28. Oktober 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Hier sende ich dir etwas Gutes, Steiles zum Lesen: den Aufsatz des Dr. E. Rosenstock.1 Er gehört zu den Leuten vom Patmos-Verlag und soll nach Ehrenbergs2 Mitteilung von meinem Tambacher Vortrags-Manuscript nicht mehr und nicht weniger als «hingerissen» sein. O die Deutschen! Wirklich sendet er mir denn auch seinen «Selbstmord Europas», eine gute Sache, die ich wie ein treffliches Mittagessen genossen habe und Nelly auch. Er scheint katholisch zu sein (eventuell auch noch getaufter Jude), eine verheißungsvolle Verbindung für unsre Geistesrichtung. Ich habe ihn solenn begrüßt und gefragt, ob er den Römerbrief 📖 im «Hochland» rezensieren wolle. Das wäre ein Tort für alle Wernles […], wenn wir plötzlich mit ruhenden Flügeln änigmatisch, gleichnismäßig auch noch auf den Zinnen des Zentrumsturmes sichtbar würden! mit Ausblick nach der Synagoge! Am Vortrag wird (in Würzburg!!) lebhaft gedruckt!! Ehrenberg schreibt noch ein Vorwort dazu. Dann wird er wohl in Bälde erscheinen.

Hier ein Brief von Bader. Ich konnte es doch nicht lassen, […] einen kleinen Angriff auf ihn zu machen. […] Es ist mir fast unheimlich, daß er mir nicht energischer widerspricht. Ist das nun Schwäche oder Überlegenheit?

Denk ich habe mirs geleistet, ein Schreiben an Wernle zu richten mit einer umfassenden Besprechung seines Artikels in neun |349 Punkten. Was wird daraus werden? Vielleicht wirst du bald die ersten Schwefelräuchlein gewahr, die von der Einschlagsstelle aufsteigen, und schreibst es mir dann. Einer, der vom Schwefeldampf um mich her […] noch nichts gemerkt hat, ist der gute Münch3 (wer ist das?), der im «Neuwerk» verkündigt: Barth hat gefunden ! ein Mann, der … usf. O heie! mußte ich denken und schnitt den Schaden schnell heraus, damit ihn die [Lese-]Mappen-Pfärrer nicht zu sehen bekommen. Dafür habe ich sie mit einem großen: Lies! auf Dehns Andacht4 aufmerksam gemacht. Herpel wird wirklich mit seinem Geschnatter, mit dem er nun den Beginn seiner Römerbrieflektüre 📖 der Welt verkündet,5 auch unabsehbare Verheerungen anrichten.

Ich lese Calvins Hebräerbriefkommentar 📖, verstehe aber noch fast kein Wort von diesem dunklen Text. In Bad Boll sind sie, wie mir […] heute Jäckh6 schreibt, ganz absorbiert von der Aufgabe, «die Nachrufe auf unsern Vater Blumhardt zu sammeln», sicher unter Zustimmung in weitesten Kreisen des Zwischenreichs und der besseren Hölle. Denn als «Gleichnis» hat dieser Vorgang doch wohl keine Bedeutung.

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973), Schriftsteller. 1933 nach den USA emigriert. Sein Aufsatz: Der Selbstmord Europas, in: Hochland, Jg. 16, Bd. 2 (April-Sept. 1919), S. 529–553. 📖↩
2
Hans Ehrenberg (1883–1958), Prof. der Philosophie in Heidelberg, begründete den Patmos-Verlag (Würzburg), wurde später Pfarrer, emigrierte nach London, lebte später in Westfalen. Er besuchte mit seinem Freund Rosenstock Barth und Thurneysen. Verfasser zahlreicher religiöser Bücher.↩
3
Alexander Münch, Jurist, Freund von Georg Merz. Seine Besprechung von Barths «Römerbrief» erschien in: Das neue Werk, Jg. 1 (1919/20), Nr. 30 (26.10.1919), Sp. 487f. 📖 ↩
4
Günther Dehn (1882–1970), nach 1945 Prof. für praktische Theologie in Bonn. — G. Dehn, Der Weg des Gehorsams (Andacht auf der Tambacher Konferenz über Gen 17,1 u. 3), in: Das neue Werk, a.a.O. Sp. 475–478. 📖 ↩
5
Im Nachwort zu der Anm. 3 genannten Besprechung von A. Münch, a.a.O. Sp. 488. 📖 ↩
6
Eugen Jäckh (1877–1954), schwäbischer Pfarrer, zuletzt in Göppingen, 1911-1920 Gehilfe und Stellvertreter von Pfarrer Chr. Blumhardt in Bad Boll. Verfasser der Biographie: Blumhardt Vater und Sohn und ihre Botschaft, Berlin 1925. 📖 ↩