12. Oktober 1919

Matthäus 18,1-4

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Matthäus 18,1-4
[Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesu und sprachen: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.]

1. Das Himmelreich ist uns allen bekannt. Wir sind in ihm geboren. Die Erinnerung daran lebt in uns. Wir können es nicht vergessen. Darum schwebt uns allen bestimmt oder unbestimmt ein Bild vor von einem Leben, das wir leben müßten und sollten, ein Bild von Liebe und Wahrheit, von Pflichten und Aufgaben, ein Bild eines Weges, auf dem wir uns selbst und alle Menschen gerne möchten gehen sehen. Aber das Himmelreich selbst ist allen denen, die etwas davon erfahren haben, doch immer wieder als etwas ganz Neues erschienen. Es ist viel größer als alle Bilder, die wir uns davon machen. Es geht weit hinaus über das, was wir uns denken bei unseren kühnsten Idealen und Hoffnungen, so weit, daß es uns tatsächlich als etwas Fremdes, als etwas Neues begegnen muß. Darauf müssen wir alle gefaßt sein: es geht nicht einfach im Alten weiter, sondern es fängt etwas für uns ganz Neues an, wenn wir ins Himmelreich kommen und das Himmelreich zu uns. Umkehren!, hat Jesus gerufen. Umkehren vom Alten, das ihr gedacht, gehofft, gewünscht, geträumt habt, umkehren zum Neuen, das ist. Es sei denn, daß ihr euch umkehrt, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Man kann auch sagen, daß wir alle das Himmelreich suchen. Wir suchen ja scheinbar sehr verschiedene Dinge, wir Menschen. Geld und Gut die Einen, ein gutes Gewissen die Anderen, Ruhm die Einen, Kampf die Anderen, irdische Lust die Einen, himmlische Seligkeit die Anderen, Glanz und Ehre die Einen, stille Erkenntnis die Anderen. Aber das Herz ist in allen Menschen das Gleiche. Das Herz sucht immer das Himmelreich. Alles Andere sind Verwechslungen und Einseitigkeiten. Eben darum bleibt keinem Menschen, der, wenn auch vielleicht nur einmal, findet, was er eigentlich sucht, die Erfahrung erspart, daß das, was er findet, etwas ganz Anderes ist als das, was er gesucht hat. Wir |352 dürfen ja doch manchmal, wenn auch nur für einen Augenblick, ins Himmelreich hineinsehen. Und es gibt Menschen, bei denen wird das allmählich das Stärkste und Wichtigste in ihrem Leben, daß sie so von Zeit zu Zeit ins Himmelreich hineinsehen dürfen, daß ihr Leben immer mehr zu einem Finden wird dessen, was sie immer gesucht haben. Aber dieses Finden, dieses Hineinsehen ins Himmelreich, ist immer eine Überraschung, etwas zum Staunen, zum Verwundern. Das, was wir da zu sehen bekommen, ist immer etwas ganz Anderes als das, was wir zu sehen erwartet hatten. Noch nie hat ein Mensch das gefunden, was er gesucht hatte; es war immer etwas ganz Anderes. Darum müssen wir bei all unserem Suchen, Fragen, Forschen bereit sein, uns plötzlich sagen zu lassen, daß wir umkehren müssen, umkehren auch von unserem aufrichtigen, ernsten Suchen, um erst im Umkehren zu finden, was wir eigentlich gesucht.

Man kann es auch so sagen: Es liegt auf all dem, was die Menschen erstreben, ein Stücklein Glanz vom Himmelreich. Es stammen ja alle Dinge, nach denen unser Herz begehrt, ursprünglich aus dem Himmelreich, aus Gottes Hand. Freilich mit dem Unterschied, daß viele von diesen Dingen durch uns Menschen schlimmer verdorben worden sind als die anderen. Aber es kann, mit Unterschied, etwas vom Himmelreich auch im Wohlstand sein und im Lebensgenuß, im Ehe- und Familienglück, in der Bildung, in der irdischen Rechtschaffenheit, im menschlichen Fortschritt, in dem, was zu erreichen ist in der Besserung der Verhältnisse der Klassen und Völker [?]. Nur müssen wir uns klar sein darüber, daß das Himmelreich dann immer noch etwas für sich ist, etwas abseits und jenseits von allen noch so hohen und schönen Zwecken, Zielen und Möglichkeiten, die wir erstreben und erreichen können. Das Himmelreich leuchtet zwar über allen unseren vielverschlungenen Wegen, hier stärker, dort schwächer, es leuchtet als große Vergebung und Hoffnung auch dort, wo wir es kaum denken, und wir dürfen uns freuen, wenn wir etwas von diesem Leuchten auch auf unseren Wegen und Weglein wahrnehmen dürfen. Aber es selbst, das leuchtende Licht, ist dann immer noch etwas Eigenes und nicht das, was wir meinen, wollen und machen, und wenn wir es noch so gut meinten. Wenn dieses Licht uns leuchten kann, so geschieht es gerade darum, weil es hoch über unserem Weg steht wie die Sonne über allen Erdenwegen. Das müssen wir wissen. Wir hätten kein Licht, wenn das |353 Himmelreich nicht etwas so ganz Eigenes, Jenseitiges, Überlegenes wäre. Und wenn wir Licht haben wollen auf unseren Wegen, müssen wir umkehren, umkehren zu dem, was weit hinauslangt über Alles, was wir uns denken und vornehmen können. Es sei denn, daß ihr euch [umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen].

Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie. Das ist das Neue, das ganz Andere, das Jenseitige des Himmelreichs.

2. Werdet wie die Kinder! Das ist das Umkehren, das nötig ist, damit wir ins Himmelreich kommen können. Nicht: Werdet Kinder! hat Jesus gesagt, sondern: Werdet wie die Kinder! Die Kinder sind ein Gleichnis. Wir sollen das Gleichnis verstehen, die Kinder verstehen und dann tun, was die Erfüllung des Gleichnisses ist.

Kinder stehen am Anfang des Lebens. Unsere Fragen bestehen für sie noch nicht. Unser Sehnen, Suchen, Streben und Kämpfen, unsere Sorgen und Hoffnungen sind ihnen noch fremd. Oder vielmehr: das alles ist in ihnen noch ganz rein, noch unentfaltet und unverbraucht, noch verschlossen in der bloßen Lebenskraft oder Lebensfreudigkeit, wie die kräftige Pflanze in der Lebenskraft des Keims enthalten ist. Es ist alles noch Möglichkeit, Erwartung, Hoffnung, Zukunft. Alles, Alles kann noch werden. 1-Bei uns älteren Menschen kann Vieles nicht mehr werden. Für uns alle, die wir hier sind, ist es nun für Vieles schon zu spät, ist nun Vieles unrein, das nicht mehr rein werden wird, wir haben uns alle schon mehr oder weniger verrannt und festgenagelt. Das gehört zum Schwersten an der Unvollkommenheit und Gebundenheit unseres jetzigen Daseins, daß wir in so Vielem nicht zurück können.-1 Die Kinder könnten es auch nicht. Sie sind darin nicht besser dran als wir. Aber sie brauchen es auch nicht. Sie können noch vorwärts. Das ist das goldene Vorrecht der Jugend. Aus der Jugend, von denen her, die noch nicht gelebt haben, die erst leben wollen, strömt der Menschheit fortwährend Geist und Kraft zu. Das ist das Gleichnis. Die Erfüllung kann nicht darin bestehen, daß wir auch wieder kindlich oder kindisch werden, das wäre ja nur noch einmal das Gleichnis. Die Erfüllung besteht darin, daß wir auch wieder auf den |354 Anfang des Lebens zurückgehen, dorthin, wo Lebenskraft ist, dorthin, wo Alles noch unverbraucht und rein, möglich und hoffnungsvoll ist. In vielen äußerlichen und innerlichen Dingen können wir das nicht und wollen uns darüber nicht zu sehr bedauern. In der Hauptsache können wir es. Wir können aufrichtig werden gegen uns selbst. Wir können es lernen, uns selbst zu verstehen. Wir können uns fragen, was wir eigentlich denken bei dem Vielen, das uns durch den Kopf geht. Wir können uns fragen, was wir eigentlich wollen bei all dem, was wir so eifrig wollen. Wir können uns fragen, was denn eigentlich die Begierde unserer Begierden, die Hoffnung unserer Hoffnungen, die Sorge unserer Sorgen, das Herz unseres Herzens, das Leben unseres Lebens ist. Und da werden wir entdecken, daß wir alle ohne Ausnahme einen Anfang, einen Ursprung, einen Lebenskeim, eine Jugend in uns tragen, die viel besser und schöner ist als das, was nachher herauskommt. |

O wenn wir es einmal lernen würden, uns selbst an die Wurzel [zu] gehen. Das heißt nicht über uns selbst studieren2, uns selbst, unseren Charakter, unsere Fehler und Tugenden und was dazugehört beobachten und darüber grübeln. Das sind wahre Teufelskünste, die wir ja nicht betreiben wollen, und wenn sie in noch so vielen religiösen Büchern beschrieben wären. Das, worüber man noch studieren kann, ist ja nicht die Wurzel, nicht der Anfang in uns. Die Wurzel in uns ist gerade das, worüber man nicht mehr studieren kann, das Lebendige, vor dem man nur noch staunen und anbeten kann. Unsere Wurzel ist in Gott. Unser aller Anfang ist in Gott. O warum sind wir so harthörig [?], daß wir das nicht vernehmen können? Du bist nicht das, was du denkst. Nicht das, was du willst. Nicht das, was du aus dir gemacht hast. Hinter deiner kleinlichen, engen Liebe zu deinem Nächsten steckt verborgen die große, milde Liebe Gottes. Hinter deiner steifen, stolzen Gerechtigkeit die große, lebendige Gottesgerechtigkeit. Hinter deiner eingebildeten Klugheit die große, lächelnde Weisheit Gottes. Hinter deinem blinden Eifer der große, ewige Krieg, den Gott führt. Hinter deiner ein wenig unwahren Frömmigkeit die große, wahre Sehnsucht, die Gott gerade nach uns armen Menschen hat. Ja, das sind freilich lauter böse, harte Schalen, die sich da um das Leben|355dige in uns gelegt haben. Das ist das Alte, das über uns gekommen ist. Aber nicht wahr, das wissen wir doch: Diese Schalen sind ja nicht wir selbst. Wir spüren es alle, daß man uns Unrecht tut, wenn man uns nach diesen Schalen beurteilt. Aber wir sollten uns vor Allem nicht selbst immer wieder Unrecht tun. Das Lebendige ist ja noch in uns, immer wieder in uns, wir können wieder damit anfangen, wir können es wieder zu Ehren kommen lassen, nachdem wir ihm so lange Unehre gemacht haben. O warum fangen wir nicht einmal an, dem Ehre zu machen, was wir eigentlich sind, zu wachsen aus unserer Wurzel in Gott? Seht, es ist ja Torheit und Lüge, von sich selber oder von Anderen zu verlangen, daß wir auf einmal ganz andere Menschen ohne Fehler und mit allen möglichen Tugenden werden sollten. Aber das sollten wir nicht aufhören, von uns selbst und voneinander zu verlangen, daß wir aufrichtig werden und uns selber erkennen und uns dann zu dem bekennen, was wir sind, und nicht mehr zu dem, was wir nicht sind. Laß doch wachsen, was wachsen will in dir. Laß doch hervortreten, was noch hinter dir, gerade hinter dir steckt. Seht, es ist doch zu merkwürdig, wie wir hier beieinander sind, und es ist nicht wahr, wenn jetzt jemand sagen wollte: ein Haufen verlorener Sünder ist da beieinander. Nein, in Christus ist das nicht mehr wahr. Sondern ganz viel Liebe und Güte und Heldenmut und Ernst und Freudigkeit ist da beieinander, in jedem in ganz besonderer Weise. Aber das alles ist leider in uns verschlossen und verkapselt. Das alles ist überall nur im Innersten vorhanden, während sich außen überall eine rauhe, schmutzige Kruste gebildet hat. Und nun können wir nur an diese Kruste denken, an all das Ungute, das wir mit uns schleppen, wir und die Anderen. Und so sind wir gewurzelt in Gott und doch nicht lebend in Gott, lebendig und doch tot, erlöst und doch unerlöst. Warum doch nur? Warum machen wir nicht Ernst mit dem, was doch allein Ernst ist in uns?|

Man wolle doch nicht sagen, daß wir nicht mehr können, weil wir bereits zu alt, bereits zu weit sind auf unseren eingeschlagenen Wegen. Ja, jung werden an Leib und Seele können wir freilich nicht mehr. Aber der Mensch ist nicht nur Leib und Seele, er ist auch Geist. Der Geist lebt nicht in der Zeit, sondern in der Ewigkeit. Der Geist bist nicht du, der Mensch, der Geist ist dein Anteil an Gott. Du kannst alt werden, Gott ist weder alt noch jung und der Geist in dir auch nicht. |356 Deine Frische, deine Spannkraft, deine Energie mögen abnehmen wie die Kräfte deines Leibes, aber die Möglichkeit, mit deinem Anfang in Gott neu anzufangen, kann dir nicht genommen werden. Wie auch der Psalmsänger sagt: Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, meines Herzens Trost und mein Teil [Ps. 73,26]! Seht, das ist die Natur, das Lebendige in uns, darin ist die Erfüllung viel, viel größer als das Gleichnis, daß der göttliche Lebenskeim in uns immer da ist, immer bereit, immer nur [?] wartend in uns. Es braucht keine Vorbereitung, keine Erziehung, keine Entwicklung dazu, um endlich und zuletzt da anzulangen, daß wir Gott erkennen. Gott ist immer für uns zu haben, auf welcher Stufe wir uns auch befinden mögen. Gott ist gegenwärtig.3 In ihm leben, weben und sind wir [Act. 17,28]. Wir mögen für alles Mögliche, was wir nicht können, berechtigte Ausreden haben. Aber wir wollen uns doch nicht vor Gott verbergen wie Adam im Paradies mit Entschuldigungen [Gen. 3,10], als ob wir nicht so, wie wir sind, nackt und bloß meinetwegen, gerade in dem Zustand, in dem wir eben sind, vor Gott treten dürften. Wir können es, wir können auf unseren Anfang zurückgehen, wenn wir nur das Lebendige in uns erkennen und lebendig sein lassen. |

Dann erfüllt sich das Gleichnis. Dann werden wir wie die Kinder. Dann ist Alles, was uns jetzt bewegt an Gedanken, Wünschen und Sorgen, wieder eingeschlossen in Lebenskraft. Dann werden unsere Lippen und unsere Hände wieder rein, und wenn noch soviel Unreines daran wäre. Dann können wir wieder vorwärts, obwohl wir nicht mehr zurück können. Dann geht auch von uns wieder Geist und Kraft aus. Und wie hat die Welt das nötig, daß es im Verborgenen und in der Öffentlichkeit wieder Menschen gibt, von denen Geist und Kraft ausgeht. Die Welt ist alt geworden. Ich las diese Woche eine erschütternde Schrift eines deutschen Denkers über die Alterserscheinungen der heutigen europäischen Menschheit; sie hat sich verrannt und festgenagelt und kann weder vorwärts noch rückwärts. Das weist auf einen langen, bösen Krankheitsprozeß hin und schließlich auf einen bitteren Untergang.4 Viele denken heute so wie dieser Mann und nicht die |357 Schlechtesten. Die Welt hat Jugend nötig, nicht junge Streber, junge Schreier, junge Krakeelmacher, aber junge Geister, Geister, die wieder eingekehrt sind und ganz neu einkehren wollen bei dem ewigen Gesundbrunnen, der in uns selbst fließt, weil in Christus eine neue, in Gott gewurzelte und gegründete Menschheit ihren Anfang genommen hat auch für uns [vgl. 2.Kor. 5,17]. Gebe Gott, daß wir nicht verzweifeln, sondern hoffen dürfen. Und Gott gibt uns Hoffnung, wenn wir wieder dort ansetzen, wo Hoffnung ist, wenn wir umkehren und werden wie die Kinder.

3. Wie seltsam erscheint uns nun die Frage der Jünger Jesu: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Das ist ja eben keine Frage mehr, wenn wir werden wie die Kinder. Die Antwort streicht die Frage durch. Wir müssen sie durchgestrichen sein lassen. So kann ja nur fragen, wer das Neue, das ganz Andere, das Jenseitige des Himmelreichs noch nicht begriffen hat. Wir aber haben es begriffen. So wahr unsere Kinder vor uns stehen und uns zum Gleichnis werden mit ihrer heilen Lebenskraft und Lebensfreudigkeit, zum Vorwurf, zur Anklage, zur Frage, zur Warnung und Verheißung, wir haben es begriffen. Wir haben es begriffen, daß es sich nicht darum handeln kann: Wer hat am meisten recht? Wer ist der Gescheiteste, der Frömmste, der Erfolgreichste? Wer bringt es am weitesten auf den verschiedenen hohen und niederen Menschenwegen, auf denen wir laufen? Sind die Gott am wohlgefälligsten, die in der Stille leben oder die in der Öffentlichkeit arbeiten?, die Treue im Kleinen üben oder die aufs Große Ganze sehen? Sollen wir kirchlich sein oder unkirchlich, Sozialisten oder Bürgerliche, katholisch oder reformiert? Sollen wir das Heil von Moskau erwarten oder von Paris? Wer kann triumphieren? Wer kann sich hinstellen und sagen: so wie ich sollten es aber Alle halten? Das alles sind keine Fragen. Wir könnten auch sagen: es sind Fragen, die wir, solange wir nicht werden wollen wie die Kinder, gewöhnlich unrichtig, und wenn wir das werden wollen, sicher richtig beantworten. Es sind aber keine entscheidenden, keine brennenden Fragen. Brennend ist nur die Frage, ob wir das Himmelreich begreifen und das Umkehren. Wer darin am weitesten kommt, wer das am besten begreift, wer sich am völligsten umkehrt, wer sich selbst erniedrigt wie das Kind, der mag dann der Größte sein im Himmelreich, der mag |358 dann recht haben auf seinem Weg, der mag dann triumphieren. Aber nicht wahr, je weiter man dann kommt, desto besser begreift man ja, daß es sich da überhaupt nicht ums Rechthaben und Triumphieren, um einen Wettlauf, um eine Konkurrenz, ums Vergleichen handeln kann. Wenn wir ins Himmelreich hineinkommen, so kann uns ja immer nur Gott selbst groß sein, die Vergebung, mit der er uns trägt, die Kraft, mit der er uns bewegt, das Licht, in dessen Strahlen wir sicher [?] ein wenig hell werden dürfen. Wer vor Gott steht, geht entschlossen und tapfer seinen Weg, aber er fragt nicht und vergleicht sich nicht und will nicht recht haben. Er glaubt nicht an den Weg und er glaubt nicht an die Stationen, er glaubt aber an seinen guten Anfang und an sein gutes Ziel, und er glaubt an die große Aufforderung und Verheißung: Vorwärts! Die Krone des Lebens aber wird sich der Getreue nicht nehmen wollen. Sie wird ihm gegeben von dem, der sie allein geben kann [vgl. Apk. 2,10].

Lieder:
  • Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold, Strophen 1.2.5 (GERS [1952] 306,1.2.5; EG 388,1.2.-) 🎵
  • Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit», Psalm 36, Zürich 1886 nach älteren Übertragungen, Strophen 1.3 (RG [1998] 27,1.3) 🎵

Sachfußnoten

-1
Der Passus ist von Barth in eckige Klammern gesetzt.↩
2
= nachdenken.↩
3
Lied 174 von G. Tersteegen (RG [1998] 162; EG 165) 🎵.↩
4
Eugen Rosenstock[-­Huessy], Der Selbstmord Europas, in: Hochland, Jg.16, Bd.2 (April-Sept. 1919), S. 529-553 📖. Dazu Barth: «etwas Gutes, Steiles zum Lesen» (Bw. Th. I, S.  348f. 📖).↩