Matthäus 18,5-9
1. Gott vergibt uns unsere Sünden. Nicht erst zuletzt, nachdem wir durch ein löbliches, sauberes oder gar heiliges Leben dessen würdig geworden sind, sondern zuerst, es fängt Alles damit an, daß uns vergeben ist. Es besteht kein Handel, kein Geschäft zwischen Gott und uns, wonach wir soviel Gutes als möglich zu leisten hätten, z. B. Glauben, Gebet, Rechtschaffenheit, Nächstenliebe, um dann endlich einmal Vergebung zu erlangen für all das Ungute, das auch noch mitgelaufen ist. Sondern als Geschenk ist die Vergebung zum vornherein da. Sie ist nicht der Lohn für das Gute, das wir allenfalls wissen und tun, sondern die lebendige Ursache alles Guten, das wir wissen und tun können, und gleichzeitig das starke, lebendige Hindernis des Bösen. Gott rechnet nicht mit uns, wir haben weder Lob noch Tadel von ihm zu erwarten. Sondern er ist unser Gott. Er gibt uns eine Macht. Aus dieser Macht lebt das Gute, und das Böse stirbt. Je nachdem wir ihn unseren Gott sein lassen, sind wir gerechtfertigt trotz unseres Bösen oder verdammt trotz unseres Guten. Denn unser Böses hindert uns nicht, wenn wir die Macht der Vergebung haben, die siegreich das Gute hervorbringt. Und unser Gutes hilft uns nicht, wenn wir die Macht der Vergebung, die das Böse erstickt, nicht haben. In der Erkenntnis Gottes auf festen Boden kommen, das ist das Leben.
2. Gott vergibt uns unsere Sünden! Das ist uns
etwas Neues. Wir sind das nicht gewohnt,
sondern es geht uns gegen den Strich. Es fällt uns |360 nicht von selbst ein, sondern es muß uns aufgehen, wie einem ein Licht aufgeht. Man ist nie damit
fertig, sondern man muß damit immer wieder von neuem anfangen. Die Botschaft von
der Vergebung der Sünden muß in der Kirche und in ihrer Bedeutung für das ganze Leben
erst wieder entdeckt werden. Sie ist die Botschaft von Jesus. Die Botschaft von Jesus ist uns aber neu, so bekannt sie uns
scheinbar ist. Jesus bedeutet ein neues Verhältnis zu Gott, eine neue Gestaltung des
Lebens. In Jesus wird es ganz ernst mit der Liebe Gottes zum
Menschen. Gott liebt den Menschen unbegreiflich, grundlos, ohne Gegenseitigkeit.
Der Mensch ist weder zu rühmen noch zu verurteilen; er gehört zu Gott. Daß er zu Gott
gehört, das erlöst den Menschen, soweit er sich erlösen läßt. Das richtet ihn freilich
auch, soweit noch etwas in ihm ist, das gerichtet werden muß. Es fließt aber Alles aus dieser einen Quelle. Und diese Quelle
fließt unerschöpflich. In Gott leben, weben und sind wir [
3. Gott vergibt uns unsere Sünden! Das ist das große Licht, das heute langsam aus der Dunkelheit
hervorzutreten beginnt. Jesus lebt!, haben wir vorhin gesungen.
Und das ist wahr. Es ist nicht mehr rückgängig zu machen, daß es
einmal mit der Liebe Gottes und mit der Liebe zu Gott so ernst geworden ist. In Jesus ist für den ganzen Menschen eine Entscheidung getroffen, eine
neue Lage geschaffen, ein Licht angezündet. Dieses Licht ist uns noch
verborgen; es ist vorhanden, aber noch sind unsere Augen geschlossen, noch
vermögen wir es nicht zu ertragen, oder wir fürchten doch, wir könnten es nicht
ertragen. Und darum sind wir noch nicht in der Helligkeit. Aber auch nicht mehr ganz im
Dunkel. Gerade heute nicht. Die
Bewegung gerade unserer Zeit geht zweifellos gerade in die
Richtung dieses Lichtes. Wer sich heute sehnt nach Gotteserkenntnis und
Lebenserkenntnis, der sollte es nur einmal lernen, die Bewegung unserer Zeit wirklich zu
verstehen. Sie drängt nach dem Lichte, und zwar ganz bestimmt
nach dem Lichte der Vergebung, nach dem Licht der Botschaft von Jesus. Es gab vielleicht
noch gar nie eine Zeit, in der man im Blick auf die Menschheit so freudig sagen konnte:
Ja, Jesus lebt! Denn heute sind’s nicht bloß wie früher Einzelne
oder einzelne Kreise, sondern es ist das Ganze oder doch ganze
große und wichtige Teile der Menschheit, die in Bewegung gekommen sind. Man kann heute
nur den Wunsch haben, daß sich das, was sich jetzt in den Menschen bewegt, doch weiter bewegen möchte. Dann kommt’s schon recht. Wir sind auf dem
Wege, daß uns die Augen geöffnet werden. Das Licht Jesu ist uns nicht allzu ferne. Der
Tag ist nahe herbeigekommen [
Ich möchte auf einige Punkte hinweisen. Wir sind vor Allem demütiger geworden. Die Sicherheit, in der wir noch vor sechs
Jahren lebten und uns bewegten, ist dahin. Wir sind verschämt
oder offen alle bereit, zuzugestehen, daß schwere Fehler gemacht
worden sind und daß es irgendwie gelten wird, neu anzufangen. Wir
reden nicht mehr so unverschämt von unseren Waffen und träumen vom unentwegten |362 Fortschritt, sondern wir erkannten, daß wir in Lügen steckten. Wir schämen uns, wir fragen, wir suchen, wir sind bereit, uns zu besinnen, bereit, auch
von Anderen zu lernen. Das war einer der stärksten Eindrücke, die
ich von meiner Reise nach
Wir sind aber auch weicher geworden gegenüber den Fehlern der Anderen. Scheinbar hat sich zwar Alles noch verhärtet, zugespitzt gegeneinander. Neue Scheidungen und Parteiungen sind zu den alten hinzugekommen. Lauter und schärfer rechnet einer dem Anderen sein Unrecht vor. Aber vielleicht tun wir das gerade darum, weil etwas in uns weich geworden ist, gegen das wir uns wehren müssen. Es ist in diesem Jahr viel falsche Größe entlarvt, viel Böses gerächt [?] worden, viel Lüge und Unrecht ist in sich zusammengebrochen. Und auch da, wo die Verkehrtheit noch aufrecht steht, ist heute viel Rückzug, viel Abschwächung, viel Zugeständnis. Fast unerwartet haben wir es erlebt, wie allerlei Verhältnisse, gegen die wir noch lange, lange meinten ankämpfen zu müssen, auf einmal in ihrer Schwachheit dastanden und ins Schwanken kamen. Das hat etwas Versöhnendes, auch wenn wir noch viele Götzen stehen, viele Teufel regieren sehen. Wir können heute nicht mehr nur zürnen. Wenn man den Gegner einmal schwach gesehen hat - und wer hätte in diesen Jahren seine Gegner nie schwach gesehen? - dann kann man auch wieder daran denken, daß er ein Mensch ist, und kann verzeihen. (Dieses Verzeihen wird heute den Deutschen schwerer fallen als ihren Gegnern, weil sie fast nur triumphierendes Unrecht sich gegenüber sehen; es bahnt sich aber auch bei ihnen an. Und um so rascher wird es sich in den anderen Ländern |363 anbahnen, da Zorn ja nun keinen Gegenstand mehr hat.) Möchten wir es auch lernen, weich zu werden. Es sind heute neben den immer noch verschlossenen auch viele offene Türen, die wir nicht mehr einzurennen brauchen. Auch dieses Weichwerden ist ja noch nicht das große Weichwerden vor Gott, in welchem man sich gemeinsam mit dem Gegner vor den stellt, der allein recht hat. Es kann aber auch hier das große aus dem kleinen werden, wenn wir uns Mühe geben, die Bewegung unserer Zeit zu verstehen. |
Gerade damit sind wir aber auch mutiger geworden. Man hört jetzt
freilich viel von Verzagtheit, Ungewißheit, Hoffnungslosigkeit.
Aber auch da müssen wir es nun lernen, uns selbst recht zu verstehen. Man sieht doch
auch überall die Spuren von einer Klarheit und Lebensfreudigkeit,
wie sie vorher nicht vorhanden waren. Die Menschen denken rascher, entschlossener, sie blicken freier und werden kühner, sie wagen mehr als
vorher. Eine rastlose Tätigkeit hat eingesetzt, nicht nur die
Trümmer des Alten zu sammeln und wieder aufeinander zu stellen, sondern etwas Neues zu
schaffen. Wie ist das möglich? Wie kommt es, daß unser Geist
eigentlich heute lebendiger ist, als bevor die Katastrophe über uns gekommen ist? Doch
wohl davon, daß wir gerade dadurch, daß uns viel von unserer bisherigen Sicherheit
genommen worden ist, das Gefühl bekommen haben, sicheren Boden zu
gewinnen. Unsere ewige [?] Zuversicht zu uns selbst und unser ewiges [?] Anklagen gegen
die Anderen waren kein sicherer Boden. Der Wille, neu anzufangen, und die gegenseitige
Vergebung ist ein sicherer Boden. Wir haben ihn noch nicht. Aber
wir fühlen uns schon sicher, weil wir heute diesen Boden wenigstens suchen. Irgendwo in
4. Wenn wir davon etwas merken, daß man heute in einem ganz besonders hoffnungsvollen Sinn sagen kann: Jesus lebt!, dann können wir auch etwas verstehen von den Worten unseres Textes. Sie sind uns eine große Aufforderung, mit dem, was uns von Jesus in unserer Zeit begegnen will, aufmerksam, sorgfältig und hingebend umzugehen. Wir wollen noch ein wenig auf diese Worte eingehen.
a) Zuerst heißt es: Wer ein solches Kind [aufnimmt in meinem
Namen, der nimmt mich auf]. Wir haben schon am letzten Sonntag gehört: Die Kinder sind
für Jesus ein Gleichnis für das Anfangen des Lebens in der Kraft
und Freude Gottes. Werdet wie die Kinder!, hat er gesagt [
b) Es folgen dann sehr ernste Worte über das Ärgernis: Wer aber ärgert [dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist]. Ärgernis heißt Entstellung, Entfremdung, Verunreinigung, wenn etwas Besonderes und Heiliges schnell wieder gewöhnlich und menschlich gemacht wird. Das geschieht sehr leicht. Man kann die Vergebung mißbrauchen, als ob die Macht Gottes, die wir da erfahren dürfen, eine Beruhigung für uns sein könnte. Man kann auf diesem mißbrauchten Grunde faul und eigensinnig sein. Man kann dem Anfang des Lebens schaden durch eine Fortsetzung des Todes. Man kann aus der Erkenntnis Gottes schnell wieder eine menschliche Weisheit wachsen lassen, aus dem Gehorsam gegen [?] [den] Willen Gottes eine menschliche Gerechtigkeit, aus der Liebe zu ihm eine menschliche Stimmung. Man kann an dem großen aufgehenden Licht sein eigenes Laternlein anzünden und damit davon laufen in irgend ein Kellerloch. Man kann die Botschaft von Jesus verwandeln in irgend eine Sorte von Christentum. Das ist Ärgernis.
Wehe der Welt der Ärgernisse halben! sagt Jesus. Arme Welt, daß
es ihr immer wieder so gehen muß mit dem Göttlichen.
Es muß ja Ärgernis kommen! Es ist ja notwendig, daß diese
Verführung zum Mißbrauch des Göttlichen da ist, denn solange wir es noch mißbrauchen
können, ist’s ein Zeichen, daß das Göttliche für uns noch nichts ist. Aber wehe dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt: Unglückliche
Menschen, die der Verführung erliegen und damit der Beweis sind, daß wir das Göttliche
noch nicht rein ertragen können. Die Verführung ist in unserer
Zeit sehr groß. Kaum daß das Göttliche wieder ein wenig bei uns anklopft, ist man auch
schon von allen Seiten bereit, wieder etwas Menschliches daraus
zu machen. Überall warten sie schon: die Kirche, die
Gemeinschaften, die Parteien und Richtungen, die Bücher- und Zeitungsschreiber und
Vereinsgründer, um die bewegten Wasser der Zeit auf ihre Mühle zu leiten. Ich wohnte in
c) Und nun zum Schluß noch das Wort von den Lahmen, Krüppeln und Einäugigen, die zum Leben eingehen. Das sind die, die lieber zu wenig sagen und tun als zuviel ohne Gott. Die lieber mit Gott verlegen, ungeschickt und hilflos dastehen als ohne Gott mächtig in Worten und Taten, die es vorziehen, mit Gott zu warten trotz Allem, was man dagegen sagen kann, solange sie nicht wirklich mit Gott eilen können.4 Wir dürfen uns das nicht verhehlen: Wenn wir den Sinn unserer Zeit verstehen und die Botschaft von Jesus hören, wenn wir aufmerksam werden und sorgfältig, dann bedeutet das eine große Hingabe, und zwar vielleicht gerade eine Hingabe des Besten, was wir haben. Wir können auf dem neuen Boden der Vergebung nicht mehr einfach uns selbst5 sein, gerade weil wir da unser tieferes Selbst gefun|367den haben. Der junge Strom unseres Lebens würde da gestört, um dann in ein ganz anderes Bachbett übergeleitet zu werden. Da muß Vieles zurückbleiben, und zwar nicht das Schlechteste, sondern allerlei sehr Gutes, scheinbar Unentbehrliches: dein Fuß, deine Hand, dein Auge z. B., sagt Jesus, wenn sie dich ärgern, wenn du um ihretwillen das Göttliche zum Menschlichen machst. Hör auf mit deinem Studieren6!, kann es da z. B. heißen. Hör auf mit deinem scharfen, schneidigen Reden! Hör auf mit deiner Tugend! Hör auf mit deinem Eifer! Hör einmal auf sogar mit deinem hitzigen Glauben und Beten!, könnte es sogar einmal heißen. Das alles ist schön und recht, aber hier stört es, hier ist es etwas Fremdes, du bist Gott im Wege damit. Das sind harte Worte, um so härter, je tiefer wir sie auffassen. Wir möchten alle lieber als gesunde Leute, wie wir sind, einhergehen, denn als Lahme, Krüppel und Einäugige. Aber es handelt sich um das Leben. Ins Leben führt kein anderer Weg als dieser. Ja, die Menschen, die die neue Reformation erleben und vollziehen werden, werden merkwürdige Leute sein. Denkt noch einmal an den Sinn unserer Zeit, den wir heute verstehen möchten: demütig werden, weich werden und auf diesem Grund dann mutig sein. Wie mögen solche Menschen nur aussehen? Wir können es uns kaum vorstellen. Ganz anders jedenfalls als wir. Gar zu viel ist da abgehauen und ausgerissen, von dem wir uns noch nicht getrennt haben. Wir erschrecken vor diesem Bild. Wir möchten nicht so merkwürdige, verkürzte Leute sein. Wir haben unsere jetzige Gesundheit noch allzu lieb. Das ist der starke Riegel, der uns jetzt noch geschoben ist. Oder ist er uns schon nicht mehr geschoben? Es könnte ja sein, daß uns etwas aufgegangen wäre von der Herrlichkeit des Lebens, die gerade dort anfängt, wo uns diese gewaltige Aufforderung hinweist.
- Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von
Chr. F. Gellert , Strophen 1-3 (RG [1998] 482,1-2; EG 115,1-3) - Nr. 224 «Such, wer da will, ein ander Ziel» von
G. Weissel , Strophen 1-2 (RG [1998] 276,1-2; EG 346,1-2)