13. April 1919

Matthäus 27,1-2.11-31

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Matthäus 27,1-2.11–31
[Des Morgens aber hielten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volks einen Rat über Jesum, daß sie ihn töteten. Und banden ihn, führten ihn hin und überantworteten ihn dem Landpfleger Pontius Pilatus. Jesus aber stand vor dem Landpfleger; und der Landpfleger fragte ihn: Bist du der Juden König? Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst es. Und da er verklagt ward von den Hohenpriestern und Ältesten, antwortete er nichts. Da sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen? Und er antwortete ihm nicht auf ein Wort also daß sich auch der Landpfleger sehr verwunderte. Auf das Fest aber hatte der Landpfleger die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Er hatte aber zu der Zeit einen Gefangenen, einen sonderlichen vor andern, der hieß Barrabas. Und da sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr, daß ich euch losgebe? Barrabas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei Christus? Denn er wußte wohl, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Und da er auf dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im Traum seinetwegen. Aber die Hohepriester und die Ältesten überredeten das Volk, daß sie um Barrabas bitten sollten und Jesum umbrächten. Da antwortete nun der Landpfleger und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr unter diesen zweien, den ich euch soll losgeben? Sie sprachen: Barrabas. Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus? Sie sprachen alle: Laß ihn kreuzigen! Der Landpfleger sagte; Was hat er denn Übles getan? Sie schrieen aber noch mehr und sprachen: Laß ihn kreuzigen! Da aber Pilatus sah, daß er nichts schaffte, sondern daß ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten; sehet ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsre Kinder! Da gab er ihnen Barrabas los; aber Jesum ließ er geißeln und überantwortete ihn, daß er gekreuzigt würde. Da nahmen die Kriegsknechte des Landpflegers Jesum zu sich in das Richthaus und sammelten über ihn die ganze Schar und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Kniee vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König! und |130 spieen ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. Und da sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn hin, daß sie ihn kreuzigten.]

1. Was hat der Hohepriester Gottes, Kaiphas, mit dem Heiden Pilatus zu schaffen? - 2Wie kommt es nur, daß die Kinder Gottes in Jerusalem, die ernstgesinnten, die frommen, die religiösen Kreise jener Stadt insgesamt auf einmal so geschlossen und dringend danach verlangen, mit dem Weltmenschen gemeinsame Sache zu machen? Wie ist’s möglich, daß diese Gerechten auf einmal den Ungerechten, seine Staatsgewalt, sein richterliches Urteil, seine Kriegsknechte und Henker so nötig haben, so eifrig danach schreien und schreien, als ob es um das heiligste Gut ginge? Was soll man nur denken, wenn man sieht, wie sie ihn zu einem ärgeren Tyrannen machen wollen, als er es ohnehin schon ist, wie sie ihn zu einem Vorgehen antreiben, das rücksichtsloser, heidnischer, staatlicher ist, als er es selber gewöhnt ist, das weltlicher ist, als sogar er es vor seinem nicht eben zarten Gewissen verantworten kann? - Die Juden haben sonst diesen Mann verachtet. Gott und der Kaiser in Rom mit seinem Landpfleger, das waren Dinge, die für sie weit auseinander lagen. Alle Tage haben sie gebetet um Erlösung von der römischen Gesetzesgewalt und Schwertgewalt. Und nun diese Gemeinschaft, dieses Zusammenarbeiten, diese vertauschten Rollen!

2. Seht, da hat sich’s zeigen müssen: Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten [Röm. 3,23]! - Jesus, gegen den sich dieses seltsame Bündnis richtete, hat Klarheit in die Welt gebracht. Das haben ihm ja die Guten in Israel am meisten gezürnt von Anfang an, daß er ihre Überlegenheit antastete, daß er die Scheidung von Gerechten und Ungerechten Gott gegenüber nicht anerkannte, daß er von ihnen, den Guten, verlangte, sie sollten sich als Brüder neben die Bösen stellen. Gerade darin sahen sie den Umsturz aller Moral und Frömmigkeit, [an] dem sie ihm schuld gaben, und gerade dagegen verwahrten sie sich aufs leiden|131schaftlichste. - Und nun, als ihre Gegenwehr gegen diese Beleidigung, gegen dieses Attentat auf dem Gipfel war, da mußten sie selbst durch die Tat beweisen, daß er recht hatte. Jesus hatte nicht geträumt und keine Theorie gesponnen, sondern auf eine Tatsache hingewiesen, als er den Gerechten neben den Ungerechten, den Pharisäer neben den Zöllner, den Priester und Leviten neben den Samariter, den Juden neben den Heiden gestellt hatte. Die Tatsache wurde nun offenbar. Wenn Gott in Frage kommt, dann werden die Menschen, ob sie sich nun auf der höchsten oder tiefsten Stufe befinden, solidarisch, zusammengehörig. Solange dem Leben der Menschen die Hauptsache fehlt, sind alle noch so gewaltigen Unterschiede und Nebensachen nicht ernst, nicht wichtig, nicht bedeutsam. In der Welt ohne Gott, ohne Liebe, ohne Geist, in des Menschen eigener Welt kann alle sogenannte Gerechtigkeit von heute auf morgen heruntersteigen zur Ungerechtigkeit, wird die Ungerechtigkeit vergrößert, gekräftigt, überboten, zur schlimmsten Entfaltung gebracht durch die sogenannte Gerechtigkeit der Menschen. Dem Gott gegenüber, der eine neue Welt schafft, einen neuen Anfang setzt, gibt es keine menschliche Erhabenheit, keine Schönheit, keine Größe. Dem Gott gegenüber, der ein neues Wort redet und ein neues Hören verlangt, stehen die Ersten und die Letzten unter den Nicht-Hörenden nebeneinander, ja es können die Ersten hinter die Letzten zu stehen kommen [vgl. Mk. 10,31 par.], wenn es sich zeigt, daß sie3 vielleicht noch weniger hören wollen und können als jene. - Bei Jesus kam Gott in Frage, Gottes neue Welt und Gottes neues Wort. Darum mußte ihm gegenüber bei den Menschen der alten Welt und der alten Taubheit die Tatsache dieser Gleichheit offenbar werden, diese Vermischung von Guten und Bösen, diese Verwirrung von Frommen und Gottlosen. Wollte Kaiphas nicht der Bruder des Pilatus sein im Gottesreiche, so mußte er nun sein Geselle und Kollege sein im Menschenreiche.

3. Kaiphas hatte Pilatus nötig. Er und alle seinesgleichen vertraten zwar eine gute Sache. Sie waren die Träger und Hüter einer hohen, edlen, reinen menschlichen Gerechtigkeit. Jerusalem hatte ein altes, wahres und wertvolles Gotteslicht. Aber Jesus hatte sie vor eine schwere Fra|132ge gestellt: Wollt ihr erkennen, daß Gott eine neue Zeit hat anbrechen lassen, eine Zeit, die einen Glauben und einen Gehorsam verlangt, wie ihr sie bis jetzt noch nicht geübt habt, ein weites Herz, einen freien, beweglichen Sinn, einen rücksichtslosen Mut? Wollt ihr demütig werden, um diesen Mut zu bekommen? Wollt ihr Buße tun, um diese Freiheit zu gewinnen? Wollt ihr Alles, was ihr seid und habt, dran geben, um das Eine zu gewinnen: Gottes neue Gegenwart und Führung und Hilfe? - Jesus wollte sie mitnehmen. Um mitgenommen zu werden, mußten sie aber gehen und nicht stehen wollen. Wollten sie nicht gehen, sondern stehen, so war dieses Mitnehmen Jesu ein Raub, ein Attentat gegen ihre Stellung. Es lag nicht daran, daß Jesus etwa zu schroff, nicht gütig und geduldig genug aufgetreten wäre mit seiner Einladung. Wo man die Wahrheit nicht hören will, da mag sie noch so freundlich und friedlich ausgesprochen werden, sie wird eben doch beißen, weil sie die Wahrheit ist. Es lag auch nicht daran, daß sie zu wenig hatten sehen und merken können vom tatsächlichen Anbruch einer neuen Zeit. Wo man stehen bleiben will, da können alle Zeichen und Wunder den Haß nur vermehren gegen die Aufforderung, sich zu bewegen. Sie wollten verharren in ihrer Stellung, darum konnten sie in Jesu ganzer Person, Tätigkeit und Botschaft nur Feindschaft, Gegensatz, Angriff, Umsturz spüren. - |

Man kommt eben in eine eigentümliche Lage, wenn man nicht mitgehen will, wenn Gott ruft. Wenn man dabei beharrt: ich habe schon gehört und gehorcht! ich brauche kein neues Wort Gottes! ich habe mein Schäflein schon ins Trockene gebracht! Ich weiß und will bereits das Gute und brauche mir nichts mehr sagen zu lassen! ich bin kein Kind mehr und habe es nicht nötig, heute von vorn anzufangen! Man kommt in eine merkwürdige Lage, wenn man sich gegen Gott wehren will oder wehren muß mit der Begründung: Um meiner guten Sache willen, im Namen Gottes tue ich das! Da kommt man nämlich sofort in die Lage, daß man bei der höchsten Gerechtigkeit einen Bund schließen muß mit der Ungerechtigkeit. Da muß man auf einmal zu Mitteln und Methoden greifen, die man sonst verabscheut, da muß man plötzlich sehr weltliche, gewöhnliche Wege gehen. Da muß man plötzlich nach Bundesgenossen suchen, für die man sich sonst bedanken würde. Da muß Kaiphas zu Pilatus laufen. - |

133 Denn mit Gott gehen kann man nur, wenn man mit Gott einig ist. Und mit Gott einig sein kann nur, wer heute auf seine Stimme hört. Kaiphas und seine Freunde hatten viele Gottesworte von gestern in den Ohren; weil sie aber heute nicht hören wollten, kamen sie in Widerspruch zu Gott und konnten nicht mehr mit ihm gehen. So mußten sie nun mit den Menschen gehen, nach menschlicher Art und Weise dem entgegentreten, den sie für ihren Feind hielten. Von Gott verlassen, weil sie Gott verlassen hatten, konnten sie es auf einmal nicht mehr machen ohne Prozeß und Urteil und Hinrichtung, sahen in Pontius Pilatus mit seiner Garde ein notwendiges Werkzeug Gottes, mußten: Kreuzige ihn! kreuzige ihn! schreien, als ob sie am Ertrinken wären. - So gerieten die Gerechten in die Nachbarschaft und Kameradschaft der Ungerechten. Natürlich nur für einen Augenblick!, dachten sie. Nachher lösen wir das Bündnis wieder auf. Nachher werden wir wieder anständig und vornehm. Nachher kämpfen wir für das Gute wieder mit den Waffen des Guten. Nachher sind wir wieder weit weg von Pilatus. Und daher merkten sie gar nicht, daß sie mit ihren blinden, grundlosen Anklagen, mit der wilden Gleichgiltigkeit, in der sie den Mörder Barrabas Jesus vorzogen, mit dem Grimm, in dem sie nach dem Blut ihres Feindes trachteten, schon weit über Pilatus hinaus waren, merkten gar nicht, wie schwer, wie unmöglich es ist, sich nachher von der Ungerechtigkeit wieder frei zu machen, wenn man überhaupt auf die Ungerechtigkeit angewiesen ist. Das war eben die Not und das Gericht, in dem sie standen, daß sie weder vorher noch nachher die Wahl hatten, besser zu sein als Pilatus. Sie gehörten nun einmal in seine Gesellschaft von dem Augenblick an, wo sie sich gegenüber dem lebendigen Gott von heute die Ohren verstopft hatten.

4. Das ist sicher, daß Kaiphas und die Seinen Jesus besser verstanden haben als der Weltmensch Pilatus. Sie begriffen besser und tiefer, um was es sich handelte. Eben darum haben sie sich so aufgeregt, so unerbittlich, so widerwärtig hitzig benommen, während man an Pilatus verhältnismäßig den Eindruck eines ruhigen, überlegenen Mannes hat, der wenigstens gerecht sein wollte, wenn er es auch nicht ganz konnte. Pilatus konnte als ein solcher Mann dastehen, weil er nicht merkte, um was es ging. Wenn man die Leidensgeschichte Jesu als einen großen Kampf zwischen der Menschheit und Gott auffassen |134 will, so muß man jedenfalls sagen, daß die Juden die Sache der Menschheit tapferer und umsichtiger vertraten als der Heide, der nicht recht wußte, was er tat. - Ihnen war es wenigstens teilweise ganz klar, was Jesus bedeutete und wollte: eine Veränderung, eine Umwälzung, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte. Wenn Jesus Recht hatte, dann hatten alle Menschen Unrecht. Wenn Jesus die Wahrheit redete, dann hörte alles weitere Reden und Predigen von Gott auf. Wenn Jesus siegte, dann konnte der Tempel abgerissen, die Bibel geschlossen werden. Wenn Jesus gehört wurde vom Volk - und es war nicht weit davon -, dann wurden die Menschen Brüder, alle von Gott selbst gelehrt [vgl. Jer. 31,34]. Mose und die Propheten, die vielgelesenen und vielgerühmten, waren dann wieder lebendig. Gott redete wieder mit den Menschen, wunderbar auf Erden war nun Alles. Wie eine verlassene Ruine stand dann ihre Frömmigkeit und Gerechtigkeit da, überflüssig, unnnütz geworden, beschienen von der fröhlichen Sonne. Es gibt keine Kirche mehr, keine Pfarrer, keine abgesonderte Religion, keine Extramenschen mit Vorzugsstellungen, wenn der Messias das Reich Gottes aufrichtet. Das verstanden Kaiphas und die Seinen an Jesus. Sie verstanden zwar sein eigentlich Neues, die Liebe und die Kraft Gottes, die das alles möglich macht, nicht, denn wenn sie Gott verstanden hätten, hätten sie ihm auch Glauben geschenkt. Aber daß sein Neues das Alte stürzen oder vielmehr aufsaugen und zerschmelzen würde wie die Sonne einen Schneehaufen, das verstanden sie. Darum nannten sie ihn ja eben einen Gotteslästerer [Mk. 14,64 par.]. - |

Und dieses Gefährliche an Jesus, das sie verstanden hatten, suchten sie nun mit allem Eifer auch dem Pilatus klar zu machen. Sie verklagten Jesus, indem sie sich dem Verständnis des Pilatus anpaßten, er maße sich an, ein König, der König der Juden zu sein. Er predigt die Revolution!, würde man heute sagen. Sie wollten Pilatus zeigen: auch auf dem Gebiet der Politik, für das Römerreich, das du zu vertreten hast, ist dieser Mann eine Gefahr. Als getreuer Diener des Kaisers mußt du gegen ihn vorgehen! Laß ihn kreuzigen! So haben sie geschrieen gegen ihre eigenen Hoffnungen und Gebete, denn sie selbst hätten ja das Römerjoch lieber heute als morgen abgeschüttelt, wenn sie gekonnt hätten. Aber der Kaiser und sein Landpfleger schien ihnen auf einmal die kleinere Not gegenüber der Gefahr, die von Jesus drohte. Mochte immer der Kaiser Recht haben, solange der Kaiser Recht |135 hatte, hatten sie auch Recht. Nur das nicht, daß Jesus Recht bekam und damit alle Menschen Unrecht! Nur das nicht, daß durch das Neue, das sie in Jesus witterten, alles Alte, Kirche und Staat, Moral und Gesellschaftsordnung, Thron und Altar ins Wanken käme! Nur dieses große Neu! nicht, das Jesus allem menschlich Großen entgegenstellte! Nur diese neue Schöpfung nicht, die von Jesus drohte. Lieber in Ewigkeit der Heiden Knechte! Lieber Barabbas los, was tut’s, ob ein Schelm mehr oder weniger die Freiheit genießt, wenn nur das nicht kommt, daß Alles, Alles in Frage und Unruhe versetzt wird. Lieber die Verantwortung auf sich genommen für ein ungerechtes Urteil: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!, nur das nicht, daß es mit Gott so furchtbar ernst werde, wie es jetzt zu werden droht. - Man muß mit Bewunderung sagen, daß Kaiphas und seine Freunde ihren Standpunkt meisterhaft durchgeführt haben. Sie wußten, was sie wollten und warum sie es wollten.

5. Pilatus steht kurzsichtig und schwächlich da neben ihnen. Er versteht im Grunde nichts von Allem, was vorgeht. Er ist wie alle Leute, die nur politisch denken können, ein etwas beschränkter Kopf. - Er hört nur die Anklage, Jesus sei ein politischer Revolutionär, und von dem Augenblick an, wo er einsieht, daß es damit nichts sei, daß das nicht in Betracht komme, weiß er nur noch die Achseln zu zucken. Daß es eine andere gefährlichere Macht geben könnte als allenfalls die Macht eines aufständischen Judenkönigs, davon ahnt er nichts. Daß es eine drohendere Umwälzung geben könnte als die Empörungen, die er zu bekämpfen gewöhnt war, das entgeht ihm gänzlich. Er begreift die Aufregung der Juden, ihren Schreck und ihre Wut gegen Jesus durchaus nicht. «Was soll ich denn machen mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus?» Ja eben, was soll so ein Weltmensch machen, wenn er auf einmal entscheiden soll, ob das Göttliche vom Guten oder vom Bösen sei, das Göttliche, dem er weder im Guten noch im Bösen überhaupt beizukommen vermag? Er stand da wie die Wahrsager des Königs Nebukadnezar, die ihm einen Traum auslegen sollten, den er ihnen nicht sagen konnte [vgl. Dan. 2,1-12]. Er sollte Richter sein in einer Sache, die er nicht im mindesten überblickte. - Der Blick für das menschlich Schöne und Unschuldige an Jesus hat ihm zwar offenbar nicht ganz gefehlt. Er hätte es gern gesehen, wenn Jesus sich wir|136kungsvoll verteidigt hätte. Er sucht durch das kleine Kunststück mit Barabbas die Juden zu veranlassen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Er wäscht schließlich feierlich seine Hände in Unschuld. Er hatte offenbar die Absicht, Jesus zu retten, und seine Frau, die vielleicht auch ein klein wenig weiter ahnte, bestärkte ihn darin. Er war offenbar der kleinere, viel kleinere Feind des Gottesreiches als Kaiphas. Wenig fehlte, und Jesus wäre durch ihn am Leben erhalten geblieben. –

Aber das sollte nun nicht sein, durch Gottes guten Willen nicht so sein. Jesus sollte sein Leben nicht der Kurzsichtigkeit und Schwachheit eines Pilatus verdanken. Hätte Pilatus Jesus verstanden wie Kaiphas, er hätte ihn ja sofort zum Tode verurteilt. Nun mußte er es tun, ohne ihn zu verstehen. Jesus hat keinen Freispruch von ihm begehrt. Er ist ihm mit keiner Entschuldigung oder Rechtfertigung entgegen gekommen. Er hat den Schein eines Empörers diesem Mann gegenüber ruhig auf sich genommen: Du sagst es!, ganz recht, ich bin der Gefährliche, als den man mich bei dir verklagt hat. Er hat ihm durch sein bedeutsames Schweigen auf alle weiteren Fragen allen Anlaß gegeben, tiefer über ihn nachzudenken wie Kaiphas und sich auf die Seite seiner Ankläger zu stellen. Ein Wunder hätte geschehen müssen, damit Pilatus Jesus verstanden und ihm - anders als Kaiphas - Glauben und Gehorsam geschenkt hätte. Das Wunder geschah nicht. Nicht jeder Zöllner ist auch ein Sünder, der nach Gnade begehrt. - Pilatus konnte auch nachgeben, wenn es denn sein mußte, und er gab nach, nicht Gott, sondern den Menschen. Es war viel natürlicher für ihn so. Mehr als einen Schwärmer sah er ja doch nicht in4 Jesus. Er konnte den Schwärmer auch preisgeben zur Geißelung, zur Kreuzigung. In diesem Nachgeben kam’s zum Vorschein, daß auch er im Widerspruch war zu Gott. Das Todesgeschrei der Juden zeigt, wie man sich Gott widersetzen kann in fanatischer Frömmigkeit. Die Verhöhnung Jesu durch die Soldaten des Pilatus beweist, daß man dasselbe auch mit behaglichem Grinsen tun kann. Das Eine ist gescheiter, das Andere ist dümmer. Man kann streiten darüber, was schlimmer ist.

6. Jesus selber sehen wir auch in dieser ganzen Geschichte nur schweigen, nur tragen. Das ist das Erlösende an dieser Geschichte. - Er wundert |137 sich nicht über Kaiphas und nicht über Pilatus. Er wundert sich nicht über den Bund, den die menschliche Gerechtigkeit mit der menschlichen Ungerechtigkeit schließt gegen ihn, und nicht darüber, daß die Ungerechtigkeit nun wirklich Ungerechtigkeit ist und bleibt und daß in dieser Beziehung kein Wunder geschieht. Er wundert sich nicht darüber, daß er neben Barabbas gestellt und daß ihm dieser vorgezogen wird, und nicht über die grausamen Gemeinheiten, die die Garde des Pilatus mit ihm treibt. Er widerspricht nicht. Er wehrt sich nicht. Er sucht sich nichts zu erleichtern. Es muß Alles so sein. Es entspricht das alles der Lage. Es entwickelt sich das alles mit einer gewissen Notwendigkeit. In der Welt, die Gottes neuen Schöpferruf noch nicht gehört, in der Gottes Reich noch nicht unzweideutig und endgültig triumphiert hat, muß es ungefähr so gehen. Die Frommen, die Gott verstehen, um ihm nicht zu gehorchen, und die Gottlosen, die ihn nicht verstehen, um ihm auch nicht zu gehorchen, die Kirche, die von Haus [aus] das Gute will, um dann doch noch das Böse zu tun [vgl. Röm. 7,19], und der Staat, der von Haus aus das Böse will, um dann rüstig auch das Böse zu vollbringen, die merkwürdige Einigkeit der ganzen menschlichen Gesellschaft, wenn es sich darum handelt, an der Hauptsache vorbei zu gehen, das alles ist soweit in der Ordnung. - Jesus unterwirft sich dieser Ordnung. Er unterwirft sich ihr, um sie zu durchbrechen. Das ist der Sinn der Leidensgeschichte. Er hat die alte Welt ertragen, damit eine neue werden kann. Er ist Gott im jetzigen Menschenwesen getreu gewesen und geblieben, damit das zukünftige Gestalt gewinnen kann. Er hat die Not und das Gericht, unter dem wir stehen, erduldet, damit der Segen Gottes reifen kann. Er hat den Fanatismus und die Beschränktheit des heutigen Menschen walten lassen gegen sich, damit der kommende Mensch geboren werde. Er hat sich gebeugt unter die Notwendigkeit, damit Freiheit entstünde. Er hat gelitten unter der jetzigen Ordnung, damit wir nicht mehr darunter leiden müßten. So hat er auch für Kaiphas und Pilatus gelitten und für uns alle, die wir ihresgleichen sind. - |

In diesem Schweigen und Tragen liegt die Kraft des Heilands, die Erlösungskraft, die Auferstehungskraft, die uns nicht ganz fremd ist. Wir können den Heiland nicht nachahmen wollen in diesem Schweigen und Tragen. Wir können uns nur dankbar freuen, daß er es vollbracht hat [vgl. Joh. 19,30], daß diese Kraft nun da ist und daß sie uns |138 alle, während wir tausendfach auf den Wegen des Kaiphas und Pilatus gehen, tausendfach über die Welt der Kaiphas und Pilatus hinaushebt. Können uns nur freuen darüber, daß gerade das, was Kaiphas verstand und Pilatus nicht verstand, das große Werk der Erneuerung der Welt durch Gottes Willen und Geist tatsächlich im Gang ist und daß kein Jerusalem und kein Rom sich schließlich diesem Werk widersetzen kann. In dieser Freude über das, was durch Jesus geschehen ist und geschehen wird, wollen wir Ostern feiern.

Lieder:
  • Nr. 124 «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von Chr. R. von Zinzendorf, Strophen 1.2.4 (GERS [1952] 155,1.2.4) 🎵
  • Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König» von Ph. Fr. Hiller, Strophen 1-3 (RG [1998] 492,1.3b.4b.5; EG 123,1.3b.4b.5) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 13. April 1919 schrieb Barth an Thurneysen: «In den Predigten Erwägungen über Judas, Kaiphas, Petrus und Pilatus (ich lege sie gleich bei …)» (Bw. Th. I, S. 324 📖).↩
2
Hier und an den entsprechenden Stellen im folgenden markierte Barth sich die Stufen des Gedankengangs mit dicken senkrechten Blaustiftstrichen, die wir durch Gedankenstriche wiedergeben.↩
3
Mskr.: «sich»; Korr. vom Hrsg.↩
4
Mskr. «ihn»; Korr. vom Hrsg.↩