten aus dem schönsten Buch, Glaube ist nicht Teilnahme an einem christlichen Verein und nicht Enthaltung von weltlichen Vergnügungen. Wer denkt, ich will solche Dinge tun, dann finde ich die Seligkeit, die Gemeinschaft mit Gott, der irrt sich. Man kann das Alles tun und unselig sein, leer und trostlos bleiben inwendig, auf verkehrte Wege kommen, in der Not des Lebens zusammenbrechen, ein feiger schlechter Streiter für das Gute sein. Solche Dinge hat Paulus nicht gemeint, wenn er gesagt hat: Seligkeit Allen denen, die «glauben»!

Glaube ist eben auch nicht eine fromme Meinung, und wenn sie noch so hoch und schön und wahr wäre. Es kann uns geschehen, daß wir aus der Schule oder Unterweisung her bestimmte christliche Wahrheiten in uns tragen, das ist recht! Es kann uns geschehen, daß uns vielleicht in einer Predigt oder Rede oder durch ein Buch neue christliche Wahrheiten zur Überzeugung werden, wir begeistern uns dafür, wir denken: so ists, so will ichs auch ansehen! Das ist recht. Aber wir dürfen nicht meinen, das sei nun der Glaube, wenn wir solche christliche Wahrheit annehmen, uns |82 damit einverstanden erklären, und wenn es mit noch so viel Überzeugung, Sicherheit und Freude geschähe. Das ist ein besonders gefährlicher Irrtum: wenn wir nicht mehr haben als Meinungen und Ideen, seien es nun alte oder sogenannte moderne, neuzeitliche, dann scheitern wir sicher früher oder später, dann dürfen wir uns wiederum nicht wundern, wenn kein Erfolg, keine Wirkung da ist. Ein frommer Mann hat einmal gesagt: man kann so rechtgläubig sein wie der Teufel und doch verloren gehen! Jawohl, man kann noch so feine und tüchtige und christliche Ansichten haben und fest darauf halten und doch an die Sünde verkauft, in der Not haltlos, vor dem Tod hoffnungslos sein. Paulus hat auch nicht an Lehren und Meinungen gedacht, als er schrieb: Allen, die daran glauben!

Und Glaube ist nicht ein frommes Gefühl. Es ist etwas sehr Schönes um die religiösen Gefühle: Andacht, Erbauung, Liebe zu Gott und zu Jesus, Sündengefühl und Gnadengefühl, Gefühl der Gegenwart Gottes. Aber ich sage: hüten wir uns vor diesen Gefühlen, solange wir nicht der Seligkeit gewiß und froh werden können auch ohne sie. Glaube ist etwas Anderes als ein solches Gefühl. Man kann mit den andächtigsten Gefühlen etwa ein religiöses Lied mitsingen, so recht mit Inbrunst und aus dem Herzen, und doch unendlich weit weg von der ernsten Wahrheit Gottes sein. Man kann die zärtlichsten Gedanken hegen und aussprechen für den Heiland und dabei ein kleinlicher, zänkischer, beschränkter Mensch sein, dem Heiland ganz ungleich. Man kann große Erfahrungen gemacht haben von Sünde und Gnade, und es war doch nicht Ernst damit, man hat trotz aller Gefühle von beiden nichts erlebt. Es gibt viel Blendwerk auf diesem Gebiet. Es hat Menschen gegeben, die waren scheinbar sehr weit im Glauben, allen Anderen voran, ein großes, stolzes Gebäude war ihr inneres Leben, sicher meinten sie darin zu wohnen für immer. Als aber ein Platzregen fiel und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall [Mt. 7,27]. Was sie hatten, war nicht Glaube, es waren nur Gefühle. Wir werden gut tun, zwischen beiden scharf zu unterscheiden und auf |83 unsere Gefühle nicht zu viel Gewicht zu legen, denn sie sind menschlich. Paulus hat auch nicht unsere Gefühle gemeint, wenn er sagte: … Allen denen, die glauben!

Es ist sehr viel gewonnen, liebe Freunde, wenn wir einmal deutlich einsehen, was nicht Glaube ist: nicht fromme Gewohnheit, nicht fromme Meinungen, nicht fromme Gefühle. Die böse Enttäuschung wird uns dann erspart, daß wir sagen müssen: ich glaube doch, ich bemühe mich zu glauben, aber ich sehe keine Wirkung, ich spüre nichts von Seligkeit. Und wenn wir unter den Menschen und in den Verhältnissen so Vieles wahrnehmen, was weit, weit weg ist von der verheißenen Seligkeit, dann werden wir nicht dem Evangelium die Schuld geben, wir werden sagen: es fehlt eben am rechten Glauben, man hält so Vieles für Glauben, was es gar nicht ist, sondern kraftloses und darum machtloses Menschengemächte.

Wenn wir wissen wollen, was Glaube ist, müssen wir uns vor Allem daran erinnern, was denn das Evangelium ist, an das wir glauben sollen, um selig zu werden. Wir sagten seinerzeit, das Evangelium sei nichts Anderes als die einfache Botschaft Jesu von der Liebe zu Gott und dem Nächsten, von der Buße und vom kommenden Gottesreich und dazu sein Leben und Sterben, in dem er diese Botschaft bewährt hat. Und was heißt nun glauben? Wenn der Weg Jesu unser Weg wird, wenn wir uns einstellen auf die Richtung, in der Jesus gegangen ist, wenn wir mit ihm leben wollen, unter dem bestimmenden Einfluß des guten heiligen Geistes, der von ihm ausgeht bis heute. Das Beste und Größte, was wir kennen, muß auch das Stärkste in uns werden. Das Beste und Größte, was wir kennen, ist aber sicher Jesus. Also muß er und sein Geist das Stärkste in unserer Seele und in unserem Verhalten, in unserem inneren und äußeren Leben werden. Unter seiner Macht stehen, das heißt für uns glauben. Alles Andere ist neben diesem Einen, was not tut, vollständig Nebensache. Es ist notwendig, daß wir das erkennen, denn wenn das nicht geschieht, so wird uns gar leicht durch die Nebensachen die Hauptsache verdunkelt und verhüllt. Haben wir dieses Eine, stehen wir fest auf |84 dieser Hauptsache: Jesu Weg unser Weg! dann haben wir auch die Seligkeit, darauf können wir uns verlassen.

Nun die Frage: wie kommt man zu dieser Hauptsache, zu diesem Glauben, der selig macht? Man kann da nicht einfach ein Rezept geben zur Antwort, das sagte ich früher schon einmal. Die Menschen sind eben gar mannigfaltig, und keiner kommt ganz auf dieselbe Weise dazu wie der Andere. Ich will nur einige Punkte nennen, auf die wir Achtung geben müssen, ein jedes mit der Frage: trifft das nicht vielleicht für mich zu? Erstlich entsteht der Glaube, der rechte Glaube immer da, wo man die Fähigkeit hat, aufmerksam zu sein. Ich meine: daß wir, wenn Gott an uns herankommt mit dem Evangelium auf irgend eine Weise, still und ruhig sehen und hören sollen. Sehr oft fehlt es uns daran, wir sind zu unruhig, zu geräuschvoll, es ist zuviel Hin und Her in unserer Seele, obwohl wir vielleicht nicht ferne wären vom Reich Gottes [vgl. Mk. 12,34]. Es gibt Menschen, die haben den Kopf so voll von ihren eigenen Sachen, daß Gottes Sache unmöglich daneben Platz hat. Es gibt Andere, die verderben sichs damit, daß sie, sowie Gott an sie herankommt, beginnen, viel und aufgeregt zu reden. Wenn man ihnen nur zurufen könnte: schweig jetzt einmal stille! so kann Gott ja nicht mit dir reden, wenn du ihm beständig mit deinen Meinungen und Ansichten ins Wort fällst. Wieder Andere fangen im Augenblick, wo sie gespannt auf Gottes Willen und Werk sehen sollten, an, in den Spiegel zu gucken, im Augenblick, wo Gott sie aufs Höchste interessieren sollte, interessiert ihre eigene kleine Person sie aus irgend einem Grunde noch viel mehr. Wie oft haben wir es so gemacht, wo wir dem rechten, lebendigen, seligmachenden Glauben ganz nahe waren. Dann kamen wir aber nicht dazu. Denn Glaube entsteht nur da, wo man aufmerksam sein kann. Glauben heißt auf Gott merken. Wenn wir uns doch nicht so zerstreuen würden — und ich meine jetzt damit nicht die sogenannten weltlichen Zerstreuungen, sondern die inneren Zerstreuungen, die viel gefährlicher sind, das beständige Denken an unser kleines Persönlein mit seinen Kümmern und Neigungen. |85 Auf die Seite damit, laß jetzt einmal Gott zu dir reden, dann bist du unterwegs zum Glauben!

Das zweite, worauf wir achten müssen, ist das, daß der Glaube immer nur da entsteht, wo man die Fähigkeit hat, sich zu freuen. Glaube ist Freude, freudiges Vertrauen auf Gott, freudige Hoffnung auf seine Güte, freudige Liebe zu den Mitmenschen. Warum können wir das nicht? Warum hat ein Psalmwort wie etwa das: die Freude am Herrn ist meine Stärke! [vgl. Neh. 8,10] einen so matten Widerhall in unserer Seele? Wiederum steht uns etwas im Wege, nämlich daß wir an etwas Anderem zu viel Freude haben. Ich meine nicht die Freude an der Welt, wie ihr vielleicht denkt. Nein, das wahrhafte Hindernis ist die Freude, die wir an uns selbst, die wir jedes an sich selbst haben. Wir wollen es doch ja nicht leugnen, daß wir uns ein jeder sich selbst ziemlich stark bewundern. Das zeigt sich beispielsweise darin, daß wir immer Alles am besten zu wissen meinen. Wie wunderselten sind wir zweifelhaft, fast immer stehen wir fest und patzig da mit unserer Meinung, und da können nun die Anderen daran klopfen und rütteln wie an einer verschlossenen Tür, wir wissen zum vornherein: ich weiß, wie es ist! Es zeigt sich auch daran, daß wir immer Recht behalten wollen, wir sind im Stande, [im] Dorf auf und ab zu laufen unter Umständen, nur um zuletzt triumphieren zu können: Gäll jetz,3 wer hat Recht gehabt? Das sind Zeichen davon, daß wir große Freude und Bewunderung vor uns selbst haben, — solange diese Freude in uns groß ist, können wir nicht zum Glauben kommen, denn Glaube ist Freude an Gott. Zur Freude an Gott kommen wir aber nur, wenn uns die Freude an uns selbst verleidet ist, wenn wir an uns selbst starke Zweifel bekommen haben, wenn wir nicht mehr so sicher und stattlich tun in Allem, wenn wir nicht mehr immer Recht haben. Die Freude an uns selbst steht der Freude an Gott im Wege. Auf die Seite damit, laß die Freude an Gott in dir aufkommen, sonst darfst du dich nicht wundern, wenn du von Seligkeit nichts verspürst.

86 Drittens aber kann der Glaube nur da entstehen, wo man die Fähigkeit hat, zu gehorchen. Das Evangelium stellt Forderungen an uns, es will uns in Bewegung setzen, es muß etwas geschehen. Glauben heißt sich nach Jesus richten, und da muß vielleicht Allerlei fallen, was uns bis dahin sehr lieb war: allerlei Trägheit und Torheit, allerlei Lieblosigkeit und Tyrannei. Und neue, ganz neue Dinge wollen da in dein Leben hinein: Reinheit, Opferfreudigkeit, Willigkeit zum Vergeben, Liebe zu unerträglichen Mitmenschen, nimmer ermüdende Treue. O wie Vieles sollte da hinaus, wie Vieles hinein! Wir hören, wie Gott uns mit aller Deutlichkeit sagt: ich will! und nun sollten wir antworten: ja, ich will auch, und sollten danach tun. O wie schwer ist das! Wie leicht kanns nun sein, daß auch da wieder das liebe Ich im Wege steht und ganz breit sagt: ich will aber nicht! Oder vielleicht verlangt es Ausnahmen: Ich will Jesus nachfolgen, aber in dem und dem Punkt will ich es anders halten, ich muß da Rücksicht nehmen auf mein Glüst, oder auf meine Interessen, oder auf die Leute, ich will, aber ich will nicht ganz, ich will eine Auswahl treffen. O weh, wenn wir nicht gehorchen können, dann kann kein Glaube in uns entstehen. Was da entsteht, das wird immer nur etwas Scheinhaftes, Halbes sein, etwas, das uns allerdings den Segen des Evangeliums nicht in unser Leben bringen wird. Fehlt es vielleicht da, lieber Freund, wenn du dich beklagst: ich merke nichts von Seligkeit, fehlts da, daß du auf das große «Ich will» Gottes im Evangelium mit deinem kleinen «Ich will nicht» oder «Ich will nur halb» antwortest? Sieh, dann kommen wir auch hier auf das Gleiche: dein Ich steht dir im Wege, darum kannst du nicht glauben. Und weil du nicht glauben kannst, spürst du die Seligkeit nicht, die Gott durch das Evangelium auch dir schenken will. Räum das Ich aus dem Wege! Sag zu dir selber: ich will jetzt gehorsam werden, ich will jetzt Gott über Alles stellen, und wenns mir noch so bitter wäre, und was gilts, dann wirst du bald nicht mehr darüber zu klagen haben, daß das Evangelium dich enttäusche.

Wenn wir einmal damit angefangen haben, besser, reiner, höher |87 zu glauben, dann bekommen wir ganz andere Lebensansichten. Wir lernen uns selber kennen. Wir geben den Hochmut auf und merken: Gott muß mich noch erziehen, und ich darf mich gar nicht wundern, wenn ich noch weit weg bin von einer vollkommenen fertigen Seligkeit, wenn ich noch durch allerlei Tiefen und Untiefen hindurchgehen muß. Aber mit dem Hochmut können wir dann auch die Verzweiflung aufgeben, jenen Gedanken: es ist doch Alles nichts und wird nichts! Nein, denken wir: Gott erzieht mich jetzt, und es wird schon besser werden, wenn ich [mich] nur erziehen lasse. Das heißt Glaube: wenn man in Gottes Schule geht, nicht als ein unwilliger, sondern als ein williger Schüler. Da sieht man dann auch die Anderen anders an: da hört jenes Klagen und Schimpfen über «die Leute» auf, wir sehen wohl, wieviel ihnen allen mangelt zur Vollkommenheit, aber wir denken: gerade wie uns auch! Wir nehmen an: die werden nun auch von Gott aufgenommen. An ihm fehlts sicher nicht. Das Evangelium ist stark genug. Wenn es nur angenommen wird. Und so sehen wir in die Welt hinaus, in der so viel Törichtes und Gottwidriges sich breitmachen darf. Das beweist uns nun nicht mehr wie vorher: seht da, es hilft doch Alles nichts, es beweist uns nur, wie unerzogen die Menschheit noch ist, auf einer wie tiefen Stufe wir zur Zeit noch stehen. Aber daß es höhere Stufen gibt und daß die Menschheit sie ersteigen kann und wird, das glauben wir getrosten Mutes, so sehr wir selbst uns auf der Reise fühlen aus der Tiefe in die Höhe. Lassen wir das Evangelium wirken, lassen wir den starken Glaubensgehorsam in uns, unter uns triumphieren, dann wird all jenes Törichte und Gottwidrige sich nicht mehr lange breitmachen dürfen. Und dräut der Winter noch so sehr …4

Glauben wir, so haben wir! Glauben wir dem Evangelium, so haben wir Alles, was es uns verheißt. Wo der Glaube ist, da sinken |88 die Zweifel und Einwände in sich selbst zusammen, haben keinen Halt noch Boden. Paulus hat diesen Glauben gehabt, darum schrieb er so zuversichtlich: ich schäme mich des Evangeliums nicht, schrieb von der Gotteskraft zur Seligkeit, als ob es nicht anders sein könne. Es kann nicht anders sein, wo der Glaube ist. Wir wollen Abschied nehmen von seinem Wort. Auch wir haben uns des Evangeliums nicht zu schämen. Aber unseres Glaubens sehr oft und sehr stark. Man merkt so wenig von Seligkeit unter uns. Wollen wir nicht, daß es anders werde, daß wir eine Gemeinde von lebendigen, in Gott lebendigen Menschen werden? — Dann wollen wir darum bitten wie jener Mann darum gebeten hat:

Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben [Mk. 9,24]!

Amen.

Sachfußnoten

1
1862–1912. ↩
2
Vgl. Predigt 204 vom 1. Februar 1914, Anm. 1, S. 48. ↩
3
Etwa: Siehst du wohl!↩
4
Anfang des Frühlingsgedichtes Hoffnung von Emanuel Geibel (1815/1894) 📖:
Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muß doch Frühling werden.
↩