1. Was hat der Hohepriester Gottes, Kaiphas, mit dem Heiden Pilatus zu schaffen? - 2Wie kommt es nur, daß die Kinder Gottes in Jerusalem, die
ernstgesinnten, die frommen, die religiösen Kreise jener Stadt insgesamt auf einmal so
geschlossen und dringend danach verlangen, mit dem Weltmenschen
gemeinsame Sache zu machen? Wie ist’s möglich, daß diese Gerechten auf einmal den Ungerechten, seine Staatsgewalt, sein richterliches Urteil, seine
Kriegsknechte und Henker so nötig haben, so eifrig danach schreien und schreien, als ob
es um das heiligste Gut ginge? Was soll man nur denken, wenn man sieht, wie sie ihn zu
einem ärgeren Tyrannen machen wollen, als er es ohnehin schon
ist, wie sie ihn zu einem Vorgehen antreiben, das rücksichtsloser, heidnischer, staatlicher ist, als er es selber gewöhnt ist, das
weltlicher ist, als sogar er es vor seinem nicht eben zarten
Gewissen verantworten kann? - Die Juden haben sonst diesen Mann verachtet. Gott und der Kaiser in Rom mit seinem Landpfleger, das waren Dinge,
die für sie weit auseinander lagen. Alle Tage haben sie gebetet um Erlösung von der römischen Gesetzesgewalt und
Schwertgewalt. Und nun diese Gemeinschaft, dieses Zusammenarbeiten, diese vertauschten
Rollen!
2. Seht, da hat sich’s zeigen müssen: Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und
ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten [Röm. 3,23]! - Jesus, gegen den sich dieses seltsame Bündnis richtete,
hat Klarheit in die Welt gebracht. Das haben ihm ja die Guten in
Israel am meisten gezürnt von Anfang an, daß er ihre
Überlegenheit antastete, daß er die Scheidung von Gerechten und Ungerechten Gott
gegenüber nicht anerkannte, daß er von ihnen, den Guten, verlangte, sie sollten sich als
Brüder neben die Bösen stellen. Gerade darin sahen sie den Umsturz aller Moral und
Frömmigkeit, [an] dem sie ihm schuld gaben, und gerade dagegen verwahrten sie sich aufs
leiden|131schaftlichste. - Und nun, als ihre
Gegenwehr gegen diese Beleidigung, gegen dieses Attentat auf dem Gipfel war, da mußten
sie selbst durch die Tat beweisen, daß er recht hatte. Jesus
hatte nicht geträumt und keine Theorie gesponnen, sondern auf eine Tatsache hingewiesen, als er den Gerechten neben den Ungerechten, den Pharisäer
neben den Zöllner, den Priester und Leviten neben den Samariter, den Juden neben den
Heiden gestellt hatte. Die Tatsache
wurde nun offenbar. Wenn Gott in Frage kommt, dann werden die
Menschen, ob sie sich nun auf der höchsten oder tiefsten Stufe befinden, solidarisch,
zusammengehörig. Solange dem Leben der Menschen die Hauptsache
fehlt, sind alle noch so gewaltigen Unterschiede und Nebensachen nicht ernst,
nicht wichtig, nicht bedeutsam. In der Welt ohne Gott, ohne Liebe, ohne Geist, in des
Menschen eigener Welt kann alle sogenannte Gerechtigkeit von
heute auf morgen heruntersteigen zur Ungerechtigkeit, wird die Ungerechtigkeit
vergrößert, gekräftigt, überboten, zur schlimmsten Entfaltung gebracht durch die
sogenannte Gerechtigkeit der Menschen. Dem Gott gegenüber, der eine neue Welt schafft, einen neuen Anfang setzt, gibt es keine menschliche
Erhabenheit, keine Schönheit, keine Größe. Dem Gott gegenüber, der ein neues Wort redet und ein neues Hören verlangt, stehen die Ersten und die Letzten
unter den Nicht-Hörenden nebeneinander, ja es können die Ersten hinter die Letzten zu
stehen kommen [vgl. Mk. 10,31 par.],
wenn es sich zeigt, daß sie3
vielleicht noch weniger hören wollen und können als jene. - Bei Jesus kam Gott in Frage, Gottes neue Welt und Gottes neues Wort. Darum mußte ihm
gegenüber bei den Menschen der alten Welt und der alten Taubheit die Tatsache dieser Gleichheit offenbar werden, diese Vermischung von Guten und
Bösen, diese Verwirrung von Frommen und Gottlosen. Wollte Kaiphas nicht der Bruder des
Pilatus sein im Gottesreiche, so mußte er nun sein Geselle und Kollege sein im
Menschenreiche.
3.
Kaiphas hatte Pilatus nötig. Er und alle seinesgleichen vertraten
zwar eine gute Sache. Sie waren die Träger und Hüter einer hohen,
edlen, reinen menschlichen Gerechtigkeit. Jerusalem hatte ein altes, wahres und
wertvolles Gotteslicht. Aber Jesus hatte sie vor eine schwere Fra|132ge gestellt: Wollt ihr erkennen, daß Gott
eine neue Zeit hat anbrechen lassen, eine Zeit, die einen Glauben und einen Gehorsam verlangt, wie ihr sie bis jetzt noch
nicht geübt habt, ein weites Herz, einen freien, beweglichen Sinn, einen rücksichtslosen Mut? Wollt ihr
demütig werden, um diesen Mut zu bekommen? Wollt ihr Buße tun, um diese Freiheit zu gewinnen? Wollt ihr Alles, was ihr
seid und habt, dran geben, um das Eine zu gewinnen: Gottes neue
Gegenwart und Führung und Hilfe? - Jesus wollte sie mitnehmen. Um
mitgenommen zu werden, mußten sie aber gehen und nicht stehen
wollen. Wollten sie nicht gehen, sondern stehen, so war dieses
Mitnehmen Jesu ein Raub, ein Attentat gegen ihre Stellung. Es lag nicht daran, daß Jesus
etwa zu schroff, nicht gütig und geduldig genug aufgetreten
wäre mit seiner Einladung. Wo man die Wahrheit nicht hören will, da mag sie noch so freundlich und friedlich ausgesprochen
werden, sie wird eben doch beißen, weil sie die Wahrheit ist. Es lag auch nicht daran,
daß sie zu wenig hatten sehen und merken können vom tatsächlichen
Anbruch einer neuen Zeit. Wo man stehen bleiben will, da können alle Zeichen und Wunder
den Haß nur vermehren gegen die Aufforderung, sich zu bewegen. Sie wollten verharren in ihrer Stellung, darum konnten sie in Jesu ganzer
Person, Tätigkeit und Botschaft nur Feindschaft, Gegensatz, Angriff, Umsturz spüren. -
|
Man kommt eben in eine eigentümliche Lage, wenn man nicht
mitgehen will, wenn Gott ruft. Wenn man dabei beharrt: ich habe
schon gehört und gehorcht! ich brauche kein
neues Wort Gottes! ich habe mein Schäflein schon ins
Trockene gebracht! Ich weiß und will bereits das Gute und brauche
mir nichts mehr sagen zu lassen! ich bin kein Kind mehr und habe
es nicht nötig, heute von vorn anzufangen! Man kommt in eine merkwürdige Lage, wenn man sich gegen Gott wehren will oder wehren muß mit der
Begründung: Um meiner guten Sache willen, im Namen Gottes tue ich das! Da kommt man
nämlich sofort in die Lage, daß man bei der höchsten
Gerechtigkeit einen Bund schließen muß mit der Ungerechtigkeit. Da muß man auf einmal zu
Mitteln und Methoden greifen, die man sonst verabscheut, da muß
man plötzlich sehr weltliche, gewöhnliche Wege gehen. Da muß man
plötzlich nach Bundesgenossen suchen, für die man sich sonst bedanken würde. Da muß
Kaiphas zu Pilatus laufen. - |
133 Denn mit Gott gehen
kann man nur, wenn man mit Gott einig ist. Und mit Gott einig
sein kann nur, wer heute auf seine Stimme hört. Kaiphas und seine Freunde hatten viele
Gottesworte von gestern in den Ohren; weil sie aber heute nicht hören wollten, kamen sie
in Widerspruch zu Gott und konnten nicht mehr mit ihm gehen. So
mußten sie nun mit den Menschen gehen, nach menschlicher Art und
Weise dem entgegentreten, den sie für ihren Feind hielten. Von Gott
verlassen, weil sie Gott verlassen hatten, konnten sie es auf einmal nicht mehr
machen ohne Prozeß und Urteil und Hinrichtung, sahen in Pontius Pilatus mit seiner Garde
ein notwendiges Werkzeug Gottes, mußten: Kreuzige ihn! kreuzige ihn! schreien, als ob
sie am Ertrinken wären. - So gerieten die Gerechten in die
Nachbarschaft und Kameradschaft der Ungerechten. Natürlich nur für
einen Augenblick!, dachten sie. Nachher lösen wir das Bündnis wieder auf. Nachher
werden wir wieder anständig und vornehm. Nachher kämpfen wir für das Gute wieder mit den
Waffen des Guten. Nachher sind wir wieder weit weg von Pilatus. Und daher merkten sie gar nicht, daß sie mit ihren blinden, grundlosen
Anklagen, mit der wilden Gleichgiltigkeit, in der sie den Mörder Barrabas Jesus vorzogen, mit dem Grimm, in dem sie nach dem
Blut ihres Feindes trachteten, schon weit über Pilatus hinaus waren, merkten gar nicht, wie schwer, wie unmöglich es ist, sich nachher von der
Ungerechtigkeit wieder frei zu machen, wenn man überhaupt auf die Ungerechtigkeit
angewiesen ist. Das war eben die
Not und das Gericht, in dem sie standen, daß sie weder vorher
noch nachher die Wahl hatten, besser zu sein als Pilatus. Sie gehörten nun einmal in
seine Gesellschaft von dem Augenblick an, wo sie sich gegenüber dem lebendigen Gott von
heute die Ohren verstopft hatten.
4. Das ist sicher, daß Kaiphas und die Seinen Jesus besser verstanden haben als der Weltmensch Pilatus.
Sie begriffen besser und tiefer, um was es sich handelte. Eben darum haben sie sich so aufgeregt, so unerbittlich, so widerwärtig hitzig benommen,
während man an Pilatus verhältnismäßig den Eindruck eines ruhigen, überlegenen Mannes
hat, der wenigstens gerecht sein wollte, wenn er es auch nicht ganz konnte. Pilatus
konnte als ein solcher Mann dastehen, weil er nicht merkte, um was es ging. Wenn man die
Leidensgeschichte Jesu als einen großen Kampf zwischen der Menschheit
und Gott auffassen |134 will, so muß man jedenfalls
sagen, daß die Juden die Sache der Menschheit tapferer und umsichtiger vertraten als der
Heide, der nicht recht wußte, was er tat. - Ihnen war es wenigstens teilweise ganz klar,
was Jesus bedeutete und wollte: eine Veränderung, eine
Umwälzung, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte. Wenn Jesus Recht
hatte, dann hatten alle Menschen Unrecht. Wenn Jesus die
Wahrheit redete, dann hörte alles weitere Reden und Predigen von Gott auf. Wenn
Jesus siegte, dann konnte der Tempel abgerissen, die Bibel
geschlossen werden. Wenn Jesus gehört wurde vom Volk - und es war
nicht weit davon -, dann wurden die Menschen Brüder, alle von Gott selbst gelehrt [vgl.
Jer. 31,34]. Mose
und die Propheten, die vielgelesenen und vielgerühmten, waren dann wieder
lebendig. Gott redete wieder mit den Menschen, wunderbar auf
Erden war nun Alles. Wie eine verlassene Ruine stand dann ihre
Frömmigkeit und Gerechtigkeit da, überflüssig, unnnütz geworden, beschienen von der
fröhlichen Sonne. Es gibt keine Kirche mehr, keine Pfarrer, keine
abgesonderte Religion, keine Extramenschen mit Vorzugsstellungen, wenn der Messias das
Reich Gottes aufrichtet. Das verstanden Kaiphas und die Seinen an
Jesus. Sie verstanden zwar sein eigentlich Neues, die Liebe und
die Kraft Gottes, die das alles möglich macht, nicht, denn wenn sie Gott verstanden
hätten, hätten sie ihm auch Glauben geschenkt. Aber daß sein Neues das Alte
stürzen oder vielmehr aufsaugen und zerschmelzen würde wie die
Sonne einen Schneehaufen, das verstanden sie. Darum nannten sie ihn ja eben einen
Gotteslästerer [Mk. 14,64 par.]. -
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Und dieses Gefährliche an Jesus, das sie verstanden hatten,
suchten sie nun mit allem Eifer auch dem Pilatus klar zu machen.
Sie verklagten Jesus, indem sie sich dem Verständnis des Pilatus anpaßten, er maße sich
an, ein König, der König der Juden zu sein. Er predigt die Revolution!, würde man heute
sagen. Sie wollten Pilatus zeigen: auch auf dem Gebiet der
Politik, für das Römerreich, das du zu vertreten hast, ist dieser Mann eine
Gefahr. Als getreuer Diener des Kaisers mußt du gegen ihn vorgehen! Laß ihn kreuzigen!
So haben sie geschrieen gegen ihre eigenen Hoffnungen und Gebete,
denn sie selbst hätten ja das Römerjoch lieber heute als morgen abgeschüttelt, wenn sie
gekonnt hätten. Aber der Kaiser und sein Landpfleger schien ihnen auf einmal die kleinere Not gegenüber der Gefahr, die von Jesus drohte. Mochte immer der Kaiser Recht haben, solange der Kaiser Recht |135 hatte, hatten sie auch Recht. Nur das
nicht, daß Jesus Recht bekam und damit alle Menschen Unrecht! Nur das nicht, daß durch das Neue, das sie in Jesus witterten, alles Alte, Kirche und Staat, Moral und Gesellschaftsordnung, Thron und Altar
ins Wanken käme! Nur dieses große Neu! nicht, das Jesus allem
menschlich Großen entgegenstellte! Nur diese neue Schöpfung
nicht, die von Jesus drohte. Lieber in Ewigkeit der Heiden
Knechte! Lieber Barabbas los, was tut’s, ob ein Schelm mehr oder
weniger die Freiheit genießt, wenn nur das nicht kommt, daß Alles, Alles in Frage und
Unruhe versetzt wird. Lieber die Verantwortung auf sich genommen
für ein ungerechtes Urteil: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!, nur das nicht, daß es mit Gott so furchtbar ernst werde, wie es
jetzt zu werden droht. - Man muß mit Bewunderung sagen, daß
Kaiphas und seine Freunde ihren Standpunkt meisterhaft
durchgeführt haben. Sie wußten, was sie wollten und warum sie es wollten.
5.
Pilatus steht kurzsichtig und schwächlich da neben ihnen. Er versteht im Grunde nichts von Allem, was vorgeht. Er ist wie alle
Leute, die nur politisch denken können, ein etwas beschränkter Kopf. - Er hört nur die Anklage, Jesus sei ein politischer Revolutionär, und
von dem Augenblick an, wo er einsieht, daß es damit nichts sei, daß das nicht in
Betracht komme, weiß er nur noch die Achseln zu zucken. Daß es eine
andere gefährlichere Macht geben könnte als allenfalls die Macht eines
aufständischen Judenkönigs, davon ahnt er nichts. Daß es eine
drohendere
Umwälzung geben könnte als die Empörungen, die er zu bekämpfen
gewöhnt war, das entgeht ihm gänzlich. Er begreift die Aufregung
der Juden, ihren Schreck und ihre Wut gegen Jesus durchaus nicht. «Was
soll ich denn machen mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus?» Ja eben,
was soll so ein Weltmensch machen, wenn er auf einmal entscheiden soll, ob das Göttliche
vom Guten oder vom Bösen sei, das Göttliche, dem er weder im Guten noch im Bösen
überhaupt beizukommen vermag? Er stand da wie die Wahrsager des Königs Nebukadnezar, die
ihm einen Traum auslegen sollten, den er ihnen nicht sagen konnte [vgl. Dan. 2,1-12]. Er sollte Richter sein in einer Sache,
die er nicht im mindesten überblickte. - Der Blick für das menschlich
Schöne und Unschuldige an Jesus hat ihm zwar offenbar nicht ganz gefehlt. Er
hätte es gern gesehen, wenn Jesus sich wir|136kungsvoll verteidigt hätte. Er sucht durch das kleine Kunststück mit Barabbas die Juden zu veranlassen, von ihrem
Vorhaben abzustehen. Er wäscht schließlich feierlich seine Hände
in Unschuld. Er hatte offenbar die Absicht, Jesus zu retten, und seine
Frau, die vielleicht auch ein klein wenig weiter ahnte, bestärkte ihn darin. Er
war offenbar der kleinere, viel kleinere Feind des Gottesreiches
als Kaiphas. Wenig fehlte, und Jesus wäre durch ihn am Leben
erhalten geblieben. –
Aber das sollte nun nicht sein, durch Gottes guten Willen nicht
so sein. Jesus sollte sein Leben nicht der Kurzsichtigkeit und Schwachheit eines Pilatus
verdanken. Hätte Pilatus Jesus verstanden wie Kaiphas, er hätte
ihn ja sofort zum Tode verurteilt. Nun mußte er es tun, ohne ihn zu
verstehen. Jesus hat keinen Freispruch von ihm begehrt. Er
ist ihm mit keiner Entschuldigung oder Rechtfertigung entgegen
gekommen. Er hat den Schein eines Empörers diesem Mann gegenüber
ruhig auf sich genommen: Du sagst es!, ganz recht, ich bin der
Gefährliche, als den man mich bei dir verklagt hat. Er hat ihm durch sein
bedeutsames Schweigen auf alle weiteren Fragen allen Anlaß
gegeben, tiefer über ihn nachzudenken wie Kaiphas und sich auf die Seite seiner Ankläger
zu stellen. Ein Wunder hätte geschehen müssen, damit Pilatus
Jesus verstanden und ihm - anders als Kaiphas - Glauben und Gehorsam geschenkt hätte.
Das Wunder geschah nicht. Nicht jeder Zöllner ist auch ein
Sünder, der nach Gnade begehrt. - Pilatus konnte auch nachgeben,
wenn es denn sein mußte, und er gab nach, nicht Gott, sondern den Menschen. Es war viel
natürlicher für ihn so. Mehr als einen Schwärmer sah er ja doch nicht in4 Jesus. Er konnte den Schwärmer auch preisgeben zur Geißelung, zur
Kreuzigung. In diesem Nachgeben kam’s zum Vorschein, daß auch er im Widerspruch war zu Gott. Das
Todesgeschrei der Juden zeigt, wie man sich Gott widersetzen kann in fanatischer Frömmigkeit. Die Verhöhnung Jesu durch die Soldaten des Pilatus
beweist, daß man dasselbe auch mit behaglichem Grinsen tun kann.
Das Eine ist gescheiter, das Andere ist dümmer. Man kann streiten darüber, was schlimmer
ist.
6.
Jesus selber sehen wir auch in dieser ganzen Geschichte nur schweigen,
nur tragen. Das ist das Erlösende an dieser Geschichte. - Er wundert |137 sich nicht über Kaiphas und nicht über
Pilatus. Er wundert sich nicht über den Bund, den die menschliche
Gerechtigkeit mit der menschlichen Ungerechtigkeit schließt gegen ihn, und nicht
darüber, daß die Ungerechtigkeit nun wirklich Ungerechtigkeit ist
und bleibt und daß in dieser Beziehung kein Wunder geschieht. Er wundert sich nicht
darüber, daß er neben Barabbas gestellt und daß ihm dieser
vorgezogen wird, und nicht über die grausamen Gemeinheiten, die
die Garde des Pilatus mit ihm treibt. Er widerspricht nicht. Er
wehrt sich nicht. Er sucht sich nichts zu erleichtern. Es muß Alles so
sein. Es entspricht das alles der Lage. Es entwickelt sich
das alles mit einer gewissen Notwendigkeit. In der Welt, die Gottes neuen Schöpferruf noch nicht gehört, in der Gottes
Reich noch nicht unzweideutig und endgültig triumphiert hat, muß es ungefähr so gehen.
Die Frommen, die Gott verstehen, um ihm nicht zu gehorchen, und
die Gottlosen, die ihn nicht verstehen, um ihm auch nicht zu
gehorchen, die Kirche, die von Haus [aus] das Gute will, um dann
doch noch das Böse zu tun [vgl. Röm.
7,19], und der Staat, der von Haus aus das Böse will, um
dann rüstig auch das Böse zu vollbringen, die merkwürdige Einigkeit der ganzen menschlichen Gesellschaft, wenn es sich darum handelt, an
der Hauptsache vorbei zu gehen, das alles ist soweit in der Ordnung. - Jesus unterwirft sich dieser Ordnung.
Er unterwirft sich ihr, um sie zu durchbrechen. Das ist der Sinn
der Leidensgeschichte. Er hat die alte Welt ertragen, damit eine
neue werden kann. Er ist Gott im jetzigen Menschenwesen getreu
gewesen und geblieben, damit das zukünftige Gestalt gewinnen kann. Er hat die Not und
das Gericht, unter dem wir stehen, erduldet, damit der Segen
Gottes reifen kann. Er hat den Fanatismus und die Beschränktheit des heutigen Menschen
walten lassen gegen sich, damit der kommende Mensch geboren
werde. Er hat sich gebeugt unter die Notwendigkeit, damit
Freiheit entstünde. Er hat gelitten unter der jetzigen Ordnung,
damit wir nicht mehr darunter leiden müßten. So hat er auch für Kaiphas und Pilatus
gelitten und für uns alle, die wir ihresgleichen sind. -
|
In diesem Schweigen und Tragen liegt die Kraft
des Heilands, die Erlösungskraft, die Auferstehungskraft, die uns nicht ganz
fremd ist. Wir können den Heiland nicht nachahmen wollen in
diesem Schweigen und Tragen. Wir können uns nur dankbar freuen, daß er es vollbracht hat [vgl. Joh. 19,30], daß diese Kraft nun da ist und daß sie uns
|138 alle, während wir tausendfach auf den Wegen des Kaiphas
und Pilatus gehen, tausendfach über die Welt der Kaiphas und Pilatus hinaushebt. Können
uns nur freuen darüber, daß gerade das, was Kaiphas verstand und
Pilatus nicht verstand, das große Werk der Erneuerung der Welt durch Gottes Willen und
Geist tatsächlich im Gang ist und daß kein Jerusalem und kein Rom sich schließlich
diesem Werk widersetzen kann. In dieser Freude über das, was
durch Jesus geschehen ist und geschehen wird, wollen wir Ostern feiern.