19. Oktober 1919

Matthäus 18,5-9

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Matthäus 18,5-9
[Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist. Weh der Welt der Ärgernisse halben! Es muß ja Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt! So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist dir besser, daß du zum Leben lahm oder als ein Krüppel eingehst, denn daß du zwei Hände oder zwei Füße habest und werdest in das ewige Feuer geworfen. Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig zum Leben eingehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen.]

1. Gott vergibt uns unsere Sünden. Nicht erst zuletzt, nachdem wir durch ein löbliches, sauberes oder gar heiliges Leben dessen würdig geworden sind, sondern zuerst, es fängt Alles damit an, daß uns vergeben ist. Es besteht kein Handel, kein Geschäft zwischen Gott und uns, wonach wir soviel Gutes als möglich zu leisten hätten, z. B. Glauben, Gebet, Rechtschaffenheit, Nächstenliebe, um dann endlich einmal Vergebung zu erlangen für all das Ungute, das auch noch mitgelaufen ist. Sondern als Geschenk ist die Vergebung zum vornherein da. Sie ist nicht der Lohn für das Gute, das wir allenfalls wissen und tun, sondern die lebendige Ursache alles Guten, das wir wissen und tun können, und gleichzeitig das starke, lebendige Hindernis des Bösen. Gott rechnet nicht mit uns, wir haben weder Lob noch Tadel von ihm zu erwarten. Sondern er ist unser Gott. Er gibt uns eine Macht. Aus dieser Macht lebt das Gute, und das Böse stirbt. Je nachdem wir ihn unseren Gott sein lassen, sind wir gerechtfertigt trotz unseres Bösen oder verdammt trotz unseres Guten. Denn unser Böses hindert uns nicht, wenn wir die Macht der Vergebung haben, die siegreich das Gute hervorbringt. Und unser Gutes hilft uns nicht, wenn wir die Macht der Vergebung, die das Böse erstickt, nicht haben. In der Erkenntnis Gottes auf festen Boden kommen, das ist das Leben.

2. Gott vergibt uns unsere Sünden! Das ist uns etwas Neues. Wir sind das nicht gewohnt, sondern es geht uns gegen den Strich. Es fällt uns |360 nicht von selbst ein, sondern es muß uns aufgehen, wie einem ein Licht aufgeht. Man ist nie damit fertig, sondern man muß damit immer wieder von neuem anfangen. Die Botschaft von der Vergebung der Sünden muß in der Kirche und in ihrer Bedeutung für das ganze Leben erst wieder entdeckt werden. Sie ist die Botschaft von Jesus. Die Botschaft von Jesus ist uns aber neu, so bekannt sie uns scheinbar ist. Jesus bedeutet ein neues Verhältnis zu Gott, eine neue Gestaltung des Lebens. In Jesus wird es ganz ernst mit der Liebe Gottes zum Menschen. Gott liebt den Menschen unbegreiflich, grundlos, ohne Gegenseitigkeit. Der Mensch ist weder zu rühmen noch zu verurteilen; er gehört zu Gott. Daß er zu Gott gehört, das erlöst den Menschen, soweit er sich erlösen läßt. Das richtet ihn freilich auch, soweit noch etwas in ihm ist, das gerichtet werden muß. Es fließt aber Alles aus dieser einen Quelle. Und diese Quelle fließt unerschöpflich. In Gott leben, weben und sind wir [Act. 17,28]. Und in Jesus wird es ganz ernst mit der Liebe der Menschen zu Gott. Wir suchen Gott nicht, wie man einen fernen, fremden Unbekannten sucht, sondern er ist uns der Nächste, Bekannteste, dessen wir uns nur wieder zu erinnern brauchen. Wir suchen nicht irgend etwas, wenn wir ihn suchen, sondern Alles; unser ganzes Herz, unser ganzes Gemüt und alle unsere Kräfte kommen da ins Spiel; es handelt sich um das Leben. Wir suchen ihn nicht darum, weil wir etwas von ihm erwarten und zu erwirken [?] hoffen, sondern weil er Gott ist, weil wir ohne ihn nichts sind, weil er unser Anfang und unser Ziel ist. Daß es in Jesus so ernst wird mit der Liebe Gottes und mit der Liebe zu Gott, das ist eine ganz eigene und neue Wahrheit, die von uns noch lange nicht ausgesprochen und gehört, geschweige denn angenommen und erlebt ist. Ein ganz neuer Weg fängt da an. Gottes Weisheit kann da zur Geltung kommen, Gottes Wille sich durchsetzen, Gottes Macht wirken. Er selbst kann da das Gute schaffen und das Böse vertilgen. Des Menschen Seele erwacht; er lernt es, sich selber zu begreifen. Und die Menschen untereinander kommen von selbst in eine Gemeinschaft der Achtung und der Liebe; denn sie lernen es, sich auch gegenseitig zu begreifen. Gott kann dann helfen, und die Menschen können sich helfen lassen. Gott wird unser Anfang, und was mit Gott anfängt, das bleibt dann nicht stecken, das geht weiter. Das ist der Eingang ins Himmelreich in Jesus. Aber um ins Himmelreich zu kommen, müssen wir umkehren. Es |361 geht nicht ohne eine große Erneuerung, bei der wir werden müssen wie die Kinder [Mt. 18,3], bei der wir auf den Anfang und Ursprung zurückgehen müssen. Wenn wir die Botschaft von Jesus begreifen würden, so würde eine Reformation beginnen, neben der die Reformation Luthers und Zwinglis klein wäre.

3. Gott vergibt uns unsere Sünden! Das ist das große Licht, das heute langsam aus der Dunkelheit hervorzutreten beginnt. Jesus lebt!, haben wir vorhin gesungen. Und das ist wahr. Es ist nicht mehr rückgängig zu machen, daß es einmal mit der Liebe Gottes und mit der Liebe zu Gott so ernst geworden ist. In Jesus ist für den ganzen Menschen eine Entscheidung getroffen, eine neue Lage geschaffen, ein Licht angezündet. Dieses Licht ist uns noch verborgen; es ist vorhanden, aber noch sind unsere Augen geschlossen, noch vermögen wir es nicht zu ertragen, oder wir fürchten doch, wir könnten es nicht ertragen. Und darum sind wir noch nicht in der Helligkeit. Aber auch nicht mehr ganz im Dunkel. Gerade heute nicht. Die Bewegung gerade unserer Zeit geht zweifellos gerade in die Richtung dieses Lichtes. Wer sich heute sehnt nach Gotteserkenntnis und Lebenserkenntnis, der sollte es nur einmal lernen, die Bewegung unserer Zeit wirklich zu verstehen. Sie drängt nach dem Lichte, und zwar ganz bestimmt nach dem Lichte der Vergebung, nach dem Licht der Botschaft von Jesus. Es gab vielleicht noch gar nie eine Zeit, in der man im Blick auf die Menschheit so freudig sagen konnte: Ja, Jesus lebt! Denn heute sind’s nicht bloß wie früher Einzelne oder einzelne Kreise, sondern es ist das Ganze oder doch ganze große und wichtige Teile der Menschheit, die in Bewegung gekommen sind. Man kann heute nur den Wunsch haben, daß sich das, was sich jetzt in den Menschen bewegt, doch weiter bewegen möchte. Dann kommt’s schon recht. Wir sind auf dem Wege, daß uns die Augen geöffnet werden. Das Licht Jesu ist uns nicht allzu ferne. Der Tag ist nahe herbeigekommen [Röm. 13,12]. |

Ich möchte auf einige Punkte hinweisen. Wir sind vor Allem demütiger geworden. Die Sicherheit, in der wir noch vor sechs Jahren lebten und uns bewegten, ist dahin. Wir sind verschämt oder offen alle bereit, zuzugestehen, daß schwere Fehler gemacht worden sind und daß es irgendwie gelten wird, neu anzufangen. Wir reden nicht mehr so unverschämt von unseren Waffen und träumen vom unentwegten |362 Fortschritt, sondern wir erkannten, daß wir in Lügen steckten. Wir schämen uns, wir fragen, wir suchen, wir sind bereit, uns zu besinnen, bereit, auch von Anderen zu lernen. Das war einer der stärksten Eindrücke, die ich von meiner Reise nach Deutschland mitgebracht habe.1 Sie sind darin dort draußen weiter als wir, wahrscheinlich auch weiter als die Völker, die im Kriege gesiegt haben. Aber etwas von dieser Demut ist heute in allen Menschen. Diese Demut ist freilich noch nicht die Demut vor Gott. Aber es kann die Demut vor Gott daraus werden. Es ist schon etwas Großes, daß heute die Menschen überhaupt einmal stillstehen und ans Umkehren denken müssen. Das große Umkehren kann daraus hervorgehen, wenn wir die Zeichen unserer Zeit verstehen [vgl. Mt. 16,3]. |

Wir sind aber auch weicher geworden gegenüber den Fehlern der Anderen. Scheinbar hat sich zwar Alles noch verhärtet, zugespitzt gegeneinander. Neue Scheidungen und Parteiungen sind zu den alten hinzugekommen. Lauter und schärfer rechnet einer dem Anderen sein Unrecht vor. Aber vielleicht tun wir das gerade darum, weil etwas in uns weich geworden ist, gegen das wir uns wehren müssen. Es ist in diesem Jahr viel falsche Größe entlarvt, viel Böses gerächt [?] worden, viel Lüge und Unrecht ist in sich zusammengebrochen. Und auch da, wo die Verkehrtheit noch aufrecht steht, ist heute viel Rückzug, viel Abschwächung, viel Zugeständnis. Fast unerwartet haben wir es erlebt, wie allerlei Verhältnisse, gegen die wir noch lange, lange meinten ankämpfen zu müssen, auf einmal in ihrer Schwachheit dastanden und ins Schwanken kamen. Das hat etwas Versöhnendes, auch wenn wir noch viele Götzen stehen, viele Teufel regieren sehen. Wir können heute nicht mehr nur zürnen. Wenn man den Gegner einmal schwach gesehen hat - und wer hätte in diesen Jahren seine Gegner nie schwach gesehen? - dann kann man auch wieder daran denken, daß er ein Mensch ist, und kann verzeihen. (Dieses Verzeihen wird heute den Deutschen schwerer fallen als ihren Gegnern, weil sie fast nur triumphierendes Unrecht sich gegenüber sehen; es bahnt sich aber auch bei ihnen an. Und um so rascher wird es sich in den anderen Ländern |363 anbahnen, da Zorn ja nun keinen Gegenstand mehr hat.) Möchten wir es auch lernen, weich zu werden. Es sind heute neben den immer noch verschlossenen auch viele offene Türen, die wir nicht mehr einzurennen brauchen. Auch dieses Weichwerden ist ja noch nicht das große Weichwerden vor Gott, in welchem man sich gemeinsam mit dem Gegner vor den stellt, der allein recht hat. Es kann aber auch hier das große aus dem kleinen werden, wenn wir uns Mühe geben, die Bewegung unserer Zeit zu verstehen. |

Gerade damit sind wir aber auch mutiger geworden. Man hört jetzt freilich viel von Verzagtheit, Ungewißheit, Hoffnungslosigkeit. Aber auch da müssen wir es nun lernen, uns selbst recht zu verstehen. Man sieht doch auch überall die Spuren von einer Klarheit und Lebensfreudigkeit, wie sie vorher nicht vorhanden waren. Die Menschen denken rascher, entschlossener, sie blicken freier und werden kühner, sie wagen mehr als vorher. Eine rastlose Tätigkeit hat eingesetzt, nicht nur die Trümmer des Alten zu sammeln und wieder aufeinander zu stellen, sondern etwas Neues zu schaffen. Wie ist das möglich? Wie kommt es, daß unser Geist eigentlich heute lebendiger ist, als bevor die Katastrophe über uns gekommen ist? Doch wohl davon, daß wir gerade dadurch, daß uns viel von unserer bisherigen Sicherheit genommen worden ist, das Gefühl bekommen haben, sicheren Boden zu gewinnen. Unsere ewige [?] Zuversicht zu uns selbst und unser ewiges [?] Anklagen gegen die Anderen waren kein sicherer Boden. Der Wille, neu anzufangen, und die gegenseitige Vergebung ist ein sicherer Boden. Wir haben ihn noch nicht. Aber wir fühlen uns schon sicher, weil wir heute diesen Boden wenigstens suchen. Irgendwo in Italien ist ein Turm, der lange mit Einsturz drohte, weil er teilweise auf sumpfiger Erde gebaut war. Er begann sich bereits zu senken, aber statt einzustürzen, fand er auf der bedrohten Seite unter der Sumpferde einen felsigen Halt, da kam die Senkung zum Stehen. Nun steht er seit Jahrhunderten schief. Aber er steht und kein Mensch fürchtet seinen Einsturz.2 Wir mußten wohl auch einmal schief zu stehen kommen, um wieder mutig zu werden. Es wird noch nicht der Mut sein, der aus der Erkenntnis Gottes kommt. Es wird noch nicht das Leben sein, das aus dem Anfang wächst. Aber wenn wir den Mut und das Leben |364 verstehen, die heute ganz anders als früher in uns sind, so sind wir einen großen Schritt vorwärts dem Mut und dem Leben entgegen, das aus der Vergebung kommt.

4. Wenn wir davon etwas merken, daß man heute in einem ganz besonders hoffnungsvollen Sinn sagen kann: Jesus lebt!, dann können wir auch etwas verstehen von den Worten unseres Textes. Sie sind uns eine große Aufforderung, mit dem, was uns von Jesus in unserer Zeit begegnen will, aufmerksam, sorgfältig und hingebend umzugehen. Wir wollen noch ein wenig auf diese Worte eingehen.

a) Zuerst heißt es: Wer ein solches Kind [aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf]. Wir haben schon am letzten Sonntag gehört: Die Kinder sind für Jesus ein Gleichnis für das Anfangen des Lebens in der Kraft und Freude Gottes. Werdet wie die Kinder!, hat er gesagt [Mt. 18,3]. Fangt mit Gott an!, hat er damit gemeint. Und nun fährt er fort: Es könnte euch geschehen, daß euch ein solcher Anfang mit Gott ganz nahe käme, wie eben ein Kind bittend vor euch hinträte mit dem Verlangen, von euch aufgenommen zu sein. Es gibt eben Zeiten, wo der neue Boden der Vergebung sich uns wie von selbst unter die Füße schieben will. Aber dann gilt’s, aufmerksam zu sein. Wer dann denkt: ich sehe nichts Großes! kein deutlicher Fortschritt! kein Anzeichen von religiöser und moralischer Besserung der Menschen, keine neuen Kräfte, keine starke Bewegung der Geister, der ich mich anschließen müßte, ich sehe nur so ein trübes, gestaltloses, unscheinbares Wogen und Wehen, wer so denkt und kalt und gleichgiltig bleibt, der versäumt etwas. Der Anfang des Lebens ist etwas Unscheinbares. Man kann das bittende kleine Kind gar leicht übersehen, weil es nur ein Kind ist. Wohl dem, der aufmerksam ist. Es braucht heute aufmerksame Menschen. Menschen, die das bittende Kind aufnehmen im Namen Jesu. Mit dem Betrachten und Beurteilen unserer Zeit ist gar nichts getan. Es sind jetzt Menschen nötig, die den Herzschlag der Zeit in sich selbst hören, weil sie ein Herz haben für unsere Zeit im Namen Jesu, die es auf sich nehmen wollen, für unsere ganze [?] Zeit zu denken, zu fühlen, zu sorgen, zu glauben, zu lieben im Namen Jesu. Es kommt nur auf das Aufnehmen an gegenüber diesem Anfang des Lebens, der jetzt bei uns anklopft. Wenn wir ihn nicht verachten, sondern aufnehmen, so nehmen wir Jesus selbst auf, und |365 aus dem großen Schritt, den wir in den letzten Jahren getan haben, wird dann ein ganz großer.

b) Es folgen dann sehr ernste Worte über das Ärgernis: Wer aber ärgert [dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist]. Ärgernis heißt Entstellung, Entfremdung, Verunreinigung, wenn etwas Besonderes und Heiliges schnell wieder gewöhnlich und menschlich gemacht wird. Das geschieht sehr leicht. Man kann die Vergebung mißbrauchen, als ob die Macht Gottes, die wir da erfahren dürfen, eine Beruhigung für uns sein könnte. Man kann auf diesem mißbrauchten Grunde faul und eigensinnig sein. Man kann dem Anfang des Lebens schaden durch eine Fortsetzung des Todes. Man kann aus der Erkenntnis Gottes schnell wieder eine menschliche Weisheit wachsen lassen, aus dem Gehorsam gegen [?] [den] Willen Gottes eine menschliche Gerechtigkeit, aus der Liebe zu ihm eine menschliche Stimmung. Man kann an dem großen aufgehenden Licht sein eigenes Laternlein anzünden und damit davon laufen in irgend ein Kellerloch. Man kann die Botschaft von Jesus verwandeln in irgend eine Sorte von Christentum. Das ist Ärgernis.

Wehe der Welt der Ärgernisse halben! sagt Jesus. Arme Welt, daß es ihr immer wieder so gehen muß mit dem Göttlichen. Es muß ja Ärgernis kommen! Es ist ja notwendig, daß diese Verführung zum Mißbrauch des Göttlichen da ist, denn solange wir es noch mißbrauchen können, ist’s ein Zeichen, daß das Göttliche für uns noch nichts ist. Aber wehe dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt: Unglückliche Menschen, die der Verführung erliegen und damit der Beweis sind, daß wir das Göttliche noch nicht rein ertragen können. Die Verführung ist in unserer Zeit sehr groß. Kaum daß das Göttliche wieder ein wenig bei uns anklopft, ist man auch schon von allen Seiten bereit, wieder etwas Menschliches daraus zu machen. Überall warten sie schon: die Kirche, die Gemeinschaften, die Parteien und Richtungen, die Bücher- und Zeitungsschreiber und Vereinsgründer, um die bewegten Wasser der Zeit auf ihre Mühle zu leiten. Ich wohnte in Deutschland einer großen politischen Versammlung bei, in der am Anfang sehr ernst über das Eine, was jetzt not tut [vgl. Lk. 10,42], geredet wurde. Man spürte, wie eine Bewegung, ein Aufmerken, eine Freude durch die Anwesenden ging. Dann aber trat ein Pfarrer auf |366 und hielt eine Propagandarede für eine Kirchenwahl, die dort stattfinden sollte, und damit war Alles aus.3 Ich stellte diesen Pfarrer nachher zur Rede, und er gab mir die Antwort: Ich konnte doch nicht anders! Über diesem Feuer mußten wir doch auch unser Süpplein kochen! Das ist’s eben, das Ärgernis: Über dem Feuer Gottes wollen wir immer unser Süpplein kochen! Nur nie warten. Nur nie still sein. Nur nie die Glut zur Flamme werden lassen. Nur immer rasch etwas gemacht und geredet und gegründet - und dann wundern wir uns, wenn es immer bei kleinen Schritten vorwärts bleibt und nie zu ganz großen kommt. O wie versteht man da den Grimm, mit dem Jesus gesagt hat: dem wäre besser[, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist]. Das will sagen: weit, weit weg mit dem, der das Heilige nicht heilig halten konnte. Möchte doch etwas von diesem Grimm in uns hineinfahren, vor Allem gegen uns selbst, daß wir uns ängstlich davor hüten, gerade jetzt, am Feuer Gottes unser Süpplein zu kochen, und wenn es in noch so guter Meinung geschähe. Sonst ist ja die Vergebung keine Vergebung, der Anfang kein Anfang, Gott nicht Gott für uns. Sorgfältig und bescheiden und zurückhaltend gilt es jetzt zu sein, wenn wir vom Sinn unserer Zeit etwas gemerkt haben. Je mehr wir davon gemerkt haben, um so mehr.

c) Und nun zum Schluß noch das Wort von den Lahmen, Krüppeln und Einäugigen, die zum Leben eingehen. Das sind die, die lieber zu wenig sagen und tun als zuviel ohne Gott. Die lieber mit Gott verlegen, ungeschickt und hilflos dastehen als ohne Gott mächtig in Worten und Taten, die es vorziehen, mit Gott zu warten trotz Allem, was man dagegen sagen kann, solange sie nicht wirklich mit Gott eilen können.4 Wir dürfen uns das nicht verhehlen: Wenn wir den Sinn unserer Zeit verstehen und die Botschaft von Jesus hören, wenn wir aufmerksam werden und sorgfältig, dann bedeutet das eine große Hingabe, und zwar vielleicht gerade eine Hingabe des Besten, was wir haben. Wir können auf dem neuen Boden der Vergebung nicht mehr einfach uns selbst5 sein, gerade weil wir da unser tieferes Selbst gefun|367den haben. Der junge Strom unseres Lebens würde da gestört, um dann in ein ganz anderes Bachbett übergeleitet zu werden. Da muß Vieles zurückbleiben, und zwar nicht das Schlechteste, sondern allerlei sehr Gutes, scheinbar Unentbehrliches: dein Fuß, deine Hand, dein Auge z. B., sagt Jesus, wenn sie dich ärgern, wenn du um ihretwillen das Göttliche zum Menschlichen machst. Hör auf mit deinem Studieren6!, kann es da z. B. heißen. Hör auf mit deinem scharfen, schneidigen Reden! Hör auf mit deiner Tugend! Hör auf mit deinem Eifer! Hör einmal auf sogar mit deinem hitzigen Glauben und Beten!, könnte es sogar einmal heißen. Das alles ist schön und recht, aber hier stört es, hier ist es etwas Fremdes, du bist Gott im Wege damit. Das sind harte Worte, um so härter, je tiefer wir sie auffassen. Wir möchten alle lieber als gesunde Leute, wie wir sind, einhergehen, denn als Lahme, Krüppel und Einäugige. Aber es handelt sich um das Leben. Ins Leben führt kein anderer Weg als dieser. Ja, die Menschen, die die neue Reformation erleben und vollziehen werden, werden merkwürdige Leute sein. Denkt noch einmal an den Sinn unserer Zeit, den wir heute verstehen möchten: demütig werden, weich werden und auf diesem Grund dann mutig sein. Wie mögen solche Menschen nur aussehen? Wir können es uns kaum vorstellen. Ganz anders jedenfalls als wir. Gar zu viel ist da abgehauen und ausgerissen, von dem wir uns noch nicht getrennt haben. Wir erschrecken vor diesem Bild. Wir möchten nicht so merkwürdige, verkürzte Leute sein. Wir haben unsere jetzige Gesundheit noch allzu lieb. Das ist der starke Riegel, der uns jetzt noch geschoben ist. Oder ist er uns schon nicht mehr geschoben? Es könnte ja sein, daß uns etwas aufgegangen wäre von der Herrlichkeit des Lebens, die gerade dort anfängt, wo uns diese gewaltige Aufforderung hinweist.

Lieder:
  • Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1-3 (RG [1998] 482,1-2; EG 115,1-3) 🎵
  • Nr. 224 «Such, wer da will, ein ander Ziel» von G. Weissel, Strophen 1-2 (RG [1998] 276,1-2; EG 346,1-2) 🎵