Predigt: Psalm 31,15-16 (Neujahr)
So haben wir wiederum ein altes Jahr beiseite gelegt und ein neues begonnen. Man
könnte sagen: Jahresende und -anfang haben nichts Wichtiges auf sich. Sie sind eine
zufällige menschliche Einrichtung ohne einen tieferen Sinn. In
Es gibt Menschen, die antworten auf diese Frage: wir sind in den Händen einer Schicksalsmacht. Man könnte auch sagen: in den Händen des Zufalls, es kommt auf dasselbe heraus. Sie meinen damit: eine unwiderstehliche, aber blinde Gewalt regiert über uns, lenkt uns so und so, rechts herum und links herum, legt uns jetzt ein Glück in den Weg und jetzt ein Unglück, wirft uns jetzt zu Boden und stellt uns jetzt wieder auf, läßt uns jetzt sündigen und jetzt Gutes tun — wir haben nichts dazu zu tun, wir führen nur aus, was das Schicksal über uns verfügt hat. Was mir das vergangene Jahr gebracht hat? nun, eben was es mußte, es kam so Eines nach dem Anderen, und man mußte es eben annehmen. Was mir das künftige Jahr bringen wird? wiederum was es muß, es wird sich eben wieder Eins nach dem Anderen einstellen, Angenehmes und Unangenehmes, und man muß es sich gefallen lassen. Nach was ich mich richten soll in Zukunft? Das kann ich jetzt noch nicht sagen, ich werde es eben von Schritt zu Schritt machen, wie sichs mir schickt, auch Gut und Böse ist ja ein Zufall, ein Schicksal, ist Natur, da gibts nichts zu wollen! Schicksal ist das Leben, Schicksal das Sterben, Schicksal mein eigenes Ergehen und Schicksal das meiner Mitmenschen. Nur sich über nichts aufregen! Wer gelassen seinen Weg geht und sich über nichts verwundert, der kommt am besten weg. So empfinden viele Menschen, wenn sie über das Vergehen der Zeit und ihrer Lebenszeit nachsinnen.
Was soll man dazu sagen? Es tönt so weise und lebenserfahren, daß man fast nicht dagegen aufkommt. Besonders wohl viele Männer des praktischen Lebens, die für gewöhnlich nicht aus sich herausgehen, würden, wenn sie einmal über diese Dinge reden würden, ungefähr so reden. Aber wahr ist das darum doch nicht, und das wissen auch die, die so denken und reden, ganz genau. Wir werden nicht auskommen mit diesen Gedanken. Wir alle tun täglich Hunderterlei, was dazu nicht paßt: wir denken nach, wir entscheiden uns so oder so, wir handeln, wir wählen nicht nur zwi|6schen dem, was sich uns schickt, sondern auch zwischen dem, was unser Gewissen zuläßt oder nicht, auch der verdorbenste, stumpfste Mensch tut das zuweilen. Das alles sind Tatsachen, die nicht zu jenem Schicksals- oder Zufallsglauben passen, Tatsachen, aus denen wir sehen können: wir glauben selber heimlich noch an etwas Anderes. Wir müssen der Frage gründlich nachgehen: wer hat die Macht über uns?
Andere sagen: nicht vom Schicksal hängen wir ab, aber von den Menschen um uns her. Ein jeder ist das geworden, was er in seiner Umgebung werden mußte. Dem Einen hat man geholfen, und darum geht es ihm gut. Dem Anderen sind Alle zuwider gewesen, und darum hat er nicht emporkommen können. Der Eine ist bei rechtschaffenen Leuten aufgewachsen, und darum ist aus ihm selber etwas geworden. Der Andere hat immer schlechte Beispiele vor Augen gehabt, und darum ist er selber auf schlechte Wege gekommen. Der Eine hat Liebe und Freundlichkeit erfahren, und darum ist er selber bereit, solche zu erweisen und zu erwidern. Der Andere ist gehaßt und verstoßen worden, und darum ist er jetzt auch wieder ein Hasser und Streiter geworden. Niemand kann hinaus über das, was man aus einem gemacht hat. Und darum wird auch in der Zukunft ein jeder das sein, was man aus ihm machen wird. Wie wird es mir gehen im neuen Jahr? Nun, wie die Leute es wollen, wie meine Freunde und Feinde es mit mir meinen, ich kann es noch nicht sagen, es hängt von den Menschen ab. Wie werde ich mich verhalten im neuen Jahr? Nun, ich werde mich im Guten und im Bösen anpassen an das, was ich um mich her wahrnehme, an das, was am wenigsten Anstoß erregt und am meisten paßt bei denen, von denen ich abhängig bin. Ich lasse es drauf ankommen!
Ich brauche kaum viel zu sagen zu dieser Lebensansicht. Wir spüren alle das Schwachmütige, das Unrichtige daran.4 So ein Rohr im Winde bin ich nicht, denken wir, oder doch: ich will das nicht sein. Wir sehen dann doch oft genug das Gegenteil von dieser An|7sicht: wie Menschen trotz Haß und Feindschaft emporkommen und etwas leisten, wie Menschen in schlimmster Umgebung doch zu rechten Leuten werden und solche bleiben, wie Menschen Neid und Mißgunst mit Liebe und Barmherzigkeit vergelten. Das alles kommt doch vor. Und besonders oft bekanntermaßen auch das Umgekehrte: daß alle Teilnahme, alles gute Beispiel, alle Liebe, die ein Mensch in seiner Umgebung erfährt, ihm nicht helfen können. Das sind Tatsachen, die uns auch diese Ansicht abweisen lassen: Menschen mögen manchmal großen Einfluß auf uns haben, aber sie machen unser Leben nicht, nicht einmal unser äußeres, geschweige denn unser inneres. Wir müssen eine bessere Auskunft haben über die Frage: von wem sind wir abhängig? auf wen kommt es an in unserem Leben?
Da kommen Andere, sehr sicher und fröhlich und zuversichtlich treten sie auf, und die sagen: auf mich selber kommt es an. Ich selber schaffe mir mein Leben. Ich selber sitze am Steuerruder und wende die Segel, jetzt nehme ich von dieser, jetzt von jener Seite Wind auf, und so fahre ich stolz und flott dahin, und es geht sehr gut. Man muß nur vor nichts Angst haben, man muß nur Alles probieren, sich nichts verdrießen und ärgern lassen, mit allen Leuten auszukommen und mit den Ellenbogen durch die Feindseligen hindurchzukommen suchen, dann kommts gut. Aus eigener Kraft ist jeder das geworden, was er ist, selber Schuld ist er, wenn es ihm nicht gelungen ist. Auch im Guten und im Bösen ist jeder Mensch sein eigenes Werk. Wer gut sein will, der kanns und tuts. Und unser Verhältnis zu den Mitmenschen ist unser eigenes Werk: wir brauchen bloß zu wollen, so stehen wir auf dem rechten Fuß mit Allen. Und so mußt dus nun halten auch in der Zukunft! lautet der Neujahrsrat von dieser Seite. Was man will, das kann man, die Zukunft ist das, was du aus ihr machen wirst. Das klingt nun wiederum gar klug und einleuchtend und annehmbar. Es ist eine Melodie, die man besonders heutzutage sehr oft hören kann. Und wer wird bezweifeln, daß sehr viel Richtiges und Schönes daran ist, und daß es Fälle gibt, wo man den Leuten am besten etwa in solchen Tönen zuspricht? Vielleicht sind auch solche unter |8 uns, die es am nötigsten hätten, daß man ihnen zum neuen Jahr etwas mehr Selbstvertrauen und Wagemut wünschen würde.
Aber der Weisheit letzter Schluß ist diese amerikanische Lebensklugheit darum doch nicht. Sie ist gut für den Anfang, da muß man es oder müssen es doch sehr Viele in der Tat einmal probieren mit dem Grundsatz: Selbst ist der Mann! Vorwärts aus eigener Kraft und auf eigene Faust! weil sie sonst gar nie dazu kämen, mit dem Leben Ernst zu machen. Wahrscheinlich haben die Meisten von uns auch einmal eine solche Periode durchgemacht. Nachher wird man reifer. Und das Reifwerden muß sich gerade in dieser Hinsicht zeigen. Die Meisten von uns, die wir hier sind, werden wohl schon so weit gekommen sein auf irgend eine Weise, daß sie einsehen: ich wäre oft bös dran gewesen im vergangenen Jahr, und ich würde oft böse dran sein im zukünftigen, wenn ich angewiesen wäre auf mich selbst, auf mein eigenes Glück, meine eigene Gescheitheit, meinen eigenen guten Willen. Reif werden heißt: seiner Schranken sich bewußt werden. Wir lernen Fügungen und Verhältnisse kennen, wo die trotzige Losung: aus eigener Kraft! einfach versagt. Was soll sie am Bett eines Lungenkranken? Was soll der damit anfangen? Was soll sie gegenüber Übelständen, die nicht auf einem Einzelnen lasten und von ihm auch abgeschüttelt werden können, sondern die Übelstände ganzer Völker, ganzer Jahrhunderte, der ganzen Menschheit vielleicht sind! Was soll vor solchen großen offenen Wunden der Ruf: Wer wagt, gewinnt! Nur tapfer probiert! Lächerlich oberflächlich und nichtssagend kommt es einem vor! Und unsere Gescheitheit, auf die wir vertrauen und mit der wir schon durchzukommen hoffen! Merkwürdig, je reifer ein Mensch wird, je mehr er erfahren und nachgedacht hat, desto zurückhaltender wird er mit dieser Zuversicht. Oft genug hat ers merken müssen, wie unsere Gedanken so oft zwar gutgemeint und von außen betrachtet klug sind und sich dann doch als jämmerlich kurzsichtig und ungenügend erweisen. Und unser guter Wille? Vielleicht dauert es da am längsten, bis wir es verlernen, auf5 unsere eigene Kraft zu bauen. |9 Wir lassen uns lieber sagen, daß wir uns geirrt, als daß wir uns auf einem verdrehten Weg bewegt haben. Und doch gehört auch das zur Reife eines Charakters, daß wir einsehen: o ich kann lang meinen und wollen, ich kann lange Vorsätze fassen und Anläufe nehmen, ich kann mich lange wehren gegen die Versuchung und mich einsetzen für allerlei gute Absichten — es sind aber immer auch noch andere Mächte in mir, Mächte, die mich nach unten ziehen und die so stark sind, daß ich aus mir allein nicht mit ihnen fertig werde. Wenn ich schon gesiegt habe über das Böse in mir, so war es nicht meine eigene Kraft, sondern ich wurde darüber hinweggetragen, und ich weiß, es kommt auch für die Zukunft auf etwas Anderes an.
Seht, wir kommen von allen Seiten darauf: es ist noch etwas Anderes da. Weder sind wir vom Schicksal abhängig, noch von den Menschen, das schon gar nicht, aber auch wir selbst sind nicht unsere Herren und Meister. Wir stoßen überall auf Unvollkommenheiten dieser Anschauungsweisen. Ich möchte nicht mit einer von ihnen ins neue Jahr hinübergehen. Da könnte man weder ruhig in die Vergangenheit noch ruhig in die Zukunft sehen. Es ist allerlei Richtiges an ihnen, aber nur, wenn wir nun auf einen viel höheren Berg steigen und sie von da aus betrachten.
Der Psalmsänger sagt: Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: du bist mein Gott! meine Zeit stehet in deinen Händen. Das ist eine Neujahrslosung, die Stich hält. Wenn wir sie uns doch zu eigen machen wollten! Wenn wir doch merken wollten, wie wenig weit wir im Angesicht der Ewigkeit kommen mit jenen anderen Meinungen, die alle so ein eigenes Menschengeschmäcklein an sich tragen! Wenn wir doch sehen wollten, wie viel besser wir es haben können beim Evangelium als bei dem, [was] jene uns bieten! Wir wollen nicht in kleinlichen, vorläufigen, äußerlichen Wahrheiten stecken bleiben, wenn wir nach der Antwort suchen auf die Frage, die uns der Jahreswechsel stellt. Wir wollen uns nicht begnügen mit irgendeiner oberflächlichen Auskunft, so klug sie aussehen mag und so Viele ihr vielleicht zustimmen mögen. Wir wollen die tiefste Wahrheit erfassen, die Wahrheit, in der das Richtige von |10 allen jenen Meinungen enthalten und zusammengefaßt ist, und die doch jeder einzelnen unter ihnen und ihnen allen miteinander berghoch überlegen ist.
Wir wollen das Letzte zuerst nehmen. Das wundervolle Wort: Meine
Zeit stehet in deinen Händen. Da haben wir die rechte Antwort auf die
Frage, was aus uns Menschenkindern werde im Wandel der Zeiten. Gott ist über uns, und
wir stehen in Gottes Hand, so lautet die Antwort. Gott! Das ist etwas Anderes, als
wenn wir sagen: ich bins, ich habs gemacht und werde es machen! Er hat das, was uns
allen, auch den Besten und Klügsten fehlt, er ist die vollkommene
Kraft. Er fängt nicht bloß an, sondern er führt durch und vollendet. Er hat
nicht bloß einzelne Fähigkeiten und Möglichkeiten, sondern er wirkt und schafft
Alles, was geschehen muß. Er hat keine Lücken und Mängel in seinem Tun, sondern er
schafft ein Ganzes. Sein Wirken ist nicht ein allmählich erst Wachsendes, das dann
eines Tages auch seinem Ende entgegengeht, sondern er wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Was die Zeit uns gebracht hat, er hat es uns gebracht, was die
Zeiten bringen mögen, es wird sein Wille sein. Seine Kraft kennt keine Ausnahmen und
Unterbrechungen, sie ist immer und überall tätig. Sieh, wie ganz anders stehst du da,
wenn du ihm — nicht nur gehörst, das tun wir alle — sondern auch gehören willst, dich
ihm ergibst. Mit welcher Zuversicht darfst du in die Zukunft treten, wenn du ausruhst
in seiner ewigen Kraft, wenn du dich von ihm immer wieder durchdringen lässest. Sieh,
dann wirst du, was du aus eigener Kraft nicht wirst: ein Mensch, der trotzig und
ungebeugt allen Schwierigkeiten, allen Leiden, allen Feinden gegenübersteht: ist Gott
für uns, wer mag wider uns sein [
Aber Gott ist etwas Anderes als das sogenannte Schicksal. Seine ewige Kraft ist nicht eine blindspielende Naturgewalt, da heißts nicht: was kommen muß, kommt, man muß sich drein schicken. Gott ist die ewige Liebe. Die Weihnachtsbotschaft ist uns ja noch in naher Erinnerung mit all ihren Hinweisen auf Gottes gütige Absichten mit uns. Das Wort «Gott» soll uns kein fremder Klang sein, wenn wir von Weihnacht herkommen. Wohin strebt Gottes |11 ewige Kraft? Ist sie einem Zufall unterworfen, muß sie einem Naturgesetz gehorchen? Nein, sie geht ihren eigenen Weg, und was man Zufall und Natur nennt, das muß ihr dienen, sie strebt danach, mit uns Menschen eins zu werden. Wir sollen ihrer Art teilhaftig werden, Ewigkeit soll in unser zeitliches Leben hinein, Vollkommenheit in unser Stückwerk, Stärke in unsere Schwachheit. Gott ist selbstlos, er will sich selber uns schenken, er will unser Vater sein. Denkt, wie wir dastehen im Wechsel der Zeiten, wenn wir diese Liebe Gottes nicht bloß unbewußt erfahren — das geschieht freilich allen Menschen —, sondern bewußt, freudig, dankbar in uns aufnehmen, uns von ihr ziehen lassen. Spürst du nicht, daß dieser Zug des Vaters, von dem uns das Evangelium so klar redet, etwas Anderes ist als die blöde Rede vom Schicksal? Was ist Schicksal? ein rechtes künstliches Menschenbegrifflein. Aber der Vater, der uns lieb hat, das ist eine leuchtende gewisse Wahrheit, der man nicht mehr widerstreben kann, wenn man ihrer einmal sicher geworden ist.
Und dieser Gott der Kraft und der Liebe ist nun zugleich die Weisheit.
Gegensatz: Menschenweisheit — über Schwierigkeiten hinweg — einfachstes und bestes Mittel — daran sich halten, statt Menschenräten folgen — nicht nur geleitet werden — wollen, was Gott will.
Zeit in Gottes Händen: Seine Herrlichkeit muß größer werden: Kraft — Liebe — Weisheit — Was ist unser Leben? — ein Dienst dazu — Alles kann helfen — auch Leiden — jeder seinen Beitrag — das deine Aufgabe und Gabe!
Ich hoffe auf dich — Gott ist in Allem — nichts Widriges — bereit sein — auf das Licht warten — Trost — Kraft.
Du bist mein Gott — Was wir tun sollen? — ihm angehören und dienen
— Christus unser Meister — Folge der Hoffnung — Gehorsam, Vertrauen —