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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 18,1-4</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 18,1-4, 12. Oktober 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39043 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 358.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 18,1-4</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">358</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 18,1-4, 12. Oktober 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1927">KBA 1470</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-10-12">12. Oktober 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <head><idno>488</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-10-12">12. Oktober 1919</date>
          </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.1 Mt.18.4">Matthäus 18,1-4</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesu und
                  sprachen: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und
                  stellte das mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß
                  ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich
                  kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im
                  Himmelreich.]
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> Das Himmelreich <hi rend="italic">ist uns allen bekannt.</hi>
            Wir sind in ihm geboren. Die Erinnerung daran lebt in uns. Wir können es nicht
            vergessen. Darum schwebt uns allen bestimmt oder unbestimmt <hi rend="italic">ein
              Bild</hi> vor von einem Leben, das wir leben müßten und sollten, ein Bild von Liebe
            und Wahrheit, von Pflichten und Aufgaben, ein Bild eines Weges, auf dem wir uns selbst
            und alle Menschen gerne möchten gehen sehen. Aber das Himmelreich selbst ist allen
            denen, die etwas davon erfahren haben, doch immer wieder als <hi rend="italic">etwas
              ganz Neues</hi> erschienen. Es ist <hi rend="italic">viel größer</hi> als alle Bilder,
            die wir uns davon machen. Es geht <hi rend="italic">weit hinaus</hi> über das, was wir
            uns denken bei unseren kühnsten Idealen und Hoffnungen, so weit, daß es uns tatsächlich
            als etwas Fremdes, als etwas Neues begegnen muß. Darauf müssen wir alle gefaßt sein: es
            geht <hi rend="italic">nicht einfach im Alten weiter</hi>, sondern es fängt etwas für
            uns ganz Neues an, wenn wir ins Himmelreich kommen und das Himmelreich zu uns. <hi rend="italic">Umkehren!</hi>, hat Jesus gerufen. Umkehren vom Alten, das ihr gedacht,
            gehofft, gewünscht, geträumt habt, umkehren zum Neuen, das ist. <hi rend="italic">Es sei
              denn</hi>, daß ihr euch umkehrt, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.</p>
          <p>Man kann auch sagen, daß <hi rend="italic">wir alle das Himmelreich suchen.</hi> Wir
            suchen ja scheinbar sehr <hi rend="italic">verschiedene</hi> Dinge, wir Menschen. Geld
            und Gut die Einen, ein gutes Gewissen die Anderen, Ruhm die Einen, Kampf die Anderen,
            irdische Lust die Einen, himmlische Seligkeit die Anderen, Glanz und Ehre die Einen,
            stille Erkenntnis die Anderen. Aber <hi rend="italic">das Herz</hi> ist in allen
            Menschen das Gleiche. Das Herz sucht immer das Himmelreich. <hi rend="italic">Alles
              Andere</hi> sind Verwechslungen und Einseitigkeiten. Eben darum bleibt keinem
            Menschen, der, wenn auch vielleicht nur einmal, findet, was er eigentlich sucht, die
            Erfahrung erspart, daß das, was er findet, <hi rend="italic">etwas ganz Anderes</hi> ist
            als das, was er gesucht hat. Wir <pb ed="pga" xml:id="p352"/> dürfen ja doch <hi rend="italic">manchmal</hi>, wenn auch nur für einen Augenblick, ins Himmelreich
            hineinsehen. Und es gibt Menschen, bei denen wird das allmählich das <hi rend="italic">Stärkste</hi> und Wichtigste in ihrem Leben, daß sie so von Zeit zu Zeit ins
            Himmelreich hineinsehen dürfen, daß ihr Leben immer mehr zu einem <hi rend="italic">Finden</hi> wird dessen, was sie immer gesucht haben. Aber dieses Finden, dieses
            Hineinsehen ins Himmelreich, ist immer eine <hi rend="italic">Überraschung</hi>, etwas
            zum Staunen, zum Verwundern. Das, was wir da <hi rend="italic">zu sehen bekommen</hi>,
            ist immer etwas ganz Anderes als das, was wir <hi rend="italic">zu sehen erwartet</hi>
            hatten. <hi rend="italic">Noch nie</hi> hat ein Mensch <hi rend="italic">das</hi> gefunden, was er gesucht hatte; es war
            immer etwas ganz Anderes. Darum müssen wir bei all unserem Suchen, Fragen, Forschen <hi rend="italic">bereit sein</hi>, uns plötzlich sagen zu lassen, daß wir <hi rend="italic">umkehren</hi> müssen, umkehren auch von unserem aufrichtigen, ernsten
            Suchen, um <hi rend="italic">erst im Umkehren</hi> zu finden, was wir eigentlich
            gesucht.</p>
          <p>Man kann es auch so sagen: Es <hi rend="italic">liegt auf all dem, was die Menschen
              erstreben, ein Stücklein Glanz</hi> vom Himmelreich. Es stammen ja alle Dinge, nach
            denen unser Herz begehrt, ursprünglich <hi rend="italic">aus dem Himmelreich</hi>, aus
            Gottes Hand. Freilich mit dem <hi rend="italic">Unterschied</hi>, daß viele von diesen
            Dingen durch uns Menschen schlimmer verdorben worden sind als die anderen. Aber es kann,
            mit Unterschied, <hi rend="italic">etwas vom Himmelreich</hi> auch im Wohlstand sein und
            im Lebensgenuß, im Ehe- und Familienglück, in der Bildung, in der irdischen
            Rechtschaffenheit, im menschlichen Fortschritt, in dem, was zu erreichen ist in der
            Besserung der Verhältnisse der Klassen und Völker [?]. Nur müssen wir uns klar sein
            darüber, daß das Himmelreich dann immer noch <hi rend="italic">etwas für sich</hi> ist,
            etwas abseits und jenseits von allen noch so hohen und schönen Zwecken, Zielen und
            Möglichkeiten, die wir erstreben und erreichen können. Das Himmelreich <hi rend="italic">leuchtet zwar über allen</hi> unseren vielverschlungenen Wegen, hier stärker, dort
            schwächer, es leuchtet als große <hi rend="italic">Vergebung und Hoffnung</hi> auch
            dort, wo wir es kaum denken, und wir <hi rend="italic">dürfen uns freuen</hi>, wenn wir
            etwas von diesem Leuchten auch auf unseren Wegen und Weglein wahrnehmen dürfen. Aber es
            selbst, das leuchtende Licht, ist dann immer noch <hi rend="italic">etwas Eigenes</hi>
            und nicht das, was wir meinen, wollen und machen, und wenn wir es noch so gut meinten.
            Wenn dieses Licht uns leuchten kann, so geschieht es gerade darum, weil es <hi rend="italic">hoch über unserem Weg steht</hi> wie die Sonne über allen Erdenwegen.
            Das müssen wir wissen. <hi rend="italic">Wir hätten kein Licht</hi>, wenn das <pb ed="pga" xml:id="p353"/> Himmelreich nicht etwas so ganz Eigenes, Jenseitiges,
            Überlegenes wäre. Und <hi rend="italic">wenn wir Licht haben wollen</hi> auf unseren
            Wegen, müssen wir umkehren, umkehren zu dem, was <hi rend="italic">weit hinauslangt</hi>
            über Alles, was wir uns denken und vornehmen können. Es sei denn, daß ihr euch [umkehret
            und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen].</p>
          <p><hi rend="italic">Jesus rief ein Kind</hi> zu sich und stellte das mitten unter sie.
            Das ist das <hi rend="italic">Neue</hi>, das <hi rend="italic">ganz Andere</hi>, das <hi rend="italic">Jenseitige</hi> des Himmelreichs.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi>
            <hi rend="italic">Werdet wie die Kinder!</hi> Das ist <hi rend="italic">das
              Umkehren</hi>, das nötig ist, damit wir ins Himmelreich kommen können. Nicht: Werdet
            Kinder! hat Jesus gesagt, sondern: Werdet <hi rend="italic">wie die Kinder!</hi> Die
            Kinder sind ein <hi rend="italic">Gleichnis.</hi> Wir sollen das Gleichnis verstehen,
            die Kinder verstehen und dann <hi rend="italic">tun</hi>,
            <hi rend="italic">was die Erfüllung</hi> des Gleichnisses ist.</p>
          <p><hi rend="italic">Kinder stehen am Anfang</hi> des Lebens. <hi rend="italic">Unsere
              Fragen</hi> bestehen für sie noch nicht. <hi rend="italic">Unser Sehnen, Suchen,
              Streben und Kämpfen</hi>, unsere Sorgen und Hoffnungen sind ihnen noch fremd. Oder
            vielmehr: das alles ist in ihnen <hi rend="italic">noch ganz rein</hi>, noch unentfaltet
            und unverbraucht, noch <hi rend="italic">verschlossen</hi> in der bloßen Lebenskraft
            oder Lebensfreudigkeit, wie die kräftige Pflanze in der Lebenskraft des Keims enthalten
            ist. <hi rend="italic">Es ist alles noch Möglichkeit</hi>, Erwartung, Hoffnung, Zukunft.
            Alles, Alles <hi rend="italic">kann noch werden.</hi>
            <anchor type="note" xml:id="fn-1"/>Bei uns älteren Menschen kann Vieles <hi rend="italic">nicht mehr werden.</hi> Für uns alle, die wir hier sind, ist es nun für
            Vieles <hi rend="italic">schon zu spät</hi>, ist nun Vieles <hi rend="italic">unrein</hi>, das nicht mehr rein werden wird, wir haben uns alle schon mehr oder
            weniger <hi rend="italic">verrannt</hi> und festgenagelt. Das gehört zum Schwersten an
            der <hi rend="italic">Unvollkommenheit</hi> und Gebundenheit unseres jetzigen Daseins,
            daß wir in so Vielem nicht zurück können.<note xml:id="n1" n="1" target="fn-1">Der
              Passus ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in eckige Klammern gesetzt.</note>
            <hi rend="italic">Die Kinder</hi> könnten es auch nicht. Sie sind darin nicht besser
            dran als wir. Aber sie brauchen es auch nicht. Sie <hi rend="italic">können noch
              vorwärts.</hi> Das ist das goldene <hi rend="italic">Vorrecht</hi> der Jugend. <hi rend="italic">Aus der Jugend</hi>, von denen her, die noch nicht gelebt haben, die
            erst leben wollen, strömt der Menschheit fortwährend Geist und Kraft zu. Das ist das <hi rend="italic">Gleichnis.</hi> Die <hi rend="italic">Erfüllung</hi> kann nicht darin
            bestehen, daß wir auch wieder kindlich oder kindisch werden, das wäre ja nur noch einmal
            das Gleichnis. Die Erfüllung besteht darin, daß wir auch wieder <hi rend="italic">auf
              den <pb ed="pga" xml:id="p354"/> Anfang des Lebens</hi> zurückgehen, dorthin, wo <hi rend="italic">Lebenskraft</hi> ist, dorthin, wo Alles noch <hi rend="italic">unverbraucht</hi> und <hi rend="italic">rein</hi>, <hi rend="italic">möglich</hi> und
              <hi rend="italic">hoffnungsvoll</hi> ist. In vielen äußerlichen und innerlichen <hi rend="italic">Dingen</hi> können wir das nicht und wollen uns darüber nicht zu sehr
            bedauern. In der <hi rend="italic">Hauptsache</hi> können wir es. Wir können <hi rend="italic">aufrichtig werden</hi> gegen uns selbst. Wir können es lernen, uns
            selbst zu <hi rend="italic">verstehen.</hi> Wir können uns fragen, was wir eigentlich
              <hi rend="italic">denken</hi> bei dem Vielen, das uns durch den Kopf geht. Wir können
            uns fragen, was wir eigentlich <hi rend="italic">wollen</hi> bei all dem, was wir so
            eifrig wollen. Wir können uns fragen, was denn eigentlich die <hi rend="italic">Begierde</hi> unserer Begierden, die <hi rend="italic">Hoffnung</hi> unserer
            Hoffnungen, die <hi rend="italic">Sorge</hi> unserer Sorgen, das <hi rend="italic">Herz</hi> unseres Herzens, das <hi rend="italic">Leben</hi> unseres Lebens ist. Und
            da werden wir entdecken, daß wir alle ohne Ausnahme <hi rend="italic">einen Anfang</hi>,
            einen Ursprung, einen Lebenskeim, eine Jugend in uns tragen, die viel besser und schöner
            ist als das, was nachher herauskommt. |</p>
          <p>O wenn wir <hi rend="italic">es einmal lernen würden</hi>, uns selbst an <hi rend="italic">die Wurzel</hi> [zu] gehen. Das heißt nicht über <hi rend="italic">uns
              selbst studieren</hi><note xml:id="n02">= nachdenken.</note>, uns <hi rend="italic">selbst</hi>, unseren <hi rend="italic">Charakter</hi>, unsere <hi rend="italic">Fehler und Tugenden und was dazugehört beobachten und darüber grübeln.</hi> Das sind
            wahre Teufelskünste, die wir ja nicht 
            betreiben wollen, und wenn sie in noch so vielen religiösen Büchern beschrieben wären.
            Das, worüber man <hi rend="italic">noch studieren kann</hi>, ist ja nicht die Wurzel,
            nicht der Anfang in uns. Die Wurzel in uns ist gerade das, worüber man <hi rend="italic">nicht mehr studieren kann</hi>, das Lebendige, vor dem man nur noch <hi rend="italic">staunen</hi> und anbeten kann. Unsere Wurzel ist <hi rend="italic">in Gott.</hi>
            Unser aller Anfang ist <hi rend="italic">in Gott.</hi> O <hi rend="italic">warum sind
              wir so harthörig</hi> [?], daß wir das nicht vernehmen können? <hi rend="italic">Du
              bist nicht das, was du denkst.</hi> Nicht <hi rend="italic">das, was du willst.</hi>
            Nicht <hi rend="italic">das, was du aus dir gemacht hast.</hi> Hinter deiner
            kleinlichen, engen <hi rend="italic">Liebe</hi> zu deinem Nächsten steckt verborgen die
            große, milde Liebe Gottes. Hinter deiner steifen, stolzen <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi> die große, lebendige Gottesgerechtigkeit. Hinter deiner
            eingebildeten <hi rend="italic">Klugheit</hi> die große, lächelnde Weisheit Gottes.
            Hinter deinem blinden <hi rend="italic">Eifer</hi> der große, ewige Krieg, den Gott
            führt. Hinter deiner ein wenig unwahren <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi> die große,
            wahre Sehnsucht, die Gott gerade nach uns armen Menschen hat. Ja, das sind freilich
            lauter böse, harte <hi rend="italic">Schalen</hi>, die sich da um das Leben<pb ed="pga" xml:id="p355" break="no"/>dige in uns gelegt haben. Das ist <hi rend="italic">das
              Alte</hi>, das über uns gekommen ist. Aber nicht wahr, das wissen wir doch: Diese
            Schalen sind ja <hi rend="italic">nicht wir selbst.</hi> Wir spüren es alle, daß man uns
              <hi rend="italic">Unrecht tut</hi>, wenn man uns nach diesen Schalen beurteilt. Aber
            wir sollten uns vor Allem nicht <hi rend="italic">selbst immer wieder Unrecht</hi> tun.
            Das <hi rend="italic">Lebendige</hi> ist ja noch in uns, immer wieder in uns, wir können
            wieder damit <hi rend="italic">anfangen</hi>, wir können es wieder zu <hi rend="italic">Ehren</hi> kommen lassen, nachdem wir ihm so lange Unehre gemacht haben. O <hi rend="italic">warum fangen wir nicht einmal an</hi>, dem <hi rend="italic">Ehre</hi>
            zu machen, was wir eigentlich sind, zu <hi rend="italic">wachsen</hi> aus unserer Wurzel
            in Gott? Seht, es ist ja Torheit und Lüge, von sich selber oder von Anderen zu
            verlangen, daß wir auf einmal ganz andere Menschen ohne Fehler und mit allen möglichen
            Tugenden werden sollten. Aber das sollten wir nicht aufhören, von uns selbst und
            voneinander zu verlangen, daß wir <hi rend="italic">aufrichtig werden</hi> und uns
            selber erkennen und uns dann zu dem <hi rend="italic">bekennen</hi>, was wir sind, und
            nicht mehr zu dem, was wir nicht sind. Laß doch wachsen, was <hi rend="italic">wachsen
              will</hi> in dir. Laß doch hervortreten, was noch hinter dir, gerade <hi rend="italic">hinter dir steckt.</hi> Seht, es ist doch zu merkwürdig, <hi rend="italic">wie wir
              hier</hi> beieinander sind, und es ist nicht wahr, wenn jetzt jemand sagen wollte: ein
            Haufen verlorener Sünder ist da beieinander. Nein, in Christus ist das nicht mehr wahr.
            Sondern ganz <hi rend="italic">viel Liebe</hi> und Güte und Heldenmut und Ernst und
            Freudigkeit ist da beieinander, in jedem in ganz besonderer Weise. Aber das alles ist
            leider <hi rend="italic">in uns verschlossen</hi> und verkapselt. Das alles ist überall
            nur <hi rend="italic">im Innersten</hi> vorhanden, während sich außen überall eine
            rauhe, schmutzige <hi rend="italic">Kruste</hi> gebildet hat. Und nun können wir nur an <hi rend="italic">diese Kruste denken</hi>, an all das Ungute, das wir mit uns schleppen, wir und die Anderen. Und so
            sind wir <hi rend="italic">gewurzelt</hi> in Gott und doch nicht lebend in Gott, <hi rend="italic">lebendig</hi> und doch tot, <hi rend="italic">erlöst</hi> und doch
            unerlöst. Warum doch nur? Warum <hi rend="italic">machen wir nicht Ernst</hi> mit dem,
            was doch allein Ernst ist in uns?|</p>
          <p><hi rend="italic">Man wolle doch nicht sagen</hi>, daß wir <hi rend="italic">nicht mehr
              können</hi>, weil wir bereits zu alt, bereits zu weit sind auf unseren eingeschlagenen
            Wegen. Ja, <hi rend="italic">jung werden an Leib und Seele</hi> können wir freilich
            nicht mehr. Aber der Mensch ist nicht nur Leib und Seele, er ist <hi rend="italic">auch
              Geist.</hi> Der Geist lebt nicht in der Zeit, sondern in der <hi rend="italic">Ewigkeit.</hi> Der Geist bist nicht du, der Mensch, der Geist ist dein <hi rend="italic">Anteil an Gott.</hi>
            <hi rend="italic">Du kannst alt werden</hi>, Gott ist weder alt noch jung und der Geist
            in dir auch nicht. <pb ed="pga" xml:id="p356"/> Deine <hi rend="italic">Frische</hi>,
            deine Spannkraft, deine Energie mögen abnehmen wie die Kräfte deines Leibes, aber die
            Möglichkeit, mit deinem Anfang in Gott neu anzufangen, kann dir nicht genommen werden.
              <hi rend="italic">Wie auch der Psalmsänger sagt: Wenn mir gleich Leib und Seele</hi>
            verschmachtet, so bist du doch, Gott, meines Herzens Trost und mein Teil [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73.26">Ps. 73,26</ref>]! Seht, das ist die <hi rend="italic">Natur</hi>, das Lebendige in uns, darin ist die <hi rend="italic">Erfüllung</hi> viel, viel größer als das Gleichnis, daß der göttliche Lebenskeim in
            uns <hi rend="italic">immer da ist</hi>, immer bereit, immer nur [?] wartend in uns. <hi rend="italic">Es braucht keine Vorbereitung</hi>, keine Erziehung, keine Entwicklung
            dazu, um endlich und zuletzt da anzulangen, daß wir Gott erkennen. <hi rend="italic">Gott ist immer für uns zu haben</hi>, auf welcher Stufe wir uns auch befinden mögen.
            Gott ist gegenwärtig.<note xml:id="n03"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Lied 174 von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (RG [1998] 162; EG
              165)</bibl>.</note> In ihm leben, weben und sind wir [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. Wir mögen für alles Mögliche, was wir nicht können,
            berechtigte <hi rend="italic">Ausreden</hi> haben. Aber wir wollen uns doch <hi rend="italic">nicht vor Gott verbergen</hi> wie Adam im Paradies mit Entschuldigungen
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.10">Gen. 3,10</ref>], als ob wir nicht so, wie
            wir sind, nackt und bloß meinetwegen, gerade in dem Zustand, in dem wir eben sind, vor
            Gott treten dürften. <hi rend="italic">Wir können es</hi>, wir können auf unseren Anfang
            zurückgehen, wenn wir nur das Lebendige in uns erkennen und lebendig sein lassen. |</p>
          <p>Dann <hi rend="italic">erfüllt sich das Gleichnis.</hi> Dann <hi rend="italic">werden</hi> wir wie die Kinder. Dann ist Alles, was uns jetzt bewegt an Gedanken,
            Wünschen und Sorgen, wieder <hi rend="italic">eingeschlossen in Lebenskraft.</hi> Dann
            werden unsere Lippen und unsere Hände wieder <hi rend="italic">rein</hi>, und wenn noch
            soviel Unreines daran wäre. Dann können wir wieder <hi rend="italic">vorwärts</hi>,
            obwohl wir nicht mehr zurück können. Dann geht auch von uns wieder <hi rend="italic">Geist und Kraft aus.</hi> Und wie hat <hi rend="italic">die Welt</hi> das nötig, daß
            es im Verborgenen und in der Öffentlichkeit wieder Menschen gibt, von denen Geist und
            Kraft ausgeht. Die Welt ist <hi rend="italic">alt</hi>
             geworden. Ich las diese Woche eine
            erschütternde Schrift eines deutschen Denkers über die <hi rend="italic">Alterserscheinungen</hi> der heutigen europäischen Menschheit; sie hat sich <hi rend="italic">verrannt</hi> und festgenagelt und kann weder vorwärts noch rückwärts.
            Das weist auf einen langen, bösen <hi rend="italic">Krankheitsprozeß</hi> hin und
            schließlich auf einen bitteren <hi rend="italic">Untergang.</hi><note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-4170"><persName ref="kbga-actors-751">Eugen
              Rosenstock[-­Huessy]</persName>, <hi rend="italic">Der Selbstmord Europas</hi>, in: Hochland,
              Jg.16, Bd.2 (April-Sept. 1919), S. 529-553</bibl>. Dazu <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «etwas Gutes, Steiles zum
              Lesen» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, S. <ref target="3295">348f.</ref></bibl>).</note> Viele denken heute so wie dieser Mann und nicht
            die <pb ed="pga" xml:id="p357"/> Schlechtesten. Die Welt hat <hi rend="italic">Jugend
              nötig</hi>, nicht junge Streber, junge Schreier, junge Krakeelmacher, aber <hi rend="italic">junge Geister</hi>, Geister, die wieder eingekehrt sind und ganz neu
            einkehren wollen bei dem ewigen <hi rend="italic">Gesundbrunnen</hi>, der in uns selbst
            fließt, weil in Christus eine neue, in Gott gewurzelte und gegründete Menschheit ihren
            Anfang genommen hat auch für uns [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. <hi rend="italic">Gebe Gott</hi>, daß wir nicht verzweifeln,
            sondern hoffen dürfen. Und Gott <hi rend="italic">gibt uns Hoffnung</hi>, wenn wir
            wieder dort ansetzen, wo Hoffnung ist, wenn wir umkehren und werden wie die Kinder.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Wie seltsam erscheint uns nun <hi rend="italic">die Frage der Jünger Jesu:</hi> Wer ist doch der Größte im Himmelreich?
            Das ist ja eben <hi rend="italic">keine Frage mehr</hi>, wenn wir werden wie die Kinder.
            Die Antwort <hi rend="italic">streicht die Frage</hi> durch. Wir müssen sie
            durchgestrichen sein lassen. So <hi rend="italic">kann ja nur fragen</hi>, wer das Neue,
            das ganz Andere, das Jenseitige des Himmelreichs noch nicht begriffen hat. Wir aber <hi rend="italic">haben es begriffen.</hi> So wahr unsere Kinder vor uns stehen und uns
            zum Gleichnis werden mit ihrer heilen Lebenskraft und Lebensfreudigkeit, zum Vorwurf,
            zur Anklage, zur Frage, zur Warnung und Verheißung, wir haben es begriffen. <hi rend="italic">Wir haben es begriffen</hi>, daß es sich nicht darum handeln kann: Wer
            hat am meisten <hi rend="italic">recht?</hi> Wer ist der <hi rend="italic">Gescheiteste</hi>, der <hi rend="italic">Frömmste</hi>, der Erfolgreichste? Wer
            bringt es <hi rend="italic">am weitesten</hi> auf den verschiedenen hohen und niederen
            Menschenwegen, auf denen wir laufen? Sind die Gott <hi rend="italic">am
              wohlgefälligsten</hi>, die in der Stille leben oder die in der Öffentlichkeit
            arbeiten?, die <hi rend="italic">Treue im Kleinen</hi> üben oder die aufs <hi rend="italic">Große Ganze</hi> sehen? Sollen wir <hi rend="italic">kirchlich</hi> sein
            oder unkirchlich, <hi rend="italic">Sozialisten</hi> oder Bürgerliche, <hi rend="italic">katholisch</hi> oder reformiert? Sollen wir das Heil von <placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName> erwarten oder von
            <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>? Wer kann triumphieren? Wer kann sich hinstellen und sagen: so wie ich sollten es
            aber Alle halten? Das alles sind <hi rend="italic">keine Fragen.</hi> Wir könnten auch
            sagen: es <hi rend="italic">sind Fragen</hi>, die wir, solange wir nicht werden wollen
            wie die Kinder, gewöhnlich unrichtig, und wenn wir das werden wollen, sicher richtig
            beantworten. Es sind aber <hi rend="italic">keine entscheidenden</hi>, keine brennenden
            Fragen. Brennend ist nur die Frage, ob wir <hi rend="italic">das Himmelreich
              begreifen</hi> und das Umkehren. Wer <hi rend="italic">darin am weitesten</hi> kommt,
            wer das am besten begreift, wer sich am
            völligsten umkehrt, wer sich selbst erniedrigt wie das Kind, der mag dann der Größte
            sein im Himmelreich, der mag <pb ed="pga" xml:id="p358"/> dann recht haben auf seinem
            Weg, der mag dann triumphieren. Aber nicht wahr, je weiter man dann kommt, <hi rend="italic">desto besser begreift man</hi> ja, daß es sich da überhaupt nicht ums
            Rechthaben und Triumphieren, um einen Wettlauf, um eine Konkurrenz, ums Vergleichen
            handeln kann. Wenn wir ins Himmelreich hineinkommen, so kann uns ja <hi rend="italic">immer nur Gott selbst</hi> groß sein, die <hi rend="italic">Vergebung</hi>, mit der
            er uns trägt, die <hi rend="italic">Kraft</hi>, mit der er uns bewegt, das <hi rend="italic">Licht</hi>, in dessen Strahlen wir sicher [?] ein wenig hell werden
            dürfen. Wer vor Gott steht, geht <hi rend="italic">entschlossen und tapfer</hi> seinen
            Weg, aber er fragt nicht und vergleicht sich nicht und will nicht recht haben. Er glaubt
            nicht an den <hi rend="italic">Weg</hi> und er glaubt nicht an die <hi rend="italic">Stationen</hi>, er glaubt aber an seinen guten <hi rend="italic">Anfang</hi> und an
            sein gutes <hi rend="italic">Ziel</hi>, und er glaubt an die große <hi rend="italic">Aufforderung und Verheißung:</hi> Vorwärts! Die <hi rend="italic">Krone des
              Lebens</hi> aber wird sich der Getreue nicht nehmen wollen. Sie wird ihm gegeben von
            dem, der sie allein geben kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.2.10">Apk. 2,10</ref>].</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-60" type="song"> Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von
              <persName ref="kbga-actors-569">G. Arnold</persName>, Strophen 1.2.5 (GERS [1952] 306,1.2.5; EG 388,1.2.-)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-112" type="song">Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit», Psalm 36,
              Zürich 1886 nach älteren Übertragungen, Strophen 1.3 (RG [1998] 27,1.3)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
