Vorwort · 1974

Vorwort

VII

VORWORT

Zehn Jahre (1911–1921) hat Karl Barth fast jeden Sonntag in dem Aargauer Arbeiterdorf Safenwil gepredigt. Bis Mai 1918 hat er seine Predigten Wort für Wort ausgearbeitet, sie aber dann sonntags frei1 und straffer2 gehalten. Später hat er sich teilweise mit Stichworten begnügt. Die von Barth durchgeführte fortlaufende Numerierung der Manuskripte beginnt mit einer Predigt für das homiletische Seminar in Bern im Sommersemester 1907 und endet mit Nr. 573 vom 14. August 1921, auf die nach einer kleinen Lücke noch einmal vier Stichwortkonzepte vom September und Oktober 1921 folgen. Das Jahr 1914 umfaßt die Predigten 200–253. Aufgenommen wurde in diesen Band an entsprechender Stelle die in «Neue Wege, Blätter für religiöse Arbeit», Basel, VIII, 1914, S. 304–313, veröffentlichte Predigt Landesausstellung 📖 (die erste Predigt, die Barth drucken ließ). Sie stellt eine stark veränderte Fassung der Predigt 224 vom 7. Juni 1914 dar. Am Schluß des Bandes wurde die einzige aus diesem Jahr erhaltene Kasualrede abgedruckt, eine Grabrede zu einem Suicid, vermutlich wegen Alkoholabusus. Während Barth ab Mitte 1915 zwischen deutscher und lateinischer Handschrift wechselt, sind 1914 noch alle Predigten in einer höchst eigenwilligen deutschen Handschrift geschrieben, die schon seinem Freund Eduard Thurneysen große Schwierigkeiten machte.3 Das Schriftbild ist überaus einheitlich, Durchstreichungen und Korrekturen finden sich nur sehr selten.

Die Publikation der Predigten im Rahmen der Gesamtausgabe |VIII beginnt mit dem Jahrgang 1914 — in der Erwartung, daß er die von Barth wiederholt bezeichnete Erschütterung und Neuorientierung seiner Theologie durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges deutlich mache und damit auch den Ursprung und die Einheit seiner theologischen und politischen Existenz.

Während im ersten Halbjahr noch seine vom Studium in Deutschland geprägte kulturprotestantische Theologie mit seinem schweizerischen religiös-sozialen Engagement eine Synthese bildet, setzt mit Kriegsausbruch eine vehemente Abrechnung mit Theologie und Kirche, mit Humanismus und Sozialismus ein. Die neue Zuwendung zur Theologie, die er im Juni 1916 zusammen mit seinem Freund Eduard Thurneysen vollzieht, hat hier ihren Ursprung, zugleich dürfte aber auch durch die jetzt gewonnene Distanz zum Sozialismus der Weg frei geworden sein zu seinem Eintritt in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz im Frühjahr 1915.

Bei der Wiedergabe des Textes wurde nach den Richtlinien für die Gesamtausgabe verfahren: die wenigen unvollständigen Sätze wurden durch Einfügung fehlender Wörter in eckigen Klammern ergänzt, zweifelhafte Lesarten mit [?] versehen, seltene grammatikalische Fehler verbessert. Die Zeichensetzung wurde unserer heutigen weitgehend angeglichen, besondere orthographische Eigentümlichkeiten beibehalten (z. B. Großschreibung von Alle, Viele, Jeder, Andere). Unterstreichungen wurden durch Kursivdruck wiedergegeben. Von den Herausgebern zu verantwortende Absätze, die um der besseren Lesbarkeit willen notwendig waren, sind durch einen senkrechten Strich gekennzeichnet:.

Manchmal, ab Predigt 244 vom 1. November 1914 regelmäßig, hat Barth die im Gottesdienst gesungenen Lieder auf dem Predigtkopf vermerkt. Sie wurden ebenso wie die Liedzitate im Predigttext nach dem in Safenwil benutzten Gesangbuch für die evangelisch-reformierte Kirche der Schweiz von 18914 📖 nachgewiesen und soweit |IX möglich auch der Fundort im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG) 📖 angegeben. Größere Abweichungen zwischen den Textfassungen beider Gesangbücher wurden vermerkt, weil das schweizerische Gesangbuch die Liedtexte häufig in einer gegenüber dem Original stark veränderten Fassung bringt. Bei den Abkürzungen haben wir uns an Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957–1965 📖, orientiert.

Viele Gesangbuchzitate hätten wir ohne die Hilfe von Pfr. Dr. Markus Jenny, Zürich, nicht aufgefunden. Frau Heide Bieler und Frau Dagmar van Borght haben die Korrekturen mitgelesen. Pfr. Dr. Hinrich Stoevesandt im Karl-Barth-Archiv, Basel, hat seinen Spürsinn, seine unermüdliche Geduld und Akribie in diesen Band investiert und uns in jedem Stadium der Arbeit durch seine tatkräftige Mitarbeit ermutigt und geholfen. Ganz besonderer Dank gilt Frau Nelly Barth, die uns durch ihre Entzifferung und Transskription der Predigten des Jahres 1913 den Weg gebahnt hat.

Ursula und Jochen Fähler

Sachfußnoten

1
So E. Thurneysen, Die Anfänge, in: Antwort. Karl Barth zum 70. Geburtstag. Zürich 1956, S. 831 📖.↩
2
Nach Auskunft von Frau Nelly Barth.↩
3
K. Barth / E. Thurneysen, Briefwechsel Band 1, Zürich 1973, S. 68. 📖↩
4
Die Liednummern ohne weitere Angaben in den Anmerkungen beziehen sich auf dieses Gesangbuch.↩